Karen Duve: Fräulein Nettes kurzer Sommer

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EIN GASTBEITRAG VON CHRISTIANE SCHLÜTER

Kluger Lesespaß und eine herzzerreißende Geschichte: der historische Roman über die Liebeskatastrophe der jungen Annette von Droste-Hülshoff. Ein Gastbeitrag von Christiane Schlüter.

Eine Hecke im Frühjahr. Auf der einen Seite: ein Beet, in dem zwei junge Frauen Unkraut jäten. Auf der anderen: vier ebenso junge Wichtigtuer, die sich darüber auslassen, wie sehr Frauen den Männern doch geistig unterlegen seien – aber dafür sei ja das Feingefühl die weibliche Domäne. Anna und Nette, unbemerkt hinter ihrer Hecke, schneiden debile Grimassen und amüsieren sich köstlich. Wenig später wird sich Anna mit den Männern gegen Nette verbünden, aus Neid, aus Bigotterie, aus der ganzen Wohlerzogenheit des beginnenden Biedermeier heraus. Und Nette, die später berühmte Dichterin Annette von Droste-Hülshoff, wird damit ein Trauma erleben, das ihr ganzes weiteres Dasein prägt.

„Fräulein Nettes kurzer Sommer“ ist der historische Roman überschrieben, in dem Karen Duve (u. a. „Taxi“, „Anständig essen“) die Geschichte dieser Intrige aufrollt. Sie steuert besagten Sommer 1820 aus dem Abstand mehrerer Jahre heraus an, doch ganz ohne Längen, denn jede einzelne Szene ist dicht erzählt. Wir erleben die späteren Verschwörer um Annettes nur fünf Jahre älteren Onkel August von Haxthausen als Studenten in Göttingen. Wir begleiten Annette und ihre Schwester Jenny zu endlosen Verwandtschaftsbesuchen zwischen dem Münsterland und Ostwestfalen, durchgerüttelt auf Wegen, die mit Knüppeln befestigt sind, weshalb man in den Reisekutschen nicht sprechen darf, will man nicht riskieren, sich die Zunge abzubeißen. Solche Details hat Duve in Hülle und Fülle ausgegraben.

Doch nicht nur das macht ihr Buch so unterhaltsam. Vergnügen bereitet vor allem Duves auktoriale Erzählstimme, die stilsicher heutige Wendungen einflicht („Westfalen war echt das Letzte“), die zuweilen in ironische Distanz zu ihrer Protagonistin geht und sie doch nie verrät: „Aus einem Buchenwald traten ein kleiner, grundhässlicher Mann namens Heinrich Straube und ein zartes, sehr blondes und etwas glotzäugiges Freifräulein.“ Dass dieses Freifräulein einen scharfen Verstand besitzt, den es auch noch unweiblich spielen lässt, und dass es vor allem eine geniale Dichterin zu werden verspricht, zeigt sich schon bald. Der das erkennt, ist Heinrich Straube, ein armer Student aus Göttingen. Rasch entwickeln die beiden Gefühle füreinander, in ihrer Folge blüht Annette auf und wird deshalb einen kurzen Sommer lang von mehr Männern umschwärmt, als es ihre jungen Verwandten um Anna und den gleichfalls dichterisch ambitionierten August dulden können. Damit bahnt sich an, was als Annettes Liebestragödie in die Geschichte eingegangen ist.

Karen Duves Vorhaben war, in den Grenzen des historisch Möglichen das psychologisch Wahrscheinliche zu entwickeln, so hat sie in einem Interview mit der „Neuen Westfälischen“ gesagt. Es ist ihr perfekt gelungen. Wer die Fakten kennt, möchte Annette mit fortschreitender Handlung auf jeder Seite zurufen: „Nicht! Pass auf! Sieh dich vor!“ Und immer wieder glaubt man in der Erzählstimme jene Annette zu erkennen, wie sie eben auch war: scharfblickend und scharfzüngig, mit einem untrüglichen Sinn für die Ungerechtigkeit, die den Frauen nur Sticktücher und Strickstrümpfe ließ, während die Männer reden durften und dichten, jagen und politisieren. Diese Annette ahnt, dass es anders möglich wäre – nur eben nicht in ihrer Zeit. Darin ist sie eine Geistesverwandte von Carl Friedrich Gauß in Daniel Kehlmanns „Die Vermessung der Welt“, der ebenfalls weiß, dass es Epochen geben wird, in denen das Leben bequemer sein wird als in seiner eigenen.

Denn natürlich bleibt Annette ein Kind ihrer Zeit – gehalten und zugleich eingeengt durch Familie, Religiosität, Konventionen. Dass aber das Leben damals dem unseren in manchem überraschend gleicht, auch das zeigt dieser Roman. Depressionen, Ausgebranntsein, empfundene Beschleunigung, Ausgrenzung von Juden und Fremden: Das gab es seinerzeit schon. Vergnüglich sind Auftritte von Geistesgrößen wie den Brüdern Grimm und Harry (Heinrich) Heine – alle werden sie von ihren späteren Podesten heruntergeholt und als das gezeigt, was sie waren: ganz normale Menschen in den Grenzen ihrer Epoche. So bietet „Fräulein Nettes kurzer Sommer“ beides zugleich: klugen Lesespaß und eine herzzerreißende Geschichte.

Christiane Schlüter


Zur Autorin:
Christiane Schlüter ist Autorin und Journalistin. Sie verfasst Ratgeber, Sachbücher, Geschenkbücher, Memoirs und Reden und gibt Kurse in Autobiografie und Journalismus. Mehr Informationen über ihre Tätigkeiten gibt es hier: www.christiane-schlueter.de.


Zum Buch:

Karen Duve
Fräulein Nettes kurzer Sommer
Verlag Galiani-Berlin
592 Seiten, gebunden
25,00 Euro
ISBN 978-3-86971-138-6

Link zum Interview in der „Neuen Westfälischen“:

https://www.nw.de/kultur_und_freizeit/literatur/literatur/22265136_Karen-Duve-Diese-Geschichte-war-ein-Gluecksfall.html

Constance de Salm: 24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau

Der Brief, den du geschrieben

Der Brief, den du geschrieben,
Er macht mich gar nicht bang:
Du willst mich nicht mehr lieben,
Aber dein Brief ist lang.

Zwölf Seiten, eng und zierlich!
Ein kleines Manuskript!
Man schreibt nicht so ausführlich,
Wenn man den Abschied gibt.

Heinrich Heine

Recht hat er, der gute Heine, wie meist, wenn es um Frauenherzen geht. Solange sie noch Briefe schreibt, ist unter die Liebe kein Schlußstrich gezogen. Das gilt auch für die aufgewühlte Heldin des kleinen Briefromans der Constance de Salm: „24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau“. In Frankreich wird das Buch 1824 veröffentlicht, sofort zum Erfolg und wird auch in Deutschland mehrfach aufgelegt.

Später gerät Constance de Salm in Vergessenheit. Seit einigen Jahren jedoch ist das Interesse an ihr, sowohl in Frankreich als auch in Deutschland, wieder erwacht. So bemüht sich das Deutsche Historische Institut Paris um die Erschließung ihrer umfangreichen Korrespondenz. Mehr dazu findet sich auf dieser Homepage:
http://www.constance-de-salm.de/edition

Im Zuge dieser neu entfachten Aufmerksamkeit an Constance de Salm erschien auch ihr Roman mit fiktiven Briefen, der Bestseller in ihrem Oeuvre, wieder. Bei Hoffmann und Campe wurde er aktuell in einer eleganten Ausgabe erneut aufgelegt, übersetzt von Claudia Steinitz, ergänzt durch ein informatives Nachwort von Karl-Heinz Ott.

Der schmale Roman, nur knappe 100 Seiten umfassend, stammt von einer hochgebildeten Frau, die sich der Aufklärung und der Vernunft verschrieben hatte: Constance de Salm (1767 bis 1845) verfasste Gedichte und philosophische Essays, sie wurde als erste Frau in das Lycée des arts aufgenommen, sie ließ sich scheiden und heiratete einen jüngeren Mann, sie setzte sich für die Gleichberechtigung der Frauen ein, führte einen Literarischen Salon und verkehrte mit einigen geistigen Größen ihrer Zeit auf Augenhöhe. Alles in allem also eine emanzipierte Frau – und dennoch bleiben im allgemeinen literarischen Gedächtnis vor allem ihre „empfindsamen Briefe“ in Erinnerung.

Die schrieb sie gleichsam als ein Experiment, als eine Studie. In einem später entstandenen Vorwort meint sie über die Vorwürfe, die man ihr „ob des ernsten und philosophischen Tons meiner Werke machte.“

„Ich wollte also mit diesen Briefen einen erneuten Tribut an die Üblichkeit leisten und beweisen, dass die Neigung zu ernstem Werk Empfindsamkeit keineswegs ausschließt.“

Ausgelöst durch einen vermuteten Flirt ihres Geliebten mit einer Madame de* lässt eine empfindsame Frau 46 – in Worten: sechsundvierzig – Briefe aus ihrer Feder fließen. Die Eifersucht steigert sich zum leichten Wahn, als die Verfasserin während des Tages, den der Briefroman umfasst, erfährt, der vergötterte Mann habe die Nacht auf dem Lande verbracht – mit ihr, der vermeintlichen Rivalin. Am Ende löst sich zwar alles in Wohlgefallen auf und (fast) alle leben fortan glücklich und zufrieden.

Man mag den Briefroman in Zeiten von Emails, SMS, WhatsApp, etc. sowieso als hinfällig betrachten, und den Liebesbrief als altmodisches Relikt – aber dennoch bleiben die Liebe an sich und ihre Begleiterscheinungen wie Sehn- und Eifersucht, Verlangen, Irrungen und Wirrungen bestimmende Lebensantriebe und daher auch zentrale Motive in der Literatur.

In ihrem Briefroman konzentrierte sich die Adelige au eine negativen Affekt, der im Liebesreigen verheerende Auswirkungen haben kann. Schon Jago warnte Othello vergeblich vor der Vernichtungskraft dieses Gefühls: „O, beware, my lord, of jealousy; It is the green-eyed monster which doth mock the meat it feeds on;“

Constance de Salms Briefeschreiberin ist dem Auf und Ab, das sie in den 24 Stunden ihrer Unsicherheit beutelt, beinahe hilflos ausgeliefert – der Leser kann an den Briefen nachvollziehen, wie sich die Gefühlsaufwallungen steigern, von der ersten Erregung über Wut und Zorn (natürlich dennoch in wohltemperierte damenhafte Worte gegossen) bis hin zu Selbstaufgabe und Todeswunsch. So wird der schmale Roman zu einer kleinen psychologischen Studie, die sich auf einen Affekt konzentriert.

Karl-Heinz Ott merkt in seinem Nachwort an, de Salm sei einer aufklärerischen Moral, die psychologisch zu verstehen sei, verpflichtet gewesen. Auch im Sinne der Selbsterkundung: Nur, wer auch von seine dunklen Gefühlen wisse, wisse auch damit umzugehen.

„Was heißt, dass die Vernunft sich unserer Unvernunft nur ausgiebig genug widmen muss, um das Irrationale ein bisschen rationaler zu machen“, erläutert Karl-Heinz Ott. Dessen kluges, mit vielen Bezügen gespicktes Nachwort ist beinahe schon eine eigene kurze philosophische Abhandlung über den Umgang mit Affekten: „Das aber bedeutet wiederum, dass derjenige, welcher über seinen Gefühlen zu stehen meint, sich gegenüber demjenigen, der gezielt in den Abgrund blickt, als der viel Unvernünftigere erweist.“

Der Briefroman, so Ott, nicht nur als eine Form der Kultur, sondern als eine Kultur der Form: Constance de Salm nutzte ihn, um ein wildes, überbordendes Gefühl zu fassen, beinahe idealtypisch den Verlauf eines Eifersuchtsanfalls zu schildern und ihm anhand der Studie einer empfindsamen Frau eine Struktur zu geben. Dies macht das Buch auch heute noch interessant – wenn auch die Formen des Ausdrucks und der Kommunikation sich wandeln, die menschlichen Affekte bleiben sich doch gleich.

Mehr Informationen zum Buch beim Verlag:
http://www.hoffmann-und-campe.de/buch-info/24-stunden-im-leben-einer-empfindsamen-frau-buch-8156/

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Roger Willemsen: Deutschlandreise

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Bild: (c) Michael Flötotto

Der Pabba bestellt sich einen Champagner Rosé, dreht sich zu den Umsitzenden wie einer jener Hartgummi-Cowboys, die sich nur noch um die eigene Taille drehen können, und setzt noch einen drauf: noch die Blattsalade mit Tausend-Eiland-Dressink und die Flasch Wasser. Herrlich, so ein Sonntag in der Fußgängerzone Heidelberg, findet er und eröffnet das Gespräch mit seiner Frau durch den Ausruf: „Wat Menschen! Wat Menschen!“ Das findet seine Frau auch. Sie ist eine von ihnen. Einmal pro Woche mondän, legt sie all ihren Goldschmuck an und steckt die fetten braunen Füße in Espadrilles. Freizeit eben. Und was für eine Aussicht: Da zwei slawische Trompeter mit ihrer Version von „Mein Hut, der hat drei Ecken“, dort die Senioren-Fahrradgruppe aus Bad Driburg, in der Tour-de-France-Ausrüstung; Japaner überall, die haben ja hier schon eigene Kioske mit japanischen Bedienungen und Parcel-Service ins ferne Nippon; fotografierende Familienväter, die für die künstlerische Perspektive immer wieder in die Knie gehen; Jesus-Yuppies, überzeugt, mit Schlips käme man leichter ins Paradies, und die untröstlichen Witwen humpeln in schwarzen Nylonstrümpfen untröstlich in die Messe. Das Kino „Lux/Harmonie“ aber zeigt heute nur Zerstörung: „Pearl Harbour“ und „Die Mumie kehrt zurück“. Das Thai-Lokal heißt „Goldenes Herz“, das Bierhaus „Jack the Ripper“, andere Läden haben sich Namen gegeben wie „Knüllers Kiste“, „Globetrotter. Der Outfitter“, „Augenweide“, „Murkels Maus“. Viele heißen schon „www“ mit Vornamen, „de“ mit Nachnamen. Aber will man da reinklicken, wo man nicht mal eintreten möchte? Die Einzigen noch nicht von Kreativität Kontaminierten, das sind die Metzgereien. Bei Fleisch, da gibt es nichts zu beschönigen.

Roger Willemsen, „Deutschlandreise“, 2002, Eichborn Verlag

Nun, irgendwo müssen sie ja hin, die vielen Touristen: Nicht alle bewältigen den Aufstieg zum Schloss oder haben den Nerv, an der Schlossbahn in den Warteschlangen auszuharren. Für viele ist bei der berühmten Neckar-Brücke Schluss. Und so erlebt man in der Heidelberger Fußgängerzone täglich die oben beschriebene Parade – denn irgendwo müssen sie ja hin, die vielen Touristen in der Stadt mit dem höchsten Besucheraufkommen Deutschlands. Für einen wie Roger Willemsen boten solche Biotope genügend Stoff für feinkritische Beobachtungen – sie sind versammelt in dem 2002 erschienenen Buch „Deutschlandreise“.

Willemsen fuhr 2001 und 2002 kreuz und quer durch seine Heimatland. Ein reizvoller Gedanke: Die Heimat aus den Augen eines Reisenden, eines „Fremden“ zu betrachten. Aber ahnt man nicht schon beim Aufschlagen des Buches, wie das Deutschlandbild eines Willemsen sein wird? „Denk ich an Deutschland in der Nacht …“: Heine lässt grüßen. Das Leiden an der Heimat, an „den Deutschen“ und an „Schland“, eine intellektuelle, kulturhistorische Tradition.

„Ich sitze im Zug und fahre weit weg. Nach Deutschland. Oder besser zu den so genannten Menschen draußen im Lande. Aber wo ist das?  (…) In Deutschland nach Deutschland zu reisen, das ist die Exkursion zu einer Fata Morgana. Am schönsten ist das Land als Versprechen, weit weg. Ein Weiler unter der Hügellinie, drei rote Dächer und eine Birke, ein Windstoß in den Sträuchern und eine Frau, die zum Wäscheaufhängen unter die Bäume tritt. Gute Menschen, die Milch aus zottigen Viechern melken und vor dem Essen beten. Das unausrottbar Schöne, doch, das gibt es, aber man darf ihm nicht zu nahe kommen.“

Nun, keiner kann sich von Klischees befreien. Auch ein Willemsen nicht, der offenbar die Erfindung der Melkmaschine ignoriert. Ganz frei vom intellektuellen Hochmut des Einzelgängers – oder besser: „Einzelfahrers“ – ist dieses Buch nicht, nicht ganz frei von Denkschablonen. Aber das tut dem Lesevergnügen beim Mitleiden an „Schland“ keinen Abbruch – wenn man die Klischees teilt, wenn man ähnlich denkt.

Natürlich schaute Willemsen dorthin, wo es wehtut: Dem Volk aufs Maul. Ich frage mich, wie dieses Buch heute wohl aussehen würde, da sich die „besorgten Bürger“ offen zu artikulieren wagen, verbale Hemmschwellen gefallen sind, da dieses „Ich bin stolz auf mein Land“, ausgesprochen mit dem fürchterlichen Ton des Herrenmenschen, so schreckliche Assoziationen mit sich bringt.

Insofern sind die Reisebeobachtungen des Roger Willemsen zwar von gestern, aber nicht überholt: Er zeichnet das Bild einer Nation, in denen Shopping-Malls zu Lebenssinnerfüllungszentren werden. In der die Angst, die sich in diesen Tagen äußert, die Angst vor dem „Fremden“, der uns den Wohlstand streitig macht und damit die innere Leere enthüllt, in der eben diese Angst regiert. Er zeichnet ein Bild vom Boden, aus dem in den jetzigen Zeiten die Hetze kriecht …
Und, weil es an dieser Stelle passt: Er fehlt, dieser feine Beobachter, diese kritische Stimme.

Man mag manches überzeichnet finden, manches überhöht: Doch Willemsen warf eben nicht den nüchtern-sachlich-wissenschaftlichen Blick eines Ethnologen auf das Land, nicht den eines Insektenforschers, der das Treiben geschlechtsreifer Großstädter und des Landvolkes kalt durch das Mikroskop betrachtet. Sondern den wehmütigen Blick eines dessen, der „sein“ Land trotz aller Kritik liebt:

„Vermutlich würde es den Menschen das Sprechen über ihr Land erleichtern, wenn sie sich alle als Heimatvertriebene erkennen wollten, davongejagt aus künstlichen Paradiesen. Von der Heimat lohnt es sich nur zu sprechen als von einem Mangel, dem Inbegriff des Verlorenen.“

Das Buch (in der Taschenbuch-Ausgabe beim Fischer Verlag erschienen) habe ich übrigens bei meinen derzeitigen Deutschlandreisen in einer Bahnhofsbuchhandlung erworben. In einer Passage reflektiert Willemsen über jene Bahnhofshallen, die keine Bahnhofshallen mehr sind, sondern Einkaufserlebniszentren, aus denen jene, für die Bahnhöfe seit jeher ein Dach über dem Kopf sind – Obdachlose, Junkies, Ausreißer – verdrängt werden, damit das Konsumerlebnis dem umsatzwilligen Reisenden nicht vergällt wird. Dazu passt die Entwicklung der meisten Bahnhofsbuchhandlungen, bei denen das Wort „Buchhandlung“ zum Euphemismus pervertiert ist: Dort lassen sich zahllose Lifestyle-Magazine erwerben, erstaunlich sind die Massen an Publikationen wie „Landlust“ oder sonstigem ländlichen Leben im Titel – als ob jeder Zugreisende eine innerliche Landflucht erwägt. Daneben Computer-, Wirtschafts – sorry, will meinen: Business – Magazine, Comics, Tageszeitungen, „WELTPRESSE“ schreit aus von den Wänden. Aber „das Buch“: Meist an ein hinteres Ladenregal verbannt, die Auswahl übersichtlich, an der Spiegel-Bestsellerliste orientiert, daneben ein wenig Liebeskram und Vampirzeug. Deutschland, sag mir was du liest, und ich sage Dir …

Es entbehrt nicht der Ironie, dass allerdings in jeder Bahnhofs“buchhandlung“, die ich in letzter Zeit betrat, auch die „Deutschlandreise“ von Roger Willemsen zu finden war. Wohl als „Marketinggag“ für Reisende? Ich frage mich, ob die Bahnhofs“buchhändler“ wissen, was in dem Buch steht…

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Heinrich Heine – Das Hohelied

Des Weibes Leib ist ein Gedicht,
Das Gott der Herr geschrieben
Ins große Stammbuch der Natur,
Als ihn der Geist getrieben.

Ja, günstig war die Stunde ihm,
Der Gott war hoch begeistert;
Er hat den spröden, rebellischen Stoff
Ganz künstlerisch bemeistert.

Fürwahr, der Leib des Weibes ist
Das Hohelied der Lieder;
Gar wunderbare Strophen sind
Die schlanken, weißen Glieder.

O, welche göttliche Idee
Ist dieser Hals, der blanke,
Worauf sich wiegt der kleine Kopf,
Der lockige Hauptgedanke!

Der Brüstchen Rosenknospen sind
Epigrammatisch gefeilet;
Unsäglich entzückend ist die Zäsur,
Die streng den Busen teilet.

Den plastischen Schöpfer offenbart
Der Hüften Parallele;
Der Zwischensatz mit dem Feigenblatt
Ist auch eine schöne Stelle.

Das ist kein abstraktes Begriffspoem!
Das Lied hat Fleisch und Rippen,
Hat Hand und Fuß; es lacht und küßt
Mit schöngereimten Lippen.

Hier atmet wahre Poesie!
Anmut in jeder Wendung!
Und auf der Stirne trägt das Lied
Den Stempel der Vollendung.

Lobsingen will ich dir, o Herr,
Und dich im Staub anbeten!
Wir sind nur Stümper gegen dich,
Den himmlischen Poeten.

Versenken will ich mich, o Herr,
In deines Liedes Prächten;
Ich widme seinem Studium
Den Tag mitsamt den Nächten.

Ja, Tag und Nacht studier ich dran,
Will keine Zeit verlieren;
Die Beine werden mir so dünn –
Das kommt vom vielen Studieren.

Heinrich Heine …

… manchmal holpert der Reim. Und dennoch: Mein Lieblings-Charmeur.


Bild zum Download: Statue Schaezlerpalais Augsburg


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Heinrich Heine: Shakespeares Mädchen und Frauen

„Es wird mir flau zu Mute, wenn ich bedenke, dass er am Ende doch ein Engländer ist, und dem widerwärtigsten Volke angehört, das Gott in seinem Zorne erschaffen hat. Welch ein widerwärtiges Volk, welch ein unerquickliches Land! Wie steifleinen, wie hausbacken, wie selbstsüchtig, wie eng, wie englisch!“

Heinrich Heine, „Shakespeares Mädchen und Frauen“, erstmals erschienen 1838

Ein Kleinod und Lesevergnügen ist dieses Buch für jeden, der nicht nur Shakespeare, sondern auch den scharfzüngigen HH schätzt. Man ahnt es bereits: Wenn Heinrich Heine, Shakespeare-Verehrer und Bewunderer der holden Weiblichkeit, über die Frauenfiguren des englischen Dramatikers schreibt, dann nicht nur mit viel (Lust-)Gefühl, sondern auch mit der ihm eigenen Spottlust. Schon das Vorwort nutzt der frankophile Heine, der zu dieser Zeit bereits in Paris lebte, um in einem kurzen Streifzug mit den Engländern abzurechnen und die Rezeption und Nachwirkung Shakespeares in anderen Ländern aufzuzeigen:

„Besser als die Engländer haben die Deutschen den Shakespeare begriffen. Und hier muss wieder zuerst jener teure Name genannt werden, den wir überall antreffen, wo es uns eine große Initiative galt. Gotthold Ephraim Lessing war der erste, welcher in Deutschland seine Stimme für Shakespeare erhob. Er trug den schwersten Baustein herbei zu einem Tempel für den größten aller Dichter, und, was noch preisenswerter, er gab sich die Mühe, den Boden, worauf dieser Tempel erbaut werden sollte, von dem alten Schutte an zu reinigen.“

So wird die Galerie der Schönen, der Intrigantinnen, der Leidenden und der Holden aus Shakespeares Dramen von der Präambel an bereits weit aus mehr als ein bloßer Streifzug durch die dramatische Frauenwelt – Heine, der begnadete Feuilletonist, nimmt die Miniaturen sozusagen als journalistische „Aufhänger“, um über Kultur, insbesondere die Theaterwelt und Literatur, Politik, Soziales, Religion und viele weitere Themen zu schreiben. Insbesondere findet sich in diesem Buch, das ein wenig ein Schattendasein unter den Heine`schen Werken führte, eine treffende Analyse des Antisemitismus, selbstverständlich bei den Frauenfiguren aus dem „Kaufmann von Venedig“.

Auftragsarbeit aus Geldnot

Die „Shakespeare Gallery“ wurde 1836 zunächst vom britischen Verleger Charles Heath veröffentlicht: 45 Bilder von Frauenfiguren aus Shakespeares Dramen, Stahlstiche fiktiver Cassandras, Ophelias, Cleopatras, Julias bis hin zu einer ziemlich vergrätzt schauenden und leicht übergewichtigen Lady Macbeth. Das britische Original war mit Zitaten aus den Stücken ergänzt – ein Ansatz, der eines Heines kaum würdig gewesen wäre. Dieser, wie immer in Geldnöten, nahm das Werk als Auftragsarbeit an. Für die deutsche Ausgabe, für die der Verleger Henri-Louis Delloye die Lizenz erhalten hatte, schrieb Heine 1838 innerhalb weniger Wochen ausführliche Essays zu den „dramatischen“ Frauenfiguren, die oftmals alles andere zum Inhalt haben – nur nicht die Frau. Nur jene weiblichen Gestalten aus den Komödien wurden dann auch in der deutschen Ausgabe von HH mit Zitaten aus den Shakespeare`schen Werken beglückt.

Selbst diese Schönheitsgalerie stieß bei der preußischen Zensur auf Missfallen, wie Jan-Christoph Hauschild, Autor, Germanist und Mitarbeiter am Heinrich-Heine-Institut Düsseldorf in seinem Nachwort zur Ausgabe 2014 schreibt.

Den Beamten missfiel, dass Heines „ungezügelte Spottlust (…) die Gegenstände seiner vielfachen Antipathien mit dem ganzen Übermut seines reichen Talentes“ geißle. „Hauptsächlich“ sei es England, das er „mit schneidendem Witz und galliger Bitterkeit“ verfolge und wozu sein „Enthusiasmus für Frankreich und Franzosentum“ den „entschiedensten Gegensatz“ bilde.

Zugang zu Shakespeares Welt

Letztendlich ging das Werk jedoch durch und war eines von den insgesamt nur vier Heine-Büchern, die in Preußen verkauft werden durften. Zum Glück. Denn nebst den außerliterarischen Streifzügen und Seitenhieben bot Heine damals schon mit seinen Schriften dem Lesepublikum einen hervorragenden Zugang zu Shakespeares Welt – das Buch verdient allein deswegen einen besseren Rang in der Shakespeare-Literatur, als es bisher innehatte. So sieht Eduard Engel in seinem Vorwort zur 1921 erschienenen Gesamtausgabe Heines nur zwei deutsche Schriftsteller, die in ihrer Shakespeare-Kenntnis von gleichem Rang seien: Heinrich Heine und Goethe.

Wie immer man im einzelnen über Heines Auffassungen Shakespeare`scher Gestalten – er spricht durchaus nicht bloß immer von den weiblichen – denken mag, der Wert seiner kleinen und größeren Abhandlungen über Shakespeares Meisterdramen kann keinem entgehen, der die Werke gründlich kennt, aber auch keinem, der einigermaßen mit der Shakespeare-Literatur vertraut ist. Und man wäge die wissenschaftliche Grundlage, worauf Heine zu jener Zeit, vor dem Erscheinen der bedeutendsten Arbeiten über Shakespeare fußen konnte.“

Die Bandbreite der Themen, die Heine anhand der Frauenportraits auffächert, kann hier in einer Inhaltsangabe kaum wiedergegeben werden. Ich halte es wie Heine selbst und übernehme den Schlüsseldienst:

„Die vorstehenden Blätter sollten nur dem lieblichen Werke als flüchtige Einleitung, als Vorgruß, dienen, wie es Brauch und üblich ist. Ich bin der Pförtner, der Euch diese Galerie aufschließt, und was Ihr bis jetzt gehört, war nur eitel Schlüsselgerassel.“

Heinrich Heines „Shakespeares Mädchen und Frauen“ wurde nun anlässlich des Jubiläumsjahres von Hoffmann und Campe wieder aufgelegt – das Buch ist auch handwerklich gut gemacht, mit den Abbildungen von 1838 versehen, im Schuber und mit Lesebändchen.


Bild zum Download: Engelstatue Augsburg


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Klett-Cotta: Das gelobte Land der Dichter

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Bild von cocoparisienne auf Pixabay

„Ew. Hochwohlgeb.
beehre ich mich, beiliegenden Aufsatz für das Morgenblatt zu überschicken.
Ich wohne schon seit 6 Wochen hier am Rhein und warte mit Sehnsucht auf das erste Dampfschiff, um die Fahrt mitzumachen und feierlich zu beschreiben. Aber es ist bist jetzt noch keines erschienen. Sie würden mich sehr verbinden, wenn Sie mich wissen ließen, ob und wann eins vorbeikommt…“

Ludwig Börne aus Rüdesheim am 2. Mai 1826 an Johann Friedrich Cotta

Das Anliegen Börnes, sein Verleger möge nun ein Dampfschiff vorbeischicken, erstaunt weniger, wenn man weiß, dass J.F.Cotta (1764-1832), ein Hansdampf in allen Gassen war – und sich folglich unternehmerisch auch in der Dampfschifffahrt engagiert hatte. J.F. Cotta führte die 1659 gegründete Cotta`sche Verlagsbuchhandlung, die durch Einheirat gegründet wurde (Johann Georg Cotta ehelichte die Witwe eines akademischen Buchführers), zu Weltruhm. Vor allem die enge Beziehung des Verlegers zu Friedrich Schiller hatte für den Verlag enorme Folgen – bei Cotta erschien schließlich alles, was in der Klassik und Sturm und Drang Rang und Namen hatte: Schiller, Goethe, Herder, Fichte, Hölderlin, Kleist, Jean Paul, Hegel, Schelling, Alexander von Humboldt und viele mehr.

Im Laufe der Jahrhunderte hat der Verlag seine führende Stellung verloren. Mit dem Wandel der Zeiten hat sich auch das Programm geändert – im literarischen Bereich zehrt man etwas von den Klassikern und Modernen Klassikern (Gottfried Benn, Stefan George, Ernst Jünger), in der Gegenwartsliteratur ragen die Namen Javier Marias und Brigitte Kronauer heraus. Für Liebhaber des Fantasy-Bereichs steht der Name Tolkien. Und der Ursprung des Verlages – die Nähe zur Universität Tübingen – lebt im starken Sachbuchbereich fort. (Mehr zu Geschichte und Programm unter www.klett-cotta.de).

2009 gab der Verlag zu seinem 350jährigen Bestehen einen schmalen Band (180 Seiten) heraus: „Cotta – Das gelobte Land der Dichter.“ Kein umfangreiches Geschichtswerk mit Daten, Fakten, Eigenlob, sondern eine Auswahl von Briefen an die Verleger, ein Querschnitt und Abbild dieses sensiblen Verhältnisses über beinahe vier Jahrhunderte hinweg. Brigitte Kronauer führt in ihrem Vorwort in diese „zumindest unterschwellig nervöse Beziehung“ ein: Soll der Verleger doch nicht nur für das Erscheinen der Dampfschiffe sorgen, sondern zugleich auch das höchste, das geistige Gut in bare Münze umsetzen.

Die Herausgeber Stephan Askani und Frank Wegner haben eine Auswahl der Briefe an den Verlag nach Themen geordnet – Freundschaft und Konflikte werden angesprochen, Zeit und Gesellschaft, Geld und Honorar. Die Anschreiben – nur wenige Briefe der Verleger selbst sind im Band enthalten – spiegeln persönliche Verfasstheit der literarischen Berühmtheiten wieder, lassen charakterliche Rückschlüsse zu (ein Goethe bittet nicht, sondern lässt bitten via Schiller oder Eckermann und wenn er schreibt, so hat dies meist fordernden, delegierenden Charakter), zeigen politische Nöte und Zwänge auf, lassen den Zensor harsch auftreten, kurz: sprechen Bände. Das Buch setzt zwar einiges an Vorwissen über deutsche Verhältnisse voraus – die muss man sich selbst quererlesen und erarbeiten. Aber dies ist nicht unbedingt ein Mangel: Die Briefe sind ein Schatz an sich – stilistisch, sprachlich, inhaltlich. Wünschenswert an editorischer Leistung wären dagegen jedoch die Übersetzungen der englisch- bzw. französischsprachigen Lettres von Javier Marias und Madame de Stael gewesen.

Einige Zitate:

Friedrich Schiller stand in enger Beziehung zu F.J. Cotta. Im Verlag erschienen sowohl die Horen als auch der Musen-Almanach. Zudem stellte Schiller zahlreiche weitere Beziehungen zu Autoren her, die er dem Verleger ans Herz legte:

„…Hölderlin hat einen kleinen Roman, Hyperion, davon in dem vorletzten Stück der Thalia etwas eingerückt ist, unter der Feder. „

Friedrich Schiller an J.F. Cotta, 9.3.1795

„Nun noch einen guten Rat. Ich fürchte, Goethe läßt seinen Faust, an dem schon so viel gemacht ist, ganz liegen, wenn er nicht von außen und durch anlockende Offerten veranlaßt wird, sich noch einmal an diese große Arbeit zu machen und sie zu vollenden.“

Friedrich Schiller an J.F. Cotta, 24.3.1800

Heinrich Heine lebte ab 1831 in Paris. Ab 1832 war er als Pariser Korrespondent der Augsburger Allgemeinen Zeitung tätig, die von Cotta gegründet worden war. Sie war zu dieser Zeit die führende deutschsprachige Tageszeitung. In seinen Briefen tritt der ganze Witz dieses lebendigen Geistes ebenso wie seine melancholische Seite, befördert durch die Erkrankung, zutage.

„Damit Sie aber nicht glauben, ich sei in eine Tänzerin verliebt und bliebe deshalb hier und wäre recht börnisch faul, so habe ich den Anfang meines italienischen Tagebuchs ausgearbeitet (…).
Ich mache Sie aber nochmals darauf aufmerksam, daß ich in keine Tänzerin verliebt bin, obgleich sich solch eine Liebe sehr gut mit Schnupfen und Husten verträgt, und ein ebenso großes Unglück ist.“

Heinrich Heine an J.F. Cotta, Florenz, 11.11.1828

„Durch meinen körperlichen Zustand abgesperrt von den Genüssen der Außenwelt, suche ich jetzt Ersatz in der träumerischen Süße der Erinnerungen, und mein Leben ist nur ein Zurückgrübeln in die Vergangenheit: da tritt oft vor meine Seele das Bild Ihres seligen Vaters, des wackeren würdigen Mannes…“

Heinrich Heine an F. J. Cottas Sohn Georg v. Cotta, Paris, 26.3.1852

Und zumindest kann dieser Sammelband wieder die Lust auf das Briefeschreiben erwecken oder auch nützlich sein für eigene Geschäftskorrespondenz:

„Weit entfernt, mein sehr geschätzter Herr und Freund, den Antrag, den Sie mir am 28. Nov. Des abgewichenen Jahres taten, anders zu nehmen als er von Ihnen gemeint ist, erkenne ich mich Ihnen vielmehr sehr verbunden dafür, und hoffe, mein guter Genius werde, um der 73 Jahre willen, die an mir gezehrt haben, nicht ganz so untreu an mir werden, daß ich Ihnen nicht zuweilen einen kleinen Beitrag, wenigstens zum Zeichen meines guten Willens, sollte übersenden können.“

Christoph Martin Wieland an J. F. Cotta, Weimar im Februar 1807.

„Cotta – Das gelobte Land der Dichter“, 2009, Klett-Cotta Verlag, 17,95 Euro, gebunden, Umschlag, Lesebändchen, ISBN: 978-3-608-93904-0.

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LITERARISCHE ORTE: Die gute Stube von Goethe, Schiller, Herder und Wieland.

Zu gerne hätte ich da einmal ein Gespräch belauscht, wenn sich Goethe, Schiller, Herder und Wieland in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar zum plaudern und philosophieren getroffen haben. Ging es wirklich immer hochgeistig zu unter dem „Vierergestirn der Weimarer Klassik“?

Oder wurde auch mal was ganz Profanes besprochen? So etwa:

Goethe: „Jungs, mir brummt der Schädel. Zuviel von diesem württembergischen Rotwein gestern abend beim Diner getrunken. Mensch, Friedrich, warum bringen eure Winzer solche Hinternzwicker auf den Markt?“

Schiller: „Sauer macht lustig. Obwohl Eure Dekadenz, da Ihr das Vierfache meines Salärs genießt, auch zu diesem teuren französischen Schaumwein greifen könntet.“

Wieland: „Papperlapapp. Nix goat iebr a guats Bierle aus Oberschwaba.“

Herder: „Aber meine Herren! Bedenkt wo wir sind! Doch kann ich zu späterer Stunde gerne einige Heilkräuter aus meinem Gärtlein beibringen, die das Kopfweh unseres lieben Goethes etwas mildern werden. Im Allgemeinen rate ich Ihrer Exzellenz jedoch zu mehr Zurückhaltung bei geistigen Getränken – dies tut auch unseren geistigen Dingen gut.“

Jetzt aber ernsthaft, angemessen und würdig: Die Herzogin Anna Amalia Bibliothek gehört bei einem Weimar-Besuch natürlich zum Pflichtprogramm. Als Tipp: Wer in erster Linie den berühmten Rokokosaal sehen will, sollte sich möglichst vormittags eine Karte besorgen – mehr als 290 Besucher täglich werden nicht eingelassen, die letzten Eintrittskarten kann man um 14.30 Uhr kaufen.

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Die Bibliothek von außen. Bild: Klassik Stiftung Weimar

Doch selbst wenn man inmitten einer Schülergruppe (bei denen die Laune der Einzelnen  zwischen Aufgekratztheit und motziger Langeweile pendelt) in Filzpantoffeln über den Parkettboden schlurfen muss – selbst unter solchen Umständen bekommt man einen Begriff davon, welcher Geist hier einmal herrschte: Sicher weitaus ehrwürdiger als es in meinen Gedankenspielen zuging.

Nebst Bildern von Geistesgrößen, die hier debattierten, geht mir auch ein anderes Bild nicht aus dem Kopf: Das der Weimarer Bürger, die in der Nacht vom 2. auf 3. September 2004 zu „ihrer“ Bibliothek eilten, Ketten bildeten und Bücher von Hand zu Hand reichten, um diese vor den Flammen zu retten. Ein technischer Defekt hatte den Brand ausgelöst, über 50.000 Bücher gingen unwiederbringlich verloren.

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Der Rokokosaal. Bild: Klassik Stiftung Weimar

Was bringt Menschen dazu, Bücher zu retten? Warum wird in den Nachrichten davon berichtet, wenn in Kriegen Kulturgüter zerstört werden? Warum setzen sich Menschen für den Erhalt von Baudenkmälern ein?

Vielleicht, weil es unser menschlicher Wunsch ist, etwas zurückzulassen, Zeichen zu setzen – nicht umsonst heißt es „Weltkulturerbe“: Generation um Generation vergeht, der Einzelne verschwindet aus dem Gedächtnis der Menschheit – aber die Gebäude, die Bilder, von Menschenhand geschaffen, die Gedanken, zwischen Bücherdeckel gepresst, bleiben zurück.

Und vor allem Bücher sind Symbole der Freiheit. Das gedruckte Wort: Es machte Wissen zugänglich. Eröffnete Bildungschancen (wobei laut Bertelsmann-Stiftung in Deutschland dies immer noch stark – viel zu stark – mit der sozialen Herkunft verknüpft ist).

Der Buchdruck, die Bücher – sie sind eine Frucht der Freiheit. Und so behält leider auch das berühmte Heine-Wort „Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen“ bis in unsere Tage seine Gültigkeit: Kulturgüter zerstören jene, die die Freiheit hassen.

Umso schöner, wenn, wie in Weimar 2004 geschehen, Menschen dazu beitragen, ihre Kulturschätze zu retten.

Die Informationen zur Herzogin Anna Amalia Bibliothek finden sich hier:
Klassik Stiftung Weimar

In der aktuellen Ausgabe von „a tempo“ berichtet Maja Rehbein über die derzeit laufende Dante-Ausstellung in der Bibliothek – Link hier.

Bilder zum Download:
https://pixabay.com/de/photos/weimar-bibliothek-goethe-4197350/
https://pixabay.com/de/photos/anna-amalia-bibliothek-4197303/

 

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Kurt Tucholsky: Rheinsberg und Schloß Gripsholm

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Schloß Gripsholm. Bild von falco auf Pixabay

Drahtetsofortobhiesigenmälarsee-
zwecksbewässerungkäuflicherwerben-
wolltwassergarantiertechtallerdingsnur-
zuschwimmzweckengeeignetfasthoch-
achtungsvollfritzchenundkarlchenwasser-
oberkommissäre.

Kurt Tucholsky, „Schloß Gripsholm“, 1931.

Noch einmal den Sommer festhalten, bevor er geht. Geht das denn?
War er denn groß, dieser Sommer? Am Thermometer gemessen wohl schon.
Aber trotz der blendenden Helligkeit. Er war auch: Düster, dieser Sommer. Ein politisches Klima, das seine Schatten vor die grelle Sonne schob. Die Furcht vor einem Gewitter ist da, die Angst, dass sich finstre Zeiten wiederholen.

Einer, der gegen dieses „dunkle Deutschland“ anschrieb, immer wieder, am Ende doch nicht vergebens? Kurt Tucholsky. Wie haben Sie das gemacht? Das möchte ich ihn gern fragen. Wie haben Sie es geschafft, als es um ihre Heimat nicht gut stand, als sie selbst schon am Leben verzweifelt waren, noch einmal so ein beinahe heiteres Sommerbild zu entwerfen, so sommerlich-luftig-leicht gegen den Irrsinn anzuschreiben, ganz keck ein anderes Lebensgefühl hervorzurufen?

Ich bewundere ihn dafür, diesen bekennenden Pessimisten und scharfen Satiriker, der letzten Endes an einer unheilbaren, einseitigen, wechselvollen Liebe zerbrach: Der Liebe zu seiner Heimat. In seiner Art des Schreibens und Denkens erinnert mich Tucholsky, der hellsichtig früh dieses Land verließ, an einen anderen berühmten Exilanten: „Denk ich an Deutschland in der Nacht“ – obwohl meist im falschen Kontext zitiert, sprechen auch diese Zeilen von einer Bindung an das Mutterland, die in der Ferne nur durch Ironie noch bewältigt werden kann. „Deutschland, Deutschland über alles.“

Selbst als es Tucholsky politisch wie privat dreckig ging, als es, wie er schrieb, „innen weinte“, legte er noch einmal eine der zauberhaftesten Liebesgeschichten vor, die sich heute noch so frisch liest, dass ich sofort die Koffer packen möchte. Weil sie dort anfängt…

„Und dann hielt das Auto da, wo alle bessern Geschichten anfangen: Am Bahnhof.“

Die Geschichte führt den Erzähler, „den Dicken“ nach Schweden, mit einer Prinzessin, „sie hatte eine Altstimme und hieß Lydia.“ 1929 hatte Tucholsky einige Zeit mit seiner Geliebten Lisa Matthias in Läggesta bei Schloß Gripsholm verbracht, im Januar 1930 verlegt er seinen Wohnsitz vollständig nach Schweden, „mehr eine Flucht als die alte Sehnsucht“ nach dem Norden, wie Rolf Hosfeld in seiner hervorragenden Biographie „Tucholsky. Ein deutsches Leben“ schreibt.

Doch auch wenn „der Dicke“ das Buch Lisa mit dem Satz „Für IA 47 407“ (ihr Autokennzeichen) widmet – in dieser Altstimmen-Frauengestalt ist mehr als eine Frau vereint. Die Trennung von seiner Ehefrau Mary Gerold ist noch frisch, die an den Nerven zerrende zu Lisa liegt schon in ihren letzten Zügen. Eine on- und off-Liebe. Lisa ist es, die den Schalter vollends kippt und sich aus seinem Leben löscht. Und dann schwingt in dieser selbstbewußten „Prinzessin“ auch noch eine gute Portion Else Weil, Tucholskys erste Ehefrau, mit, jene Else, die auch als „Claire“ in „Rheinsberg“ schon verewigt wurde. Hosfeld schreibt über die „Prinzessin“:

„Aber als Person ist sie eher eine unintellektuelle Wunschsynthese aus Else Weil, Lisa Matthias und Mary Gerold, also gewissermaßen eine pflegsame Madame 3 PS. Wie schön, wenn eine solche Frau für den Mann mit den 5 PS und den unterschiedlichsten Modulationen seines komplexen Charakters auch in Wirklichkeit existiert hätte. Es gab bei Rowohlt, auch aus Geschäftsgründen, ein Bedürfnis nach leichten Tönen aus seiner Feder. Es gab sie auch bei Tucholsky. In dunklen Zeiten ist der Konjunktiv ein Trost. Wie es sein könnte. Es könnte leicht sein.“

So ist „Schloß Gripsholm“ auch eine Beschwörung. Doch: „Vorbei, verweht, nie wieder…“. Als das Buch, geschrieben 1930, herauskommt, befindet sich Tucholsky bereits in diesem „heimatlosen Alleinsein“, das ihn dann gänzlich zerbricht. Und: Im Gegensatz zu „Rheinsberg“, jenem „Bilderbuch für Verliebte“, mit dem Tucholsky 1912 die literarische Bühne betrat (und das auf Anhieb zum Skandal und zum Erfolg wurde), pinselt der Schriftsteller zwanzig Jahre später ein Urlaubsidyll mit weitaus dunkleren Strichen. Die „kleine Sommergeschichte“, die der Autor in einem fiktiven Briefwechsel seinem Verleger Ernst Rowohlt ankündigt, hat eine zweite Ebene, hat ihre Schatten:

„Wir lagen auf der Wiese und baumelten mit der Seele. Der Himmel war weiß gefleckt; wenn man von der Sonne recht schön angebraten war, kam eine Wolke, ein leichter Wind lief daher und es wurde ein wenig kühl.“

Da ist auf der einen Seite diese zwanglose, freie Liebe zwischen zwei Menschen, denen die liberale und tolerante Denkweise aus jeder Pore sprüht, angeheizt durch gelegentliche Ferienbesucher, die das Ganz noch erotisch aufprickeln bis hin zur Menage à trois. Und auf der anderen Seite ist jener zweite Erzählstrang von der kleinen Halbwaise Ada, die von der Leiterin eines Kinderheims schikaniert wird. Eine machthungrige, verkniffene, autoritäre Megäre. Und ganz bewusst eine Deutsche: Tucholsky zeichnet sie als Typ, sie ist Sinnbild jener rechtsnationalen Kräfte, die in seiner Heimat die Weimarer Republik aushöhlen. Im Roman siegt „der Dicke“, entreißt das Kind den Klauen der Macht. Im Leben ging es anders aus.

„Sie kam sich sehr einmalig vor, die Frau Adriani. Und hatte doch viele Geschwister.“

Der Skandal an diesem Buch liegt für die Nazis mehr in dieser politischen Komponente (auch der Wendriner, Abbild des patriotischen Spießbürgers findet seine Erwähnung) als in der herrlich sinnlichen Liebesgeschichte, die zudem ohne drastische und intime Details auskommt – und dennoch erotischer und lebendiger ist als viele weit offenere Liebesromane danach.
Zwanzig Jahre früher war das noch anders: Als „Rheinsberg“ 1912 erscheint, löst das Debüt des jungen Autoren einen Skandal aus: Ein unverheiratetes Paar geht in die Sommerfrische und nächtigt in einem Zimmer – undenkbar in der prüden wilhelminischen Gesellschaft.

Aber da kam eine alte Dame an ihrem Tisch vorübergeschlurcht, schielte krumm und murmelte etwas von „unerhört“ und „Person“ und so.

„Wölfchen, die meint mir. Konnste ihr nicht gefordert gehabt habs?“

„Rheinsberg“ ist nun in der schönen Reihe C.H.Beck textura wieder aufgelegt worden. Antje Rávic Strubel stellt in ihrem Nachwort die Erzählung in den zeitlichen Kontext:
„1912 war das Jahr, in dem Albert Einstein die Allgemeine Relativitätstheorie entwickelte, Thomas Manns Novelle „Der Tod in Venedig“ erschien, und der letzte große Roman Hjalmar Söderbergs „Das ernsthafte Spiel“. Drei Jahre zuvor hatte mit Selma Lagerlöf die erste Frau in der Geschichte den Literaturnobelpreis erhalten. Aber 1912 war auch das Jahr, in dem die Titanic sank, Robert Scotts Südpolexpedition tödlich endete und Europa nach der Marokko-Krise noch einem knapp einem Weltkrieg entging. Der Wilhelminische Staat militarisierte sich, das Kleinbürgertum verspießerte unter moralischen Tabus und einer strengen, patriarchalischen Sexualdoktrin, ein neuer Nationalismus flammte auf, und Vatikan und Kaiser hatten das Tangotanzen unter Strafe gestellt.“

„Rheinsberg“ mit seinen spritzigen Dialogen, den kleinen Albernheiten der Verliebten, der Verballhornung der Dialekte war noch die relativ freie Fingerübung eines noch relativ unbeschwerten jungen Mannes. Die Vorübung für „Schloß Gripsholm“. In diesem Roman lauert bereits die Sehnsucht nach dem Vergangenen, nach der verlorenen Leichtigkeit. Er atmet auch das Bewußtsein, dass sich der Schreibende selbst in einer fünften Jahreszeit befindet:

Eines Morgens riechst du den Herbst. Es ist noch nicht kalt; es ist nicht windig; es hat sich eigentlich gar nichts geändert – und doch alles. Es geht wie ein Knack durch die Luft – es ist etwas geschehen; so lange hat sich der Kubus noch gehalten, er hat geschwankt … , na … na … , und nun ist er auf die andere Seite gefallen. Noch ist alles wie gestern: die Blätter, die Bäume, die Sträucher … aber nun ist alles anders. Das Licht ist hell, Spinnenfäden schwimmen durch die Luft, alles hat sich einen Ruck gegeben, dahin der Zauber, der Bann ist gebrochen – nun geht es in einen klaren Herbst. Wie viele hast du? Dies ist einer davon. Das Wunder hat vielleicht vier Tage gedauert oder fünf, und du hast gewünscht, es solle nie, nie aufhören. Es ist die Zeit, in der ältere Herren sehr sentimental werden – es ist nicht der Johannistrieb, es ist etwas andres. Es ist: optimistische Todesahnung, eine fröhliche Erkenntnis des Endes. Spätsommer, Frühherbst und das, was zwischen ihnen beiden liegt. Eine ganz kurze Spanne Zeit im Jahre.

Es ist die fünfte und schönste Jahreszeit.

Kurt Tucholsky schreibt dies alias Kaspar Hauser bereits 1929 in der Weltbühne (hier der Text in voller Länge).

„Schloß Gripsholm“, auf Anhieb ein Publikumserfolg, bleibt sein letztes Buch. Als Journalist focht er noch mit Carl von Ossietzky für die freie Meinungsäußerung in der Weltbühne. Mehr und mehr desillusioniert, verstummt Tucholsky nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten. Am 21. Dezember 1935 stirbt er in einem schwedischen Krankenhaus an einer Überdosis Veronal, vermischt mit Alkohol. Ob Unfall oder Suizid, ist ungewiss, einen Abschiedsbrief hinterlässt er nicht. Er war des Kämpfens müde geworden, innerlich zerrissen, aus dem Deutsch- und dem Judentum ausgetreten, ein wahrhaft Heimatloser. Das Schlimmste blieb ihm durch den frühen Tod erspart: 1942 stirbt Else Weil, seine erste Frau, jene selbstbewußte, emanzipierte „Claire“ aus „Rheinsberg“ im KZ Auschwitz-Birkenau, von den Nazis ermordet. Carl von Ossietzky stirbt 1938, entkräftet, an den Folgen seiner KZ-Inhaftierung.

Was aber bleibt: Dennoch das Bild eines Kämpfers für ein tolerantes, weltoffenes, demokratisches Deutschland. Ein Traum von einem Land, in dem die Liebe nicht nach Schweden auswandern muss. Tucholsky wollte, so Kästner, mit der „Schreibmaschine eine Katastrophe“ aufhalten, führte ein großes kleines Gespräch mit ungewissem Ausgang.

Und jetzt? Ach, „Dicker“, du wirst vermisst. Deine Stimme würde gebraucht. Wieder.

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Heinrich Heine: Das Buch der Lieder

„Ich weiß nicht, was soll es bedeuten;
Daß ich so traurig bin;
Ein Märchen aus alten Zeiten,
Das kommt mir nicht aus dem Sinn.

Heinrich Heine (1797 – 1856)

Es gibt Gedichte, die sind irgendwie immer da. Es gibt Bücher, die begleiten einen durch das ganze Leben. Und es gibt Stimmen, die summen immer wieder eine Melodie in meinem Kopf. All dies erfüllt für mich „Das Buch der Lieder“ von Heinrich Heine.

Dieses Konglomerrat der frühen Heine-Gedichte, die er ab 1815, damals noch in Düsseldorf, bis 1827 schrieb und unter dem Titel „Das Buch der Lieder“ als Sammelband herausgeben ließ, es ist natürlich ein Stück „deutsches Kulturgut“, um diese hochtrabende Bezeichnung anzuführen. Einer der meistgedruckten deutschen Lyrikbände: Er begründete Heines weltweiten Ruhm als Lyriker, befördert wurde dies durch zahllose Vertonungen etlicher dieser Gedichte (Kindlers Literaturlexikon führt an die 10.000 an). Ob lesender Mensch oder nicht: Mit einem Heine-Gedicht kommt man früher oder später immer in Berührung. Selbst bei meiner Großmutter, in deren wuchtigem Holzbuffet nur einige Bände Ganghofer und ähnliche Bergromane standen, fand sich zwischen alpiner Literatur ein „Buch der Lieder“, fast erdrückt von den Gipfelstürmern, und dennoch setzte es sich durch. Es ist das einzige Buch, das ich von ihr jemals geschenkt bekam. Als Pubertier wusste ich dies zu schätzen: Da sprach einer so anrührend hauptsächlich von der Liebe, aber vor allem von ihrem Verlust, manchmal ironisch, manchmal fürchterlich sentimental, das toppte jeden eigenen Tagebucheintrag.

Du bist wie eine Blume,
So hold und schön und rein;
Ich schau dich an, und Wehmut
schleicht mir ins Herz hinein.

Mir ist, als ob ich die Hände
Aufs Haupt dir legen sollt,
Betend, daß Gott dich erhalte,
So rein und schön und hold.

Dann geriet das Buch unter Kitsch-Verdacht, Heine wurde in eine der hinteren Regalecken zu den Verschämten Lektüren verbannt. Staubte vor sich hin. Ich gestehe es offen: Ich musste erst ein paar Jahre älter, um die eine oder andere Erfahrung reicher werden, um den Herrn Heinrich wieder goutieren zu können. Denn die holden Mägdelein, die süßen Äuglein, die Schmacht im Herzen – sprachlich up to date ist das freilich nicht. Und manches Mal knapp an der Schmerzherzgrenze. Wäre da nicht diese Brechung durch Ironie, die immer wieder aufblitzt.

Teurer Freund, du bist verliebt,
Und Dich quälen neue Schmerzen;
Dunkler wird es dir im Kopf,
Heller wird es dir im Herzen.

Teurer Freund, du bist verliebt,
Und du willst es nicht bekennen,
Und ich seh des Herzens Glut
Schon durch deine Weste brennen.

Viele der Verse, sieht man von den holperigen Beinah-Balladen des jungen Heine und von manchem, was gar zu schwülstig ist, ab – viele der Verse sind gar nicht verstaubt, kommen frisch und frei und leicht daher. Im Lauf der Jahre entwickelte der Lyriker diesen leicht maliziösen-wehmütigen, typischen Heine-„Sound“.

Sie liebten sich beide, doch keiner
Wollt es dem andern gestehn;
Sie sahen sich an so feindlich,
Und wollten vor Liebe vergehn.

Sie trennten sich endlich und sahn sich
Nur noch zuweilen im Traum;
Sie wären längst gestorben,
Und wußten es selber kaum.

„Das Buch der Lieder“ erschien 1827 erstmals bei Heines Verlag Hoffmann und Campe. Es war eine von ihm zusammengestellte Gesamtausgabe fast aller seiner bis dato veröffentlichten Gedichte, die sich unter den Kapiteln „Junge Leiden“ (1817 – 1821), „Lyrisches Intermezzo“ (1822/23), „Die Heimkehr“ (1823/24), „Aus der Harzreise“ (1824) und den beiden Zyklen „Die Nordsee“ (1825/26) finden. Nicht ganz frei von Koketterie schreibt Heine aus dem Paris Exil, wo er ab 1831 lebte, im Vorwort zur zweiten Auflage:

„Nicht ohne Befangenheit übergebe ich der Lesewelt den erneueten Abdruck dieses Buches. Es hat mir die größte Überwindung gekostet, ich habe fast ein Jahr gezaudert, ehe ich mich zur flüchtigen Durchsicht desselben entschließen konnte (…). Verstehen wird diese Empfindung nur der Dichter oder Dichterling, der seine ersten Gedichte gedruckt sah. Erste Gedichte! Sie müssen auf nachlässigen, verblichenen Blättern geschrieben sein, dazwischen, hie und da, müssen welke Blumen liegen, oder eine blonde Locke, oder ein verfärbtes Stückchen Band, und an mancher Stelle muß noch die Spur einer Träne sichtbar sein… Erste Gedichte aber, die gedruckt sind, grell schwarz gedruckt auf entsetzlich glattem Papier, diese haben ihren süßesten, jungfräulichsten Reiz verloren und erregen bei dem Verfasser einen schauerlichen Mißmut.“

Trotz des Mißmutes: Nach der zweiten Auflage tritt der Gedichtband seinen „Siegeszug“ an – Heine selbst erlebt bis zu seinem Tod (nach Jahren in der Matratzengruft) 13 Auflagen dieses Buches. Als verbindliche Fassung gilt die von 1844, die er, da selbst in Hamburg anwesend, vor Ort abnahm und autorisierte. „Das Buch der Lieder“ wird einer der meistgedrucktesten Gedichtbände deutscher Sprache, der Autor in den Jahren danach jedoch auch zu einem der am meisten Geschmähten.

Spricht „Das Buch der Lieder“ noch von der unerfüllten, oftmals schmachtenden Liebe, wird Heines Lyrik später, auch bedingt durch die Pariser Erfahrungen, „handfester“. Heine selbst wollte mit der Veröffentlichung des Buches der Lieder 1827 einen Einschnitt setzen, auf zu neuen Ufer gehen: Weg von der noch romantischen Lyrik des jungen Mannes, von den an mittelalterlichen Balladen beeinflussten Versen, hin zu philosophischen und politischen Schriften – er gibt ab 1827 die „Neuen allgemeinen politischen Annalen“ mit heraus, beginnt für Cottas Augsburger Allgemeine Zeitung zu schreiben und beschäftigt sich mit neuen Themen in Paris. Erst 1844 erscheint ein zweiter Lyrikband, der prompt die Zensoren vor Probleme stellt – der romantische Liederbuch-Heine war dem reinen Schwärmen entwachsen.

„Die Aufnahme der Körperlichkeit ins lyrische Inventar löste in Deutschland eine Flut von Schmähungen aus, die bezeichnenderweise stets vom Modell des Erlebnisgedichts her argumentieren und die Texte als biographische Dokumente auffassten. Dabei ist ihr starker politischer Akzent nicht zu übersehen: Die Liebe stand im reaktionären Deutschland wie die Politik im Zeichen von Entsagung und Unterdrückung.“ (Bernd Kortländer, Kindlers Literaturlexikon, 2009).

Das Sinnlich-Erotische, das Unabhängige, die Abkehr von Deutschland, seine spitze Feder und nicht zuletzt seine jüdische Herkunft: Er wurde als „vaterlandsloser Deutschjude“ beschimpft, im Nationalsozialismus gehörte er, von dem das Zitat „Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen“ stammt, zu den „verbrannten Dichtern“. Doch nicht einmal die braunen Diktatoren konnten seine Lyrik vollständig verbannen – zu sehr gehörten gerade die Loreley-Verse und anderes aus dem „Buch der Lieder“ schon zum kollektiven Gedächtnis. Man ging dazu über, in Volksliedsammlungen und ähnlichem seinen Namen wegzulassen – verdrängen ließ sich der Spötter aus dem Gedächtnis jedoch nicht. Auch eine Art später Triumph.

Selten habt ihr mich verstanden,
Selten auch verstand ich euch,
Nur wenn wir im Kot uns fanden,
So verstanden wir uns gleich.

Mag heute vieles aus dem „Buch der Lieder“ holprig erscheinen, schwärmerisch-exaltiert, manches zu sentimental: Schön ist das Schmachten doch. Auch wenn Heine in Karl Kraus einen späten erbitterten Kritiker fand, der mit seinem Sprachgebrauch harsch ins Gericht ging:

„Heinrich Heine aber hat den Deutschen die Botschaft dieses Himmels gebracht, nach dem es ihr Gemüt mit einer Sehnsucht zieht, die sich irgendwo reimen muß und die in unterirdischen Gängen direkt vom Kontor zur blauen Grotte führt. Und auf einem Seitenweg, den deutsche Männer meiden: von der Gansleber zur blauen Blume. Es mußte geschehen, daß die einen mit ihrer Sehnsucht, die andern mit ihren Sehnsüchten Heinrich Heine für den Erfüller hielten. Von einer Kultur gestimmt, die im Lebensstoff schon alle Kunst erlebt, spielt er einer Kultur auf, die von der Kunst nur den stofflichen Reiz empfängt. Seine Dichtung wirkt aus dem romanischen Lebensgefühl in die deutsche Kunstanschauung.“

Das Essay „Heinrich Heine und die Folgen“ findet sich in voller Länge hier.
„Das Buch der Lieder ist ein harter Brocken“, gestand Robert Gernhardt, der erst spät zum Heine-Anhänger wurde. Weil, was den einen zum Vorwurf gereichte – Heine habe der Sprache so sehr das Mieder gelockert, dass jeder Kommis an ihren Brüsten herumfingern könne (Karl Kraus), das erschien den anderen als längst überfällig. „Wir von der Neuen Frankfurter Schule haben ihr dann auch noch das Höschen geweitet. Man muß sie schon ein bißchen frei machen, damit man mit ihr spielen kann“, so Gernhardt im Interview.

Der eine sagt: „Heinrich mir graut vor Dir“. Der andere greift immer wieder auf ihn zurück – ist er doch auch der Dichter der suchenden, sentimentalen Seelen (und das darf auch mal sein). Und so hat sich im Lauf der Jahre das „Buch der Lieder“ immer wieder in mein Regal geschlichen – als Taschenbuch-Ausgabe, weil Großmutters Band in Ehren gehalten werden muss und nichts für den täglichen Gebrauch ist. Und als Hoffmann und Campe 2014 eine kleine Prachtausgabe herausbrachte, da konnte ich mich wieder nicht zurückhalten. Diese ist ergänzt durch ein Nachwort von Jan-Christoph Hauschild, Mitarbeiter am Heinrich-Heine-Institut in Düsseldorf. Er schreibt über die Gedichte des jungen Heine:

„Traditionell-epigonales, der Schauer- oder der Marienromantik Verpflichtetes mischt sich mit Inhalten aus der konfliktreichen und widerspruchsvollen Gegenwart, Liebeslyrik im Stil der höfischen Dichtung steht neben salopper Behandlung des Themas, kunstvoll gebaute Sonette treffen auf den Ton des erneuerten Volkslieds.
Diese teil konträren Tendenzen, die man auch als virtuose Vielfarbigkeit bezeichnen kann, tun dem Gesamteindruck allerdings keinen Abbruch: Das „Buch der Lieder“ ist seinem Charakter nach ein Buch der Liebe, genauer: der unglücklichen Liebe, die Heine in hundertfacher Variation besungen hat.“

Aus meinen großen Schmerzen
Mach ich die kleinen Lieder;
Die heben ihr klingend Gefieder
Und flattern nach ihrem Herzen.

Sie fanden den Weg zur Trauten,
Doch kommen sie wieder und klagen,
Und klagen, und wollen nicht sagen,
Was sie im Herzen schauten.

Alle hier zitierten Gedichte stammen aus dem „Buch der Lieder“.


Bild zum Download: Das Buch der Lieder


 

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Jonathan Franzen: Das Kraus-Projekt

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Bild von Free-Photos auf Pixabay

Das Fräulein stand am Meere
Und seufzte lang und bang,
Es rührte sie so sehre
Der Sonnenuntergang.

Mein Fräulein! seyn Sie munter,
Das ist ein altes Stück;
Hier vorne geht sie unter
Und kehrt von hinten zurück.

Heinrich Heine

Expansion

`nen Platz an der Sonne erlangen?
Nicht leicht.
Denn wenn er erreicht,
ist sie untergegangen.

Karl Kraus

Die Sonne ist zwar deswegen nicht untergegangen, aber ich habe erstmals ein Jonathan Franzen-Buch halbgelesen weggelegt. „Das Kraus-Projekt“: Mir kam es beim Lesen vor, als mache hier ein zwar eifriger, aber unkonzentrierter Student ständig seine Zwischenrufe … Franzen befasst sich mit zwei Aufsätzen von Karl Kraus, darunter jenem, in dem der Wiener Polemiker Heinrich Heine auseinandernimmt.

In Franzens Buch reihen sich Fußnoten an Fußnoten mit literarischen Erläuterungen, persönlichen Anekdoten (Anekdötchen), Betrachtungen über das Übel des Internets, amerikanische Literatur (Updike vs. Roth) usw. usf. aneinander. Man könnte sagen – Kraus ist die Grundlage und Franzen zwitschert dazu was.

Wie dieses:
„Wer hat schon Zeit, Literatur zu lesen, wenn man bei so vielen Blogs auf dem Laufenden bleiben, so vielen Essenschlachten auf Twitter folgen muss?“

Oder:

„Kraus macht sich hier über den im Wien der Vorkriegszeit herrschenden Stil des impressionistischen Journalismus lustig, der vor Adjektiven strotzt und mit „tiefschürfenden Gedanken“ gespickt ist, aber seine Bemerkung „Immer passt alles zu allem“ wird auch jedem America-Online-Kunden bekannt vorkommen, der die schreckliche Boulevardisierung (…)“

So hüpft Franzen von Krausens Vorkriegszeit zu AOL, bespickt die Fußnoten mit seinen tiefschürfenden Gedanken, verknüpft sie mit seiner Gegenwartskritik an einer verdigitalisierten Gesellschaft und bläht somit das Ganze zu einem veritablen Buch von  mehr als 300 Seiten auf. Im Grunde ist das Buch ein einziger Hashtag
#franzenüberkrausüberheineundüberdiewelt
und Jonathan Franzen ein Twitterer, der sich nicht mit der Zeichenbegrenzung abfinden kann. Die Erläuterungen zu Kraus und zu dessen Aufsätzen über Heine und Nestroy: Kenntnisreich ja, aber impressionistisch. Neue Kraus-Leser aus der großen Franzen-Fan-Gemeinde werden sich da wohl kaum finden.

Das Buch an sich: Kein Platz an der Sonne. Franzen: Den Zenit überschritten?

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