Arno Tauriinen: Goldgefasste Finsternis

Taurinnen

Bild: (c) Michael Flötotto

„Folge mir“, sagt Luciver und nimmt den Alten unter den Arm, „gehen wir erst einmal etwas trinken – ich kenne ein feines kleines Lokal, unter Straßenniveau, Holzfußböden, raunzige Bedienung und ruhige Beleuchtung … Wein aus den Jahren vor dem letzten Krieg … Da setzen wir uns hin und trinken ein gutes Glas. Der Hofmannsthal ist übrigens auch da, der Altenberg ist bestellt, will auch kommen, wenns ihm möglich ist … Der Grillparzer hat sich schon einen Rausch zusammengetrunken und bestimmt spielen uns ein paar Mozarti eine hübsche Musik …“
„Der Hofmannsthal, der Grillparzer“, stutzt der tote Dichter verblüfft, „die sitzen da im Lokal?“
„Wo sollten sie sonst sitzen“, wundert sich der Teufel über so viel Ungläubigkeit, „in der Hölle etwa?“

Arno Tauriinen, „Goldgefasste Finsternis“, Topalian & Milani Verlag, 2017.

Shakespeare hat es auf den Punkt gebracht: „
Die ganze Welt ist Bühne. Und alle Fraun und Männer blosse Spieler. Sie treten auf und gehen wieder ab, sein Leben lang spielt einer manche Rollen durch sieben Akte hin.“

Doch wer entscheidet, ob wir die Hauptrolle in einer Tragödie spielen, einen bloßen Nebenpart in einem seichten Dramolett haben oder gar prädestiniert sind für das Varieté? Ist Gottvater der große Strippenzieher oder doch sein missratener Sohn, der Höllenhund? Im Fall des Falles wünscht sich mancher insgeheim wohl doch eher Lucifer als Intendanten – da kann im Stück zwar manches höllisch daneben gehen, aber zumindest wird es nicht fad, bis der große Vorhang fällt.

So geschieht es in „Goldgefasste Finsternis“: Ein im positivsten Sinne irres, wahnwitziges, spektakuläres Buch voller Überraschungen, Kapriolen, unvermuteten Volten, bis die Schwärze sich am Ende auch über Lucifer senkt. In diesem „Luftschloss in Prosa“ (so der Untertitel) verwandelt das Theatergenie Lucius Onagre die ganze Welt in ein Theaterstück. Sein Werk „Basilisk“ breitet sich über den gesamten Globus aus, vereinnahmt ihn gewissermassen, Mensch, Tier und Fabelwesen werden einverleibt, das ganze Leben wird zum Spiel.

„Zu lange schon.
Zu lange schon ging das alles.
Gott, der in einer kleinen Loge weit über allem
Treiben zur Rechten seines zweiten Sohnes sitzt,
weiß nicht, wie er sich wachhalten soll …

Zu müde ist er von allem Weltentheater, für das man ihm an diesem Abend auch noch ein Billett aufgeschwatzt hat, und nichts von dem, was sich seinen Augen bietet, ist neu, zumindest nicht für ihn.“

Das Spiel des Lebens, das ist hier die Geschichte von Gott und seinem abtrünnigen Sohn, jener Luciver, der mit dem Spektakel eigentlich nur eines will: Die Liebe und Anerkennung seines Vaters. Viel Lärm um nichts? Beileibe nicht! Wer absurde, verspielte Geschichten in der Tradition beispielsweise eines Herzmanovsky-Orlando mag, wer Sinn hat für phantastische Kapriolen und eine Sprache liebt, die geprägt ist von diesem schwarzhumorigen-melancholischen Humor, den vor allem die Wiener beherrschen, der wird diesen Roman goutieren. Zumal neben den eingangs erwähnten Kaffeehausliteraten auch noch Freud und etliche andere Prominente ihren Gastauftritt auf dieser Bühne haben. Angesiedelt in der fiktiven Stadt W., erzählt von einem dritten Mann, glänzt W. alles andere als gülden:

„W., du schöne und ewige Dalle für jenseitssüchtige Verbrecher, Mörder, Lüstlinge, Schabernakkreisende, Physiker und Säulenheilige, Irrwische und Schauspieler, vor allem aber Stadt der vielen Theater, in denen das Volk sich von Tagesanbruch bis in die späte Nacht das Herz aus dem Leib reißt und anderem Volk zum Fraß vorwirft. Stadt, in der alles, was nicht gesagt werden darf auf Litfaßsäulen und Plakatwänden erscheint … und doch niemals gelesen wird.“

Nun, ich kann nur empfehlen: Lest diesen Roman! Und schaut und staunt: Die Reise durch die goldgefasste Finsternis wurde kongenial illustriert von Max P. Häring, dessen Stil und Sinn für Phantastik wie geschaffen scheint für dieses Welttheater in Prosa. Für „Topalian & Milani“ stattete er bereits den ebenfalls wunderschönen Band „Die römische Saison“ von Lutz Seiler mit seinen Zeichnungen aus.

Bleibt am Ende, bevor der Vorhang sich senkt, nur noch die Frage nach dem eigentlichen Strippenzieher: Denn Arno Tauriinen, der so wenig österreichisch anmutende Name, ist ein Pseudonym. Dahinter versteckt sich, so der Verlag, ein in Wien geborener Neurologe, der Raubtierzähne, vertrocknete Kakteen und alte Bücher sammelt. „Goldgefasste Finsternis“ sei sein erstes veröffentlichtes Buch, ein „Exzerpt aus vielen hunderten Notizen, Zetteln und Typoskripten.“ Ich habe da zwar eine Vermutung – doch möge das Pseudonym lange ungelüftet bleiben, die Geschichte um Arno Tauriinen ist zu gut, wahr oder nicht.

PS: Als ich am Schreiben dieser Rezension war, erreichte mich die Nachricht, dass „Goldgefasste Finsternis“ auf der Hotlist 2017 der unabhängigen Verlage ist. Meine Stimme hat das Buch:
https://www.hotlist-online.com/

Verlagsinformationen zu „Goldgefasste Finsternis“:
http://www.topalian-milani.de/portfolio/arno-tauriinen-goldgefasst/

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Fritz von Herzmanovsky-Orlando: Der Gaulschreck im Rosennetz

Galschreck

Bild: (c) Michael Flötotto

„Nie betrat Eynhuf sein Amt anders, als mit einem Gefühl aus freudigem Stolz und gebührender Ehrfurcht gemischt.“

Fritz von Herzmanovsky-Orlando, „Der Gaulschreck im Rosennetz“, 1928.

Hofsekretär Jaromir Edler von Eynhuf ist, man merkt es alsbald, ein tumber Tor. Und damit im verschnörkelten Hofstaat des österreichischen Kaisers – die „Wiener Schnurre aus dem modernen Barock“ ist in die Zeit um 1820 angesiedelt – nicht einzigartig. Doch Eynhuf, der seinem Kaiser zum Thronjubiläum eine Kette aus Milchzähnen schenken will, schlägt im Verlauf dieser Posse alle Tumbheits-Rekorde: Auf der Jagd nach dem letzten fehlenden Milchzahn, den er der Opernsängerin Höllteufel, einer wahren femme fatale, entreißen will, erlebt er die skurrilsten Abenteuer. Als Schmetterling verkleidet, sprengt er beinahe einen Ball, verfällt natürlich der aussichtslosen Liebe zur Höllteufelin, lässt Liebestränke brauen, verführt Dienstmädchen und stolpert von einem Fettnäpfchen ins andere. Am Ende alles Malaise, Malaise: Ihm bleibt nur, nachdem er mit dem Milchzahnvorhaben scheitert, sich zu erschießen, das sieht die Konvention vor.

Fritz von Herzmanovsky-Orlando (bei einem solchen Namen kann man wahrscheinlich nur völlig verrückte Schnurren schreiben) hatte „Der Gaulschreck im Rosennetz“ als Auftakt zu einer österreichischen Trilogie geplant. Tatsächlich erschien zu seinen Lebzeiten (1877 – 1954) allerdings nur der Gaulschreck anno 1928. Den Adelsspross focht dies, zumindest in finanzieller Hinsicht, nicht weiter an: Reich geboren, musste er seinen Lebtag lang nie einem Brotberuf nachgehen. Er tobte sich mit dem Schreiben skurriler Geschichten aus, zeichnete wie sein enger Freund Alfred Kubin  – auch der Gaulschreck ist mit seinen eigenen, ganz annehmbaren Illustrationen erschienen –, gab sich gerne dem Okkultismus hin und hegte leider auch eine große Sympathie für die Ideologie des Nationalsozialismus.

Insofern ist es wiederum eine eigentümliche Wendung der Literaturgeschichte, dass ausgerechnet der jüdische Schriftsteller Friedrich Torberg 1957 eine Gesamtausgabe der H.-O.-Werke besorgte und den schreibenden Adelssproß damit dem Vergessen entriss. Seither hat der Schriftsteller des Skurril-Fantastischen eine kleine, aber treue Fangemeinde – und daran ändern auch postume Erkenntnisse über seine abwegigen Ansichten nichts.

Abgesehen von diesen Begleitumständen: „Der Gaulschreck im Rosennetz“ ist wirklich nur empfehlenswert für Menschen, die diesen skurrilen Humor teilen und barock-abschweifende Geschichten mögen. In den 1980er-Jahren begann der Residenz Verlag erneut mit einer großen Werkausgabe zu Fritz von Herzmanovsky-Orlando – der Gaulschreck ist dabei in einer schönen Ausgabe mit den Illustrationen wieder erschienen. Im Spiegel erschien dazu ein Portrait dieses Dichters, dessen Leben selbst Stoff für einen skurrilen Roman wäre – über H.-O. hieß es:

„Die Torberg-Ausgabe prägte das Bild des Dichter-Dandys Herzmanovsky – eines spielerischen Connaisseurs versunkener Zeiten, eines Virtuosen sprachlicher Mimikry und lässiger, monströser Boshaftigkeit; ein Nestroy für die gehobenen Stände.“

Der Artikel in voller Länge bei Spiegel Online.


Perutz, Leo: „Der Meister des jüngsten Tages“ (1927).

Kaffeehausliteratur: Leo Perutz verurteilte seinen Roman – dabei einer seiner publikumswirksamsten – als „Bockmist“. Dabei ist Perutz-Bockmist immer noch hundertmal besser als …
In der NNZ hieß es 2006: „Dieses zum ersten Mal 1927 erschienene Buch spielt vor dem Ersten Weltkrieg. Bei der Suche nach den wahren Gründen für den Suizid eines Offiziers werden die Grenzen zum Detektivroman mit bewussten Anklängen an Sherlock Holmes überschritten, gleichzeitig entsteht durch die sehr rhythmische Erzählweise eine überaus „dichte“ Atmosphäre.“
Doppelbödiges Spiel mit Realitäten, ein Todesfall, viel Eifersucht und leidende Künstler im Wien des Jahres 1909. 1a-Bockmist!
Leo Perutz bei dtv: Leo Perutz Autorenseite.


 

Tschuppik, Karl: „Ein Sohn aus gutem Hause“ (1937).

Einziger Roman des Journalisten Karl Tschuppik (1876 -1937), antifaschistischer Publizist, Freund von Joseph Roth, Anton Kuh, Klaus Mann, etc. Der Roman: A bisserl Schnitzler, a bisserl Zweig, a bisserl Schmäh. Stark in den politischen Passagen. Erzählt wird die Entwicklung eines sensiblen Beamtensohnes, der vom Vater in den Militärdienst gezwungen wird.
Aus der Besprechung bei fixpoetry: „Eher schablonenhaft zeigt der Roman die Stationen einer typischen Herrensohn-Jugend im alten Österreich, er ist eher eine Absolvenz- als eine Adoleszenzgeschichte, es wird kein Reifungsprozess in dem Kavallerieschüler sichtbar, der sich am Vorabend zum Ersten Weltkrieg, noch nicht ganz 18-jährig, freiwillig meldet. Mit dieser Entscheidung endet der Roman: die Erwachsenwerdung erfolgt von außen, der Weltkrieg gibt den Ritterschlag.“

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