Edith Wharton: In Marokko

„Aus diesem friedlichen Eckchen geht man weiter in die barbarische Pracht eines Souks, in dem zahllose fiedrige Bündel unverzwirnter Seide hängen, Stränge in Zitronengelb, Karmesinrot, Grashüpfergrün und reinem Purpur. Dies ist das Viertel der Seidenspinner, das sich direkt an das der Färber anschließt, mit großen, brodelnden Kesseln, in die die Rohseide getaucht wird, mit gespannten Seilen, über denen die Regenbogenpracht zum Trocknen hängt.“

Edith Wharton, „In Marokko“, 1920, in deutscher Übersetzung bei Edition Erdmann, Wiesbaden, 2016.

1917 erhält die amerikanische Schriftstellerin Edith Wharton, die zu dieser Zeit schon überwiegend in Paris lebt, die Einladung zu einer außergewöhnlichen Reise: Louis-Hubert Lyautey, der französische Generalresident in Marokko, ermöglicht es ihr, das Land der Berber zu erkunden. Unter Schutz des französischen Militärs reist Wharton sechs Wochen lang „Vom Hohen Atlas nach Fès – durch Wüsten, Harems und Paläste“ (so der Untertitel des Buches). Marokko, das Tor zu Afrika, war bis dahin kaum von Privatreisenden besucht worden, Wharton gelangte an Orte, die Fremden – geschweige denn Frauen – bis dahin verschlossen geblieben waren. Ebba D. Drolshagen, die den Reisebericht ins Deutsche übersetzt hat, schreibt in ihrem informativen Vorwort:

„Unter dem privilegierten Schutz und in Begleitung der französischen Machthaber schlenderte Wharton nicht nur unbehelligt durch Basare und besichtigte Ausgrabungsstätten, sondern erlebte in dieser kurzen Zeit eine erstaunliche Vielfalt spektakulärer, exotischer, im Westen kaum erahnter Dinge: Sie wohnte dem Hammelopfer des Sultans und den religiösen Zeremonien in der heiligen Stadt Moulay Idris bei, schauten den tanzenden Knaben der Chleuhs zu, besuchte ein jüdisches Ghetto, sah als einer der ersten Menschen überhaupt die 1917 wiederentdeckten Saadier-Gräber, und war – last but not least – Gast in den Privaträumen großer Paläste und den Harems der Mächtigen.“

Im straffen Reiseplan sind unter anderem Rabat, Salé, Fès und Marrakesch enthalten. Wharton, die sich schon zuvor als Reiseschriftstellerin betätigt hatte, hatte sich mit den spärlichen und überwiegend französischen Quellen – unter anderem mit Bulletins französischer Archäologen – auf ihr Abenteuer vorbereitet. Präpariert mit fachlichen Kenntnissen und ausgestattet mit der Neugier einer Schriftstellerin verfasst Wharton (die drei Jahre später für „Zeit der Unschuld“ als erste Frau mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet werden sollte) zugleich kenntnisreiche und genaue, ebenso aber sehr sinnliche Texte über diese „terra incognita“, die Marokko für sie und ihre Leser 1917 immer noch ist. Sie schreibt zudem in dem Bewusstsein, dass sie unberührtes Terrain betritt, das, wenn erst  „die Springflut der Touristen“ folgt, einen Teil seines Zaubers verlieren wird.

„Die Kadis in vielschichtigen Baumwollgewändern, die uns an geheimen Pforten erwarteten und durch Bögen und Gänge zu den unvorhersehbaren Wundern von Gärten und Brunnen führten; die schwarzen Frauen mit bunten Ohrringen, die von bemalten Balkonen hinab spähten, die Pilger und Kreaturen, die an heißen Mauern in der Sonne dösten, die menschenleeren Hallen mit Stuckarbeiten und goldenen Pendentifs in gekachelten Nischen; die venezianischen Kronleuchter und protzigen Rokokobetten, die Terrassen, von denen Tauben in weißen Wolken aufstieben, während wir über einen Teppich aus ihren Federn gingen – waren das Geister vergangener Zeiten oder war das wirklich der Ort, an dem ein reicher Kaufmann mit Geschäftsbeziehungen in Liverpool und Lyon lebte, ein Regierungsbeamter, der in diesem Moment in seinem Auto mit sechzig Sachen nach Meknes oder Casablanca raste?“

A propos unberührtes Terrain: Das Maghrebland war schon seit Jahrzehnten zum Zankapfel europäischer Mächte mit ihren kolonialistischen Begierden geworden, 1912 wurde Marokko in ein französisches und ein spanisches Protektorat aufgeteilt, die Deutschen – Wilhelm II. hatte mit einem Besuch beim Sultan 1905 eine Marokko-Krise ausgelöst – hatten das Nachsehen. Wharton reist 1917, im vorletzten Kriegsjahr, also in ein fremdbesetztes Land. Doch die Amerikanerin, die 1916 zum Ritter der Ehrenlegion geschlagen worden war, macht aus ihren Standpunkt kein Geheimnis: Das Buch, das  General Lyautey und dessen Frau gewidmet ist, eröffnet einen Blick auf das Land durch die Augen einer Frau, die mit der scheinbaren Überlegenheit europäischer Zivilisation auf „das Fremde“ blickt: Mal wird die Kultur und Gesellschaft Marokkos als „überreif“ charakterisiert, mal als „unreif“ bezeichnet, durchweg wird der Umgang der Marokkaner mit den Zeugnissen ihrer Kultur und Geschichte kritisiert, wird der wohltuende Einfluss der Franzosen hervorgehoben. So waren die Reiseberichte, die zunächst in einer amerikanischen Zeitschrift und dann 1920 als Buch erschienen, wohl auch eine gelungene Propaganda für die französische Regierung.

Trotz dieses Vorbehalts lohnt die Lektüre von „In Marokko“ auch heute noch. Aufschlüsse über die Situation des modernen Landes, des Königsreichs in der Gegenwart, darf man sich von diesem Bericht dabei allerdings nicht erwarten. Aber als kunsthistorische Reisebegleitung wäre das Buch Whartons eine gute Empfehlung, zumal sie den Reisebeschreibungen auch Abrisse über die marokkanische Geschichte und Architektur beigefügt hat. Wer einmal die Koutoubia-Moschee in Marrakesch, die Qarawīyīn-Moschee in Fès oder den Bahia-Palast gesehen hat, der wird seine Freude daran haben, mit den Augen Whartons auf diese Denkmale der Architektur zu blicken, unbehelligt von Touristenmassen und einheimischen Händlern. In Marrakesch ist Edith Wharton im Bahia-Palast untergebracht:

„Aus weiter Ferne, durch gewundene Korridore, wehte der Duft von Zitronenblüte und Jasmin, vor Tagesanbruch manchmal begleitet vom Zwitschern eines Vogels, bei Sonnenuntergang von der Klage einer Flöte, des Abends immer mit dem Ruf des Muezzins (…). Manchmal, wenn ich auf meinem Diwan lag und durch die zinnoberroten Türen hinausblickte, überraschte ich ein Schwalbenpaar, das aus seinem Nest in den Zedernholzbalken herabkam, um sich am Brunnenrand oder in den Wasserrinnen im Fußboden zu putzen (…).“

Wem dies zu sehr nach romantisierter „TausendundeinerNacht“ klingt – dass sie sich als Frau in einer privilegierten Situation befindet, dessen ist sich Edith Wharton während ihrer Reise durchaus bewusst, kritisch blickt sie – obwohl sonst selbst keinen Hehl aus ihrem Antisemitismus machend – auf die Ghettoisierung der jüdischen Bevölkerung, auf den Umgang mit Sklaven und die Situation der Frauen, die sie in den Harems und Haushalten der Marokkaner kennenlernt. Bei einem Besuch fällt ihr ein Kind auf, ein Sklavenmädchen, gekleidet in Fetzen, das stillschweigend jeden Befehl seines Herrn ausführt. Ebba D. Drolshagen schreibt:

Dieses Kind wurde zum Anlass für ihr schärfstes Urteil über Marokko: „Hinter dem traurigen Mädchen, das an dem Torbogen lehnte, stand das ganze düstere Elend eines Gesellschaftssystems, das dem Islam wie ein Mühlstein am Halse hängt.“

Informationen zum Buch und zur Reihe:

Reiselustigen Lesenden sei die „Edition Erdmann“ im Verlagshaus Römerweg ans Herz gelegt – neben bekannten Klassikern der Reiseliteratur von Humboldt, Darwin und Forster erschienen in dieser Reihe bislang auch etliche Reisebücher von wagemutigen Frauen, die oftmals, ähnlich wie Edith Wharton als Pionierinnen in bis dahin verschlossenen oder gar unbekannten Weltgegenden unterwegs waren.

http://www.verlagshaus-roemerweg.de/Edition_Erdmann.html

Spende? Gerne!

Wer das Engagement dieses Blogs unterstützen möchte, kann dies gerne mit einem Beitrag via Paypal tun. Oder ganz klassisch mit einer Überweisung, die Daten dafür finden sich im Impressum.

€5,00

Edith Wharton: Dämmerschlaf

„Dexter war in die Kanzlei aufgebrochen, ohne noch einmal nach ihr zu sehen; so wie am Abend zuvor die Fahrt hin zu den Toys und zurück verlaufen war, hatte sie fast damit gerechnet. Wenn er einen seiner Anfälle verkniffenen Schweigens hatte – und die wurden immer häufiger, wie sie bemerken musste -, war es zwecklos, sich einzumischen. Nachklänge aus Freuds Lehren, vielleicht etwas verworren ausgelegt, hatten ihren Glauben an die Heilsamkeit eines klärenden Gesprächs gefestigt, und sie hätte Dexter diese Medizin gerne aufs Dringendste empfohlen, aber beim letzten Mal hatte er sie mit der verletzenden Antwort abgefertigt, ein Abführmittel sei ihm lieber.“

Nun, Pauline Manford hat Mittel (auch in finanzieller Hinsicht) und Wege genug, um dieses Problem der fehlenden kommunikativen Achtsamkeit zu lösen. Mit etwas Lektüre von Dale Carnegie und Dr. Joseph Murphy schöpft sie ihr Unterbewusstsein als die wahre Quelle ihres Reichtums aus, ein Seminar in positivem Denken führt zu mentalem Positivismus, dazu eine Prise neurolinguistisches Programmieren, sowie einige Gespräche mit dem Trainer für Selbstoptimierung und für den programmatischen Überbau etwas Philosophie light mit Richard David Precht: Schon ist man wieder gerüstet für das nächste Society-Event, den nächsten Wohltätigkeitsball.

Uuups…da bin ich ein paar Jahrzehnte verrutscht. Um zu zeigen, wie modern Edith Whartons einziger satirischer Roman „Dämmerschlaf“ auch heute noch ist. Die Erzählung einer Familie der New Yorker „Oberen Zehntausend“ liest sich so frisch, als spielte er in der Jetztzeit. Also nicht, dass ich persönlich mich in diesen Kreisen bewegen würde – was aber in den „Goldenen Zwanzigern“ wohl ein Wohlstandsphänomen war, ist heute ein Massenphänomen in einer für viele gesättigten, ziellosen, orientierungslosen Zeit: Das Fieber der Selbstoptimierung. Die Suche nach dem mentalen Führer. Wo keine anderen Sorgen mehr spürbar sind, widmet man sich der eigenen „Achtsamkeit“ (mein Pfui-Wort des Jahres – aus Erfahrung sind dies meist die egozentrischsten, unachtsamsten Menschen), wo Wohlstandslangeweile vorherrscht, feilt man an seinem kleinen Ego.

„Dämmerschlaf ist eine Satire auf die besseren Kreise New Yorks. Schmerzfrei durchs Leben zu kommen, dabei stetig nach vorn zu schauen und an der Optimierung der eigenen Person, vor allem des eigenen Körpers zu arbeiten, damit weder große Gefühle noch Krankheit und Tod einem die Laune verderben – das sind die Themen dieses Romans. Nehmen wir die anderen Topoi dazu (…), dann schauen wir auf eine Gesellschaft, die uns bekannt vorkommt“, schreibt Verena Lueken in ihrem Nachwort zu diesem Roman, der 1927 erschien und nun vom Manesse Verlag in neuer Übersetzung (hervorragend: Verena Ott) herausgegeben wurde.

Das Buch war für die durchaus erfolgsverwöhnte Schriftstellerin Edith Wharton kein verkaufsträchtiger Meilenstein – wie Verena Lueken meint, lag dies wohl daran, dass Wharton zuvor ihre scharfe Zunge vor allem nur an Vergangenem gerieben hatte – dass sie in „Dämmerschlaf“ ein Milieu der Gegenwart erheiternd und bitterböse beschrieb nahm dieses Milieu, das die Autorin nur zu gut kannte, ihr übel. Aber wer möchte denn schon bei der Befragung des Spiegels nach der/dem Schönsten, Reichsten, Besten, Schnellsten im ganzen Lande das eigentliche Spiegelbild vorgehalten bekommen? Das wäre denn doch das Ende der Selbstoptimierung…

Letztendlich nützt das scheinbar beste Korsett aus Psychogeschwafel, Positivem Denken und einem wohlgefüllten Terminkalender, der zum Nachdenken keine Pause lässt, jedoch nichts, wenn das Leben zuschlägt – dies in Form der kleinen, amoralischen Lita, der „femme fatale“ des Romans, die das Lügengebäude mit zarter Hand zertrümmert.

Das Leben gescheitert, die Liebe gescheitert: Emotional und moralisch sind am Ende alle bankrott so wie zuvor. Und es bleiben nur die letzten, alten Ängste.

„Tiefer als all ihre eklektische Religiosität, tiefer als ihr Stolz auf den Empfang des Kardinals, tiefer als die vielen vordergründigen Widersprüche und Verrenkungen eines schon ganz ausgeleierten Gewissens, saß die nackte, altbekannte puritanische Angst vor dahingleitenden Priestern und Weihrauch und Götzendienerei, und Nona sah mit leichtem Lächeln, wie sie sich an die Oberfläche des Gesichts ihrer Mutter stahl. Vielleicht war diese nackte Angst der einzige ursprüngliche Charakterzug, der ihr noch geblieben war.“


Edith Wharton, „Dämmerschlaf“: Ein lesenswerter, moderner und erfrischend satirischer Roman.
Manesse Verlag, 320 Seiten, 24,95 €, ISBN 978-3-7175-2172-3.

Im Manesse Verlag ist 2011 zudem erschienen „Ein altes Haus am Hudson River“ von Edith Wharton – mit dem streckenweise sehr elegischen Ton dieses Buches tat ich mir hingegen etwas schwer.
Thematisch verwandt und überdies ein ebenso funkelndes Stück Literatur ist zu „Dämmerschlaf“ der Roman „Die Party bei den Jacks“ von Thomas Wolfe („Schau heimwärts, Engel“), 2011, Manesse Verlag.

Bild zum Download: Skulptur


 

Spende? Gerne!

Wer das Engagement dieses Blogs unterstützen möchte, kann dies gerne mit einem Beitrag via Paypal tun. Oder ganz klassisch mit einer Überweisung, die Daten dafür finden sich im Impressum.

€5,00

Henry James: Das Tagebuch eines Mannes von fünfzig Jahren

P1000067

Bild: (c) Michael Flötotto

Henry James (1843 – 1916) zu lesen ist, als würde man Champagner trinken: Man weiß, da hat man etwas ganz Seltenes, Erlesenes, Elegantes. Ein Genuss. Jedoch mit Nachwirkungen: Ein Schluck zu viel davon, und man ist verloren. Und unter dem Glanz dieser Sprache, des Stils liegt schon der Hauch eines bitteren Nachgeschmacks – bald schon bricht in die schillernde Kulisse dieser Satz- und Dialogkonstruktionen die Ahnung einer dunkleren Seite ein, lauert unter dem Glanz etwas Morbides, weht uns eine Vorkenntnis von Herzeleid und Seelenqual, von Scheitern und Zerbrechen an.

Ob in „The Portrait of a lady“, „Daisy Miller“ oder „Washington Square“: In allen seinen großen Roman geht es im Grunde um gescheiterte Lebensentwürfe, um verlorene und vergebliche Liebe (meist sind es die großen Frauenfiguren des Henry James, die sich den Konventionen beugen, sich in eigenen Lebenslügen verstricken und sich, ganz klassisch ausgedrückt, an den „Falschen“ verschenken), um zertrümmerte Träume. Und um Verluste – wer sich sein privates Glück gegen alle Regeln seiner Klasse erkämpft, muss dafür einen anderen Preis bezahlen, so die bittere Erkenntnis. Einfach so kommt keiner davon.

Henry James, der große literarische Psychologe (sein Bruder William war der praktische Vertreter dieser Disziplin, gilt als der Begründer der Psychologie in den USA), spürt den feinen seelischen Beben, dem Hin und Her des Lebens, das sich oftmals zunächst im Inneren abspielt, den inneren Kämpfen feinfühlig nach – und kleidet es in eine Sprache, die in dieser Geschliffenheit wenige so beherrschten wie er. Seine Bücher werden gerne mit dem Etikett „Gesellschaftsroman“ versehen – eine Einschränkung, die ihnen nicht gerecht wird. Denn man kann den Romanen weitaus mehr entnehmen als „the portrait of a society“, die es in dieser Form schon lange nicht mehr gibt. James ist einer, der den Menschen – freilich aus sicherer, kühl beobachtender Distanz – auf den Grund geht. Und so haben seine Romane und Erzählungen in der treffenden Analyse unserer psychisch Beschränkungen (und Beschränktheiten) immer noch ihre Gültigkeit. Lebensweisheiten à la James, die in Sätze verkleidet sind, die man sich durchaus mehrmals über der Zunge zergehen lassen muss, bis sie ihr vollständiges Aroma entfalten:

„Es ist meine Überzeugung, dass es einer Freundschaft meistens nicht zum Vorteil gereicht, wenn mein Freund meine wahre Meinung kennt, denn er kennt sie hauptsächlich dann, wenn es eine ungünstige ist, und dies gilt insbesondere dann, wenn (falls ich das so schief ausdrücken darf) er eine Frau ist.“
Aus der Erzählung „Louisa Pallant“ (1888)

Gerade an seinen kürzeren Arbeiten, den zahlreichen Erzählungen, wird sichtbar, wie sehr Henry James mit den Irrungen und Wirrungen der Menschenseele mitging – die größten Gefahren lauern auf ein Herz, das sich öffnet, die tiefsten Wunden vermag die Liebe zu schneiden, weil sie verletzbar macht. James, selbst ein Lebensvermeider und Liebeverweigerer – mutmaßlich aus Lebensangst, liest man sich in die Biographie dieses von Schwermut geplagten Mannes ein – wusste dies. Und machte sich wenigstens im Schreiben frei davon. Zudem erlaubte es ihm die Position des neutralen Beobachters, sich jede Freiheit in der Beschreibung seiner Mitmenschen erlauben zu können. Und so sind in seinen Büchern immer wieder einige der schönsten Giftigkeiten zu finden:

„Natürlich ist sie nicht einmal mehr auch nur ein bisschen jung; sie hat sich nur gut gehalten – oh, aber gut gehalten wie eingemachtes Obst in Sirup! Ich möchte ihr gerne helfen, und sei es nur, weil sie mir auf die Nerven geht, (…).“
Aus: Der Beldonald-Holbein (1901)

Beim Manesse Verlag sind nun sechs Erzählungen unter dem Titel „Tagebuch eines Mannes von fünfzig Jahren“ in einer schönen Schmuckausgabe erschienen, kongenial übersetzt von Friedhelm Rathjen – Henry James hat tatsächlich nur die besten Übersetzer verdient. Sie alle kreisen mehr oder weniger um die oben angesprochenen Themen. In ihrem Nachwort für den Manesse-Band (auch dieses für sich ist übrigens ein literarisch-essayistischer Genuss) schreibt die Literaturwissenschaftlerin Maike Albath:

„James war von der Feinmotorik der Psyche fasziniert, die er auch in den sechs hier zusammengefassten Erzählungen so glänzend auffächert. Er und sein Bruder William schienen sich gegenseitig zu inspirieren. William James prägte nicht nur den Begriff des stream of consciousness und betonte die Vorläufigkeit aller Erfahrung von Welt, sondern sah auch das Ich als etwas Vielgestaltiges an. Er unterschied zwischen dem „I“, dem Ich als Subjekt, und dem über sich selbst reflektierenden „me“, dem Ich als Objekt. Beides zusammen ergibt das „self“. Diese Erkenntnis zusammen bargen für Henry James ein ungeheures erzählerisches Potenzial, das sich durch gesellschaftliche Zwänge wie Klassenzugehörigkeit oder Besitz noch akzentuieren ließ.“

Oder durch einen dritten Blick, den Blick von außen: Mein Favorit unter diesen Erzählungen ist nicht die titelgebende Geschichte über das vergeudete (Liebes-)Leben eines verbitterten Mannes (1879), der sich selbst im Wege stehend, Opfer seiner Vorbehalte wurde oder die ähnlich konstruierte Erzählung „Louisa Pallant“ (1888). Sondern „Die Eindrücke einer Cousine“ (1884), die allerdings einen wesentlichen Schönheitsmakel hat. Davon wird noch zu sprechen sein. In erster Linie ist es jedoch amüsant, unterhaltend und fesselnd, jener Dame dabei zuzusehen, wie sie mit dem „Ich“ ihrer jüngeren Verwandten umgeht, während sie versucht, deren „Es“ zu ergründen. Irrungen und Wirrungen vorprogrammiert.

Zu den Vorzügen der Eindrücke: Eigentlich eine klassische Konstellation, jene der älteren Cousine, die als „Anstandsdame“ und Gesellschafterin einer jungen, elternlosen Dame zur Seite steht. Der Treuhänder des Vermögens lässt seinen jüngeren Bruder im Hause antichambrieren, arbeitet auf eine Verbindung der beiden jungen Leute hin. Natürlich dämmert es beim Lesen bald – das Vermögen ist perdu, veruntreut, die vom Vermögensverwalter forcierten Hochzeitspläne dienen dazu, den Betrug zu bemänteln. Die scharfsinnige und scharfzüngige Cousine durchschaut dies zwar wohl, aber nicht ihr eigenes Herz und das der anderen – da geht es erst einmal kreuz und quer. James Stil zeigt sich hier, in den Tagebuchaufzeichnungen der Dame, von seiner luftig-leichten, fast mediterranen Seite. Sie spielt ausnahmsweise nicht in der „alten Welt“, sondern in den Vereinigten Staaten spielt, dem Geburtsland von Henry James, das er floh und gegen ein Leben auf dem Kontinent eintauschte. Die geographische Verortung der Erzählung gibt ihm jedoch Spielraum genug für ironische Seitenhiebe auf seine Landsleute, auf die Engstirnigkeit einer bestimmten Klasse in „the land of the free“.

„Kurz, in Sachen Pflicht ist sie wahrhaft eine kleine Künstlerin; und ihr Meisterwerk (in jener Hinsicht) besteht darin, dass sie zurückgekehrt ist, um hier zu leben. Es kann ihr nicht gefallen; ihr Geschmack ist anderswo. Würde es ihr doch gefallen, so hätte sie sich sicherlich nicht eine solche Formulierung einfallen lassen wie diejenige, die sie neulich benutzte: „Ich glaube, in seinem eigenen Land zu leben, hat mehr Würde.“ Das ist eine Formulierung, die der Sachlage angepasst ist. Niemand würde je ein Leben in Europa aufgeben, weil es ihm sonst an Würde mangelt. Die bedauernswerte Eunice spricht vom eigenen Land, als verwahrte sie die Vereinigten Staaten im Hinterstübchen. Die Würde, die darin liegen soll, in der 53rd Street zu wohnen, hat sich mir noch nicht erschlossen.“
Aus: Die Eindrücke einer Cousine (1884)

Leider bleibt jedoch auch Henry James selbst von diesem Charakterzug nicht verschont: Mehr als in anderen Arbeiten tritt in dieser Erzählung sein Antisemitismus deutlich, der in einem bestimmten Milieu in den USA grassierte, siehe auch manche Anmerkungen in den Werken der Schriftstellerin Edith Wharton, mit der James befreundet war.

Dennoch, bis auf diesen schwarzen Fleck auf der makellos gepflegten Weste des Mr. James, sind die Erzählungen ein Genuss. Was in der modernen Literatur allzu oft als dröge Seelenschau und Bauchnabelbetrachtung daherkommt, beherrschte Henry James auf das Feinste: Den verschlungenen Wegen des menschlichen Inneren nachzuspüren. Und auch wenn an Äußerlichkeiten wenig geschieht, hält der große Stilist einen in Bann. Und zeigt auf seine unnachahmliche Weise: Die Liebe ist ein seltsames Spiel (sie kommt und geht von einem zum anderen, singt Connie Francis), doch die meisten Menschen werden, einmal von der Hoffnung auf sie getroffen, zu ganz tumben und dümmlichen Toren.

Mit Dank an den Manesse Verlag für das Rezensionsexemplar.

Spende? Gerne!

Wer das Engagement dieses Blogs unterstützen möchte, kann dies gerne mit einem Beitrag via Paypal tun. Oder ganz klassisch mit einer Überweisung, die Daten dafür finden sich im Impressum.

€5,00