Martha Gellhorn: Reisen mit mir und einem Anderen. Fünf Höllenfahrten.

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Bild: (c) Michael Flötotto

„Der Sonnenuntergang leuchtet rot an einem unermeßlich weiten Himmel. Die kleinen Berge und gewaltigen Felsen aus Vulkangestein stehen schwarz gegen das Licht. Funkelnde Feuer brennen in den Dörfern. In Richtung Garua nehmen die Felsblöcke seltsame Gestalt an – ein großer Affengott, ein Buddha; außer dem Geräusch des Wagens ist kein Laut zu vernehmen, und niemand ist zu sehen. Ich spüre, daß der Mensch auf diesem Erdteil nur ein Zwischenspiel von kurzer Dauer ist. Kein Land erschien mir je älter, weniger berührt oder geprägt von der menschlichen Rasse.“

Martha Gellhorn, „Reisen mit mir und einem Anderen. Fünf Höllenfahrten“.

Ja, es gibt sie auch in diesem Buch, die romantischen Momente, die das Reisen mit sich bringt, diese Augen- und Anblicke, die so überwältigend sind, dass die Poesie der Sprache unzureichend erscheint. Und Martha Gellhorn (1908 – 1998), die Vielgereiste, die hartgesottene Kriegsberichterstatterin und Autorin, nahm nicht wenige Mühen und Strapazen auf sich, um die Welt in ihrer unermesslichen Schönheit so weit als möglich zu ermessen: Die Amerikanerin wechselte ihre Wohnsitze und „möblierte Übergangswohnungen“ wie andere Menschen ihre Unterkleidung, eine Unsesshafte, eine Reisesüchtige von ihrer Kindheit in St. Louis an.

„Ich war mein ganzes Leben lang eine Reisende, angefangen in meiner Kindheit mit den Straßenbahnen meiner Geburtsstadt, die mich nach Samarkand, Peking, Tahiti, Konstantinopel transportierten. Ortsnamen waren der stärkste Zauber, den ich kannte. Und sie sind`s noch“, erinnert sich später die 70-jährige. „Und ich hatte seit meinem einundzwanzigsten Geburtstag wie verrückt darauf hingearbeitet, meinen Plan zu verwirklichen, überall gewesen zu sein und jedes und jeden gesehen zu haben und darüber zu schreiben.“

Bis zu ihrem siebten Lebensjahrzehnt war sie in 53 Ländern gewesen, schrieb Gellhorn im Vorwort zu diesem Buch: „Und „unter „gewesen war“ verstehe ich, daß ich mich lange genug dort aufgehalten habe, um etwas vom Leben, von Sitten und Gebräuchen zu erfahren. Eben nicht wie in Indien (das damalige Indien), als ich in Karatschi landete, einen schnellen Blick auf die Kühe und die armen gequälten Kinder warf und wie ein geölter Blitz zum Flughafen zurücklief – nichts wie weg.“

Nichts wie weg wollte Gellhorn auch in den „fünf Höllenfahrten“, von denen sie in diesem 1978 erstmals veröffentlichten Buch berichtete – doch die Umstände erlaubten das blitzartige Abreisen nicht. Zum Glück für die späteren Leser: Denn Gellhorn schreibt so temperamentvoll, so unterhaltsam und witzig über ihre katastrophalsten Reiseunternehmungen, dass ihre Schilderungen von Dauermärschen durch chinesischen Schlamm,  von schlechtem Essen, fürchterlichen Krankheiten wie der Chinafäule und Sonnenbränden, von sprachunkundigen Dolmetschern und wenig fahrtauglichen Reiseführern zu einem wahren Vergnügen werden.

Meist reiste sie nach dem Motto „Spring, bevor du schaust“, eine alte slawische Volksweisheit, die dem Buch als Zitat vorangestellt ist. So kann sie in den 1940er-Jahren ihren damaligen Ehemann Ernest Hemingway als zunächst „Unwilligen Begleiter“ (UB) davon überzeugen, sie auf eine recht kurzfristig angesetzte Reportagetour an die chinesisch-japanische Kriegsfront zu begleiten. Von der Front sehen die beiden Amerikaner, stets abgeschirmt vom chinesischen Kader, wenig. Von den politischen Verhältnissen – auch das schildert Gellhorn voller Selbstironie – haben sie im Grunde genauso wenig Ahnung: Den Revolutionär Tschu En Lai, den sie bei einem konspirativen Treffen kennenlernt, kennt sie nicht, erst später wird sie von seiner Rolle in der Kommunistischen Partei erfahren. Aber der „UB“ dagegen erweist sich als tüchtiger Diplomat, der bei den endlosen Festessen Reden schwingt, die Gastgeber unter den Tisch trinkt und auch einmal ein erschöpftes kleines chinesisches Pferd auf den Armen trägt statt auf demselben zu sitzen.

Spontan auch ihr Entschluss, in Moskau die Witwe von Ossip Mandelstam zu besuchen – ein einwöchiger Aufenthalt hinter dem Eisernen Vorhang, der sie schnell ernüchtert. Moskau empfindet sie als kalt, die Moskauer als ablehnend:

„Diese Stadt war wortwörtlich nicht von dieser Welt. Sie gehörte zu keiner Welt, die ich kannte, war nicht Teil Europas, war ganz und gar fremdartig. Entweder hatte der Krake Staat das Leben aus diesen Leuten herausgequetscht, oder sie versteckten sich hinter diesen freundlichen Gesichtern, mißtrauten einander, weil man nie wußte, wer denunzierte.“

Politisch nicht immer korrekt, oft auch mit dem Blick einer zwar liberalen, aber doch sehr amerikanisch geprägten Berichterstatterin, aber immer temperamentvoll, manchmal scharf und oft sehr komisch: So blickt die Reisende während ihrer Höllenfahrten auf die Welt. Nicht verschwiegen werden darf jedoch, dass dies auch ein Buch der Melancholie ist:

„Die Idee zu diesem Buch packte mich, als ich auf einem kleinen, verkommenen Strand am Westzipfel Kretas saß, umgeben von einem leckgeschlagenen Schuh und einem verrosteten Nachttopf. Um mich herum: Der Abfall unserer Spezies.“

In ihrem Nachwort bezeichnet die Literaturkennerin Sigrid Löffler Martha Gellhorn als eine der Letzten ihrer Art, als „Welt-Verschlingerin“:

„Martha Gellhorn war eine solche Enthusiastin des Reisens, und sie bereiste die Welt im gerade noch richtigen, im letztmöglichen Moment: noch abenteuerlich, noch exklusiv – knapp, ehe der globale Tourismus die ganze Welt mit seinen All-inclusive-Urlaubsparadiesen zurichtete.“

Martha Gellhorn erlebte als größtes Glück des Reisens stets die Momente der vollkommenen Einsamkeit: Berauscht vom Anblick des afrikanischen Sternenhimmels, vollkommen glücklich in einer abgeschiedenen Bucht in das Meer tauchend, sprachlos vom Anblick des ostafrikanischen Rift Valley. Es wird wohl kaum mehr Orte an der Welt geben, die vollkommen unberührt von Menschenhand sind, die noch nicht geprägt sind von den Auswüchsen unserer Zivilisation. Man findet dieses Glück des Reisens allenfalls noch in der Literatur – beispielsweise auf den Spuren Gellhorns.

Im Schweizer Dörlemann Verlag sind in den vergangenen Jahren einige ausgewählte Werke der Schriftstellerin und Journalistin erschienen – unter anderem „Reisen mit mir und einem Anderen“ sowie der Band „Paare – Ein Reigen in vier Novellen“, ungewöhnliche Liebesgeschichten, die ich ebenfalls empfehlen kann. Einige der Bücher gibt es auch als Taschenbuchausgabe beim Fischer Verlag.


Informationen zum Buch:

Reisen mit mir und einem Anderen. Fünf Höllenfahrten
Martha Gellhorn
Dörlemann Verlag
Aus dem Englischen von Herwart Rosemann
25,00 Euro
544 Seiten, gebunden mit Leseband
ISBN 9783908777830


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Tania Blixen: Jenseits von Afrika

„Ich hatte eine Farm in Afrika …“

Es wird wohl vielen so gehen – kaum hört oder liest man diesen Satz, steigen beinahe schon ikonographische Bilder im inneren Kino auf. Die Farm. Die Löwen. Die Kuckucksuhr. Die Flüge über die Savanne. Meryl Streep und Robert Redford in Safari-Schick.

Doch häufig, wenn sich Hollywood daran macht, einen Bestseller zu verfilmen, erkennt man von der Romanvorlage wenig wieder. Eine werkgetreue oder zumindest werknahe Verfilmung wäre in diesem Fall zugegebenermaßen auch ein schwieriges Unterfangen gewesen. Manch einer, der sich nach dem Kinobesuch das Buch der dänischen Schriftstellerin Tania Blixen kaufte, wird wohl enttäuscht gewesen sein. Denn eine klassische Liebesgeschichte erzählte Blixen in dem 1937 erschienenen „Jenseits von Afrika“ nicht. Tatsächlich ging sie in ihrem Erinnerungsbuch kaum auf die Beziehung zwischen ihr und dem englischen Abenteurer Denys Finch Hatton ein, allenfalls kann sich der Leser diese Liebesverbindung aus Andeutungen und Reminiszenzen an gemeinsame Flügen und Löwenjagden erschließen. Und der ebenso leichtlebige wie lebenslustige Baron, im Film charmant verkörpert von Klaus Maria Brandauer? Er ist im Buch nicht mehr als eine Randnotiz.

Hollywood – genauer: Drehbuchautor Kurt Luedtke – bediente sich für den Film an mehreren Quellen, unter anderem aus Blixens Briefen, aus Biographien über die Schriftstellerin und aus ihren Novellen. So erst wurde aus vielen literarischen Puzzlesteinen ein Bild, ein Film, der das Buch erst richtig bekannt machte.

Wer sich aber von den cineastischen Bildern befreit, der wird einen biographischen Roman vorfinden, der einen mit ganz anderen Bildern und Themen gefangen nimmt. Das gedruckte Original ist eine Liebeserklärung ganz anderer Art. Tania Blixen schrieb dieses Buch – das sich formal keinem Genre eindeutig zuordnen lässt – als sie nach fast zwei Jahrzehnten wieder jenseits von Afrika in ihrer dänischen Heimat lebte. Fern von Kenia und seinen Bergen schwelgte Blixen in der Vergangenheit, verfasste ein Sehnsuchts- und Wehmutsbuch und hielt die Erinnerungen an ein Leben, das so ganz anders gewesen sein musste als jenes in Dänemark, zwischen den Seiten fest. Es ist ein beinahe lyrisch-hymnischer Rückblick auf eine Welt, aus der die Autorin hinausgefallen ist und die – das ahnt sie schon beim Schreiben – so bereits auch am Untergehen, im Wandel ist. Out of Africa.

„Ich hatte eine Farm in Afrika am Fuße der Ngong-Berge.“

So klar, nüchtern und präzise beginnt dieser literarische Zwitter zwischen biographischem Erzählen und poetischem Verklären. Es ist eine Liebeserklärung an eine Landschaft und eine Lebensform zugleich. Am traumhaftesten zu lesen ist dieses Buch dort, wo Tania Blixen scheinbar ungehemmt, aber sprachlich durchdacht und durchstilisiert, über die Berge, Weiten, Wälder Afrikas zu sprechen beginnt:

„Im afrikanischen Hochland ist die frühe Morgenluft so handgreiflich frisch und kalt, dass uns fortwährend dieselbe Vorstellung überkommt: Wir sind nicht auf der Erde, sondern im dunklen, tiefen Wasser, wir gehen auf dem Grund des Meeres. Es ist nicht einmal sicher, ob wir uns bewegen. Was da kalt gegen das Gesicht drückt, das sind die Strömungen des tiefen Wassers, und das Automobil sitzt vielleicht ganz still auf dem Meeresgrund, wie ein träger Zitterrochen, glotzt mit seinen zwei großen hellen Lampen vor sich hin und lässt die Unterwasserwelt Revue passieren.“

Was Blixen da Revue passiert lässt, das sind die Sensationen der Landschaft. Eindrücke einer überwältigenden Tier- und Pflanzenwelt, denen Tania Blixen auch noch Jahrzehnte später nachhängt, als hätten sich die Bilder für immer in ihre Netzhaut gebrannt:

„In den Savannen standen die alten krummen Dornbäume einzeln und für sich, und das Gras duftete würzig nach Thymian und Porst, manchmal so heftig, dass es in den Nasenlöchern brannte. Die Blumen, die man in der Steppe oder an den Schlingpflanzen der jungfräulichen Wälder fand, waren so winzig wie Dünengewächse, doch wenn die lange Regenzeit begann, erblühten viele verschiedene Arten von üppigem, schweren Lilien und verströmten einen betäubenden Duft. Nach allen Seiten war die Aussicht weit und unendlich. Alles in dieser Natur strebte nach Größe, Freiheit und hohem Adel.“

Freiheit, das macht das Buch jedoch auch deutlich, ist ein Zustand, den nur wenige Privilegierte erreichen können. Eine typische Vertreterin der Herrenvölker, die sich den afrikanischen Kontinent unterworfen hatten, ist Tania Blixen, die von 1913 bis 1931 in Britisch-Ostafrika lebt, nicht. Natürlich ist sie als Betreiberin einer Kaffeeplantage Nutznießerin und Vertreterin des kolonialen Systems. Andererseits jedoch bemüht sie sich aufrichtig und ernsthaft, mit der einheimischen Bevölkerung in Kontakt zu kommen, Lebensverhältnisse und Arbeitsbedingungen zu verbessern, zugleich aber auch die alten Traditionen zu würdigen. Und dennoch, liest man aufmerksam, so wird deutlich, dass die Annäherung nicht gelingt, dass die Hierarchien – hier die weiße Frau, dort ihre schwarzen Mitarbeiter – bestehen bleiben, dass in ihr selbst die Überzeugung einer scheinbar angeborenen Überlegenheit weiterlebt. In Nebensätzen klingt dies durch – beispielsweise wenn ein Afrikaner sie mit „Tieraugen“ anblickt, wenn das Verhalten der Menschen auf ihrer Farm beschrieben wird, als handele es sich um drollige Kindereien. Tania Blixen ist „out of Africa“ – strenggenommen war sie jedoch auch niemals darin.

Die Schriftstellerin Ulrike Draesner zeigt in ihrem klugen Nachwort zur aktuellen Manesse-Ausgabe das Widersprüchliche und Paradoxe, das den Zugang zu diesem Buch beinahe zwangsläufig prägen muss, auf.

„Brixen ist keine Britin, sondern innerhalb der weißen, männlich-britisch dominierten Gesellschaft selbst zweifach in der Minderheit. Sie pflegt ein anderes Verhältnis zu den Eingeborenen als der Klischeekolonialist. Afrika-Ost ist ein Sammelbecken für Menschen, die Geld machen wollen, doch ebenso für Träumer und Sucher, für aus ihren Heimatgesellschaften Herausgefallene. Solche Weltenwanderer bevölkern das Buch, werden darin aber auch mythisiert – die Farm erscheint als Refugium. Tiere und Menschen jeder Rasse und Art leben hier in Frieden, Ausgestoßene werden unterstützt, Kranke gepflegt: Ein sehr „heiliges“, überheiliges Bild entsteht.“

Ein überheiliges Bild, geprägt von der Verklärung die die Erinnerung an bessere Zeiten mit sich bringt. „Out of Africa“: Nach dem Tod von Finch Hatton und dem Verlust ihrer Farm kehrt Blixen 1931 zurück nach Dänemark. Nach Afrika kam sie nie mehr. Aber wie Ulrike Drasner so schön schreibt: „Das stimmt, wenn man die Biographie liest. An physisches Reisen denkt. Und doch ist es falsch. Sie schrieb dieses Buch.“

„Jenseits von Afrika“: Auch eines der ersten Bücher, die den Grundstock für eine mittlerweile recht umfangreiche Klassiker-Sammlung aus der Manesse Bibliothek bei mir bildeten. Ein vertrauter Anblick, die kleinformatigen, edlen Bücher in ihren weißen Schutzumschlägen – eine Gestaltung, die seit 1944 Bestand hat. Nun hat sich der Verlag zu einer radikaleren Umgestaltung entschlossen, einen Eindruck davon vermittelt das Video:

Die Argumente des Verlags sind verständlich: Man wolle vermitteln, dass die Klassiker im Programm auch heute noch viel zu sagen haben und Auskunft über die großen Menschheitsfragen geben, dafür erschien die bisherige, relativ strenge Gestaltung nicht mehr so gut geeignet. Da auch vermehrt Klassiker der Moderne ins Programm kamen, habe man die strikten Vorgaben der Reihengestaltung zunehmend als Einschränkung empfunden.

Das ist nachvollziehbar – auch wenn mein Sammlerherz noch etwas betrübt zuckt und das Gewohnheitstier in mir leise trauert. Ein wenig fühle ich mich – auch wenn die Bände in neuer Gestaltung nach wie vor qualitativ hochwertig gemacht sind und nun durch gestaltetes Vorsatzpapier, farblich abgestimmte Fadenheftung und Lesebändchen optisch ein rundes Bild ergeben – ein wenig fühle ich mich jetzt dennoch „Out of Africa“. Aber auch Tania Blixen wusste: The times, they are a- changin`.

Verlagsinformationen zum Buch:
https://www.randomhouse.de/Buch/Jenseits-von-Afrika/Tania-Blixen/Manesse/e523426.rhd

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Mukoma wa Ngugi: Black Star Nairobi

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Bild von David Mark auf Pixabay

„Überlegt doch mal, meine Freunde, wir haben Katastrophenprogramme für fast alles: Epidemien, Überschwemmungen, Hurrikans, Flächenbrände – aber nicht für politische Katastrophen. Menschen verhungern infolge schlechter Politik, die Malaria ist nicht ausgerottet wegen schlechter Regierungsarbeit, und dann gibt es diesen Krieg. Deswegen greifen wir ein. Wir kümmern uns um politische Desaster, bevor sie stattfinden“, sagte er und schlug begeistert mit der Hand auf den Tisch.
Er machte eine Pause. „Darf ich nachschenken?“, fragte er dann und ging zur Minibar. Wir lehnten ab, und er schenkte sich mehrere Doppelte ein.
„Kenia ist unsere Debütantenparty. Wir gehen nach Kenia, zwingen das Land auf die Knie und dann bauen wir es neu auf.“

Mukoma wa Ngugi, „Black Star Nairobi“, 2013, in deutscher Übersetzung 2015 beim Transit Verlag.

„Er“, der Herr mit den doppelten Drinks, ist Teil eines weltweiten Verbundes von „Schattenmännern“: Den grauen Eminenzen,  die für mächtige Leute arbeiten, Thatchers Büroleiter, Reagans Persönlicher Referent, Clintons ehemaliger Rechtsberater, Kofi Annans Sonderberater und ein Stellvertretender Direktor der Mandela-Stiftung. Die Herren im Hintergrund haben sich zu einer Organisation zusammengeschlossen, die  – in Umkehrung des Goethe-Zitates – das „Gute“ will und dabei das Böse schafft. Weil in ihren Augen die Mittel der demokratisch legitimierten Politik versagen, spielen sie „Weltgeist“: In von Krisen geschüttelten Ländern wollen sie die Systeme weiter so sehr destabilisieren, bis ein Neuanfang unvermeidbar erscheint – ein Neuanfang allerdings unter Federführung dieser geheimen Organisation.

Das erste Experimentierfeld dieser Schattenbande soll Kenia sein – diese in sich zerrissene ostafrikanische Republik, die erst nach langen, blutigen Aufständen 1963 Unabhängigkeit von Großbritannien erreichte. Der junge Staat ist anfällig für Manipulationen von außen: Unter den Auswüchsen des anfänglichen Einparteiensystems und korrupter Machthaber brechen Gewalttätigkeiten und ethnische Anfeindungen zwischen den beiden größten Bevölkerungsgruppen bis heute immer wieder auf. In ein Kenia, in dem es im Vorfeld der Wahlen von 2007 knistert wie in einem Pulverfass, siedelte der kenianisch-amerikanische Schriftsteller Mukoma wa Ngugig seinen zweiten Kriminalroman an.

Grenzgänger zwischen den Kulturen

Bereits in seinem ersten Roman „Nairobi Heat“, in deutscher Übersetzung ebenfalls beim Transit Verlag erschienen, führte der Autor Mukoma wa Ngugi das Ermittlerduo Ishmael Fofona und den kenianischen Cop „O“ ein. Fofona ist ein aus den USA nach Kenia zurückgekehrter Privatdetektiv – die Figur lebt von den Erfahrungen ihres Schöpfers als Grenzgänger zwischen zwei Kulturen.

Fofona und O – ständig ziemlich bekifft und etwas betrunken – geraten eher zufällig mitten in die eingangs skizzierte Weltverschwörung. Zwar ist das Duo begabt mit detektivischem Spürsinn, ebenso aber auch mit der Gabe, stets zur falschen Zeit am falschen Platz zu sein. Die Beiden geraten zwischen alle Fronten – CIA, Diplomaten, kenianische Politiker, Al Qaida, somalische Islamisten und was sich sonst noch in Nairobi tummelt. Und so jagt sie der Autor von einem Schauplatz zum anderen: Von einer Bombendetonation in einem Luxushotel in Nairobi über ein Massaker an Dorfbewohnern bis hin zu blutigen Auseinandersetzungen an der amerikanisch-mexikanischen Grenze.

Die politische Verschwörung kann, soweit es die kenianischen Wahlen betrifft, zwar gestoppt werden – aber bis dahin ist viel Blut den Tana hinuntergeflossen. Und nicht nur Fofona fragt sich am Ende des Buches: Warum? Denn sowohl im Roman als auch in der Realität: Die Verhältnisse in Kenia bleiben  auch nach den Wahlen von 2007, die 2010 zu einem Referendum und einer neuen Verfassung führten, schwierig, weitaus schwieriger als sie mancher Tourist auf Foto-Safari wahrhaben will. Bis heute sind die Köpfe, die die Gewaltakte zwischen den größten Bevölkerungsgruppen in Kenia während der Wahlen schürten, mit an der politischen Macht, auch eine Anklage vor dem Internationalen Staatsgerichtshof wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit scheiterte.

Rasanter Thriller mit ein paar logischen Mängeln

So ist „Black Star Nairobi“ ein rasanter Thriller, der Einblick gibt in die kenianische Misere, der auch aufzeigt, mit welchem Zynismus die ehemaligen Kolonialstaaten immer noch zum Spielball von exterritorialen Mächten und einheimischen Bonzen gemacht werden.

Für meinen Geschmack mangelt es dem Roman zwar häufiger an kriminalistischer und inhaltlicher Logik, insbesondere scheint mancher Gewaltakt eher dem Vorantreiben der „Action“ denn einer inneren Notwendigkeit zu folgen. Zur Gewalt in seinem Roman äußerte sich Mukoma wa Ngugi in einem Interview:

„In this novel I’m driven by the question of violence. In the post-electoral violence of 2007 it was a sort of intimate violence where it was neighbor-against-neighbor — people who knew each other. And there are a lot of questions that arose … questions of class, the question of the whole democratic process. So I wanted to have characters, you know, who are running around trying to do their case, you know, but all the while being drawn back, you know, by the power, by the powerful nature of the violence that broke out.“

Quelle:
http://www.npr.org/2013/07/13/200832498/searching-for-clues-in-a-dangerous-nairobi

Dafür aber glänzt der Krimi durch die Darstellung seines Helden, einem Wanderer zwischen zwei Kulturen: Ishmael ist in dieser Beziehung wohl durchaus ein Alter ego seines Schöpfers. Denn dieser ist der Sohn des kenianischen Literaturnobelpreisanwärters Ngugi wa Thiong’o.

1971 in Evanston, Illinois, zur Welt gekommen, also gebürtiger US-Staatsbürger, wuchs er jedoch in Kenia auf und ging zum Studium zurück in die USA. Auch sein Privatdetektiv Ishmael erfährt in Kenia Misstrauen, wird – trotz seiner Hautfarbe – als „Weißer“ bezeichnet, ebenso aber auch in den USA wegen seiner Hautfarbe diskriminiert und zurückgesetzt.

„For a very long time I had difficulty, you know, accepting that I was an American citizen because I grew up in Kenya, my parents are Kenyan, my nationality really is Kenyan. And then I came to the U.S. and at some point I had to realize, wow, I’ve been in the U.S. now longer then I’ve been in Kenya.“

„In a way I do mirror — or maybe Ishmael mirrors — you know, my struggles for identity. Eventually I had to tell myself, ‚Who decides a person can have only one identity? Who is the gatekeeper of identity?‘ And I just decided to acknowledge, to live out, my multiple identities.“

Mukoma wa Ngugi ist Literaturprofessor an der Cornell University, Kolumnist für etliche englischsprachige und afrikanische Medien und veröffentlichte vor seinen Krimis überwiegend Lyrik.

Verlagsangaben zum Buch:
https://www.transit-verlag.de/produkt/black-star-nairobi/

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James McClure: „The Steam Pig“ und „The Song Dog“

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Bild von cocoparisienne auf Pixabay

„Einer sagte, Captain Bronkhorst fürchte wohl, schlecht dazustehen, falls er die Person nicht dingfest machen konnte, die für die Explosion verantwortlich war. Aber später sagte Mtetwa, der Bantu-Sergeant, nein, das sei es nicht. Er hätte mit einem früheren CID-Kollegen in Trekkersburg gesprochen und gehört, Captain Bronkhorst sei mit einer sehr wichtigen Ermittlung betraut und müsse der Sicherheitspolizei helfen, einen gewissen Bantu namens Nelson Mandela zu finden.

„Wen?“, fragte Kramer.

„Ach, irgend so ein Xhosa“, sagte Zondie mit einer abfälligen Geste, die besagen sollte, dass der Betreffende einem niederigen Stand angehörte.“

James McClure, „Song Dog“, OA 1991, in deutscher Übersetzung 2016 beim Unionsverlag erschienen.

Man muss nur wenige Kapitel dieses Thrillers lesen, um zu verstehen, warum der Journalist James McClure (1939 – 2006) sein Heimatland Südafrika 1965 verlassen musste: Frech, rotzig, düster und direkt sind diese Kriminalromane um den weißen Ermittler Kramer und seinen afrikanischen Kollegen Zondie, die McClure ab den 1970er-Jahren im britischen Exil schrieb.

Acht Thriller entstanden in dieser Reihe, die nun beim Züricher Unionsverlag peu à peu wieder veröffentlicht werden: Als Taschenbücher liegen inzwischen das erst 1991 verfasste Prequel zur Serie, „Song Dog“ und der erste, bereits 1971 erschienene Thriller „The Steam Pig“ vor. Beide Krimis sind äußerst temporeich, spannend konzipiert und mit nicht wenig Ironie ausgestattet – vor allem aber sind sie nicht offensichtlich politisch, aber enthüllen den Irrsinn und die Abartigkeit des Apartheidsystems jedoch umso mehr. Selten, dass wie im obigen Zitat, direkte Anspielungen auf das Zeitgeschehen und den ANC-Widerstand zu lesen sind – und dennoch wird verständlich, warum einer wie McClure dem Regime ein Dorn im Auge war.

Der Schriftsteller selbst äußerte sich in einem Interview dazu einmal so:

„Alle meine Bücher sind spezifisch südafrikanisch. Ich kenne andere ›südafrikanische‹ Krimis, die überall auf der Welt spielen könnten. Ich aber wollte so vielen Menschen wie möglich vermitteln, wie hier die Zustände sind – in Südafrika. Eines Abends sah ich im Fernsehen, wie die Kriminalliteratur als das konservativste, aber auch das meistgelesene Genre beschrieben wurde. Da kam mir die Idee, selbst Krimis zu schreiben. Ich wollte ein wirklich weitreichendes Medium nutzen. Hinzu kam, dass die Polizei sich in allen Ebenen der Gesellschaft bewegt. Der Krimi kann zwischen allen gesellschaftlichen Schichten und Gruppen wechseln – in einem Roman geht das nicht so einfach. Ich habe mich also sehr bewusst für die Form des Kriminalromans entschieden.“

Quelle: http://www.unionsverlag.com/info/link.asp?link_id=18975&pers_id=5125

In „Song Dog“ trifft der Ermittler Tromp Kramer, ein lakonischer Einzelgänger mit unkonventionellen Ansichten und Vorgehen, erstmals auf Zondi, seinen späteren Compagnon. Auch Kramer ist ein Kind seiner Gesellschaft: Zunächst erscheint ihm der Afrikaner, der im Frank Sinatra-Outfit umherspaziert, schon aufgrund seiner Hautfarbe und seines Auftretens verdächtig. Der Fall – eine Ermittlung über einen Polizistenmord – schweißt die beiden zusammen, gegenseitiger Respekt entsteht.

Wie sehr das System die Menschen korrumpierte und erniedrigte wird in „Steam Pig“ noch weitaus deutlicher: Eine junge Frau, die aufgrund ihrer weißen Hautfarbe inmitten der Gesellschaft leben konnte, ist nicht das, was sie erschien – und bezahlt dafür mit ihrem Leben.

Korrupte Polizisten, unfähige Ermittler, erpressbare Stadträte, scheinheilige Moralapostel: James McClure zeichnet in seinen Thrillern das Portrait einer kranken Gesellschaft, eines Landes, das kurz vor der Explosion steht – weil die Gier der Machthabenden alles Ertragbare übersteigt.

Thomas Wörtche stellte die beiden Bücher bei Deutschlandradio Kultur vor:

„Auch die Fälle der beiden kommentieren die südafrikanischen Verhältnisse mit bitterer Präzision: In „Song Dog“ geht es um zweckrationale Morde von Weißen an Weißen, wobei man an höherer Stelle lieber die moralische Verworfenheit der Beteiligten als Motiv gesehen hätte; in „Steam Pig“ ist der Auslöser einer menschlichen Tragödie die „Zurückstufung“ des Opfers, einer jungen, begabten Frau, die nach langen Jahren des Lebens als Weiße zur „Schwarzen“ erklärt wird. Der anti-moderne Puritanismus des Landes, die grotesken und bizarren Situationen, die entstehen, weil man Schwarze und „Farbige“ als unsichtbar, bzw. fast nicht existent betrachtet, spielen eine ebenso entscheidende Rolle wie die Brutalität, mit der solche Verhältnisse durchgesetzt werden. Kramer und Zondi kommentieren all das nicht, nur ihre Handlungen sind entsprechend subversiv.“

Quelle: http://www.deutschlandradiokultur.de/james-mcclure-steam-pig-und-song-dog-kein-naiver.950.de.html?dram:article_id=369452

Beim Unionsverlag sollen nun die weiteren sechs Fälle folgen – ich bin schon erfreut gespannt. Weitere Informationen hier:
http://www.unionsverlag.com/info/person.asp?pers_id=5125


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Imraan Coovadia: Vermessenes Land

Coovadia

Bild: (c) Michael Flötotto

„Neil träumte vom Paradies. Er hatte ein schmales Buch fertiggestellt, in dem er seine Vorstellungen einer Idealgesellschaft erläuterte, das jedoch erst veröffentlicht werden konnte, wenn der Verbotserlass aufgehoben wurde. Aber es war fertig.

In einer Idealgesellschaft gäbe es keine Berufsgruppen. Keinen Platzwart. Keinen ordentlichen Professor. Keinen Studenten, der nicht gleichzeitig Lehrer, Forscher und Handwerker war, jemand, der mit Herz und Hand arbeitete. Es gäbe eine einheitliche Rechtschreibung. Mengen würden in Dezimalzahlen gemessen. In einer Idealgesellschaft gäbe es keine Währung, kein Erbe, kein Gehalt, keine Dividende. Es gäbe weder Konkurrenz noch Wettkampf. Jeder Mann und jede Frau könnten sich einen Platz an der Sonne suchen.“ 

Imraan Coovadia, „Vermessenes Land“, OA 2014, 2016 in der Übersetzung von Susann Urban erschienen im Wunderhorn Verlag, Heidelberg.

An einem Tag im Jahre 1976 spinnt sich der Philosophie-Dozent Neil beim Morgenschwimmen diese utopischen Gedanken aus. Wenige Stunden später ist der weiße Intellektuelle, der bei Sartre in die philosophische Lehre ging, tot. Erschossen von Schergen des Apartheid-Regimes.

Neil und seine erste Frau Ann, die sich später im Londoner Exil für die Anti-Apartheids-Bewegung engagiert, deren künstlerisch ambitionierter Sohn Paul, die Mitglieder einer indischen Großfamilie, ein Widerstandskämpfer, ein Dieb, Aufsteiger und Goldgräber, Widerständige und Nutznießer, Revolutionäre und Rabauken: Der im südafrikanischen Durban geborene Imraan Coovadia lässt in seinem Episodenroman „Vermessenes Land“ eine Vielzahl von Protagonisten die Bühne betreten. Ihre Schicksale sind jeweils mehr oder weniger lose miteinander verknüpft. Sie treten jeweils für einen Tag, der geschildert wird, in den Mittelpunkt einer Episode – zehn Tage, über vier Jahrzehnte verteilt, vier Jahrzehnte, in denen sich die neue Republik von Südafrika herausbildete.

Geschickt entfaltet Coovadia so das literarische Panorama eines Landes, das nach extremster Unterdrückung des zahlenmäßig überwiegenden Anteils der Bevölkerung vom Zweiklassensystem in eine junge Demokratie überführt wurde. „Vermessenes Land“: Der Titel wirkt dabei durchaus doppelbödig. Denn schon während das weiße Apartheid-Regime noch an der Macht ist, ist Südafrika eindeutig vermessen: Hier die Siedlungen der wohlhabenden weißen Elite, der Buren, dort die Townships, in denen die farbige Bevölkerung ihren alltäglichen Überlebenskampf führen muss.

Doch auch nach dem Ende des politischen und strukturellen Rassismus lebt die mentale, ideologisch verankerte Apartheid weiter, wie Coovadia zeigt. Und zudem ist das moderne Südafrika von einer weiteren Art der Landvermessung geprägt. Denn einher mit der Demokratie geht nicht, wie es sich der Philosoph Neil erträumte, eine Gesellschaft der Gleichen. Sondern auch die bis dahin Unterprivilegierten versuchen, am Raubtier-Kapitalismus teilzuhaben: Ob man hier auf dem Schwarzmarkt mit Mobiltelefonen, mit einem Mercedes oder U-Booten jongliert, bleibt sich fast gleich, Hauptsache ist, der Ertrag stimmt. So ist das Land auch nach der Apartheid bereits wieder vermessen, aufgeteilt unter jenen, die nach Jahren des Embargos am wachsenden Wohlstand teilhaben wollen. 

„Sie lebten in einem Land, das es eilig hatte, waren auf dem Weg irgendwohin und jeder wollte, so schnell es ging, reich werden.“

Es ist ein zugleich kritischer und desillusionierter Blick, den Coovadia in diesem Roman – wie durch die Augen eines Neils, der, wäre er nicht getötet worden, zugleich die Erfüllung und das Scheitern eines Traums hätte erleben müssen – auf sein Heimatland wirft.

Das Ende der Rassentrennung wurde blutig erkauft: 

„Wenn du verhaftet wurdest, durften die Zeitungen nicht darüber berichten. Hattest du Glück und kamst wieder frei, ob du gesungen hattest oder nicht, wolltest du nichts mehr sagen. Manche erholten sich nie wieder. Der Freiraum, den Mutter und ihre Schwestern ihrem Helden einräumten, war ungewöhnlich. Unter den Naidoos und Naickers herrschte die Meinung, wer sich in die Politik einmischte, bekam, was er verdiente. Wenn sogar ein Weißer wie der angesehene Professor Hunter in seinem eigenen Haus erschossen wurde, konnte sich ein Inder erst recht nicht aus dem Fenster lehnen.“

Und auch nach der Zeitenwende in Südafrika geht das Bluten weiter. Coovadia beschreibt, ohne jemals seine ruhige Erzählebene zu verlassen und etwaige Sensationsgelüste seiner Leser zu kitzeln, die alltägliche Gewalt, die sich in den Townships entlädt; das Aufkommen der AIDS-Katastrophe, die von der Politik negiert wird; die Kriminalität, die auf den Straßen (auch zu Zeiten der Fußball-Weltmeisterschaft, die wirtschaftlichen Aufschwung bringen sollte) herrscht. 

„Vermessenes Land“ macht deutlich: Dieses Land Südafrika hat noch lange an seiner Vergangenheit zu knabbern. Gerechtigkeit kann nicht ausschließlich politisch hergestellt werden, die Wunden, die das Buren-Regime schlug, sie brauchen noch ihre Zeit zur Heilung.

Interessant an dem Episodenroman ist es, dass er die spezielle Sicht der indischen Bevölkerung in den Blick stellt – für mich war das neu, bislang kannte ich nur die Romane von Nadine Gordimer und J. M. Coetzee sowie das biographische Buch von Breyten Breytenbach („Wahre Bekenntnisse eines Albino-Terroristen“). Zudem lässt der Autor fiktive und reale Figuren auftreten – im Hintergrund fallen natürlich die Namen von Nelson Mandela und Bischof Tutu, Präsident Mbeki, der tatsächlich die AIDS-Seuche ignorierte, kommt in einer Episode als Boss vor. 

Um allen Hinweisen folgen zu können, sind gewisse Kenntnisse notwendig – hier kann man sich beispielsweise bei www.suedafrika.net über den historischen und politischen Hintergrund informieren. 

Literarisch ist der Stil Coovadias zwar (noch) nicht mit dem der beiden Literaturnobelpreisträger seines Landes vergleichbar. Doch Coovadia, der an der University of Cape Town Literaturwissenschaft und kreatives Schreiben unterrichtet, ist ein guter, stringenter Erzähler, der die verschiedenen Fäden seiner Episoden souverän in der Hand hält. Vor allem Dialoge beherrscht er perfekt, sie beleben diesen im Grunde zutiefst politischen Roman und verdeutlichen, dass das auch geht: Engagierte Literatur lebendig schreiben.

Erschienen ist „Vermessenes Land“ in der Reihe „AfrikAWunderhorn“, die deutschsprachigen Lesern zeitgenössische afrikanische Literatur näherbringt. Herausgeberin ist Indra Wussow.

Eine weitere Besprechung findet sich hier:
https://storiesonpaper.net/2017/01/02/10-tage-in-suedafrika-vermessenes-land-von-imraan-coovadia/

Mehr Informationen zum Buch beim Verlag:
http://www.wunderhorn.de/content/buecher/pool/978_3_88423_533_1/index_ger.html

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Nigel Barley: Traumatische Tropen

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Bild von Free-Photos auf Pixabay

Wie witzig man über Ethnologie schreiben kann, verdeutlichte Nigel Barley mit seinem Bestseller „Traumatische Tropen“, erschienen 1985: Traumatische Tropen. Notizen aus meiner Lehmhütte.

„In den Zeiten, als man noch fraglos von der Überlegenheit der westlichen Kultur überzeugt war, war es für jedermann unmittelbar klar, dass Afrikaner die meisten Dinge falsch sahen und überhaupt nicht sonderlich helle waren. (…) Der Primitive wird heute von Leuten im Westen ganz genauso wie vormals von Rousseau oder Montaigne benutzt, um die eigene Gesellschaft zu kritisieren und bestimme Aspekte in ihr anzuprangern, die das Missfallen der Kritiker erregen.“

Der britische Ethnologe Nigel Barley räumt in diesem äußert amüsant zu lesenden Buch gründlich auf: Er zieht gegen die Ethnologen und deren Vorstellungen und Annäherungen an „das Fremde“ ebenso ins Feld wie gegen die üblichen Vorstellungen von Feldforschungen und anderen Klischees.

Barley beherrscht das ironische Wort, vor allem aber auch die Selbstironie:
„Ethnologen hingegen haben hinduistischen Heiligen zu Füßen gesessen, haben fremdartige Götter geschaut und schweinischen Ritualen beigewohnt, sind an Orten gewesen, wo noch nie jemand vor ihnen war. Sie sind vom Ruch der Heiligkeit und himmlischen Nutzlosigkeit umwittert. Sie sind Heilige des britischen Kults um einer ihrer selbst willen gepflegten Exzentrizität. Die Chance, mich ihnen beizugesellen, war nichts, was ich leichten Herzens ausschlagen konnte.“

Und:
„Nicht an Daten fehlt es der Ethnologie, sondern an der Fähigkeit, etwas Sinnvolles mit den Daten anzufangen.“

Selbstverständlich, dass der junge Brite dies nach seinem ersten eigenen Feldforschungs-Aufenthalt gründlich ändern wird. Selbstverständlich, dass er die Zunft, geprägt von Bronislaw Malinowski und Claude Lévi-Strauss, mit seinen Erkenntnissen revolutionieren wird. Meint er, bevor er zunächst in die Mühlen gerät – die des Klinkenputzens, um Forschungsgelder zu gewinnen, und dann der Bürokratie, um Anfang der 80er Jahre eine Aufenthaltsgenehmigung für den Kamerun zu erhalten.

Letztendlich ist es aber die Begegnung mit dem Volk der Dowayo, das Barley zu erforschen gedenkt, die den Wissenschaftler selbst verändern. In Zentralafrika kommt er auf den Boden der Praxis. Krankheiten, Versorgungsnotstände, Unbequemlichkeiten, Unfälle – das sind die Alltagsbegleiter des wackeren Forschers. Und die Rollen tauschen sich – nicht er untersucht das Fremde, er wird zum Fremden. Amüsant zu lesen ist es, wie die Dowayos mit leicht amüsiertem Kopfschütteln die Fragerei des Weißen zur Kenntnis nehmen. Fragt sie Barley etwa hinsichtlich einer mythischen Handlung, warum sie das tun, antworten sie: „Weil es gut ist.“ Ein weiteres „Warum?“ wird ebenso überzeugt beantwortet: „Weil unsere Väter es uns gesagt haben.“ Es braucht nur noch eine weitere Nachfrage, um den Kreis zu schließen: „Warum taten es eure Väter?“ „Weil es gut ist.“

„Traumatische Tropen“ ist zugleich informativ, humorvoll und äußerst leicht lesbar – ein Brückenschlag, wie er in einem Sachbuch selten gelingt. Barley schreibt ganz im Sinne von Nietzsches „fröhlicher Wissenschaft“.

1996 veröffentlichte die Zeit ein Portrait des „Ethnologen in der Großstadt“.

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Ilija Trojanow: Der Weltensammler und Nomade auf vier Kontinenten

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Bild: (c) Michael Flötotto

„Um seine Bereitschaft zu demonstrieren, öffnet der Lahiya das Tintenfässchen, nimmt die Feder in die Hand, tupft, kratzt zur Probe, beugt sich um einige Zeilen nach vorne und verharrt. Der von dem Ankömmling aufgewirbelte Staub hat sich gesetzt. Aus dem peinigenden Licht heraus, in das der Lahiya nicht mehr blinzeln will, beginnt die zaghafte Stimme zu erzählen. Aus Vermutungen werden Andeutungen, aus Andeutungen werden Schemen, aus Schemen werden Personen, aus Unbekannten werden Menschen mit Namen, Eigenschaften und Gesichtern. Der Lahiya hält die Feder fest zwischen den Fingern, doch er versteht weder Ausgang noch Grund der Lebensgeschichte, die dieser Mann vor ihm ausbreitet. Es ergibt keinen Sinn, diese konfusen Umrisse aufzuschreiben.“

Ilija Trojanow, „Der Weltensammler“, Hanser Verlag

Manchen ist das Entdecken, das Reisen, das Suchen, ja die Rastlosigkeit schon von Kindheit an mitgegeben. Vielleicht hat dies mit einer frühen Entwurzelung, dem Verlust der Heimat zu tun: So scheint es bei dem deutsch-bulgarischen Schriftsteller Ilija Trojanow (Jahrgang 1965) zu sein. Mit der Familie kam Trojanow über Ex-Jugoslawien und Italien 1971 in die Bundesrepublik wegen politischen Asyls. 1972 zogen die Trojanows weiter nach Kenia. Bis 1984 wechselten die Lebensmittelpunkte zwischen Deutschland und Nairobi, dann folgten Studien- und Lebensjahre in Paris, München, Mumbai ab 1999, Kapstadt ab 2003, inzwischen lebt Trojanow wieder – so er nicht auf Reisen ist – in Europa.

Er ist also im besten Sinne ebenfalls ein „Nomade auf vier Kontinenten“: Titel eines der beiden Bücher, die Ilija Trojanow über einen ebenso Suchenden und Reisenden verfasst hat – den englischen Entdecker, Abenteuer und Spion im Dienste ihrer Majestät, Sir Richard Francis Burton (1821-1890). 2006 erschien beim Hanser Verlag Trojanows Roman, mit dem Richard Francis Burton (RFB) den deutschen Lesern bekannter wurde –  „Der Weltensammler“. 2007 kam mit einer wirklich prachtvollen, wunderbaren Ausstattung (der Text ergänzt durch Zugaben von Karten, Fotos, kalligraphischen Schriftproben und kommentierten Bibliographien) in der Anderen Bibliothek „Nomade auf vier Kontinenten“, ein dokumentatorisch-biographisches Projekt, heraus. Beide Bücher gibt es inzwischen auch als Taschenbuch. Während der Weltensammler den abenteuerlichen Lebensweg des RFB fiktiv, aber nah an den zahlreichen schriftlichen Quellen aus dieser Zeit, darunter an den vielen von Burton selbst verfassten Werken, nach verfolgt, ist der Nomade ein ganz anderes Buch. Hier vollzieht Trojanow die Reisen Burtons nach – der Wechsel aus Texten des „Vorgängers“ und eigenen Reiseberichten rund anderthalb Jahrhunderte später macht die Lektüre so reizvoll.

Großbritannien, Seefahrernation und Kolonial(Besatzungs)macht, hat etliche solcher Typen hervorgebracht: Oftmals Adelige oder zumindest aus begütertem Hause stammende Abenteurer, verlorene Seelen, die sich in der Fremde dann erst recht verloren. Die Insel verlor manchen ihrer Söhne an die Wüste – bekannt durch das Film-Epos wurde als Archetyp für diesen sinnsuchenden Engländer in der Fremde vor allem „Lawrence of Arabia“. T.E. Lawrence (1888-1935) entflammte den Aufstand der Araber gegen das Osmanische Reich – und wurde dabei selbst mehr zum Sheikh denn Gentleman, zum lebenden Mythos. Dabei hätte Sir RFB – legt man den Fokus nur auf das abenteuerliche Leben – ein Film-Epos durchaus ebenso verdient. Als Burton 1890 starb, war er ein ebenso berühmter wie umstrittener Mann. Er sprach 29 Sprachen, hatte Die Geschichten aus 1001 Nacht und das Kamasutra ebenso gelehrt kommentiert wie bis in die sexuellen Details wortgetreu übertragen, hatte den Tanganjikasee als erster Weißer entdeckt und bestritt seinem Reisekameraden Speke immer noch die Entdeckung der Nilquellen.

Dieser schillernden Figur also widmet sich Ilija Trojanow in diesen beiden Büchern: Ein Autor, ein etwas „zwiespältiger“ Held, ein Thema – aber zwei Lektüren, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Beide sind so spannend geschrieben, wie das Leben des Abenteurers selbst es war, beide Bücher entführen durch eine ausgewählt schöne Sprache zum Miterleben dieser fremden Welten. Fiktion und Tatsachen vermischen sich so gekonnt, dass letztendlich der Eindruck bleibt: Der beste Roman ist doch das Leben selbst – insbesondere, wenn man es Leben konnte wie Sir Burton.

Trojanow ist selbst sieben Jahre lang auf den Spuren Burtons gereist, pilgerte durch Indien, verkleidete sich als Araber auf der Hadsch, fuhr mit dem Schiff den Nil herauf und herunter (wie viele Entdecker seinerzeit suchte auch Burton nach den Quellen des Nils). Nordamerika, der vierte Kontinent, wird jedoch nur kurz gestreift – offensichtlich hatte Burton bei seinem Trip in die Staaten wenig Interessantes gefunden oder vom Reisen genug. Und für den neuzeitlichen Reisenden Trojanow – das kann ich nur spekulieren – sind die USA vielleicht nicht fremd genug. Jedenfalls: Der vierte Kontinent, die heutige Weltmacht, wird nur am Rande erwähnt. Das reicht aber auch mal.

„Auch in einer Epoche, in der man in wenigen Stunden ganze Zeitzonen überspringen kann, war der Weg nach Mekka mit einigen Hindernissen gepflastert.“ Als Trojanow dann vor der Kaaba steht (beziehungsweise sie umkreist, wie es sein muss für den Pilger), füllen sich seine Augen mit Tränen. Auf den Spuren des Mannes, der 150 Jahre vor ihm bereits dort stand und als einer der ersten Europäer dieses islamische Heiligtum erblickte, vollzieht Trojanow auch diese Pilgerfahrt bis zum Ende durch. Und als Leser kann man nachfühlen, was dieser Augenblick für beide bedeutet hat.

„Ilija Trojanow hat sich mit seinen Berichten aus Indien und Arabien sowie mit seinem Erfolgsroman „Der Weltensammler“ über den großen nonkonformistischen Reisenden im britischen Staatsdienst Richard Francis Burton (1821 bis 1890, unser Foto) in die beste Tradition deutschsprachiger Reiseliteratur eingeschrieben“, so Friedmar Apel in der FAZ. „In der üppigen Ausstattung der Anderen Bibliothek legt er nun noch einmal Berichte seiner Reisen nach Indien, Arabien, Ostafrika, Nordamerika und Triest vor, die er auf den Spuren Burtons unternommen hatte.“

Doch geht es nicht „nur“ um gute Reiseliteratur. Beide Bücher sind weitaus mehr als das Nacherleben eines abenteuerlichen Lebensweges. Im Weltensammler greift Trojanow zu dem Kunstgriff, andere über ihr Erleben Burtons erzählen zu lassen –  Zeugen, Zeitgenossen, Beobachter berichten und machen sich ihre ganz eigenen Gedanken über Saheb Burton (Indien), Sheikh Abdullah (Arabien) und den Wazungu (Afrika). Im „Nomaden“ ist es Trojanow selbst, der seine Erfahrungen denen Burtons entgegenhält. So entsteht aus vielen Puzzlestücken das Bild von einem Menschen, der – wie alle Menschen – viele Facetten trägt.  Ein weiteres Leitmotiv ist beiden Büchern die Auseinandersetzung mit „dem Fremden“.

„Als Autor glaubte er (Burton) aber bis in seine letzten Tage auf verlorenem Posten in Triest gleichwohl unerschütterlich daran, dass das Wissen über das Fremde und andere durch teilnehmende Erfahrung, in der Form des Studiums, des Erleidens, Erlebens und Bewirkens erworben wird, und dass es sich lohnt, dieses Wissen ohne Rücksicht auf orthodoxe Meinungen weiterzugeben“, so Friedmar Apel. „Jenseits ideologischer Auseinandersetzungen über Globalisierung und neue imperiale Diskurse zeigt Trojanows tätige Rezeption, wie sehr die Wahrnehmung des Fremden bei allen Korrekturen im Kern noch immer von der Weltsicht des neunzehnten Jahrhunderts bestimmt ist, die Burton vielfältig in Frage stellte. Auch Trojanow vertraut inhaltlich wie in seinem luziden Stil auf die erkenntnisfördernde Erfahrung des mutigen Individuums, von dem jenseits standardisierter Wissensbestände wie des notorischen westlichen Besserwissens noch etwas gelernt werden kann – vor allem eine Wahrnehmung, die Fremdes in seiner Eigenheit belässt und so, durchaus nicht ohne Momente kritischer Distanz, Verständnis und Zuwendung ermöglicht.“

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