Bücherhamstern (12): Goldgefasste Finsternis

Florian L. Arnold vom topalian & milani verlag stellt heute eines der besonderen Schmuckstücke des jungen Verlagshauses vor.

#du.2Das Buch:

Arno Tauriinens Roman „Goldgefasste Finsternis“ ist ein Füllhorn an eigenwilligen, sprachgewaltig konstruierten Einfällen. Und es ist aktuell wie nie, geht es darin doch um den ewigen Kampf von Gut und Böse, Wahrheit und Lüge. Die ganze Welt ist ein einziges Theater und zu verdanken ist dies dem Theatergenius Lucius Onagre. Sein Meisterwerk Basilisk überzieht allmählich den ganzen Erdball, macht aus jeder Person einen Schauspieler oder Regisseur und aus jedem Ort eine Bühne. Bald weiss niemand mehr: Ist dies alles Inszenierung, ist aus dem Spiel Ernst geworden?
Tauriinens Romansolitär ist kein gewöhnliches Buch, sein Selbstverständnis kleidet sich in die sehr elegante Untertitelung „Ein Luftschloss in Prosa“. Damit ist auch zugleich die Frage geklärt, wohin man diese „Goldgefasste Finsternis“ stecken soll: Wurzeln oder vielmehr „Ahnen“ hat das Buch irgendwo zwischen Nestroy und Arno Schmidt, auch bei den Marx Brothers und Georg Kreisler, es speist sich aus dem Mythenfundus der österreichischen Literatur ebenso wie aus den großen Fragen von Kunst und Kultur. Es wimmelt von Mozartklonen, Gott, de Sade, Freud und Isidor Mahler (der uneheliche und untalentierte Bruder von Gustav Mahler!) treten auf. Und viele mehr. Üppig illustriert und durchgestaltet ist dieses Buch ein außergewöhnlicher Roman.

Der Autor Arno Tauriinen, geboren 1967 in Wien, ist ein nachtaktiver Schriftsteller. Er sammelt Raubtierzähne und alte Bücher und lebt, wenn er nicht in Wien als Neurologe arbeitet, im Tirolischen.
„Goldgefasste Finsternis“ ist sein erstes veröffentlichtes Buch und der Verlag glaubt ihm, wenn er sagt, daß er ’noch in diesem Jahrhundert‘ sein zweites Buch zum Druck freigibt.

Der Verlag:

Seit 2015 kümmert sich der in Elchingen bei Ulm ansässige Verlag um schöne Bücher und Inhalte, die „gelesen werden müssen“. Bücher mit ungewöhnlichen Inhalten und bibliophiler Ausstattung. Diese Bücher folgen der alten Rechtschreibung, leisten sich den Luxus von Flattersatz, Fadenbindung, Farbschnitten; jedes Buch ist durch einen professionellen KünstlerIn ausgestaltet. Die Verleger zum Programm: „Wir sind stolz darauf, unsere Bücher “ungewöhnlich” nennen zu dürfen.“
Auch wenn die Coronakrise das unabhängige Verlags- und Buchhandelssystem bedroht ist man bei „Topalian & Milani“ sicher: „Gute Geschichten müssen erzählt, gute Bücher mit Liebe publiziert werden – diese Kunst ist viel zu wichtig, um sie windigen Großkonzernen und geistlosen Internetriesen zu überlassen“.

Die Buchhandlung:

„Goldgefasste Finsternis“ kann und darf man in der Verlagsbuchhandlung Aegis der beiden „Topalian+Milani“-Macher kaufen, bei der Aegis Buchhandlung in Laichingen, darüber hinaus auf jeden Fall auch in Bayerns schönstem Buchparadies „Literatur Moths“  oder in Augsburg bei der Buchhandlung am Obstmarkt.

Bleibt zuhause! Bleibt guter Dinge! Lest, was euch glücklich macht!

Informationen zum Buch:

Arno Tauriinen
GOLDGEFASSTE FINSTERNIS
Englische Broschur, Fadenheftung, farbiger Vor- und Nachsatz,
Schutzumschlag, reich illustriert, 292 Seiten, 21,00 Euro
ISBN: 978-3-946423-11-9

Illustrationen: Max P. Häring

http://www.topalian-milani.de/


Wegen der Coronakrise bietet der Blog unabhängigen und kleinen Verlagen unter der Rubrik #buecherhamstern die Möglichkeit, Titel aus ihrem Programm sichtbar zu machen. Das ist ein Zeichen der Solidarität für das verlegerische Engagement, das für Vielfalt und Auswahl für Lesende sorgt. Diese Beiträge sind kostenfreie Werbung.

Arno Tauriinen: Goldgefasste Finsternis

Taurinnen

Bild: (c) Michael Flötotto

„Folge mir“, sagt Luciver und nimmt den Alten unter den Arm, „gehen wir erst einmal etwas trinken – ich kenne ein feines kleines Lokal, unter Straßenniveau, Holzfußböden, raunzige Bedienung und ruhige Beleuchtung … Wein aus den Jahren vor dem letzten Krieg … Da setzen wir uns hin und trinken ein gutes Glas. Der Hofmannsthal ist übrigens auch da, der Altenberg ist bestellt, will auch kommen, wenns ihm möglich ist … Der Grillparzer hat sich schon einen Rausch zusammengetrunken und bestimmt spielen uns ein paar Mozarti eine hübsche Musik …“
„Der Hofmannsthal, der Grillparzer“, stutzt der tote Dichter verblüfft, „die sitzen da im Lokal?“
„Wo sollten sie sonst sitzen“, wundert sich der Teufel über so viel Ungläubigkeit, „in der Hölle etwa?“

Arno Tauriinen, „Goldgefasste Finsternis“, Topalian & Milani Verlag, 2017.

Shakespeare hat es auf den Punkt gebracht: „
Die ganze Welt ist Bühne. Und alle Fraun und Männer blosse Spieler. Sie treten auf und gehen wieder ab, sein Leben lang spielt einer manche Rollen durch sieben Akte hin.“

Doch wer entscheidet, ob wir die Hauptrolle in einer Tragödie spielen, einen bloßen Nebenpart in einem seichten Dramolett haben oder gar prädestiniert sind für das Varieté? Ist Gottvater der große Strippenzieher oder doch sein missratener Sohn, der Höllenhund? Im Fall des Falles wünscht sich mancher insgeheim wohl doch eher Lucifer als Intendanten – da kann im Stück zwar manches höllisch daneben gehen, aber zumindest wird es nicht fad, bis der große Vorhang fällt.

So geschieht es in „Goldgefasste Finsternis“: Ein im positivsten Sinne irres, wahnwitziges, spektakuläres Buch voller Überraschungen, Kapriolen, unvermuteten Volten, bis die Schwärze sich am Ende auch über Lucifer senkt. In diesem „Luftschloss in Prosa“ (so der Untertitel) verwandelt das Theatergenie Lucius Onagre die ganze Welt in ein Theaterstück. Sein Werk „Basilisk“ breitet sich über den gesamten Globus aus, vereinnahmt ihn gewissermassen, Mensch, Tier und Fabelwesen werden einverleibt, das ganze Leben wird zum Spiel.

„Zu lange schon.
Zu lange schon ging das alles.
Gott, der in einer kleinen Loge weit über allem
Treiben zur Rechten seines zweiten Sohnes sitzt,
weiß nicht, wie er sich wachhalten soll …

Zu müde ist er von allem Weltentheater, für das man ihm an diesem Abend auch noch ein Billett aufgeschwatzt hat, und nichts von dem, was sich seinen Augen bietet, ist neu, zumindest nicht für ihn.“

Das Spiel des Lebens, das ist hier die Geschichte von Gott und seinem abtrünnigen Sohn, jener Luciver, der mit dem Spektakel eigentlich nur eines will: Die Liebe und Anerkennung seines Vaters. Viel Lärm um nichts? Beileibe nicht! Wer absurde, verspielte Geschichten in der Tradition beispielsweise eines Herzmanovsky-Orlando mag, wer Sinn hat für phantastische Kapriolen und eine Sprache liebt, die geprägt ist von diesem schwarzhumorigen-melancholischen Humor, den vor allem die Wiener beherrschen, der wird diesen Roman goutieren. Zumal neben den eingangs erwähnten Kaffeehausliteraten auch noch Freud und etliche andere Prominente ihren Gastauftritt auf dieser Bühne haben. Angesiedelt in der fiktiven Stadt W., erzählt von einem dritten Mann, glänzt W. alles andere als gülden:

„W., du schöne und ewige Dalle für jenseitssüchtige Verbrecher, Mörder, Lüstlinge, Schabernakkreisende, Physiker und Säulenheilige, Irrwische und Schauspieler, vor allem aber Stadt der vielen Theater, in denen das Volk sich von Tagesanbruch bis in die späte Nacht das Herz aus dem Leib reißt und anderem Volk zum Fraß vorwirft. Stadt, in der alles, was nicht gesagt werden darf auf Litfaßsäulen und Plakatwänden erscheint … und doch niemals gelesen wird.“

Nun, ich kann nur empfehlen: Lest diesen Roman! Und schaut und staunt: Die Reise durch die goldgefasste Finsternis wurde kongenial illustriert von Max P. Häring, dessen Stil und Sinn für Phantastik wie geschaffen scheint für dieses Welttheater in Prosa. Für „Topalian & Milani“ stattete er bereits den ebenfalls wunderschönen Band „Die römische Saison“ von Lutz Seiler mit seinen Zeichnungen aus.

Bleibt am Ende, bevor der Vorhang sich senkt, nur noch die Frage nach dem eigentlichen Strippenzieher: Denn Arno Tauriinen, der so wenig österreichisch anmutende Name, ist ein Pseudonym. Dahinter versteckt sich, so der Verlag, ein in Wien geborener Neurologe, der Raubtierzähne, vertrocknete Kakteen und alte Bücher sammelt. „Goldgefasste Finsternis“ sei sein erstes veröffentlichtes Buch, ein „Exzerpt aus vielen hunderten Notizen, Zetteln und Typoskripten.“ Ich habe da zwar eine Vermutung – doch möge das Pseudonym lange ungelüftet bleiben, die Geschichte um Arno Tauriinen ist zu gut, wahr oder nicht.

PS: Als ich am Schreiben dieser Rezension war, erreichte mich die Nachricht, dass „Goldgefasste Finsternis“ auf der Hotlist 2017 der unabhängigen Verlage ist. Meine Stimme hat das Buch:
https://www.hotlist-online.com/

Verlagsinformationen zu „Goldgefasste Finsternis“:
http://www.topalian-milani.de/portfolio/arno-tauriinen-goldgefasst/

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