Mütter und Töchter: Geschichten vom Gehen und Wiederkommen

„Wir sitzen im Zug nach Prag. Für dieses Herbstwochenende verspricht der Wetterbericht sommerliche Temperaturen. Ich muss mich erst an den Gedanken gewöhnen, dass meine Mutter und ich allein zu zweit unterwegs sind. Waren wir jemals für ein langes Wochenende so eng zusammen? Tag und Nacht? – Nein, nie. Achtundfünfzig Jahre hat es gebraucht, um Zeit und Gelegenheit zu finden, diese Reise anzutreten. Und nun dieser Altweibersommer!“

Bild: Julius Erler, Dresden

Manchmal braucht es lange, bis zwischen Müttern und Töchtern eine Annäherung stattfindet – Sybille, geboren 1960, gelingt dies, auch beim gemeinsamen Altweibersommer mit ihrer Mutter. Andere Mütter-Töchter-Beziehungen bleiben dagegen distanziert, manche sind von Beginn an konfliktbeladen, andere harmonisch. Aber eines haben sie gemeinsam: „Keine Beziehung ist so essenziell, so innig und zugleich so irritierend wie die zwischen Mutter und Tochter“, sagt Petra C. Erdmann. Wie stark der mütterliche Einfluss auf die Identitätsentwicklung einer Frau sei, zeige sich jedoch meist dann am deutlichsten, wenn der Umgang miteinander gestört sei. Seit zwei Jahrzehnten ist Petra C. Erdmann erfolgreich als Verhaltens- und Teamtrainerin für Firmen und Organisationen tätig und berät Menschen in Krisensituationen.

Immer wieder hatte sie, die selbst Mutter von zwei Töchtern ist, dabei Begegnungen mit Töchtern und Müttern, deren Beziehung schwierig ist. Der wesentliche Konfliktpunkt zwischen den Frauen ist im Kern die Frage zwischen dem richtigen Maß an Nähe und Distanz – oft findet eine Annäherung erst dann statt, wenn die Töchter eigene Lebenserfahrungen gesammelt haben, älter werden, vielleicht auch eine eigene Familie haben und dieselben Erfahrungen mit ihren Töchtern machen.

Wie so eine Annäherung stattfinden kann, wie Frauen sich an ihre Mütter erinnern, davon erzählt der Band „Geschichten vom Gehen und Wiederkommen“. Petra C. Erdmann hatte in ihrer Arbeit immer wieder Frauen gebeten, einen Brief an ihre Mütter zu schreiben oder ihre Erinnerungen schriftlich festzuhalten – über 20 Frauen stellten ihre Texte für das Taschenbuch, das nun im Eigenverlag erschien, zur Verfügung.

So individuell die Lebenswege der Frauen sind, so stark die einzelnen Persönlichkeiten aus den Briefen und Erzählungen heraustreten, so verbindend ist aber auch, dass jeder dieser Texte beim Lesen eigene Erinnerungen und Gefühle in Gang bringt: Letztlich sind wir Leserinnen ja auch alle Töchter. Die „Geschichten vom Gehen und Wiederkommen“ haben ein stark versöhnendes Element, das, wenn beispielsweise Evelyne darüber schreibt, sehr anrührend ist:

Liebe kann man auf so viele verschiedene Weise geben. Ich habe starke Wurzeln, die ich mir selten bewusst mache. Doch wirken sie und geben mir Halt.“

Petra C. Erdmann sagt als Herausgeberin selbst dazu: „In allen Briefen spürt man nicht nur Schmerz, sondern auch die Liebe, die der Kern der Mutter-Kind-Beziehung ist. Und oft auch das Bedauern, nicht schon früher mit der Mutter über das Unausgesprochene geredet zu haben. Insofern ist mein Credo: Habt den Mut, schon zu Lebzeiten aufeinander zuzugehen. Sagt der Mutter, was sie euch bedeutet, was euch gefehlt hat und wofür ihr von Herzen dankbar seid. Letztlich kann das den ersehnten inneren Frieden bringen.“

Informationen zum Buch:
Petra C. Erdmann
Geschichten vom Gehen und Wiederkommen – Briefe und Erinnerungen von Töchtern und Müttern
Taschenbuch, 153 Seiten, 12,99 Euro
ISBN: 978-3-752-66086-9
Bestellmöglichkeiten: https://petra-erdmann.de/veroeffentlichungen/

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Vögel im Kopf: Geschichten aus dem Leben seelisch erkrankter Jugendlicher

„Wenn man die Klinik betritt, betritt man eine andere Welt – in der manchmal die Zeit stillsteht, so könnte man meinen. Man grenzt sich aus, um sich selbst einzugrenzen und dazuzulernen. Um mit sich selbst wieder eins zu werden und an sich zu arbeiten. Das führt oft dazu, dass man in seiner Entwicklung, zumindest der Entwicklung, die von außen sichtbar ist, stillsteht. Man lernt, das Universum anders zu betrachten und sich neu in ihm zu orientieren. Wir entfliehen der Welt, um uns in ihr neu zu definieren.
Die Welt hingegen interessiert dies nicht und sie dreht sich einfach so weiter. Während wir hinter den gelben Fenstern lernen, zu fühlen, unsere Gedanken zu kontrollieren, unseren Geist neu auszurichten, lernen andere in unserem Alter Algebra, entdecken sich und ihren Körper, probieren sich aus.“

Aus: „Vögel im Kopf“, S. Hirzel Verlag, 2020

Wie für die heute 28-jährige Janine B., war und ist das Gebäude mit den gelben Fenstern für Generationen von Kindern und Jugendlichen zur vorübergehenden Heimat geworden. Zum Zufluchtsort, zum Ort, der Hoffnungen und zugleich das Gefühl der Niederlage verbindet, aber auch zu einem gefühlten Gefängnis, dem man entkommen möchte. Seit über 100 Jahren gibt es die Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Tübingen: Das Haus mit den gelben Fenstern kennt unzählige (Lebens-)Geschichten, die nicht nur für ein persönliches Schicksal stehen, sondern auch ein Spiegel sind für den Umgang unserer Gesellschaft mit psychischen Erkrankungen.

Der Förderverein Schirm e.V. gibt den Menschen hinter den Fenstern eine Stimme: „Vögel im Kopf“ ist ein aktuell erschienener Sammelband, der Texte von Patientinnen und Patienten, Angehörigen und Mitarbeitenden der Kinder- und Jugendpsychiatrie vereint. Die Unmittelbarkeit der Erzählungen treffen einen beim Lesen ins Herz und machen die Ängste und die verzweifelten Gefühle, die mit einer psychischen Erkrankung einhergehen, verständlicher.

„Früh aufstehen. Wiegen. 39 kg auf 172 cm. Ich bin vor kurzem 16 geworden. Aussichtslosigkeit, Schmerzen und Verzweiflung überwiegen in meinem Leben. Ich wollte mich nicht umbringen, wollte nicht sterben, nein, ich wollte nicht mehr sein und bin auch kaum noch. Wenn ich in den Spiegel sehe, ist da eine Fremde, ein Zombie, gruselig und ekelhaft. Tiefe Augenhöhlen. Eine dünne Schicht gespannte, blasse Haut über Knochen. Nicht zierlich, ein massives Skelett mit klobigen Gelenken.“

Wie Anita l., heute 37 Jahre alt, die ein knappes Jahr als Patientin in der Kinder- und Jugendpsychiatrie war, stellen sich viele diese Frage: „Fühle ich mich wie auf dem Weg in ein Gefängnis, in ein Krankenhaus?“ Sie schildert eindrücklich ihre inneren Widerstände, die sie in den ersten Tagen begleiten – gegen die Klinik, gegen das Personal, gegen die Mitpatienten. Aber wie viele andere Geschichten in diesem berührenden Buch ist auch ihre eine der Hoffnung: „Vögel im Kopf“ erzählt nicht zuletzt auch davon, wie viele junge Menschen in der KJP lernen, mit ihrer Krankheit zu leben, mit ihr umzugehen, neue Perspektiven erhalten und ihr Leben meistern – so Ulrike S., die Jahrzehnte später selbst als Ärztin arbeitet und eine erfolgreiche Wissenschaftlerin ist.

In ihrem Nachwort betonten der Ärztliche Direktor der Klinik, Professor Tobias Renner und sein Stellvertreter Dr. Gottfried Maria Barth, ebendieses:

„In der Kinder- und Jugendpsychiatrie kommt eine sehr wichtige Besonderheit dazu. Es kann bei uns nicht nur um Symptomreduktion oder Heilung von Krankheiten gehen. Wir haben immer mit der gesamten psychosozialen Entwicklung zu tun. Und Heilung kann nicht nur Wegnehmen von Krankheit bedeuten, sondern Wege zu öffnen für eine gesunde seelische Entwicklung. Wir wollen mit unseren Patient*innen nach vorne blicken, mit großer Kreativität immer wieder neue Wege finden, wie bestehende Belastungen bewältigt werden können.“

So ist „Vögel im Kopf“ vor allem für die Betroffenen und ihre Umwelt selbst ein wichtiges Buch, ein Buch, das  Hoffnung macht und verdeutlicht, wie wichtig es ist, sich Hilfe zu holen – wie bei jeder anderen Erkrankung auch. Aber dennoch wird durch die sensible Auswahl der Geschichten durch die Herausgeber, Ärzte, Therapeuten und Mitarbeitende der Klinik, auch auf die Schattenseiten und die Schwierigkeiten, die psychische Erkrankungen und ihre Behandlung mit sich bringen, eingegangen. Die Schuldgefühle und Versagensängste, die oftmals die Eltern plagen. Die Geschwisterrivalität, die entstehen kann, wenn der Fokus auf dem erkrankten Kind liegt. Das Gefühl, an seine Grenzen zu kommen, das auch erfahrene Therapeut*innen kennen. Aber vor allem die Angst vor Stigmatisierung. Robert, Vater einer erkrankten Tochter, schreibt dazu:

„Leider scheint mir, dass die »Umgangskultur« mit psychisch Kranken eine zusätzliche Hemmschwelle darstellt, ein ohnehin großes Problem zu überwinden, nämlich das Eingeständnis, krank zu sein und unter Umständen ohne fachliche Hilfe nicht mehr in eine gesündere Spur zu kommen. Interessant: Auch wenn es heute einerseits einen gefühlt offeneren Umgang mit dem Thema »psychische Erkrankung« gibt, spiegelt sich andererseits immer noch eine erschreckend aggressive Stigmatisierung im Sprachgebrauch wider: der »Mongo« und »Spasti« früherer Jugendgenerationen scheint heute dem »Psycho« gewichen zu sein. Ich habe noch nie erlebt, dass jemand, der wegen Zahnschmerzen den Arzt aufsuchen muss, als »voll der Kario« oder »Dento« diffamiert wird. Auch ein atemschwacher »Pneumo« ist mir noch nie untergekommen.“

Dem Wunsch der Herausgeber, dass dieses Buch zum Lesen verlockt, vor allem aber, dass es Anlass gibt, über das Thema zu reden und damit einen Teil der Stigmatisierung und Tabuisierung aufzuheben, kann man sich nur anschließen. Zudem ist dieses Lesebuch auch wunderschön gestaltet – die „Vögel im Kopf“ begleiten die einzelnen Geschichten illustrativ, zudem werden die Erzählungen bereichert durch passende Gedichte und Zitate aus der Literatur und Philosophie.

Einige der Texte werden nach und nach auf der Homepage des Fördervereins Schirm e.V. veröffentlicht: https://www.voegel-im-kopf.de/

Informationen zum Buch:

Vögel im Kopf
Geschichten aus dem Leben seelisch erkrankter Jugendlicher
Herausgegeben von: Gottfried Maria Barth, Bernd Gomeringer, Max Leutner, Jessica Sänger und Ulrike Sünkel
Hirzel Verlag, Stuttgart, 2020
Gebunden, 320 Seiten, 24,00 €
ISBN 978-3-7776-2885-1

http://www.hirzel.de/titel/61998.html

Ragnar Helgi Ólafsson: Handbuch des Erinnerns und Vergessens

„Worte in Form zu binden, bewahrt die Erinnerung an etwas, das wusste man in früheren Zeiten, als man sich Dinge noch merken konnte – bevor alles aufgeschrieben wurde. Platon wusste das natürlich. Und er glaubte auch, dass die neueste Technik und Wissenschaft der Antike (die Schriftsprache) ein unmittelbarer Anschlag auf das Gedächtnis der Menschen sei. Er traute dem Alphabet nicht, war ihm gegenüber mehr als skeptisch, schrieb darüber (in öffentlicher Rede!), wie das Schreiben Vergesslichkeit verursacht; ich habe es immer gut gefunden, dass er ausgerechnet darüber geschrieben hat.“

Ragnar Helgi Ólafsson, „Handbuch des Erinnerns und Vergessens“

Es ist ein tückisches Ding mit dem menschlichen Gehirn. Der eine glaubt nur das, was geschrieben steht. Ein anderer befürchtet, er könne seinem Gedächtnis nicht mehr trauen. Und dann gibt wiederum jemand den Rat: „Glücklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist.“ Was beinahe zynisch klingt, wenn man an die Volkskrankheit denkt, die jeden von uns am Ende seiner Tage treffen könnte: Denn es ist der Nebel des Vergessens, der mit einer Demenz eintritt, das langsame Sterben des Gehirns.

„Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können“ gibt nun jedoch der isländische Schriftsteller-Philosoph Ragnar Helgi Ólafsson ein „Handbuch des Erinnerns und Vergessens“ mit. Wie bereits in seinem Gedichtband, macht sich Ólafsson auch in diesen Prosatexten nicht zum „Laufburschen für die Wirklichkeit“, sondern treibt mit seinen Lesern ein doppelbödiges-schalkhaftes Spiel. Subtext der zwölf Erzählungen: Unseren Erinnerungen ist im Grunde nicht zu glauben, man ist meist nicht einmal der „Dramaturg des täglichen Lebens“, des eigenen Lebens, wie es in einer der überwiegend surrealen gehaltenen Geschichten heißt.

„Merkwürdig, wie es mit den Erinnerungen ist, je mehr Zeit vergeht, desto mehr fangen sie an, die Eigenschaften von Träumen anzunehmen – so dass man im Laufe der Jahre Traum und Erinnerung kaum noch auseinanderhalten kann. Zumal ein Traum, nachdem man ihn geträumt hat, natürlich auch nur eine Erinnerung ist. Vielleicht sind daher diese Ähnlichkeiten gar nicht so erstaunlich. Wahrscheinlich ist letztlich alles eine Erinnerung.“

Dieses intellektuelle Spiel mit den Fallen und Fehltritten der eigenen Wahrnehmung, der menschlichen Lust an Selbsttäuschung und den Grenzen unser Erkenntnisfähigkeit, ja, auch der Unmöglichkeit von Objektivität wird in allen diesen Erzählungen durchdekliniert. Mal surreal-fantastisch wie in „Funes der Jüngere“, eine Erzählung, die ganz bewusst an Jorge Luis Borges erinnert und an dessen Arbeitsort, der argentinischen Nationalbibliothek ihren Ausgang nimmt. Oder wie in „Ragnar, seine Freunde und ich“, meine Lieblingsstory in diesem Band, der Autor, eingepfercht in einen klapperigen Fiat Uno, gemeinsam mit einer übelgelaunten Eule und einem meckernden Satyr. Diese beiden Beispiele stehen für den intellektuellen Witz und Humor, mit dem Ólafsson Erinnerungen betrachtet.

Zentral platziert und damit der Kern dieses Handbuches, gibt die längste Geschichte jedoch ganz „Praktische Ratschläge fürs Erinnern und Vergessen“. Untertitel: „oder die Ruinenwerttheorie“. Es ist der Brief eines Mannes an eine ehemalige Geliebte, die vorschlägt, die getauschten Briefe zu vernichten, zu verbrennen. Ist es so, dass damit das einmal geschriebene, gesagte, gedachte Wort auch aus der Welt verschwindet? Kann man mit verbannten Gegenständen und verbrannten Briefen auch die Erinnerung löschen?

Und was ist Vergessen? Gnade oder Kontrollverlust?

„Es hat etwas Furchteinflößendes, Gott um Hilfe zu bitten, dass man etwas vergisst – nicht nur, weil es dann unwiderruflich verschwände – sondern weil derjenige, der auf sein Gedächtnis verzichtet, damit zugleich auf alle Möglichkeiten verzichtet, die Kontrolle über sein eigenes Leben zu behalten (Anmerkung meinerseits: Und es damit den Dramaturgen zu übergeben). Ist es nicht so? Man kann es sich nicht aussuchen, was man vergisst. Es ist unmöglich, systematisch zu vergessen … man vergisst alles gleich: Das, was einen glücklich macht, das, was einen traurig macht, was einem von Nachteil ist und was einem nützt. Aber es ist natürlich auch denkbar, dass genau dieses Sicherinnern die Wurzel allen menschlichen Übels ist.“

Ein unauflösbarer Konflikt scheinbar – doch trotz eines leichten Untertons der Melancholie ist dieses Handbuch im Grunde ein sanftes Plädoyer dafür, sich einfach auch seinen Erinnerungen, seinen Tagträumen, seinen Nachtgedanken, sich also schlicht und einfach dem Leben zu überlassen. Das kann auch auf dem Anhänger eines Traktors geschehen, auf dem man liegend durch die Landschaft gerumpelt wird:

„Die Wolken ziehen in vollkommen gleichmäßiger Geschwindigkeit über dich hinweg. Da du liegst, schaust du direkt nach oben, fühlst das Zittern des Motors im Rücken und liest mit dem ganzen Körper die Schlaglöcher auf dem Weg. Die Wolken ziehen am Himmel vorbei und du den Weg entlang … und du vergisst, daran zu denken. Du bist in diesem Augenblick da, ganz ohne es zu merken. Bist einfach da, auf dem Boden des Anhängers, in der Welt, unter dem Himmel – ganz ruhig und doch nicht regungslos. Und merkst es gar nicht.“

Die Einschätzung von Elke Engelhart bei „Fixpoetry“ kann ich nur teilen:

„Ólafssons lustvolles Spiel mit Wissen und Zusammenhängen, und wie das fehlende bzw. vorhandene Wissen den Blick auf das, was geschieht, verändert, erzeugt Kippbilder, die von Dichtern und Figuren der Literatur belebt werden. Das „Handbuch des Erinnerns und Vergessens“ lässt sich gleichermaßen von Träumen wie von philosophischen Gedankenspielen inspirieren. So entstehen Geschichten, die sowohl als gute Unterhaltung wie auch als intellektuelles Spiel überzeugen.“

Nicht vergessen werden sollten auch die beiden Übersetzer Jón Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer, die bereits Ólafssons Gedichtband wunderbar ins Deutsche übertragen haben.

Informationen zum Buch:

Ragnar Helgi Ólafsson
Handbuch des Erinnerns und Vergessens
Elif Verlag, 2020
Hardcover mit Schutzumschlag, 198 Seiten, 22,00 Euro
ISBN 978-3-946989-26-4


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Sina Kamala Kaufmann: Helle Materie

„Timo sprach nicht mehr über seine Wut. Grundsätzliche Konsumkritik ist ein Killerthema. Jeder stimmte zu, zumindest mehr oder weniger, und weiter – weiter durfte man nicht denken. Zweifeln brachte die Lebensroutine in Bedrängnis. Solche Themen sparte man in seinem Freundeskreis mittlerweile aus, sprach konstruktiv über Naheliegendes. Lieber weiter so, keiner war mehr jung genug, alle relevanten Lebensentscheidungen waren bereits getroffen. Reflexion führt ins Ungewisse. Lieber blieben sie an der Oberfläche, an derselben Oberfläche, die sie selbst weiterhin so gerne zynisch kommentierten. Das Risiko, zu weit zu denken, die Anschlussfähigkeit zu sich, zur eigenen Timeline zu verlieren, war zu groß. Er hatte sich damit abgefunden, selbst keine Konsequenz leben zu können.“

Sina Kamala Kaufmann, „Helle Materie“.

Vielleicht wäre es um unsere Zukunft nicht allzu schlecht bestellt, hätten wir mehr Schriftstellerinnen vom Schlage einer Sina Kamala Kaufmann. Schriftstellerinnen, die politisches Engagement und literarisches Talent verbinden. Und zudem noch die Fähigkeit besitzen, ihren Erzählungen auch einen Unterstrich von Chuzpe und Schalkhaftigkeit zu geben.

Mit ihrem Erzählband „Helle Materie“, betrat die politische Aktivistin, die auch Herausgeberin der deutschen Ausgabe des Extinction-Rebellion-Handbuchs ist, erstmals literarisches Terrain – und erregte damit ordentliches Aufsehen. Tatsächlich sind diese „nahphantastischen“ Stories, fast schon Sittenbilder unserer heutigen Generation, etwas Besonderes und Neues, wenn man auf die sonstigen angesagten literarischen Themen und Trends schaut.

Sina Kamala Kaufmann wirft einen kritischen, analytischen Blick auf unsere Gegenwart und unsere Seinszustände und spinnt sie weiter – mal ironisch, mal düster-dystopisch, mal auch mit konkreten Praxisvorschlägen für die kommende Welt. Utopien ohne Haftungsgarantie. Die jedoch dazu anregen, aus der eigenen Komfortzone zu kommen, sich die „Was wäre wenn?“-Frage selbst zu stellen.

Schon die erste Erzählung dieses Debütbandes zeigt die Richtung auf, in die es geht: In „Nochmal, nochmal“ besichtigt eine Besucherin die entleerten Facebook-Hallen, zieht Vergleiche zum Beginn der Industrialisierung.

„Damals. Noch ein wenig Mysterium umgab dieses mächtige Start-up aus der Hippie-Stadt. Das Internet war noch nicht ganz entzaubert.“

Der Zeitrahmen ist somit gesetzt, wir befinden uns in der nahen Zukunft. In einer Zukunft, in der „die Stöckelquote“ eingeführt wird – Männer müssen Frauenkleidung tragen, weil einfach immer noch nicht genügend Frauen in Vorständen und Aufsichtsräten zu finden sind -, in der bei Studenten der „N-Faktor“ gemessen wird, deren Anfälligkeit für narzisstisches Verhalten also, um zum Wohle ihrer Umgebung entsprechend frühzeitig therapiert zu werden, in denen es Anti-Prokrastinationsgruppen und Urschlamm-Kuren gibt, damit ein jeder sich möglichst selbst optimiere.

Was in den seltensten Fällen gelingt. Denn da sind die Zweifler wie Timo aus „Eine Kleidergeschichte“ oder Paul aus „Produktivität“:

„Und da war er wieder, hilf- und hoffnungsloser als je zuvor. So leer, wie man nur sein konnte, wenn man berücksichtigte, wo er lebte. Wohlwissend, er sollte glücklich sein, schlicht glücklich, dass er auf der sonnigen Seite der Zivilisation, der Erde geboren worden war. Sein Pass allein war Grund genug, vor Sonnenaufgang mit dem Tanzen zu beginnen und nicht aufzuhören. Er sollte aufhören, sich Sorgen zu machen, diese offensichtliche Dummheit, die Unterdrückungen, Manipulationen, all diese kleinen Details, die schiefliefen zur Zeit und die ihm riesengroß erschienen.“

Dass auch Sina Kamala Kaufmann eine ist, die sich Sorgen macht über die Blauäugigkeit, mit wir uns alle in Konsum- und Verhaltenszwänge begeben, ist offensichtlich (man lese dazu nur die Story „Opt-In Slavery“). Aber im Gegensatz zu manchem Kulturpessimisten wie ein Jonathan Franzen warnt sie weder mit erhobenem Zeigefinger noch bettet sie sich in bequemer kompletter Ablehnung aller neuzeitlichen Entwicklungen ein. Vielmehr spinnt sie mit viel Einfallsreichtum Zukunftsszenarien, die verstören, nachdenklich machen, vor allem aber dazu anregen, die Zukunft mitzugestalten: Future nicht nur für Sonntagsleser.

„Helle Materie“ ist so auch eins: Ein helles Lesevergnügen.

Informationen zum Buch:

Sina Kamala Kaufmann
Helle Materie
Mikrotext Verlag, 2019
Taschenbuch, 176 Seiten, 14,99 Euro
ISBN 978-3-944543-74-1
E-Book, 6,99 Euro
ISBN 978-3-944543-71-0

Weitere Besprechungen:
In Deutschlandfunk Kultur und Deutschlandfunk Nova.


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Stefan Zweig: Ein Europäer von heute

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Stefan Zweig, portraitiert von Michael Hahn. Foto: Birgit Böllinger

„Die geistige Einheit unserer Welt?? Welch ein absurdes Thema! Spreche ich da nicht über ein Phantom? Existiert sie wirklich? Hat sie je existiert? Wird sie je realisierbar sein?

Leider, ich gestehe es, ist sie nicht sehr sichtbar im gegenwärtigen Augenblick, diese moralische Einheit unserer Welt – im Gegenteil, selten war die Atmosphäre der Welt (insbesondere unseres alten Europas) so vergiftet von Misstrauen, Uneinigkeit und Angst. Mit Unruhe nimmt man jeden Morgen die Zeitung zur Hand, mit einem Seufzer der Erleichterung legt man sie nieder, wenn nichts besonders Gefährliches sich ereignet hat, nur manchmal glaubt man die schwarzen Schwingen des drohenden Kriegs über seinem Schlafe rauschen zu hören.“

Stefan Zweig aus: „Die geistige Einheit Europas“.

Wenn man diesen Vortrag von Zweig, 1936 in Rio de Janeiro gehalten, heute liest, muss man sich die Augen reiben: Wort für Wort beschreibt der große österreichische Autor unsere gegenwärtige Situation. Mag man heutzutage auch keine Zeitung mehr lesen, sondern Nachrichten im Internet, mag es die wunderbare Sprache Zweigs sein, die manchem etwas antiquiert erscheinen mag: die Worte verlieren dennoch nicht ihre Gültigkeit und Aktualität.

Zweigs „Welt von gestern“ erscheint wie die „Welt von heute“:

„Woche für Woche, Monat für Monat kamen immer mehr Flüchtlinge, und immer waren sie noch ärmer und verstörter von Woche zu Woche als die vor ihnen gekommenen.“

Zwar spricht Zweig hier, in seinen „Erinnerungen eines Europäers“, von der jüdischen Bevölkerung, die versucht, aus dem nationalistischen Deutschland zu fliehen – doch an dem Kapitel „Sie standen an den Grenzen“ wird deutlich, was Flucht und Heimatverlust bedeuten, damals wie heute.

Der Verlag „Topalian & Milani“, der schon einmal mit „Die unsichtbare Sammlung“ einen wunderbaren bibliophilen Band mit zwei Erzählungen Zweigs herausgab, begeistert nun erneut mit einem absolut schön gestalteten Buch, einem Buchkunstwerk, das zwei Novellen des Autors beinhaltet.

Ergänzt durch die beiden oben zitierten Aufsätze zeigt dieser Band die politische und moralische Aktualität des Österreichers, der sich, verzweifelt über das Leben im erzwungenen Exil, 1942 das Leben nahm, an zwei Erzählungen. Auch die beiden ausgewählten Novellen für das stimmig illustrierte Buch, „Der Amokläufer“ und „Episode am Genfer See“, zeigen, warum Stefan Zweig ein Autor der Moderne ist: Er taucht förmlich in die Psyche seiner Figuren ein, er geht bis an ihren Seelengrund und die gewählten Thematiken, Machtmissbrauch eines Mannes über eine Frau und die Lage eines Flüchtlings, sind nach wie vor aktuell.

Mag „Der Amokläufer“, der allein von der Länge der Erzählung aus schon mehr Raum einnimmt, die spannendere Geschichte sein, an der Zweigs ganze Kunst des erzählerischen Gestaltens deutlich wird, so ist die „Episode am Genfer See“ die deutlich anrührendere Erzählung. Am schweizerischen Ufer des Sees strandet ein nackter, unbekannter Mann, ein Russe, als Soldat in den Krieg gezwungen, der nur noch nach Hause zu seiner Familie möchte. Mit welchen Vorbehalten die Bevölkerung reagiert, wie wenig Bereitschaft da ist, dem Mann über das Notwendigste – Kleidung und Essen – hinaus zu helfen, wie sehr dieser aber wiederum unter seiner „Sprachlosigkeit“, seinem Heimweh und seiner Isolation leidet, dies alles schildert Zweig in wenigen, einprägsamen Szenen. Eine Geschichte, die auch heute noch dazu beizutragen vermag, sich in die Ausnahmesituation eines Flüchtlings hineinzudenken. Dass beide Erzählungen tragisch enden, dies sei an dieser Stelle noch vermerkt.

Es ist also auch heute immer noch ein großer Gewinn, Stefan Zweig zu lesen. Und mit diesem vorliegenden Buch liegt auch eine der schönsten Neuausgaben vor, die es von Zweigs Erzählungen gibt: Handwerklich und optisch von der Auswahl der Schriften bis hin zum Papier aufwendig und wunderschön gemacht, wie man es von dem 2015 gegründeten Verlag inzwischen schon erwartet.

Die Illustrationen von Michael Hahn sind überwältigend – sie greifen die jeweilige Atmosphäre der Geschichten auf, arbeiten beispielsweise beim „Amokläufer“ mit Motiven der indonesischen Bilderwelt, aber ebenso bei den Portraits der Kolonialherrschaften mit Elementen des Jugendstils und Art déco. Über die Arbeit Hahns mache man sich am besten selbst ein Bild, direkt hier: www.hahn-illustration.de

Informationen zum Buch:

Stefan Zweig
Der Amokläufer/Episode am Genfer See
Topalian & Milani, 2019
Hardcover, Großformat, 176 Seiten,
durchgehend illustriert von Michael Hahn, 28,00 Euro
ISBN: 978-3-946423-07-2


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Susanne Neuffer: Im Schuppen ein Mann

„Die Ehrenamtlichen spalten sich gerade auf in eine Fraktion, die wie Elfie anspruchsvolle experimentelle Kleinkunst und Vernissagen favorisiert, und in ein kleines Grüppchen, das gerne mehr Diavorträge, Bastelausstellungen und Tanztees im Programm hätte. Vielleicht auch noch etwas Gymnastik am Morgen. Ich sehe das Problem nicht, aber ich sehe ohnehin nicht gerne, wenn Gegensätze sich zuspitzen. Mit den Jahren fange ich an, etwas für dialektisches Denken zu halten (und zu verteidigen), was vielleicht ein gewisser Hang zum Kompromiss ist. Zum Beispiel zwischen Tanztee und experimentellen Musiktheater.“

Aus der Erzählung „Bankett für alle oder: Ach wir Armen“. Susanne Neuffer, „Im Schuppen ein Mann“, Erzählungen.

Es kommt zu keinem Kompromiss zwischen diesen beiden Freundinnen, die schon längst keine Freundinnen mehr sind, als sie gemeinsam den lang geplanten Urlaubstrip verbringen. Mit sanfter Widerborstigkeit setzt sich die Ich-Erzählerin durch, die sich insgeheim ärgert, dass sie, „wenn es um Elfi geht, immer in den Kategorien von Kampf und Macht und Gewinnen und Verlieren denke.“

Um diese „ärgerlichen“ Kategorien, die dennoch viele unserer zwischenmenschlichen Beziehungen zumindest unterschwellig prägen, kreisen die Erzählungen der vielfach ausgezeichneten und aber noch nicht angemessen bekannt genugen Hamburger Schriftstellerin. Es mag daran liegen, dass es nicht um „die ganz großen“ Konflikte in diesen Geschichten geht, sondern eher um Menschliches und Allzumenschliches: Der Familienvater, der für eine Weihnachtsfeier eingeladen ist bei seiner ehemaligen Frau und deren neuen Lebensgefährtin und sich vorkommt wie ein Fremdkörper. Der ambitionierte Autor, der an einem Schreibwettbewerb seiner Geburtsstadt, in der ihn keiner mehr kennt, teilnimmt und mit einer Plastiktüte voller Werbematerial abgespeist wird. Die Familienmitglieder, die den Haushalt der verstorbenen Mutter auflösen.

Und doch nehmen diese Geschichten alle eine unerwartete Wendung oder sind von einem Ton geprägt, der das Alltägliche zu etwas Besonderem macht. In einem Portrait in der „taz“ ist über das Schreiben von Susanne Neuffer dies zu lesen:

„Jemand aus der Hamburger Literaturszene hat mir mal gesagt, ich sei zu harmlos und meine Geschichten seien zu harmlos, also würde das nichts mit mir werden“, sagt Susanne Neuffer und lächelt auf eine Weise verlegen, die ahnen lässt, dass sie für ein solches Urteil nur leisen Spott übrig hat und dass es ihr dennoch ein wenig Sorge bereitet. Was, wenn ihre erzählten Welten wirklich risikolos zu betreten wären?

Papperlapapp! Denn ihre Geschichten sind alles andere als harmlos. Sie sind im Gegenteil von einer untergründigen Sprengkraft; sie sind poetisch raffiniert ausgefeilt und zugleich sozusagen bitterkomisch und es ist ein kleines bis großes Rätsel, dass Neuffer als Autorin so wenig bekannt ist.

Untergründige Sprengkraft oder eben auch sanfte Widerborstigkeit, wie ich es nenne: Ich stelle mir Susanne Neuffer vor wie das „Kind A.“ aus einer ihrer Erzählungen.

„Und doch könnte ich auf die kleine A. verweisen, diese autarke Kind, das einen Teil des Tages auf jener Veranstaltung an meiner Seite war. Ein Kind in einem rot-lila Blumen- und Punkte-Kleid, mit in die Höhe wachsenden Kringellocken, die auf dem kleinen Kopf standen wie rätselhafte Waffen einer neuen Spezies: Dieses Kind ließ seine Eltern einfach sitzen und gesellte sich zu uns, das heißt zu mir und den Kindern, die gerne absurde Spiele spielen wollten und mich daran hinderten, mit den anderen Erwachsenen höflich desinteressierte Gespräche zu führen.“

Der Hang zu absurden, widerständigen Spielen, die Lust an humorvoller Anarchie: Dies dringt auch durch die Miniaturromane, die Susanne Neuffers Erzählungen eigentlich sind. Auf wenige Seiten komprimiert, werden ganze Familien-, Freundschafts- und Beziehungsgeschichten und vor allem Lebensgeschichten entfaltet, im Ungesagten und oftmals in einer überraschenden Wendung liegt dabei die Kraft. So lässt einen schon die titelgebende Story „Im Schuppen ein Mann“ perplex zurück. Erzählt wird von einem, der, aus welchen Gründen auch immer, aus den sozialen Auffangnetzen gefallen ist. Mit seinem letzten Anzug kann er die bürgerliche Fassade noch aufrechterhalten, als Obdach dient in ein Schuppen im Garten einer ihm fremden Frau. Seine Anwesenheit bleibt ihr nicht verborgen, kleine Zeichen deuten darauf hin, eine Art Annäherung beginnt. Doch bevor man es sich als Leserin mit einem kuschelig-kitschigen Sozialmärchen-Happyend bequem machen kann, zieht einem Susanne Neuffer einen Strich durch die Rechnung: Der Schuppen muss weg, beschließt die Hausbesitzerin, eine kleine weiße Gartenbank an dieser Stelle wäre schön. Ein offenes Ende, das nachwirkt – denn was wird mit dem Mann im Schuppen?

Doch damit muss man bei Susanne Neuffer rechnen: Manchmal skurril bis surreal, manchmal poetisch und manchmal geprägt von absolut trockenen Humor sind ihre Erzählungen alles andere als harmlos, sondern immer überraschend.

Sie scheint mir ebenso zu sein wie eine meiner liebsten Figuren in diesem Erzählband, wie das Kind A., eine, die sich durch „ernstes Mitspielenwollen“ und zugleich „distanzlose Entferntheit von allem“ auszeichnet. Eine Schriftstellerin, die messerscharf menschliche Befindlichkeiten analysiert und sich dabei zugleich eine kindliche Verspieltheit bewahrt hat:

„Natürlich ist es zu spät, um zu den anderen Erwachsenen hinzugehen und zu sagen: Ich spiele jetzt mit. Aber es ist nicht zu spät sich vor der nächsten Veranstaltung Kringellocken machen zu lassen, steil nach oben ragende, entschlossene Kringellocken.“

Mehr Informationen zum Buch:
Susanne Neuffer
„Im Schuppen ein Mann“
Maro Verlag
2019
Broschur, 224 Seiten, 18 Euro
ISBN 978-3-87512-489-7

Homepage der Autorin:
https://susanne-neuffer.de/


Bild zum Download: Titelbild


 

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Ida Häusser: Meins!

„Meine Kindheit war an jenem Tag im Mai 1981 zu Ende. Ich stand und sah zu, wie sie mit dem Blütenstaub über die Tulpensteppe geweht wurde. Und ich wünschte mir riesige, kilometerlange Arme, damit ich diese unfassbare Herrlichkeit umarmen und an mich drücken könnte. Wie ein kleines Kind, das ein liebgewonnenes Spielzeug nicht hergeben will, wollte ich diese stille Schönheit umklammern und Meins! rufen, den Rotz hochschniefen und trotzig mit dem Fuß stapfen und immer wieder Meins! rufen.

Meins!
Meins.
Meins…

Meins?“

Ida Häusser, „Meins!“, 2019, BoD.

Ja, liebe Ida,

dieses schmale Buch, es ist Deins. Ein Fragezeichen ist da gar nicht mehr nötig. Es ist Dein Leben, es sind Deine Geschichten, über die Du schreibst, es sind Deine Worte, die mich beim Lesen angerührt haben. Und dass aus diesem Titel „Meins!“ auch ein kleines bisschen der Stolz herausblitzt, dass diese Geschichten nun gedruckt sind, dass sie ihren Weg in die Öffentlichkeit machen: Das ist doch ganz berechtigt so.

Ich habe mich richtig gefreut, als Du mich neulich angeschrieben hast: Leserinnenpost ist selten und schön – das motiviert und freut einen als Blogbetreiberin. Aber Deine Post war zugegebenermaßen etwas Besonderes. Und weil sie inzwischen auch Teil Deines Buches ist, werde ich sie auch hier veröffentlichen:

„Liebe Birgit Sätzeschätzerin,
Du staunst, weil ich Dich so nenne? Seit Jahren folge ich schon Deinem wunderbaren Bücherblog „Sätze und Schätze“ und Deinen Leseempfehlungen. Und weil Deine Urteile so treffend sind, habe ich begonnen, Dich so zu nennen: Sätzeschätzerin. Für mich so zu nennen, denn ich habe Dich noch nie persönlich getroffen. Und doch kenne ich Dich gut, denn beim Reden über Bücher offenbart man sich auch als Mensch, nicht nur als Leser.
Ich bin lieber eine stille Genießerin deines Blogs und klicke höchstens mal den „Gefällt mir“-Button. Da, wo ich aufgewachsen bin, musst Du wissen, hat man den Kopf nicht unnötig aus der Masse herausgestreckt, weil er vielleicht sofort weg gewesen wäre.
Vor ein paar Jahren allerdings juckte es mich plötzlich in den Fingern: Ich hatte Deinen neuen Eintrag gelesen, über dessen Thema – „Warum ich lese“ – ich schon so oft nachgedacht hatte, auch schriftlich, dass ich mich einfach nicht zurückhalten konnte. So klickte ich auf „kommentieren“ und schrieb: Wie ich als Kind die Regale der Schulbücherei leer las, wie schwierig Bücher in der sowjetischen Mangelwirtschaft zu beschaffen waren und wie ich erst den Pionier-Schund und dann die Groschenhefte auf Deutsch verschlang, die mein Onkel aus Deutschland schickte. Hauptsache Bücher, mit Wörtern drin.
Du antwortetest noch am selben Tag. Du kannst Dich sicher nicht mehr daran erinnern, aber ich weiß noch, wie ich mich beim Lesen Deiner Antwort fühlte: Als schaute die ganze Welt auf mich. Am liebsten hätte ich meinen Kopf wieder zurückgezogen, wie eine alte Schildkröte, unter das sichere Dach der Anonymität. Aber da war mein Kommentar schon „in der Welt“.
Du schriebst, dass Du über meine Antwort lange nachdenken musstest, dass es oft unterschätzt wird, welche Freiheit man hat, wenn man jedes Buch, das einem in den Sinn komme, lesen kann. Du fandest auch mein Bekenntnis zu den Groschenromanen klasse und meintest, es würde gut zu Deiner Reihe der „Verschämten Lektüren“ passen. Ich habe Deine versteckte Aufforderung verstanden. Ich kannte die Reihe natürlich. Dort berichten Deine Bloggerfreunde reumütig, welche Bücher sie früher gern gelesen, gar verschlungen hatten, obwohl sie sie nicht gerade im literarischen Quartett empfehlen würden. Manche bekannten, dass sie den Schund noch besitzen, versteckt in den hintersten Ecken des Buchregals, weil sie sich von ihnen immer noch nicht trennen wollten. Ich wollte Dir wirklich einen verschämten Beitrag liefern. Aber erst mal wollte ich alle Beiträge lesen und schauen, wofür sich die anderen so schämen. Du weißt schon, den Kopf lieber nicht …
Sehr interessante Bücher habe ich da entdeckt, die im Nachhinein als Schmöker, Schmonzetten und Schund bezeichnet wurden, oder solche, die von Sex and Drugs and Rock´n´Roll handelten und herrlich rote Wangen verursachten. Es stimmte, das Lesen von Groschenromanen hatte noch keiner gebeichtet.
Viele Titel kannte ich gar nicht, aber die „Angélique“, die kannte ich natürlich, die geheimnisvolle Angélique, wie konnte man sich dafür schämen, sie gelesen zu haben! In meiner Jugend hätte ich zu den angesagtesten Mädchen gehört, wenn ich in den Gesprächen über dieses Buch hätte mitreden können. In meinem ganzen Bekanntenkreis gab es niemanden, der die Angélique hatte! Ja, welche Freiheit man hat, wenn man jedes Buch, das einem in den Sinn komme, lesen kann.
Letztendlich habe ich mir doch noch ein Romanheft von damals besorgt und es nochmals gelesen, einfach um nachzuspüren, was mich – als Sechszehnjährige in der UdSSR – begeistert haben könnte. Wenn schon schämen, dann gründlich vorbereitet.“

Übrigens, liebe Ida, ich konnte mich dann schnell erinnern: Die Serie „Verschämte Lektüren“ liegt nun zwar schon fünf Jahre zurück. Aber beim Lesen Deines Textes hatte ich sofort das Profilbild einer Frau beim Bogenschießen vor Augen, die dem Blog bei WordPress und Facebook seit Jahren folgt. Das aber meine verspielt-verschämte Serie einmal in einem Erzählband Eingang finden würde – das hat mich nun gleichermaßen überrascht und gefreut.

Deine „Verschämte Lektüre“ ist Teil Deiner Erzählungen über Deine Kindheit in Kasachstan. Du hast, wie Du mir schriebst, bei Christiane Schlüter (die übrigens auch Blogautorin bei Sätze&Schätze ist) einen Kurs über autobiographisches Schreiben belegt. Und begonnen, über Deine Herkunft als Russlanddeutsche in Kasachstan, über Deine Familie mit den vielen Geschwistern, über Deine Kindheit in einem Land, das uns doch so fern ist, zu schreiben. Ich habe mich in diese Geschichten verliebt: Du bringst mir einen Kindheitsalltag näher, der so ganz anders gewesen ist als meiner, obwohl wir fast gleich alt sind. Dank Dir kann ich auch manche kulturellen Unterschiede und Missverständnisse nachvollziehen und revidieren. Und nicht zuletzt habe ich so von den wilden Tulpenfeldern in Kasachstan erfahren.

Ich habe „Meins!“ inzwischen, als wäre es auch meins, an andere Leserinnen weitergegeben und alle waren wir irgendwie bezaubert: Von diesem leisen Humor, der aus Deinen Worten spricht, von der Zärtlichkeit, mit der Du Deine Familie beschreibst, von der Lebendigkeit, die viele der Szenen richtig bildhaft werden lassen. Und mir wurde bewusst, wie es ist, wenn Sprache Heimat ist und zugleich nicht sein darf:

„Und inmitten all des Durcheinanders die dritte Kultur, der heimliche deutsche Kokon – daheim. Das, was zu Hause gesprochen und getan wurde, durfte nicht auf die Straße getragen werden, und die Dinge von der Straße am besten nicht ins Amt.

Parallelwelten. Mehrfach parallel.“

Das schreibst Du in dem ernsten Text „Ich bin eine Schreibübung“, der dann aber, und das scheint mir ein Charakterzug von Dir zu sein, doch wieder mit einem sehr warmen, humorvollen Ende überrascht.

Liebe Ida,

ich bin froh, dass Du keine Schreibübung geblieben bist. Ich möchte Dich ermutigen, weiterzuschreiben. Damit auf „Meins!“ noch „Meine!“ folgen. Hab vielen Dank, dass Du mir Deinen Band zugeschickt hast – damit hast Du mir eine Freude bereitet, die ich über den Blog hoffentlich noch anderen, nun neugierig gewordenen LeserInnen vermitteln kann.

Birgit, Sätzeschätzerin.


Informationen zum Buch:
Ida Häusser
„Meins!“
Verlag Books on Demand
Paperback, 120 Seiten, 6,99 Euro
ISBN-13: 9783744838740

Homepage der Autorin;
https://www.idahaeusser.de/


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Benjamin Alire Sáenz: Alles beginnt und endet im Kentucky Club

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Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

Einst war er, als in den USA die Prohibition und später die Prüderie herrschte, die erste Anlaufstelle nach der Grenze: Der berühmte Kentucky Club in Juárez. Es heißt, Marilyn Monroe habe hier eine Lokalrunde geschmissen, um ihre Scheidung von Arthur Miller zu feiern. Andere sprechen von Elizabeth Taylor gegen Eddie Fisher. Wie auch immer. Verbürgt ist, dass Liz Taylor mit Ehemann und Saufkumpan Richard Burton hier abhängte, Bob Dylan auf der Suche nach Inspiration war und Ronald Reagan nach Abkühlung von der mexikanischen Hitze. Angeblich wurde auch die Margaritha in dieser Lokalität erfunden. Kurzum: Der Kentucky Club war ein Ort, an dem man gerne war. Bis die Drogenkartelle kamen. Und Juárez zu einer der tödlichsten Städte Mexikos wurde. In Sichtweite: das texanische El Paso, Ort der Ruhe und – Bigotterie.

2012 wurde in der „Welt“ über die groteske Verschiedenheit der Nachbarorte, die nur durch eine Grenzbrücke getrennt sind, geschrieben:

„Der Krieg diverser Gangs und Drogenkartelle hat aus Juárez eine der gefährlichsten Städte der Welt gemacht. In El Paso herrscht Ruhe und ein fast gespenstischer Wohlstand. Es ist eine der sichersten Städte der USA.“

Die Grenze: sie ist auch in sieben Erzählungen, die der amerikanische Schriftsteller Benjamin Alire Sáenz unter dem Titel „Everything Begins and Ends at the Kentucky Club“ zusammenstellte, immer präsent. Das Buch erschien 2012 in einem kleinen Verlag in El Paso, blieb zunächst kaum beachtet, bis der Erzählband 2013 den renommierten Pen/Faulkner Book Award erhielt. Seit 2014 liegt er in deutscher Übersetzung vor.

Die Geschichten vom Leben an der amerikanischen-mexikanischen Grenze, das Gefälle von Reichtum und Armut, die Spirale aus Drogenkriminalität, Gewalt und dem Auswanderungswunsch jener, die sich befreien wollen aus den Krakenarmen der Kartelle, diese Geschichten treffen in das amerikanische Herz und in den mexikanischen Geist. Denn die Kehrseite der Medaille ist die Gewalt an Immigranten – so „markieren“ einige US-Boy einen jungen Mexikaner mit dem Messer -, der aggressive Versuch, sich abzuschotten, der Flucht in die Sucht, die Bigotterie auf der einen Seite der Grenze. Alire Sáenz erzählt von Paaren, die damit rechnen müssen, dass der, der auf der „falschen“ Seite lebt, eines Tages spurlos verschwindet.

Er erzählt von Menschen, die sich lieben, obwohl einer für die Kartelle arbeitet – und damit in ständiger Lebensgefahr schwebt.

Er erzählt von Jungen, die ihren Vätern nachtrauern – Dealern, die selbst in die Abhängigkeit verschwinden, Rednecks voller Homophobie, Männern, die eines Tages einfach nicht mehr da sind.

Die Gewalt beschreibt Alire Sáenz dabei nicht explizit. Vielmehr sind dies beinahe zurückgenommene, stille Erzählungen. Einzelschicksale, die den Zustand einer zerrissenen Gesellschaft widerspiegeln. Grenzgänger, verloren zwischen zwei Welten, ohne große Perspektiven, ohne Hoffnung. Wenn, dann tritt die Gewalt als Reflektion über die Gewalt in das Buch:

„Dann lösten sich meine Gedanken von der Unterhaltung und ich fragte mich, wie es wäre, jemanden eine Knarre an den Kopf zu halten, jemanden zu entführen, einen Menschen zu foltern. Wie es wäre, jemanden die Hände abzuhacken? Ich wusste, dass es eine Mailingliste für die Zählung der Toten gab, weil ich diese Mailingliste abonniert hatte. Das Problem war, dass die Toten keine Namen hatten. Manchmal dachte ich mir Namen für sie aus.
Ich hatte eine ganze Liste mit diesen Namen.
Das alles, dachte ich, das alles kam durch Männer wie meinen Vater.“

Es sind leise, beinahe schon melancholische Geschichten, geprägt von einer stillen Trauer. Und über diese sowie über die Einsamkeit tröstet sich mancher im Kentucky Club hinweg – die Bar spielt keine Hauptrolle, ist aber Anlaufpunkt in jeder der einzelnen Geschichten.

Inzwischen, im Jahr 2015, hat sich die Lage in Juárez wieder etwas beruhigt – die Gefahr ist nicht mehr so hoch, zufällig Opfer von Querschlägern inmitten eines Bandenkrieges zu werden.

Die Menschen kommen zurück in den Kentucky Club.

Das Leben ist wieder da – was Alire Sáenz, der auch gegen den Niedergang seiner Region anschrieb, sichtlich freut:

We’re people who feel and breathe and die and suffer and hope for salvation and yearn for love,“ he says. „We’re not just a newspaper headline.“

Das Buch wurde von Sabine Hedinger übersetzt und erschien 2014 beim Ripperger & Kremers Verlag unter dem Titel „Alles beginnt und endet im Kentucky Club“. Eine Leseempfehlung für Fans amerikanischer Literatur!


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Joey Goebel im Gespräch: „Die Welt bräuchte dringend mehr schüchterne Menschen“

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Bild von Free-Photos auf Pixabay

EIN GASTBEITRAG VON VERONIKA ECKL

Nein, der Mann, der in seinem Anzug und mit den gepunkteten Socken in der Lobby des Hotels Bayerischer Hof in Freising sitzt, ist sich nicht zu schade für eine Lesung in einer kleinen Stadt. Ein paar Tage vorher war Joey Goebel, dessen Romane Vincent, Freaks, Heartland und Ich gegen Osborne inzwischen in 14 Sprachen übersetzt werden, in Berlin zu Gast – an diesem Abend wird er in der örtlichen Buchhandlung aus seinem soeben erschienenen Kurzgeschichtenband Irgendwann wird es gut lesen und danach mit den Gastgebern im Hinterhof grillen. Er freut sich drauf und findet es cool, „dass sich hier alle für meine Bücher interessieren.“

Veronika Eckl traf den Schriftsteller vor der Lesung für ein Interview für Sätze&Schätze.

Joey, Sie waren gerade eine Woche lang in Deutschland unterwegs. Finden Sie, dass Kleinstädte hier und in den USA etwas gemeinsam haben, oder sind das ganz andere Welten? 

Goebel: Oh ja, ich glaube, sie haben etwas gemeinsam. Die Leute, die dort leben, denken oft, dass sie aus ihrem Kleinstadtschicksal nicht rauskommen. Sie sind überzeugt, dass das Leben anderswo stattfindet.

„Irgendwann wird es gut“ beschreibt das Leben ganz unterschiedlicher Menschen in Moberly, einer fiktiven Kleinstadt, die große Ähnlichkeit zu Ihrer Heimatstadt Henderson in Kentucky aufweist. Warum haben Sie diesen Schauplatz gewählt, warum nicht eine Großstadt wie New York oder Los Angeles?

Goebel: Ganz einfach, ich habe mein ganzes Leben in einer kleinen Stadt gelebt. Und die amerikanischen Verlage produzieren ständig irgendwelche Bücher, die in den Großstädten der USA spielen. Davon gibt es wirklich genug. Ich wollte eine modernere Version von Sherwood Andersons Winesburg, Ohio schreiben, einem Klassiker der amerikanischen Literatur. Das ist ein Band von Erzählungen über die Bewohner eines kleinen Orts im Mittleren Westen um 1890.

Auch Sie erzählen von kleinen Leben, klein wie die Form der Kurzgeschichte, die Sie gewählt haben. Das Leben Ihrer Protagonisten in Moberly erscheint langweilig und einsam, ja bedrückend. „In Winstons Leben gab es keinen Platz für Hoffnung“, heißt es in der short story über einen Messie, der sein Haus nicht mehr verlässt. Ist es härter, in einer kleinen Stadt zu leben als in einer großen?

Goebel: In der Kleinstadt gibt es weniger Anregungen, weniger Zerstreuung. In meiner Stadt, Henderson, existieren wenige Orte, wo man hingehen kann. Man wird alleingelassen mit sich selbst und seinen eigenen Gedanken, und das macht das Leben natürlich nicht einfacher. Man empfindet das Leiden am Alltag intensiver.

Ihre Geschichten spielen im Hotel, in einem Antikmarkt, im Secondhand-Laden der Heilsarmee. Wie wählen Sie Ihre Schauplätze aus?

Goebel: Es gibt in solchen kleinen Städten eben nicht viele aufregende Orte. Hotels liebe ich, weil sie für Möglichkeiten stehen, vielleicht auch für ein Liebesabenteuer, oder für Traurigkeit und Einsamkeit. Einen Antikmarkt haben meine Eltern gekauft, als sie in Rente gingen. Und in meiner Heimatstadt spielt der Laden der Heilsarmee tatsächlich eine Rolle, weil viele Leute arm sind. Übrigens haben wir wirklich einen eigenen Fernsehsender, so wie den, bei dem die Moderatorin Olivia arbeitet, die von gleich zwei Männern gestalkt wird. Ich interessiere mich sehr für diese Moderatoren von Lokalsendern, die nur für ein kleines Publikum interessant sind, für dieses aber umso mehr.

Sonderbarerweise denkt keiner ihrer Protagonisten darüber nach, aus Moberly zu fliehen, die Kleinstadt hinter sich zu lassen. Warum?

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Joey Goebel. Foto: Regine Mosimann/Diogenes Verlag

Goebel: Die Figuren haben den Gedanken an Flucht schon im Hinterkopf, aber dazu kommt es nicht. Zum einen haben sie alle Geldprobleme. Und dann gibt es wohl oft etwas, was sie zurückhält. So war es auch bei mir: Mein Vater wurde sehr krank, als ich elf war, und er starb, als ich 16 war. Ich hatte das Gefühl, dass meine Mutter und meine Schwester mich brauchten. So kommt es, dass ich jetzt 38 Jahre alt und nie weggegangen bin.

Das erinnert an die Kurzgeschichte „Es wird alles schlecht werden“, in der eine Mutter und ihr erwachsener Sohn sich nach dem Unfalltod des Vaters gemeinsam in ein Schicksal ergeben, das von der Einnahme von Psychopharmaka bestimmt wird.

Goebel: Ja, diese Story ist ein totaler Magenschwinger. Da gibt es wirklich keine Hoffnung. Für mich selbst kann ich sagen: Ich wäre ohne den frühen Tod meines Vaters wahrscheinlich nicht Schriftsteller geworden.

Ihre Eltern waren Sozialarbeiter und auch Sie wirken wie ein Sozialarbeiter, wenn Sie mit einfühlsamer Sympathie, mit lakonischem Humor über ihre unglücklichen Helden schreiben. Existieren die wirklich, oder kommen sie aus Ihrem Inneren?

Goebel: Schreiben ist tatsächlich Sozialarbeit, man muss mit den Figuren sympathisieren. Ich bin übrigens der einzige in meiner Familie, der diesen Job nicht macht; auch meine Schwester ist Sozialarbeiterin. Ein paar dieser Figuren gibt es wirklich; etwa Mr. Baynham, einen älteren Herrn, der in Hollywood beim Film gearbeitet und mit James Dean befreundet war. Aber die meisten kommen aus mir, sie sind Teile meiner Persönlichkeit. Ich habe so viele Neurosen, dass ich aus jeder einzelnen eine Figur machen kann.

Gibt es einen Helden, den Sie besonders gerne mögen, dem sie eine Chance geben, später vielleicht einmal ein glückliches Leben zu führen?

Goebel: Ich mag natürlich den 16 Jahre alten Luke, diesen einsamen Teenager aus “Skanky Baby“, der für seine Punkband lebt und davon träumt, die Kleinstadt hinter sich zu lassen. Das bin ich selbst in dem Alter. Ich hatte keine Freundin, war nicht sportlich, hatte aber die Platten seltsamer Bands zuhause, die sonst niemand besaß.

Und mir liegt Carly am Herzen, die Protagonistin aus „Antikmarktmädchen“, die mit den Gleichaltrigen in der Schule nicht zurechtkommt und ältere Dinge, ältere Menschen bevorzugt, sich mit einem älteren Mann anfreundet. Sie ist meiner Schwester nachempfunden, deren Schüchternheit ich sehr schätze. Die Welt ist nicht für die Schüchternen gemacht, aber sie bräuchte dringend mehr schüchterne, ruhige Menschen, denn diese Menschen denken mehr nach als andere.

Alle ihre Protagonisten sind schrecklich einsam. Warum?

Goebel: Sie alle sehnen sich danach, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten, und scheitern. Bücher über Leute, die sich kriegen und Sex haben und glücklich sind, gibt es genug. Ich wollte zeigen, wie sich der ganze Rest von uns fühlt. Dazu habe ich mir die Regel gegeben: Keinen Sex! Die intensivste körperliche Annäherung, die es im ganzen Buch gibt, ist ein Handkuss. Alle sind und bleiben einsam, bis auf Winston, den Helden der letzten Geschichte „Der Mann, der sich selbst genügte“. Er hatte sich eigentlich für immer in seinem Haus verschanzt, geht aber eines Tages doch raus auf die Straße, weil er fasziniert ist von einer Frau, die jeden Tag an seinem Fenster vorbeikommt. Er ist der einzige, der es schafft, aus sich herauszutreten. Und findet Moberly plötzlich zauberhaft.

Einsamkeit gilt inzwischen als eine der Volkskrankheiten unserer Zeit. Stimmt das?

Goebel: Ich glaube schon, dass die neuen Technologien, die sozialen Medien die Einsamkeit vergrößert haben, auch wenn man meinen könnte, das Gegenteil sei der Fall. Facebook, Twitter und Co. vermitteln den Leuten den Eindruck, dass das Leben eine große Party ist, zu der sie nie eingeladen sein werden.

In der Kurzgeschichte über die Fernsehmoderatorin Olivia, die nach einem Selbstmordversuch in einer Klinik landet, wird die Frage in den Raum geworfen: „War diese Trostlosigkeit etwa die ganze Zeit nur in einem selbst gewesen?“ Was meinen Sie, beeinflusst uns der Ort, an dem wir leben, oder beeinflussen wir den Ort, an dem wir leben?

Goebel: Genau darum geht es in dem Buch. Ich denke, das Leben ist das, was wir daraus machen. Wo auch immer du lebst, deine Einstellung ist entscheidend. Wenn du in Kentucky deprimiert bist, wirst du auch in L.A. deprimiert sein.

Und Sie bleiben Henderson, Kentucky treu?

Goebel: Wissen Sie, eigentlich würde ich gerne nach Deutschland ziehen. Haben Sie ein Gästezimmer? Hier werde ich als Schriftsteller geschätzt, in den USA nicht. Und ich bin stolz darauf, dass ich in Europa bekannter bin als in Trump-Land! Ich unterrichte ja Englisch an einer Highschool, und meinen Schülern sage ich manchmal im Spaß: ‚Hey, seid mal ruhig, wisst ihr eigentlich, dass auf der anderen Seite des Ozeans Leute dafür bezahlen, dass sie mir zuhören dürfen?‘

Ich mag das deutsche Essen, das Bier, das Interesse für Literatur. Meine Eltern hatten beide deutsche Vorfahren. Mein Blut wurde wohl nie richtig amerikanisiert. Aber in Henderson lebt mein kleiner Sohn, und was würde meine Ex-Frau sagen, wenn ich fortgehen würde? Anyway, wie es so schön heißt: „The grass is always greener on the other side.“

Veronika Eckl


Informationen zum Buch:

Joey Goebel
„Irgendwann wird es gut“
Diogenes Verlag 2019
22,00 Euro, Hardcover, Leinen, 320 Seiten
ISBN: 978-3-257-07059-0

Kristen Roupenian: Cat Person

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Bild von Pexels auf Pixabay

„Und dann ist es Abend, und sie sitzen auf der Terrasse des Hotels, um sie herum leuchten die Lichterketten. Neben ihnen ergießt sich ein Infinity Pool in den Horizont und erzeugt die Illusion, man könne direkt über einen Wasserfall in die glitzernde Nacht von L.A. gleiten. Die Hochzeitsparty-Freundinnen haben jetzt acht Stunden miteinander verbracht, was, wie sich herausstellt – super gemacht, Partyplaner! – einfach viel zu lang ist. Die Gesichter sind angespannt und wund vom vielen Lächeln, und weil sie viel zu früh angefangen haben, müssen sie, auch wenn sie sich zunehmend schlechter fühlen, weiter Drinks in sich hineinschütten, um die sich heranschleichende Katerstimmung abzuwehren. Diejenigen, die sich nicht so gut kennen, wissen nicht mehr, worüber sie noch plaudern sollen, diejenigen, die sich ständig und immer sehen, haben sich nichts mehr zu sagen. Irgendwann fängt Taylor an, Ryan Nachrichten zu schreiben, und Kath kann an der Art, wie sie nach ihrem Telefon greift und es wieder wegpfeffert, ablesen, dass sie streiten.“

Kristen Roupenian, „Cat Person“, 2019, Zitat aus „Der Junge im Pool“.

Das ist sie, die Liebe in den Zeiten der digitalen Cholera: Brautleute streiten sich am Handy, ungeliebte Jungs starren auf ihr Smartphone, das Beziehungs-Aus wird per SMS gemanagt und eine Tinder-Verabredung läuft aus dem Ruder. Währenddessen erweist sich das reale Leben als zunehmend verstörend. Sei es, weil die Protagonisten dieser Stories kaum mehr wissen, wie man analog kommuniziert, sei es, weil das Leben an sich eben eine ziemlich verstörende Angelegenheit ist.

2017 machte die bis dahin noch unbekannte Schriftstellerin Kristen Roupenian mit ihrer Kurzgeschichte „Cat Person“, die im „New Yorker“ veröffentlicht wurde, Furore: Roupenian, die da gerade nur wenige Monate ihren Creative-Writing-Abschluss in der Tasche hatte, traf im Zusammenhang mit der #metoo- Debatte einen Nerv. Die Story einer 20-jährigen, die sich widerwillig, aber aus einem irrationalen Gefühl der Verpflichtung heraus mit einem wesentlich älteren Mann auf Sex einlässt, wurde zu einer der meistdiskutierten Online-Artikel des New Yorker. Da brach sich in der digitalen Welt eine Menge Bahn, was mehr mit dem Inhalt denn dem Stil der Story zu tun hatte: Die Verunsicherung junger Frauen (ein uraltes Thema), die Empfindlichkeit der Männer, die Missverständnisse zwischen den Geschlechtern, die Verknüpfung von Sex und Macht über eine andere Person.

Für Roupenian wurde die Story zum Sprungbrett: Einen Vertrag für eine Kurzgeschichten-Anthologie und einen Roman mit einem Honorar von über einer Million Dollar folgte. Der erste Teil ist nun erfüllt und liegt, fast zeitgleich mit der amerikanischen Veröffentlichung, nun auch in deutscher Übersetzung durch Nella Beljan und Friederike Schilbach vor. Zwölf Kurzgeschichten, versammelt unter dem Titel „Cat Person“.

Sind sie ihr Geld wert? Würde man Literatur nur als Konsummittel werten, dann wohl ja: Das Buch ist unterhaltsam, der Stil liest sich gut und flüssig, die Stories bieten eine schöne Mischung aus Schauder und Humor. Roupenian stellt vor allem Protagonisten der Orientierungslosigkeit in den Mittelpunkt ihrer Geschichten: Die frisch geschiedene Alleinerziehende, die sich in einem Rudel von Helikoptermüttern behaupten muss, der gutwillige Friedensarbeiter, der in Kenia mit einem alten Kult konfrontiert wird, das gelangweilte Pärchen, das einen Freund in seltsame Sexspiele verstrickt. Immer ist dabei – mal offensichtlich wie in der als Märchen angelegten Story „Der Spiegel, der Eimer und der alte Knochen“, mal untergründig wie in „Der Junge im Pool“ – ein Unterton der Gefahr zu spüren, immer stellt man sich beim Lesen darauf ein, dass sich der Horror Bahn bricht.

Martin Halter schreibt in einer Besprechung:

„So erkundet Roupenian mit diabolischem Behagen Abgründe jenseits von Gesetz, Moral und politischer Korrektheit, ohne deren Geheimnisse je ganz aufzulösen. „Nachtläufer“ erzählt von Voodoo-Ritualen in Kenia (wo Roupenian drei Jahre lang für das Peace Corps im Busch arbeitete), die unser aufgeklärtes Weltbild überfordern und untergraben. Fremder und befremdlicher als alle Dämonen Afrikas aber ist der Alltagshorror, den fiese kleine College-Biester und besorgte Helikoptermütter mit ihren heimlichen Ängsten und unheimlichen Herzenswünschen verbreiten.“

Tatsächlich könnte sich Roupenian zu einem feministischen Stephen King der Literatur entwickeln – wenn man ihr denn auch Zeit zur Entwicklung gibt. Denn das dem viralen Hype schnell nachgeschobene Buch weiß nicht durchgängig zu überzeugen: Zu glatt und zu belanglos sind einige der Stories, unter anderem das oben erwähnte Knochen-Märchen. Ihre Stärke liegt in der Analyse moderner Beziehungen, die geprägt sind von ewigen Fragen in einer neuen, digitalen Zeit: Was heißt Liebe, Sex, Vertrauen, wie bricht man aus alten Geschlechterrollen aus und dies alles in einer Zeit, in der der vielleicht der nächstbeste passende Partner wie eine Supermarktauslage auf Tinder wartet. Hier erzählt Roupenian ganz unaufgeregt und lakonisch. Dort, wo die Autorin menschliche Abgründe offen legt und auch dort, wo sie Erwartungshaltungen und politische Korrektheit satirisch unterläuft, ist sie ganz stark.

Wer sich einen Eindruck machen möchte: Die Story „Beißerin“ kann hier online gelesen werden.

Informationen zum Buch:

Cat Person
Kristen Roupenian
Blumenbar Verlag, 2019
20,00 Euro
288 Seiten, gebunden
ISBN 978-3-351-05057-3


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