KRÖNER VERLAG: Sigrid Undset – Kristin Lavranstochter. Das Kreuz, Band 3

Es ist das Großprojekt mit Übersetzerin Gabriele Haefs beim Alfred Kröner Verlag: Die vollständige Neuübertragung der Trilogie Kristin Lavranstochter von Literaturnobelpreisträgerin Sigrid Undset in die deutsche Sprache. Rund 1500 Seiten umfasst das Epos. Und wer die ersten beiden Bände mit der bisherigen, in die Jahre gekommenen Übersetzung vergleicht, weiß: Nun erst kommt diese Geschichte so richtig zum Strahlen. Ziemlich sicher ist es, wie etliche Hinweise, beispielsweise auf Namensnennungen und Ortsbezeichnungen vermuten lassen, sogar die erste direkte Übersetzung aus dem Norwegischen.

Mit „Das Kreuz“ liegt nun der letzte Band der Trilogie vor. Um was geht es?

Während die Welt um sie herum immer undurchschaubarer und bedrohlicher wird, gerät auch Kristins eigene Welt zunehmend ins Taumeln: Entfremdet von ihren einstigen Verbündeten, gebeutelt von Schicksalsschlägen und verbittert ob des Niedergangs ihrer Familie, den sie ihrem Mann nicht verzeihen kann, begeht sie einen fatalen Fehler. Und dann beginnt auch noch die Pest zu wüten im Norwegen des 14. Jahrhunderts. Ob Kristin am Ende ihren Frieden finden wird, liegt allein in ihren eigenen Händen.

Sigrid Undset (1882–1949) gilt als eine der größten und einflussreichsten Schriftstellerinnen Norwegens. Als engagierte Antifaschistin stand sie ganz oben auf der Roten Liste der Nazis und konnte sich nach der Besetzung Norwegens nur durch eine lebensgefährliche Flucht auf Skiern durch das Gebirge retten. 1928 wurde sie mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Außer ›Kristin Lavranstochter‹ schrieb sie die Erfolgsromane ›Olav Audunssohn‹, ›Viga-Ljot und Vigdis‹, ›Ida Elisabeth‹, ›Das glückliche Alter‹ und viele andere mehr.
Gabriele Haefs ist eine der bekanntesten Übersetzerinnen Deutschlands für den skandinavischen Raum (u. a. von Jostein Gaarder, Camilla Grebe, Anne Holt). Auszeichnungen u. a.: Gustav-Heinemann-Friedenspreis, Sonderpreis des Dt. Jugendliteraturpreises für ihr übersetzerisches Gesamtwerk, Königlich-Norwegischer Verdienstorden.

Stimmen zum Buch:

„Die Neuauflage der rund 1 500 Seiten starken Trilogie im Kröner Verlag – gleichsam zum 140. Geburtstag der Dichtern – ist ein lang ersehntes und dennoch unverhofftes Ereignis. Band 1, „Der Kranz“, und Band 2, „Die Frau“, liegen bereits vor, Band 3, „Das Kreuz“, soll in Kürze erscheinen. Der Mittelalter-Roman bietet Lesegenuss und Leseherausforderung zugleich, letztere vor allem aufgrund eines ungeniert ausgedehnten Erzählens, wie wir es heute kaum mehr gewöhnt sind.“ – Gudrun Trausmuth in „Die Tagespost“

Informationen zum Buch:

Sigrid Undset
Kristin Lavranstochter. Das Kreuz
Alfred Kröner Verlag, Stuttgart, Juni 2022
500 Seiten, Halbleinen mit Lesebändchen, 25,00 €
ISBN: 978 3 520 62301 0
https://www.kroener-verlag.de/details/product/kristin-lavranstochter-das-kreuz/

Ein Beitrag im Rahmen meiner Pressearbeit für den Alfred Kröner Verlag. Anfragen, weitere Informationen und Rezensionsexemplare: b.boellinger@kroener-verlag.de

KRÖNER VERLAG: Sigrid Undset – Kristin Lavranstocher. Die Frau, Bd. 2

Das literarische Großprojekt beim Kröner Verlag gedeiht weiter: Nun liegt der zweite Band der Trilogie „Kristin Lavranstochter“ in einer neuen Übersetzung durch Gabriele Haefs vor, die diesen Roman von Sigrid Undset hell leuchten lässt. Gabriele Haefs übertrug das Werk, wie der Vergleich zur bisherigen übersetzten Fassung nahelegt, vermutlich erstmals aus der norwegischen Sprache: Dies gibt der Trilogie Authentizität und zugleich einen neuen Glanz. Deutschsprachige Leser kommen nun endlich in den vollen Genuss von Undsets außergewöhnlicher sprachlicher Ausdruckskraft.

Zum Buch:
Mit der ›Frucht der Sünde‹ im Leib und einer fürchterlichen Angst im Herzen trifft Kristin Lavranstochter als legitime Ehefrau von Erlend Nikulaussohn auf Husaby ein. Erlend ist derweil vor allem mit Politik, mit Kriegszügen und Intrigen, beschäftigt, vernachlässigt den eigenen Hof aufs Sträflichste, überlässt seiner Frau daneben die Sorge um die gemeinsamen und auch die Kinder mit seiner ehemaligen Geliebten. Als eine geplante Intrige in höchsten Kreisen auffliegt, droht die Katastrophe.
Die ganz große Stärke von Sigrid Undset ist, neben atemberaubenden Landschaftsbildern, die Charakterzeichnung, was ihrem großen Roman die seltene Kraft verleiht, dass wir Kristins Freuden und Leiden wirklich miterleben, dass wir mit ihr leiden und lieben, obwohl sie mit einer Zeit und mit Werten zu kämpfen hat, die nicht mehr die unsrigen sind. Der Literaturnobelpreis für die Trilogie ist nur konsequent.

Zur Autorin:
Sigrid Undset (1882–1949) gilt als eine der größten und einflussreichsten Schriftstellerinnen Norwegens. Ihre zeitgenössischen Romane Frau ›Marta Oulie‹ und ›Jenny‹ wurden wegen ihrer allzu selbständigen jungen Heldinnen zum Skandal. Als engagierte Antifaschistin stand Undset ganz oben auf der Roten Liste der Nazis und nach der Besetzung Norwegens konnte sie sich nur durch eine lebensgefährliche Flucht auf Skiern durch das Gebirge retten. Sigrid Undset wurde 1928 »vornehmlich für ihre kraftvollen Schilderungen des nordischen Lebens im Mittelalter« mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Außer ›Kristin Lavranstochter‹ schrieb sie die Erfolgsromane ›Olav Audunssohn‹, ›Viga-Ljot und Vigdis‹, ›Ida Elisabeth‹, ›Das glückliche Alter‹ und viele andere mehr.

Zur Übersetzerin:
Gabriele Haefs ist eine der bekanntesten Übersetzerinnen Deutschlands (u.a. von Jostein Gaarder, Håkan Nesser, Anne Holt). Sie wurde u.a. mit dem Gustav-Heinemann-Friedenspreis ausgezeichnet, 2008 mit dem Sonderpreis für ihr übersetzerisches Gesamtwerk, 2011 mit dem Königlich-Norwegischen Verdienstorden.

Stimmen zum Buch:

„Mit der auch in Materialauswahl und Aufmachung sehr sorgsam gestalteten Neuedition legt der Kröner Verlag nicht nur ein zeitlos lesenswertes Buch vor. Gleichzeitig macht er sich in einer für Verlage nicht einfachen Zeit um ein großes literarisches Erbe verdient, das er mit einer neuen Auflage aus dem frühen 20. ins 21. Jahrhundert holt.“ – Buchtipp der Woche beim LeseZeichen Mannheim

„Kristin Lavranstochter ist eine kraftvolle Lovestory, die mich ins norwegische Mittelalter versetzt.“ – SRF, „Die BuchKönig“ bloggt

„Das ist dramatisch und ergreifend. Es ist nur noch eine Steigerung im dritten Band möglich. Manche Leser werden auch auf den dritten Teil ungeduldig warten!“ – Annemarie Stoltenberg, NDR

Eine „starke Frau“ sieht Peter Urban-Halle, Experte für Literatur aus Skandinavien, in der „Kristin Lavranstochter“. Und ihre Schöpferin, Sigrid Undset, ist eine „konservative Feministin“. – Deutschlandfunk Kultur, Podcast

„Sigrid Undset erzählt detailreich und spannend von Frauen im patriarchalen System, von heimlicher Liebe und Sündhaftigkeit. Die Handlung gleicht einer Achterbahnfahrt.“ – Radio Bremen

„Galt es zu Lebzeiten als Skandal, wie sich eine über Autoritäten hinwegsetzt, so geht Kristin heute als eindrucksvolle Gestalt durch, sich nicht einschüchtern lässt.“ – Anton Thuswaldner, Salzburger Nachrichten

„Vergleicht man die beiden Übersetzungen, gewinnt man den Eindruck, dass es Gabriele Haefs vor allem darum gegangen ist, den Roman dem Vokabular und der Syntax wie dem Sprachrhythmus nach nicht ‚einzudeutschen‘, sondern ihm seine ursprüngliche, ans Altnordische angelehnte Gestalt zu bewahren, da, wo tendenziell nüchtern und schnörkellos entfaltet wird, da, wo eher lyrische Töne für eine stimmungsvolle Atmosphäre sorgen. Das führt anfangs zu niederschwelligen Rezeptionsbarrieren, die nach einer gewissen Einlesezeit aber vollständig abgebaut werden.“ – Günter Helmes, literaturkritik.de

„Ohne Frage ist die Jubiläumsausgabe der Trilogie um Kristin Lavranstochter gleich in mehrfacher Hinsicht etwas Besonderes. Denn für die Ausgabe des Kröner Verlages hat sich Übersetzerin Gabriele Haefs an eine vollständige Neuübersetzung begeben.“ – Sina-Christin Wilk, Kulturabdruck

„Dass der Roman vor etwas mehr als hundert Jahren geschrieben worden ist, merkt man
ihm nicht an, er liest sich flüssig. Vermutlich liegt das auch an der gelungenen Neuübersetzung von Gabriele Haefs.“ – Sarah Teicher, booknerds

„Sigrid Undset hatte ein sehr feines Auge für Stimmungen, zwischenmenschliche Gefühle sowie eindrückliche Naturbeschreibungen und auch die Übersetzerin Gabriele Haefs hat hier einen sehr harmonischen sprachlichen Klang gefunden, der sich wunderbar liest.“ – Barbara Pfeiffer, Kulturbowle

„Die Sprache der Norwegerin ist klar und sehr präzise, die Dialoge, vor allem in den dramatischen Szenen, dicht und pointiert.“ – Constanze Matthes, Zeichen & Zeiten

„Das alltägliche Leben auf Gut Husaby, ihre Liebe zu Erlend und ihren schließlich sieben Söhnen und die allgemeinen Gegebenheiten im ländlichen, nur wenig besiedelten Norwegen des 14. Jahrhunderts hat Sigrid Undset wieder in einen dichten, atmosphärischen, psychologischen Roman gegossen. Auch diesmal kommt einiges an Spannung auf. Und man ist als Leser:in gespannt, wie es im dritten und letzten Teil, Das Kreuz, weitergehen mag.“ – Petra Reich, LiteraturReich

„Die Entwicklungen zu verfolgen macht die Lektüre nicht nur interessant, sondern auch spannend, denn neben der mittelalterlichen Welt öffnen sich zutiefst menschliche Welten und Abgründe.“ – Petra Lohrmann, Gute Literatur – Meine Empfehlung

„Sigrid Undset erzählt nüchtern und unsentimental, auch wenn es um große Gefühlsausbrüche geht. Ihre Darstellung ist so ruhig, langsam und episch breit wie wir es aus den großen Romanen des 19. Jahrhunderts kennen.“ – Dieter Wunderlich

„Sigrid Undset geht sehr ins Detail, schafft wundervoll komplexe Charaktere. Ein dichter Gesellschaftsroman, detailliert und atmosphärisch gestaltet.“ – Sabine Ibing

Informationen zum Buch:
Sigrid Undset
Kristin Lavranstochter. Die Frau
Roman. Band II. Übersetzt von Gabriele Haefs
450 Seiten, Halbleinen mit Lesebändchen, 24,00 €
ISBN: 978-3-520-62201-3
Band 1: Der Kranz, ist bereits erschienen, Band 3: Das Kreuz folgt im Frühjahr 2022.

Ein Beitrag im Rahmen meiner Pressearbeit für den Kröner Verlag.

KRÖNER VERLAG: Sigrid Undset – Kristin Lavranstochter. Der Kranz, Band 1

„Der Kranz“ ist der Auftakt zu einer glänzenden Neuübersetzung der Trilogie „Kristin Lavranstochter“, für die Sigrid Undset mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde.

Kristin Lavranstochter ist ein eigenwilliges junges Mädchen im Norwe­gen des 14. Jahrhunderts, der strahlende Liebling ihres Vaters, diesem versprochen an den Sohn eines benachbarten Bauern. Ein Leben wie im Buche, bis sich der Tod ins Leben der jungen Frau schleicht und ein brutaler Mord ihr ihre Jugendliebe entreißt. Sie flüchtet ins Kloster – und verliebt sich Hals über Kopf in Erlend von Husaby, dem ein übler Ruf vorauseilt. Gegen alle Widerstände und ob­wohl sie damit ihren geliebten Vater fast um­bringt, entscheidet sie sich dafür, diese Liebe zu leben.

Sigrid Undsets ganz große Stärke ist die Cha­rakterzeichnung, und so lacht, leidet und liebt man dieser starken Frau, die es mit der norwegischen Männergesellschaft des 14. Jahrhunderts auf­nimmt. Dass Undset für die Trilogie mit dem Literaturnobelpreis ausge­zeichnet wurde, ist nur konsequent.

Gabriele Haefs hat „Kristin Lavranstochter“voll­ständig neu übersetzt, erstmals, wie es scheint, di­rekt aus dem Norwegischen, so dass nun endlich auch deutsche Leser in den vollen Genuss von Undsets außergewöhnlicher sprachlicher Aus­druckskraft kommen. Band II: Die Frau, erscheint in diesem Herbst, Band III: Das Kreuz folgt im Frühjahr 2022.

Sigrid Undset (1882–1949) gilt als eine der größ­ten und einflussreichsten Schriftstellerinnen Nor­wegens. Ihre zeitgenössischen Romane Frau Marta Oulie und Jenny wurden wegen ihrer allzu selbstän­digen jungen Heldinnen zum Skandal. Als enga­gierte Antifaschistin stand Undset ganz oben auf der Roten Liste der Nazis und nach der Besetzung Norwegens konnte sie sich nur durch eine lebens­gefährliche Flucht auf Skiern durch das Gebirge retten. Sigrid Undset erhielt 1928 den Literaturnobelpreis.

Für das Cover wurde das Gemälde „Picking daisies at Westerham, Kent“ von Helen Allingham ausgewählt – geradezu passend für die Indiebookchallenge, die im Monat Mai nach Büchern mit einem Gemälde auf dem Titel fragt.

Informationen zum Buch:

Kristin Lavranstochter. Der Kranz
Roman. Band I
Kröner Verlag, 2021, 384 Seiten. Halbleinen mit Lesebändchen
ISBN: 978 3 520 62101 6
https://www.kroener-verlag.de/details/product/kristin-lavranstochter-der-kranz/

Ein Beitrag im Rahmen meiner Pressearbeit für den Kröner Verlag.

Olga Tokarczuk: Gesang der Fledermäuse

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Bild von woong hoe auf Pixabay

EIN GASTBEITRAG VON VERONIKA ECKL

Der Kommissar, die Rehe und der Kostümball der Pilzsammlergesellschaft

In den Tagen der Corona-Stille schlug die Stunde der Tiere. Die Vögel sangen sich die Seele aus dem Leib, ganz ungestört von Flugzeugen und morgendlichem Verkehrslärm. Auf den Feldern standen ohne Scheu die Rehe, und durch die Parks in den Städten konnte man mit etwas Glück wilde Hasen hoppeln sehen. Es war, als ob die Natur aufatmen würde, und es ist auch jetzt noch, da die Betriebsamkeit wieder zurückgekehrt ist, die richtige Zeit, um Olga Tokarczuk zu lesen, die polnische Literaturnobelpreisträgerin, die die Tiere feiert und den Menschen mit einer großen Portion Skepsis gegenübersteht. Ihr Roman Gesang der Fledermäuse erschien in Polen schon lange vor der neuen Pandemie-Zeitrechnung, nämlich 2009, bevor wir wussten, was Kontaktbeschränkungen sind und begannen, Waldspaziergänge zu unternehmen, statt uns in Kinos und Bars zu vergnügen.

Jetzt ist Tokarczuk die Frau der Stunde. Denn die Heldin ihres skurrilen kleinen Kriminalromans, oder vielmehr der Parodie eines solchen, macht uns vor, wie man bescheiden, fern vom geschäftigen Treiben der Welt und doch heiter lebt: Inmitten einer Natur, die das Einkaufszentrum ersetzt, das Fitnessstudio und ja, auch menschliche Gesellschaft. Kontaktbeschränkungen jedenfalls wären für Janina Duszeijko kein Problem. Die ehemalige Brückenbauingenieurin, die auf einem einsamen Hochplateau an der polnisch-tschechischen Grenze wohnt, dort im Winter auf die Ferienhäuser der Sommerfrischler aus der Stadt aufpasst und in der Dorfschule Kindern Englisch beibringt, kommt gut mit sich allein zurecht. Sie studiert den Sternenhimmel und erstellt Horoskope, beobachtet die Natur im Wechsel der Jahreszeiten und hält die Einsamkeit in dieser Gegend ohne anständig funktionierendes Mobilfunknetz viel besser aus als die Tatsache, dass der Nachbar Rehe in Drahtschlingen fängt und die Füchse in der nahen Fuchsfarm in ihren Käfigen leiden. Den örtlichen Polizeibeamten geht die ältere Dame gewaltig auf die Nerven, weil sie die Tierquälerei hartnäckig zu Protokoll gibt und überdies aus ihrer Abneigung gegen die Jagd keinen Hehl macht – und das in einer Gegend, in der es vor begeistert Fasane und Rehe schießenden Männern nur so wimmelt. Sogar der Pfarrer geht auf die Pirsch.

Es ist eine bizarr anmutende Welt, in die Tokarczuk ihre Leser da mitnimmt, eine, in der die Menschen, die mit ihren teuren Jeeps auf das Hochplateau kommen, sich die Natur ohne viel Federlesens untertan machen und in der die Tiere sich gleichzeitig fast unbemerkt der Lebensräume der Menschen bemächtigen. Im Ferienhaus des Professors schlafen Fledermäuse, in dem der Schriftstellerin leben Marder, und immer wieder finden sich im Schnee Spuren von Rehklauen. Janina ist mit den Tieren und Pflanzen mehr auf einer Wellenlänge als mit den Menschen, äußert sich zu ihrem eigenen Gesundheitszustand so: „Ich war schwach wie ein im Keller gewachsener Kartoffeltrieb.“ Sie weiß, wann welche Blumen die Farben in den Wiesen explodieren lassen und kennt den Fuchs, der sie zu gewilderten Wildschweinkadavern führt, als wäre sie eine Anwältin der Natur.

Kein Wunder also, dass Janina eine gewisse Faszination und Genugtuung verspürt, als zunächst ihr Nachbar an einem Rehknochen erstickt, dann der Kommissar tot in einem Brunnen gefunden wird und schließlich auch noch der Besitzer der Fuchsfarm ums Leben kommt. Ihre These, mit der sie ihre ganze Umgebung und natürlich die Polizei nervt: Die Tiere haben ihre Peiniger ermordet, aus Rache. Da stöhnen sogar ihre einzigen Freunde, ihr ehemaliger Schüler Dyzio und die Secondhand-Laden-Besitzerin Buena Noticia aus der Stadt. Nur so viel sei verraten: Zum Showdown kommt es beim Kostümball der Pilzsammlergesellschaft „Der Steinpilz“.

Das alles ist ganz unerhört und immer wieder sehr lustig – man muss erst einmal auf die Idee kommen, dem Pfarrer Zitate aus authentischen Predigten von Jagdpriestern in den Mund zu legen – hat aber ein solides pessimistisch-zivilisationskritisches Fundament. „Die Tiere sagen etwas über das Land. Die Beziehung zu den Tieren verrät, wie es um das Land bestellt ist“, schleudert Janina den Polizeibeamten ins Gesicht. Zusammen mit ihrem ehemaligen Schüler übersetzt sie die Gedichte des englischen Dichters und Naturmystikers William Blake; einem jeden Kapitel des Romans ist ein Zitat aus seinen Werken vorangestellt. Damit reihen sich die Protagonistin und ihre wenigen Vertrauten ein unter die Menschen, die, wie es Blake geschah, von ihren Zeitgenossen als Spinner abgetan werden.

Tokarczuks Sympathie gilt den Schrulligen und Sonderlingen. Klar, dass nur eine so einzigartige Gestalt wie der Insektenforscher Borys Janinas Herz erobern kann – für ein Paar Tage wird der Wissenschaftler, der auf der Hochebene nach dem Scharlachkäfer sucht, ihr Liebhaber. Dass er fortgeht und sich nicht mehr meldet, nimmt sie stoisch hin; das Schlechte im Menschen überrascht eine Janina Duszeijko nicht mehr. Spätestens hier wird klar, dass auch das Altern ein großes Thema des Romans ist. Die selbsternannte Einsiedlerin hat offensichtlich beschlossen, bei der großen Jagd aufs große Glück nicht mehr mitzumachen und sich selbst nicht so wichtig zu nehmen: „Wenn ich auf meinen Rundgängen über die Felder und das Brachland gehe, dann stelle ich mir gerne vor, wie das alles in einer Million Jahren aussehen wird. Wird es dann noch die gleichen Pflanzen geben? Und die Farbe des Himmels, wäre sie noch genauso wie heute?“, fragt sie sich, um gleich darauf in gelassener Resignation festzustellen; „Meine Bemühungen hier sind so gut wie nichts, sie haben auf der Spitze einer Stecknadel Platz, so wie auch mein Leben. Das muss ich mir vor Augen halten.“

Und der Mörder? Ach, egal. Viel wichtiger ist, dass man nach der Lektüre dieses Romans Lust hat, in Janinas Gesellschaft in einer Tasse Schwarztee zu rühren, aus ihrem Mund noch mehr solche Sätze zu hören und sich von ihr ein Horoskop erstellen zu lassen. Mal sehen, was die Zukunft so bringt.

Von Veronika Eckl

Informationen zum Buch:

Olga Tokarczuk
Gesang der Fledermäuse
Aus dem Polnischen von Doreen Daume.
Kampa Verlag, 307 Seiten, 24,00 Euro

Kurz&knapp: Historisches Spektakel und Zeitgeschichte

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Bild: Michael Flötotto

Vom „Opus Magnum“ einer Literaturnobelpreisträgerin über das Romandebüt einer Literaturkritikerin: In diesem „Kurz & Knapp“ ist wie in einer Wunderkiste alles drin. Es spiegelt meine Lektüren in den vergangenen Wochen: Vom hochkonzentrierten Lesen an einem nicht anspruchslosen Werk mit 1200 Seiten bis hin zum Wunsch, danach hemmungslos schmökern zu dürfen.

Olga Tokarczuk – Die Jakobsbücher

Das jüngste Werk der Literaturnobelpreisträgerin ließ mich etwas ratlos zurück. Überwiegend wurden „Die Jakobsbücher“ im Feuilleton als „Opus Magnum“ der polnischen Schriftstellerin gefeiert, als ein Roman, der vor allem in Polen – wo das Buch ja auch bei Nationalisten auf heftigen Widerstand und zu Bedrohungen der Autorin führte – zu einem neuen, anderen Blick auf die europäische und polnische Geschichtsschreibung führt.

Zugegeben: Sprachlich und stilistisch (offenkundig auch eine Meisterleistung der Übersetzer Lisa Palmes und Lothar Quinkenstein) ist dieses Mammutwerk faszinierend. Olga Tokarczuk führt einen auf den Spuren des Sektengründers Jakob Frank auf „eine große Reise über sieben Grenzen, durch fünf Sprachen und drei große Religionen, die kleinen nicht mitgerechnet“, wie es der opulente Untertitel des Romans besagt.

Das „Barockspektakel“ (so Insa Wilke im WDR als eine der wenigen kritischen Stimmen) entfaltet an der Figur dieses Mannes ein Bild vom jüdischen Leben in Polen im 18. Jahrhundert, von der Verfolgung des Judentums zwischen willkürlichen Pogromen und den Versuchen zur Emanzipation oder auch Anpassung. So zeigen die Jakobsbücher auch die Wanderungsströme der Menschen durch Europa und den Orient nach – Frank selbst tritt beispielsweise zwischenzeitlich zum Islam über, bis er seine Anhängerschaft in das Christentum und nach Offenbach am Main führt (hier begegnet er übrigens auch Sophie von La Roche, eine der vielen Personen, die im Roman ihren Auftritt haben).

„Die Jakobsbücher“ bewegt durch eine Recherche, die jüdische Geschichte als europäische Geschichte festschreibt – und es bestürzt durch die Einsicht, dass Wissen allein nicht klug macht“, urteilt Amelia Wischnewski im NDR. Dem kann ich zustimmen. Und dennoch ließ mich die zweiwöchige Lektüre unzufrieden zurück: Warum so viele Menschen auf den faulen Zauber eines Jakob Frank hereinfielen, welche Faszination der Mystizismus  vor allem auf die Ärmsten ausübte, die ihn als Ausweg aus ihrem irdischen Leid begreifen mussten, all dies geht in der Fülle des Romans unter und wäre doch das Kernmotiv. In der Bloggerwelt hat sich auch Ruth Justen von „Ruth liest“ mit diesem Mammutwerk beschäftigt.

Für den noch jungen Kampa Verlag, der seit einiger Zeit die Werke von Olga Tokarczuk in deutscher Sprache wieder auflegt beziehungsweise neu herausgibt, war die Verleihung des Literaturnobelpreises an die polnische Schriftstellerin ein Glücksfall. Für die Leserinnen und Leser ist es dies auch – aber ich würde zum Einstieg andere Bücher von ihr empfehlen, unter anderem „Unrast“, das mich vor Jahren wirklich begeisterte. 

Informationen zum Buch:
Olga Tokarczuk
Die Jakobsbücher
Kampa Verlag
Aus dem Polnischen von Lisa Palmes und Lothar Quinkenstein
1184 Seiten | Gebunden |42,00 Euro
ISBN 978 3 311 10014 0 | Auch als E-Book


Stefanie de Velasco – Kein Teil der Welt

In zwei Büchern von einer Sekte zur anderen: Stefanie de Velasco hat ihre eigene Kindheit und Jugend unter „Jehovas Zeugen“ – die strenggenommen ja als Glaubensgemeinschaft und nicht als Sekte zu bezeichnen sind – in diesem Coming-of-Age-Roman verarbeitet. Erzählt wird aus der Perspektive von Esther, der von einem Tag auf den anderen nicht nur die beste Freundin Sulamith entrissen wird und die zudem mit ihrer Familie von West- nach Ostdeutschland zieht. Dort, am Heimatort der verstorbenen Großmutter, wollen ihre Eltern kurz nach der Wende ihre missionarische Tätigkeit entfalten und ein neues Netz der Zeugen aufbauen.

Stefanie de Velasco erzählt eindringlich vom bedrückenden Innenleben der Glaubensgemeinschaft, von der Enge und der Restriktionen, die sich die Anhänger selbst auferlegen. Wie Esther versucht, gegen die „liebevolle Härte“ der Eltern ihren eigenen Weg zu finden, wie sie sich gegen die Gruppenregeln stellt, weil sie Wünsche und Bedürfnisse hat wie andere Teenager auch, das ist bewegend zu lesen. Eine ausführliche Kritik findet sich bei „arcimboldis world“.

Informationen zum Buch:
Stefanie de Velasco
Kein Teil der Welt
Kiepenheuer & Witsch
432 Seiten | Gebunden |22,00 Euro
ISBN: 978-3-462-05043-1 | Auch als E-Book


Ursula März – Tante Martl

Nach den literarischen Ausflügen in fremde Welten tat ein Besuch bei „Tante Martl“ richtig gut. Aufmerksam gemacht hat mich auf das Romandebüt der bekannten Literaturkritikerin Ursula März Anna von der Buchpost.

Tante Martl ist eine Tante, wie sie vielleicht viele noch kennen, die Verwandte haben, die zur „Kriegsgeneration“ gehören: Ältere Menschen, in den 1940-er-Jahren geboren, geprägt von den Erlebnissen und Umbrüchen dieser Zeit. Tante Martl trägt jedoch ein besonderes Kainsmal: Sie ist die vom Vater ungeliebte dritte Tochter, die doch endlich ein Sohn hätte werden sollen. Wie sich die ewige Junggesellin für die Familie aufopfert und dabei doch ihr eigenes Terrain erobert, wie sie ihren störrischen Charakter und ihre Schrulligkeiten beibehält, die ganze Widersprüchlichkeit dieses Charakters, das zeichnet Ursula März sehr sensibel, mit viel Wärme und Zuneigung. Ein wunderbares Frauenportrait, sehr empfehlenswert!

Informationen zum Buch:
Ursula März
Tante Martl
Piper Verlag
192 Seiten | Gebunden |20,00 Euro
EAN 978-3-492-05981-7


Pablo Neruda: Die Verse des Kapitäns

Neruda

Bild: (c) Michael Flötotto

REBELLION

Ausgepeitscht vom Regen und vom Wind
richten die Pappeln sich auf und klagen wild,
stehen am schwarzen Firmament und sind
mit zottiger Mähne aus grünem Astwerk ein Schild.

Doch bald sind sie müde, das Unerreichbare zu wollen,
nur einmal noch zeigt Rebellion ihre Statur …

Das Jahr 1973 hat für Chile eine tragische Bedeutung:
Am 11. September wurde Präsident Salvador Allende mit einem brutalen Militärputsch entmachtet, Diktatur und Unterdrückung unter dem Pinochet-Regime stürzten das Land in einen Abgrund.

Am 23. September verstummte zudem die lyrische Stimme Chiles für immer – Pablo Neruda (geboren 1904) starb in Santiago de Chile angeblich an seinem Krebsleiden, wie es hieß.

 Doppeltes Trauma

Für das Land war dies ein doppeltes Trauma, an dem es bis heute noch trägt – noch Jahrzehnte danach beschäftigt die Menschen die wahre Ursache von Nerudas Tod. Im April 2013 wurde seine Leiche exhumiert. Zunächst wurde fortgeschrittener Prostatakrebs diagnostiziert, zwei Jahre später, nach einer vom chilenischen Innenministerium beauftragten Untersuchung, scheint festzustehen, dass der Dichter vergiftet wurde. Ein Mord durch die Schergen des brutalen Pinochet-Regime ist nicht unwahrscheinlich: Noch ist die Untersuchung nicht offiziell abgeschlossen, doch die Spekulationen um den Tod und eine wahrscheinliche Ermordung des Nationaldichters halten sich bis heute.

Für mich war Pablo Neruda zunächst vor allem als politischer Dichter und Denker ein Begriff, als Vertreter politisch engagierter Schriftsteller, wie es sie vor allem in Südamerika gab und gibt – Schriftsteller und Politiker in einer Person wie Alejo Carpentier, Ernesto Cardenal, Miguel Asturias, meist dem Sozialismus oder Kommunismus zuzuordnen. Und natürlich Vargas Llosa, der sich als „liberalen Demokraten“ bezeichnet, sich als Präsidentschaftskandidat in Peru aufstellen ließ und sich mit Gabriel García Márquez wegen dessen Freundschaft zu Fidel Castor und dessen Eintreten für Kuba entzweite. In dieser Zweieinigkeit von Schriftsteller und Politiker ist Neruda in Südamerika keine Einzelerscheinung. Mit Asturias (Guatemala) verbindet Neruda zudem nicht nur die politische Aktivität, der Kampf gegen Diktatur und Faschismus, die Exilerfahrung, sondern auch der Literaturnobelpreis: 1971 war Neruda erst der dritte Südamerikaner, der diese Auszeichnung erhielt, nach Asturias (1967) und Gabriela Mistral (1945) – letztere war übrigens die erste Lehrerin Nerudas am Gymnasium von Temuco.

Der 1904 geborene Neruda wurde schon früh lyrisch und politisch aktiv: ab 1923 veröffentlichte er regelmäßig Gedichte, ab 1927 war er als chilenischer Honorarkonsul im Fernen Osten, ab 1935 als Konsul in Madrid und später als mexikanischer Generalkonsul tätig. Die Zeit der konservativen Videla-Regierung in Chile, die vom Militär mitgeprägt wurden, verbrachte der überzeugte Kommunist zeitweise im Exil. 1970 wurde er von der Kommunistischen Partei als Präsidentschaftskandidat aufgestellt, er verzichtete jedoch zugunsten seines Freundes, dem Sozialisten Salvador Allende, der die linken Parteien in einem Bündnis vereinigen konnte.

Neruda soll einmal gesagt haben, sein wichtigstes Buch sei jenes, „das wir Chile nennen“. Und so wurde der Dichter und Kommunist vom Volk auch gebraucht und geliebt – sein Tod löste nicht nur Bestürzung aus, sondern stürzte das vom Putsch geschockte Land noch zusätzlich in Trauer. Sein Begräbnis wurde zu einem Protest gegen die Diktatur. Im Ausland war man entsetzt und bestürzt: Hatte die Diktatur es wagen können, Neruda zu ermorden? Isabel Allende, eine Nichte des entmachteten Präsidenten (der den Pinochet-Schergen durch Selbstmord entkommen war) schrieb in ihrem Roman „Das Geisterhaus“ über Nerudas Beerdigung, sie war das „symbolische Begräbnis der Freiheit“.

Sinnlich, zärtlich und politisch radikal

Weltweit bekannt wurde Pablo Neruda vor allem durch seine Liebeslyrik: Zärtlich, sinnlich, erotisch, schwelgend. Doch auch wenn Zyklen wie „Die Verse des Kapitäns“ oder „Der rasende Schleuderer“ die Liebe feiern – ganz ist sie nie vom politischen Kampf zu trennen, beide gehen Hand in Hand, bedingen einander zuweilen:

„Und weil Liebe kämpft nicht nur
auf eignem heißem Feld,
sondern im Mund auch von Männern und Frauen,
darum will ich denen entgegentreten,
die zwischen meine Brust und deinen Duft
ihre finstre Fußsohle setzen wollen.“
(Aus: „Ode und frisches Keimen“, in „Die Verse des Kapitäns“, 1952, in der Übersetzung von Fritz Vogelgsang, Sammlung Luchterhand, 2002).

Nerudas Literatur sprach die elementaren Bedürfnisse, Wünsche und Träume der Menschen an, ohne durchgängig in den Duktus polit-agierender Aufklärer zu verfallen, seine Lyrik blieb von sprachlicher Schönheit geprägt. Neruda brachte die Stimme des einfachen Volkes zum Erklingen: Die der armen Landbevölkerung, der Indios in den chilenischen Anden, dem ausgebeuteten Proletariat in den Städten. Seine Sprache gebraucht Metaphern und Symbolik, die, so das Nobelpreis-Komitee in seiner Begründung, „eine Dichtung ist, die mit der Macht natürlicher Kraft Schicksal und Träume eines Kontinents zum Leben erweckt“.

Der große Gesang

Als Nerudas wichtigstes Werk gilt der „Canto General“, ein Gedichtzyklus über Südamerika, insbesondere über die Folgen und die notwendige Befreiung vom Kolonialismus. Es wurde auf Anregung von Salvador Allende von Mikis Theodorakis vertont. Anbei ein Interview mit dem Musiker: „Über Pablo Neruda und den Canto General“.

In seiner Autobiografie „Ich bekenne, ich habe gelebt” beschreibt Neruda seinen “Großen Gesang” als die „Idee eines zentralen Poems, das die geschichtlichen Ereignisse, die geografischen Bedingungen, das Leben und die Kämpfe unserer Völker umschließt.“

Mit prachtvollen Bildern werden die Schönheiten des Kontinents nachgezeichnet:
“Es war die Morgenhelle der Leguanechse … die Affen flochten einen unendlich erotischen Faden, indem sie Wände von Blütenstaub niederrissen… die Nacht der Kaimane, die unberührte Nacht”.

Die Anaconda-Schlange, gigantisch, gefräßig, mörderisch, symbolisiert den Kapitalismus in Folge des Kolonialismus, den destruktiven Eingriff in die unberührte Natur. Anaconda ist auch der Name einer chilenischen Kupfermine. Die Schlange verschlingt das Beste des Paradieses, der Ausverkauf beginnt „an die Coca-Cola Inc., die Anaconda, die Ford-Motors und andere Wesenheiten”.

Mein persönliches Schlüsselerlebnis, mein Einstieg zu Neruda: 1991 oder 1992 bekam ich auf der Frankfurter Buchmesse am Stand eines kleinen Verlages „Maremoto – Beben des Meeres“, Neruda-Übersetzungen von „tia“, in die Hand gedrückt. Herr „tia“ war so erfreut, dass jemand an seinem Stand stehen blieb, dass er mir auf jede dritte Seite mit fettem Kohlenstift eine Widmung schrieb. Ich hab das Büchlein lange als eine Art „Souvenir“ an eine unterhaltsame Begegnung behandelt – bis ich im Kino Philippe Noiret als Neruda (siehe unten) erlebte. Der Film, obschon ein wenig gefühlsselig, brachte die Erinnerung an das Buch und war mein Einstieg, um Neruda nicht nur als Kämpfer für die Freiheit im Gedächtnis zu haben, sondern um ihn endlich auch zu lesen. Daher nun, als verspätetes Dankeschön an Herrn „tia“ für eine seiner Übersetzungen:

MUSCHELN

Leere Muscheln im Sand
Verlassen vom Meer, als es ging,
als es ging, das Meer auf die Reise,
auf die Reise zu anderen Meeren.
Es verließ seine Muscheln,
perfekt von ihm poliert,
bleich von den nie endenden Küssen
des Meeres, das ging auf die Reise.

Die Werke des Dichter-Diplomaten und lyrischen Kämpfers erscheinen beim Luchterhand Verlag, auf dessen Internetseite noch zahlreiche weitere Informationen über Neruda zu finden sind: Neruda bei Luchterhand.

Und auch diese Homepage lohnt sich für alle, die den Dichter kennen lernen wollen: http://www.el-poeta.de/

Eine liebenswerte Hommage an Pablo Neruda ist der Roman „Mit brennender Geduld“ von Antonio Skármeta, erschienen beim Piper Verlag. Skármeta, wie Neruda Chilene, ist im Übrigen auch einer jener dichtenden Politiker – ab 1973 im Exil in Berlin lebend, kehrte er 1989 wieder in sein Heimatland zurück und wurde später, im Jahr 2000, für die demokratische Regierung chilenischer Botschafter in Berlin. Poet und Diplomat – in Südamerika nichts Ungewöhnliches. „Mit brennender Geduld“ wurde 1994 verfilmt und unter dem Titel „Der Postmann“ ein Kassenerfolg – Philippe Noiret als charmanter Dichter, der einem schwärmerischen Briefträger zur großen Liebe verhilft.

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Toni Morrison: Heimkehr

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Tankstelle in Georgia, USA. Bild von 1778011 auf Pixabay

„Lotus, Georgia, ist der übelste Ort dieser Welt, übler als jedes Schlachtfeld. Auf dem Schlachtfeld gibt es wenigstens ein Ziel, Erregung, Mut und die Möglichkeit des Siegs, wenn auch begleitet von vielen Möglichkeiten der Niederlage. Der Tod spielt immer mit, aber auch das Leben hat eine Chance. Dumm nur, dass man nicht vorher weiß, wie es ausgeht.
In Lotus wusste man`s vorher, weil es gar keine Zukunft gab, nur lange Strecken des Zeit-Totschlagens. Es gab kein anderes Ziel als das Atmen, es gab nichts zu gewinnen und außer den stillen Toden der anderen gab es nichts, was man überleben konnte oder was das Überleben wert gewesen wäre.“

Toni Morrison, “Heimkehr”, Rowohlt Verlag, 2014

Für Frank Money, Mitte Zwanzig, bleibt auch, nachdem er Lotus, Georgia, verlassen hat, wenig mehr, was das Überleben wert wäre. Er, der Kriegsfreiwillige, kehrt traumatisiert aus Korea zurück und findet eine Heimat vor, die ihn nur aufzunehmen bereit war, solange er bereit war, für sie zu sterben. Toni Morrisons Roman „Heimkehr“ spielt in den zutiefst rassistischen USA der 50er Jahre. Und obwohl es einer ihrer kürzeren, schmäleren Romane ist, ist auch dieses Buch vollgepackt von Leben und Tod, Hass, Verzweiflung und Liebe, Hoffnung und Resignation. Ein kleines Meisterwerk im Blick auf eine gespaltene Gesellschaft, im Blick auf das „andere Amerika“.

Ihre Kernthemen sind das Leben der afroamerikanischen Bevölkerung und die Familie. Letztere gibt es jedoch nie in der Bilderbuch-Form, häufig ist die Familie, neben dem Rassismus (oder wegen) mit ein Kern des Übels, mit ein Grund, warum ihre Figuren mit dem Leben ringen, am Leben scheitern. Auch Frank Money ist einer dieser gebrochenen Menschen – traumatisiert, alkoholisiert, narkotisiert begegnet er dem Leser zunächst als in einer Psychiatrie Gestrandeter. Er flieht und nimmt den Leser mit auf eine „Heimkehr“ im doppelten Sinne – zurück in den Süden der USA, immer ein wenig auf der Flucht, immer bemüht, nicht aufzufallen, um nicht auch den durchaus im Norden vorhandenen Rassenhass zu wecken. Ein Priester gibt ihm dieses mit auf den Weg:

„Du wirst für jeden Bissen dankbar sein, denn nirgends, wo dein Bus auch hält, wirst du dich an einer Imbissbude hinsetzen können. Hör zu, du bist aus Georgia, und du warst in einer Armee, in der die Rassentrennung aufgehoben ist, und du denkst vielleicht, im Norden geht`s ganz anders zu als im Süden. Aber glaub das bloß nicht und zähl nicht drauf. Die Gewohnheit ist so mächtig wie das Gesetz, und sie kann genauso gefährlich sein.“

Und Frank Money unternimmt eine Heimkehr im übertragenen Sinn – er, der sich im Töten des Krieges, in seinen Alpträumen, in den Alkoholabstürzen verloren hatte, scheint sich wiederzufinden. „Heimkehr“ hat, im Gegensatz zu etlichen vorhergehenden Büchern der Literaturnobelpreisträgerin, ein Ende mit hoffnungsfrohem Ausgang. Die beiden Geschwister Frank und Cee, vom Schicksal gebeutelt, finden in der Heimat ihren Frieden. Grund für die Reise Frank Moneys ist seine jüngere Schwester Cee, für die er stets Vaterersatz, großer Bruder und Beschützer, bester Freund und Seelenverwandter war. Cee ist in einer Notlage – der einzige Grund, um zurück nach Georgia zu fahren, um diese Heimkehr zu unternehmen.

„Mike, Stuff und ich konnten es kaum erwarten, rauszukommen, raus und weit weg. Dem lieben Gott sei Dank für die Army. Ich vermisse nichts aus diesem Kaff, außer den Sternen. Nur, dass meine Schwester in Not war, konnte mich zwingen, an eine Rückkehr auch nur zu denken. Schildere mich nicht als irgend so einen idealistischen Helden. Ich musste hin, aber mir graute davor.“

Von Georgia in die Army und wieder zurück – vom Regen in die Traufe und wieder zurück: Alles, was einem Schwarzen im Amerika der 50er Jahre bleibt, ist die Gewissheit, dass man nirgends lange bleiben kann, ohne irgendeinen Tod zu sterben. Und dass letztendlich keine Sicherheit gegeben ist – außer in den wenigen Bindungen, die Bestand haben.

„Genug Menschen, die ich nicht zu retten vermocht hatte. Genug davon, Menschen sterben zu sehen, die mir nahe sind. Genug! Und auf keinen Fall meine Schwester. Niemals.
Sie war der erste Mensch, für den ich je Verantwortung übernommen habe. Tief in ihr schlummerte das Bild, das ich insgeheim von mir selbst hatte – ein gutes, starkes Ich (…).“

Erst als Frank sich den eigenen Taten stellt, als er und Cee zudem einen unschuldigen Toten begraben, hat das gute, starke Ich wieder eine Chance:

„Lange stand ich da und starrte auf den Baum.
So stark sah er aus.
So schön.
Mit einer Wunde mittendurch.
Aber gesund und voll Leben.
Cee fasste mir an die Schulter.
Frank?
Ja?
Komm, Bruder. Kehren wir heim.“

Diese Poesie der Sprache, die so beiläufig daherkommt wie die Schilderung alltäglicher, grausamster Gewalt, ob rassistisch oder sexistisch motiviert, ist es, was Toni Morrison zu einer ganz großen Schriftstellerin macht. In „Heimkehr“ hat sie dies, vielleicht gerade wegen der Verdichtung auf knapp 158 Seiten, zu einer meisterhaften Form gebracht.

Laut dem Rowohlt-Magazin  „Booksmarks“  ist Heimkehr
„ein beeindruckendes Puzzlestück in Toni Morrisons literarischem Lebensprojekt: einer Archäologie des Schwarzen Amerika. Seit ihrem Debüt Sehr blaue Augen (1970) hat sich Morrison unablässig mit «black history» beschäftigt, mit Sklaverei, Segregation und Rassismus, mit Armut, Verwahrlosung, Gewalt und Rebellion. In konzentriertester Form finden sich diese Basics der Morrison’schen Poetik in ihrem Roman Menschenkind (1987). Dieses bahnbrechende Epos, notierte Ijoma Mangold in Zeit Literatur, «hat all das, was Toni Morrison niemand nachmacht: die Härte, das Bohrende, die Musikalität, die Beweglichkeit der Erzählerstimme, den raffinierten Wechsel der Perspektiven und eine emotionale Dichte, die jeden Satz zu einem Pfahl im Fleisch des Lesers macht.» Gewidmet ist der Roman Toni Morrisons 2010 an Bauchspeicheldrüsenkrebs gestorbenen Sohn Slade.“

Anders als in „Menschenkind“, „Paradies“ oder „Teerbaby“ verzichtet die Literaturnobelpreisträger jedoch auf den Einbau magischer Elemente: Frank und Cee reisen in ihren (Alp-)Träumen zwar auch in das Unterbewusste, sind jedoch bereits schon Kinder der Moderne. Doch ein anderes Leitmotiv setzt sich in diesem Roman fort: Der Zusammenhalt starker Frauen, die sich vom Schicksal weit weniger beugen lassen als ihre männlichen Begleiter.

Vorangestellt sind Heimkehr einige lyrische Liedzeilen. Das Haus ist Amerika, das Toni Morrison, Literaturnobelpreisträgerin und Bürgerrechtlerin, nie eine Heimat bot.

«Wessen Haus ist das?
Wessen Nacht hält das Licht fern
Hier drinnen?
Sag, wem gehört dieses Haus? Meins ist es nicht.
Ich hab von einem anderen geträumt, wohnlicher, heller,
Mit einem Blick auf Seen, befahren in bunten Booten,
Auf Felder, weit wie Arme, ausgebreitet für mich.
Dieses Haus ist fremd.
Seine Schatten lügen.
Sag mir, warum mein Schlüssel hier passt.»

Verlagsinformationen zum Buch:
http://www.rowohlt.de/taschenbuch/toni-morrison-heimkehr.html

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Toni Morrison: Gott, hilf dem Kind

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Bild von 1388843 auf Pixabay

„Ich kann nichts dafür. Mir könnt ihr nicht die Schuld geben. Ich hab`s nicht gemacht, und ich habe keine Ahnung, wie es passieren konnte. Kaum eine Stunde hat es gebraucht, nachdem sie sie zwischen meinen Schenkeln herausgezogen hatten, um zu merken, dass etwas nicht stimmte. Ganz und gar nicht stimmte. Sie war so schwarz, dass sie mir Angst machte. Mitternachtsschwarz, sudanesisch schwarz.“

Toni Morrison, „Gott, hilf dem Kind“, Rowohlt Verlag 2017.
Originalausgabe: „God help the child“, 2015

Lula Ann ist ein „Teerbaby“. Ein Schock für die Eltern, die – in ihrem Verhalten tief geprägt vom amerikanischen Rassismus -, so stolz auf ihre helle Haut sind. Der Vater verschwindet, die Mutter, die sich von ihrem Kind ironischerweise „Sweetness“ nennen lässt, zieht das Mädchen in einer Atmosphäre von emotionaler Kälte und Ablehnung auf.

Was für das Kind Lula Ann als Makel erscheint, der soziale Integration, Freundschaften und sogar familiäre Liebe verhindert, das verwandelt sie als Erwachsene, als „Bride“ in ein Markenzeichen: Die atemberaubende Schönheit, tiefschwarz, jedoch stets in Weiß gekleidet, inszeniert sie sich als „Panther im Schnee“.

Doch im Kern bleibt die glamouröse Karrierefrau, die Markenklamotten trägt und einen Jaguar fährt, das kleine, verunsicherte Kind. Keine Spur von „Black Panther“. Erst ein dramatischer Gewaltakt und ein Mann, der sie verlässt, führt Bride, die weiße Braut, auf Spurensuche: Nach Brooker, ihren Geliebten, aber vor allem nach sich selbst.

In ihrem jüngsten Roman vereint Toni Morrison erneut ihre zentralen Themen: Rassismus und Feminismus. Ob in „Sula“, „Teerbaby“ oder auch „Menschenkind“, immer wieder stellte die Literaturnobelpreisträgerin Frauen in den Mittelpunkt ihrer Geschichten Frauen, die im doppelten Sinne mit ihrer Identität zu ringen haben: Als Frau und als Schwarze. Morrison behandelt die Thematik jedoch nie eindimensional, konstruiert keine literarischen schwarz-weiß Anklagen, teilt nicht oberflächlich nach Hautfarben in Gut und Böse. Vielmehr sind ihre Bücher – und „Gott, hilf dem Kind“ trotz des missverständlichen Titels in besonderer Weise – eine Aufforderung zur Emanzipation.

Heidi Thomas Tewarson schreibt in ihrer rororo-Monographie (2005) über Toni Morrisons Roman „Sehr blaue Augen“:

„…ist das erste Buch, in dem Toni Morrison der Frage nach der verheerenden Folge eines schädlichen, fremden, aber allgemein verinnerlichten Denkens nachgeht, einer Frage, die in vielen Variationen immer wieder aufgegriffen wird. Die fast automatische Verinnerlichung rassistischen Denkens erweist sich als das wahrhaft Zerstörerische.“

Das wahrhaft Zerstörerische ist und bleibt natürlich der Rassismus an sich – doch wie sehr rassistische Denkweisen von den „Opfern“ selbst übernommen werden, wie sehr sie diese weitertragen und sich damit einem inhumanen System unterwerfen, das zieht sich wie ein roter Faden von der blauäugigen Pecola („Sehr blaue Augen“, 1970) bis hin zur teerschwarzen Bride. Deren Abgrenzung von der Mutter, ihre Karriere, ihre wechselnden Liebschaften: Dies alles entpuppt sich als dünner Firnis. Anpassung und Selbstverleugnung statt Selbstverwirklichung. Auch ihre Art, ihre tiefschwarze Hautfarbe zu einem Markenzeichen zu machen, ist einem rassistischen Diktat unterworfen. „Black is beautiful“, pervertiert.

„Siehst du“, sagte Jeri. „Schwarz zieht. Es ist die heißeste Ware, die es in unserer Gesellschaft gibt. Weiße Mädchen, sogar braune, müssen sich nackt ausziehen, um so viel Aufmerksamkeit zu erregen.“

Bride, deren „Liebesleben zu einer Art Cola light wurde“, mit Typen, die „mich behandelten wie einen Orden, ein glänzendes, stummes Zeugnis ihrer Heldentaten“, muss erst auf Menschen treffen, die – wie sie – durch Traumata in der Kindheit geprägt sind -, um an ihre Wurzeln, um zu echtem Selbstbewusstsein, zu echter „black power“ zu gelangen.  Sie muss zudem symbolisch beinahe verschwinden, um wieder zu wachsen: Indem ihr Körper sich in den eines brust- und haarlosen Kindes zurückverwandelt (ein typisches, wenn auch eher zurückgenommenes Beispiel für die Magie, die Toni Morrison gerne in ihre Romane einflicht), wird sie erst zur Frau.

„Gott, hilf dem Kind“: Mich begleitete beim Lesen ständig Billie Holidays Song „God bless the child“. Und wie passend die Textzeile daraus: „Mama may have, Papa may have, but God bless the child that’s got his own!“ Der schmale, multiperspektivisch erzählte Roman ist vielleicht nicht das herausragendste Buch innerhalb Morrisons Werk – die schnelle, schlanke Sprache, die ökonomische Erzählweise, die von manchen Kritikern gelobt wird, geht mir in diesem Roman zu sehr auf Kosten der Magie und Sinnlichkeit, die Toni Morrison in anderen ihrer Bücher entfaltet – aber es ist ein enorm wichtiges Buch zu diesem Zeitpunkt.

Denn in Trumps Amerika genügt es nicht, darum zu beten, dass Gott dem Kind hilft – es geht darum, dem jahrhundertelang gepflegten Rassismus und Sexismus, der nun unter den weißen Männern wieder aufzublühen droht, die Stirn zu bieten, diesem den berechtigten „Zorn von Kindern“ (wie Morrison ihren Roman wohl ursprünglich nennen wollte), von misshandelten und ausgegrenzten Kindern und der täglichen, strukturell bedingten Gewalt in einer gespaltenen Gesellschaft entgegenzuhalten. Am Ende des Romans finden die Braut, Bride, und Brooker zusammen, sie ist schwanger, sie träumen von der Zukunft:

„Ein Kind. Neues Leben. Immun gegen alles Böse, jede Krankheit, behütet vor Entführung, Schlägen, sexueller Gewalt, Rassismus, Demütigung, Verletzung, Selbstzweifel, Verwahrlosung. Niemals irrend, voller Güte. Ohne Zorn. So stellen sie es sich vor.“

God bless the child.

Verlagsinformationen zum Buch:
https://www.rowohlt.de/hardcover/toni-morrison-gott-hilf-dem-kind.html


„Gott, hilf dem Kind“ ist derjenige unter Toni Morrisons Romanen, der am nächsten an unsere unmittelbare Gegenwart angesiedelt ist. Eine weitere literarische Stimme, die die Themen Rassismus und Feminismus verknüpft, jedoch noch unmittelbarer aus unserer Gegenwart erzählt, ist Chimamanda Ngozi Adichie.

In ihrem preisgekrönten Roman „Americanah“ (2013) lässt sie eine starke Frauenfigur auftreten: Ifemelu – die wie die Autorin aus Nigeria stammt – die in die USA auswandert, um dort plötzlich zu erleben, dass Hautfarbe eben doch ein Distinktionsmerkmal sein kann.

Ähnlich wie bei Bride in Toni Morrisons Roman beginnt bei Ifemelu ein allmähliches Erwachen. Sie beginnt einen Blog zum Thema Rassismus zu schreiben – und denkt dabei messerscharf auf, wie sehr selbst in der Ära Obama, in der der Roman spielt, die Hautfarbe lebensbestimmend ist.

„Der einzige Grund, warum du behauptest, dass Rasse kein Thema war, ist, weil du es dir so wünschst. Wir wünschen es alle. Aber es ist gelogen. Ich komme aus einem Land, in dem Rasse kein Thema war. Ich habe mich selbst nicht als Schwarze gesehen, ich wurde erst schwarz, als ich nach Amerika kam.“

Die Rahmenhandlung – eine Jugendliebe, die Ifemelu zurück in ihr Herkunftsland treibt – vermag weit weniger zu fesseln als die haarscharfen Beobachtungen und Analysen, die die Autorin in der zweiten Ebene – der des Blogs – unterbringt.

Das Buch wurde von der Zeit-Redaktion in den „Kanon des jungen Jahrhunderts“ aufgenommen:
http://www.zeit.de/2015/44/chimamanda-ngozi-adichie-americanah-literaturkanon

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Isaac B. Singer: „Max, der Schlawiner“ und „Meschugge“

„Die Bibel und der Talmud sind voll von Sex-Stories. Wenn diese Heiligen sich nicht dessen schämen, warum soll ich es tun, ich bin doch kein Heiliger? Wenn es einen Gott gibt, so stelle ich ihn mir als einen Liebhaber vor. Gemäß der Kabbala lieben alle Seelen im Himmel.“

Isaac B. Singer

Hadern mit Gott, ringen mit Wörtern, schwelgen in und leiden an der Liebe, und unterworfen dem Sex – das sind die Leitmotive des Isaac Bashevis Singer (1904 – 1991). Und das Festhalten an einer Sprache, der der Untergang prophezeit wurde und wird. Singer erhielt 1978 den Literaturnobelpreis, als erster und bisher noch immer einziger Schriftsteller, der Jiddisch schreibt. „Sie enthält Vitamine, die es in anderen Sprachen gar nicht gibt“, sagte er. Sie sei die wortreichste Sprache, die es gibt. Bis auf wenige Ausnahmen: So hätten die meisten anderen Sprachen beispielsweise zahllose Wörter für „verrückt“ – wahnsinnig, umnachtet, irre, geistesgestört, durchgeknallt, tollwütig – aber im Jiddischen käme man mit einem einzigen Wort aus: „Meschugge“.

„Meschugge“ ist nicht nur der Titel eines Alterswerkes, sondern ein wenig auch eine Grundcharakterisierung seiner Helden. Vor allem wenn es um die Leidenschaften der Leidenschaften geht. Der Sex, die Hormone machen sie alle verrückt – sei es nun der wankelmütige Hermann Broder, der in „Feinde, die Geschichte einer Liebe“ (1973) zwischen mehreren Frauen hin- und hergerissen wird, sei es „Max, der Schlawiner“, der sich – zurückgekehrt in das Warschau seiner Kindheit – dort in eine ganze Reihe von Affären stürzt, um den Tod seines Sohnes zu vergessen und seine Impotenz zu überwinden, oder sei es der Schriftsteller Aaron Greidinger, der religiös und politisch zwischen allen Stühlen sitzt und dann auch noch der Geliebten eines älteren Mentors verfällt – einfach „Meschugge“. Die letzteren beiden Romane stammen aus dem Nachlass des Autors und erschienen erst Mitte der 90erJahre. Literarisch reichen sie an „Feinde, die Geschichte einer Liebe“ nicht heran – aber als Alterswerk greifen sie nochmals die Themen auf, die Isaac B. Singer zeitlebens umtrieben.

„Der Pessimismus einer schöpferischen Gestalt ist nicht Dekadenz, sondern das mächtige Verlangen nach Erlösung des Menschen. Indem der Dichter unterhält, fährt er fort, nach ewigen Wahrheiten zu suchen, nach dem Wesen des Seins. Er versucht auf seine ureigene Weise, das Rätsel von Zeit und Wandel zu lösen, eine Antwort auf das Leiden zu finden, in den Abgründen von Grausamkeit und Ungerechtigkeit die Liebe wiederzuentdecken.“

(Link zur Rede von Isaac B. Singer am 8. Dezember 1978 in Stockholm: http://www.nobelprize.org/nobel_prizes/literature/laureates/1978/singer-lecture.html)

Dieses literarische Programm formulierte er bei seiner Nobelpreisrede in Stockholm. Letztendlich sind die Singer-Helden immer Gefangene zweier Höllen: Der ihres Verlangens, der ihrer Identität – als Jude, als Holocaust-Überlebende, als Entflohene, oftmals als Exilanten und als Suchende. Suchend sowohl in der Liebe als auch im Glauben: Sowohl die bedingungslose Treue zu einer Frau als auch die bedingungslose „Unterwerfung“ unter einen Gott sind ihre Sache nicht. Sie sind die ewigen Zweifler – meist auch geographisch zwischen mehreren Orten verhaftet, geflohen aus der Welt des ostjüdischen „Schtetls“ in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Weder beheimatet im orthodoxen Judentum noch in der zionistischen Bewegung, pendeln diese Helden – eigentlich Antihelden – spirituell, mental, psychisch hin und her. Und auch die Liebe bietet keine Erlösung, sondern mündet meist, so wie in den genannten Romanen, in eine mittlere bis große Katastrophe. Nur „Meschugge“ bildet hier eine Ausnahme – ausgerechnet. Dazu aber später mehr.

Dass er die Geschichten seiner Romane aus der eigenen Erfahrungswelt schöpft, daraus machte Isaac Bashevis Singer nie ein Geheimnis:

„Wenn auch nicht alles, was in meinen Büchern steht, wirklich genau so geschehen ist – es hätte halt so geschehen können.“

Als Icek Hersz Zynger in Leoncin als Sohn eines Rabbiners geboren, wuchs Singer ab 1908 in der damals größten jüdischen Ansiedlung der Welt, in Warschau auf. Aus wirtschaftlicher Not zog die Mutter Batsheva mit ihm und einem Bruder 1917 nach Bilgorai zu ihren Brüdern, ebenfalls Rabbiner. Hier lernte Singer die traditionellen Lebensformen der polnischen Juden kennen. Das „Schtetl“ und seine Geschichten – auch sie prägen sein späteres Schreiben. Singer, der selbst eine Ausbildung zum Rabbiner abgebrochen hat, kann 1935 seinem älteren Bruder nach New York folgen, muss sich jedoch von seiner ersten Frau trennen. Nach Anfangsschwierigkeiten beginnt er, wie sein Bruder, für jiddische Zeitungen zu schreiben, eigene Erzählungen und Romane (oft als Fortsetzungsgeschichten) zu veröffentlichen, immer mit dabei: Die Schreibmaschine mit jiddischen Buchstaben.

1940 heiratet er die aus Deutschland geflohene Alma Wassermann (1907-1996): Eine lebenslange Liebe und Ehe, aber treu blieb er ihr nie. Auch das eines seiner literarischen Motive.

Drei Beispiele für spätere Singer`sche Dreiecks- (bzw. Mehrecks-) Geschichten:

„Feinde, die Geschichte einer Liebe“ (1973) wurde bereits auf dem Blog vorgestellt:

„Herman neckte sie oft, nannte sie albern, aber das Opfer, das sie ihm gebracht hatte, konnte er nie vergessen. So wie sie offen und ehrlich war, war er unaufrichtig und in Lügen verstrickt. Trotzdem, Tag und Nacht hielt er es nicht aus bei ihr.“

„Max, der Schlawiner“ (1994/1995, aus dem Nachlass).

„Zirele neigte den Kopf zur Seite und musterte Max argwöhnisch und zugleich neugierig. Plötzlich sagte sie: „Dann haben Sie diese Reise gemacht, um Ihre Verzweiflung zu vergessen.“ Es war schon lange her, seit Max das deutsch-jüdische Wort Verzweiflung gehört hatte, aber er verstand, was es bedeutete, und es gab ihm einen Stich.“

Tatsächlich ist Max ein Verzweifelter und ein Zweifelnder. Ausgewandert von Warschau nach Argentinien schlägt er sich, obwohl aus einer orthodoxen, strenggläubigen Familie stammend, als Kleingauner im halbseidenen Milieu durch, fängt sich zunächst, wird „seriös“, gründet eine Familie. Der Tod seines Sohnes Arturo, die Entfremdung von seiner Frau, eine eintretende Impotenz – all dies bringt die brüchige Fassade ins Wanken. Max reist zurück in den Ort seiner Kindheit – auf Spurensuche, auf der Suche nach den Wurzeln, nach Heilung. Die Reise endet in einem Desaster: Fast begeht er Bigamie, ausgerechnet mit der Tochter eines Rabbiners, verfängt sich in den Schlingen einer femme fatale, wird verhaftet. Offen bleibt, was mit ihm geschieht, ein gutes Ende wird er nicht nehmen.

„Wozu habe ich das nötig? In was für ein teuflisches Spiel bin ich hineingeraten? Ihm fielen die Worte seiner Mutter ein: Der schlimmste Feind des Menschen ist er selbst…Zehn Feinde können ihm nicht so viel antun, wie er sich selbst antut.“

 „Meschugge“ (1994, aus dem Nachlass).

„Das ganze Gerede von Monogamie ist eine einzige Lüge. Es ist von Weibsbildern und puritanischen Christen erfunden worden. Bei den Juden hat es so etwas nie gegeben.“

So großspurig redet in diesem schmalen Roman der Ostjude Max daher – am Ende wird ihn der Schlag treffen. Zuvor aber bringt er noch das Leben seines rund 20 Jahre jüngeren Freundes Aaron durcheinander. Aaron fristet ein Dasein als Schriftsteller, im Gegensatz zum lebenslustigen Lebemann Max eine traurige Figur:

„Gott der Gerechte – Ende Vierzig war ich noch genauso wie mit zwanzig Jahren: faul, konfus, zutiefst melancholisch. Kein Erfolg, den ich verbuchen konnte (auch wenn es nur geringe Erfolge waren) schien meine Depression vertreiben zu können. Ich lebte von einem Tag zum anderen, von einer Stunde, einer Minute zur anderen.“

Die beiden, die sich noch aus Polen kennen, treffen sich in New York wieder – und prompt erwacht Aaron aus seinem Dämmerzustand. Ursächlich dafür ist auch Maxens Geliebte Miriam:

„Als wir an diesem Abend die Cafeteria verließen und den Broadway entlang gingen, empfand ich zum ersten Mal die innere Ruhe, die uns wahre Liebe schenken kann.“

Lang währt die Ruhe jedoch nicht – für Turbulenzen sorgen weitere Frauen und amouröse Verwicklungen, fehlgeschlagene Finanzspekulationen, ein Schlaganfall, eine Reise nach „Erez Israel“, aber vor allem Miriams Vergangenheit. Sie, so stellt sich heraus, konnte dem Holocaust nur entgehen, indem sie Geliebte und Handlangerin eines Nazis wurde. Ein Tabu. Doch letzten Endes entscheidet sich Aaron (wie auch Max ein Alter Ego des Autoren) für Miriam – anders als in „Feinde, die Geschichte einer Liebe“ und „Max, der Schlawiner“ ein Ende für die Liebe. Wenn auch mit Fragezeichen. Und als Ergebnis eines Aktes sowohl der Leidenschaft als auch des Willens:

„Ich war nach wie vor Pantheist, nicht im Sinne Spinozas, eher im Sinne der Kabbala. Ich setzte Liebe mit Freiheit gleich. Wenn ein Mann eine Frau liebt, so lautete meine Theorie, dann ist das ein Akt der Freiheit. Die Liebe zu Gott kann nicht durch Gebote, sondern nur durch einen Akt der Willensfreiheit bewirkt werden. Die Tatsache, dass fast alle Lebewesen der Vereinigung eines männlichen und eines weiblichen Partners entspringen, war für mich ein Beweis, dass das Leben ein Experiment in Gottes Freiheitslaboratorium ist. Die Freiheit will nicht passiv bleiben, sie will schöpferisch sein. Sie will unzählige Varianten, Möglichkeiten, Kombinationen. Sie will Liebe.“

Vom Zweifler Herman Broder über Max den Schlawiner bis hin zu Aaron: Liest man die drei Romane in Abfolge, so lässt sich eine Entwicklung erkennen. Herman, der sich nicht entscheiden kann, entflieht der Situation. Max, der sucht und flieht, ohne zu wissen, was und vor wem, scheitert. Nur Aaron gelingt – durch einen bewussten Akt der Entscheidung – letztendlich (und zumindest vorübergehend) das Experiment „Leben/Lieben“.

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#MeinKlassiker (34): Die Buddenbrooks – eine Familie verfällt und lebt doch für immer weiter

Unzählige Male wieder aufgelegt, gelesen und besprochen, mehrfach verfilmt, aber auch immer wieder als „überholt“ und „überschätzt“ geschmäht – und dennoch: Die „Buddenbrooks“ ist einer der großen Romane der deutschen Literatur. Und es ist schön, dass er – und mit diesem, seinem ersten Roman – nun auch Thomas Mann in der Reihe #MeinKlassiker angekommen ist. Zu verdanken haben wir dies Ines Daniels, die lange mit zum Team bei „Feiner reiner Buchstoff“ gehörte, nun seit aber fast einem Jahr einen eigenen Blog namens „letteratura“ betreibt. Dort gilt ihr Leseinteresse vor allem der zeitgenössischen Literatur – hier aber schreibt sie über ein zeitloses Werk, eines der großen Bücher der deutschen Literatur:

Als ich darüber nachdachte, welchen Klassiker ich als #MeinKlassiker bezeichnen würde, welche Lektüre mich nachhaltig beeindruckt hatte, so dass ich immer noch an sie zurückdenke, da kam mir recht bald „Buddenbrooks“ in den Sinn. Es muss um die zwanzig Jahre her sein, dass ich mich mit dem Wälzer zurückzog und – so die Erinnerung – komplett versank in dieser Familiengeschichte, in der alles mit der Zeit den Bach heruntergeht, heißt es doch wenig geheimnisvoll im Untertitel: „Verfall einer Familie“. An Einzelheiten erinnerte ich mich fast gar nicht, als ich den Roman erneut zu lesen begann, mit einer Ausnahme: dem Tod Hannos. In meiner Erinnerung fand dieser irgendwann in der Mitte des Romans statt, hatte ich damals nicht auf den verbleibenden Seiten stets danach gesucht, dass die Figuren sich an ihn erinnern? Dass er wieder und wieder erwähnt würde? Dass sie so um ihn trauern würden, wie ich getrauert hatte?

Bei der Wiederlektüre des Romans um den letzten Jahreswechsel herum und inzwischen altersmäßig deutlich weiter entfernt von Hanno zum Zeitpunkt seines Todes (der mich vermutlich auch gerade wegen dieser Nähe damals so ergriffen hatte), stellte ich fest, dass die Erinnerung getrogen hatte. Hanno ist nur der letzte in einer langen Reihe von Todesfällen in Thomas Manns frühem Roman – und da sich die Geschichte über mehrere Generationen erstreckt, ist es nur natürlich, dass einige Figuren das Zeitliche segnen im Verlauf der vielen, vielen Seiten.  

„Buddenbrooks. Verfall einer Familie“ erschien 1901, als Thomas Mann gerade einmal 26 Jahre alt war. Angesichts der Fülle des Stoffs, des umfangreichen Personals, das er unterbringt, der Virtuosität, mit der er vor- und zurückschaut und Dinge an- und vorausdeutet, ein erstaunliches Alter. Nun gibt es ganze Bibliotheken mit Sekundärliteratur zu Thomas Mann und seinem wohl berühmtesten (und 1929 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichneten) Roman, doch soll es hier um eine umfassende Analyse ja auch gar nicht gehen. 

Unerwartet war bei meiner aktuellen Lektüre des Romans, dass er zunächst wenig in mir auslöste. Ich las Manns nüchternen, doch auch virtuosen Stil, fieberte mit seinen Figuren, doch was wollte und sollte ich zu dem Roman sagen, zu dem alles schon gesagt wurde? Die Geschichte musste ruhen, um erneut ihre Wirkung zu entfalten, die mich zuvor quasi übermannt hatte – womöglich bin ich damals viel unbedarfter an die Lektüre herangegangen. 

Ein Klassiker zeichne sich unter anderem dadurch aus, dass er zeitlos sei, dass er uns auch heute noch etwas sagen könne, so war auch im Zuge von #MeinKlassiker schon zu lesen. Die Buddenbrooks leben ihr Leben im 19. Jahrhundert, doch sind sie in dem, was sie sich wünschen, in ihrem Streben, in den Schwierigkeiten, das Private und das Geschäftliche unter einen Hut zu bringen und dabei den Konventionen gerecht zu werden, nicht immer allzu weit von uns heute entfernt, auch wenn sich natürlich einiges geändert hat. Eine Scheidung zum Beispiel stellt nicht mehr die gleiche Schande dar, die möglichst durch eine erneute Verheiratung wettgemacht werden muss. Toni, die sogar zweimal geschieden wird, ist eine der Figuren, die mir neben ihren beiden so unterschiedlichen Brüdern Thomas und Christian und natürlich Hanno, der tragischsten Figur der Geschichte, am eindrücklichsten in Erinnerung bleiben.  

Und es sind vor allem die letzten Kapitel, die letzten Seiten des Romans, die den tiefsten Eindruck hinterlassen. Thomas, der immer versucht hat, ein rationaler Geschäftsmann zu sein, der immer hart gearbeitet hat, drohen seine Gewissheiten zu entgleisen. In seinem Bruder, dem wehleidigen, hypochondrischen Christian hat er immer sein Gegenstück gesehen – eines, das er verachtete, im Grunde aber auch ein Stück weit beneidete. Christian erlaubte sich ein freieres Leben, das Thomas sich schon von vornherein selbst verbot. Es ist erschütternd, mitzuerleben, wie Thomas letztendlich an der Einhaltung der Regeln, die ihm die Gesellschaft zwar auferlegt, deren strengster Überwacher er aber selbst ist, zugrunde geht.  

Ihre Schwester Toni bleibt mir einerseits durch ihre Naivität, andererseits aber auch durch ihren Pragmatismus in Erinnerung. Sie ist letzten Endes Optimistin, der es als junge Frau verwehrt wird, aus Liebe zu heiraten und stattdessen später zweimal geschieden wird. Letztlich macht sie sich das Glück ihrer Tochter zur Lebensaufgabe. 

Hanno hingegen scheint von Anfang an wie nicht geschaffen für das Leben, er kränkelt, ist schüchtern, bringt keine guten Leistungen in der Schule und ist ein Außenseiter. Er und seine Mutter Gerda sind die einzigen in der Familie, die musikalisch begabt sind und so aus der Rolle fallen. Hanno ist eine äußerst tragische Figur und diejenige, mit der man aus dem Roman entlassen wird.  

„Buddenbrooks“ erzählt uns viel über das gesellschaftliche Leben, über Klassen und soziale Schichten. Mich interessiert dabei am meisten, wie die Figuren damit umgehen, was von ihnen erwartet wird, wie sie ihr Leben meistern und die Probleme, die sich für sie ergeben, lösen. Wenn am Ende das Familienunternehmen und damit auch die Familie selbst „verfallen“ ist und man sich die Frage stellt, was dies für das gesamte gesellschaftliche System bedeutet, dann ist die Familie auf ein paar wenige Mitglieder zusammengeschrumpft. Wer nicht die nötige charakterliche Stärke besitzt, um in der Geschäftswelt zu bestehen, der ist letztlich nicht lebensfähig. Bezeichnenderweise gilt das auch für Thomas Buddenbrook, der doch eigentlich alle Voraussetzungen mitbrachte, um erfolgreich eine Firma zu leiten. 

Meine zweite Lektüre der „Buddenbrooks“ um die zwanzig Jahre nach der ersten war eine mit verschobenem und erweitertem Blickwinkel, und auch diejenige einer Leserin, die inzwischen anders liest als damals. Eine Lektüre, die ihre Wirkung nur langsam entfaltete und die sich vor allem auf die Hauptfiguren konzentrierte – nicht mehr so ausschließlich auf Hanno, aber natürlich auch auf ihn. Und wenn ich den Roman in weiteren zwanzig Jahren erneut lesen werde? Was werde ich dann wohl aus dieser Geschichte für mich mitnehmen? Ich freue mich darauf, denn ich bin sicher, ein Roman wie die „Buddenbrooks“ wird nie seine Kraft und Aktualität verlieren.

Ines Daniels
https://letteraturablog.wordpress.com/