Fritz von Herzmanovsky-Orlando: Der Gaulschreck im Rosennetz

Galschreck

Bild: (c) Michael Flötotto

„Nie betrat Eynhuf sein Amt anders, als mit einem Gefühl aus freudigem Stolz und gebührender Ehrfurcht gemischt.“

Fritz von Herzmanovsky-Orlando, „Der Gaulschreck im Rosennetz“, 1928.

Hofsekretär Jaromir Edler von Eynhuf ist, man merkt es alsbald, ein tumber Tor. Und damit im verschnörkelten Hofstaat des österreichischen Kaisers – die „Wiener Schnurre aus dem modernen Barock“ ist in die Zeit um 1820 angesiedelt – nicht einzigartig. Doch Eynhuf, der seinem Kaiser zum Thronjubiläum eine Kette aus Milchzähnen schenken will, schlägt im Verlauf dieser Posse alle Tumbheits-Rekorde: Auf der Jagd nach dem letzten fehlenden Milchzahn, den er der Opernsängerin Höllteufel, einer wahren femme fatale, entreißen will, erlebt er die skurrilsten Abenteuer. Als Schmetterling verkleidet, sprengt er beinahe einen Ball, verfällt natürlich der aussichtslosen Liebe zur Höllteufelin, lässt Liebestränke brauen, verführt Dienstmädchen und stolpert von einem Fettnäpfchen ins andere. Am Ende alles Malaise, Malaise: Ihm bleibt nur, nachdem er mit dem Milchzahnvorhaben scheitert, sich zu erschießen, das sieht die Konvention vor.

Fritz von Herzmanovsky-Orlando (bei einem solchen Namen kann man wahrscheinlich nur völlig verrückte Schnurren schreiben) hatte „Der Gaulschreck im Rosennetz“ als Auftakt zu einer österreichischen Trilogie geplant. Tatsächlich erschien zu seinen Lebzeiten (1877 – 1954) allerdings nur der Gaulschreck anno 1928. Den Adelsspross focht dies, zumindest in finanzieller Hinsicht, nicht weiter an: Reich geboren, musste er seinen Lebtag lang nie einem Brotberuf nachgehen. Er tobte sich mit dem Schreiben skurriler Geschichten aus, zeichnete wie sein enger Freund Alfred Kubin  – auch der Gaulschreck ist mit seinen eigenen, ganz annehmbaren Illustrationen erschienen –, gab sich gerne dem Okkultismus hin und hegte leider auch eine große Sympathie für die Ideologie des Nationalsozialismus.

Insofern ist es wiederum eine eigentümliche Wendung der Literaturgeschichte, dass ausgerechnet der jüdische Schriftsteller Friedrich Torberg 1957 eine Gesamtausgabe der H.-O.-Werke besorgte und den schreibenden Adelssproß damit dem Vergessen entriss. Seither hat der Schriftsteller des Skurril-Fantastischen eine kleine, aber treue Fangemeinde – und daran ändern auch postume Erkenntnisse über seine abwegigen Ansichten nichts.

Abgesehen von diesen Begleitumständen: „Der Gaulschreck im Rosennetz“ ist wirklich nur empfehlenswert für Menschen, die diesen skurrilen Humor teilen und barock-abschweifende Geschichten mögen. In den 1980er-Jahren begann der Residenz Verlag erneut mit einer großen Werkausgabe zu Fritz von Herzmanovsky-Orlando – der Gaulschreck ist dabei in einer schönen Ausgabe mit den Illustrationen wieder erschienen. Im Spiegel erschien dazu ein Portrait dieses Dichters, dessen Leben selbst Stoff für einen skurrilen Roman wäre – über H.-O. hieß es:

„Die Torberg-Ausgabe prägte das Bild des Dichter-Dandys Herzmanovsky – eines spielerischen Connaisseurs versunkener Zeiten, eines Virtuosen sprachlicher Mimikry und lässiger, monströser Boshaftigkeit; ein Nestroy für die gehobenen Stände.“

Der Artikel in voller Länge bei Spiegel Online.


Perutz, Leo: „Der Meister des jüngsten Tages“ (1927).

Kaffeehausliteratur: Leo Perutz verurteilte seinen Roman – dabei einer seiner publikumswirksamsten – als „Bockmist“. Dabei ist Perutz-Bockmist immer noch hundertmal besser als …
In der NNZ hieß es 2006: „Dieses zum ersten Mal 1927 erschienene Buch spielt vor dem Ersten Weltkrieg. Bei der Suche nach den wahren Gründen für den Suizid eines Offiziers werden die Grenzen zum Detektivroman mit bewussten Anklängen an Sherlock Holmes überschritten, gleichzeitig entsteht durch die sehr rhythmische Erzählweise eine überaus „dichte“ Atmosphäre.“
Doppelbödiges Spiel mit Realitäten, ein Todesfall, viel Eifersucht und leidende Künstler im Wien des Jahres 1909. 1a-Bockmist!
Leo Perutz bei dtv: Leo Perutz Autorenseite.


 

Tschuppik, Karl: „Ein Sohn aus gutem Hause“ (1937).

Einziger Roman des Journalisten Karl Tschuppik (1876 -1937), antifaschistischer Publizist, Freund von Joseph Roth, Anton Kuh, Klaus Mann, etc. Der Roman: A bisserl Schnitzler, a bisserl Zweig, a bisserl Schmäh. Stark in den politischen Passagen. Erzählt wird die Entwicklung eines sensiblen Beamtensohnes, der vom Vater in den Militärdienst gezwungen wird.
Aus der Besprechung bei fixpoetry: „Eher schablonenhaft zeigt der Roman die Stationen einer typischen Herrensohn-Jugend im alten Österreich, er ist eher eine Absolvenz- als eine Adoleszenzgeschichte, es wird kein Reifungsprozess in dem Kavallerieschüler sichtbar, der sich am Vorabend zum Ersten Weltkrieg, noch nicht ganz 18-jährig, freiwillig meldet. Mit dieser Entscheidung endet der Roman: die Erwachsenwerdung erfolgt von außen, der Weltkrieg gibt den Ritterschlag.“

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Friedrich Torberg: Die Tante Jolesch

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Bild von Pexels auf Pixabay

„Vom Kaffeehaus war schon so oft und ausgiebig die Rede, daß es sich fast erübrigt, ihm ein eigenes Kapitel zu widmen. Im Grunde ist ja dieses ganze Buch ein Buch vom Kaffeehaus. Kaum eine der auftretenden Personen wäre ohne das Kaffeehaus denkbar. Kaum eine der von ihnen handelnden Geschichten, auch wenn sie anderswo spielen, wäre ohne das Kaffeehaus entstanden. Kaum einer der hier verzeichnenden Aussprüche wäre getan worden, wenn es das Kaffeehaus nicht gegeben hätte. Für die auftretenden Personen war es der Nährboden, aus dem sie ihre geheimen Lebenssäfte sogen.“ 

Friedrich Torberg, „Die Tante Jolesch“, 1975. 

Wer sich ein wenig mit der spezifischen Form der Kaffeehausliteratur beschäftigt, der kommt an der Tante Jolesch nicht vorbei. Als Friedrich Torberg 1975 diese Anekdotensammlung veröffentlichte, bezeichnete der Schriftsteller und Journalist es als „ein Buch der Wehmut“ und sich selbst als einen der letzten, der aus eigener Kenntnis von einer verschwundenen Welt berichten konnte.

Der Tante Jolesch gab er einen eindeutigen Untertitel: „Der Untergang des Abendlandes in Anekdoten“. In der Tante Jolesch schrieb Torberg über die Menschen, die er gekannt und erlebt hatte – wie die Tante alle weiteren auch bestimmte Typen aus dem schwarzgelben Kulturkreis: Die tatkräftigen, oft bissigen Damen seines familiären Umfelds, die Kaffeehausliteraten, die Halbweltkünstler, die Schriftsteller und Journalisten und – nicht zu vergessen – die Kellner und Gastwirte, die eine ganz eigene Lebens- und Geistesart personifizierten.

Dies seien Käuze und Originale, so meinte Torberg (1908 – 1979), wie sie speziell diese Mischung aus k.u.k. Monarchie und jüdischem Bürgertum hervorbracht habe: Ausgestattet mit einem Witz, der mehr vom gesprochenen Wort denn vom geschriebenen Wort lebte, ein Witz, dem die Nationalsozialisten den Garaus machten. Nach dem „Anschluss“ ans Reich starb auch die österreichische Kaffeehausliteratur, ihre berühmtesten Vertreter wurden vertrieben, verjagt, ermordet.

Die Geschichten entführen den Leser an die Stammtische in Wien, Prag und Budapest, nehmen in mit zur Sommerfrische („Was die Natur betrifft, genügt mir der Schnittlauch auf der Suppe“), in die Redaktion des berühmten Prager Tagblatts, später aber führen sie auch in das Exil, wo sich die Versprengten unter anderem in der „Festung Europa“, einem Treffpunkt im Emigrantenviertel Hollywoods, sehen.

Kurz nach Erscheinen des Buches schrieb Dieter Hildebrandt darüber in der „Zeit“ unter dem Titel „Erinnerungsbrunnen auf Flaschen gefüllt“: 

„Torberg ist, wie Karl Kraus, „einer von den Epigonen, die in dem alten Haus der Sprache wohnen“, und was er mit der „Tante Jolesch“ und uns unternimmt, ist eine Wanderung durch dieses alte Haus der Sprache, eine ebenso einladende wie distanzierende Begehung, bei der Türen aufgemacht werden in Trauer und Respekt. Dies alte Haus ist aber bei Torberg kein linguistisches Abstraktum, keine ungewöhnliche Metapher; es liegt irgendwo in Kakanien, in einem Altösterreich, das immer weit über dessen Horizont ging, in einer Landschaft, in der, bei aller Sprachvielfalt, ein geniales gemeinsames Idiom sich ausgebildet hatte: die dialektische Weisheit der Juden, alttestamentarische Pointiertheit. Daß diese Sprache nicht nur das Privileg der Großen, der Vorzug der Schreiber – eines Kraus, eines Joseph Roth, eines Molnar –, sondern daß sie überall zu Haus war, auch bei Tante Jolesch und den ihren, an Kartentischen und in Wirtshäusern, in Redaktionszimmern und auf der Straße, will Torberg uns lehren. Daß dieses alte Haus nun leer steht, zeigt er uns mit einer Strenge, die eigentlich den Spaß nicht recht verstehen will, den der Anekdotenerzähler doch auch wieder gern herbeiführt.“ 

Und so ist also  „Die Tante Jolesch“ ein Buch der Wehmut, aber auch ein Buch, das mich jedes Mal, wenn ich darin schmökere, zum Schmunzeln oder gar zum Lachen bringt. Für literarisch Interessierte ist es zudem eine herrliche Fundgrube – unter anderem setzt Friedrich Torberg all den namhaften Schriftstellern seiner Zeit ein anekdotenhaftes Denkmal: Egon Friedell, Karl Kraus, Peter Altenberg, Anton Kuh, Joseph Roth, Alfred Polgar, Egon Erwin Kisch, Karl Tschuppig und viele andere geben sich hier die Kaffeehausklinke förmlich in die Hand – so sehr, dass Hildebrandt schrieb:

„Nur manchmal hat der Leser das Gefühl, daß er, wie das Abendland, in Anekdoten untergeht.“

Doch der Geschichtenerzähler Torberg hatte und hätte noch mehr auf Lager gehabt – auf die Tante folgte ein weiterer Jolesch-Band sowie „Tante Jolesch und ihre Enkel“, das von ihm aber nicht mehr vollendet werden konnte.

Als ich mit einem Kompagnon diesen Blog gründete, da hatten wir seinerzeit eine Art literarisches Kaffeehaus im Sinn – doch, ich glaube, das ist wie mit der Natur: Der Schnittlauch auf der Suppe schmeckt nur im echten Kaffeehaus richtig gut.

Und die Zeit der großen Kaffeehausliteraten: Sie ist vorbei. Grausam beendet. Friedrich Torberg zieht in seinem Vorwort diesen Schluss:

„Dies ist – ich sag`s zum Abschluß noch einmal – ein Buch der Wehmut. Vielleicht hätte ich ein Buch der Trauer schreiben sollen, aber die möchte ich doch lieber mit mir allein abmachen. Wehmut kann lächeln, Trauer kann es nicht. Und Lächeln ist das Erbteil meines Stammes.“

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