Vorstadthöllen bei Cheever, Yates und Wilson

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In der amerikanischen Literatur der 1950-er bis 1970-er Jahre finden sich einige großartige Romane über ein ganz spezielles Biotop: Über Die mittelständischen (und natürlich ausschließlich „weißen“) suburbs. Selten wurde die Vorhölle der Vorstadt und ihre spezielle Einwohnerschaft so klarsichtig, unnachgiebig und auch zynisch geschildert wie in einigen Romanen der großen amerikanischen Autoren dieser Zeit – Richard Yates vorneweg, aber auch John Cheever, John Updike und Sloan Wilson.

Das Suburbia-Leben scheint sich in diesen Büchern nur alkoholisiert ertragen zu lassen: Der Ehemann gehört zur Spezies Pendler, der mittags mit den Kollegen (oder der Geliebten in der Stadt, oft eine Sekretärin aus der Firma) gerne schon die ersten Drinks kippt. Derweil verabschiedet sich die Gattin, langsam resignierend, von eigenen Lebensentwürfen und ertränkt im Kreise ihrer Leidensgenossinnen die Langeweile in Cocktails. Auch die gemeinsamen Stunden am Abend sind nur promillegeschwängert zu ertragen. So sind die Vorstadtromane oftmals auch Psychogramme junger Ehepaare auf dem Weg hin zu einer eheimmanenten Altersgereiztheit – wenn der Tod sie nicht schon vorher scheidet. Liebe, die kurz und manchmal schmerzhaft erstickt wird von den Konventionen der Vorstadtgesellschaft.

Beispiel eins: Betsy und Tom Rath. Ihr Schöpfer: Sloan Wilson, „Der Mann im grauen Flanell“, 1955.

Wie seltsam sind doch Erinnerungen, dachte er. Die arme Betsy, sie hätte einen mit Geld heiraten können, einen, der sie heute jeden Winter nach Florida bringen könnte, einen ohne alle Sorgen, der lächeln würde und fröhlich wäre, während die Köchin das Abendessen machte und das Serviermädchen es auftrug und Betsy lächelnd dasaß.

Wie ist es heute gelaufen? fragte Betsy, als sie ihn am Abend vom Bahnhof abholte.
Gut, sagte Tom, wie er es immer sagte. Es hat keinen Zweck, den Ärger mit nach Hause zu nehmen, hat jemand mal gesagt. Man soll ihn im Büro lassen.

Zur Buchbesprechung: „Der Mann im grauen Flanell“

Tom und Betsy Rath kommen, so viel sei hier verraten, nochmals davon. Das junge Paar hat zwar ein nicht geringes Päckchen zu tragen – doch was hier letztlich den Kitt zusammenhält, ist gegenseitiges Verständnis und das Wissen, dass es Dinge gibt, die mehr zählen als Vorstadthaus, Vorstadtauto, Vorstadtaktivitäten. Ein Band zwischen den Beiden, das tragfähig ist – und das sie von dem nächsten Vorstadtpaar wesentlich unterscheidet.

Beispiel 2: Frank und April. Die tragischen Helden aus „Zeiten des Aufruhrs“ von Richard Yates, 1961.

Zwei Jahre zuvor hatten sie diese Strecke, als zustimmend nickende Beifahrer im Kombi von Mrs. Helen Givings, einer Immobilienmaklerin, zum ersten Mal zurückgelegt. Am Telefon war Mrs. Givings höflich, aber zurückhaltend gewesen – oft genug kamen Leute aus der Stadt hier heraus und verschwendeten die Zeit der Maklerin damit, dass sie unakzeptable Kaufbedingungen aushandeln wollten -, doch schon von dem Augenblick an, als die Wheelers aus dem Zug gestiegen waren, hatte Mrs. Givings, wie sie später ihrem Mann erzählte, in den beiden ein Paar erkannt, mit dem es, trotz der niedrigen Preiskategorie, nur wenig Probleme geben würde.

So kann man sich täuschen – denn das Haus in der Revolutionary Road (so der Originaltitel des Romans) bringt dem Paar kein Glück. Nur anfangs scheinen April und Frank voller Ambitionen und Hoffnungen, voller Liebe und Zuneigung. Doch die Vorstadt kriegt sie alle: Es gibt keine Revolution in der Straße der Revolution. Es ist der falsche Ort, es ist das  falsche Leben. Während Frank sich zunächst bei seinem Job langweilt, hofft April immer noch, dass die einstmaligen Träume von der Bühne wahr werden könnten. Doch das Leben läuft anders: Frank beginnt die übliche Karriere und April verblüht in der Vorstadt. Ein letztes Aufbäumen ist der Plan, nach Frankreich auszuwandern. Während April noch an Aus- und Aufbruch glaubt, entpuppt sich Frank als Blender. Seine hochfliegenden Träume von einer kreativen Karriere verpuffen, er gibt sich – weil er sich seine eigenen kleinen Freiheiten herausnehmen kann – gerne mit dem kleinen Leben in der kleinen Stadt zufrieden. April jedoch bezahlt dafür einen hohen Preis. Ein Roman, der sich flüssig liest, der seine vielen inhaltlichen Ebenen bei wiederholten Lektüren nach und nach offenbart. Eine ähnliche Ehebeschreibung und Analyse gescheiterter Träume schrieb Yates auch mit „Young hearts crying“.

Zur Buchbesprechung hier: Young hearts crying

Beispiel 3: Eliot und Paul. Die psychopathischen Herren in „Die Lichter von Bullet Park“, John Cheever, 1969

Wer meint, hinter- und untergründiger ließe sich Vorstadt-Tristesse nicht beschreiben, der täuscht. Das giftigste, böseste Buch zum Thema stammt in dieser Reihe von John Cheever: „Die Lichter von Bullet Park“, 1969 erschienen. Was in dieser fiktiven, aber wirklichkeitsnahen Vorhölle von denen, die sich hier ansiedeln wollen, erwartet wird, das wird schon beim Hausverkaufsgespräch ganz klar. Besuch Nummer drei:

Im Ort gibt es vier Kirchen. Vom Gorey Brook Country Club haben Sie wahrscheinlich schon gehört. Dort gibt es einen herrlichen, von Pete Ellison entworfenen Achtzehn-Loch-Golfplatz, vier regenfeste Tennisplätze und ein Schwimmbad. Hoffentlich sind Sie kein Jude. Da gelten hier nämlich strenge Prinzipien. Ich selbst habe keinen Pool und empfinde das, ehrlich gesagt, als Manko. Wenn sich die anderen über Chemikalien und so weiter unterhalten, ist man vom Gespräch ausgeschlossen.

Cheever, der auch mal gerne als „Tschechow Amerikas“ oder „Chechov of Suburbia“ bezeichnet wird, erzählt hier mit einem gnadenlosen Blick auf die Mittelschicht. Nichts ist und bleibt dabei so „herrlich, herrlich, herrlich, herrlich wie früher“, um den allerletzten, bösen Satz dieses Buches zu zitieren.

Im Roman wird der Blick auf zwei Familien geworfen: Zunächst steht der unauffällige Marketingangestellte Nailles im Fokus. Die blendende Fassade kann er jedoch nur noch mit Medikamenten aufrechterhalten. Eliot Nailles trifft auf seinen neuen Nachbarn Paul Hammer, dem der zweite Teil des Buches gewidmet ist. Ein Alkoholiker, der mit dem psychopathischen Plan, Nailles zu töten, nach Bullet Park gezogen ist. Die Verbindung der beiden Männer, die selber nur Opfer dieser Hölle der Vorgärten sind, erschließt sich erst im Laufe des Buchs. Doch eines wird schnell klar: In diesem Biotop bigotter, judenfeindlicher, schwulenhassender Vorstadtscheinheiliger braucht man so oder so alle Geisteskräfte, um nicht den Verstand zu verlieren.

Was geschieht, wenn man in älteren Jahren in die Kleinstadt seiner Jugend zurückkehrt, das beschrieb John Cheever in seinem letzten, wunderbar ironischen Roman: „Ach dieses Paradies“.
Zur Besprechung: Ach, dieses Paradies

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Richard Yates: Eine letzte Liebschaft

Yates

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„Betty“, sagte Miller. „Tust du mir einen Gefallen?“ Er beobachtete, wie sich ihr Stirnrunzeln im Licht der vorbeigleitenden Straßenlaterne in einen gekränkten Blick verwandelte. „Halt den Mund. Halt bitte einfach den Mund.“

Richard Yates, „Eine letzte Liebschaft. Short Storys“, Deutsche Verlags-Anstalt, 2016.

Eins und doppelt möchte man sein. Die romantische Idee des Ineinander-Verschmelzens, die regelmäßig an den Klippen des Alltags zerschellt. Einer, der gerade dieses mit wenigen, knappen Sätzen beschrieb, war Richard Yates. Schon in seinem bekanntesten Roman „Revolutionary Road“ gibt es sie, diese Szenen einer Ehe – da liegt so viel Unausgesprochenes zwischen dem Paar, soviel ungelebte Möglichkeiten, soviel unerfüllte Wünsche.

Den bitteren Geschmack der Enttäuschung – ihn transportierte der amerikanische Schriftsteller (1926 – 1992) auch in seinen letzten Erzählungen, neun short storys, die zu Lebzeiten nie veröffentlicht wurden und nun erstmals in deutscher Übersetzung erschienen sind.

In eine „Eine letzte Liebschaft“ – übrigens ist ausgerechnet die titelgebende Erzählung, in der Yates ausnahmsweise aus der Perspektive einer Frau schreibt, das schwächste Stück dieses Erzählbandes – sind Geschichten versammelt, die um Missverständnisse kreisen, um Vorverurteilungen, um falsche Träume. Der Buchhalter, der an dem Tag, an dem er von seiner Frau verlassen wird, auch feststellen muss, dass andere ihm mit Ablehnung begegnen, wird radikal von allen Selbsttäuschungen befreit. Eine Ehefrau, die auf einer Party gerne Heldengeschichten ihres Mannes aus dem Weltkrieg hören würde – doch dieser schweigt aus guten Gründen. Ein Tuberkulosekranker, der sich in die falsche Frau verliebt und abserviert wird – ihr Brief ersetzt das, was heute wohl in einer SMS beinhaltet wäre.

Richard Yates erzählte in seinen Stories wie in den Romanen von zerbrochenen Träumen und einsamen Seelen. Er benötigte keine ausführlichen psychologischen Schilderungen – die Erzählungen sind kurz, knapp, mit wenigen Worten, einzelnen Szenen wird das Dilemma des Vereinzelten angerissen und beleuchtet. Oder, wie Manuela Reichart in einem Beitrag beim Deutschlandradio Kultur betont: Yates, einer der sie malte, „solche literarischen Augenblicke, die wie in einem Brennglas Menschen und ihre Versehrt­heiten deutlich machen.“

Yates, ein Meister der Zwischentöne, dessen Texte sich immer wieder um die Fragilität des Lebens drehen, der sich den Außenseitern, den Verlassenen, den Einsamen zuwendet. Und doch: So hoffnungslos deren Lage auch zu sein scheint, so öde, trist und langweilig ihr Alltag ist, alle klammern sich mit einem letzten Rest verzweifelter Hoffnung an die dünnen, abgewetzten Fäden, mit denen sie noch lose mit ihrem gesellschaftlichen Umfeld verbunden sind. Das angestrengte Aufrechterhalten bröckelnder Fassaden, das Bewahren eines letzten Restes von Würde, die niemals endende Hoffnung auf ein Stück vom Glück – das ist es, was Yates` Figuren am Leben hält. Ganz typisch sind dafür die dahinsiechenden Kriegsveteranen, die von einem vergangenen Leben und ihren „Heldentaten“ erzählen: Diebeszügen, Besäufnissen, Liebschaften, Ehebruch. Oder Betty Meyers, die Navy-Ehefrau, die sich aus Langeweile und Frustration einem Aufreißer hingibt.

Die anrührendste der neun Erzählungen stellt jedoch ein Kind in den Mittelpunkt: Die kleine Eileen. Sie findet 50 Cents, malt sich aus, was sie sich mit diesem persönlichen Besitz an Wünschen erfüllen könnte – und wird prompt von den Erwachsenen des Diebstahls bezichtigt. Hier zeigt Yates eine seiner hervorragenden Eigenschaften als Autor: Die Wärme, das Mitgefühl, das er für seine Figuren, die Schwachen und Verletzten, aufbrachte.So schreiben kann einer nur, der selbst oft genug schwach und verletzt war – und weiß, wie Einsamkeit klingt:

„Pollock war jetzt ganz von dem Gefühl beherrscht, erschreckend allein zu sein, aller Sicherheit beraubt; ihn überkam die Angst, die ein Kind ergreift, das in einer Menschenmenge verloren geht.“

Verlagsinformationen zum Buch:
https://www.randomhouse.de/Buch/Eine-letzte-Liebschaft/Richard-Yates/DVA-Belletristik/e431496.rhd

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Richard Yates: Eine strahlende Zukunft

Yates

Bild: (c) Michael Flötotto

„Scheiß auf die Kunst“, sagte sie. „Das meine ich ernst, Michael. Scheiß auf die Kunst, okay? Ist es nicht witzig, daß wir ihr ein Leben lang nachgejagt sind? Daß wir unbedingt all denen nahestehen wollten, die sie zu begreifen schienen, als könnte uns das weiterhelfen; daß wir nie aufhörten, uns zu fragen, ob sie nicht hoffnungslos unseren Horizont übersteigt – oder vielleicht gar nicht existiert? Denn das ist eine interessante These für dich: Was, wenn sie nicht existiert?“

Richard Yates, „Eine strahlende Zukunft“, 2014.

Gäbe es die Kunst nicht, müsste Michael Davenport sich eine Kugel durch den Kopf jagen – dies ist es auch, was er, der Dichter ohne Ruhm und Anerkennung seiner Ex-Frau Lucy bei diesem Treffen, rund dreißig Jahre nach ihrer ersten Begegnung, antwortet. „Eine strahlende Zukunft“ (1984 unter dem Titel „Young hearts crying“ erschienen – was in mir erneut die Frage aufwirft, warum der DVA-Verlag, der das Gesamtwerk Richard Yates herausgibt, zwar für hervorragende Übersetzungen sorgt, aber die Romantitel verkitscht) gilt als eines der schwächeren Werke des amerikanischen Romanciers. Auch Yates-Biograph Rainer Moritz bemängelt in „Der fatale Glaube an das Glück“ gewisse Schwächen, Längen, ermüdende Dialogszenen und eine weniger gelungene psychologische Zeichnung der Hauptfigur. Ganz klarer Widerspruch meinerseits und damit in guter Gesellschaft von Shortlists.com:
http://shortlist.com/entertainment/books/10-underrated-novels-from-great-authors

„Frankly, we’re spoilt for choice when it comes to Richard Yates. Sadly overlooked during his life, it was only years after his death that he was finally given the appreciation he truly deserved. While it doesn’t have the devastating emotional impact of Revolutionary Road, Young Hearts Crying makes an excellent companion piece, telling the story of a similarly hopeful couple who fall apart over the years. Wonderfully prescient in its depiction of hipster culture all the way through to its forward-thinking take on divorce, it’s still a horribly well-observed look at how difficult maintaining one’s own dreams can be when in the constraints of a couple. Bitter at times sure but realistic to the end.“

Ob in „Eine besondere Vorsehung“ oder „Eine gute Schule“ oder in seinen Erzählungen: Immer wieder arbeitet Richard Yates (1926-1992)  in seinem Schreiben die Traumata seines Lebens auf. Die Künstlerin-Mutter, die keinen Halt geben konnte, weil sie selbst haltlos war. Die gescheiterten Beziehungen. Die – nach kurzem Ruhm – mangelnde Anerkennung als Schriftsteller. Die Psychiatrieerfahrung, der Alkoholismus, die Armut, die Isolation. Unter all diesen Büchern halte ich „Young hearts crying“ für sein persönlichstes Werk, für eine Art Bestandsaufnahme gegen Ende seines Lebens. Und trotzdem auch dieser Roman in vielfacher Weise ein Monument des Scheiterns ist – am Ende des Buches klingt etwas wie Hoffnung, wie Ruhe an, ein, zwei Sätze, die vielleicht auch zeigen, warum Richard Yates selbst durchhielt.

Die Schlussszene zeigt ihn nach dem Gespräch mit seiner Ex-Frau Lucy, er schlendert zu seinem Hotel, denkt an Sarah, seine zweite Ehefrau, an die Partnerschaft, die vielleicht am Zerbrechen ist:

Vielleicht würde sie kommen und mit ihm leben, vielleicht auch nicht; und es gab noch eine dritte, schreckliche Möglichkeit: Vielleicht würde sie kommen, im Geiste zögerlicher Willfährigkeit nur ein Weilchen bleiben und darauf warten, dass ihr gesunder Menschenverstand sie befreite.

„…im Grunde ist jeder allein“, hatte sie gesagt, und er begann zu erkennen, dass darin viel Wahrheit steckte. Und außerdem: Jetzt, wo er älter war, wo er zu Hause war, spielte es vielleicht gar keine Rolle, wie die Geschichte am Ende ausging.

Tatsächlich sind die Liebesbeziehungen, die Ehegeschichten in diesem Roman – ebenso wie in seinem Pendant „Revolutionary Road“ (deutsch: „Zeiten des Aufruhrs“) – die Folien für eine zentralere Frage: Was ist, wenn der Lebenstraum, dem du nachhängst, zu groß für dich ist?

„Young hearts crying“ ist vor allem auch ein Künstlerroman und eine verhalten zynische, bittere Abrechnung mit dem Kunstbetrieb: Wie die zu Anerkennung gelangen, die die beste Anpassungsleistung erbringen, der arrivierte Maler, der seit Jahren mit Erfolg ein Thema variiert, der gescheiterte Schauspieler, der zum richtigen Zeitpunkt die Exploitation-Welle ausnutzt, um an Geld und eine jüngere Ehefrau zu kommen, die Tochter aus reichem Hause, die sich aneinander folgend in Schauspiel, Schreiben, Malen versucht. Letzteres ist Lucy, die Exfrau, deren künstlerische Gehversuche Yates mit Humor, aber auch viel Wärme und Respekt nachzeichnet. In ihrem Abendschreibkurs wird eine ihrer Erzählung so charakterisiert: Geschmackvoll, gut gezeichnet, Sätze mit Würde. Wie Lucy letztlich anerkennt, dass ihr Talent für nichts im Kunstbetrieb ausreicht – das tut sie mit Würde, wenn auch ein großer Rest an Traurigkeit verbleibt.

Etwas, das Michael, der von Beginn an mit mehr Wut und Eigenzorn ausgestattet ist,  aber auch mit mehr Talent, sich erst erarbeiten muss – mit der Wut, mit der Trauer aufgrund des Scheiterns, mit der Schwierigkeit, zu sich zu kommen, mit all dem zurecht zu kommen.

„Mit dreiundzwanzig hatte Michael Davenport gelernt, seiner eigenen Skepsis zu trauen.“

So wird der Dichter mit dem ersten Satz vorgestellt. Im Folgenden bewegt sich Michael durch diesen Roman, als habe er ständig die falschen Kleider an (auch an den anderen Künstlern bemerkt Michael im wörtlichen Sinne diese falschen Kleider, die aufgesetzt wirkenden abgetragenen Army-Klamotten, der Wandel vom abgerissenen Maler hin zum Khakihosen tragenden College-Dozenten). Das Leben, die Dichtung wird zum Ringen um „Authenzität“. Dies geht so weit, daß er es ablehnt, vom riesigen Vermögen seiner ersten Frau Lucy zu leben, sondern einen Gebrauchstexter-Job annimmt: Weniger aus einem Gefühl „männlicher Würde“ heraus, den Lebensunterhalt verdienen zu müssen, denn aus der Vorstellung, ein Leben in Wohlstand und der damit erkauften Freiheit sei falsch für sein Werk.

Dieses Ringen um Wahrhaftigkeit führt letztendlich zum Bruch der Ehe. Der Bruch der Ehe zum Verlust einiger angenommener Lebensvorstellungen. Der Verlust wiederum zum Bruch in Michaels Persönlichkeit. Wie Richard Yates selbst lässt er seinen Protagonisten Davenport mit einer unbezeichneten Diagnose in das New Yorker Bellevue einliefern. Für Yates war dies an sich die traumatische Lebenserfahrung. Eine ungefähre Ahnung vom Zustand der Psychiatrie dieser Jahrzehnte erhält man auch durch „Einer flog über das Kuckucksnest“ von Ken Kesey. Für einen Menschen in seiner psychischen Verletzlichkeit brachte diese Art der „Behandlung“ keine Heilung, sondern oftmals erst den unheilbaren Zusammenbruch.

„Und nachdem ich aus dem Bellevue raus war“, sagte er, „hatte ich ständig Angst. Angst, um Straßenecken zu biegen. Es gab keine Schlangen mehr, aber die Angst vor der Flak wollte nicht aufhören. (…) Aber der zentrale Gedanke, verstehst du, ist die Untrennbarkeit von Angst und Wahnsinn. Angst haben macht dich verrückt; Verrücktwerden macht dir Angst.“

Auch Yates versuchte, sein Leben lang mit dieser Angst zurechtzukommen, die Scherben zusammenzuhalten. Obwohl ihm die öffentliche Anerkennung versagt blieb, schrieb er einen Roman nach dem anderen, die zum Besten gehören, was die moderne amerikanische Literatur zu bieten hat.

„Die Arbeit mochte nicht alles sein, was es auf der Welt gab, doch sie war das Einzige, worauf Michael Davenport sich verlassen konnte. Wenn er sie jetzt schleifen, seine Gedanken je davon wegdriften ließ, dann konnte es zu einem dritten Schub kommen – und der konnte ihn, hier in New York, durchaus wieder ins Bellevue bringen.“

Das Schreiben, so formuliert es Rainer Moritz, war Richard Yates` Waffe gegen den Untergang.

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Lucia Berlin: Was ich sonst noch verpasst habe

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Bild: (c) Michael Flötotto

„Mein Leben begann ruhig, ich wohnte in Bergbaustädten und zog zu oft um, um Freunde zu haben. Ich suchte mir einen Baum oder einen Platz in einem alten verlassenen Hüttenwerk und saß in der Stille. Meine Mutter las normalerweise oder schlief, und so sprach ich meistens mit meinem Vater. Sobald er zur Tür hereinkam oder wenn er mich in die Berge und ins tiefe Dunkel der Minen mitnahm, redete ich ununterbrochen. Dann ging er ins Ausland, und wir lebten in El Paso, Texas, wo ich die Vilas-Schule besuchte. In der dritten Klasse konnte ich gut lesen, hatte aber vom Addieren keine Ahnung. Ein schweres Korsett auf meinem Rücken. Ich war hochgewachsen, aber immer noch wie ein Kind. Ein Wechselbalg in dieser Stadt, als hätten mich Bergziegen in den Wäldern aufgezogen.“

Aus der Erzählung „Stille“, Lucia Berlin, „Was ich sonst noch verpasst habe“, Arche Literatur Verlag, 2016.

Ein Wechselbalg, eine Außenseiterin, von Kindheit an unterprivilegiert, niemals dazugehörend. Stille, Einsamkeit, Melancholie als Erbe. Sie dringen durch jede dieser Erzählungen. Zugleich aber auch eine Sprödigkeit, eine Lakonie, trockene Humorsicht auf die Welt, das Streben der Ehrgeizigen nach einem Quäntchen mehr an Glück leise belächelnd. Lucia Berlin erzählt von jenen – meist Frauen – die sich dennoch behaupten, im alltäglichen Elend ihre Würde bewahren, den Lebenswillen auch. Sie erzählt von unterbezahlten Krankenschwestern, ausgebeuteten Putzfrauen, illegalen Einwanderinnen, Suchtkranken in der Reha, Alkoholikerinnen im wiederholten Entzug, von den Underdogs, die sich in Waschsalons, auf der Straße, auf der Flucht treffen – und sie erzählt immer auch von sich selbst, an ihrer eigenen Biographie entlang.

Die Frauen, von denen sie erzählt, das sind trotz ihrer Schwächen, ihrer Demütigungen und Verletzungen jedoch keine Gebrochenen – es sind die dunklen Königinnen der Selbstbehauptung. Ein Abbild dieser Schriftstellerin vielleicht, die in einem Brief an einen Freund über sich selber schrieb: „Keine Gefühle zeigen. Nicht weinen. Lass niemanden an dich ran.“ Nicht gerade das Heilsrezept, das die moderne Psychotherapie Menschen mit einer Biographie ähnlich derer der amerikanischen Autorin (1936 – 2004) verordnen würde – Sprechen lautet da die Diagnoseempfehlung. Manches ist jedoch vielleicht einfach auch unsagbar. Und nur durch die Verwandlung in Literatur findet es seinen Ausdruck – so stelle ich mir das Schreiben der Lucia Berlin vor, für die vielleicht (das ist meine Spekulation) das Verfassen von Texten der einzige Ruhepol in einem unruhigen Leben war, die einzige Möglichkeit, Schläge abzuwehren, Verletzungen zu heilen.

Ein Blick auf die Biographie: In Alaska geboren, der Vater Bergbauingenieur, der beruflich bedingt ein unstetes Leben führen muss, die Mutter eine Trinkerin. Im Alter von zehn Jahren erkrankt Lucia Berlin in Chile an Skoliose, der Vater verlässt die Familie, die bei den Großeltern unterkommt. Großvater und Onkel sind ebenfalls Trinker, wie in zwei Erzählungen angedeutet ist, wird Lucia Berlin zudem Opfer sexuellen Missbrauchs durch den Großvater. Sie selbst kämpft später ihr Leben lang gegen den Alkoholismus an, heiratet Männer, die selbst am Abstürzen sind, erzieht ihre vier Söhne größtenteils alleine, wechselt häufig die Wohnorte. Und ist daneben noch, vor allem in den 1960er bis 1980er Jahren literarisch überaus produktiv – wenn auch öffentlich kaum beachtet.

„Lucia Berlin“, so heißt es in einer wunderbaren Annäherung an die Schriftstellerin durch Mara Delius in der „Welt“, „blieb so unbekannt, dass sie noch nicht einmal vergessen werden konnte, als sie gestorben war.“ Tatsächlich gelangt die amerikanische Autorin erst jetzt, eine Dekade nach ihrem Tod, zu einer Art literarischen Berühmtheit. Als 2015 die Erzählungen unter dem Titel „A  Manual for Cleaning Women“ erschienen, wurde diese Wiederentdeckung zu einer literarischen Sensation. Und auch im deutschen Sprachraum  bekommt Lucia Berlin nun die Aufmerksamkeit, die ihr – und davon bin ich fest überzeugt – gebührt. Der Arche Verlag brachte die Erzählungen Anfang 2016 unter dem Titel „Was ich sonst noch verpasst habe“ heraus, wunderbar übersetzt von Antje Rávic Strubel.

Diese zeigt sich in ihrem Vorwort begeistert von der Amerikanerin – eine Begeisterung, die ich nur teilen kann:

„Mit ihrer unbehauenen Sprache, ihren ungeschönten Schilderungen und komplexen Figurenporträts, durchwoben von abgründigem Witz, hat Lucia Berlin allerdings ein unverkennbar eigenes, einzigartiges literarisches Universum geschaffen. Diese Autorin schaut dorthin, wo es wehtut. Den Schmerz fängt sie in einem dunklen Lachen auf.“

Das dunkle Lachen, das vom Schmerz in jeder Freude weiß – es klingt durch viele dieser Erzählungen, die sind wie „Tigerbisse“ – so lautet der Titel einer Erzählung über eine geplante Abtreibung in Mexiko:

„Und da war sie, Bella Lynn! Auf dem Parkplatz des Betriebsbahnhofs. Stand aufrecht winkend in einem taubenblauen Cadillac-Cabrio, in fransenbesetzten wildledernen Cowgirl-Klamotten. Sie war bestimmt die schönste Frau in West-Texas und hatte tausend Schönheitswettbewerbe gewonnen. Langes hellblondes Haar und goldbraune Augen. Ihr Lächeln, nein, es war ihr Lachen, ein dunkles, tiefes, wasserfallartiges Lachen, das Freude verströmte, das vom Schmerz in jeder Freude wusste und sich darüber lustig machte.“

Schon in etlichen Feuilletons besprochen, ist Lucia Berlin jedoch wohl immer noch so etwas wie ein Geheimtipp – vielleicht wird sich das jedoch mit dem nächsten „Literarischen Quartett“, das am 24. Juni ausgestrahlt wird, ändern. Anschauen werde ich mir das jedoch nicht: Wird Maxim Biller die Erzählungen loben, werde ich mich grämen. Wird er sie hämisch verreißen, gräme ich mich ebenfalls. Mehr Aufmerksamkeit muss man Herrn Biller nicht geben, Lucia Berlin dagegen schon – ich meide sonst solche Superlative, doch hier und in diesem Zusammenhang ist das angemessen: Für mich sind diese Erzählungen das Beste, was ich in diesem Jahr und in der vergangenen Zeit aus der amerikanischen Literatur gelesen habe.

Man nehme die Stories von Carver, Cheever und Yates, gebe ihnen einen weiblichen Blick auf das Amerika der 1970er- bis 1980er Jahre, verdunkle sie, intensiviere sie, mache sie noch vollkommener, kristallklarer, diamantenhart – und dann stößt man auf die Essenz der Lucia Berlin. Doch anders als die erwähnten erzählenden Männer lässt sich Lucia Berlin ihren Blick auf die Welt nicht durch abgeklärten Zynismus verstellen – anders als sie überrascht sie auch in den dunkelsten Ecken ihres erzählerischen Daseins durch Freude.

Ihr Herausgeber und enger Freund Stephen Emerson sagt über ihre Art des Erzählens:

„Freude ist ein wesentliches Element in ihrem Werk. Ein seltenes Gut, das man nicht so oft findet. Balzac, Isaac Babel, García Márquez fallen einem ein. Eine Prosa, die so tief in die Welt hineingreift wie die Lucia Berlins, feiert sie. Ihr Werk ist von einer Freude durchdrungen, die von dieser Welt abstrahlt.“

Lesen! Und über die Wiederentdeckung dieser Autorin freuen!

Read Lucia: http://www.luciaberlin.com/

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Richard Yates: Cold Spring Harbor

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Bild: (c) Michael Flötotto

„Filme waren wunderbar, denn sie holten einen in eine andere Welt und gaben einem zugleich das Gefühl, vollständig zu sein. In der Realität konnte einen alles auf Schritt und Tritt daran erinnern, dass das eigene Leben verknäuelt und gefährlich unvollständig war, der Schrecken stets kurz davor, von einem Begriff zu ergreifen, doch in der kühlen, wohlriechenden Dunkelheit des Kinos verschwand diese Wahrnehmung fast immer, und sei es auch nur für ein Weilchen.“

„Cold Spring Harbor“, Richard Yates, 1986, DVA Verlag 2015

Es gibt Schriftsteller, die umkreisen in ihren Werken immer wieder dieselben Themen. Und dennoch wird man ihrer nicht überdrüssig. Ganz vorne auf dieser Liste steht für mich Richard Yates. Seine Bücher sind Variationen seiner Lebensthemen: Übermächtige, meist psychisch angeschlagene Mütter, zerrüttete Ehen, traumatisierte Kinder. Gescheiterte Lebensentwürfe, verlorene Illusionen, vernichtete Träume. Zerbrochene Seelen, Abstürze in Alkohol, Landung in der Psychiatrie.

Den Trost des Kinos – vollständig zu sein und werden zu können – den bietet er einem in seinen Büchern nicht. Yates, Chronist der amerikanischen Mittelschicht, der „kleinen Leute“ mit großen Ambitionen, ist ein gnadenloser Realist. Er erzählt vom Scheitern – manchmal, so wie in „Zeiten des Aufruhrs“, enden Lebenslügen dramatisch-tödlich, manchmal, so wie in „Cold Spring Harbor“, liegt der Schrecken „nur“ in den Banalitäten des Alltags.

„Cold Spring Harbor“ ist der letzte Roman, den Yates, schon schwer von seiner Alkoholsucht gezeichnet und von psychischen und finanziellen Problemen erdrückt, vollbringen konnte (die tragische Vita findet sich hier). Gewidmet ist er seinem Freund Kurt Vonnegut – einer der vielen Bewunderer der Yateschen Prosa. Der Roman liegt nun auch in deutscher Übersetzung beim DVA Verlag, der das Gesamtwerk auf Deutsch herausbringt, vor. Yates-Biograph Rainer Moritz bezeichnet in „Der fatale Glaube an das Glück“ (DVA Verlag, 2012) das Buch als eines der besten Werke des amerikanischen Schriftstellers. Es fällt mir schwer, diese Unterscheidung zu treffen – es ist ein sehr gutes unter den übrigen der sehr guten Büchern von Yates, das – auch in der Übersetzung von Thomas Gunkel – durch diese typische verhaltene Mischung aus Realismus und Resignation, Melancholie und Ironie besticht. Allerdings: So gnadenlos wie in diesem vorletzten Roman (Yates ließ bei seinem Tod ein umfangreicheres Manuskript zurück, an dem er gearbeitet hatte) geht er mit seinen Figuren selten um.

„Cold Spring Harbor ist bewusst kein Roman, der Mühe darauf verschwendet, seine Protagonisten mit Sympathiewerten auszustatten“, bemerkt dazu Rainer Moritz.

Im Mittelpunkt stehen der pensionierte Militär Charles Shepard (seine alkoholsüchtige und psychisch kranke Frau Grace kommt fast nur schemenhaft vor) und dessen etwas hohlköpfiger Sohn Evan, der allenfalls durch seine äußerliche Attraktivität hervorsticht:

„Dem Jungen mochte einst eine kriminelle Karriere gedroht haben, doch der erwachsene Mann war von reiner Trägheit befallen. Obendrein wurde er unübersehbar immer attraktiver – die Mädchen waren ihm überall verblüffte Blicke voller Hilflosigkeit zu -, und das Witzige daran war: Für jemanden, der so blendend aussah, schien es nicht richtig, so wenig im Kopf zu haben.“

Die beiden Männer lernen durch Zufall die einsame Gloria und deren Kinder Rachel und Phil kennen.

Nicht weniger böse als Evans` Charakterisierung ist die Beschreibung von Gloria bei einem Treffen mit Charles, der ihr dabei gesteht, dass er nur mangelnde Sehkraft hat:

„Und so war es durchaus möglich, dass er ihre Falten an Hals und Gesicht und den Fettfleck, den eine heruntergefallene Wurstscheibe auf dem Oberteil des besten ihrer drei Kleider hinterlassen hatte, nicht sehen, dass er ihr Alter nicht einschätzen konnte und sich nicht fragen musste, wie er auf die unverhüllte Einsamkeit und Sehnsucht reagieren sollte, mit der sie ihn immer ansehen würde.“

Durch die Beziehung der beiden jungen Leute Rachel und Evans werden die Bande der beiden Familien ineinander verwoben. Gloria, die in der Ehe eine Chance zu gesellschaftlichem Aufstieg und einen Ausweg aus ihrer Einsamkeit sieht, kauft kurzerhand eine Bruchbude für sich und das junge Paar in Cold Spring Harbor, dem Wohnort der Shepards: Das Ende der Ehe ist damit bereits vorgezeichnet. Nichts Spektakuläres an Handlung also, sondern Geschichten, wie sie hier und dort, heute und gestern (der Roman ist in den 1940er-Jahren angesiedelt) spielen könnten.

Doch Richard Yates ist ein Meister darin, dieses alltägliche Scheitern zu sezieren. Er zeichnet oftmals ein Milieu zwischen Mittelschicht und Bohème, nur einen Schritt vom „white trash“ entfernt. Menschen, die dem amerikanischen Versprechen nach freier Lebensgestaltung nachjagen – und sowohl an den äußeren Bedingungen und den eigenen Unzulänglichkeiten scheitern.

In „Cold Spring Harbor“ macht er besonders deutlich, wie unerfüllte Lebensträume in Familien oftmals von Generation zu Generation weitergegeben werden. Väter sehen Söhne in ihren Fußstapfen. Töchtern werden die Träume der Mütter zu eng. So oder so – alles eine Schuhnummer zu groß. Gescheiterte Hoffnungen, die zur Bürde für die Nachkommen werden. Träume, für die auch kein Preis zu hoch erscheint:

„Nach dem Angriff auf Pearl Harbor war Charles Shepard tagelang krank vor Kummer. Er war noch nicht fünfzig; er wusste, wenn seine Augen nicht wären, würden sie ihn beim Militär wieder nehmen. (…) Evan war gesund und geschickt und kräftig: Er würde ein hervorragender Soldat sein und sich vermutlich für die Offiziersausbildung qualifizieren. Es war so gut wie unmöglich, dass er für diesen Krieg zu spät nach Übersee kam; und so könnte er als Lieutenant oder sogar als junger Captain dienen, um das Leben seines Vaters zu rechtfertigen.“

Familie – das ist bei Yates oft genug auch die ganz normale Hölle:

„Noch während Rachel redete und ihrer eigenen Stimme lauschte, wurde ihr allmählich klar, dass die Freude, die es einer erwachsenen Frau bereitete, ihre Mutter herabzusetzen, vielleicht etwas Universelles hatte.“

Auch wenn Yates in diesem Roman mit seinem Personal recht unsentimental umspringt, seine Schwächen messerscharf darstellt und weniger als sonst auch Mitgefühl und Wärme mitschwingen lässt – das Buch ist mitreißend, auch hochironisch, kein Wort zu viel. Yates, der Stilist, wusste, wie er sie zu setzen hatte.

Man schlägt es zu, auch ein wenig mitgenommen von den traurigen Lebensverschwendungen. Ein gutes Gegenmittel dann: Ab ins Kino, den neuen Bond oder ähnliches schauen, zur Erholung von der Realität.

Verlagsseite zum Buch hier.

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John O`Hara: Begegnung in Samarra

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Bild: (c) Michael Flötotto

„Solche Tage müßte es öfter geben, dachte er. Ohne den Kopf dabei zu drehen, schob er sich langsam in eine halb liegende, halb sitzende Stellung und griff nach der Schachtel Lucky Strike auf dem Tischbett zwischen seinem und Carolines Bett. Dabei blickte er in die Richtung von Carolines Bett. Konnte das wahr sein? Er sah noch einmal hin. Und er hatte sich nicht geirrt: Caroline hatte nicht in ihrem Bett geschlafen. In diesem Moment kam alles wieder in ihm hoch wie mit einem furchtbaren, alles erbeben lassenden Geräusch, als stünde er zu dicht vor einer großen Glocke, die plötzlich, ohne Vorwarnung, angeschlagen wurde. Seine Finger und sein Mund steckten eine Zigarette an; sie wußten, wie das geht. Er dachte gar nicht an eine Zigarette, denn mit dem Glockenlärm kamen die Katerstimmung und die Reue. Er brauchte einen Moment, aber schließlich erinnerte er sich an das Schlimmste, was er je getan hatte, und es war wahrscheinlich schlimm. Er erinnerte sich, Harry Reilly einen Drink ins Gesicht gekippt zu haben, mitten in sein feistes, billiges, ekelhaftes, irisches Gesicht. Und jetzt war also Weihnachten und Frieden auf Erden.“

John O`Hara, „Begegnung in Samarra“, 1934

Dieser Roman atmet das Amerika der goldenen 1920er und der 1930er-Jahre, als die USA aus ihrem goldenen Traum, von der Weltwirtschaftskrise gebeutelt, erwachten. Er ist lakonisch in Hemingwayscher Manier, bietet die Eleganz und Subtilität eines F. Scott Fitzgerald, den Zynismus einer Dorothy Parker (die den jungen Autoren maßgeblich förderte). Er ist ein Abbild der Hangover-Generation – jene, die noch an all dem festhielt, was sie schon längst verloren hatte.

Das Buch umfasst nur einige wenige Tage an Weihnachten 1930 – genügend, um Abstieg und Fall eines seiner Protagonisten, das Erwachsenwerden und die Desillusionierung einer Frau sowie das Scheitern einer Gangsterkarriere unterzubringen. Julian English (der Name steht für das etablierte, weiße Bürgertum in den USA, den „weißen Adel“) beginnt die Weihnachtstage mit einem Skandal: In einem der gehobenen Clubs der fiktiven Stadt Gibbsville kippt er, aus einem Impuls heraus, dem Iren Harry Reilly einen Drink in das Gesicht. Es ist eine Geste des Überdrusses, der Langeweile, der Lebensunlust – eine Geste mit Folgen.

Angewidert von seinem Leben, das vor allem aus Trinkgelagen in diversen Clubs und Kneipen besteht, abgelehnt von seinem dominanten Vater, nirgends dazugehörend. Materiell und vom öffentlichen Status her gehört dieser Antiheld nicht zu den Underdogs, mit denen er in seiner Kindheit wilde Bandenspiele trieb, und auch nicht zu den Gangstern, die in Zeiten der Prohibition die Stadt beherrschen. Innerlich fühlt er sich jedoch ebenso wenig zu den oberen „Zehn“(tausend beherbergt eine mittlere Gemeinde nicht) zugehörig. Das Leben des Julian English ist im Grunde eine leere Hülle und eine anstrengende, alle Energie kostende Farce. English ist zugleich weltfremd und lebensuntüchtig, hoffnungslos dem Alkohol verfallen. Die Weihnachtstage 1930 bringen kein letztes Aufbäumen, keinen Überlebenswillen, keine Entscheidung, das Leben zu einem Besseren zu wenden. Sie gleichen vielmehr dem Bild vom Kessel, der unter zu großem inneren Druck platzt – der ausgeschüttete Drink, die Debatten mit seiner Frau, die nachfolgenden Prügeleien und manische Autofahrten, sie pflastern den Weg zum letalen Ende.

Einzig die Ehe mit Caroline hält Julian English noch am Laufen – doch am Ende dieser Tage ist sie, die den Absturz mit ihm fast bis zum bitteren Ende aus Liebe (die O`Hara nicht erklärt, sondern subtil herausschält aus der Entwicklungsgeschichte Carolines heraus, aus deren Vorgeschichte und Liebeleien zu Männern vor ihrer Ehe mit Julian) teilt, müde. Sie zieht sich zurück, verlässt ihn, aus Zorn und Hilflosigkeit.

John Updike schreibt in seinem Nachwort zu diesem Roman:

„Bevor sich jedoch Caroline in einem letzten, lautstarken Streit voller Sarkasmen und verklausulierter Hilferufe von ihm entfremdet, teilt sie Julians furchtbaren, plötzlichen Absturz, und eine Reihe intimer Begegnungen zeigt die Zärtlichkeit, die hier verschleudert wird.“

Am Ende allein, gebrochen, zerstört, mischt sich Julian English einen letzten, überdimensionierten Monsterdrink in einer Blumenvase, torkelt durch sein Haus, setzt sich in die Garage und seinem Leben mit Auspuffgasen ein Ende. Obwohl John O` Hara sprachlich vor allem die letzten Seiten des Buches nüchtern bis kühl konzipiert hat, bleibt nach dem Ende des Romans ein mehr als großer Hauch von Melancholie und Trauer um diesen lebensuntüchtigen, aber dennoch charmanten Antihelden zurück. Manche Menschen, dies scheint der Roman zu vermitteln, sind in ihrer Unentschlossenheit und Weichheit nicht für das Leben gemacht. Was English hätte retten können? Eine schwierige Frage Die Antwort wohl ebenso simpel wie komplex: Im Grunde nur er selbst.

John O`Hara (1905 – 1970) wußte wohl nur zu gut, wovon er in seinem Debütroman, der auf Anhieb zum Erfolg wurde, erzählte: Stammte er doch selbst aus einer Kleinstadt, litt selbst unter seiner Trunksucht, die ihn, den Journalisten, immer wieder zu Streitigkeiten und Zerwürfnissen mit seinen Auftraggebern führte. Die Romanstadt Gibbsville ist eine satirische Beschreibung seiner eigener Herkunft aus einer amerikanischen Kleinstadt, in der Engstirnigkeit, Bigotterie, Antisemitismus und Rassismus zum Alltag gehörten. Ein Freund schrieb O`Hara von der „Verbitterung, die du gegen all diese verklüngelten Arschlöcher hegen mußt“: Im Gegensatz zu seinem Romanhelden Julian English schrieb sich John O`Hara den Weg aus diesem Milieu jedoch frei.

Hans-Peter Kunisch meinte, als der Roman 2007 in deutscher Sprache wiederaufgelegt wurde, in der Zeit:

„Wichtig ist das Unerklärbare an dieser Tat (der verschüttete Drink, Anm. von SätzeundSchätze), einer Verwandten des »acte gratuit« . In Camus’ Der Fremde wird der Schuss des von der Sonne geblendeten Meursault auf einen Araber ein paar Jahre später geradezu klassisch. Gemeinsamer Hintergrund ist die Faszination, in den Zeiten der aufkommenden Alleserklärerin Psychoanalyse noch einmal das Unberechenbare menschlicher Existenz auszuloten. Jedes »wahnsinnige« Ausscheren bewahrt bei O’Hara seinen uneinholbaren Rest. Eindeutig ist, dass Julian Englishs ganze Existenz gegen die Enge der Kleinstadt Gibbsville rebelliert, doch warum hat er mit seiner hübschen Frau, den schönen Autos, der ordentlichen Herkunft bisher so gut in den Filz gepasst?

O’Hara wusste, wovon er sprach. Gibbsville ist Pottsville/Pennsylvania, wo er aufwuchs, nachgebildet. Was bei Erscheinen keine Einzelklage zur Folge hatte, sondern kollektive Pottsville-Wut. Jahrelang mied O’Hara seine Heimatstadt. Aber das hatte er sich gewünscht: ein Buch, das alle Brücken in Flammen aufgehen lässt, das ihn endlich rauskatapultieren soll aus der Kleinstadt.“

Die „Time“ zählte „Begegnung in Samarra“ zu den 100 bedeutendsten Romanen der englischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Leider konnte O`Hara in seinen nachfolgenden Büchern dieses Niveau nicht mehr ganz erreichen. Und leider blieb er, trotz der Neuauflage zweier seiner Bücher (neben Samarra auch „Butterfield 8“, beide erschienen bei C.H. Beck und als dtv-Taschenbuch), auch hierzulande im Vergleich zu anderen Autoren seines Niveaus (beispielsweise die etwas jüngeren Schriftsteller Cheever und Yates) eher unbekannt. Was, nicht zuletzt auch angesichts der hervorragenden Übersetzungen durch Klaus Modick, zu bedauern ist.

Der Titel des Romans „Begegnung in Samarra“ stammt von einer arabischen Legende, die William Somerset Maugham erzählerisch verdichtete.

William Somerset Maugham, „The Appointement in Samarra“ (1933):

Death speaks:
There was a merchant in Baghdad who sent his servant to market to buy provisions and in a little while the servant came back, white and trembling, and said, Master, just now when I was in the market-place I was jostled by a woman in the crowd and when I turned I saw it was Death that jostled me. She looked at me and made a threatening gesture; now, lend me your horse, and I will ride away from this city and avoid my fate. I will go to Samarra and there death will not find me. The merchant lent him his horse, and the servant mounted it, and he dug his spurs in its flanks and as fast as the horse could gallop he went.
Then the merchant went down to the marketplace and he saw me standing in the crowd and he came to me and said, Why did you make a threatening gesture to my servant when you saw him this morning? That was not a threatening gesture, I said, it was only a start of surprise. I was astonished to see him in Bagdad, for I had an appointment with him tonight in Samarra.

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Sloan Wilson: Der Mann im grauen Flanell

„Walkers Vorzimmer war beeindruckend. Als Tom es betrat, wusste er, dass er für eine Stelle ernsthaft in Betracht gezogen wurde, vielleicht sogar für eine ziemlich gute. Walker hatte zwei Sekretärinnen, die eine offenkundig wegen ihres Aussehens, die andere der Nützlichkeit wegen ausgesucht.“

Sloan Wilson, „Der Mann im grauen Flanell“, DUMONT Verlag, 2013, Übersetzung Eike Schönfeld.

Wer Richard Yates mag und wer John Cheever liest, der wird auch an diesem Buch Gefallen finden. Man sieht den idyllischen Vorort vor sich, in dem die aufstrebenden jungen Leute wohnen, die Pendler mit ihren weißen Krägen und im grauen Flanell-Anzug, am Bahnhof winken die Gattin im Petticoat. Abends ertönt das sanfte Klirren der Cocktail-Gläser. Ein Paar, zunächst auf den ersten Blick erinnernd an die Folien von Doris Day & Rock Hudson. So locker der Ton, so leicht die Sprache. Darunter lauert jedoch das Melodram à la Douglas Sirk.

Die Raths sind ein nettes Paar – aber ständig in Geldnöten, jonglierend in einem leicht maroden Haushalt, dahintuckernd in einer veralteten Auto-Kiste. Tom arbeitet bei einer gemeinnützigen Stiftung. Beide wollen mehr, beide wollen aber auch „ehrlich“ bleiben. Ehrlichkeit ist ein Schlüsselwort dieses Romans.

Denn Tom, der den Zweiten Weltkrieg als aktiver Soldat miterleben musste, befindet sich bereits unbewusst in einem zweiten schweren Konflikt: Wie authentisch bleiben, wenn man bereits mitten drin ist im Kapitalismus- und Leistungsgetriebe?  Der Krieg war, so wird deutlich, eine tragische Zäsur – seine Konsequenz jedoch ist keine Neuorientierung der Gesellschaft, keine Neuordnung. Tom bleibt im Hamsterrad.

Auch ein Erbe bringt keine Erleichterung, sondern neue Zwänge – Erbschaftssteuern, Erbstreitigkeiten, Grundstücksspekulationen. Vom schlecht bezahlten Job in der Gemeinnützigkeit wechselt Tom als PR-Mann zu einem Großunternehmer. Der will, für die eigene Reputation, eine Stiftung für psychische Gesundheit gründen. Aus dem Nine-to-Five-Job wird ein Rund-um-die-Uhr-Manager-Dasein, man fürchtet um die psychische Gesundheit der Protagonisten mit.

Natürlich löst sich alles in Wohlgefallen auf, die Raths sind als Paar einfach zu nett. Zurück bleibt ein schaler Nachgeschmack. Im scheinbar leichten Lese-Cocktail war zuviel Hochprozentiges.

„Der Mann im grauen Flanell ist ein Buch über die Fünfziger“, schreibt Jonathan Franzen in seinem Nachwort zur Neuauflage. „Die erste Hälfte lässt sich immer noch zum Vergnügen lesen, die zweite als Ausblick auf die darauf folgenden Sechziger. Schließlich vermachten die Fünfziger den Sechzigern ihren Idealismus – und ihre Wut.“

Der 1955 erschienene Roman würde sofort ein Bestseller, der Titel „The Man in the Grey Flanel Suit“ zu einem feststehenden Begriff. Bereits 1956 wurde der Roman verfilmt mit Gregory Peck in der Hauptrolle.
Informationen des Verlags zum Autor: „Sloan Wilson wurde 1920 in Norwalk, Connecticut geboren. Mit achtzehn segelte er einen Schoner von Boston nach Havanna. Er studierte in Harvard, diente im Zweiten Weltkrieg in der United States Coast Guard und arbeitete als Reporter und Hochschullehrer. Er hat fünfzehn Bücher veröffentlicht, darunter ›Der Mann im grauen Flanell‹ (1955) und ›A Summer Place‹ (1958). Sloan Wilson starb 2003 in Colonial Beach, Virginia.“


Bild zum Download: Graffiti Zwickau