Zelda Fitzgerald: Himbeeren mit Sahne im Ritz

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Bild: (c) Michael Flötotto

„Die Blätter der Ulmen schablonierten ein schwarzes Fries auf den Gehweg, und hemdsärmelige Männer ließen hohe, warme, nach Gummi riechende Wasserbögen auf Prunkwinden und Bermudagras niedergehen, bis die Luft von einem frischen Grasduft erfüllt war und die Damen hinter den dichten Blumenranken eine kurze Weile ohne Fächer auskamen. Die ganze Stadt wartete auf die abendliche Neun-Uhr-Brise und lag so reglos da, dass man die scharrenden Räder der Straßenbahn, die sich bergan mühte, noch sechs Straßen weiter hören konnte. Die Mädchen, die sich in den Häusern auf den Tanzabend vorbereiteten, hatten die Wahl zwischen schweißtreibender Hitze und den krampfartigen Windstößen aus dem Ventilator.“

Aus „Ein Südstaatenmädchen“: Zelda Fitzgerald, „Himbeeren mit Sahne im Ritz“, Erzählungen, 2016, Manesse Verlag.

Man kann die Hitze der Südstaaten spüren. Und sinkt beim Lesen vielleicht auch aufgrund der Wortkaskaden ein wenig müde zurück. Krampfartige Windstöße.

Zuviel Schönheit kann irritieren. Absolute Perfektion langweilen. Das Streben danach bemüht wirken. Sie perlen, diese Erzählungen von Zelda Fitzgerald (1900 – 1948). Manchmal wie Champagner. Aber manches Mal perlen sie auch ab. Man fühlt sich ein wenig ermattet nach so viel wohlformulierter Eleganz. Diamanten und Talmi.

Die warmtönende Leichtigkeit, die diese Geschichten prägt – es wird gelegentlich spürbar, dass dahinter harte Arbeit stand. Dass da eine junge Autorin noch ihren Weg suchte. Vielleicht die Formel, die das Leben Zeldas prägte: Das Glamourgirl des Jazz Age, das sich hinter den glänzenden Kulissen mit eiserner Disziplin und unheimlich angestrengt (so trainierte sie wie besessen in einem Alter, in dem andere das Tutu an den Nagel hängen, für eine Ballettkarriere) sein Leben mit Sinn füllen wollte und nicht nur den nächsten Kelch mit Champagner.

Vor allem wollte Zelda Fitzgerald wohl auch eines: Mehr sein als die exaltierte Muse ihres berühmten Mannes, F. Scott Fitzgerald. Ihre Erzählungen, die nun im Manesse Verlag gebündelt erschienen, sind zum Teil schon bekannt – sie wurden jedoch größtenteils als Gemeinschaftswerk von Scott und Zelda veröffentlicht, oder sogar, wie „Our Own Movie Queen“, ganz ihm zugeschrieben. Zwar vermerkte Scott zu dieser Erzählung in seinem Tagebuch, Zelda habe den hauptsächlichen Anteil geleistet – aber sie musste zurückstehen. Für die Geschichten ihres Mannes wurde einfach mehr bezahlt. Und Geld hatten die beiden bei ihrem Lebensstil immer bitter nötig.

Die Ehe der beiden war trotz enormer gegenseitiger Anziehung stets auch von Ungleichheit und Konkurrenz geprägt. Zudem durch seinen Alkoholismus und ihre psychische Erkrankung belastet. Ein Leben im vagen Gleichgewicht, zerbrechlich, schwankend, ein Drahtseilakt bis zum dramatischen Ende. Dieses Balancieren auf dem Hochseil der Gefühle – es ist in diesen Erzählungen, die überwiegend in den Jahren 1929 bis 1931 veröffentlicht wurden, bereits angelegt und spürbar. Man merkt, trotz einiger Mängel: Es hätte sich bei diesen Anlagen, wäre ihr Leben anders verlaufen, eine großartige Schriftstellerin entwickeln können.

Zelda, ab 1930 immer wieder für lange Phasen in stationärer psychiatrischer Behandlung, schreibt 1932 innerhalb weniger Wochen den Roman „Save me the waltz“, der (wie einige ihrer Erzählungen) in seiner Südstaaten-Melodie deutlich an Truman Capote erinnert. Mit dem letzten Walzer liegt zudem der Nachweis vor: Sie hatte es, sie konnte es. Doch es ist wohl bei diesem Roman und einem Theaterstück geblieben – 1940 kam Zelda Fitzgerald bei einem Brand in einer psychiatrischen Klinik ums Leben.

Vielleicht ist es ein Selbstbildnis, das  ihrer Erzählung „Die erste Revuetänzerin“ zugrundeliegt:

„Und auch Gay lebt weiter – in den vielen ruhelosen Seelen, die auf ihrer mondänen Wallfahrt über die Kontinente ziehen, die in muffigen Kathedralen nach dem verlorenen Zauber gebräunter Rücken und sommerlicher Strände suchen, die sich nach Stabilität und Pflichterfüllung sehnen, ohne recht daran zu glauben; in allen Menschen, die eine Schiffsreise zu einer ungezwungenen Angelegenheit mit Abendgarderobe und Diamantschmuck machen und das „Ritz“ zu dem, was es ist.“

Revuetänzerinnen, Kleinstadt-Schönheiten, die von der Leinwand träumen, Mädchen mit Talenten, auch fragwürdigen, Lebensglücksucherinnen: Zelda Fitzgerald schrieb über eigenständige, selbstbewusste Frauen, die sich, bei aller Abgeklärtheit, dennoch in romantischen Stricken verfangen. It-Girls mit Macken und Sehnsüchten. Und die besseren der insgesamt elf Erzählungen überzeugen, weil Zelda ihr Bestreben nach eleganten Formulierungen durch leise Ironie, durch warme Spöttelei durchbricht. Es gehen haarfeine Risse durch die Glitzerwelt – und das macht diese Stories lesenswert.

Irgendwie muss man diese verwöhnten, erfolgs- und lebenshungrigen jungen Frauen trotz ihres Narzissmus, der durch die Zeilen klingt, dann doch einfach mögen, wenn man Sätze wie diese in der Erzählung „Ein Mädchen mit Talent“ liest:

„Sie gönnte sich Masseure, die sie jeden Morgen behandelten, zu viele Sidecars vor dem Mittagessen und Unterwäsche, in der man tot aufgefunden werden wollte.“

Verlagsangaben zum Buch:
https://www.randomhouse.de/Buch/Himbeeren-mit-Sahne-im-Ritz/Zelda-Fitzgerald/Manesse/e489887.rhd

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