Attica Locke: Heaven, My Home

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Bild von Peter H auf Pixabay

„Darren dachte an den blonden Jungen auf dem Foto, versuchte sich die Moral eines Kindes vorzustellen, das die Erwachsenen um sich herum lediglich imitierte. Das war es doch, oder? Er verabscheute die Vorstellung, in einem Land zu leben, das Rassisten heranzüchtete, voller Bosheit und Hass und, noch bevor sie erwachsen waren, hart wie die Erde ihrer Heimat.“

Attica Locke, „Heaven, My Home“.

Wer dieser Tage die Bildern von waffenstarrenden Menschen in Tarnanzügen sah, die das Parlament in Michigan stürmten, der sah eindrucksvoll und auf eine beängstigende Art und Weise, wie gespalten das Land unter der Präsidentschaft Trumps bereits ist, wie gewaltbereit seine Anhänger ihren durchaus fragwürdigen Begriff von individueller Freiheit verteidigen wollen. Vieles, was in den USA in den letzten Jahren geschah, ist scheinbar für uns in good old Europe nicht nachvollziehbar – aber wer weiß, welche Zeiten uns nun erwarten?

Wie das Land sich wendete, welche uralten Ressentiments und Vorurteile in der Zeit zwischen der Präsidentschaftswahl und der „Inauguration“ hochkochten, was da an Rassismus nur darauf lauerte, wieder aus der Deckung kriechen zu dürfen: Auch das ist Thema von „Heaven, my home“, dem zweiten Kriminalfall der Schriftstellerin Attica Locke um ihren afroamerikanischen Ermittler Darren Mathews.

Der Titel ist nicht bar der Ironie: Denn sowohl Darrens eigene, urinnerste Heimat ist bedroht als auch die der Nachfahren entflohener Sklaven und indianischer Ureinwohner in Hopetown, eine Enklave im Osten von Texas. Weder dort, in den ärmlichen Häusern Hopetowns, noch in den White-Trash-Trailern der Anhänger der Arischen Bruderschaft, die sich illegal auf dem Gelände breitgemacht haben, herrscht der Himmel auf Erden. Beide Gruppen stehen sich unversöhnlich gegenüber, verteidigen ihr Anrecht auf das Land, eine Situation, die sich zuspitzt, als ein Kind der Arischen Bruderschaft über Nacht verschwindet.

Die Unmöglichkeit der Versöhnung ist ein Kernthema dieses Romans, in dem auch die Hauptfigur Darren Mathews vor die Herausforderung gestellt wird, seine Koordinaten neu auszurichten: Es ist nicht alles schwarz oder weiß, „Black And White, Unite! Unite!“ eine Illusion in der Trump-Ärä.

„Vergebung als kollektives Bedürfnis verlangt, den Zorn über die Abwertung und Verletzung zu unterdrücken: Morde, Gewalt und Ungerechtigkeiten hinzunehmen, Loyalität gegenüber den Unterdrückern zu bekunden. Deshalb kann sie helfen, sich der Kriminalität und Grausamkeit systemischer Unterdrückung und Gewalt zu stellen, mit der Vergangenheit abzuschließen. Aber sie kann auch zu einem rituellen Vergessen führen; sie beseitigt die Unterdrückung nicht, fordert keine Reue oder Wiedergutmachung, bringt keine radikalen sozialen Veränderungen“, schreibt Sonja Hartl im Nachwort zu dem Roman.

Dass das Recht nicht Gerechtigkeit schafft, dass es Grauzonen gibt, dass Versöhnung die Bereitschaft beider Seiten anbelangt: Dies alles lernt Mathews sowohl in privaten als auch in beruflichen Belangen schmerzhaft.

„Das war der Teil, der wehtat, der Schmerz, der bis ins Mark ging. Nachdem er jahrelang von dem Glauben an eine universelle Neigung zur Gerechtigkeit eingelullt worden war, sah er, wie wenig Freunde und Nachbar an sein Leben dachten, an sein Anrecht auf dieses Land.
Nach Obama war es Verrat an der Versöhnung.“

Die Gemengelage ist schwierig: Mathews selbst ist privat in einem Mord an einem Mitglieder der arischen Bruderschaft verstrickt, will einen alten Freund der Familie, in dem er den Täter vermutet, beschützen. Seine Mutter, bestes Beispiel für das, was in dysfunktionalen Familien geschieht, nutzt ihr Wissen, um Geld und Zuneigung zu erpressen. Sein Vorgesetzter macht Druck, um den Nazis noch vor der Einsetzung von Trump-Beamten einen Schlag zu versetzen. Das FBI wiederum, verkörpert durch Darrens engen Freund Greg, der vermutlich eine Beziehung zu Darrens Frau hat, will im Fall der Kindesentführung unbedingt ein Mitglied der schwarzen Gemeinde dingfest machen – im vorauseilenden Gehorsam und als Nachweis an die Trump-Beamten, dass man bei den Ermittlungen auf keinem Auge blind ist.

Das alles ist klug konstruiert und spannend aufgebaut bis zum überraschenden Ende. Ein erstklassig geschriebener Pageturner, der tief blicken lässt in den rassistischen Morast, in dem sich die Menschen in Trumps Amerika bewegen. Das Ende zumindest ist für den aus dem Gleichgewicht gebrachten Texas Ranger in einer Hinsicht versöhnlich. Wenn auch auf einer fragilen Ebene. Der Himmel, er muss warten.

Informationen zum Buch:

Attica Locke
Heaven, My Home
Aus dem Amerikanischen von Susanne Mende
Polar Verlag, 2020
Gebunden mit Schutzumschlag, 322 Seiten, EUR (D) 22,00 / EUR (A) 22,50
ISBN 978-3-945133-91-0

Eine weitere Besprechung erschien bei Zeichen & Zeiten – witzigerweise sogar mit demselben Bild: https://zeichenundzeiten.com/2021/02/15/attica-locke-heaven-my-home/


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William Melvin Kelley: Ein anderer Takt

„Hör zu, Harold“, sagte er und suchte nach Worten, die sogar ihm selbst eigenartig vorkamen. Er wusste nicht genau, warum er sich fühlte, wie er sich fühlte, spürte aber, dass es irgendwie richtig war, diese Gefühle zu haben und seinem Sohn davon zu erzählen. „Eines Tages, wenn du so alt bist wie ich jetzt, ist das Leben vielleicht nicht mehr so, wie es jetzt ist, und darauf musst du vorbereitet sein, verstehst du? Wenn du dann so bist wie einige meiner Freunde, wirst du mit allen möglichen Leuten nicht auskommen können. Verstehst du?“

William Melvin Kelley, „Ein anderer Takt“, Originalausgabe 1962.

Was der gutmütige Farmer Harry seinem Sohn da im Jahr 1957 etwas verklausuliert mitteilen will, ist seine Ahnung davon, dass die von Weißen errichteten Rassenschranken in den Südstaaten der USA nicht in alle Ewigkeit Bestand haben werden. Dass sie, auch das denkt sich Harry, verschweigt es jedoch wohlweislich vor Freunden und Nachbarn, widernatürlich sind. Und es eines Tages selbstverständlich sein wird, dass Freundschaft, Solidarität, auch Liebe keine Rassengrenzen mehr kennt.

Dass die Nachfahren der afrikanischen Sklaven jedoch Menschen zweiter Klasse sind, ohne Rechte und Ansprüche, unter sich lebend, lediglich geduldet ihrer Arbeitskraft wegen, das ist in diesen Tagen in den Südstaaten einfach Gesetz. Da geschieht in einem fiktiven Bundesstaat irgendwo im Süden der USA, den William Melvin Kelley für seinen Debütroman erfand, etwas Ungeheuerliches. Es beginnt mit der scheinbaren Wahnsinnstat des bis dahin unscheinbaren Tucker Caliban. Tucker, Nachfahre eines sagenumwobenen Sklaven (der spektakulär im Widerstand gegen seine Gefangennahme starb), probt den Aufstand auf seine Art: Er versalzt seine Felder, tötet sein Vieh, fackelt seine Hütte ab, packt seine Frau und geht. Geht ganz einfach. Und seinem Beispiel folgt, ruhig, leise, geordnet, die komplette schwarze Bevölkerung des fiktiven Staates. Einem Exodus gleich ziehen sie mit ihren Familien und dem wenigen Hab und Gut innerhalb weniger Tage fort, Richtung Norden.

Aus der Perspektive weißer Männer

In seinem raffiniert konstruierten Roman lässt William Melvin Kelley diese ungeheurere Begebenheit aus den Augen mehrerer Weißer betrachten. Nicht aus den Augen überzeugter Rassisten, diese Falle vermeidet er. Es sind die von Natur aus gutherzigen Menschen wie Harry und sein kleiner Sohn und die Aufgeklärten, wie der kommunistisch angehauchte, im Leben gescheiterte Gutsherrensohn Dewey, die aus ihrer Perspektive erzählen. Gerade durch diesen Kniff, jene zu Erzählern zu erheben, die zwischen den beiden Welten stehen, wird die alltägliche Grausamkeit des systematischen Rassismus umso deutlicher.

Dewey, der Mann mit den gescheiterten Träumen, glaubt in Tucker Caliban gar jemanden gefunden zu haben, der auch ihn befreit und kann in seinen Worten doch nicht verbergen, dass er sich insgeheim überlegen fühlt:

„Sein gestriger Akt der Entsagung war der erste Schlag gegen meine verschwendeten zwanzig Jahre – zwanzig Jahre, die ich mit Selbstmitleid vertan habe. Wer hätte gedacht, dass eine derart schlichte, primitive Tat einen so gebildeten Menschen wie mich etwas lehren kann?
Jeder, jeder kann seine Ketten abstreifen. Der nötige Mut, ganz gleich, wie tief er begraben ist, wartet nur darauf, gerufen zu werden. Es braucht nur die rechte Ermunterung, die richtige ermunternde Stimme, dann springt er hervor, brüllend wie ein Tiger.“

Dass das so einfach nicht ist, das wird Dewey am eigenen Leib erfahren: Als dem weißen Mob des Städtchens bewusst wird, was es bedeutet, wenn von einem Tag auf den anderen da niemand mehr ist, der ihre Äcker pflügt, die Häuser sauber hält, die öffentlichen Gebäude pflegt, kurzum, wenn da niemand mehr ist, der das tägliche Leben in Gang hält, da schlägt die Verblüffung in rasende Wut um. Wut, die sich entladen muss – der Roman schließt mit einer grausamen Tat.

Vielleicht ist dieses Ende auch prophetisch zu interpretieren, vielleicht wollte William Melvin Kelley damit deutlich machen, dass es so einfach mit Gleichberechtigung und Emanzipation der schwarzen Bevölkerung nicht gehen wird. Dass „der weiße Mann“ immer wieder zurückschlagen wird – gerade dies macht das Buch in Zeiten der Trump-Ära bemerkenswert aktuell. Über diesen politischen Aspekt hinaus ist „Ein anderer Takt“ auch in vielerlei anderer Hinsicht eine große Empfehlung: Das Debüt eines Autoren, der es erreicht, in einem ruhigen, beinahe lakonischen Ton (wunderbar übersetzt von Dirk van Gunsteren) von einem eigentlich fantastischem Ereignis zu erzählen und dabei ganz lässig den alltäglichen, in Fleisch und Blut übergegangenen Rassismus seiner Protagonisten zu entblößen.

Ein in Vergessenheit geratener Autor

Einen eigenen Roman wert wäre das Leben und die Wiederentdeckung des Schriftstellers William Melvin Kelly (1937 – 2017). Im Grunde wollte Kelley als junger Mann Anwalt für Bürgerrechte werden, doch eine Leseschwäche, die er nie ablegen konnte, machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Im Nachwort zur deutschsprachigen Erstausgabe seines Debütromans schreibt Jessica Kelley über ihren Vater:

„Kelley, schon damals ein begabter Geschichtenerzähler, ein Talent, das er auf seine Großmutter Jessie Marin Garcia zurückführte, wechselte das Studienfach, belegte Englisch und besuchte Seminare von John Hawkes und Archibald MacLeish (…) Kelley merkte bald, dass ihm das Schreiben wichtiger als alles andere war und brach sein Studium in Harvard sechs Monate vor dem Abschluss ab. Zwei Jahre darauf, 1962, erschien sein erster Roman, A Different Drummer.“

Nach dem Mord an Malcom X. beschließt Kelley, mit seiner jungen Familie die USA zu verlassen. Erst nach Jahren wird er wieder in sein Heimatland zurückkehren. 1970 erscheint sein letzter Roman, danach veröffentlicht er zwar noch Essays und Kurzgeschichten, unterrichtet als Dozent für Kreatives Schreiben, gerät jedoch mehr und mehr in Vergessenheit im manchmal sehr kurzlebigen Literaturbetrieb.

Einem Zufall ist es zu verdanken, dass sein Debütroman zunächst nach einer Neuauflage in den USA zu einer literarischen Sensation wurde und seine Romane nun wiederentdeckt werden: Die Journalistin Kathryn Schulz, deren Vorwort auch in der deutschsprachigen Ausgabe zu finden ist, stößt bei einem Trödler auf eine vergilbte Ausgabe des Buchs. Und ist sofort fasziniert von der Originalität der Geschichte und Kelleys Stil.

„Das Ende von „Ein anderer Takt“ ist pessimistisch, nicht so sehr in Bezug auf das Schicksal der Afroamerikaner als vielmehr auf das moralische Potenzial der Weißen. Und doch verdankte Kelley diesem Umstand den mächtig optimistischen Start seiner Karriere. Dies war einer der seltenen Erstlingsromane, denen zwangsläufig weitere vielversprechende Bücher folgen – und tatsächlich veröffentlichte Kelley in weniger als zehn Jahren vier weitere Romane. Doch war ich nicht die Einzige, die noch nie von ihnen gehört hatte. Nach dem furiosen Start seiner Karriere geriet Kelley schon zu Lebzeiten fast in Vergessenheit. Kein seltenes Schicksal für einen Autor. Merkwürdig an dem Kelleys ist aber, dass er heute nicht wegen der Schwächen seiner Bücher, sondern wegen ihrer unheimlichen Stärken kaum noch gelesen wird.“

Mehr Informationen zum Buch:

William Melvin Kelley
 „Ein anderer Takt“
Aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren
Hoffmann und Campe, Hamburg 2019
300 Seiten, 22 Euro
ISBN: 978-3-455-00626-1

Eine weitere Besprechung findet sich bei: Anna von der Buchpost


 

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Kathleen Collins: Nur einmal

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Bild von Alexas_Fotos auf Pixabay

„Okay, leuchten wir die Nacht ein. Ich will einen Spot auf dem großen Doppelbett, das fast den ganzen Raum einnimmt. Und einen kleinen auf den mit Jute bespannten Nachttisch. Okay, jetzt ein Licht auf den Schreibtisch mit den vielen Notizbüchern, Papieren und dem ganzen Kram. Gut so. Dann ein Spot auf das Sofa, das eigentlich nur aus ein paar Kissen besteht. Und jetzt ein schöner weicher Tupfer auf den jungen Mann, der am Schreibtisch seine Gedichte verfasst oder liest. Und noch einer auf die junge Frau, die am Herd steht und Kakerlaken erschlägt.“

Kathleen Collins, „Nur einmal“, Kampa Verlag Zürich, 2018. Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Brigitte Jakobeit und Volker Oldenburg.

Spot an: Schon mit den ersten Worten wird klar, wie multitalentiert Kathleen Collins (1942 – 1988) gewesen sein muss. Schriftstellerin, Drehbuchautorin, Cutterin, Regisseurin: Jede Erzählung wie ein Kurzfilm, ihr Gespür für Szenen, Augenblicke, Momentaufnahmen dringt durch alle Zeilen. Doch erst drei Jahrzehnte nach ihrem viel zu frühen Tod – Kathleen Collins verstarb 46-jährig an einer Krebserkrankung – kamen ihre Texte ans Licht, wird ihr Talent gewürdigt. 2016 unter dem Titel „Whatever Happened to Interracial Love?“ in den USA erstmals veröffentlicht, wurden ihre Erzählungen, die bis dahin von ihrer Tochter in einer Art Seemannskiste aufbewahrt worden waren, zu einer Sensation.

Was macht die Besonderheit dieser 16 Texte aus, die überwiegend um Schriftstellerinnen und Dichter, Malerinnen und Künstler, um Intellektuelle kreisen, die von den Schwierigkeiten der Liebe handeln und der Kluft zwischen den Rassen? Die, obwohl oftmals so knapp und spröd im Tonfall, doch so plastisch die fieberige Hitze New Yorks in den Sommern der 1960-er Jahre heraufbeschwören?

Zum einem ist es die Sprache: Oft intim und privat, als würde man als Leserin von der Autorin direkt angesprochen und in eine Diskussion in einem Loft oder in ein Gespräch am Küchentisch, irgendwo in einer Mittelstandssiedlung, miteinbezogen. Im Nachwort zur deutschsprachigen Ausgabe schreiben Verleger Daniel Kampa und Cornelia Künne:

„Collins` Erfahrungen als Filmemacherin zeigen sich in ihrer erzählerischen Experimentierfreudigkeit. Dialoge, Regieanweisungen, schnelle Schnitte überraschen den Leser, und oft fühlt man sich bei der Lektüre wie inmitten einer imaginären Kamerafahrt.“

Zum anderen aber treffen die Geschichten mitten ins Herz und voll auf einen Nerv, der in den Vereinigten Staaten unter Trump so offen wie lange nicht wieder daliegt: Die Tatsache, dass es von rechtlicher und politischer Gleichberechtigung zu wirklicher Gleichstellung ein weiter Weg ist. Dass die Rassentrennung zwar Jahrzehnte qua Gesetz schon aufgehoben ist, aber in den Köpfen weiter existiert. Als Kathleen Collins ihre Erzählungen schrieb, durchlebte die amerikanische Bürgerrechtsbewegung ihre erste Hochphase. Auch Kathleen Collins hatte sich dem Civil Rights Movement angeschlossen und war politisch aktiv. Doch davon erzählt sie nicht – sondern davon, wie das Politische in das Private hineinwirkt und vice versa. Was sie, die junge afroamerikanische Intellektuelle an gesellschaftlichen Veränderungen in ihrem Umfeld, dem kreativer junger Leute in New York, erlebte – deutlich wird dies vor allem an der Erzählung, die der amerikanischen Ausgabe ihren Titel gab – schlägt sich in ihren Stories nieder. Und macht sie so aktuell: Denn überwunden sind die Grenzen, die sich zwischen Bevölkerungsgruppen auftun und in Familien, Beziehungen und Liebesgeschichten zu spüren sind, noch lange nicht.

Besonders bewegend war für mich die Erzählung „Tote Erinnerungen … tote Träume“: Ein Kind ist hin- und her gerissen zwischen der Ursprungsfamilie ihrer früh verstorbenen Mutter, deren ganzer Stolz es ist, seit Generationen besonders hellhäutig zu sein. Der Vater, ein Bestattungsunternehmer (wie auch Kathleen Collins` Vater es war), ist den Angehörigen „zu dunkel“. Wie er sich bemüht, in dieser Familie Anerkennung zu erwerben, das ist herzzerbrechend geschildert.

Die Anpassungsleistungen, die Afroamerikaner in vielfacher Hinsicht leisten mussten, um sich einen Platz in der amerikanischen Gesellschaft zu erobern, thematisiert die Autorin in verschiedenster Weise. Aus „Die glückliche Familie“:

„Wie weit muss ich ausholen, damit Sie die Zusammenhänge verstehen? Ich kannte Ralph schon seit so vielen Jahren. Er war geradlinig, ehrgeizig, bildungshungrig. Er und Lillie hatten `42 geheiratet, gleich nach seiner Entlassung aus der Navy. Ihm fehlte die elitäre Prägung, die Lillie ihre Anmut und ihren Charme verlieh. Er war irgendwo im Süden von New Jersey aufgewachsen, als Sohn einer Arbeiterfamilie, und hatte sich jeden Erfolg hart erkämpfen müssen. Selbst in der Zeit, die ich hier schildere, gab es im Hochschulbetrieb kaum Schwarze, und er litt sehr darunter, litt unter dem ständigen Druck, besser sein zu müssen als andere, um als Gelehrter anerkannt zu sein.“

Freiheit und Gleichberechtigung sind jedoch nicht nur Thema zwischen den Rassen, sondern auch zwischen den Geschlechtern. In „Rettungsleinen“ schreibt sie von einer Frau, die von ihrem getrennt lebenden Ehemann auch aus der Ferne noch am Gängelband gehalten wird. In „Rückzug“, das auch an Toni Morrisons letztes Buch „Gott, hilf dem Kind“ erinnert, bringt sie beide Metathemen zusammen:

„Ich bilde mir nichts darauf ein, aber ich war die erste Farbige, die er ernsthaft als Geliebte in Betracht zog. Das weiß ich. Die erste, die über das Savoir-vivre verfügte, das ihm so unermesslich wichtig war. Die erste mit Stil, Geschmack, Eleganz, Witz und einem Faible für Lyrik und Haute Couture. Eine Farbige mit Stil ist nämlich immer noch die Ausnahme und eine Farbige, die Stil, Geschmack, Eleganz und Witz mit einem Faible für Lyrik und Haute Couture verbindet, muss man wahrlich mit der Lupe suchen. So etwas lässt sich nicht anerziehen.“

Doch auch wenn die Frauen in diesem Buch zu der „verblüffenden Erkenntnis“ gelangen, dass sie jeden heiraten könnten – (…) „nicht nur einen farbigen Arzt/Anwalt/Lehrer/Professor, sondern jeden. Einen mexikanischen Lastwagenfahrer. Einen japanischen Psychiater. Einen südafrikanischen Journalisten. Jeden. Sogar einen Weißen“ -, sieht die Realität anders aus: Die Beziehungen, ob gemischtrassig oder nicht, sind in diesen Erzählungen zum Scheitern verurteilt, die Männer, oft offen oder versteckt aggressiv, kommen mit den gesellschaftlichen Umbrüchen weitaus schwerer zurecht als das weibliche Geschlecht. „Dort gibt es nichts zu holen“ zieht die Protagonistin eines One-Night-Stands in der Erzählung „Treatment für eine Story“ nüchtern Bilanz.

Wie die beiden Nachwort-Autoren deutlich machen, verwebte Kathleen Collins Autobiographisches in ihren Erzählungen: „ihre Kindheit, ihre Zeit als Studentin und ihr Engagement in der Bürgerrechtsbewegung, ihre frühen, holprigen Affären, ihre schwierigen Beziehungen zu schwierigen Männern, persönliche Niederlagen und den Willen, sie zu überwinden.“

Die starke Stimme einer starken Frau. Schade, dass sie zu Lebzeiten nicht gehört wurde. Vielleicht aber brauchte es die Trump-Ära, um diese Künstlerin dem Vergessen werden zu entreißen. Oder vielmehr: In der Trump-Ära werden gerade solche Stimmen dringend gebraucht.

Angaben zum Buch:

Nur einmal
Kathleen Collins
Kampa Verlag, 2018
20,00 Euro
192 Seiten, geb., Schutzumschlag
ISBN 978 3 311 10002 7


Weitere Meinungen zum Buch:

Katharina Herrmann bei 54books

Deutschlandfunk Kultur

Meike Fessmann in der Süddeutschen Zeitung


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Toni Morrison: Menschenkind

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Bild von LeoNeoBoy auf Pixabay

„Doch ihr Hirn interessierte sich nicht für die Zukunft. Vollgestopft mit Vergangenheit und gierig nach mehr, ließ es ihr keinen Raum, sich den nächsten Tag auch nur vorzustellen, geschweige denn ihn zu planen. Genau wie an dem Nachmittag damals in den wilden Zwiebeln – als der nächste Schritt das Äußerste an Zukunft war, was sie vor sich gesehen hatte. Andere Menschen wurden wahnsinnig, warum konnte sie das nicht? Bei anderen hörte das Denken einfach auf, wandte sich ab und ging zu etwas Neuem über; so etwas mußte Halle wohl widerfahren sein.“

Toni Morrison, „Menschenkind“, 1987

In einigen Rezensionen zu Akwaeke Emezis Roman „Süßwasser“ wird auf Toni Morrisons Werk „Menschenkind“ (OA: „Beloved“), für den sie 1988 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde, Bezug genommen: Beide Bücher stellen Frauen in den Mittelpunkt, die vor einer unerträglichen Realität vorübergehend in den Wahnsinn flüchten. Beide Bücher zeigen aber ebenso auch: Diese Frauen sind stark, unzerbrechbar, ungebrochen, Überlebende. Bei genauem Hinsehen wird zudem klar: Der ihnen zugeschriebene Wahnsinn haust in den Hirnen der anderen. Der Irrsinn liegt dort, wo Menschen meinen, sie hätten legitime Gewalt über Menschen anderen Geschlechts, anderer Rasse, anderer Herkunft.

Während „Süßwasser“ jedoch in der Gegenwart spielt, geht Toni Morrison in „Beloved“ weit zurück in die Vergangenheit. Während ihrer Arbeit in den 1970er-Jahren als Herausgeberin und Verlagslektorin am „Black Book“, einem Band über die Geschichte der Amerikaner afrikanischer Abstammung, stieß Morrison auf eine Zeitungsnotiz aus dem Jahr 1851 über die entflohene Sklavin Margaret Garner. Die Frau wurde von den Häschern in Ohio aufgegriffen. Sie versuchte, ihre vier Kinder zu töten, um diese vor dem Sklavendasein zu bewahren, eines stirbt.

Die spätere Literaturnobelpreisträgerin hatte sich bis dahin wenig mit der Geschichte ihrer Vorfahren beschäftigt: Die Recherchen zu „Black Book“ und der Roman „Menschenkind“ machten Toni Morrison jedoch endgültig zu der großen Schriftstellerin und Humanistin, zu dem Gewissen der Vereinigten Staaten. „Beloved“ ist ein Roman, den man nicht mehr vergisst und eines der wichtigsten und besten Bücher der amerikanischen Literatur der letzten Jahrzehnte.

Die Geschichte von Sethe wird aus mehreren Perspektiven erzählt, ist stilistisch und sprachlich anspruchs- und wundervoll. Passagen, in denen ganz nüchtern von der kaum auszuhaltenden  Gewalt und Entmenschlichung, der Sklaven ausgesetzt waren, erzählt wird wechseln sich ab mit geradezu lyrischen Passagen. Und auch hier findet sich die typische Verwebung realistischer Sequenzen mit Szenen reinster Magie. Elisabeth Wehrmann kommentierte 1989 in der Zeit zur deutschen Übersetzung:

„Was Toni Morrison in dunklen Melodien beschwört, wofür sie eine Sprache findet, die jede Nuance von zarter Lyrik bis zum harten Slang trifft, ist nicht nur das unversöhnte Erbe, der unüberbrückbare Gegensatz von schwarzer Menschlichkeit und menschenzerstörender weißer Kultur. Die komplizierte Struktur ihres Romans mit ihren wechselnden Zeitebenen und Perspektiven beschreibt auch zögernd, auf Umwegen und gegen innere Widerstände den Prozeß einer Trauerarbeit, entwickelt aus der Spannung von Magie und Wirklichkeit ein Ritual der Heilung.“

Erzählt wird in der Rückblende: Fast zwei Jahrzehnte nach der Flucht von Sethe und ihrer Bluttat trifft sie Paul D. wieder, ebenfalls einer der Sklaven von „Sweet Home“ (was für ein Euphemismus!). Sie lebt mit Denver, ihrer Tochter, abgeschieden und isoliert im Haus ihrer verstorbenen Schwiegermutter (die von ihrem Sohn durch zusätzliche Fronarbeit freigekauft werden konnte) in Cincinnati, wo die Sklaverei überwunden ist (nicht jedoch der Rassismus). Paul D. bringt in das unheimliche Haus, das von Gespenstern beherrscht wird, einige wenige Augenblicke der Unbeschwertheit – bis auch er mit den Geist der Vergangenheit konfrontiert wird: „Menschenkind“ ist die Verkörperung der getöteten Tochter, die an ihrer Mutter hängt wie ein Bleigewicht, sie aussaugt wie ein Vampir, die die Liebe einfordert, die ihr durch den Tötungsakt genommen wurde. Sie ist der Geist und das Fleisch gewordene unaushaltbare Gewissen.

Und dennoch stellt sich beim Lesen immer wieder die Frage: Ist die Tötung eines Kindes, um es vor dem schrecklichsten aller Leben zu bewahren, nicht nur ein Akt der Verzweiflung, sondern auch der Befreiung? Toni Morrison äußerte selbst dazu, dass die Tat „das absolut Richtige war, sie (Margaret) aber nicht das Recht hatte, es zu tun.“ Ein unauflösbares Dilemma, ein furchtbarer Akt der Auflehnung gegen die Entmenschlichung, vor dem sich Sethe nur in den Wahnsinn retten kann.

Doch auch dies wird deutlich: Der eigentliche Irrsinn liegt auf der Seite der Sklavenhalter. Nach und nach wird die ganze Brutalität dieses dunklen Kapitels der amerikanischen Geschichte enthüllt: Familien, die auseinandergerissen, Kinder, die von der Mutterbrust wegverkauft werden, Männer, die verbrannt, gefoltert, in Fußeisen gelegt und Maulsperren malträtiert werden, Frauen, die vergewaltigt, wie Zuchtvieh gehalten, gepeitscht und gedemütigt werden. Menschen, denen die Menschlichkeit abgesprochen wird, gehalten wie Tiere.

Gunhild Kübler schreibt in „Leidenschaften – 99 Autorinnen der Weltliteratur“ über das Buch:

„Wer dieses Buch gelesen hat, wird es nicht mehr vergessen. Es verändert einen. Unmöglich, hier in der üblichen Lektüredistanz zu verharren. Auch deshalb, weil Toni Morrison geradezu hypnotisch eindringlich erzählt. Wie der Geist, von dem die Rede ist, kehren hier die Schrecken eines der großen Verbrechen der Menschheitsgeschichte wieder.“

Heidi Thomann Tewarson arbeitet in ihrer rororo-Monographie zu Toni Morrison noch einen weiteren Aspekt des Romans deutlich heraus: Dem der Selbstfindung, dem Bemühen, eine eigene Identität zu erhalten. Für Sethe und Paul D., denen diese in der Sklaverei genommen wurde, ein zusätzlicher Kraftakt, aber auch für die Nachfahren. Für die drei Hauptprotagonisten – das Paar und Denver, die Tochter – hält der Roman ein fragiles, aber versöhnliches Ende bereit: Sie lernen mit einer Vergangenheit, in der sie vor allem Opfer, aber eben auch Täter waren, zu leben.

Aber „Menschenkind“, die Namenlose, existiert weiter, in den Träumen, in der Hinterkammer des Gewissens. Heidi Thomann Tewarson:

„Das Geschichtenerzählen hat ihnen weitergeholfen. Die ungeheuerlichste Geschichte aber, die des toten Mädchens, die auch für das abgrundtiefe Leiden der unzähligen anderen Opfer steht, ist unfassbar – also nicht in Worte zu fassen. Deshalb – und so endet Toni Morrison – ist dies keine Geschichte zum Weitererzählen.“

Mehr Information:

– Verlagsinformationen zu „Menschenkind“
Morrison-Monographie
von Heidi Thomann Therwason
– Besprechung in der „Zeit“

 

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Toni Morrison: Die Herkunft der anderen

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Bild von nbandr auf Pixabay

„Ich erwarte von niemanden, dass er mir auf meinem Weg folgt. Aber ich bin entschlossen, dem billigen Rassismus die Zähne zu ziehen und den allgegenwärtigen, gedankenlosen, wohlfeilen Hautfetischismus zu brandmarken und auszutilgen. Denn er ist nichts anderes als ein Echo der Sklaverei.“

Toni Morrison, „Die Herkunft der Anderen“, OA 2017, in deutscher Übersetzung 2018, Rowohlt Verlag.

2016 war die große Dame der amerikanischen Literatur eingeladen, an der Harvard Universität die Carles Eliot Norton-Vorlesungen zu halten. Sie steht damit in einer langen und ehrenhaften Tradition. Die ursprünglich in Gedenken an den Archäologen Norton eingerichtete Vorlesungsreihe öffnete sich von Beginn an anderen Disziplinen und Wissenschaften, steht für ein Menschenbild, das andere Kulturen, Traditionen und Meinungen zulässt – anders, als es derzeit die amerikanische Politik propagiert.

Als namhafte Vertreter der Literatur sprachen dort unter anderem schon Czeslaw Milosz, Italo Calvino und Nadine Gordimer. Dass Toni Morrison ein zutiefst politisches und derzeit äußerst virulentes Thema für die sechs Vorlesungen wählen würde, legt ihr Werk nahe. Denn das Schreiben der Literaturnobel- und Pulitzerpreisträgerin kreist seit ihrem ersten Roman „Sehr blaue Augen“ um den Themenkomplex Rassismus und Ausgrenzung und deren Auswirkungen, insbesondere auf die betroffenen Frauen.

„Was ist „Rasse“ (außer einem genetischen Trugbild), und warum kommt es auf sie an? Welches Verhalten erfordert oder begünstigt sie, sobald ihre Elemente erst erkannt oder definiert sind (soweit das überhaupt möglich ist). „Rasse“ ist die Klassifizierung einer Art, und wir gehören zur „Rasse“ des Homo sapiens, Punkt. Aber was ist dann diese andere Sache – die Feindseligkeit, der gesellschaftliche Rassismus, die Konstruktion von Andersartigen?“

Ob es der Wunsch der jungen Pecola ist, „sehr blaue“ Augen zu haben, die als Symbol für ein besseres Leben stehen (für das eines „weißen“ Kindes), oder ob es zur Gewohnheit wird, stets weiß zu tragen, um die „mitternachtsschwarze“ Hautfarbe zu präsentieren wie eine exotische Trophäe, so wie es Bride in Morrisons jüngstem Roman „Gott, hilf dem Kind“ tut: stets ist der Preis, den insbesondere schwarze Frauen zu zahlen haben, ein sehr hoher. Anpassung schützt vor Gewalt, Mißbrauch, Ausgrenzung nicht – und führt in keinem von Morrisons Büchern zu einem wirklichen Verständnis und einer echten Akzeptanz zwischen den Vertretern der beiden Gruppen. Black and white, unite, unite – in der Literatur wie in der Realität auch exakt 50 Jahre nach Martin Luther Kings Ermordung noch ein ferner Traum.

Denn, dies zeigen auch die Vorträge, die in Buchform 2017 bei der Harvard Press unter dem Titel „The Origin of Others“ erschienen und nun in deutscher Übersetzung durch Morrison-Experte Thomas Piltz bei Rowohlt herauskamen, die Konstruktion der Andersartigkeit, sie dient vor allem der Zementierung gesellschaftlicher Hierarchien, wie es Toni Morrison auf den Punkt bringt:

„Die Zuschreibung von „Rassemerkmalen“ mit daraus folgender Ausgrenzung hat weder mit den Schwarzen begonnen noch mit ihnen geendet. Kulturelle Besonderheiten, körperliche Merkmale oder die Religion waren und sind stets im Fokus, wenn Strategien zur Erringung von Vorherrschaft und Macht entwickelt werden.“

Wie dies funktioniert, macht Toni Morrison an einer Mischung aus eigenen Erfahrungen, historischen und literarischen Quellen (sie nimmt unter anderem auch William Faulkner und Ernest Hemingway unter die Lupe) deutlich. Klug nimmt sie dabei die Mechanismen auseinander, die sich im Laufe der amerikanischen Geschichte entwickelt haben, von der Romantisierung der Sklaverei bis hin zum „Fetisch Farbe“ – der, so macht die Schriftstellerin deutlich, beide Seiten betrifft.

„Die Herkunft der Anderen“ bietet über seine aktuellen gesellschaftspolitischen Aspekte hinaus auch einen sehr guten Zugang in Denken und Schreiben Toni Morrisons, die in ihren Vorträgen einige ihrer eigenen Bücher, insbesondere „Paradies“, „Menschenkind“ sowie die beiden bereits hier auf dem Blog besprochenen Romane „Heimkehr“ und „Gott, hilf dem Kind“ analysiert und dem Publikum ihre Herangehensweise offenlegt.

Bedeutsam ist dieser Vortragsband jedoch in erster Linie wegen seiner politischen Dimension: Denn mag auch die einstmals gesetzlich legitimierte Rassentrennung überwunden sein, der Rassismus besteht in den gesellschaftlichen Strukturen fort (was im Übrigen auch in Sachen Sexismus zu sagen wäre). So haben schwarze Amerikaner weniger Bildungs- und Aufstiegschancen, verdienen in der Regel bei vergleichbaren Tätigkeiten weniger, sind in weitaus höherem Maße von Arbeitslosigkeit und Armut betroffen und nicht zuletzt auch im höheren Maß von Kriminalisierung. „Die Masseninhaftierung ist das nächste Kapitel einer jahrhundertealten Unterdrückung der schwarzen Bevölkerung“, so der Anwalt und Bürgerrechtler Josh Spickler in einem Interview zum Martin Luther King-Gedenkjahr. Und unter einem Präsidenten, der die gesellschaftlichen Konflikte noch weiter anheizt und auf die Spitze treibt, scheinen die Gräben noch tiefer zu werden.

Zwar erwähnt Toni Morrison Trump in ihren Vorlesungen nicht – vielleicht war es auch für sie 2016 noch undenkbar, so ein „Musterbeispiel“ weißen Amerikanertums könnte auf Obama folgen. Doch trotz ihrer kämpferischen Ansage, dem billigen Rassismus die Zähne zu ziehen und trotz der Hoffnung, die zwischen den Zeilen immer wieder ihren Ausdruck findet, Menschen könnten sich einfach als Menschen begegnen und die Konzepte der Andersartigkeit überbrücken, ist ihr Fazit mit Blick auf die nähere Zukunft eher resignativ:

„Mit ähnlicher Begeisterung begrüßt wie einst die Vorstellung vom amerikanischen Erwähltsein oder der Internationalismus usw., spielt die Globalisierung heute geradezu eine königliche Rolle. Denn bei all ihren Versprechungen von Freiheit und Gleichheit spendet sie ihre Segnungen mit herrscherlicher Willkür. (…) Auch wenn heute erst im Ansatz sichtbar wird, was wir für die Zukunft befürchten, darf das Versprechen der Globalisierung, unser Leben lebenswerter zu machen, als widerlegt betrachtet werden. An seine Stelle muss die ernste Warnung treten vor einem vorzeitigen Tod aller Kultur.“

Was Toni Morrison hier anspricht, ist der Zustand unserer Welt, in der „Globalisierung“ vor allem als Kürzel für die Interessen weltweit agierender Konzerne steht, in der kein Kontinent von Kriegsschauplätzen verschont ist, in der massenhaft Menschen auf der Flucht sind, in der alle humanen Errungenschaften der Nachkriegszeit – Demokratie, Aufhebung der Rassentrennung, Gleichberechtigung, Ächtung von Extremismus und Antisemitismus – zunehmend verteidigt werden müssen.

Lesenswert ist der schmale Band auch durch das dezidierte Vorwort des Schriftstellers und Journalisten Ta-Nehisi Coates. Coates ist der Sohn des Gründers der „Black Classic Press“, steht also in einer familiären Tradition amerikanischer Bürgerrechtler, und sorgte vor wenigen Jahren für Diskussionen durch seine Forderung nach Reparationszahlungen der USA an ihre schwarze Bevölkerung für die Leiden der Sklaverei. Er gilt als die „schwarze Stimme“ der Gegenwart und deckt kritisch die Formen des modernen Rassismus auf.

In seinem Vorwort zu Toni Morrisons Aufsätzen fasst er diese zu einem harschen, traurigen, aber wohl unwiderlegbaren Urteil zusammen:

„Morrisons Buch steht in einer im Lauf des vergangenen Jahrhunderts angewachsenen Reihe von Arbeiten, die überzeugende Argumente für die These zusammengetragen haben, dass der weiße Rassismus unüberwindlich ist.
(…)
Wenn wir begreifen wollen, warum wir einmal mehr am Anfang stehen, können wir uns an Toni Morrison halten, eine der wichtigsten Schriftstellerinnen und Denkerinnen, die dieses Land hervorgebracht hat. Ihr Werk wurzelt in der Geschichte und vermag noch den groteskesten ihrer Episoden Schönheit abzugewinnen. Doch diese Schönheit ist kein Phantasiegebilde, und so kann es nicht überraschen, dass Toni Morrison zu jenen zählt, die verstanden haben, wie die Geschichte uns in Haftung nimmt. Die „Herkunft der anderen“ lässt uns an ihren Erkenntnissen teilhaben und wenn dieses Buch auch keinen schnellen Ausweg aus dem Klammergriff der Geschichte weisen kann, so ist es doch eine willkommene Hilfe zum Verständnis, wie wir in unsere heutige Situation geraten konnten.“

Und für den Leser kann es eine willkommene Hilfe sein um zu überprüfen, wie frei man tatsächlich selbst vom Denken in Klassifizierungen und eigenem Rassismus ist.

Verlagsinformationen zum Buch: https://www.rowohlt.de/hardcover/die-herkunft-der-anderen.html

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Jacqueline Woodson: Ein anderes Brooklyn

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Bild von brogers718 auf Pixabay

„Das war im Sommer, als die Lichter in New York ausgingen und Leute die Geschäfte am Broadway plünderten, dann in Cabrios mit offenem Verdeck durchs Viertel fuhren und Schuhschachteln, Fernsehapparate und verpfändete Pelzmäntel über ihre Köpfe hielten. Mein Bruder und ich beobachteten alles vom Fenster aus. Die Straßen, sagte mein Vater immer wieder, seien für jeden vernünftigen Menschen zu gefährlich. Wir zündeten Kerzen an und erhitzten auf dem Herd Spaghetti in Dosen. Die Sachen in unserem Kühlschrank wurden schlecht, während mein Vater die Läden im Viertel nach Eisbeuteln abklapperte. Biafra und Vietnam waren vielleicht schlimmer, als mein Bruder und ich es uns vorstellten, aber der Blackout kam uns vor wie der Weltuntergang.“

Jacqueline Woodson, „Ein anderes Brooklyn“, OA 2016, in deutscher Übersetzung durch Brigitte Jakobeit, Piper Verlag, 2018.

Eine Kindheit in den 1970er- und 80er-Jahren in New York: Während in Manhattan das Diskofieber grassiert und das „Studio 54“ zum legendären Ort wird, versinkt eine halbe Zugstunde entfernt ein anderer Stadtteil im Sumpf aus Armut, Drogen und Alkohol. Mit großen, kindlichen Augen beobachtet August das Geschehen auf der Straße. Kann zunächst nicht einordnen, was sie dort beobachtet:

„Von diesem Fenster aus sahen wir von Juli bis zum Ende des Sommers, wie Brooklyn sich jeden Morgen zu einem herzzerreißenden Rosa verfärbte und gegen Abend in einem fantastischen Graublau versank. Am Vormittag sahen wir die Umzugswagen parken. Weiße Leute, die wir nicht kannten, füllten die Wagen mit ihren Habseligkeiten, und am Abend schauten sie lange auf die Häuser, die sie verließen, dann stiegen sie in ihre Kombis und fuhren weg. Eine blasse Frau mit dunklem Haar legte die Hände vor ihr Gesicht, als sie mit zitternden Schultern auf den Beifahrersitz stieg.“

Während die einen feiern, kämpfen die anderen um ihre Existenz: Bushwick, das ehemalige Industrieviertel (das übrigens in unseren Tagen wieder ein Trendviertel ist, in dem die schwarze Bevölkerung allmählich wegen steigender Mietpreise verdrängt wird), wird zum Sammelbecken der Verlierer des amerikanischen Traums. Die Italiener, die Iren, die Osteuropäer ziehen weg, zurück bleiben die Schwarzen und Latinos. Das Antlitz der Armut, die Fratze des Ausgegrenztseins, die ihnen hämisch entgegengrinsen, das ist August längst vertraut – auch im ländlichen Tennessee lebte ihre kleine Familie unter ärmlichen Umständen. Doch da waren die Liebkosungen der Mutter, der bewunderte Onkel – der sein Leben in Vietnam lassen muss -, das kleine Haus, die Natur, die Freiheit, der Fluss. Jener Fluss, in dem die Mutter schließlich ihr Ende sucht, ein Ende, das August lange nicht wahrnehmen will, nicht akzeptieren kann. Der Vater, ursprünglich aus Brooklyn stammend, bringt seine beiden Kinder dorthin zurück. Und versucht sie zunächst in der kleinen, ärmlichen Wohnung vor den Gefahren der Straße zu beschützen.

„Als wir ihn in diesem Sommer baten, uns tagsüber nach draußen zu lassen, schüttelte er den Kopf. Die Welt ist nicht so sicher, wie alle immer gern glauben, sagte er. Schaut nach Biafra, sagte er. Schaut nach Vietnam.“

Bushwick ist nicht Biafra, nicht Vietnam – doch nicht weit davon entfernt:

„Aber mein Bruder und ich waren nie hungrig, unsere Gesichter nie aschgrau, und wir waren immer den Wetter entsprechend angezogen. Wir hatten richtig arme Kinder gesehen, mit knochigen Knien und Füßen, zerlumpten Kleidern und Augen, die hungrig dem Mister-Softee-Eiswagen folgten, während wir mit unserem Vater hinter der Eingangspforte standen und an unseren Tüten schleckten. Wir hatten es besser. An den meisten Tagen hatten wir genug.“

Schritt für Schritt erobert sich August jedoch dieses unbekannte Terrain. Es ist das innige Band, das das Mädchen zu ihren Freundinnen Angela, Gigi und Sylvia entwickelt, das ihr Kraft und Lebensfreude gibt. Die Träume der anderen – Tänzerin, Schauspielerin, Anwältin zu werden – die sie anspornen. Die Hoffnung, dass eine von ihnen es „schaffen“ wird: Bushwick hinter sich zu lassen, Bushwick zu überstehen. Zu viert sind sie, so scheint es, unangreifbar, nicht antastbar für die Vergewaltiger, die in den Hausfluren lauern, für die Voyeure, die die Kinder begaffen und auch nicht für das Elend, das Drogen, Alkohol, Arbeitslosigkeit in die Familien bringen. Bis zu jenem Sommer, in dem die Träume und damit die Freundschaft zerbrechen…

Jacqueline Woodson erzählt diese Geschichte in kleinen, oftmals melancholisch-poetischen Sentenzen. Ein schmales, aber wuchtiges Buch: Die Bilder eindringlich, nachgehend. Man merkt dieser Erzählung, die unter den Finalisten zum National Book Award war, auf positive Art und Weise an, dass ihre Schöpferin eine mehrfach preisgekrönte Jugendbuchautorin ist, so eindrücklich weiß sich Jacqueline Woodson in die Psyche eines 15jährigen Mädchens zu versetzen:

„Wenn du fünfzehn bist, überwiegt der Schmerz den Verstand und trifft mitten ins Mark.“

„Wenn du fünfzehn bist, kannst du dir nicht mehr vormachen, dass alles wieder so wird, wie es früher war. Deine älter werdenden Augen erzählen eine andere, wahrere Geschichte.“

Der Brutalität der Straße, der Grausamkeit des Lebens, dem setzt Woodson in diesem Roman beinahe lyrische, zarte Bilder entgegen, die vom Wert der Freundschaft und den Schmerzen des Erwachsenwerdens erzählen. Kurze, knappe Sentenzen, die sich zu einem dunklen Mosaik zusammenfügen – den am Ende zeichnen diese intensiven Sätze auch ein klares, brutales Bild vom Alltag der schwarzen Bevölkerung, von den Folgen des Rassismus in den USA.

Dieses Zusammentreffen von lyrischer Begabung und einem klaren Blick auf die Welt steht in einer großen literarischen Tradition. Die „Time“ zog in ihrer Besprechung nicht ohne Grund diesen Vergleich:

„Woodsons schonungslose Geschichte, wie aus einem Mädchen eine Frau wird, erinnert an die Meister des Genres: Betty Smiths „Ein Baum wächst in Brooklyn“, Toni Morrisons „Sehr blaue Augen“ und vor allem, mit seiner dunkel-poetischen Sprache, an Sandra Cisneros „Das Haus in der Mango Street.“

Drei Romane, die großartig sind – und nun mit „Ein anderes Brooklyn“ ein empfehlenswertes Quartett bilden.

Verlagsinformationen zum Buch: „Ein anderes Brooklyn“

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Toni Morrison: Heimkehr

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Tankstelle in Georgia, USA. Bild von 1778011 auf Pixabay

„Lotus, Georgia, ist der übelste Ort dieser Welt, übler als jedes Schlachtfeld. Auf dem Schlachtfeld gibt es wenigstens ein Ziel, Erregung, Mut und die Möglichkeit des Siegs, wenn auch begleitet von vielen Möglichkeiten der Niederlage. Der Tod spielt immer mit, aber auch das Leben hat eine Chance. Dumm nur, dass man nicht vorher weiß, wie es ausgeht.
In Lotus wusste man`s vorher, weil es gar keine Zukunft gab, nur lange Strecken des Zeit-Totschlagens. Es gab kein anderes Ziel als das Atmen, es gab nichts zu gewinnen und außer den stillen Toden der anderen gab es nichts, was man überleben konnte oder was das Überleben wert gewesen wäre.“

Toni Morrison, “Heimkehr”, Rowohlt Verlag, 2014

Für Frank Money, Mitte Zwanzig, bleibt auch, nachdem er Lotus, Georgia, verlassen hat, wenig mehr, was das Überleben wert wäre. Er, der Kriegsfreiwillige, kehrt traumatisiert aus Korea zurück und findet eine Heimat vor, die ihn nur aufzunehmen bereit war, solange er bereit war, für sie zu sterben. Toni Morrisons Roman „Heimkehr“ spielt in den zutiefst rassistischen USA der 50er Jahre. Und obwohl es einer ihrer kürzeren, schmäleren Romane ist, ist auch dieses Buch vollgepackt von Leben und Tod, Hass, Verzweiflung und Liebe, Hoffnung und Resignation. Ein kleines Meisterwerk im Blick auf eine gespaltene Gesellschaft, im Blick auf das „andere Amerika“.

Ihre Kernthemen sind das Leben der afroamerikanischen Bevölkerung und die Familie. Letztere gibt es jedoch nie in der Bilderbuch-Form, häufig ist die Familie, neben dem Rassismus (oder wegen) mit ein Kern des Übels, mit ein Grund, warum ihre Figuren mit dem Leben ringen, am Leben scheitern. Auch Frank Money ist einer dieser gebrochenen Menschen – traumatisiert, alkoholisiert, narkotisiert begegnet er dem Leser zunächst als in einer Psychiatrie Gestrandeter. Er flieht und nimmt den Leser mit auf eine „Heimkehr“ im doppelten Sinne – zurück in den Süden der USA, immer ein wenig auf der Flucht, immer bemüht, nicht aufzufallen, um nicht auch den durchaus im Norden vorhandenen Rassenhass zu wecken. Ein Priester gibt ihm dieses mit auf den Weg:

„Du wirst für jeden Bissen dankbar sein, denn nirgends, wo dein Bus auch hält, wirst du dich an einer Imbissbude hinsetzen können. Hör zu, du bist aus Georgia, und du warst in einer Armee, in der die Rassentrennung aufgehoben ist, und du denkst vielleicht, im Norden geht`s ganz anders zu als im Süden. Aber glaub das bloß nicht und zähl nicht drauf. Die Gewohnheit ist so mächtig wie das Gesetz, und sie kann genauso gefährlich sein.“

Und Frank Money unternimmt eine Heimkehr im übertragenen Sinn – er, der sich im Töten des Krieges, in seinen Alpträumen, in den Alkoholabstürzen verloren hatte, scheint sich wiederzufinden. „Heimkehr“ hat, im Gegensatz zu etlichen vorhergehenden Büchern der Literaturnobelpreisträgerin, ein Ende mit hoffnungsfrohem Ausgang. Die beiden Geschwister Frank und Cee, vom Schicksal gebeutelt, finden in der Heimat ihren Frieden. Grund für die Reise Frank Moneys ist seine jüngere Schwester Cee, für die er stets Vaterersatz, großer Bruder und Beschützer, bester Freund und Seelenverwandter war. Cee ist in einer Notlage – der einzige Grund, um zurück nach Georgia zu fahren, um diese Heimkehr zu unternehmen.

„Mike, Stuff und ich konnten es kaum erwarten, rauszukommen, raus und weit weg. Dem lieben Gott sei Dank für die Army. Ich vermisse nichts aus diesem Kaff, außer den Sternen. Nur, dass meine Schwester in Not war, konnte mich zwingen, an eine Rückkehr auch nur zu denken. Schildere mich nicht als irgend so einen idealistischen Helden. Ich musste hin, aber mir graute davor.“

Von Georgia in die Army und wieder zurück – vom Regen in die Traufe und wieder zurück: Alles, was einem Schwarzen im Amerika der 50er Jahre bleibt, ist die Gewissheit, dass man nirgends lange bleiben kann, ohne irgendeinen Tod zu sterben. Und dass letztendlich keine Sicherheit gegeben ist – außer in den wenigen Bindungen, die Bestand haben.

„Genug Menschen, die ich nicht zu retten vermocht hatte. Genug davon, Menschen sterben zu sehen, die mir nahe sind. Genug! Und auf keinen Fall meine Schwester. Niemals.
Sie war der erste Mensch, für den ich je Verantwortung übernommen habe. Tief in ihr schlummerte das Bild, das ich insgeheim von mir selbst hatte – ein gutes, starkes Ich (…).“

Erst als Frank sich den eigenen Taten stellt, als er und Cee zudem einen unschuldigen Toten begraben, hat das gute, starke Ich wieder eine Chance:

„Lange stand ich da und starrte auf den Baum.
So stark sah er aus.
So schön.
Mit einer Wunde mittendurch.
Aber gesund und voll Leben.
Cee fasste mir an die Schulter.
Frank?
Ja?
Komm, Bruder. Kehren wir heim.“

Diese Poesie der Sprache, die so beiläufig daherkommt wie die Schilderung alltäglicher, grausamster Gewalt, ob rassistisch oder sexistisch motiviert, ist es, was Toni Morrison zu einer ganz großen Schriftstellerin macht. In „Heimkehr“ hat sie dies, vielleicht gerade wegen der Verdichtung auf knapp 158 Seiten, zu einer meisterhaften Form gebracht.

Laut dem Rowohlt-Magazin  „Booksmarks“  ist Heimkehr
„ein beeindruckendes Puzzlestück in Toni Morrisons literarischem Lebensprojekt: einer Archäologie des Schwarzen Amerika. Seit ihrem Debüt Sehr blaue Augen (1970) hat sich Morrison unablässig mit «black history» beschäftigt, mit Sklaverei, Segregation und Rassismus, mit Armut, Verwahrlosung, Gewalt und Rebellion. In konzentriertester Form finden sich diese Basics der Morrison’schen Poetik in ihrem Roman Menschenkind (1987). Dieses bahnbrechende Epos, notierte Ijoma Mangold in Zeit Literatur, «hat all das, was Toni Morrison niemand nachmacht: die Härte, das Bohrende, die Musikalität, die Beweglichkeit der Erzählerstimme, den raffinierten Wechsel der Perspektiven und eine emotionale Dichte, die jeden Satz zu einem Pfahl im Fleisch des Lesers macht.» Gewidmet ist der Roman Toni Morrisons 2010 an Bauchspeicheldrüsenkrebs gestorbenen Sohn Slade.“

Anders als in „Menschenkind“, „Paradies“ oder „Teerbaby“ verzichtet die Literaturnobelpreisträger jedoch auf den Einbau magischer Elemente: Frank und Cee reisen in ihren (Alp-)Träumen zwar auch in das Unterbewusste, sind jedoch bereits schon Kinder der Moderne. Doch ein anderes Leitmotiv setzt sich in diesem Roman fort: Der Zusammenhalt starker Frauen, die sich vom Schicksal weit weniger beugen lassen als ihre männlichen Begleiter.

Vorangestellt sind Heimkehr einige lyrische Liedzeilen. Das Haus ist Amerika, das Toni Morrison, Literaturnobelpreisträgerin und Bürgerrechtlerin, nie eine Heimat bot.

«Wessen Haus ist das?
Wessen Nacht hält das Licht fern
Hier drinnen?
Sag, wem gehört dieses Haus? Meins ist es nicht.
Ich hab von einem anderen geträumt, wohnlicher, heller,
Mit einem Blick auf Seen, befahren in bunten Booten,
Auf Felder, weit wie Arme, ausgebreitet für mich.
Dieses Haus ist fremd.
Seine Schatten lügen.
Sag mir, warum mein Schlüssel hier passt.»

Verlagsinformationen zum Buch:
http://www.rowohlt.de/taschenbuch/toni-morrison-heimkehr.html

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Margaret Mitchell: Vom Winde verweht

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Bild von DB-Foto auf Pixabay

“My dear, I don`t give a damn.”

Man müsste schon vollkommen ignorant sein, um keinen „damn“ darauf zu geben, dass „Vom Winde verweht“ nicht nur eine der weltweit bekanntesten Liebesgeschichten, sondern im Grunde ein zutiefst rassistisches Machwerk ist. Mir ging es wohl so wie vielen anderen: Ich kannte zunächst den Film, der zwar auch von Stereotypen und Klischees geprägt ist, aber denn doch die übelsten Passagen der Romanvorlage ausklammert. Die weißbemäntelten Typen vom Ku-Klux-Klan: Sie hätten sich neben Vivian Leigh und Clark Gable wohl auch allzu lächerlich im Breitwandformat ausgenommen. So bereitete mir die spätere Lektüre der 1936 erschienenen Romanvorlage doch eine heftige Überraschung: Romantik aus, Rassismus an.

Die Rezeption des Films – der Klassiker aller Schmachtfetzen – verstellt bis heute den Blick auf das Buch: Doch wer den Roman von Margaret Mitchell mit hellwachem Sinn liest, müsste eigentlich Scarlett, Rhett und die ganze Südstaaten-Sippschaft mit Verve in den Wind schießen. Eins vorneweg: Stilistisch brachte mir das Südstaatenepos, das viel Lokalkolorit, Bürgerkriegsszenen und jede Menge Schmalz bietet, keinen frischen Wind, geschweige denn eine kleine Prise. Völlige Flaute, mehr als 1000 Seiten eher Lesequal. Starr gezeichnete Charaktere bis hin zur Karikatur, holperige Dialoge, langatmige Frequenzen – sprachlich liegt der “Schinken” nicht gerade leicht im Magen. Man darf sich an Szenen wie diesen ergötzen:

„Seine schwarzen Augen suchten in ihrem Gesicht und wanderten hinunter zu den Lippen. Scarlett schlug die Augen nieder und wurde aufgeregt. Nun würde er sich die Freiheiten herausnehmen, die Ellen vorausgesagt hatte.“

Die Welt der „alten“ Südstaaten war schon längst untergegangen, als Margaret Mitchell ihr literarisches One-Hit-Wonder schrieb. Sie selbst, geboren 1900, hatte dies nie erlebt, aber in ihrer wohlhabenden Familie in Atlanta die Legende von der “guten, alten Zeit” gehört. Und so ist ihr 1936 erschienenes Südstaatenepos vor allem nach dem Muster gestrickt: Früher war alles besser und die Welt in Ordnung. Damals, als die weißen Plantagenbesitzer noch edle Herren waren, die Damen mit dem Fächer wedelnd auf schattigen Veranden Schutz vor der Sonne suchten, derweil der schwarze, etwas unbeholfene Butler kühle Limonade brachte und auf den treudoofen Baumwollpflücker auf dem Feld herabschaute. Bis die bösen Yankees kamen und die Schwarzen partout befreien wollten.

Mitchell beließ es jedoch nicht bei einem sentimentalen Rückblick und Südstaatenromantik. Sondern packt in ihren Wälzer einseitige Klischees über „die Schwarzen“ und merkwürdige Ansichten über den Ku-Klux-Klan. Im Roman heißt es, der Klan sei von „tragischer Notwendigkeit“ – ein Instrument der Notwehr, da der Norden versuche, dem Süden „die Herrschaft der Neger aufzuzwingen, von denen viele vor kaum einem Menschenalter noch in den Urwäldern Afrikas gelebt hatten.“ (Das Zitat wurde aus diesem Artikel entlehnt: „Vom Winde verweht 3 – jetzt mit Rassismus„)

Wem dabei – auch in der Parallele zu manchen üblen Äußerungen, wie sie heute rechtspopulistische Politiker über Migranten fallen lassen – nicht die Haare zu Berge stehen, dem sollte eine Aussage der Autorin zu denken geben:

„Margaret Mitchell schrieb um 1929 Sätze wie diese: „Die große Anzahl der Sittlichkeitsverbrechen an Frauen brachte die Männer des Südens in kalte, bebende Wut und rief über Nacht den Ku-Klux-Klan ins Leben.“ (Zitat aus: s.o.)

So ist das Buch, wie Elke Schmitter in dem Mitchell-Portrait „Der Trotz als Herzschrittmacher“ (enthalten in: „Leidenschaften. 99 Autorinnen der Weltliteratur, btb Verlag, 2013) schreibt,
“trotz Genauigkeit im Detail hemmungslos parteilich. Der Ku-Klux-Klan wird als Selbsthilfegruppe gedemütigter, eigentlich wohlerzogener Bürger vorgestellt, das Bürgerrecht für Schwarze als eine weltfremde Idee – nicht, weil es diesen an Menschlichkeit fehlte, doch sind sie, wie nicht nur Scarlett versichert, im Grunde wie Kinder, die man hüten muss…”

Der Schlussfolgerung von Elke Schmitter – „Gerecht ist die Erinnerung nie. Überwältigend darf sie sein.“ – kann ich nicht folgen. Zumal mich Stil, Sprache, Erzählweise dieses Romans auch in keiner Weise überwältigen konnte.

Zehn Jahre schrieb Mitchell an ihrem einzigen Roman – das zähe Ringen merkt man dem Buch  beim Lesen durchaus an. Als es dann endlich erschien, beurteilte das „Time“ Magazin es als „unverzeihlich rassistisch“. Dennoch wurde der Roman mit Preisen überschüttet, so mit dem Pulitzerpreis und dem National Book Award, und aus dem Stand zu einem Verkaufsschlager. Die Verfilmung durch Victor Fleming, die 1939 in die Kinos kam, räumte zehn Oscars ab und wurde zu einem der kommerziell erfolgreichsten Streifen der Filmgeschichte.

Vor drei Jahren schrieb Marc Pitzke anlässlich des 75. Jahrestages der Filmpremiere:

„Gone with the Wind“ ist eines der rassistischsten Machwerke Hollywoods: Es romantisiert das wohl düsterste Kapitel der US-Geschichte – was jetzt (…) relevanter ist denn je.
Die Parallelen sind beklemmend. Vielen Weißen fehlt das Bewusstsein, das die USA überhaupt ein Problem haben: Damals akzeptierten sie den Rassismus nonchalant als Lebensart – heute leugnen sie, dass es ihn überhaupt gibt.“ 

Quelle:
http://www.spiegel.de/einestages/vom-winde-verweht-rassismus-im-hollywood-film-klassiker-a-1007841.html

Man bedenke: Dieser Artikel stammt noch aus der Ära Obama.

2020 erschien das Epos in einer neuen Übersetzung – nicht nur der Titel veränderte sich dadurch. Die neue Fassung in deutscher Sprache ist jedoch nicht unumstritten:

„So lädt die in vielem so famos gelungene Neuübersetzung von «Vom Wind verweht» nicht nur dazu ein, einen unterschätzten Klassiker der US-Literatur neu zu entdecken, sondern auch über heutige Übersetzungspraktiken zu debattieren“, urteilt Rainer Moritz in der NZZ.


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Toni Morrison: Gott, hilf dem Kind

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„Ich kann nichts dafür. Mir könnt ihr nicht die Schuld geben. Ich hab`s nicht gemacht, und ich habe keine Ahnung, wie es passieren konnte. Kaum eine Stunde hat es gebraucht, nachdem sie sie zwischen meinen Schenkeln herausgezogen hatten, um zu merken, dass etwas nicht stimmte. Ganz und gar nicht stimmte. Sie war so schwarz, dass sie mir Angst machte. Mitternachtsschwarz, sudanesisch schwarz.“

Toni Morrison, „Gott, hilf dem Kind“, Rowohlt Verlag 2017.
Originalausgabe: „God help the child“, 2015

Lula Ann ist ein „Teerbaby“. Ein Schock für die Eltern, die – in ihrem Verhalten tief geprägt vom amerikanischen Rassismus -, so stolz auf ihre helle Haut sind. Der Vater verschwindet, die Mutter, die sich von ihrem Kind ironischerweise „Sweetness“ nennen lässt, zieht das Mädchen in einer Atmosphäre von emotionaler Kälte und Ablehnung auf.

Was für das Kind Lula Ann als Makel erscheint, der soziale Integration, Freundschaften und sogar familiäre Liebe verhindert, das verwandelt sie als Erwachsene, als „Bride“ in ein Markenzeichen: Die atemberaubende Schönheit, tiefschwarz, jedoch stets in Weiß gekleidet, inszeniert sie sich als „Panther im Schnee“.

Doch im Kern bleibt die glamouröse Karrierefrau, die Markenklamotten trägt und einen Jaguar fährt, das kleine, verunsicherte Kind. Keine Spur von „Black Panther“. Erst ein dramatischer Gewaltakt und ein Mann, der sie verlässt, führt Bride, die weiße Braut, auf Spurensuche: Nach Brooker, ihren Geliebten, aber vor allem nach sich selbst.

In ihrem jüngsten Roman vereint Toni Morrison erneut ihre zentralen Themen: Rassismus und Feminismus. Ob in „Sula“, „Teerbaby“ oder auch „Menschenkind“, immer wieder stellte die Literaturnobelpreisträgerin Frauen in den Mittelpunkt ihrer Geschichten Frauen, die im doppelten Sinne mit ihrer Identität zu ringen haben: Als Frau und als Schwarze. Morrison behandelt die Thematik jedoch nie eindimensional, konstruiert keine literarischen schwarz-weiß Anklagen, teilt nicht oberflächlich nach Hautfarben in Gut und Böse. Vielmehr sind ihre Bücher – und „Gott, hilf dem Kind“ trotz des missverständlichen Titels in besonderer Weise – eine Aufforderung zur Emanzipation.

Heidi Thomas Tewarson schreibt in ihrer rororo-Monographie (2005) über Toni Morrisons Roman „Sehr blaue Augen“:

„…ist das erste Buch, in dem Toni Morrison der Frage nach der verheerenden Folge eines schädlichen, fremden, aber allgemein verinnerlichten Denkens nachgeht, einer Frage, die in vielen Variationen immer wieder aufgegriffen wird. Die fast automatische Verinnerlichung rassistischen Denkens erweist sich als das wahrhaft Zerstörerische.“

Das wahrhaft Zerstörerische ist und bleibt natürlich der Rassismus an sich – doch wie sehr rassistische Denkweisen von den „Opfern“ selbst übernommen werden, wie sehr sie diese weitertragen und sich damit einem inhumanen System unterwerfen, das zieht sich wie ein roter Faden von der blauäugigen Pecola („Sehr blaue Augen“, 1970) bis hin zur teerschwarzen Bride. Deren Abgrenzung von der Mutter, ihre Karriere, ihre wechselnden Liebschaften: Dies alles entpuppt sich als dünner Firnis. Anpassung und Selbstverleugnung statt Selbstverwirklichung. Auch ihre Art, ihre tiefschwarze Hautfarbe zu einem Markenzeichen zu machen, ist einem rassistischen Diktat unterworfen. „Black is beautiful“, pervertiert.

„Siehst du“, sagte Jeri. „Schwarz zieht. Es ist die heißeste Ware, die es in unserer Gesellschaft gibt. Weiße Mädchen, sogar braune, müssen sich nackt ausziehen, um so viel Aufmerksamkeit zu erregen.“

Bride, deren „Liebesleben zu einer Art Cola light wurde“, mit Typen, die „mich behandelten wie einen Orden, ein glänzendes, stummes Zeugnis ihrer Heldentaten“, muss erst auf Menschen treffen, die – wie sie – durch Traumata in der Kindheit geprägt sind -, um an ihre Wurzeln, um zu echtem Selbstbewusstsein, zu echter „black power“ zu gelangen.  Sie muss zudem symbolisch beinahe verschwinden, um wieder zu wachsen: Indem ihr Körper sich in den eines brust- und haarlosen Kindes zurückverwandelt (ein typisches, wenn auch eher zurückgenommenes Beispiel für die Magie, die Toni Morrison gerne in ihre Romane einflicht), wird sie erst zur Frau.

„Gott, hilf dem Kind“: Mich begleitete beim Lesen ständig Billie Holidays Song „God bless the child“. Und wie passend die Textzeile daraus: „Mama may have, Papa may have, but God bless the child that’s got his own!“ Der schmale, multiperspektivisch erzählte Roman ist vielleicht nicht das herausragendste Buch innerhalb Morrisons Werk – die schnelle, schlanke Sprache, die ökonomische Erzählweise, die von manchen Kritikern gelobt wird, geht mir in diesem Roman zu sehr auf Kosten der Magie und Sinnlichkeit, die Toni Morrison in anderen ihrer Bücher entfaltet – aber es ist ein enorm wichtiges Buch zu diesem Zeitpunkt.

Denn in Trumps Amerika genügt es nicht, darum zu beten, dass Gott dem Kind hilft – es geht darum, dem jahrhundertelang gepflegten Rassismus und Sexismus, der nun unter den weißen Männern wieder aufzublühen droht, die Stirn zu bieten, diesem den berechtigten „Zorn von Kindern“ (wie Morrison ihren Roman wohl ursprünglich nennen wollte), von misshandelten und ausgegrenzten Kindern und der täglichen, strukturell bedingten Gewalt in einer gespaltenen Gesellschaft entgegenzuhalten. Am Ende des Romans finden die Braut, Bride, und Brooker zusammen, sie ist schwanger, sie träumen von der Zukunft:

„Ein Kind. Neues Leben. Immun gegen alles Böse, jede Krankheit, behütet vor Entführung, Schlägen, sexueller Gewalt, Rassismus, Demütigung, Verletzung, Selbstzweifel, Verwahrlosung. Niemals irrend, voller Güte. Ohne Zorn. So stellen sie es sich vor.“

God bless the child.

Verlagsinformationen zum Buch:
https://www.rowohlt.de/hardcover/toni-morrison-gott-hilf-dem-kind.html


„Gott, hilf dem Kind“ ist derjenige unter Toni Morrisons Romanen, der am nächsten an unsere unmittelbare Gegenwart angesiedelt ist. Eine weitere literarische Stimme, die die Themen Rassismus und Feminismus verknüpft, jedoch noch unmittelbarer aus unserer Gegenwart erzählt, ist Chimamanda Ngozi Adichie.

In ihrem preisgekrönten Roman „Americanah“ (2013) lässt sie eine starke Frauenfigur auftreten: Ifemelu – die wie die Autorin aus Nigeria stammt – die in die USA auswandert, um dort plötzlich zu erleben, dass Hautfarbe eben doch ein Distinktionsmerkmal sein kann.

Ähnlich wie bei Bride in Toni Morrisons Roman beginnt bei Ifemelu ein allmähliches Erwachen. Sie beginnt einen Blog zum Thema Rassismus zu schreiben – und denkt dabei messerscharf auf, wie sehr selbst in der Ära Obama, in der der Roman spielt, die Hautfarbe lebensbestimmend ist.

„Der einzige Grund, warum du behauptest, dass Rasse kein Thema war, ist, weil du es dir so wünschst. Wir wünschen es alle. Aber es ist gelogen. Ich komme aus einem Land, in dem Rasse kein Thema war. Ich habe mich selbst nicht als Schwarze gesehen, ich wurde erst schwarz, als ich nach Amerika kam.“

Die Rahmenhandlung – eine Jugendliebe, die Ifemelu zurück in ihr Herkunftsland treibt – vermag weit weniger zu fesseln als die haarscharfen Beobachtungen und Analysen, die die Autorin in der zweiten Ebene – der des Blogs – unterbringt.

Das Buch wurde von der Zeit-Redaktion in den „Kanon des jungen Jahrhunderts“ aufgenommen:
http://www.zeit.de/2015/44/chimamanda-ngozi-adichie-americanah-literaturkanon

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Arthur Rundt: Marylin

„Marylin hatte in Chicago eine Fünfundzwanzig-Dollar-Stellung.
Sie fuhr jeden Morgen mit dem gleichen Hochbahnzug in ihr Office, vom Nordwesten der Stadt bis zur Station an der Ecke der Wabash und Madison Street.
Aber was half es Philip, daß er täglich diese selbe Linie benutzte, daß er täglich sechs Stationen vor Madison Street gerade diesen bestimmten Zug erwartete und ihn zugleich mit Marylin verließ?“

Arthur Rundt, „Marylin“, 1928, 2017 erstmals in Buchform erschienen bei „edition atelier“

Ich muss gestehen, ich habe mich in dieses Buch schon auf den ersten Blick verliebt: Manchmal ist es eben doch richtig, ein Buch nach seinem Cover zu beurteilen! Mit der Titelgestaltung durch Jorghi Poll traf der sehr, sehr feine Wiener Verlag „edition atelier“ voll meinen Geschmack. Neben der Gegenwartsliteratur widmet sich der Verlag vor allem auch Wiederentdeckungen der österreichischen Literatur – so  erschienen in seinem Programm die Texte der wunderbaren Lina Loos und der lange verschollene Roman von Bohuslav Kokoschka. Und auch „Marylin“ von Arthur Rundt ist eine Perle – der Inhalt dieses schön gestalteten Buches hält also, was das Cover verspricht.

Was zunächst jedoch wirkt wie eine zarte Liebesgeschichte, die ein wenig mit den Turbulenzen des Jazz Age gespickt ist, nimmt eine unerwartete Wendung – und wird gerade dadurch einerseits tragisch, andererseits aber auch hochaktuell und hochpolitisch.

Die Liebesgeschichte von Philip und Marylin beginnt ein weniger holprig. Der junge Architekt begegnet der selbständig erscheinenden Büroangestellten auf dem Arbeitsweg und weiß sofort: Das ist sie. Doch Marylin, die offenbar ganz für sich, ohne Familie und Freunde lebt, entzieht sich den behutsamen Annäherungsversuchen immer wieder, flüchtet sogar in neue Stellungen und Städte. Philip reist ihr durch halb Amerika hinterher – fast möchte man schon meinen, da habe einer in den 1920er Jahren einen ersten „Stalking“-Roman veröffentlicht. Doch Arthur Rundt lässt das Paar in New York endlich zusammenkommen:

„Die beiden redeten nicht. Jetzt standen sie auf, hielten einander wie Kinder bei der Hand und gingen den gekrümmten Parkweg stadtwärts, ziellos immer weiter, am kleinen See vorbei, sahen, auf einer Anhöhe angelangt, am Ende des Parks ein Stück von der gezackten Wolkenkratzerlinie gegen den blauen Himmel, blieben eine Weile stehen und liefen dann, Hand in Hand, die Anhöhe hinunter.“

Tatsächlich ist von diesem Moment an der Weg der beiden, vor allem ihre Fallhöhe, vorgezeichnet: Denn so harmonisch die Ehe scheint, Marylin birgt ein Geheimnis, hält etwas zurück, auch Philip verspürt ab und an „das Fremde“ in ihr. Lange verwehrt sie sich Philips Kinderwunsch. Als dann doch eine Tochter geboren wird, ist die Tragödie da. Das Kind ist schwarz. Philip vermutet einen Seitensprung Marylins, zumal das Paar Bekanntschaft mit einem schwarzen Boxer und einem Musiker geschlossen hatte. Es kommt zu einem Scheidungsverfahren, das mehr einer Aburteilung der jungen Frau gleicht, in dem der ganze Rassismus auch der amerikanischen Gerichtsbarkeit offenbar wird. Marylin flüchtet noch einmal: Zurück in die Karibik, zu ihren Verwandten. Dass sie selbst gemischtrassig ist, das wagt sie bis zuletzt ihrem Mann nicht einzugestehen. Als Philip vom familiären Hintergrund seiner Frau erfährt, wächst der bis dahin eher brav-bürgerliche junge Mann über sich hinaus – er reist ihr hinterher, wohlwissend, dass eine Ehe mit ihr in den USA Isolation und sozialen Abstieg mit sich bringen würde. Während der Schiffreise begegnet er dem Musiker, den er zunächst verdächtigte, der Vater des Kindes zu sein, wieder. Dieser gibt ihm zu bedenken:

„Wahrscheinlich begreifen Sie noch nicht, Mr. Garrett, was Sie da tun. Sie gehen einen schweren Weg. Früher haben Sie die Wahrheit nicht gewußt, nun wissen Sie alles. Das wird Ihnen schwer angerechnet werden. Leute, die bis jetzt mit Ihnen verkehrt haben, werden Ihren Gruß nicht erwidern; Sie werden Türen verschlossen finden, die Ihnen bisher offen standen. Sie haben dadurch, was Sie jetzt tun – es klingt wie eine Übertreibung, aber es ist so: Sie haben jetzt plötzlich hundert Millionen Menschen zu Feinden. Sie haben Ihr ganzes weißes Amerika gegen sich. Sie gehen einen schweren Weg, Mr. Garrett.“

Doch Philips Entschluss, gegen alle Rassenschranken zu Marylin und dem Kind zu halten, steht fest. Jedoch: Er kommt zu spät…

So schmal dieser gerade 158 Seiten umfassende Roman auch ist – er hinterlässt nach der Lektüre einen großen, wirkmächtigen Eindruck. Arthur Rundt, der zu seiner Zeit als Feuilletonist, Autor und Theatermann eine österreichische Größe war (so gehörte er zur „Mokka-Runde“ im Café Central), galt als einer der Amerika-Kenner seiner Zeit. Er hatte die Vereinigten Staaten in den 1920er-Jahren als Korrespondent bereist und intensiv kennengelernt, sein 1926 erschienenes Buch „Amerika ist anders“ bietet immer noch einen erfrischenden, klaren Blick auf die USA und das europäische Verhältnis zu den Vereinigten Staaten. Diese Kenntnisse bilden auch den geeigneten Hintergrund zu seinem Ausflug in die Belletristik: „Marylin“ ist auch ein Großstadtroman, der ähnlich wie „Manhattan Transfer“ oder „Berlin Alexanderplatz“ den Sound der Metropolen aufgreift, er ist ein Wirtschaftsroman, der einen Blick auf die industriellen Abläufe und Arbeitsmechanismen der großen Konzerne wirft, er ist zudem ein Roman, der das „Jazz Age“ und die Anfänge der Entwicklung schwarzen Selbstbewusstseins (Stichwort Harlem-Renaissance) abbildet. Vor allem aber ist er eine sachliche – und darum umso eindrucksvollere – Abrechnung mit dem Rassismus in den USA.

Der Roman, der 1928 als Fortsetzungsroman in der Neuen Freien Presse erschien, wird der Neuen Sachlichkeit zugeordnet: Tatsächlich gelingt es Rundt auch, diese unglückliche Liebesgeschichte ohne falsche sentimentale Zwischentöne darzustellen, von der Unmöglichkeit der Liebe zwischen den Rassen zu schreiben, ohne Kitsch und Gefühlsduselei. Zudem wird das Geschehen immer wieder unaufdringlich, beispielsweise in der Gerichtsszene oder im Dialog mit einem Arzt, der für die Gleichberechtigung kämpft, auf eine gesellschaftspolitische Ebene gezogen.

Ein sehr empfehlenswerter Roman, der auch einen Blick auf die heutige amerikanische Gesellschaft öffnet – eher zufällig habe ich dieser Tage auch „Americanah“ von Chimamanda Ngozi Adichie gelesen, der das Thema Rassismus in den USA aus heutiger Sicht widerspiegelt: So viel, wie man es sich manchmal wünscht, hat sich durchaus noch nicht verändert und unter Trump ist zu befürchten, dass sich vieles wieder rückwärts entwickelt.

Zurück zu Arthur Rundt: Der 1881 in Schlesien geborene Autor erreichte mit seinen Amerika-Büchern einen letzten Höhepunkt seiner Bekanntheit. Auch für ihn wurden, wie für viele andere Autoren, Schauspieler, Künstler, ab 1933 die Veröffentlichungsmöglichkeiten und damit auch die materielle Absicherung immer schwieriger. Rundt gelang quasi in letzter Minute die Emigration in die USA – dort aber verstarb er kurz nach seiner Ankunft in New York.

Herausgeber Primus-Heinz Kucher würdigt in seinem Nachwort den Roman „Marylin“:

„Nicht nur thematisch nimmt dieser Roman eine singuläre Stellung ein: Die Überblendung von Race und Gender, europäischen Projektionen und amerikanischen Realitäten, urbaner Modernität und provinzieller Fesseln hat zwar schon Hugo Bettauer in seinem Roman Das blaue Mal (1922) zum Gegenstand eines kulturzivilisatorischen, Widersprüche und Utopien thematisierenden Südstaaten-Narrativs gemacht, doch blieb seine Sicht auf die Vorkriegsrealität begrenzt. Darüber hinausgehend verknüpft Rundt seine Gestaltung des Diskurs- und Themenfeldes von ›Race‹, ›Gender‹ und ›Kultur‹ mit hochaktuellen Debatten über den zeitgenössischen techno-habituellen Wandel. Und er unterlegt sie mit einer sprachlichen Signatur, die in neusachlicher Diktion diesen Wandel kongenial begleitet, ja wesentlich mitträgt, – eine Signatur, die im Ansatz jener von Mela Hartwig und Hermann Kesten verwandt erscheint, aber in ihrem Metropolen-Soundtrack wie in ihrer desillusionierenden Perspektive fast einzigartig aus der zeitgenössischen deutschsprachigen Romanproduktion herausragt.“

Verlagsangaben zum Buch:
http://www.editionatelier.at/marylin.html

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