#MeinKlassiker (34): Die Buddenbrooks – eine Familie verfällt und lebt doch für immer weiter

Unzählige Male wieder aufgelegt, gelesen und besprochen, mehrfach verfilmt, aber auch immer wieder als „überholt“ und „überschätzt“ geschmäht – und dennoch: Die „Buddenbrooks“ ist einer der großen Romane der deutschen Literatur. Und es ist schön, dass er – und mit diesem, seinem ersten Roman – nun auch Thomas Mann in der Reihe #MeinKlassiker angekommen ist. Zu verdanken haben wir dies Ines Daniels, die lange mit zum Team bei „Feiner reiner Buchstoff“ gehörte, nun seit aber fast einem Jahr einen eigenen Blog namens „letteratura“ betreibt. Dort gilt ihr Leseinteresse vor allem der zeitgenössischen Literatur – hier aber schreibt sie über ein zeitloses Werk, eines der großen Bücher der deutschen Literatur:

Als ich darüber nachdachte, welchen Klassiker ich als #MeinKlassiker bezeichnen würde, welche Lektüre mich nachhaltig beeindruckt hatte, so dass ich immer noch an sie zurückdenke, da kam mir recht bald „Buddenbrooks“ in den Sinn. Es muss um die zwanzig Jahre her sein, dass ich mich mit dem Wälzer zurückzog und – so die Erinnerung – komplett versank in dieser Familiengeschichte, in der alles mit der Zeit den Bach heruntergeht, heißt es doch wenig geheimnisvoll im Untertitel: „Verfall einer Familie“. An Einzelheiten erinnerte ich mich fast gar nicht, als ich den Roman erneut zu lesen begann, mit einer Ausnahme: dem Tod Hannos. In meiner Erinnerung fand dieser irgendwann in der Mitte des Romans statt, hatte ich damals nicht auf den verbleibenden Seiten stets danach gesucht, dass die Figuren sich an ihn erinnern? Dass er wieder und wieder erwähnt würde? Dass sie so um ihn trauern würden, wie ich getrauert hatte?

Bei der Wiederlektüre des Romans um den letzten Jahreswechsel herum und inzwischen altersmäßig deutlich weiter entfernt von Hanno zum Zeitpunkt seines Todes (der mich vermutlich auch gerade wegen dieser Nähe damals so ergriffen hatte), stellte ich fest, dass die Erinnerung getrogen hatte. Hanno ist nur der letzte in einer langen Reihe von Todesfällen in Thomas Manns frühem Roman – und da sich die Geschichte über mehrere Generationen erstreckt, ist es nur natürlich, dass einige Figuren das Zeitliche segnen im Verlauf der vielen, vielen Seiten.  

„Buddenbrooks. Verfall einer Familie“ erschien 1901, als Thomas Mann gerade einmal 26 Jahre alt war. Angesichts der Fülle des Stoffs, des umfangreichen Personals, das er unterbringt, der Virtuosität, mit der er vor- und zurückschaut und Dinge an- und vorausdeutet, ein erstaunliches Alter. Nun gibt es ganze Bibliotheken mit Sekundärliteratur zu Thomas Mann und seinem wohl berühmtesten (und 1929 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichneten) Roman, doch soll es hier um eine umfassende Analyse ja auch gar nicht gehen. 

Unerwartet war bei meiner aktuellen Lektüre des Romans, dass er zunächst wenig in mir auslöste. Ich las Manns nüchternen, doch auch virtuosen Stil, fieberte mit seinen Figuren, doch was wollte und sollte ich zu dem Roman sagen, zu dem alles schon gesagt wurde? Die Geschichte musste ruhen, um erneut ihre Wirkung zu entfalten, die mich zuvor quasi übermannt hatte – womöglich bin ich damals viel unbedarfter an die Lektüre herangegangen. 

Ein Klassiker zeichne sich unter anderem dadurch aus, dass er zeitlos sei, dass er uns auch heute noch etwas sagen könne, so war auch im Zuge von #MeinKlassiker schon zu lesen. Die Buddenbrooks leben ihr Leben im 19. Jahrhundert, doch sind sie in dem, was sie sich wünschen, in ihrem Streben, in den Schwierigkeiten, das Private und das Geschäftliche unter einen Hut zu bringen und dabei den Konventionen gerecht zu werden, nicht immer allzu weit von uns heute entfernt, auch wenn sich natürlich einiges geändert hat. Eine Scheidung zum Beispiel stellt nicht mehr die gleiche Schande dar, die möglichst durch eine erneute Verheiratung wettgemacht werden muss. Toni, die sogar zweimal geschieden wird, ist eine der Figuren, die mir neben ihren beiden so unterschiedlichen Brüdern Thomas und Christian und natürlich Hanno, der tragischsten Figur der Geschichte, am eindrücklichsten in Erinnerung bleiben.  

Und es sind vor allem die letzten Kapitel, die letzten Seiten des Romans, die den tiefsten Eindruck hinterlassen. Thomas, der immer versucht hat, ein rationaler Geschäftsmann zu sein, der immer hart gearbeitet hat, drohen seine Gewissheiten zu entgleisen. In seinem Bruder, dem wehleidigen, hypochondrischen Christian hat er immer sein Gegenstück gesehen – eines, das er verachtete, im Grunde aber auch ein Stück weit beneidete. Christian erlaubte sich ein freieres Leben, das Thomas sich schon von vornherein selbst verbot. Es ist erschütternd, mitzuerleben, wie Thomas letztendlich an der Einhaltung der Regeln, die ihm die Gesellschaft zwar auferlegt, deren strengster Überwacher er aber selbst ist, zugrunde geht.  

Ihre Schwester Toni bleibt mir einerseits durch ihre Naivität, andererseits aber auch durch ihren Pragmatismus in Erinnerung. Sie ist letzten Endes Optimistin, der es als junge Frau verwehrt wird, aus Liebe zu heiraten und stattdessen später zweimal geschieden wird. Letztlich macht sie sich das Glück ihrer Tochter zur Lebensaufgabe. 

Hanno hingegen scheint von Anfang an wie nicht geschaffen für das Leben, er kränkelt, ist schüchtern, bringt keine guten Leistungen in der Schule und ist ein Außenseiter. Er und seine Mutter Gerda sind die einzigen in der Familie, die musikalisch begabt sind und so aus der Rolle fallen. Hanno ist eine äußerst tragische Figur und diejenige, mit der man aus dem Roman entlassen wird.  

„Buddenbrooks“ erzählt uns viel über das gesellschaftliche Leben, über Klassen und soziale Schichten. Mich interessiert dabei am meisten, wie die Figuren damit umgehen, was von ihnen erwartet wird, wie sie ihr Leben meistern und die Probleme, die sich für sie ergeben, lösen. Wenn am Ende das Familienunternehmen und damit auch die Familie selbst „verfallen“ ist und man sich die Frage stellt, was dies für das gesamte gesellschaftliche System bedeutet, dann ist die Familie auf ein paar wenige Mitglieder zusammengeschrumpft. Wer nicht die nötige charakterliche Stärke besitzt, um in der Geschäftswelt zu bestehen, der ist letztlich nicht lebensfähig. Bezeichnenderweise gilt das auch für Thomas Buddenbrook, der doch eigentlich alle Voraussetzungen mitbrachte, um erfolgreich eine Firma zu leiten. 

Meine zweite Lektüre der „Buddenbrooks“ um die zwanzig Jahre nach der ersten war eine mit verschobenem und erweitertem Blickwinkel, und auch diejenige einer Leserin, die inzwischen anders liest als damals. Eine Lektüre, die ihre Wirkung nur langsam entfaltete und die sich vor allem auf die Hauptfiguren konzentrierte – nicht mehr so ausschließlich auf Hanno, aber natürlich auch auf ihn. Und wenn ich den Roman in weiteren zwanzig Jahren erneut lesen werde? Was werde ich dann wohl aus dieser Geschichte für mich mitnehmen? Ich freue mich darauf, denn ich bin sicher, ein Roman wie die „Buddenbrooks“ wird nie seine Kraft und Aktualität verlieren.

Ines Daniels
https://letteraturablog.wordpress.com/

#MeinKlassiker (33): Die Entdeckung der Empfindsamkeit mit „Anton Reiser“

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Bild von GLady auf Pixabay

Bei Ludger Menke – hier sein Beitrag zu den #VerschämtenLektüren – war ich wegen seines Alias „Krimiblogger“ und seiner Vorliebe für englische Literatur auf alles gefasst. Ja, eigentlich hätte ich auf Charles Dickens getippt. Und wieder wurde ich ziemlich überrascht – mit einem Klassiker aus der Feder von Karl Philipp Moritz.

Als mich Birgit Boellinger im vergangenen Jahr darum bat, einen Beitrag für ihre wunderbare Reihe #MeinKlassiker zu verfassen, kam ich zunächst ins Grübeln. Es gibt, wie vermutlich bei vielen Leserinnen und Lesern, zahlreiche Klassiker, die das eigene Leseleben bereichert haben. In die konkrete Auswahl zog ich seinerzeit drei Romane: Elsa Morantes „La Storia“, weil es ein Roman ist, der so deutlich wie kaum ein anderer zeigt, was die „große“ Geschichte mit den „einfachen“ Leuten macht, welche Auswirkungen Politik auf unser Leben hat. Als zweites Buch kam Adalbert Stifters „Der Nachsommer“ für mich in Betracht, weil es ein Buch ist, das mich während meiner Abiturzeit begleitet hat und eine positive Utopie darstellt – quasi ein klassisches Gegengewicht zu all den Dystopien, die im Moment aus verständlichen Gründen sehr populär sind. Das dritte Buch, für das ich mich letztlich entschieden habe, ist der „Anton Reiser“ von Karl Philipp Moritz, das ich leider erst spät für mich entdeckt habe und das gleich auf zweifache Weise mich in meine Schulzeit zurückführt. Warum das so ist und warum der „Reiser“ durchaus ein hilfreiches Buch sein kann, das habe ich in meinem Beitrag zu #MeinKlassiker aufgeschrieben.

Karl Philip Moritz: Anton Reiser

Damals mussten wir Goethes „Die Leiden des jungen Werthers“ lesen, gefolgt von Plenzdorfs „Die neuen Leiden des jungen W.“. Es war die Oberstufenlektüre für angehende Abiturienten, irgendwann in der zwölften oder dreizehnten Klasse an einem Gymnasium im Sauerland. Meine Erinnerungen an diese Schullektüre sind quälend, mit keinem der beiden Bücher konnte ich als Jugendlicher irgendetwas anfangen. Zu fern erschienen mir dieses Beziehungsgeflecht, diese Gefühlswallungen, diese Liebesschwüre. Woher auch? Hatte ich jemals schon so etwas wie Liebe erfahren? Und ist der „Werther“ nicht Edelkitsch? Darf man das über einen Klassiker der deutschen Literaturgeschichte sagen? Ich erinnere mich nur, dass mir einige Jahre später, ich studierte Bibliothekswesen in Hamburg, ein Buch in die Hände fiel, das mir wesentlich mehr zusagte und von dem ich annehme, dass es vielleicht die gelungenere Schullektüre für Menschen in der Adoleszenz ist: Der „Anton Reiser“ von Karl Philip Moritz.

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Bild: Ludger Menke

Um es gleich vorweg zu sagen: Auch der „Reiser“ ist eine quälende Lektüre. Die Geschichte des heranwachsenden Antons, der sich aus seinem quietistisch  geprägten und verarmten Elternhaus befreit, um seiner Leidenschaft für das Theater zu folgen, ist über weite Strecken ein karger, spröder Roman. Oft eine herausfordernde Lektüre, in dem ich den jungen Anton gerne einmal schütteln möchte und ihm zurufen will: „Stell’ Dich nicht so an!“ Und dann ertappe ich mich dabei, wie ich das zu mir selbst sage. Was ich im „Anton Reiser“ widergespiegelt sehe, ist ein empfindsamer, junger Mann, der sich in Tagträumen verliert, der von einer strahlenden Zukunft auf der Bühne fantasiert und dabei von der Realität immer wieder eingeholt wird. So erleben vielleicht einige Jugendliche ihre Pubertät: der schmerzende Abschied von der Kindheit, die verlockende Zukunft als Erwachsener und dann doch die alltäglichen Herausforderungen, die das Leben an uns stellt. Will man da überhaupt erwachsen werden? Pubertät – das ist so ein hässliches Wort. „Puh-Bär-Tät“ – sprechen Sie es mal lautmalerisch aus. Ein grässliches Wort für eine grässliche Zeit der Zerrissenheit und der Verwirrung.

Dabei tritt im „Anton Reiser“ die Pubertät kaum in Erscheinung, folgt man ihrer eigentlichen Definition: Das Einsetzen der Geschlechtsreife. Der Anton, der uns in Moritz’ Roman begegnet, ist ein nahezu geschlechtsloses Wesen. Begierde entwickelt er vor allem für Worte und die gesprochene Rede. Er sieht sich zunächst als Prediger, lauscht schon als Kind andächtig den Priestern in der Kirche, um dann als Jugendlicher Gedichte und Theaterstücke zu deklamieren. Die Kindheit, die der heranwachsende Anton hinter sich lässt, war keine glückliche: der sensible und intelligente Junge litt unter Krankheiten, sein strenger Vater, glühender Anhänger der quietistischen Schriften der Madame Guyon, züchtigt ihn und streitet mit seiner schwachen und liebevollen Mutter. Im Hause Reiser herrscht große Armut, so dass der junge Anton schon bald in eine Hutmacherlehre nach Braunschweig geschickt wird. Aus der harten Kinderarbeit und den drakonischen Strafen seines Lehrherren, der wie sein Vater den Quietisten angehört, findet er im wöchentlichen Gottesdienst seine Zuflucht. Hier entdeckt er in dem Pastor Paulmann  ein erstes Vorbild, der mit seinen Predigten den jungen Anton mitreißen kann. Doch schon bald bekommt dieses Idol Risse, als Anton den verehrten Pastor Plattdeutsch sprechen hört.

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Bild: Ludger Menke

Nach einem gescheiterten Selbstmordversuch kehrt Anton zu seiner Familie zurück, die mittlerweile in Hannover lebt. Hier lernt er den Pastor Marquard kennen, einen ersten, strengen Mentor. Anton besucht eine Armenschule, an der künftige Dorfschulmeister ausgebildet werden. Er lernt Latein, schreibt Predigten und seine Begabung erregt die Aufmerksamkeit von weiteren Lehrern. Zugleich hadert Anton mit seiner Armut, er lebt von Freitischen und Almosen, seine Kleidung ist schäbig, was ihm den Spott seiner Mitschüler einbringt. Sein Rückzugsgebiet ist die Literatur, er verfällt der Lesesucht, ein Begriff, der zu der Zeit populär wurde, um das eskapistische Lesen zu beschreiben – und vor Romanen zu warnen. Anton, der nur sehr schwer Freundschaften schließen kann, zieht sich zurück und verschuldet sich bei einem Leihbibliothekar. Zugleich wecken Shakespeare Theaterstücke eine neue Begierde: Die der Schauspielerei. Er übt und rezitiert und schließt Freundschaft mit dem hitzigen und – im Gegensatz zu Anton – liebestollen Philipp Reiser, der ihm immer wieder von seinen Bemühungen um ein Mädchen berichtet, sowie mit dem künftigen Schauspieler und Dramatiker August Wilhelm Iffland. Schließlich fasst Anton den Entschluss, Schauspieler zu werden und reist mit wenig Geld einer Theatertruppe nach Erfurt hinter her. Doch auch seine Bemühen, hier eine berufliche Zukunft zu finden, scheitern. Weder in Erfurt, noch in Gotha und Leipzig, wo er nach einem Engagement in einer Theatergruppe sucht, hat er Erfolg. Was weiter mit Anton geschieht, bleibt offen, der Roman, der zwischen 1785 und 1790 in vier Teilen erschienen ist, endet abrupt.

Karl Philipp Moritz, der seinen Roman einen „psychologischen Roman“ nennt, zeichnet im „Anton Reiser“ das triste, spröde und aufklärendes Psychogramm eines Außenseiters, eines Verkannten, eines Getriebenen. Der Roman, der am Ende des 18. Jahrhunderts lange bevor Siegmund Freud geschrieben und veröffentlicht wurde, wirkt zugleich modern und zeitlos. Modern, weil er sprachlich so karg, so „unliterarisch“ daher kommt, zeitlos, weil er eine realitätsnahe Beschreibung der Seele in der Kinder- und Jugendzeit bereithält, die trotz ihrer spröden Sprache zur Identifikation, zur Wiedererkennung der eigenen Jugendjahre einlädt. Der Weltschmerz, der junge, sensible Menschen oft überfällt, im „Reiser“ wird er deutlich, greifbar und nachvollziehbar. So lässt Moritz in seinem Text auch eine Warnung einfließen:

„Vielleicht enthält auch diese Darstellung manche, nicht ganz unnütze Winke für die Lehrer und Erzieher, woher sie Veranlassung nehmen könnten, in der Behandlung mancher ihrer Zöglinge behutsamer, und in ihrem Urteil über dieselben gerechter und billiger zu sein!“

(Karl Philipp Moritz – Anton Reiser, S. 238) 

Hier spricht einer, der selbst zahlreiche Erfahrungen von Ungerechtigkeit, von Schikanen oder, wie wir es heute ausdrücken, von Mobbing aushalten musste und sie überlebt hat. Vieles im „Reiser“ beruht auf Erlebnissen, die Karl Philipp Moritz selbst durchlebt hat. Die Schikanen durch den Vater, der das Talent seines Sohnes durch seine eigene, religiöse Verblendung nicht zu erkennen vermag, der ihm Steine in den Weg legt, der Zwiespalt, in dem ein begabtes Kind hineingerissen wird, wenn es denn mehrere Talente hat, und nicht zuletzt die Herabwürdigungen und Ausgrenzung eines Jungen durch Mitschüler, weil er eben „anders“ ist – das sind Themen, die zeitlos sind und gerade für junge Leserinnen und Leser oft hochaktuell. Der „Reiser“ vollbringt das Kunststück, ein autobiographischer Text ohne jedoch eine Autobiographie zu sein. Denn Moritz, der seinerzeit das „Magazin zur Erfahrungsseelenkunde“ herausgab, tritt als Autor in einem mutigen Schritt neben sich und reflektiert das, was mit ihm geschehen ist. Das mag durchaus Selbsttherapie gewesen sein, sie ist aber auch hilfreich für all die Jugendlichen, die sich missverstanden und ausgegrenzt fühlen. Was wir hier lesen, ist die Entdeckung der eigenen Empfindsamkeit und die Herausforderung an Dich selbst, damit umzugehen.

Auch wenn ich Bücher nicht gegeneinander ausspielen mag, der „Reiser“ hätte mir seinerzeit im Gymnasium vermutlich mehr zu sagen gehabt, als es Goethes „Werther“, der im „Reiser“ einen Gastauftritt hat, je tun konnte. Nicht zuletzt ist deshalb der „Anton Reiser“ einer „Meiner Klassiker“ – ein Roman, der mich geprägt und gebildet hat. Und wie das manchmal bei Literatur so ist – es ist schmerzhaft, unangenehm und zeitraubend. Aber am Ende gut. Oder, um es mit den Worten von Karl Philipp Moritz zu sagen:

„Wer auf sein vergangenes Leben aufmerksam wird, der glaubt zuerst oft nichts als Zwecklosigkeit, abgerißne Fäden, Verwirrung, Nacht und Dunkelheit zu sehen; je mehr sich aber der Blick darauf heftet, desto mehr verschwindet die Dunkelheit, die Zwecklosigkeit verliert sich allmählich, die abgerißnen Fäden knüpfen sich wieder an, das Untereinandergeworfene und Verwirrte ordnet sich – und das Mißtönende löst sich unverdeckt in Harmonie und Wohlklang auf. – „ 

(Karl Philipp Moritz – Anton Reiser, S. 122)

 Bibliographische Angaben:

Karl Philipp Moritz: Anton Reiser: Ein psychologischer Roman. – Mit Textvarianten, Erläuterungen und einem Nachwort herausgegeben von Wolfgang Martens. – Stuttgart: Reclam, 1972
ISBN: 3-15-004813-3

Ludger Menke
https://krimiblog.com/

 

#MeinKlassiker (32): Michael Kohlhaas – nach 200 Jahren noch brandaktuell

Mit „Das siebte Kreuz“ von Anna Seghers hat Dagmar Eger-Offel bereits einmal in der Reihe #MeinKlassiker einen Roman vorgestellt, der nichts von seiner politischer Aktualität verloren hat. Ich freue mich, dass sie sich mit einem zweiten Beitrag an der Serie beteiligt – wieder mit einem ausgesprochen politischen Werk der Literatur: „Michael Kohlhaas“ von Heinrich von Kleist.

Brandaktuell: Die Rolle des Einzelnen gegen eine korrupte Gesellschaft, Gerechtigkeitsterrorismus und Selbstjustiz und die große Diskussion um das Widerstandsrecht gegen die vorherrschende Politik! Das macht einen Klassiker aus, dass er uns über die Zeit hinweg etwas zu sagen hat.

Eigentlich Gründe genug, um den alten Kohlhaas mal wieder auszupacken. Auf ihn gekommen bin ich aber ganz anders: über Dagmar Leupolds Roman „Die Helligkeit der Nacht“, in dem der verstorbene Heinrich von Kleist einen Briefwechsel mit Ulrike Meinhof phantasiert. Aber dazu an anderer Stelle mehr.

1802 erschien der „Michael Kohlhaas“ in einer Zeit, da die Versprechungen und Hoffnungen der französischen Revolution noch frisch, wenn auch schon enttäuscht waren. Kleist ist mit seinen Schriften bekannt dafür – man könnte sagen, im Sinne Jean Jacques Rousseaus – Kritik zu üben an der Gesellschaft, von der humanen Seite aus. Oftmals verkleidet er seine Kritik in Parabeln oder in Übertragungen auf historischen Stoff, wie z.B. bei der „Penthesilea“, oder eben auch dem „Michael Kohlhaas“, der zurückgeht auf einen überlieferten Fall aus dem 16. Jahrhundert.

Ein Mann, der als rechtschaffen, redlich, gesetzestreu, gottesgläubig, kurz, ausgesprochen tugendhaft vorgestellt wird, hat einen Fehler: in der Tugend der Gerechtigkeit ist er maßlos. Kleist erzählt in diesem Buch, das im ersten Teil als Chronik daherkommt, über die Verstrickungen der Fürstenhäuser, über die Korruption und die Intrigen. Und über die Hilflosigkeit eines rechtschaffenen Untertan.

Ein Junker und sein Landvogt verlangen an der brandenburgisch- sächsischen Grenze ein Wegegeld vom Pferdezüchter Kohlhaas, das von ihnen aus Gewinnsucht frei erfunden ist. Sie nehmen zwei seiner Rappen als Pfand. Über mehrere Instanzen versucht Kohlhaas, zu seinem Recht zu kommen, da aber „Hinz und Kunz“ an den Fürstenhöfen miteinander verwandt, sich gegenseitig verpflichtet oder verstrickt sind, bekommt er keine Chance auf neutrale Gerechtigkeit. Er fühlt sich in seiner moralischen Integrität entwurzelt.

Und dann wird sein Kampf um Gerechtigkeit zu einer immer größeren Sache: es geht nicht mehr nur um seinen Fall, sondern auch um Gerechtigkeit für seine Landsleute. Überall hört er von den machtmissbräuchlichen Machenschaften dieses Junkers. Und irgendwann geht es um das Prinzip. Und an dieser Stelle steigt Kohlhaas aus, er steigt aus aus dem Gesellschaftsvertrag. Er fühlt sich verstoßen aus einer Gemeinschaft, in der ihm „der Schutz der Gesetze versagt ist“ (Heinrich von Kleist: Michael Kohlhaas, S.47) Er entscheidet sich für den Widerstand und in einem Gespräch mit Luther erklärt er eben diesen Widerstand als seine Pflicht, für eine größere Sache. Nun, die RAF hat auch nicht nur von einem Recht auf Widerstand sondern von einer Pflicht zum Widerstand gesprochen (aktuelle Lektüre dazu: Ingeborg Gleichauf: Poesie und Gewalt. Das Leben der Gudrun Ensslin).

Kohlhaas wird zum Gerechtigkeitsterroristen. Es sind zwei auslösende Momente, die ihn radikalisieren: Die Tötung seiner Frau – nun ist der Preis seines Kampfes so hoch, dass er gewonnen werden muss – und auf der ideologischen Ebene die Verknüpfung der Untaten des Junkers mit dem Bösen in der Welt, das bekämpft werden muss. Dafür erlässt er Mandate der Selbstjustiz und brennt ganze Stadtteile nieder.

Es ist eine Spirale, eine Engführung im Kampf für eine Gerechtigkeit, bei dem die Mittel  weder vom Grund noch vom Ziel her nicht mehr zu rechtfertigen sind.

Was seinen Fall betrifft, gewinnt Kohlhaas am Ende, er bekommt seine Rappen in bestem Zustand wieder, er bezahlt aber mit seinem Leben für die Untaten, die er im Namen der Gerechtigkeit begangen hat. Was das Prinzip angeht: dieser Kampf wird immer weiter geführt. Es bleibt die Frage der Mittel.

Im letzten Drittel bekommt die Erzählung eine neue literarische Komponente. Es tauchen magische Symbole auf, unerklärliche Begebenheiten und Figuren werden eingeflochten, um dem Ganzen über das Politische hinaus eine Dimension anzuschreiben, die eben nicht bis ins Letzte analytisch betrachtet werden kann.

Kohlhaas ist sicher kein Rousseauist, aber er nimmt die Frage Rousseaus auf: wenn die Herrschenden die Herrschaft verweigern können, sollten dann nicht die Untertanen auch die Untertänigkeit verweigern dürfen?

Es ist auch eine Geschichte um den Konflikt, moralisch im Einzelfall anders zu urteilen, als es grundsätzlich gerechtfertigt werden könnte. Wie oft gibt es diese Situationen, in denen verantwortliches Verhalten im Moment nicht konform geht mit dem, was gesetzesmäßiger gesellschaftlicher Konsens ist. Manchmal muss dieser Konsens, gerade um der Gerechtigkeit willen, gebrochen werden, aber ohne ihn grundsätzlich in Frage zu stellen. Und das ist für mich in dieser Geschichte gut gelungen: der Konflikt der Person Kohlhaas besteht darin, seine eigene Moral verletzen zu müssen um seinem Anspruch auf Moralität gerecht zu werden. Seine inneren Kämpfe sind die Kämpfe dessen, der in seiner Zielverfolgung erstarrt. An diesem Konflikt geht er innerlich beinahe zugrunde.

Der gleichnamige Film von Arnaud Paillieres ist sehenswert wegen Mads Mikkelsen in der Hauptrolle, der den Kohlhaas glänzend spielt. Allerdings ist die Geschichte so extrem reduziert, dass sie ihre komplexen Ebenen verliert und zu stark auf eine persönliche Rachegeschichte heruntergebrochen ist.

An mancher Stelle würde man sich ein bisschen Kohlhaas wünschen. Um zu zeigen, dass es so, wie es geht, nicht geht (Teilzitat Ulrike Meinhof aus den Sechzigern). Aber ein bisschen Kohlhaas geht eben nicht.

Dagmar Eger-Offel
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Literatur im Fenster ist ein eingetragener Verein, der seit 2009 vielerlei Veranstaltungen im Bereich     Erwachsenenbildung organisiert. Das Projekt „Frauenakademie“ und das Projekt „Studium Generale“ sind Unterrichtsprogramme vom Baden-Württembergischen bzw. Bayrischen Volkshochschulverband. Darüber hinaus werden von dem Verein auch Schreibwerkstätten angeregt, Formate des offenen digitalen Lernens angeboten, und vieles mehr. Auf dem Blog des Vereins veröffentlicht dessen Vorsitzende, Dagmar Eger-Offel, ab und an auch Rezensionen, die stets mit feiner Feder verfasst sind.

#MeinKlassiker (31): Bernhard Rusch spaziert mit James Joyce durch Dublin

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Autor, Zeichner, Verleger und noch einiges mehr: Bernhard Rusch ist ein Multitalent. Ein Portrait von ihm findet sich hier auf dem Blog paperwork, ein Einblick in seine Arbeiten unter Elwood.

Bernhard Rusch ist zudem Kopf der Vereinigung und Herausgeber des gleichnamigen Magazins applaudissiment.

Beim Blick in das wunderbar gemachte Magazin hätte ich bei Bernhard eher vermutet, als Klassiker kommt ein dadaistisches Manifest oder etwas aus der Zeit des Expressionismus. Doch er überraschte mich mit Joyce! Here we go:

Ich sitze im Zug. Und sinniere über einen Klassiker: Die Dubliner von James Joyce. Und höre zur Einstimmung die Pogues.

Es handelt sich bei dem Buch um eine Sammlung von Kurzgeschichten, die – wen wundert`s bei dem Titel – alle in Dublin spielen. Wie ja alles, was Joyce geschrieben hat.

Es ist das am leichtesten zu lesende seiner Bücher. Was aber nicht bedeutet, dass es sich um leichte Kost handelt.

Der Autor entführt uns ins Dublin um 1900 herum. Um uns mit den Abgründen der menschlichen Seele bekannt zu machen.

Die Orte und Typen dürften ihm aus eigener Erfahrung bekannt gewesen sein. Er verfolgte keine folkloristischen Absichten. Und hatte auch nicht vor, seiner Heimatstadt ein Denkmal zu setzen. Sondern verwendete die Stadt und ihre Einwohner als Rohstoff, mit dem er vertraut war.

Plots sucht man in diesen Geschichten wie seinen späteren Werken vergeblich. Im Kern sind es Geschehnisse, die man in der Kneipe oder auf der Straße austauscht. Nach dem Motto: Hast du schon gehört…

Joyce bezeichnete seine Dubliner als Karikaturen. Das sind sie wohl. Damit auch sein bitterstes Buch. Nicht so verspielt oder humoristisch wie Ulysses und Finnegans Wake. Vielmehr sehen wir die Schattenseiten. Wie Pädophilie. Selbstmord aus enttäuschter Liebe. Oder Kindesmisshandlung als Reaktion auf eigene Unfähigkeit.

Andererseits ist in diesem Buch – wie Souppault richtigerweise feststellt – schon sein ganzes Werk angelegt. Inhaltlich das Panoptikum der menschlichen Seelen. Und stilistisch diese unablässige Suche nach dem richtigen Ausdruck. Der passenden Struktur. Dem einzelnen Wort.

Es sind musikalische und zutiefst lyrische Stücke entstanden. Sie steigern die Empfindung der Realität durch Weglassungen. Sie verzichten auf Erklärungen. Und wirken daher unmittelbar.

Irland steht dabei nicht im Vordergrund. Aber die wenigen eingestreuten „irischen“ Themen strahlen auf das ganze Buch aus. Und geben ihm damit eine klare regionale Heimat.

Und Joyce wird ungewollt zu einer Art Heimatschriftsteller. Dessen Werk zurückstrahlt in die Realität. Und die Wahrnehmung Irlands und der Iren bis heute mit beeinflusst.

Letztendlich sollte man es aber einfach von der besonderen Stimmung einfangen lassen. Die hervorgerufen wird durch das Unabänderliche. Der Alkoholiker verhält sich, wie ein Alkoholiker es eben tut. Und für die Eifersucht des Ehemanns auf eine verstorbene Jugendliebe seiner Frau gibt es keine Lösung. Es geht darum, trotzdem weiterzuleben. Gut oder schlecht.

Und am Schluss fällt Schnee über ganz Irland. Als Zeichen des Trosts.

Bernhard Rusch
https://ttr-verlag.jimdo.com/

#MeinKlassiker (30): Ein Besuch mit Wolfgang Schiffer bei Halldór Laxness

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Wolfgang Schiffer bringt mich mit seinem Blog immer wieder zum Erstaunen: Ich hatte offen gestand wenig Ahnung von isländischer Literatur, schon gar nicht von ihrer Vielfalt und Qualität. Auf seinem Blog „Wortspiele“ entfaltet sich diese reichhaltige literarische Landschaft uns Lesern – auch weil Wolfgang Schiffer sie uns durch seine Aktivitäten als Übersetzer und Herausgeber zugänglich macht.
Dass der Schriftsteller sich Zeit für #MeinKlassiker nahm, hat mich sehr gefreut – ist er doch ein vielbeschäftigter Mann. So gab er jüngst gemeinsam mit Michael Serrer „BILANZ“ heraus, eine Edition mit einer Auswahl der hochkarätigen Hörspiele, die in den Studios des WDR entstanden. Hörenswert!
Nun aber Raum für den Klassiker von Wolfgang Schiffer – Halldór Laxness, mein Wunschkandidat:

„Wer nicht in der Poesie lebt, der überlebt hier auch nicht.“

Wenn einem – wie so häufig – Birgit Böllingers Idee zu einer Reihe in ihrem äußerst lesenswerten Blog „Sätze & Schätze“ per se sehr gefällt und man sodann auch noch von ihr, wie bei der Reihe #MeinKlassiker geschehen, ermuntert wird, doch mit einem Beitrag – möglichst aus der Landschaft des besonders ausgeprägten eigenen literarischen Interesses – daran teilzunehmen, so darf man dies meines Erachtens durchaus als eine kleine Ehre empfinden.

Da muss man dann irgendwann einfach mal Zahnschmerz, Grippe sowie Arbeiten, die den vermeintlich letzten verbliebenen Rest an Konzentrationsfähigkeit erfordern, beiseiteschieben und sich, wenn auch mit deutlicher Verspätung, ans Werk machen – sprich, sich zunächst einmal entscheiden, wer es denn sein soll, der in den Status #MeinKlassiker erhoben wird…

Wer meine „Wortspiele“ kennt, wird sich vorstellen können, dass mir die Auswahl hinsichtlich des Sprach- und Kulturraums nicht schwer gefallen ist. Es ist Island.

Auch bei der Benennung des Schriftstellers habe ich – wiewohl mir noch Namen wie Gunnar Gunnarsson oder ­Þórbergur Þórdarson (vom ersten wäre insbesondere der Roman „Vivivaki“ zu nennen, vom zweiten liegt auf Deutsch bislang leider nur „Islands Adel“ vor…) durch den Kopf gingen, ebenfalls nicht besonders nachdenken müssen. Es ist natürlich Halldór Laxness.

Die Wahl, das muss an dieser Stelle gesagt werden, ist aber nicht nur deshalb auf Halldór Laxness gefallen, weil er vielen zu Recht als der größte Schriftsteller seines Landes gilt und zudem sein einziger Literaturnobelpreisträger ist – nein, sie ist vor allem deshalb getroffen, weil mich mit der Lektüre seiner Romane, ja, mit ihm persönlich, eine besondere Geschichte verbindet. Doch davon ein wenig später.

Zunächst eine Art Statement: Halldór Laxness (eigentlich Halldór Kilian Guðjónsson – den Namen Laxness legt er sich erst später zu in Anlehnung an den Namen des Hofs, den sein Vater 1905 in Mosfellsveit gekauft hat) geboren 1902 – gestorben 1998 – Nobelpreis für Literatur 1955 – ist der wohl letzte Nationaldichter Europas und nicht nur wegen seiner mehr als 60 Buchtitel einer der größten Weltautoren zugleich. Ihn nicht gelesen zu haben, wäre ein dringendst zu korrigierendes Versäumnis.

Alle 60 Bücher, die er veröffentlicht hat, habe ich nicht gelesen – aber doch, wenn auch zunächst in nicht immer besonders guten Übersetzungen, da sein Werk hier in Deutschland erst recht spät im Steidl Verlag eine pflegliche literarische Heimat gefunden hat – aber doch zumindest so viele, dass ich über die Wahl des Titels eine Weile gegrübelt habe.

„Salka Valka“ (1931/1932)

Ein Kandidat für #MeinKlassiker wäre durchaus der 1931/32 geschriebene Roman „Salka Valka“. Wer Laxness entdecken möchte, kommt an diesem Roman nicht vorbei. Laxness schildert hierin den Weg der Titelheldin vom unehelich geborenen, bettelarmen und missbrauchten Fremdling in einem isländischen Fischerdörfchen zur selbstbewussten jungen Frau mit kämpferischem Stehvermögen, mit hellem Kopf voller sozialer und politischer Interessen und tiefen, einander widerstreitenden Gefühlen.

Ihre quasi Bekehrung zum Bolschewismus korrespondiert mit Laxness´ damaliger eigener marxistisch-kommunistischer Überzeugung. Doch wer glaubt, dass seine im Laufe seines Lebens aus eigener Sicht als politischer Irrtum erkannte Überzeugung  sich ideologisch verengend auf seine literarischen Figuren durchgeschlagen wäre, der überliest die ihm eigene Mischung aus Wärme, Witz und Widerhaken, in der er die Einführung des Bolschewismus in das kleine Fischerdorf am Axlarfjord darzustellen weiß.

„Sein eigener Herr“ (1934/1935)

1934/35 schreibt und veröffentlicht Halldór Laxness den Roman „Sein eigener Herr“, der ihm erstmals Weltruf einbringen wird. So wurde er u. a. als einziger Roman des späteren Nobelpreisträgers schon in den 30er Jahren ins Deutsche übertragen, der erste der ehemals zwei Bände erschien 1936 unter dem Titel „Der Freisasse“. Die Veröffentlichung des zweiten Bandes wurde allerdings von den Nationalsozialisten verboten, weil der Roman nicht dem entsprach, was diese sich unter einem Bauernroman vorstellten. Sein Thema, das ich hier nur streifen kann, das Leben eines Heide-, eines Einödbauern tief in der Einsamkeit und entfernt von allen Menschen scheint jedoch generell nicht gerade das zu sein, wonach einem Leser das Herz schlägt. Doch von Laxness´ Darstellung geht ein Sog aus, der es einem schwer macht, sich von der Geschichte zu trennen – ein Sog, der ihn zu einem der großen Romane des letzten Jahrhunderts macht, auch wenn er in Island selbst zunächst heftigste Kritik auslöste. In einer auf Gegenseitigkeit, Austausch und Kommunikation beruhenden modernen Welt verschreibt sich der Bauer Bjartur einer Wahnvorstellung von Autarkie, die – seine zwei Frau fallen dem unerbittlichen Überlebenskampf zum Opfer – ihn und seine gesamte Familie ruiniert. Es ist ein Drama griechischen Ausmaßes, dessen Wurzeln in der Verblendung liegen, im Festhalten an der Eigenständigkeit, auch wenn diese objektiv gesehen ein menschenunwürdiges Leben bedeutet.

„Weltlicht“ (1937/1940)

Wie „Sein eigener Herr“ könnte auch „Weltlicht“ ein Kandidat für #MeinKlassiker sein. Halldór Laxness thematisiert in diesem 1937 bis 1940 geschriebenen vierbändigen Roman, der auf Tagebuchaufzeichnungen des isländischen Volksdichters Magnus Hjáltason zurückgeht, die Stellung des Künstlers als Außenseiter in der Gesellschaft. Laxness zeichnet mit ihm, wie bereits in „Salka Valka“, erneut ein breites Panorama Islands in den dreißiger Jahren, den Jahren der gesellschaftspolitischen Auseinandersetzungen, der Lohnkämpfe und des Ausgerichtetseins auf das bloße Überleben. Òlafur Kárason, als Kind von den Eltern verstoßen, wächst als Gemeindepflegling auf einem Bauernhof unter Fremden auf. Hier muss er schwere körperliche Arbeit verrichten, leidet unter Schlägen, Hunger und menschlicher Kälte. Doch aller Unbill und Gehässigkeit, die ihm entgegenschlagen, hat er etwas entgegen zu setzen: Die Schönheit der Literatur.

Nicht weniger verdient hätten das Klassiker-Prädikat, um zumindest noch zwei Werke aus dem reichen literarischen Œuvre dieses Schriftstellers zu nennen, der historische Roman „Die Islandglocke“ und die „Atomstation“.

„Die Islandglocke“ (1943/1946)

„Die Islandglocke“ schrieb Halldór Laxness 1943 bis 1946; seine hierin geleistete Darstellung der Leiden der Isländer unter der Unterdrückung als Kolonie Dänemarks (erst 1944 erlangten die Isländer wieder ihre volle Souveränität) ließ ihn zum verehrten Nationaldichter werden.

Kurz zum Inhalt: Wir sind im Island des 17. Jahrhunderts: Wirtschaftlich und politisch unter dem Joch der Dänen, von Hungersnot und Seuchen heimgesucht, droht dem Land der Untergang. Auf nur noch einen Rest der Bevölkerung dezimiert, halten sich die Isländer an das einzige, das ihnen bleibt: ihre Sprache. Angelehnt an historische Figuren (Árni Magnússon) sucht in dieser Zeit der isländische Wissenschaftler Arnas Árnaeus für eine Bibliothek in Kopenhagen auf dem Land nach kostbaren alten Handschriften aus dem Mittelalter, die die verelendeten Bauern versteckt und dabei teilweise zu Isoliermaterial oder Schuhsohlen umfunktioniert haben. So auch der sich der dänischen Unterdrückung widersetzende Bauer Jón Hreggvidsson, dessen Schicksal sich mit dem von Arnas Árnaeus kreuzt, als er unter Mordverdacht gerät und einen über 30 Jahre währenden Gerichtsprozess über sich ergehen lassen muss.

Der Titel des Romans erklärt sich wie folgt: Symbol der zu der Zeit gebrochenen Stimme des isländischen Volkes, das sich in seiner Identität wie kein anderes Volk der Welt auf die Reinheit seiner Sprache, den Klang von Worten beruft, ist eine alte, beschädigte Glocke. Sie hängt am Giebel des Gerichtshauses von Þingvellir, der Stätte, an der in Island seit 930 Recht gesprochen wurde. Mit der Zerstörung der Glocke auf Geheiß des dänischen Königs beginnt der Roman.

Wenn ich zuvor gesagt habe, das Laxness sich mit der „Islandglocke“ in die Herzen der Isländer eingeschrieben habe, so tat er mit seinem nächsten, 1948 erschienenen Roman „Atomstation“ alles, um seinen Ruf als Nationaldichter wieder aufs Spiel zu setzen. Zumindest bei einem Teil, insbesondere beim offiziellen Teil der Bevölkerung.

„Atomstation“ (1946/1947)

Geschrieben wurde „Atomstation“ 1946/47. Der historische Hintergrund bildet die Besatzung Islands im 2. Weltkrieg durch die Briten, die 1941 von den Amerikanern abgelöst wurden. Die 1944 wiedererlangte Unabhängigkeit Islands wurde durch das 1946 formulierte Ansuchen der USA, für 99 Jahre einen militärischen Stützpunkt auf der strategisch wichtigen Insel errichten zu wollen, als gefährdet angesehen. Das isländische Parlament stimmte dem Ansuchen jedoch schließlich zu und schloss den sogenannten Keflavík-Vertrag ab. Kurz nach diesen Geschehnissen begann Laxness, der in der Stationierung amerikanischen Militärs eine Bedrohung des isländischen Lebens sah, mit seinem Roman. Er erzählt von dem Mädchen Ugla, das aus einem abgelegenen Ort in Nordisland in die Hauptstadt kommt, um bei dem Abgeordneten Búi Áland zu arbeiten und – vor allem – das Orgelspiel zu erlernen. Sie, die aus einer bäuerlichen Welt kommt, in der die mittelalterlichen Sagas einen höheren Stellenwert besitzen als die Realität, trifft hier auf eine völlig unbekannte Welt: Politiker und Militärs gehen aus und ein, die Bewohner des Hauses und ihre Gäste sind verwöhnt, versnobt und arrogant, der Ministerpräsident betreibt heimlich den „Ausverkauf“ des Landes. Ein wirklich starker Roman. Und doch habe ich selbst im Vergleich mit ihm einem anderen den Vorzug gegeben – einem Spätwerk, ja, sogar dem letzten großen Roman, den Halldór Laxness geschrieben hat: „Am Gletscher“.

#MeinKlassiker: „Am Gletscher“

Im Original 1968 unter dem Titel „Kristnihald undir Jökli“ erschienen, auf Deutsch zunächst als „Seelsorge am Gletscher“, dann schlicht als „Am Gletscher“ erschienen, ist dies ein liebenswürdig ironisch-weiser Roman, der sich ein Pfarrhaus in der nordischen Gletschereinsamkeit am Fuß des Snæfell-Gletschers zum Schauplatz ausgewählt hat, dort, wo Jules Verne seinerzeit bereits seine Crew zum Mittelpunkt der Erde absteigen ließ. Jetzt wird ein junger Theologe (später Vebi = Vertreter des Bischofs gerufen) dorthin entsandt, zur Aufklärung von Gerüchten und mysteriösen Vorfällen rund um den Pfarrer Jón Prímus, benannt nach den kleinen Spiritus-Kochern, die er so vortrefflich zu reparieren weiß. Vebi, ausgerüstet mit einem Tonbandgerät, nimmt seine Aufgabe sehr ernst – und sieht angesichts einer zugenagelten Kirche, nicht mehr abgehaltener Gottesdienste und Beerdigungen und einer Pfarrersgattin, die es nur noch als Spukgestalt zu geben scheint, vordergründig nicht nur die Befürchtungen des Bischofs bestätigt, bei seinen weiteren Recherchen sieht er sich selbst bald mit Reden und Taten konfrontiert, die er bei allem Bemühen nicht versteht.

Und in der Tat: Die humane Logik des Lebens am Gletscher ist so offenbar, dass sie leicht übersehen werden kann. Es ist dieselbe Logik, die auch die isländischen Sagas und die Poesie regieren. Laxness setzt ihr mit diesem Roman ein Denkmal und macht das Pfarrhaus zum Nabel der Welt.

Warum habe ich diesen Roman gewählt?

Nun, er ist großartig, aber das sind viele andere des Autors ebenfalls. „Am Gletscher“ war aber darüber hinaus der Anlass für meine erste Begegnung mit Halldór Laxness selbst und diese wiederum war meine Initialisierung für mein Interesse an isländischer Literatur überhaupt.

Anfang des Jahres 1982 hatte ich mich in meiner damaligen Funktion als Hörspieldramaturg des WDR entschlossen, eine Hörspielbearbeitung von „Kristnihald undir Jökli“ zu produzieren. Die bevorstehende Sendung sollte auch Anlass sein, den von mir geschätzten Romancier selbst aufzusuchen und ihn zu seinem Werk und eventuellen zukünftigen Plänen zu interviewen. Für mich erfüllte sich damit ein lang gehegter Wunsch. Island galt ein vermutlich romantisch-schwärmerisches Reiseinteresse, seit ich in der Edda und in den Sagas gelesen hatte, und die Arbeiten von Laxness, soweit sie mir damals zugänglich waren, hatten dieses Interesse später verstärkt.

Jetzt also, gekoppelt zudem mit einem Arbeitsvorhaben, das mich sicher sein ließ, den berühmtesten Schriftsteller Islands persönlich kennenzulernen, sollte sich mein Wunsch endlich erfüllen: Halldór Laxness lud mich zu sich ein, und wenige Wochen vor seinem 80ten Geburtstag (das ist der 23. April) machte ich mich auf meine erste Reise in den Norden.

Ich will hier nur am Rande meine Verblüffung erwähnen, die die Kälte und die geschlossene Schneedecke auslösten, mit denen Island mich empfing; der vorbeiziehende Golfstrom hatte mich, wie nicht zuletzt von Einheimischen immer wieder behauptet, zumindest im Süden der Insel ein milderes Klima erwarten lassen. Auch Reykjavík, die Hauptstadt, dieses damals große, bunte moderne Dorf mit seinen leicht gekleideten Menschen und seinem bereits internationalen Boutiquenangebot, passte kaum in mein Bild mythischer Verwurzelung, und dass sich das traditionsreiche Hotel Borg im Zentrum gegenüber dem schwarz-steinernen Parlamentsgebäude am Abend in eine lärmende Diskothek verwandelte, nun, der zivilisationsmüde Festlandeuropäer in mir war regelrecht schockiert. Welch ein Gegensatz aber, als ich am nächsten Morgen mit einem gemieteten Kleinwagen zu Laxness´ Haus fuhr, die Straße nach Þingvellir hinaus (die übrigens, wie ich später erfuhr, witterungsbedingt für den Autoverkehr gesperrt war), Richtung Alþingi, der ältesten Parlamentsstätte der Welt. Allenfalls das spitze, grünschimmernde Turmdach einer kleinen Kapelle ließ hier noch vermuten, dass in dieser weißen Landschaft überhaupt Menschen siedelten, ansonsten zeugte nur eine kleinere Herde Islandpferde von Leben; in stoischer Gelassenheit hatten die Tiere dem kalten Schneetreiben ihre prallen Hintern entgegengestreckt.

Auf den ersten Blick kaum auszumachen in dieser Witterung, war nach mehreren Kilometern das ebenfalls weiße Gebäude am rechten Straßenrand, das Haus, in dem Laxness und seine Frau Auður Sveinsdóttir wohnten. Heute ist das Haus, das sie Gljúfrasteinn (in etwa Bergschluchtstein) nannten, ein Museum zum Gedenken an den Dichter.

Die beiden empfingen mich in der Tür zu diesem Haus und führten mich als erstes zu einem reich gedeckten Mittagstisch. Während wir Lammbraten aßen und dem Wein zusprachen, befanden wir uns bald in einem angeregten Gespräch, über Gott und die Welt, wie man so sagt, und vor allem natürlich über Literatur, und wäre da nicht das Aufnahmegerät gewesen, ich hätte darüber leicht den eigentlichen Grund meines Besuches vergessen können.

So jedoch, als die Höflichkeit es gebot, die mir entgegengebrachte Gastfreundschaft nicht über Gebühr zu strapazieren, bat ich um Rückzug in einen stillen Raum. Halldór Laxness schlug sein Arbeitszimmer vor, eine kleinere Kammer in der ersten Etage. Ich erinnere den Blick aus dem Fenster über die sanften Schneehügel, das Stehpult davor, die überquellenden Bücherregale und einen bequemen Ledersessel, in den der Romancier sich niederließ, eine mächtige Zigarre zwischen den Lippen. Da saß ich nun vor ihm und fühlte mich ein wenig wie Vebi aus dem Roman „Am Gletscher“, der im Auftrag des Bischofs mit seinem „Lautschreiber“ Pfarrer Jón Primus nach vermeintlichen Verfehlungen befragt. Und auch Laxness schien an diese Figurenkonstellation zu denken, denn angesichts des Mikrophons, das ich ihm entgegenhielt, wurde er ebenso wortkarg wie sein Sira Jón Prímus.

Also, vielleicht war meine erste Frage, die ich nicht mehr genau erinnere, womöglich genau so naiv, wie die des jungen Investigators, aber mit der Antwort, dass der weltgewandte Dichter eben keine Antwort wisse, hatte ich wirklich nicht gerechnet. Zum Glück fielen mir nach einer Weile die Schneeamseln ein, jene allein in Island beheimatete Vogelart, die im Sommer Sonnenkreischer heißt, die ich zwar noch nie gesehen hatte, aber von der ich wusste, dass hauptsächlich sie gemeint war, wenn Laxness im Roman seinen Pfarrer sagen lässt:

Worte verwirren nur. Warum können wir uns nicht anzwitschern wie die Vögel?

Vielleicht, so dachte ich, gelänge es mir, hierüber das Eis zu brechen, und so habe ich ihn wohl gefragt, ob er denn den Worten misstraue?

Und siehe da, er antwortete: Nein, aber ich halte die Sprache der Vögel für eine sehr vollkommene und große Sprache, also wir dürfen nicht herablassend von der Sprache der Vögel sprechen, nur weil wir sie nicht verstehen. Ich habe die Vorstellung, dass die Sprache der Vögel eine wundervolle Sprache ist.

Sprach´s und viel erneut in Schweigen. Dennoch, diese ersten wenigen Sätze, die auf Band festgehalten zu werden lohnten, sollten mir später nicht nur als Beweis dienen, überhaupt in diesem Zimmer gewesen zu sein, sie gaben mir auch Mut in der Situation selbst. Auch wenn mein germanistisch-journalistisches Hoffen auf ein rares poetologisches Bekenntnis enttäuscht worden war, ich wagte mich weiter vor. Von seinen Romanfiguren allgemein begann ich zu reden, von ihrem Verwachsensein mit der Heimat und den Mythen, ihrer gleichzeitigen Neugier auf und Skepsis gegenüber der großen, weiten Welt. Worin war der Grund für dieses alles bestimmende Verhalten zu sehen? In der Isolation, die die bevölkerungsarme Insel mit sich brachte, in der wenig verbreiteten Sprache?

Sie haben wohl Recht, sagte er, unsere Sprache ist nicht sehr verbreitet. Aber obwohl das so ist, und obwohl das Land hier sehr hart und schwierig ist und manchmal sehr schlimmes Wetter hat, im Sommer wie im Winter, so hat man hier doch allerlei zustande gebracht an wertvollen Dingen, die sich durchaus vergleichen können mit dem, was andere Völker mit vielen Millionen Menschen geschaffen haben. Es hängt nicht von der Zahl der Köpfe ab, die man zählen kann, ob ein Land ein Land der Literatur ist. Die größten Länder in der Welt der Kultur waren immer sehr kleine Länder.

Mit dieser Antwort, so empfand ich es damals, verbuchte ich meinen zweiten Fehlschlag, das erwartete, deutlich ausgesprochene Bekenntnis zur Nation schien mir ebenfalls ausgeblieben zu sein. Doch vielleicht ließ sich dem hinter einer Zigarrenwolke verborgenen Isländer, der, wie ich ja gelesen hatte, in früheren Jahren als kritischer und sozial engagierter Denker so viele Länder bereist und wechselweise mit den verschiedensten religiösen und gesellschaftspolitischen Ideen und Ideologien sympathisiert hatte, ja eine politische Aussage entlocken. Ich konfrontierte ihn also erstens mit dem Satz seines Geschöpfes Pfarrer Jón (Ich habe nur eine Theorie, nämlich dass Wasser gut sei) und zweitens mit dessen Prognose: Wer nicht in der Poesie lebt, der überlebt hier auch nicht. Ließen solche Äußerungen darauf schließen, wo der späte Laxness steht? Bedeuten sie etwa eine Absage an die Vorstellung, dass die Welt durch Systementwürfe, durch das Wirken der Vernunft also zu bessern sei?

Nein, ich glaube, es ist eine Absage an nichts. Es ist nur die Lebenserfahrung eines Mannes, in wenigen Worten gesagt. Die Kunst besteht darin, einen Satz so kurz und so klar zu machen wie möglich. Und man sollte diese kleinen Sätze, die so viel zu sagen haben, nicht länger machen. Dadurch würden sie auch langweilig und sinnlos werden und dem Leser vielleicht einen wertvollen Gedankenstoff wegnehmen.

Jetzt schwieg ich, und in schneller Erinnerung an so manches weitere, das ich in Laxness´ hier am Stehpult entstandenem Werk gelesen hatte, muss ich wohl auch zustimmend genickt haben. Laxness jedenfalls erhob sich aus seinem Sessel und bedeutete mir, ihn wieder treppab zu begleiten, wo wir uns bei einer Kanne Kaffee bald erneut aufs Lebhafteste unterhalten haben, grad so, als habe es diese lästige Unterbrechung nie gegeben.

Im Rückblick: Es war ein sehr schöner, ein reicher und nachfolgend ein noch reicherer Tag, den Auður und Halldór dem, wie sie mich nannten, jungen Freund aus Deutschland beschert hatten. Noch reicher deshalb, weil mein Bekenntnis, keinen weiteren schreibenden Isländer persönlich zu kennen, ihn oder Auður, das erinnere ich nicht mehr genau, sofort zum Telefon greifen ließ, und noch für denselben Abend war ein Treffen mit einer Kollegin aus der Theaterbranche arrangiert. Sigrún Valbergsdóttir, so hieß die Dame, die sich meiner annehmen musste (sie und ihr Mann Gísli Már, ein Verleger, zählen heute zu meinen besten Freunden), reichte mich weiter, und so lernte ich noch viele kennen in den Tagen, die mir bei meinem ersten Aufenthalt in Reykjavík verblieben: Schriftstellerinnen und Dichter, Theater-, Film- und Radiomacher, Malerinnen, Schauspieler und Übersetzer. Und zu welcher Tageszeit auch immer sie mich zu sich einluden, es stand Kaffee auf dem Tisch und nicht gerade selten gesellte sich auch ein Gläschen Svartidauði hinzu, der im isländischen Volksmund „Schwarzer Tod“ genannte Schnaps. Ja, und diesen ersten, Halldór Laxness ursächlich zu verdankenden Begegnungen und der dabei in mir geweckten Neugierde insbesondere auf die mir bis dahin völlig unbekannte Fülle der isländischen Literatur, habe ich es zu verdanken, dass ich heute diesen Beitrag zur Reihe #MeinKlassiker schreiben konnte.

Wolfgang Schiffer
https://wolfgangschiffer.wordpress.com/

#MeinKlassiker (29): „Ich wollte nur mal Danke sagen“ – Ulrike Schäfer über Marie Luise Kaschnitz

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Mit ihrem Erzählband „Nachts, weit von hier“, der 2015 beim Verlag Klöpfer & Meyer erschien, hat mich die Schriftstellerin Ulrike Schäfer gefangen: Mich begeisterte diese zurückgenommene, ruhige Art ihres Schreibens, ich mochte die Art des Erzählens, die Raum lässt. Und so war ich sehr gespannt auf ihre Klassikerin – aber auch nicht sehr überrascht, als der Name Marie Luise Kaschnitz fiel: Das passt sehr gut, kam mir spontan in den Sinn, auch eine, die nichts auserzählen musste und dennoch eine ganz eigene Wirkung entfaltet in ihren Erzählungen.
Wer sich in Ulrike Schäfers Texte einlesen will, der findet hier mehr davon: http://www.ulrike-schaefer.de/.

Ulrike Schäfer über ihre Klassikerin:

Wenn ich nur eine einzige Schriftstellerin nennen dürfte, die mich geprägt hat, dann wäre es Marie Luise Kaschnitz. Und wenn ich, stellvertretend für alle ihre Texte, nur einen einzigen nennen sollte, dann wäre es “Das dicke Kind”.

Es war Ende Januar, bald nach den Weihnachtsferien, als das dicke Kind zu mir kam.

Dieser erste Satz, wenn ich ihn heute lese, entwickelt noch den gleichen Sog wie damals, den ich bei so vielen ihrer Kurzgeschichten empfand.

Ich hatte in diesem Winter angefangen, an die Kinder aus der Nachbarschaft Bücher auszuleihen, die sie an einem bestimmten Wochentag holen und zurückbringen sollten. […] Das dicke Kind kam an einem Freitag oder Samstag, jedenfalls nicht an dem zum Ausleihen bestimmten Tag.

So einfach, so alltäglich. Fast alles normal, und ich spüre: Das dicke Kind kommt wie eine Heimsuchung. Ich spüre überhaupt eine Menge, was da gar nicht steht und doch mitschwingt. Satz um Satz zieht es mich weiter.

Es ist kaum möglich, den Inhalt der Geschichte wiederzugeben, ohne sie vollkommen zu banalisieren. Das dicke Kind, zunehmend lästig, ja verabscheut und schließlich gehasst, treibt die Ich-Erzählerin zum See, zum gefährlichen Eis bei Tauwetter, macht sie zur Zuschauerin eines Kampfes und einer Verwandlung und lässt sie schließlich selbst verwandelt zurückkehren.

An meinen Heimweg an diesem Abend erinnere ich mich nicht. Ich weiß nur, daß ich auf unserer Treppe einer Nachbarin erzählte, daß es noch jetzt ein Stück Seeufer gäbe mit Wiesen und schwarzen Wäldern, aber sie erwiderte mir, nein, das gäbe es nicht.

Was auch immer es ist, das mich an ihrem Ton so anzieht: Diese Lakonie gehört unbedingt dazu. Nein, das gäbe es nicht. Was du erlebt hast, kann so nicht gewesen sein. Und ist es doch, in einer anderen, tieferen Dimension.

Überhaupt die Tiefe: Sie ist da, aber nicht auserzählt. Kaschnitz’ Geschichten sind klar und genau und eröffnen zugleich einen Raum. Ich mag diese Klarheit, ich mag die Schlichtheit und Prägnanz ihrer Sätze, die Dichte ihrer Geschichten. Das Ungesagte. Es ist nicht die einzige Art zu erzählen, die mich begeistert, berührt und beeindruckt, aber sozusagen die erste, die ursprüngliche. Vielleicht gibt es das für jede Leserin, jeden Leser? Dass eine bestimmte Weise zu erzählen so etwas wie ein Wiedererkennen auslöst? Etwas Derartiges jedenfalls empfand und empfinde ich bei ihren Geschichten (und habe es ein zweites Mal bisher nur bei Marlen Haushofers “Die Wand” empfunden).

kaschnitzWenn ich jetzt die Taschenbücher von damals auf dem Tisch liegen sehe – Wohin denn ich, Jennifers Träume, Seid nicht so sicher, Steht noch dahin, Der alte Garten, Lange Schatten -, dann bin ich voller Dankbarkeit. Nicht nur für das intensive Leseerlebnis – ich habe die Bücher vermutlich alle mehrmals gelesen -, sondern auch weil ihre Prosa auf mich einen zweifachen Sog ausübte. Ich wollte schon schreiben, bevor ich Kaschnitz gelesen habe, aber mit ihr hat dieser Wunsch einen Anker in der wirklichen Welt gefunden, an dem ich mich auch viele Jahre später, als ich es endlich, endlich ernsthaft versuchte, noch festhalten konnte. Meine ersten tastenden Schreibversuche waren Kurzgeschichten, nicht aus einem rein praktischen, schreibökonomischen Grund, aus dem viele Prosaautoren zunächst Kurzgeschichten schreiben. Für mich war diese Form von Anfang an mehr als eine Fingerübung, etwas anderes als die Durchgangsstation zur “Königsdisziplin” Roman. Ich wollte diese Form verstehen, ich wollte sie durchdringen, mich in ihr ausdrücken können, weil sie für mich selbst eine Königsform ist. Wer hat mich das gelehrt?

Einige Jahre nach diesen tastenden Anfängen, aber noch immer mitten im Anfang begriffen, verfolgte ich eine Podiumsdiskussion in Kloster Irsee zum Thema “Muss Literatur innovativ sein?” – eine Frage, die mir große Sorge bereitete, wie ich überhaupt umstellt war von Sorge, was das Schreiben betrifft. Zu den Diskutanten gehörte Dagmar Leupold. Sie sagte etwas, das für mich ebenfalls zum Anker wurde: Sie stelle sich Literatur ja nicht so linear vor, sondern eher als einen Raum, in dem es verschiedene Orte gebe, zu denen man sich dazugesellen, sich zugehörig fühlen könne. Mir leuchtete das unmittelbar ein, und ich hatte diesen Raum sofort bildlich vor mir: eine Art Cocktailparty der Literaturgeschichte, in einer ruhigen Ecke Marie Luise Kaschnitz mit Marlen Haushofer ins Gespräch vertieft.

An diesen Raum denke ich oft. Gerne phantasiere ich mir dann einen befreundeten Kellner herbei, der bei dieser Party serviert und der mir unter der Hand eine Einladungskarte organisiert hat. Unter Beschwichtigungen – ”Das merkt schon keiner!” – schiebt er mich beherzt und illegal ins Getümmel. Da stehe ich nun unter all den Honoratioren und fremdle vor mich hin. Und denke mir irgendwann: Ja wenn du schon mal da bist … Atme ein paar Mal tief durch, schlängle mich an Thomas Mann, Goethe & Co. vorbei, stehe schließlich vor ihr und flüstere sehr verlegen: Ich wollte nur mal Danke sagen.

Ulrike Schäfer
http://www.ulrike-schaefer.de/

#MeinKlassiker (28): Gunnar und sein kriminell guter Klassiker von Eric Ambler

„Genreliteratur“: Was eigentlich nur die inhaltliche Klassifikation erleichtern sollte, dient leider oft genug auch als Qualitätsaussage. Wo Genre draufsteht, kann keine gute Literatur drin sein – so lautet häufig der Kurzschluss hierzulande. Das trifft alle Genres – auch die Kriminalliteratur, die oftmals in die reine Unterhaltungsecke gesteckt wird. Dabei gab und gibt es hochklassige (Krimi-)Autorinnen und Autoren, die manchen Belletristen an Talent weit überragen. Aber der Literaturnobelpreis für einen Krimischriftsteller? Beinahe undenkbar. Das wäre noch sensationeller als jener an Bob Dylan. Zumindest bei #MeinKlassiker sollen diese Genregrenzen nicht bestehen – und daher freut es mich, dass Gunnar Wolters, ein ausgesprochener Spannungsfachmann vom Blog Kaliber.17 | Krimirezensionen hier seinen Klassiker vorstellt:

Als Birgit mich fragte, ob ich auch einen Beitrag zu #MeinKlassiker beitragen möchte, war ich sofort Feuer und Flamme, zumal ich bemerkt habe, dass die Kriminalliteratur in dieser Reihe bislang etwas unterrepräsentiert ist. Nun war noch die Frage offen, welches Buch ich auswähle. Und da kam ich relativ schnell auf einen Autor, den ich zwar erst vor knapp zwei Jahren für mich entdeckt habe, der mich aber so beeindruckt hat, dass ich mich seitdem Stück für Stück durch seine Werke lese: Eric Ambler. Sein herausragendes Werk ist das 1939 erschienene „Die Maske des Dimitrios“.

Wenn ich danach gegangen wäre, welches Buch oder welcher Autor mich schon am längsten begleitet und was ich am häufigsten gelesen habe, dann hätte ich sicherlich Arthur Conan Doyle vorstellen müssen. Sein Sherlock Holmes ist eine Figur für die Ewigkeit und war auch mein Einstieg ins Krimigenre. Ich habe mich jedoch anders entschieden und zwar aus dem Grund, um zu zeigen, was mich an der Kriminalliteratur begeistert, nämlich, dass sie dahin geht, wo es weh tut und auf unbequeme Art gesellschaftliche und politische Missstände entlarvt. Daher möchte ich den eingefleischten Belletristikern unbedingt raten, ab und zu auch mal einen Krimi in die Hand zu nehmen. Wer abseits der Auslegeware der großen Buchhandlungsketten tiefer ins Genre eintaucht, wird auch mit literarisch hochwertiger Lektüre belohnt, z.B. mit Eric Ambler (dessen Gesamtwerk übrigens gerade bei Hoffmann & Campe wiederveröffentlicht wird).

„Die Maske des Dimitrios“ wurde 1939 als fünfter Roman von Eric Ambler veröffentlicht und ist wohl sein bekanntestes Werk. Der Roman gilt als prägend für das damals noch relativ junge Genre des Thrillers. Er ist äußerst fein konzipiert in einer episodenhaften Struktur mit vielen Dialogen, Abschnitten in Briefform und (inneren) Monologen. Auch die Verfilmung aus dem Jahr 1944 ist ein Klassiker des „film noir“.

Der Roman beginnt ganz harmlos mit einer Urlaubsreise von Charles Latimer. Latimer ist Volkswirtschaftsdozent und inzwischen erfolgreicher Krimi-Autor. In Istanbul lernt er den Geheimdienst-Oberst Hakki kennen. Dieser ist ein Fan Latimers und versucht, ihm ein eigenes Manuskript unterzujubeln. Um ihn weiter zu beeindrucken, nimmt Hakki Latimer mit auf seine Dienststelle und zeigt ihm dort die Akte „Dimitrios“. Ein Berufskrimineller, schon lange international von der Polizei gesucht. Dimitrios‘ Leiche wurde im Bosporus aufgefunden. Latimer darf sogar dessen Leichnam ansehen. Er ist zunehmend fasziniert von der Person des Dimitrios und beginnt aus literarischem Interesse eine Recherche. Doch was als spielerische Spurensuche beginnt, wird bald ein gefährliches Spiel. Die Nachforschungen führen Latimer quer durch Südeuropa auf den Spuren der kriminellen Karriere des Dimitrios als Mörder, Attentäter, Spion, Zuhälter und Rauschgifthändler. Schließlich führt Latimers Weg nach Paris, wo die Maske des Dimitrios gelüftet wird.

Doch es nützte nichts, ihn mit Begriffen wie „Gut“ und „Böse“ erklären zu wollen. Das waren lediglich barocke Abstraktionen. Die Elemente der neuen Theologie hießen „gutes Geschäft“ und „schlechtes Geschäft“. Dimitrios war nicht böse. Er war logisch und konsequent, so logisch und konsequent im europäischen Dschungel wie das Giftgas Lewisit und die Leichen von Kindern, die bei einem Luftangriff auf eine offene Stadt umkommen. Die Logik von Michelangelos David, von Beethovens Streichquartetten und Einsteins Theorien war durch die Logik des Börsenhandbuchs und Hitlers Mein Kampf ersetzt worden. (S.289)

Was mich an Eric Amblers Politthrillern von Beginn an ansprach, ist das von ihm beschriebene Geflecht von Politik, Wirtschaft und Verbrechen. Seine Thriller handeln durchgehend von Machtpolitik, (Staats-)Terrorismus und den Auswüchsen des Kapitalismus. So ist es auch in „Die Maske des Dimitrios“. Ambler spricht zahlreiche politische Themen im Roman an: Der griechisch-türkische Krieg 1922 mit dem Massaker von Smyrna (Izmir), die Destabilisierung Bulgariens und Jugoslawiens durch politische Attentate oder Spionage zwischen Italien und Jugoslawien (Der Faschismus ist auch immer wieder ein Thema in seinen Romanen, allerdings mehr in den vorherigen). Grundtenor ist jedoch die unheilvolle Allianz zwischen Großkapital und international organisiertem Verbrechen (ein eindeutig zeitloses Thema). Ambler war über seine Romane zeitlebens ein Kritiker der Auswüchse des Kapitalismus und dessen verschiedenen Ausprägungen im (Neo)kolonialismus und Faschismus (als linker Intellektueller brauchte Ambler ein paar Romane, um sich auch am Stalinismus abzuarbeiten). Im Roman übernimmt der Journalist Marukakis die Rolle des mahnenden Anklägers („Wenn ein Attentat für das Geschäft gut ist, wird es ein Attentat geben“, S.104). Zunächst schüttelt Latimer darüber noch etwas den Kopf, doch er wird im weiteren Verlauf eines besseren belehrt.

Amblers Romane sind zudem alles andere als Mainstream. Natürlich könnte man mäkelnd einwerfen, dass der Roman mit Spannungsbögen und Action heutiger Thriller nicht ganz mithalten kann und dass aktuelle Autoren eher nach dem Motto „Show, don’t tell“ arbeiten, aber für meinen Geschmack macht er das durch einen sehr feinen, eleganten, an manchen Stellen auch humorvollen Stil mehr als wett. Was mich an Ambler reizt, sind die intelligenten und raffinierten Plots, in denen die Wirklichkeit so dargestellt wird, wie sie vermutlich auch ist, komplex, undurchsichtig und zumeist zynisch. Interessant ist auch immer wieder seine Figurenwahl, indem er konsequent mehr oder weniger Unbeteiligte, Normalos ins Getümmel wirft und schaut, wie sie darin zurechtkommen. So wie in „Die Maske des Dimitrios“ die Hauptfigur des Charles Latimer. Dieser ist ehemaliger Volkswirtschaftsdozent, der sich inzwischen erfolgreich ganz auf das Schreiben von Cosy-Krimis konzentriert hat. Latimer ist durchaus das, was man sich unter einem englischen Professor der damaligen Zeit vorstellt, distinguiert, etwas bieder, bislang existiert Kriminalität für ihn mehr oder weniger nur in der Fiktion. Latimer ist auch nicht wirklich Handelnder, sondern nach kurzer Zeit hetzt er von Ort zu Ort den Informationen hinterher, die ihm häppchenweise über Dimitrios gegeben werden.

Als „Klassiker“ zeichnet den Autor Ambler ebenfalls aus, dass er so etwas wie der Chronist des 20.Jahrhunderts ist. Sein erster Roman erschien 1936 unter den drohenden Vorzeichen des kommenden Zweiten Weltkriegs, der letzte 1982 im Ost-West-Konflikt mit seinen schmutzigen Stellvertreterkonflikten. Und dennoch fällt immer wieder seine Zeitlosigkeit bei seiner Themenwahl auf, seine Plots könnten kaum verändert auch in der heutigen Zeit spielen. So las ich im Frühjahr letzten Jahres seinen vorletzten Roman „Bitte keine Rosen mehr“ aus dem Jahr 1977 über die „Steuervermeidungsbranche“, als just die „Panama Papers“ die Schlagzeilen bestimmten. Das ist auch das, was mich an „Klassikern“ (des Kriminalromans) reizt: Der historische Kontext mit direkten Bezügen zu gegenwärtigen Situationen. Eric Ambler ist hier ein Paradebeispiel und sein „Die Maske des Dimitrios“ daher #MeinKlassiker.

Gunnar Wolters
Mitwirkender bei www.krimirezensionen.de

#MeinKlassiker (27): Peggy, Goethe, der Faust und Lehren fürs Leben

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Lange Zeit hat uns Peggy Richter auf ihrem Blog „Entdecke England“ mit ihren Beiträgen über Land und Leute, Geschichte und Kultur, Führungen durch die Museen und Dichterhäuser in London und ganz Großbritannien begeistert. Mit ihr ließ sich England wunderbar entdecken. Wer ihren Blog verfolgt, weiß jedoch, dass der Brexit auch hier seine Folgen hat: Peggy und ihre Familie verlassen England in Richtung Dubai. Ich möchte ihr und ihren Lieben an dieser Stelle noch einmal alles Gute für den Neustart wünschen – und ich freue mich auf ihre Beiträge aus einer ganz anderen Welt.
Zuvor hat Peggy mich jedoch mit ihrem Klassiker ziemlich überrascht: Eigentlich rechnete ich mit einem der großen britischen Schriftsteller. No way! Faust sollte es sein. Grandios, fand ich – denn was wäre eine Klassikerreihe ohne Goethe?

Ich kann mich noch genau erinnern, als ich die alte geschwungene Treppe in meiner neuen Schule hochging. Es war 1990 und es roch nach Bohnerwachs und großen Erwartungen. Ein knappes Jahr zuvor war die Mauer gefallen und ich, in der DDR aufgewachsen, fühlte, dass mir die ganze Welt offenstand. Alles, was ich tun musste, war, meinen Weg mit Bedacht wählen und ihn zielstrebig verfolgen. Aber welcher Weg war der Richtige? In dieser Zeit, als die Möglichkeiten grenzenlos schienen, es aber keine Orientierungspunkte gab, weil alles bisher Bekannte plötzlich keinen Bestand mehr hatte; in dieser Zeit, als das gesellschaftliche Chaos mit meinem pubertären Gefühlschaos Hand in Hand ging, traf ich einen Gelehrten auf der Suche nach dem Sinn des Lebens. Sein Name war Faust. Er hatte viel studiert, fühlte sich aber weiter denn je davon entfernt, das Geheimnis des Lebens zu lüften. Auf den ersten Blick war er kein sehr sympathischer Zeitgenosse, ein Nörgler, einer, der nie zufrieden war. Aber je näher ich ihn kennenlernte, desto mehr fühlte ich mich ihm verbunden.

Wie bei Faust schlugen auch in meiner Brust zwei Herzen: Einerseits wollte ich wissen, „was die Welt im Innersten zusammenhält“, andererseits wirkten die Mädchen und Jungs, die sich heimlich vom Schulhof schlichen, um zu rauchen, cooler und irgendwie näher am Leben. Faust entflieht der Studierstube, die ihm zum Gefängnis geworden ist, mithilfe von Mephisto. Auf der Suche nach dem höchsten Glücksgefühl, probiert er alles aus, was das Leben zu bieten hat: ein Saufgelage in Auerbachs Keller, die Verführung Gretchens und allerlei andere Zerstreuungen. Ich stürzte mich derweil mit einer Packung Zigaretten ins Leben. Aber genau wie Faust stellte ich bald fest: Nur weil ich irgendwo dabei war, fühlte ich mich noch lange nicht zugehörig. Ich war Zuschauer in einem Stück, das mich nicht wirklich interessierte. Und die Zigaretten haben mir auch nicht geschmeckt. Ich musste meinen eigenen Weg zum Glück finden.

Faust hat mich, die ich selbst eine Suchende war, tief berührt. Dieser innere Kampf zwischen dem, was man ist, und dem, was man gerne sein will, die richtige Mischung aus Pflicht und Kür, Forscherdrang und Lebensfreude zu finden, das waren und sind für mich die Kernthemen des Lebens. Wer ist schon immer voll und ganz mit seinem Leben zufrieden? Und was würde einen noch antreiben, wenn man es wäre? Leben ist vor allem Veränderung. Es besteht aus einem ständigen Austarieren der verschiedenen Kräfte, die in einem selbst und in der Gesellschaft wohnen. Diese werden zum Teil von Mephisto, dem „Geist, der stets verneint“, der „das Böse will und das Gute schafft“, verkörpert. Er lockt mit Versuchungen und führt in Sackgassen, aber er ist auch der Mut, gegen den Mainstream zu schwimmen und Neues zu entdecken.

Am Ende des zweiten Teils findet Faust seine Erfüllung, als er dem Volk hilft, neues Land zu gewinnen. Und auch im wahren Leben gibt es meiner Erfahrung nach keine Zufriedenheit, wenn man nicht eine Aufgabe hat, in der man aufgeht. Wer kennt nicht dieses tiefe innere Glücksgefühl, nachdem man etwas geschafft hat – sei es im Beruf, am Ende einer langen Wanderung, wenn man Tomaten im eigenen Garten erntet oder einen Blogartikel online gestellt hat? Oder, um es mit Faust zu sagen:

„Das ist der Weisheit letzter Schluss:

Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben,

Der täglich sie erobern muß.“

Der besondere Reiz von Faust liegt für mich allerdings darin, dass er viele Facetten hat. Gleich zu Beginn streiten Dichter und Theaterdirektor darüber, ob ein Stück nur dann gut ist, wenn es ein Kassenschlager ist. Fausts Seele ist der Wetteinsatz eines Spiels zwischen Gott und Teufel, was dem Stück eine transzendentale Note verleiht. Faust verkauft dem Teufel seine Seele, um etwas zu erreichen, das er aus eigener Kraft nicht schafft – eine immer wieder gern verwendete Metapher in Film und Literatur. Und da ist Gretchen, von Faust verführt und verlassen und dadurch zum Kindsmord getrieben. Das Werk strotzt vor Themen, die in abgewandelter Form nichts an Aktualität verloren haben, die oft ambivalent sind und deshalb zum Nachdenken anregen. Deshalb ist er der Klassiker, der mich bis heute am nachhaltigsten beeindruckt hat.

Peggy Richter
https://entdeckeengland.com/

#MeinKlassiker (26): Wenn Ruth ihren Klassiker liest, dann liest sie „Mein Michael“

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Ruth Justen erliest sich die Welt – diesen Eindruck gewinnt man auf ihrem Blog „Ruth liest“. Seit 2011 stellt sie dort Bücher vor – Romane von Autoren von Afghanistan bis Weißrussland. Die freie Journalistin und PR-Beraterin, die unter anderem auch für die Leipziger Buchmesse tätig ist, konzentriert sich auf ihrem Literaturblog auf aktuelle Neuerscheinungen. Umso spannender ist es, zu erfahren, was denn ihr Klassiker ist…

#MeinKlassiker: Anfang November fragte mich Birgit von Sätze&Schätze, ob ich mich an ihrem Projekt #Mein Klassiker beteiligen wolle. Unter dieser Überschrift stellen Blogger einen Klassiker aus ihrer Lektüreliste vor, der ihr Leseleben besonders beeinflusst hat. Eine solche Schlüssellektüre war für mich 1989 der Roman „Mein Michael“ von Amos Oz.

Zunächst einmal ist der Titel irreführend. Der Roman dreht sich gar nicht um Michael. Im Mittelpunkt der Geschichte steht Hannah. Denn das Buch des Autors nimmt komplett die Perspektive der jungen Frau ein. Wie kann ein Mann authentisch die Sicht einer Frau schildern? Amos Oz kann es:

„Ich schreibe dies nieder, weil Menschen, die ich geliebt habe, gestorben sind. Ich schreibe dies nieder, weil ich als junges Mädchen erfüllt war von der Kraft der Liebe und diese Kraft der Liebe nun stirbt. Ich will nicht sterben. Ich bin 30 Jahre alt und eine verheiratete Frau….“

Mit diesen Zeilen beginnt die Erzählung. Amos Oz Darstellung der jungen Liebe zwischen Hannah und Michael, des Ehelebens und schließlich der Trennung – geschrieben Mitte der 60iger Jahre – überzeugt noch heute.

Vor dem Hintergrund des (noch) geteilten Jerusalems führen die beiden ehemaligen Studenten eine freudlose Ehe in trostloser Umgebung. Genau genommen basiert die Eheschließung auf einem großen Missverständnis und dem Unvermögen, sich selbst dieses einzugestehen und die Angehörigen zu enttäuschen. Schier undenkbar scheint die Auflösung der Verlobung zu sein. Dankbar sollte man sein, nicht allein durch das Leben zu gehen.

Doch wenn man zweisam auch bloß einsam ist, so ist es eben auch keine Grundlage für eine glückliche Ehe. Eine einfache Erkenntnis? Heute vielleicht. Obwohl ich mir da auch nicht so sicher bin. Aber Mitte der 60iger Jahre wahren Scheidungen, vor allem scheinbare „grundlose“ Trennungen, keineswegs an der Tagesordnung. Denn im ganzen Buch passiert nicht ein Drama. Es gibt keinen Hass, keine Gewalt, keinen Liebhaber – die beiden Menschen waren einfach nie wirklich miteinander verbunden. Und Hannah braucht zehn Jahre, um dies zu begreifen und entsprechend zu handeln.

Sehr einfühlsam erzählt Amos Oz, wie sehr die Elterngeneration ihre Kinder zur Ehe und zu Enkelkindern drängt und wie sehr sich die jungen Menschen nach einer intakten Familie sehnen.

Bereits in diesem frühen Werk gelingt es dem Schriftsteller, die vielen Facetten der Protagonisten feinfühlig herauszuarbeiten und gleichzeitig präzise den gesellschaftlichen Rahmen zu zeichnen.

Amos Oz mag heute in aller Welt zu den berühmtesten Schriftstellern Israels gehören. Ende der 80iger Jahre, als die erste Auflage von „Mein Michael“ in Deutschland erschien, war das noch nicht so. Sein Stern ging gerade erst am deutschen Literaturhimmel auf. Warum griff ich zu diesem Buch? Im Erscheinungsjahr 1989 steckte ich gerade mitten in meinem Studium der Mediavistik und Judaistik an der Johann Wolfgang von Goethe-Universität Frankfurt am Main. So schön es war und ist, sich mit längst vergangenen Epochen zu beschäftigen, so neugierig war ich aber auch auf die jüngste Geschichte. Zumal der Roman „Mein Michael“ zu Beginn an der Hebräischen Universität in Jerusalem spielt, an der ich im Sommer 1987 einen Modernhebräischkurs besucht hatte. Meine Begeisterung für dieses Buch ist also nicht nur im Werk selbst begründet. Der Roman berührt an vielen Stellen meine eigene Biografie.

Ruth Justen
http://ruthjusten.de/

#MeinKlassiker (25): Anna Karenina reloaded

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Andrea Schopf-Balogh bloggt erst seit einigen Monaten, hat sich aber bei mir schon einen festen Stammplatz im Reader erobert: Ich mag ihre sehr persönlichen, klugen Texte über Literatur, Filme und Musik, über das Reisen und das Lesen. Ein besonderer Höhepunkt ist für mich ihre Reihe „Throwbackmonday“: Erstaunlich, welche Geschichten sich dabei rund um Schriftstellerinnen und Schriftsteller entfalten. Aber lest selbst: https://andreaschopfbalogh.wordpress.com/.
Und so ist ihr Klassiker „Anna Karenina“ auch ein Beispiel dafür, wie lebendig und frisch uns diese wunderbaren Bücher immer noch begegnen können:

Es ist immer ein eigenartiges Gefühl, Lieblingsbücher aus meiner Jugendzeit wieder zu lesen. Ich verbinde mit ihnen die Erinnerungen, Stimmungen, Gefühle, die sie vor 25-30 Jahren in mir ausgelöst haben. Nehme ich diese Bücher wieder in die Hand, ändern sich meine Reaktionen meistens. Ich betrachte die Geschichten, die Schicksale und vor allem die Gefühlsregungen mit ganz anderen Augen. Vor allem die Liebesgeschichten. Es macht eben einen Unterschied, ob die eigene, längste Beziehung 2 Jahre oder das Vielfache gedauert hat. Man hat einen anderen Blick auf Beziehung, Liebe, Ehe oder Trennung. Eine differenziertere Einsicht dahingehend, wie sich große Gefühle ändern, verflüchtigen oder wieder festigen können. Was es bedeutet, treu zu bleiben oder einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen. Wie es sich anfühlt, Verantwortung für Kinder zu tragen. Lauter Erfahrungen, die ein fünfzehn jähriges Mädchen, das das erste Mal Anna Karenina liest, nicht kennt.

Damals war ich fasziniert von ihrem Lebensweg. Wow! Das ist wahre Liebe! – dachte ich. So muss es sein, bedingungslos zu lieben. Und merkte nicht, was Anna auch nicht merkte, dass sie Liebe eben mit Leidenschaft verwechselte. Ein Gefühl, das sie wahrscheinlich das erste Mal, gefangen in ihrer lieblosen Ehe erfuhr. Und in dieser Situation zu rechnen – nein, das wollte sie wirklich nicht.

Hätte sie sich aber auf dieses Gedankenexperiment, auf eine Arithmetik der Liebe eingelassen, hätte sie sofort festgestellt, dass es nach ihrer Entscheidung, ihren Ehemann zu verlassen, keinen Weg für sie gab, keine wie auch immer geartete Chance, einen Ausweg zu finden –  nur eine Sackgasse. Denn wie sollte ihr jene Gesellschaft verzeihen, die auf Äußerlichkeiten, Konvention, Starre und die Unterdrückung individueller Lebenswege basierte? Und wie ihr Ehemann, der eifriger Diener und privilegierter Nutznießer dieser Gesellschaftsordnung war? Und was bedeutete diese Amour fou für ihren Liebhaber, der Karriere in ebendieser Gesellschaft machen wollte? Und was bedeutete sie für ihren Sohn, der keine Mutter mehr haben durfte?

Kann ein Paar glücklich sein, wenn man einander liebt aber alles, wirklich alles dafür aufgeben muss? Tolstois klare und diesmal, trotz seines oft so nervigen, erhobenen Zeigefingers einfühlsame Antwort lautet Nein. Eh klar. Anna hätte es wissen sollen. Aber sie wollte nicht rechnen.

Dafür aber Kitty und Lewin! Sie leben nach einigen kleinen Verirrungen glücklich, zufrieden und vor allem progressiv auf ihrem Landsitz. Eine glückliche Familie eben, über die Tolstoi im ersten, berühmten Satz des Romans schreibt, den ich jedoch – das habe ich mir fest vorgenommen – nicht zitieren werde. Sie erziehen ihre zahlreichen Kinder und helfen ihren Bauern, erste Schritte in Richtung eines höheren, menschlichen Bewusstseins zu unternehmen. Eine wirkliche nette, aber schwer moralingesäuerte Idealfamilie der Marke Tolstois Zeigefinger, gähn.

Überhaupt fällt es auf, dass man nach Tolstois Auffassung nur im patriarchalischen, etwas rückständigen Moskau oder am Land glücklich werden kann (sofern man an eine Erziehung zu Religion und Moral gebunden ist, wie die Familien von Levin und Scerbackij), während das mondän-liberale Leben in Petersburg unweigerlich ins Verderben führt (siehe Karenin und Wronskij).

Aber wirklich ärgern möchte ich mich nicht darüber. Ich habe mich selbst in Verdacht, dass ich aufgrund seiner Spätwerke etwas zu kritisch mit Tolstoi bin. Dafür erlebe ich jedoch beim Wiedersehen mit ihm und Anna Karenina eine sehr schöne Überraschung. Denn passiert da nicht etwas, kaum merklich, tief im Inneren des Romans verborgen?

An der Oberfläche ist alles wie gehabt: Pflicht, Arbeit, Familienleben, Treue und Untreue, das große Geld, luxuriöse Bälle, Tradition, verhängnisvolle Beziehungen, Moral und Verkommenheit, Schuld und Haltlosigkeit – das alles, wie verwoben in ein riesiges, wunderschönes Gemälde, an dem man, je länger man es betrachtet, immer mehr faszinierende Details entdeckt.

Denn natürlich kann Tolstoi schreiben und natürlich macht es Freude, gemeinsam mit ihm in die Höhen und Tiefen seiner glanzvollen und gleichzeitig so niederträchtigen Epoche einzutauchen. Nach 100 Seiten hat endlich auch Anna ihren Auftritt. Sie ist hübsch und lebensfroh – wenn auch etwas desillusioniert und liebt ihren Sohn. Aber dann nimmt das Verhängnis seinen Lauf und Tolstoi erhebt seinen legendären Zeigefinger, denn das geht doch wirklich nicht, auf Erziehung und Religion und Moral und Tradition zu vergessen und sich einer unbändigen Leidenschaft hinzugeben. Das Unglück wird losgetreten, Gerüchte machen die Runde, Anna wird schwanger, stirbt fast bei der Geburt ihrer Tochter, das Liebespaar hält zusammen, verliert jedoch ihre gesellschaftliche Stellung, Anna darf ihren Sohn nicht sehen, wird in der Isolation von Eifersucht gequält und verfällt Wahnvorstellungen.

Während ich ihren Lebensweg und jenen der zahleichen weiteren Protagonisten verfolge, keimt in mir jedoch das Gefühl, dass Tolstoi im Laufe der Geschehnisse immer mehr Verständnis für Anna entwickelt. Dass er mit seiner Figur, die er moralisch ablehnt und die als abschreckendes Beispiel dienen soll, immer mehr mitfühlt, dass er, während er sie beschreibt, eine gewisse Akzeptanz für ihre Handlungen zulässt, dass er sie sogar insgeheim dafür achtet, sich einer verlogenen, erstickenden Gesellschaftsnorm zu entziehen – auf die Gefahr hin, von dieser zerschmettert zu werden. Anna wird im Laufe der Geschichte zu einer richtig differenzierten menschlichen Figur inmitten dieses Panoptikums gesellschaftlich durchgenormter Wachspuppen. Als würde Tolstoi durch sie erst entdecken, dass es auch außerhalb der allgemein akzeptierten Moralvorstellungen noch wirkliche Menschen gibt und nicht nur Bösewichte und absolut durchtriebene Höllenfiguren. Er begleitet Anna und staunt… und irgendwann lässt er den erhobenen Zeigefinger fallen und streichelt mit seiner Hand sanft über ihre Haare. Und heute, mit 45, finde ich diese Liebesgeschichte, die aufkeimende Liebe Tolstois zu Anna, faszinierender, als Wronskijs Leidenschaft für sie.

Aber auch Tolstois Liebe bringt ihr nicht viel, denn auch von ihm kann keine Rettung kommen. Anna hat es verabsäumt, zu rechnen und die unerbittliche Arithmetik gesellschaftlich akzeptierter Vorgangsweisen ist nicht außer Kraft zu setzen.

Andrea Schopf-Balogh
https://andreaschopfbalogh.wordpress.com/