Toni Morrison: Gott, hilf dem Kind

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„Ich kann nichts dafür. Mir könnt ihr nicht die Schuld geben. Ich hab`s nicht gemacht, und ich habe keine Ahnung, wie es passieren konnte. Kaum eine Stunde hat es gebraucht, nachdem sie sie zwischen meinen Schenkeln herausgezogen hatten, um zu merken, dass etwas nicht stimmte. Ganz und gar nicht stimmte. Sie war so schwarz, dass sie mir Angst machte. Mitternachtsschwarz, sudanesisch schwarz.“

Toni Morrison, „Gott, hilf dem Kind“, Rowohlt Verlag 2017.
Originalausgabe: „God help the child“, 2015

Lula Ann ist ein „Teerbaby“. Ein Schock für die Eltern, die – in ihrem Verhalten tief geprägt vom amerikanischen Rassismus -, so stolz auf ihre helle Haut sind. Der Vater verschwindet, die Mutter, die sich von ihrem Kind ironischerweise „Sweetness“ nennen lässt, zieht das Mädchen in einer Atmosphäre von emotionaler Kälte und Ablehnung auf.

Was für das Kind Lula Ann als Makel erscheint, der soziale Integration, Freundschaften und sogar familiäre Liebe verhindert, das verwandelt sie als Erwachsene, als „Bride“ in ein Markenzeichen: Die atemberaubende Schönheit, tiefschwarz, jedoch stets in Weiß gekleidet, inszeniert sie sich als „Panther im Schnee“.

Doch im Kern bleibt die glamouröse Karrierefrau, die Markenklamotten trägt und einen Jaguar fährt, das kleine, verunsicherte Kind. Keine Spur von „Black Panther“. Erst ein dramatischer Gewaltakt und ein Mann, der sie verlässt, führt Bride, die weiße Braut, auf Spurensuche: Nach Brooker, ihren Geliebten, aber vor allem nach sich selbst.

In ihrem jüngsten Roman vereint Toni Morrison erneut ihre zentralen Themen: Rassismus und Feminismus. Ob in „Sula“, „Teerbaby“ oder auch „Menschenkind“, immer wieder stellte die Literaturnobelpreisträgerin Frauen in den Mittelpunkt ihrer Geschichten Frauen, die im doppelten Sinne mit ihrer Identität zu ringen haben: Als Frau und als Schwarze. Morrison behandelt die Thematik jedoch nie eindimensional, konstruiert keine literarischen schwarz-weiß Anklagen, teilt nicht oberflächlich nach Hautfarben in Gut und Böse. Vielmehr sind ihre Bücher – und „Gott, hilf dem Kind“ trotz des missverständlichen Titels in besonderer Weise – eine Aufforderung zur Emanzipation.

Heidi Thomas Tewarson schreibt in ihrer rororo-Monographie (2005) über Toni Morrisons Roman „Sehr blaue Augen“:

„…ist das erste Buch, in dem Toni Morrison der Frage nach der verheerenden Folge eines schädlichen, fremden, aber allgemein verinnerlichten Denkens nachgeht, einer Frage, die in vielen Variationen immer wieder aufgegriffen wird. Die fast automatische Verinnerlichung rassistischen Denkens erweist sich als das wahrhaft Zerstörerische.“

Das wahrhaft Zerstörerische ist und bleibt natürlich der Rassismus an sich – doch wie sehr rassistische Denkweisen von den „Opfern“ selbst übernommen werden, wie sehr sie diese weitertragen und sich damit einem inhumanen System unterwerfen, das zieht sich wie ein roter Faden von der blauäugigen Pecola („Sehr blaue Augen“, 1970) bis hin zur teerschwarzen Bride. Deren Abgrenzung von der Mutter, ihre Karriere, ihre wechselnden Liebschaften: Dies alles entpuppt sich als dünner Firnis. Anpassung und Selbstverleugnung statt Selbstverwirklichung. Auch ihre Art, ihre tiefschwarze Hautfarbe zu einem Markenzeichen zu machen, ist einem rassistischen Diktat unterworfen. „Black is beautiful“, pervertiert.

„Siehst du“, sagte Jeri. „Schwarz zieht. Es ist die heißeste Ware, die es in unserer Gesellschaft gibt. Weiße Mädchen, sogar braune, müssen sich nackt ausziehen, um so viel Aufmerksamkeit zu erregen.“

Bride, deren „Liebesleben zu einer Art Cola light wurde“, mit Typen, die „mich behandelten wie einen Orden, ein glänzendes, stummes Zeugnis ihrer Heldentaten“, muss erst auf Menschen treffen, die – wie sie – durch Traumata in der Kindheit geprägt sind -, um an ihre Wurzeln, um zu echtem Selbstbewusstsein, zu echter „black power“ zu gelangen.  Sie muss zudem symbolisch beinahe verschwinden, um wieder zu wachsen: Indem ihr Körper sich in den eines brust- und haarlosen Kindes zurückverwandelt (ein typisches, wenn auch eher zurückgenommenes Beispiel für die Magie, die Toni Morrison gerne in ihre Romane einflicht), wird sie erst zur Frau.

„Gott, hilf dem Kind“: Mich begleitete beim Lesen ständig Billie Holidays Song „God bless the child“. Und wie passend die Textzeile daraus: „Mama may have, Papa may have, but God bless the child that’s got his own!“ Der schmale, multiperspektivisch erzählte Roman ist vielleicht nicht das herausragendste Buch innerhalb Morrisons Werk – die schnelle, schlanke Sprache, die ökonomische Erzählweise, die von manchen Kritikern gelobt wird, geht mir in diesem Roman zu sehr auf Kosten der Magie und Sinnlichkeit, die Toni Morrison in anderen ihrer Bücher entfaltet – aber es ist ein enorm wichtiges Buch zu diesem Zeitpunkt.

Denn in Trumps Amerika genügt es nicht, darum zu beten, dass Gott dem Kind hilft – es geht darum, dem jahrhundertelang gepflegten Rassismus und Sexismus, der nun unter den weißen Männern wieder aufzublühen droht, die Stirn zu bieten, diesem den berechtigten „Zorn von Kindern“ (wie Morrison ihren Roman wohl ursprünglich nennen wollte), von misshandelten und ausgegrenzten Kindern und der täglichen, strukturell bedingten Gewalt in einer gespaltenen Gesellschaft entgegenzuhalten. Am Ende des Romans finden die Braut, Bride, und Brooker zusammen, sie ist schwanger, sie träumen von der Zukunft:

„Ein Kind. Neues Leben. Immun gegen alles Böse, jede Krankheit, behütet vor Entführung, Schlägen, sexueller Gewalt, Rassismus, Demütigung, Verletzung, Selbstzweifel, Verwahrlosung. Niemals irrend, voller Güte. Ohne Zorn. So stellen sie es sich vor.“

God bless the child.

Verlagsinformationen zum Buch:
https://www.rowohlt.de/hardcover/toni-morrison-gott-hilf-dem-kind.html


„Gott, hilf dem Kind“ ist derjenige unter Toni Morrisons Romanen, der am nächsten an unsere unmittelbare Gegenwart angesiedelt ist. Eine weitere literarische Stimme, die die Themen Rassismus und Feminismus verknüpft, jedoch noch unmittelbarer aus unserer Gegenwart erzählt, ist Chimamanda Ngozi Adichie.

In ihrem preisgekrönten Roman „Americanah“ (2013) lässt sie eine starke Frauenfigur auftreten: Ifemelu – die wie die Autorin aus Nigeria stammt – die in die USA auswandert, um dort plötzlich zu erleben, dass Hautfarbe eben doch ein Distinktionsmerkmal sein kann.

Ähnlich wie bei Bride in Toni Morrisons Roman beginnt bei Ifemelu ein allmähliches Erwachen. Sie beginnt einen Blog zum Thema Rassismus zu schreiben – und denkt dabei messerscharf auf, wie sehr selbst in der Ära Obama, in der der Roman spielt, die Hautfarbe lebensbestimmend ist.

„Der einzige Grund, warum du behauptest, dass Rasse kein Thema war, ist, weil du es dir so wünschst. Wir wünschen es alle. Aber es ist gelogen. Ich komme aus einem Land, in dem Rasse kein Thema war. Ich habe mich selbst nicht als Schwarze gesehen, ich wurde erst schwarz, als ich nach Amerika kam.“

Die Rahmenhandlung – eine Jugendliebe, die Ifemelu zurück in ihr Herkunftsland treibt – vermag weit weniger zu fesseln als die haarscharfen Beobachtungen und Analysen, die die Autorin in der zweiten Ebene – der des Blogs – unterbringt.

Das Buch wurde von der Zeit-Redaktion in den „Kanon des jungen Jahrhunderts“ aufgenommen:
http://www.zeit.de/2015/44/chimamanda-ngozi-adichie-americanah-literaturkanon

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LESARTEN: Die „Zeit“ meint – diese Bücher überdauern die Zeit.

Da behaupte noch mal einer, auf „die Blogger“ höre niemand: Kaum tauschen Maren und ich uns aus über die Frage, ob es auch für jüngere Leser (Mitt-Dreißiger und drunter) so etwas wie einen literarischen Kanon gibt (nachzulesen ist das „Gespräch“ unter den „Lese-Omas“ bei meinen zehn Fragen zu Büchern), da startet die ehrwürdige Zeit dieses Projekt: In einer Serie werden die wichtigsten Romane der jungen Literatur vorgestellt. Man habe die Weltliteratur durchforstet, leidenschaftlich diskutiert und sich für 15 Romane dieses Jahrhunderts entschieden, die die Redaktion für die besten hält, „für Meisterwerke, die bleiben werden und nicht mit dem Tag vergehen.“ Die Redaktion ruft ausdrücklich zu Widerspruch und Diskussion auf – und weist fürsorglich darauf hin, dass „Unendlicher Spaß“ bereits 1996 erschien.

PS: Das mit der Zeit war natürlich reiner Zufall. Seit wann hört die schon auf Lese-Omas?

Und das sind die ersten elf Titel auf der Liste:

  1. Jonathan Franzen – Die Korrekturen. Jan Brandt schreibt: „Wenn es einen Einwand gegen Franzen gibt, dann ist es diese ästhetische Rückwärtsgewandtheit: Er ist ein reaktionärer Idealist, der einen Feldzug gegen die Verlockungen des Informationszeitalters führt.“
    Beitrag: „Der analoge Triumph“
  2. Jennifer Egan – Look at me. Der Roman erschien kurz vor 9/11 und handelt von einem geplanten Terrorakt in New York. „Mir kam der furchtbare Gedanke, dass ich eine Komplizin war“, äußert Jennifer Egan im Interview mit Susanne Mayer.
    Beitrag: „Ahnen, was passieren wird“
  3. Orhan Pamuk – Schnee. „Orhan Pamuk hat sein Meisterwerk Schnee vor den Attentaten von 9/11 geschrieben, der Roman spielt in den 1990er Jahren, erschienen ist er 2002, und er nimmt vorweg, was seit dem Einsturz des World Trade Center die globalisierte Welt aus den Fugen hebt: dass der Fundamentalismus im Namen des Islams in die westliche Modernisierung eingewoben ist, noch im abgelegensten Nest der Provinz und dass der Staat kaum Antworten auf die Gewalt kennt, außer seinerseits durch Gewalt, Militär, Überwachung zu reagieren“, schreibt Elisabeth von Tadden.
    Beitrag: „K wie Kristall“
  4. Daniel Kehlmann – Die Vermessung der Welt. Ulrich Greiner nimmt Stellung für das Buch: „Nein, Kehlmann war nicht dabei, und dies ist kein historischer Roman, sondern ein virtuoses Spiel mit Dichtung und Wahrheit. Die historischen Fehler, die dem Buch vorgeworfen werden, hat Kehlmann in poetischer Freiheit absichtsvoll eingebaut.“
    Beitrag: „Ein virtuoses ironisches Spiel“
  5. Marie NDiaye – Drei starke Frauen. „Als ich das Buch vor acht Jahren schrieb, sprach noch niemand von den Flüchtlingen. Für mich waren sie Helden“, äußert die Schriftstellerin im Gespräch mit Iris Radisch. Heute würde sie dieses Buch nicht mehr so schreiben – auch wenn sie hofft, „dass seine Geschichten wahr bleiben.“
    Beitrag: „Eine Chiffre für das Fremdsein“
  6. Péter Nádas – Parallelgeschichten. „Es gibt keinen anderen Autor, der mit dieser obsessiven Insistenz jede Pore der Epidermis untersucht hat, die dünne Membran zwischen innen und außen“, meint Michael Krüger. Und sagt: „Vielleicht lesen künftige Generationen dieses Buch als düstere Prophetie dessen, womit sie sich herumzuschlagen haben. Sie werden es nicht bereuen.“
    Beitrag: „Die Haut und das Ich“
  7. Haruki Murakami – 1Q84. „Japanische Literatur wirkt auf den Außenseiter so klar und so verschlossen wie ein Zengarten, der bei aller Übersichtlichkeit doch einen Sinn hat, der sich ihm nicht erschließt“: Burkhard Müller versucht dem Sinn, im „Opus Magnum“ des japanischen Starautors nachzuspüren.
    Beitrag: „Waisenkinder dieser Zeit“
  8. Herta Müller – Atemschaukel. „Das Besondere an diesem Buch ist die Sprache, in der das Schicksal von Leopold Auberg, dem Alter Ego Pastiors, in 64 kurzen Kapiteln erzählt wird“, meint Alexander Cammann. „Denn Müller poetisiert das Grauen.“
    Beitrag: „Die Schönheit der Wörter, das Grauen der Lager“
  9. Vladimir Sorokin – Der Schneesturm. Stefanie Schlamm sprach mit Sorokin über dieses Werk. Auf ihre Frage „Sie selbst werden gerne als moderner Klassiker bezeichnet. Doch sind Sie nicht eher ein düsterer Romantiker?“ antwortet Sorokin ganz lapidar: „Dazu möchte ich nichts sagen.“
    Beitrag: „Das eisige Drama der Provinz“
  10. Michel Houellebecq – Karte und Gebiet. Für den Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich ist der im Roman portraitierte Künstler, „der, gerade weil er als solcher unfasslich bleibt, viel provokanter als die Künstlerfiguren anderer Romane der letzten Jahre.“
    Beitrag: „Der Wahnwitz des Betriebs“
  11. John M. Coetzee – Tagebuch eines schlimmen Jahres. „In Coetzees Tagebuch eines schlimmen Jahres kehren die früheren Möglichkeiten des Romans zurück. Der Ruhm des Nobelpreisträgers macht sie auf der großen literarischen Bühne salonfähig“, urteilt Stephan Wackwitz.
    Beitrag: „Die erneuerte Tradition“

Am kommenden Donnerstag werden die letzten vier Bücher in diesem „Kanon des jungen Jahrhunderts“ in der Zeit vorgestellt. Und was haltet ihr von der Liste? Welche Romane könntet ihr euch auf den letzten vier Plätzen vorstellen, welches der vorgestellten Werke haltet ihr für fehlplatziert, welches Buch wird überschätzt, welches vermisst?

Nachtrag zur Komplettierung der Liste:

12. Chimamanda Ngozi Adichie – Americanah. „Es passiert viel in diesem Roman, der auf drei Kontinenten spielt, doch es werden diese Blogeinträge sein, die Americanah seinen Nachhall bescheren. Sie sind ein Zeitdokument der Ära Obama, sie sind erhellend und unterhaltsam, ernüchternd und brutal“, urteilt Jackie Thomae.
Beitrag: „Was Sie schon immer über Farben wissen wollten“

13. Karl Ove Knausgård – Sterben/Lieben/Spielen/Leben/Träumen. „Aber ich wollte mich mit Min Kamp auch befreien von diesen stilistischen Erwartungen. Ob es gut oder schlecht geschrieben ist, finde ich uninteressant. Interessant ist, was darin zum Ausdruck kommt. Also versuchte ich, schnell zu schreiben und unterhalb meiner eigenen Standards, dafür näher am Leben.“ Der Norweger im Interview zu seinem Mammut-Schreib-Projekt.
Beitrag: „Ein Bedürfnis nach Revanche“

14. Rainald Goetz – Klage. In diesem Buch, meint David Hugendick, lärmt die Gegenwart so oft, „dass es bisweilen kaum auszuhalten ist.“ Aber der aktuelle Büchner-Preisträger lärmt halt besonders gut. AMORE!
Beitrag: „Tiefenamputiertheit“

15. Roberto Bolaño – 2666. „Aber oh Wunder: Bolaño lesen, das gilt auch für das von Christian Hansen bewunderungswürdig übersetzte 2666, ist ganz leicht. Er verzichtet auf hochtrabende Stilistik und geht seinen Lesern nie mit überlegener Besserwisserei auf die Nerven“, meint Heinrich von Berenberg. D`accord!
Beitrag: „Ästhet und Folterknecht“


Bild zum Download: Bücherstapel


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