Isaac B. Singer: „Max, der Schlawiner“ und „Meschugge“

„Die Bibel und der Talmud sind voll von Sex-Stories. Wenn diese Heiligen sich nicht dessen schämen, warum soll ich es tun, ich bin doch kein Heiliger? Wenn es einen Gott gibt, so stelle ich ihn mir als einen Liebhaber vor. Gemäß der Kabbala lieben alle Seelen im Himmel.“

Isaac B. Singer

Hadern mit Gott, ringen mit Wörtern, schwelgen in und leiden an der Liebe, und unterworfen dem Sex – das sind die Leitmotive des Isaac Bashevis Singer (1904 – 1991). Und das Festhalten an einer Sprache, der der Untergang prophezeit wurde und wird. Singer erhielt 1978 den Literaturnobelpreis, als erster und bisher noch immer einziger Schriftsteller, der Jiddisch schreibt. „Sie enthält Vitamine, die es in anderen Sprachen gar nicht gibt“, sagte er. Sie sei die wortreichste Sprache, die es gibt. Bis auf wenige Ausnahmen: So hätten die meisten anderen Sprachen beispielsweise zahllose Wörter für „verrückt“ – wahnsinnig, umnachtet, irre, geistesgestört, durchgeknallt, tollwütig – aber im Jiddischen käme man mit einem einzigen Wort aus: „Meschugge“.

„Meschugge“ ist nicht nur der Titel eines Alterswerkes, sondern ein wenig auch eine Grundcharakterisierung seiner Helden. Vor allem wenn es um die Leidenschaften der Leidenschaften geht. Der Sex, die Hormone machen sie alle verrückt – sei es nun der wankelmütige Hermann Broder, der in „Feinde, die Geschichte einer Liebe“ (1973) zwischen mehreren Frauen hin- und hergerissen wird, sei es „Max, der Schlawiner“, der sich – zurückgekehrt in das Warschau seiner Kindheit – dort in eine ganze Reihe von Affären stürzt, um den Tod seines Sohnes zu vergessen und seine Impotenz zu überwinden, oder sei es der Schriftsteller Aaron Greidinger, der religiös und politisch zwischen allen Stühlen sitzt und dann auch noch der Geliebten eines älteren Mentors verfällt – einfach „Meschugge“. Die letzteren beiden Romane stammen aus dem Nachlass des Autors und erschienen erst Mitte der 90erJahre. Literarisch reichen sie an „Feinde, die Geschichte einer Liebe“ nicht heran – aber als Alterswerk greifen sie nochmals die Themen auf, die Isaac B. Singer zeitlebens umtrieben.

„Der Pessimismus einer schöpferischen Gestalt ist nicht Dekadenz, sondern das mächtige Verlangen nach Erlösung des Menschen. Indem der Dichter unterhält, fährt er fort, nach ewigen Wahrheiten zu suchen, nach dem Wesen des Seins. Er versucht auf seine ureigene Weise, das Rätsel von Zeit und Wandel zu lösen, eine Antwort auf das Leiden zu finden, in den Abgründen von Grausamkeit und Ungerechtigkeit die Liebe wiederzuentdecken.“

(Link zur Rede von Isaac B. Singer am 8. Dezember 1978 in Stockholm: http://www.nobelprize.org/nobel_prizes/literature/laureates/1978/singer-lecture.html)

Dieses literarische Programm formulierte er bei seiner Nobelpreisrede in Stockholm. Letztendlich sind die Singer-Helden immer Gefangene zweier Höllen: Der ihres Verlangens, der ihrer Identität – als Jude, als Holocaust-Überlebende, als Entflohene, oftmals als Exilanten und als Suchende. Suchend sowohl in der Liebe als auch im Glauben: Sowohl die bedingungslose Treue zu einer Frau als auch die bedingungslose „Unterwerfung“ unter einen Gott sind ihre Sache nicht. Sie sind die ewigen Zweifler – meist auch geographisch zwischen mehreren Orten verhaftet, geflohen aus der Welt des ostjüdischen „Schtetls“ in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Weder beheimatet im orthodoxen Judentum noch in der zionistischen Bewegung, pendeln diese Helden – eigentlich Antihelden – spirituell, mental, psychisch hin und her. Und auch die Liebe bietet keine Erlösung, sondern mündet meist, so wie in den genannten Romanen, in eine mittlere bis große Katastrophe. Nur „Meschugge“ bildet hier eine Ausnahme – ausgerechnet. Dazu aber später mehr.

Dass er die Geschichten seiner Romane aus der eigenen Erfahrungswelt schöpft, daraus machte Isaac Bashevis Singer nie ein Geheimnis:

„Wenn auch nicht alles, was in meinen Büchern steht, wirklich genau so geschehen ist – es hätte halt so geschehen können.“

Als Icek Hersz Zynger in Leoncin als Sohn eines Rabbiners geboren, wuchs Singer ab 1908 in der damals größten jüdischen Ansiedlung der Welt, in Warschau auf. Aus wirtschaftlicher Not zog die Mutter Batsheva mit ihm und einem Bruder 1917 nach Bilgorai zu ihren Brüdern, ebenfalls Rabbiner. Hier lernte Singer die traditionellen Lebensformen der polnischen Juden kennen. Das „Schtetl“ und seine Geschichten – auch sie prägen sein späteres Schreiben. Singer, der selbst eine Ausbildung zum Rabbiner abgebrochen hat, kann 1935 seinem älteren Bruder nach New York folgen, muss sich jedoch von seiner ersten Frau trennen. Nach Anfangsschwierigkeiten beginnt er, wie sein Bruder, für jiddische Zeitungen zu schreiben, eigene Erzählungen und Romane (oft als Fortsetzungsgeschichten) zu veröffentlichen, immer mit dabei: Die Schreibmaschine mit jiddischen Buchstaben.

1940 heiratet er die aus Deutschland geflohene Alma Wassermann (1907-1996): Eine lebenslange Liebe und Ehe, aber treu blieb er ihr nie. Auch das eines seiner literarischen Motive.

Drei Beispiele für spätere Singer`sche Dreiecks- (bzw. Mehrecks-) Geschichten:

„Feinde, die Geschichte einer Liebe“ (1973) wurde bereits auf dem Blog vorgestellt:

„Herman neckte sie oft, nannte sie albern, aber das Opfer, das sie ihm gebracht hatte, konnte er nie vergessen. So wie sie offen und ehrlich war, war er unaufrichtig und in Lügen verstrickt. Trotzdem, Tag und Nacht hielt er es nicht aus bei ihr.“

„Max, der Schlawiner“ (1994/1995, aus dem Nachlass).

„Zirele neigte den Kopf zur Seite und musterte Max argwöhnisch und zugleich neugierig. Plötzlich sagte sie: „Dann haben Sie diese Reise gemacht, um Ihre Verzweiflung zu vergessen.“ Es war schon lange her, seit Max das deutsch-jüdische Wort Verzweiflung gehört hatte, aber er verstand, was es bedeutete, und es gab ihm einen Stich.“

Tatsächlich ist Max ein Verzweifelter und ein Zweifelnder. Ausgewandert von Warschau nach Argentinien schlägt er sich, obwohl aus einer orthodoxen, strenggläubigen Familie stammend, als Kleingauner im halbseidenen Milieu durch, fängt sich zunächst, wird „seriös“, gründet eine Familie. Der Tod seines Sohnes Arturo, die Entfremdung von seiner Frau, eine eintretende Impotenz – all dies bringt die brüchige Fassade ins Wanken. Max reist zurück in den Ort seiner Kindheit – auf Spurensuche, auf der Suche nach den Wurzeln, nach Heilung. Die Reise endet in einem Desaster: Fast begeht er Bigamie, ausgerechnet mit der Tochter eines Rabbiners, verfängt sich in den Schlingen einer femme fatale, wird verhaftet. Offen bleibt, was mit ihm geschieht, ein gutes Ende wird er nicht nehmen.

„Wozu habe ich das nötig? In was für ein teuflisches Spiel bin ich hineingeraten? Ihm fielen die Worte seiner Mutter ein: Der schlimmste Feind des Menschen ist er selbst…Zehn Feinde können ihm nicht so viel antun, wie er sich selbst antut.“

 „Meschugge“ (1994, aus dem Nachlass).

„Das ganze Gerede von Monogamie ist eine einzige Lüge. Es ist von Weibsbildern und puritanischen Christen erfunden worden. Bei den Juden hat es so etwas nie gegeben.“

So großspurig redet in diesem schmalen Roman der Ostjude Max daher – am Ende wird ihn der Schlag treffen. Zuvor aber bringt er noch das Leben seines rund 20 Jahre jüngeren Freundes Aaron durcheinander. Aaron fristet ein Dasein als Schriftsteller, im Gegensatz zum lebenslustigen Lebemann Max eine traurige Figur:

„Gott der Gerechte – Ende Vierzig war ich noch genauso wie mit zwanzig Jahren: faul, konfus, zutiefst melancholisch. Kein Erfolg, den ich verbuchen konnte (auch wenn es nur geringe Erfolge waren) schien meine Depression vertreiben zu können. Ich lebte von einem Tag zum anderen, von einer Stunde, einer Minute zur anderen.“

Die beiden, die sich noch aus Polen kennen, treffen sich in New York wieder – und prompt erwacht Aaron aus seinem Dämmerzustand. Ursächlich dafür ist auch Maxens Geliebte Miriam:

„Als wir an diesem Abend die Cafeteria verließen und den Broadway entlang gingen, empfand ich zum ersten Mal die innere Ruhe, die uns wahre Liebe schenken kann.“

Lang währt die Ruhe jedoch nicht – für Turbulenzen sorgen weitere Frauen und amouröse Verwicklungen, fehlgeschlagene Finanzspekulationen, ein Schlaganfall, eine Reise nach „Erez Israel“, aber vor allem Miriams Vergangenheit. Sie, so stellt sich heraus, konnte dem Holocaust nur entgehen, indem sie Geliebte und Handlangerin eines Nazis wurde. Ein Tabu. Doch letzten Endes entscheidet sich Aaron (wie auch Max ein Alter Ego des Autoren) für Miriam – anders als in „Feinde, die Geschichte einer Liebe“ und „Max, der Schlawiner“ ein Ende für die Liebe. Wenn auch mit Fragezeichen. Und als Ergebnis eines Aktes sowohl der Leidenschaft als auch des Willens:

„Ich war nach wie vor Pantheist, nicht im Sinne Spinozas, eher im Sinne der Kabbala. Ich setzte Liebe mit Freiheit gleich. Wenn ein Mann eine Frau liebt, so lautete meine Theorie, dann ist das ein Akt der Freiheit. Die Liebe zu Gott kann nicht durch Gebote, sondern nur durch einen Akt der Willensfreiheit bewirkt werden. Die Tatsache, dass fast alle Lebewesen der Vereinigung eines männlichen und eines weiblichen Partners entspringen, war für mich ein Beweis, dass das Leben ein Experiment in Gottes Freiheitslaboratorium ist. Die Freiheit will nicht passiv bleiben, sie will schöpferisch sein. Sie will unzählige Varianten, Möglichkeiten, Kombinationen. Sie will Liebe.“

Vom Zweifler Herman Broder über Max den Schlawiner bis hin zu Aaron: Liest man die drei Romane in Abfolge, so lässt sich eine Entwicklung erkennen. Herman, der sich nicht entscheiden kann, entflieht der Situation. Max, der sucht und flieht, ohne zu wissen, was und vor wem, scheitert. Nur Aaron gelingt – durch einen bewussten Akt der Entscheidung – letztendlich (und zumindest vorübergehend) das Experiment „Leben/Lieben“.

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Isaac B. Singer: Feinde, die Geschichte einer Liebe

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Bild von alanbatt auf Pixabay

„Ich schäme mich nicht zu gestehen, daß ich zu jenen zähle, die sich einbilden, Literatur könne neue Horizonte und Perspektiven erschließen – philosophische, religiöse, ästhetische und auch soziale. Die Geschichte der alten jüdischen Literatur kannte keinen Unterschied zwischen Dichter und Propheten. Nicht selten wurde unsere alte Dichtung zum Gesetz, zum Leben selbst.“

Dies sagte Isaac Bashevis Singer (1904-1991) in seiner Rede in Stockholm, als er 1978 den Nobelpreis für Literatur erhielt. Wie die Literatur ins Leben eingreifen kann – davon später mehr. Vorab nur dieses: Unter all den Büchern Singers, die ich gelesen habe – „Max, der Schlawiner“, „Die Familie Moschkat“, „Jakob, der Knecht“ – und seinen Erzählungen ist mir der Roman „Feinde, die Geschichte einer Liebe“ das liebste. Und dies nicht aus rein literarischen Gründen, aber auch.

„Feinde, die Geschichte einer Liebe“, das ist eigentlich die Geschichte dreier Lieben und im Mittelpunkt ein entscheidungsschwacher, wankelmütiger, aber dennoch liebenswerter Held, den man gerne an die Hand nehmen würde, um ihm bei seinen Irrungen und Wirrungen zu begleiten. New York, 1949: Herman Broder, ein polnischer Jude, hat den Holocaust überlebt, weil ihn Yadwiga, das christliche Dienstmädchen seiner Familie auf dem Dachboden eines Bauernhauses versteckte. Nach Ende des Krieges erfährt er, dass seine Ehefrau Tamara erschossen wurde, auch die beiden Kinder wurden ermordet, kein Mitglied seiner Familie überlebte. Mit Yadwiga emigriert er in die USA, er heiratet sie aus Dankbarkeit und Pflichtgefühl. Das Drama dieser Ehe: Sie liebt ihn, immer schon, er sie nicht. Zuviel trennt das analphabetische polnische Mädchen und den gebildeten Mann, der sich jetzt als Ghostwriter für einen Rabbi durchschlägt – um dem engen Heim zu entkommen, gibt er sich Yadwiga gegenüber als Büchervertreter aus.

„Jedesmal, wenn er fortging, verabschiedete sie sich von ihm, als regierten die Nazis in Amerika und sein Leben wäre in Gefahr. Sie legte ihre heiße Backe an die seine und bat ihn, sich vor den Autos in acht zu nehmen, seine Mahlzeiten nicht zu vergessen und daran zu denken, sie anzurufen. Sie hing an ihm mit der Ergebenheit eines Hundes. Herman neckte sie oft, nannte sie albern, aber das Opfer, das sie ihm gebracht hatte, konnte er nie vergessen. So wie sie offen und ehrlich war, war er unaufrichtig und in Lügen verstrickt. Trotzdem, Tag und Nacht hielt er es nicht aus bei ihr.“

Denn da ist Mascha, die komplizierte, nervöse Geliebte, eine Überlebende wie er, eine Sheherazade, der er von Kopf bis Fuß, vom Scheitel bis zur Sohle ergeben ist.

„In Schifrah Puahs Zimmer war es jetzt dunkel, und immer noch saß Mascha auf dem Stuhl in Hermans Zimmer und rauchte eine Zigarette nach der anderen. Herman wußte, daß sie irgendeine ungewöhnliche Geschichte für ihr Liebesspiel vorbereitete. Mascha verglich sich mit Sheherazade. Das Küssen, das Liebkosen, das leidenschaftliche Liebemachen war immer begleitet von Geschichten aus den Ghettos, den Lagern, ihrem eigenen Wandern durch die Ruinen Polens.“

Mit Mascha und ihrer Mutter in der Bronx führt Herman ein Doppelleben, von dem Yadwiga langsam ahnt. Doch vollends verwirrend und unhaltbar wird die Situation, als die totgeglaubte Ehefrau Tamara in New York erscheint – fast einer Gespenstererscheinung gleich, ein Dybbuk. Sie möchte Herman nicht zurück – doch diesen stürzt Tamaras Auftauchen in weitere, noch tiefere Gewissensbisse. Zusätzlich katalysierend wirkt auf Herman, dass sowohl die momentane Ehefrau als auch die Geliebte schwanger werden – nichts fürchtet der Vater, der seine Kinder verlor, mehr, als ein neues Kind in diese chaotische Welt zu setzen, in dieses fragile Leben, das stets vom Zusammenbruch bedroht ist. Tamara, die sich selbst für geisteskrank hält, erweist sich am Ende als die Lebenstüchtigste. Sie baut sich eine neue Existenz auf, nimmt Yadwiga und deren Kind zu sich. Mascha nimmt sich das Leben. Und Herman verschwindet – irgendwo, spurlos.

„Mehrere Male hatte Tamara Hermans Namen in die Vermißtenspalten der jiddischen Presse setzen lassen, aber ohne Erfolg. Tamara glaubte, daß Herman sich entweder umgebracht hatte oder sich einer amerikanischen Version seines polnischen Heubodens versteckte. Eines Tages machte der Rabbi Tamara die Mitteilung, das Rabbinat habe wegen der Massenvernichtung die Beschränkungen gelockert, so daß verlassene Frauen ein zweites Mal getraut werden könnten.
Tamara hatte erwidert: „Vielleicht in der nächsten Welt – mit Herman.“

So endet das Buch.

Weit mehr als eine tragisch-komische Erzählung von einer Menage zu viert, weit mehr als eine Geschichte vom Vergehen, von den Möglichkeiten und Unmöglichkeiten der Liebe. Es ist ein Roman, der vor allem auch die Feinde der Liebe zwischen den Zeilen benennt – eine grausame, chaotische Welt, ein unerbittlicher Gott, die Begrenztheit der Menschen.
Dazu: Die Schuld der Überlebenden. Während Hermans Situation zwischen den Frauen immer unhaltbarer wird, wendet sich der Ton des Romans, vom Komischen zunehmend mehr in das Tragische, wird zu einer Betrachtung der Situation überlebender Holocaust-Opfer. Ein Buch der Verluste – die Familie, die geliebten Menschen verloren, die Heimat, die Zuversicht, den Glauben, nicht nur den Glauben an Gott, sondern auch den Glauben an das eigene Vermögen, an die eigene Kraft, ein Verlust, der Herman und auch Mascha zu wankelmütigen, neurotischen Menschen werden lässt. Immer auf der Flucht, auch vor sich selbst.

„Die Bibel, der Talmud und die Kommentare unterwiesen den Juden in einer Strategie: Fliehe das Böse, verbirg dich vor der Gefahr, vermeide Kraftproben, geh den zornigen Mächten des Universums so weit wie möglich aus dem Wege. Der Jude hat nie verächtlich auf den Fahnenflüchtigen herabgeblickt, der sich in einem Keller oder auf einem Dachboden verkroch, während draußen in den Straßen Armeen aufeinanderprallten.
Herman, der moderne Jude, hatte dieses Prinzip um einen Schritt erweitert: Er hatte sogar den Halt des Glaubens an die Thora aufgegeben. Er betrog nicht nur Abimelech, sondern auch Sarah und Hagar. Herman hatte kein Bündnis mit Gott geschlossen und hatte keine Verwendung für Ihn. Er wollte nicht, daß sein Same so zahlreich werde wie der Sand im Meer. Sein ganzes Leben war ein Spiel der Verstohlenheit (…).“

Isaac Bashevis Singer ist in meinen Leseraugen ein ganz Großer – nur wenige können das, diesen schmalen Grat zwischen Tragik und Komödie beschreiten, in ein Buch beides packen, ja, eigentlich die ganze Welt: Das Lachen, das Schmunzeln, die Freude, die Trauer, das Weinen, das Unglücklichsein. Vielleicht – mit solchen Kategorisierungen möchte ich jedoch eher zurückhaltend sein – ist dieses „verschmitzt-melancholische“ tatsächlich ein Charakteristikum der jüdischen Literatur. E. Michael Salzer schrieb über Singer: „Nie zuvor gab es bei den sonst eher langweiligen Nobelfeiern so viel zu lachen (…). Und allein die Begründung, die Isaac B. Singer für sein hartnäckiges Festhalten an seiner Sprache, in der er schrieb, lieferte: „Ich schreibe gerne Gespenstergeschichten und nichts gefällt Gespenstern mehr, als eine sterbende Sprache. Je sterbender die Sprache, desto lebendiger sind die Geister. Gespenster lieben Jiddisch und so viel ich weiß, sprechen sie es auch alle.“

„Feinde, die Geschichte einer Liebe“ erschien 1966 unter dem Titel „Sonim, die Geschichte fun a Liebe“.

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