Bertolt Brecht und der Film

Bertolt Brecht war zwar vom Medium Film fasziniert, hatte aber damit kein Glück. BB und der Film – das war weniger episches Theater, sondern ein Drama ohne Ende.

Bild von Birgit Böllinger auf Pixabay

Dabei fing alles so gut an: Bereits 1923 arbeitet Brecht, damals 25 Jahre alt, mit dem Regisseur Erich Engel und mit Karl Valentin zusammen. Die „Mysterien eines Frisiersalons“ erinnern streckenweise an den Surrealismus im „andalusischen Hund“ von Luis Buñuel, sind aber auch komisch, humoristisch und ein wenig chaotisch. Der Film galt lange als verschollen, wurde jedoch in den 70erJahren wiederentdeckt und restauriert.

1930 machte sich Georg Wilhelm Pabst an die Verfilmung der Dreigroschenoper. Brecht, zunächst noch aktiv mit dabei, überwirft sich mit Regisseur und Produktionsfirma, will den Film, auch vor dem Hintergrund des aufkommenden Nationalsozialismus, mit eindeutigerem politischen Inhalt versehen. Die Streitigkeiten führen zum sogenannten Dreigroschenprozeß. Brecht schrieb unter dem Titel „Der Dreigroschenprozeß. Ein soziologisches Experiment“ eine Analyse des Rechtsstreits, die er zusammen mit dem Filmexposé und dem Text der „Dreigroschenoper“ veröffentlichte.

1931 ist BB jedoch wieder bereit für das Medium Film – er arbeitet mit Slatan Dudow und Hanns Eisler „Kuhle Wampe oder wem gehört die Welt?“. Der 1932 erschienene Streifen ist benannt nach dem Zeltplatz Kuhle Wampe in Berlin am Müggelsee, einer der vielen Originalschauplätze, an denen gedreht wurde. Geschildert wird das Schicksal einer Arbeiterfamilie und eines jungen Pärchens, dessen Verbindung angesichts der Massenarbeitslosigkeit ohne Zukunft erscheint. Der Film hat – auch durch den Dreh an Originalschauplätzen und mit „echten“ Arbeitslosen neben erfahrenen Schauspielern – streckenweise dokumentarischen Charakter, zeichnet ein realistisches Bild der Verelendung in der Weimarer Republik. Kuhle Wampe war der einzige eindeutig kommunistische Film dieser Zeit – bis hin zu Arbeitern, die das Lied der „Solidarität“ singen – und wurde nicht nur unter großen Schwierigkeiten gedreht, sondern prompt auch von der Zensur verboten. Nach Protesten wird der Film mit einigen Änderungen freigegeben, Brecht macht dem Zensor das ironische Kompliment, dieser zumindest habe den Film wirklich verstanden – nicht als Darstellung eines individuellen Schicksals, sondern als offene Kritik an den gesellschaftlichen Bedingungen: „Der Inhalt und die Absicht des Films geht am besten aus der Aufführung der Gründe hervor, aus denen die Zensur ihn verboten hat.“

Dann die Zeit des Exils. Letztlich verschlägt es Brecht, wie viele andere Autoren, nach Hollywood. Wie andere ist er gezwungen, dort zu antichambrieren und arbeitet für den Broterwerb an Drehbüchern für die Traumfabrik mit. Seine Erfahrungen in dieser Zeit hat er in den bitteren Hollywood-Elegien verarbeitet.

1943 jedoch hat Brecht die Chance, an einem ambitionierten Filmprojekt mitzuwirken. Unter der Regie von Fritz Lang, ebenfalls einem Exilanten, entsteht „Hangmen also die“ – „Auch Henker sterben“. Die beiden Künstler kannten und schätzten sich bereits in den Tagen der Berliner Zeit. Als Brechts Lage im schwedischen Exil angespannt wird, sorgte Lang, der in Hollywood schnell Fuß gefasst hatte und seine Karriere fortsetzen konnte, mit dem European Film Fund dafür, dass Brecht, Weigel, sowie die beiden Kinder und Ruth Berlau Visa für die USA bekamen, 1941 traf die Familie in Los Angeles ein.

Der Film „Auch Henker sterben“ erzählt bereits ein Jahr nach dem Attentat auf Reinhard Heydrich in Prag 1942 vom tschechischen Widerstand und der Fahndung der Gestapo nach dem Attentäter. Doch schon während der Dreharbeiten kommt es zwischen Lang und Brecht zu Differenzen. Der cholerische Lang tobt gegenüber Brecht und dem ebenfalls linksgerichteten Co-Autoren John Wexley, er „scheiße auf Volksszenen“, er wolle ein Hollywoodpicture machen. Ungerechtigkeiten bei der Bezahlung – Brecht sollte wesentlich weniger als Wexley erhalten -, Kürzungen im Skript, charakterliche Unverträglichkeiten taten ihr weiteres. Die Zusammenarbeit wurde zum Desaster und gipfelte in einer Anhörung vor der „Screen Writer`s Guild“, weil Wexley als der eigentliche Autor genannt werden wollte, Brecht jedoch nur unter ferner liefen aufgeführt wurde. Die Schiedsstelle entschied zugunsten des Amerikaners. Brecht legte danach die Arbeit am Film nieder, begegnete auch Fritz Lang nicht mehr.

Doch was übrig bleibt: Zum einen überstand auch diese Episode die Freundschaft zwischen Brecht und Hanns Eisler, der als Komponist auch an den früheren Filmen mitgearbeitet hatte. Und vor allem: „Hangmen also die“ ist, wenn auch viele der Ideen und Vorstellungen Brechts nicht verwirklicht werden konnten, eines der wichtigsten Filmwerke geworden, das noch während des Nationalsozialismus eindeutig Stellung gegenüber der deutschen Tyrannei bezog.

Lang setzte dem verlorenen Freund BB später noch ein cineastisches Andenken, so der Filmwissenschaftler Peter Ellenbruch:

„Im Gegensatz zu Brecht, der ein Gegner Langs geblieben sein soll, hat sich Lang immer wieder positiv zu Brecht geäußert, ihn als einen wichtigen Autor geschätzt und sich von seinem Werk inspirieren lassen. So baute er 1963 eine Brecht-Hommage in LES MEPRIS von Jean-Luc Godard ein – in welchem er sich selbst spielte – und die Buchstaben „BB“ stehen innerhalb des Films plötzlich nicht mehr für die Hauptdarstellerin Brigitte Bardot, sondern einen Moment lang für Bert Brecht.“

Christof Weigold: Der Mann, der nicht mitspielt

„Als ich an einem Sonntagnachmittag Anfang September nach Hause kam, stolperte ich auf der Treppe über eine scharfe Rothaarige. Ich hatte am Freitag ein misslungenes Casting bei Hal Roach gehabt, danach auf dem Nachhauseweg einen oder drei auf das Labor-Day-Wochenende getrunken und dachte zuerst, ich würde sie nur träumen.
Aber sie saß da wirklich, auf der Treppe vor meinem Zimmer im ersten Stock im Halbdunkel, und rauchte eine Zigarette. Nachdem ich das Gaslicht im Flur aufgedreht hatte – obwohl das laut meiner Vermieterin Mrs. Balzheimer tagsüber strikt verboten war – vergaß ich zunächst sogar, mich zu entschuldigen und meinen Hut zu lüften.
Sie war Anfang Zwanzig, und über ihren Körper war ein knappes Kleid gespannt, so eng wie eine zweite, nachtblaue Haut.“

Christof Weigold, „Der Mann, der nicht mitspielt“, Kiepenheuer & Witsch Verlag Köln, 2018.

Das eigentlich Schlimme am Skandal um Harvey Weinstein fand ich: Es war ja nichts Neues. Da die Filmindustrie ein System ist, in dem es um sehr viel Geld, Karrieren und Schönheit geht, konnte man sich an allen Fingern ausrechnen, dass dort systematisch das geschieht, was geschieht, wenn korrumpierte Männer Macht ausüben. Das eigentlich Schlimme an diesem Skandal ist es, dass es mehr als ein Jahrhundert dauerte, dass mit #MeToo eine Protestbewegung begann, die es vielleicht erreicht, die Strukturen von „Hollywood Babylon“ wirklich zu ändern.

1965 brachte der avantgardistische Filmregisseur Kenneth Anger unter dem Titel „Hollywood Babylon“ einen voluminösen Schinken heraus, der all die Skandale der Traumfabrik seit ihrem Start in den sonnigen Hügeln Kaliforniens auflistete. Das Buch: Eine knallige und dramatische Abfolge von Drogenexzessen, Sexorgien, Suiziden und Mordfällen. Ein Schmökerstoff auch für Voyeure, ist das Buch zwar auf Krawall angelegt und nicht unbedingt sorgfältig recherchiert, aber es zeigt eines – in Hollywood ging es hinter den Kulissen immer schon weitaus heftiger zu als auf der Leinwand. Das Buch wurde selbst zum Skandal, war jahrelang verboten und durfte erst 1975 wieder veröffentlicht werden. Wenn es darum geht, den schönen Schein zu wahren, ist den Mächtigen von Hollywood jedes Mittel recht.

So auch im Fall des Stummfilm-Komikers Fatty Arbuckle, dem Anger ebenfalls ein großes Kapitel widmete: War es doch das erste Mal, dass einer der Schauspiel-Götter vor Gericht landete. 1921 wird der Filmstar wegen der Vergewaltigung mit tödlicher Folge an einer jungen Schauspielerin, Virginia Rappe, angeklagt.

Die Suche nach den wirklichen Hintergründen – Fatty Arbuckle wurde übrigens freigesprochen, aber seine Karriere war zerstört –  dies ist der erste Fall von Hardy Engel, einem Deutschen, der der durch den Weltkrieg zerstörten Heimat gen Hollywood entfloh, hoffte, dort als Schauspieler Fuß zu fassen versucht und sich schließlich als Privatdetektiv durchschlägt. Ein Kriminalroman, der in der Stadt der gefallenen Engel spielt, das hat Potential – leider kann es „Der Mann, der nicht mitspielt“ nicht ganz erfüllen.

Der Kriminalroman war der Auftakt zu einer neuen Reihe bei Kiepenheuer & Witsch und der erste Roman des Theater- und Drehbuchautors Christof Weigold. Die Filmerfahrung des Autoren macht sich bei diesem Roman, der immerhin rund 630 Seiten braucht, um sich zu entfalten, positiv bemerkbar: Verfolgungsjagden in finsteren Vierteln, Recherchen in Opiumhöllen, erotische Zwischenspiele mit seiner schönen Auftraggeberin Pepper – der Krimi bietet eine Menge an filmreifer Szenen. Durchaus originell und intelligent ist zudem die Lösung des Falls: Virginia Rappe starb tatsächlich an einer Bauchfellentzündung, Weigold konstruiert daraus ein finsteres Geflecht aus Promiskuität, Schwangerschaftsabbrüchen und Vergewaltigung. Und zeigt die Filmmogule – im Mittelpunkt dabei der in meiner Heimatstadt geborene Carl Laemmle – als zynische Geldmacher, die sich eine Moralinstanz kaufen, um Hollywoods Glanz wieder aufzupolieren. Tatsächlich wurde nach Virginia Rappes Tod 1922 die „Motion Picture Association of America“ gegründet, die das Image der Filmindustrie reinwaschen und eine Art freiwilliger Selbstzensur einführen sollte. Schöner Schein.

Dass Weigold sich ganz offensichtlich in die Geschichte der Filmindustrie reingekniet hat und eine ganze Menge dieses Wissens in seinen Roman packt, das ist zugleich auch dessen Manko: Der Arbuckle-Fall wäre die perfekte Vorlage für einen hard-boiled-Thriller im Stile James Ellroys, er könnte ähnlich konstruiert sein wie „Die schwarze Dahlie“ oder „Stadt der Teufel“. Dazu aber ist das Buch stellenweise zu langatmig, die Geschichte zu konstruiert, zu vollgepackt mit Playern und Namedropping – fast ein Lexikon der Stummfilmzeit.

„Der Mann, der nicht mitspielt“ ist solide Unterhaltung, glänzt durch gute Recherche und durch hollywoodreife Szenen. Inzwischen ist bereits der zweite Fall, „Der blutrote Teppich“, erschienen, in dem sich Weigold einer Tat widmet, die bis heute ungeklärt ist: Dem Mord an Regisseur William Desmond Taylor. Fall 3 ist für den Herbst 2020 angekündigt – Stoff für den Privatermittler Hardy Engel bietet „Hollywood Babylon“ also zur Genüge.

Informationen zum Buch:

Christof Weigold
Der Mann, der nicht mitspielt
Kiepenheuer & Witsch, 2018
Hardcover, 640 Seiten, 22,00 Euro (Taschenbuch 10,00 Euro)
ISBN: 978-3-462-05103-2


Weitere Meinungen:

Bei Literatuschock: https://literaturschock.de/literatur/belletristik/krimis-und-thriller/christof-weigold-der-mann-der-nicht-mitspielt

Bei Lesejury: https://www.lesejury.de/christof-weigold/buecher/der-mann-der-nicht-mitspielt/9783462051032


Zur Autorenseite:

https://www.christofweigold.com/


 

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Vicki Baum: Makkaroni in der Dämmerung

„Ihr Männer – sagen die Frauen – lebt überhaupt noch in einem anderen Jahrhundert wie wir. Ihr seid altmodisch, verlogen und nicht ganz auf der Höhe der Zeit. Ihr wollt Fransen und Draperien der Achtzigerjahre um die Liebe. Ihr wollt blauen Dunst machen und blauen Dunst vorgemacht bekommen. Ihr liebt gar nicht uns Frauen von Fleisch und Blut, ihr liebt nur euren Traum von uns. Gut, wir haben Geduld. Wir wollen gerne noch fünfzig Jahre warten, bis ihr kapiert hat, daß wir auch ohne Schwindel miteinander auskommen können.“

Aus „Variationen der Liebe“, ursprünglich erschienen 1928 in „Die Dame“, aus dem Band mit Feuilletons von Vicki Baum, „Makkaroni in der Dämmerung“, edition atelier, 2018.

Zugegeben: Manches wirkt inzwischen etwas aus der Zeit gefallen an diesen Feuilletons. Dies eben nicht nur, wenn Vicki Baum von aktuellen Kulturereignissen erzählt oder von den angesagten Modetrends der Zwischenkriegszeit, sondern insbesondere dann, wenn die gutbürgerliche Bildung aus ihr herausbricht, sie von der Disziplin kleiner Ballettelevinnen schwärmt oder über das Kleid einer Schauspielerin und dessen Schicksal sinniert. Da schmiegt sich einmal zu oft ein Stoff „zärtlich“ an die Trägerin, da weht eine Brise zu viel Parfüm durch die Zeilen.

Aber dennoch: Der Stempel der bloßen Unterhaltungsschriftstellerin, der hängt der 1888 in Wien geborenen Hedwig Baum zu Unrecht an. Denn aus ihren Texten spricht ebenfalls die Stimme einer unabhängigen, willensstarken Frau, die ihre Umgebung mit milde-kritischen Augen betrachtet. Und die, wenn sie in ihren Augen obsolet und hinderlich sind, bereit ist, über Konventionen hinwegzugehen. Das macht insbesondere manche ihrer Feuilletonbeiträge alters- und zeitlos – wer beispielsweise ihren journalistischen Selbstversuch liest, bei dem sie sich einer Hormonbehandlung als Jungbrunnen-Wunderkur unterzieht, der wird den ironischen Unterton genießen. Und an den Botox-Wahn unserer Tage denken.

Dass sie mehr war als eine unterhaltsame Schriftstellerin, die hohe Auflagen erzielte – allein das macht Autoren ja bis heute noch in gestrengen Kritikerkreisen „verdächtig“ – wird besonders an einer Textart deutlich, mit der man ihren Namen heute nicht mehr unmittelbar verbindet. Bekannt sind nach wie vor einige der rund 30 Romane – allen voran natürlich „Menschen im Hotel“ -, die sie neben zahlreichen Drehbüchern und Theaterstücken in Europa und den USA verfasste und die immer wieder aufgelegt werden. Wie bei allen „Vielschreibern“ ist da manches stärker, manches schwächer in der Form. Wie sehr sie jedoch die Klaviatur des Schreibens beherrschte, zeigen die Essays und Artikel, die Vicki Baum für Zeitschriften und Magazine verfasste. Sie war eine sehr gute Handwerkerin, die bei aller Produktivität Form und Sprache nicht vernachlässigte, an ihnen feilte, bis ihren Artikeln dieser spezifische Hauch von Leichtigkeit anhing – und man weiß ja: Schwer ist oft das Leichte.

Nach dem Roman, der ihr den Durchbruch brachte, „Stud. chem. Helene Willfüer“, 1928 beim Ullstein Verlag erschienen, wurde Vicki Baum von Ullstein als Vertreterin der neuen Frau aufgebaut. Unter anderem wurde sie Leiterin der literarischen Beilage der Frauenzeitschrift „Die Dame“ und wurde damit zum Zugpferd für eine neue Generation von Leserinnen. Und vor allem hier, in der „Dame“, aber auch in anderen Publikationen der Weimarer Republik konnte Vicki Baum sich der „kleinen Form“ widmen, jener essayistisch-literarischen Form, die hohe Könnerschaft und Beherrschung des Handwerks voraussetzt: Denn die Kürze zwingt zur Konzentration, jeder Satz, jeder Punkt muss sitzen, für langatmige Abschweifungen ist kein Raum.

Dass man diese Leichtigkeit nun an einem Stück genießen kann, ist der Literaturwissenschaftlerin Veronika Hofeneder zu verdanken, die die Feuilletons aus den drei großen Stationen von Vicki Baum – Wien, Berlin und Hollywood – als Herausgeberin für den Band „Makkaroni in der Dämmerung“ zusammenstellte und mit einem klugen Vorwort versah. Sie ordnet die Rolle der Autorin, die für viele Zeitgenossinnen imagebildend wurde – Ehefrau und Mutter mit eigener beruflicher Karriere und Selbständigkeit – in den gesellschaftlichen Kontext ein:

„Baums Artikel über Mode, Kosmetik und Schönheit sind mehr als bloße Lifestyle-Kolumnen, sie nutzt diese geschickt, um den zeitgenössischen Diskurs über ein neues Geschlechterrollenverständnis kritisch zu beleuchten. So anerkennt sie zwar die vielfältigen Errungenschaften und Freiheiten, die durch die neue Frauenrolle etabliert werden konnten, sieht aber auch gleichzeitig die erneute Vereinnahmung dieses Potenzials durch männliche Denkweisen, die die Neue Frau wieder als Konstrukt einer patriarchalischen Gesellschaftsordnung missbrauchen.“

Oder, wie Vicki Baum sagen würde: Die Männer behängen auch die Neue Frau mit ihren Fransen und Draperien.

Fransen und Draperien: Alltäglichster Ausdruck für geschlechtsspezifische Rollenfestlegungen ist die jeweils aktuelle Mode, die gar das Zeug zum „Diktat“ hat. In ihrem lebhaften „Protest gegen die Mode“, 1929 in der „Vossischen Zeitung“ veröffentlicht, entfaltet Vicki Baum ihr ganzes essayistisches Temperament. Und zeichnet dabei ein plastisches Bild vom Leben einer berufstätigen Frau der Weimarer Republik:

„Büro, Geschäft, Laboratorium, Amt, Sprechstunde oder was sonst es ist, wo die Majorität der Frauen ihre Zeit zubringt, wenn sie nicht Hausfrau ist und in Marktgängen, Küche, Kinderzimmer und Flickwinkel ganz bestimmt kein kostspielig konstruiertes Zipfelkleid verwenden kann. Man hat nicht nur am Vormittag zu tun, sondern auch am Nachmittag und oft auch noch abends. Man rennt Autobussen nach, fährt Untergrundbahn, trifft sich für eine halbe Stunde im Kaffeehaus, wenn es hochkommt, man jagt vom Büro in Vorträge, mal auch ins Theater – wie soll man das machen, mit dem langen Schlurz untenrum, den die Mode für den Abend diktiert?“ (…)

Man kann auf die Frau von 1930 nicht die Mode von 1900 propfen; ebenso gut könnte man hingehen und auf unsere Autos gußeiserne Ornamente löten oder Gipsfassaden auf die neuen, glatten Häuserfronten kleben. Ich mache da nicht mit – wer noch?“

In diesem kurzen Textauszug sind auch weitere Themen zu finden, die die Literatur der Weimarer Republik prägten, das Pulsieren der Großstadt, der Rhythmus der Zeit – und diesen hielt Vicki Baum in vielen ihrer Feuilletonbeiträge fest, die inhaltlich weit breiter aufgestellt sind, als zu ahnen ist.

Dennoch hing ihr zeitlebens und hängt ihr bis heute der Ruf an, „eine erstklassige Schriftstellerin zweiter Güte“ (ihre Selbstcharakterisierung) zu sein. Wie sehr sie das wohl beschäftigte, ist auch ihrem 1931 im „Uhu“ erschienenen Beitrag „Angst vor Kitsch“ abzulesen: Ein beinahe trotziges Bekenntnis der Autorin, ein Plädoyer, Mut zum Gefühl zu zeigen (auch in der Literatur). Herrlich zu lesen für jeden, der ebenfalls ab und an von Sentimentalitäten geplagt ist – leicht, ironisch und herzerwärmend:

„Was den Geschmack betrifft, da kann man sich immer blamieren, so oder so. Aber was das Gefühl angeht: Wohl dem, der hat, und das ist meistens richtig.
Und dann, ihr Lieben: Macht euch nicht so wichtig. Kompliziert euch das Dasein nicht unnütz. Habt nur Courage. Spürt nur. Lebt nur.
Auf alles andere kommt es so gar nicht an.“

Vicki Baum hatte sie wohl, diese Courage – und brauchte sie auch. Denn in ihrem eigenen Leben kostete das Jonglieren – einerseits disziplinierte Familienfrau, andererseits die erfolgreiche, reiselustige und berufstätige Autorin – einen hohen Preis. Die Fassade der perfekten Frau erhielt sie lange Jahre ihres Lebens trotz ihrer Alkohol- und Tablettenabhängigkeit aufrecht – oder vermochte dies vielleicht nur mit diesen Hilfsmitteln aufrecht zu erhalten. Sie wollte um jeden Preis funktionieren: Auch darin, über die individuelle Lebensgeschichte hinaus, ist sie eine typische Vertreterin vieler Frauen ihrer Generation. Depressionen, Zusammenbrüche und eine 1950 diagnostizierte Leukämie prägen ihre letzten Lebensjahre. Und dennoch charakterisieren sie die Geschwister Erika und Klaus Mann als eine Frau, deren hervorstechende Eigenschaft Furchtlosigkeit war.

Und deshalb ein Appell an furchtlose Leser(innen): Lest Vicki Baum, lest sie genau und ohne Vorbehalte im Kopf – ein Gewinn kann dann die Erkenntnis sein, wie zeitlos gut auch leichte Unterhaltung sein kann.

Verlagsinformationen zum Buch: http://www.editionatelier.at/makkaroni-in-der-daemmerung.html

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Margaret Mitchell: Vom Winde verweht

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Bild von DB-Foto auf Pixabay

“My dear, I don`t give a damn.”

Man müsste schon vollkommen ignorant sein, um keinen „damn“ darauf zu geben, dass „Vom Winde verweht“ nicht nur eine der weltweit bekanntesten Liebesgeschichten, sondern im Grunde ein zutiefst rassistisches Machwerk ist. Mir ging es wohl so wie vielen anderen: Ich kannte zunächst den Film, der zwar auch von Stereotypen und Klischees geprägt ist, aber denn doch die übelsten Passagen der Romanvorlage ausklammert. Die weißbemäntelten Typen vom Ku-Klux-Klan: Sie hätten sich neben Vivian Leigh und Clark Gable wohl auch allzu lächerlich im Breitwandformat ausgenommen. So bereitete mir die spätere Lektüre der 1936 erschienenen Romanvorlage doch eine heftige Überraschung: Romantik aus, Rassismus an.

Die Rezeption des Films – der Klassiker aller Schmachtfetzen – verstellt bis heute den Blick auf das Buch: Doch wer den Roman von Margaret Mitchell mit hellwachem Sinn liest, müsste eigentlich Scarlett, Rhett und die ganze Südstaaten-Sippschaft mit Verve in den Wind schießen. Eins vorneweg: Stilistisch brachte mir das Südstaatenepos, das viel Lokalkolorit, Bürgerkriegsszenen und jede Menge Schmalz bietet, keinen frischen Wind, geschweige denn eine kleine Prise. Völlige Flaute, mehr als 1000 Seiten eher Lesequal. Starr gezeichnete Charaktere bis hin zur Karikatur, holperige Dialoge, langatmige Frequenzen – sprachlich liegt der “Schinken” nicht gerade leicht im Magen. Man darf sich an Szenen wie diesen ergötzen:

„Seine schwarzen Augen suchten in ihrem Gesicht und wanderten hinunter zu den Lippen. Scarlett schlug die Augen nieder und wurde aufgeregt. Nun würde er sich die Freiheiten herausnehmen, die Ellen vorausgesagt hatte.“

Die Welt der „alten“ Südstaaten war schon längst untergegangen, als Margaret Mitchell ihr literarisches One-Hit-Wonder schrieb. Sie selbst, geboren 1900, hatte dies nie erlebt, aber in ihrer wohlhabenden Familie in Atlanta die Legende von der “guten, alten Zeit” gehört. Und so ist ihr 1936 erschienenes Südstaatenepos vor allem nach dem Muster gestrickt: Früher war alles besser und die Welt in Ordnung. Damals, als die weißen Plantagenbesitzer noch edle Herren waren, die Damen mit dem Fächer wedelnd auf schattigen Veranden Schutz vor der Sonne suchten, derweil der schwarze, etwas unbeholfene Butler kühle Limonade brachte und auf den treudoofen Baumwollpflücker auf dem Feld herabschaute. Bis die bösen Yankees kamen und die Schwarzen partout befreien wollten.

Mitchell beließ es jedoch nicht bei einem sentimentalen Rückblick und Südstaatenromantik. Sondern packt in ihren Wälzer einseitige Klischees über „die Schwarzen“ und merkwürdige Ansichten über den Ku-Klux-Klan. Im Roman heißt es, der Klan sei von „tragischer Notwendigkeit“ – ein Instrument der Notwehr, da der Norden versuche, dem Süden „die Herrschaft der Neger aufzuzwingen, von denen viele vor kaum einem Menschenalter noch in den Urwäldern Afrikas gelebt hatten.“ (Das Zitat wurde aus diesem Artikel entlehnt: „Vom Winde verweht 3 – jetzt mit Rassismus„)

Wem dabei – auch in der Parallele zu manchen üblen Äußerungen, wie sie heute rechtspopulistische Politiker über Migranten fallen lassen – nicht die Haare zu Berge stehen, dem sollte eine Aussage der Autorin zu denken geben:

„Margaret Mitchell schrieb um 1929 Sätze wie diese: „Die große Anzahl der Sittlichkeitsverbrechen an Frauen brachte die Männer des Südens in kalte, bebende Wut und rief über Nacht den Ku-Klux-Klan ins Leben.“ (Zitat aus: s.o.)

So ist das Buch, wie Elke Schmitter in dem Mitchell-Portrait „Der Trotz als Herzschrittmacher“ (enthalten in: „Leidenschaften. 99 Autorinnen der Weltliteratur, btb Verlag, 2013) schreibt,
“trotz Genauigkeit im Detail hemmungslos parteilich. Der Ku-Klux-Klan wird als Selbsthilfegruppe gedemütigter, eigentlich wohlerzogener Bürger vorgestellt, das Bürgerrecht für Schwarze als eine weltfremde Idee – nicht, weil es diesen an Menschlichkeit fehlte, doch sind sie, wie nicht nur Scarlett versichert, im Grunde wie Kinder, die man hüten muss…”

Der Schlussfolgerung von Elke Schmitter – „Gerecht ist die Erinnerung nie. Überwältigend darf sie sein.“ – kann ich nicht folgen. Zumal mich Stil, Sprache, Erzählweise dieses Romans auch in keiner Weise überwältigen konnte.

Zehn Jahre schrieb Mitchell an ihrem einzigen Roman – das zähe Ringen merkt man dem Buch  beim Lesen durchaus an. Als es dann endlich erschien, beurteilte das „Time“ Magazin es als „unverzeihlich rassistisch“. Dennoch wurde der Roman mit Preisen überschüttet, so mit dem Pulitzerpreis und dem National Book Award, und aus dem Stand zu einem Verkaufsschlager. Die Verfilmung durch Victor Fleming, die 1939 in die Kinos kam, räumte zehn Oscars ab und wurde zu einem der kommerziell erfolgreichsten Streifen der Filmgeschichte.

Vor drei Jahren schrieb Marc Pitzke anlässlich des 75. Jahrestages der Filmpremiere:

„Gone with the Wind“ ist eines der rassistischsten Machwerke Hollywoods: Es romantisiert das wohl düsterste Kapitel der US-Geschichte – was jetzt (…) relevanter ist denn je.
Die Parallelen sind beklemmend. Vielen Weißen fehlt das Bewusstsein, das die USA überhaupt ein Problem haben: Damals akzeptierten sie den Rassismus nonchalant als Lebensart – heute leugnen sie, dass es ihn überhaupt gibt.“ 

Quelle:
http://www.spiegel.de/einestages/vom-winde-verweht-rassismus-im-hollywood-film-klassiker-a-1007841.html

Man bedenke: Dieser Artikel stammt noch aus der Ära Obama.

2020 erschien das Epos in einer neuen Übersetzung – nicht nur der Titel veränderte sich dadurch. Die neue Fassung in deutscher Sprache ist jedoch nicht unumstritten:

„So lädt die in vielem so famos gelungene Neuübersetzung von «Vom Wind verweht» nicht nur dazu ein, einen unterschätzten Klassiker der US-Literatur neu zu entdecken, sondern auch über heutige Übersetzungspraktiken zu debattieren“, urteilt Rainer Moritz in der NZZ.


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Alfred Polgar: Marlene. Bild einer berühmten Zeitgenossin

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Bild: (c) Michael Flötotto

„Es war die zweite von links, die, im kritischen Augenblick, den Revolver hob und die Kanaille niederschoss. Sie schoss von einer Treppe herab, die im Hintergrund sich wendelte, sie blieb dort stehen, als die Tat getan war, und sah auf das Opfer mit einem Blick, in dem Uninteressiertheit, kindliche Neugier, Müdigkeit und Gefühl schicksalhaften Unvermögens zu verstehen (wie es aus dem Tier-Auge trauert) sich mengten.“

Das war Mitte der zwanziger Jahre in Wien, und „die Dietrich“, damals noch ein kleines Sternchen, schoss nicht nur die Kanaille ab, sondern auch einen Amor-Pfeil mitten in das Herz eines Kritikers: Alfred Polgar. Ein Liebespaar wurden sie zwar nie, aber Polgar behielt sie im Augen und den Pfeil im Herzen – davon zeugt ein Text, der fast 80 Jahre brauchte, um an die Öffentlichkeit zu gelangen:

„Marlene. Bild einer berühmten Zeitgenossin“, Alfred Polgar, entstanden 1937/1938, herausgegeben 2015 von Ulrich Weinzierl beim Zsolnay Verlag.

Insgeheim dachte ich mir das immer schon: Die Wiener Kaffeehausliteraten um Karl Kraus – Egon Friedell, Peter Altenberg, Anton Kuh, um nur einige zu nennen – saßen nicht nur im Café Central und schrieben vor sich hin, feilten an ihrem Sprachwitz und debattierten über Politik. Denn selbstverständlich ging es wohl häufig auch um ein zentrales „Stammtisch“-Thema: Frauen. So muss es gewesen sein, als Alfred Polgar erstmals die junge Schauspielerin in Wien auf der Bühne saß. Sie wurde sofort Gesprächsstoff, ein Dietrich-Club wurde gegründet, und die Herren verzückten sich in juveniler Schwärmerei.

Ein literarisches Zeugnis davon wurde von dem Feuilletonisten Ulrich Weinzierl – gemeinsam bereits mit Marcel Reich-Ranicki Herausgeber der Werke von Alfred Polgar – wiederentdeckt: Die Auftragsarbeit „Marlene. Bild einer berühmten Zeitgenossin“. Das Portrait der Dietrich, das der ganz offensichtlich entflammte Polgar zwischen 1937 und 1938 verfasst hatte, wurde von Weinzierl Jahrzehnte später erst entdeckt und erschien nun, 2015, erstmals beim Zsolnay Verlag.

Was soll man über Polgars Text heute sagen? Ähnlich wie Peter Altenberg war er ein Meister der Prosaskizze, ähnlich wie Karl Kraus ein Sprachkünstler, ähnlich wie Joseph Roth ein begnadeter Feuilletonist, der über Kultur und Politik weitsichtig, scharfzüngig und offenherzig schrieb. Wer Alfred Polgar in seiner Tiefe und Bandbreite kennenlernen will, der greife besser zu den „Kleinen Schriften“, als rororo-Taschenbücher erschienen. Denn der Marlene-Text hat zwei Haken: Er ist eine „Auftragsarbeit“ und es fehlt die Distanz zum „Objekt“. Er war halt von Kopf bis Fuß auf Marlene eingestellt:

„Vor allem die Beine, die berühmt hohen, hoch berühmten Beine Marlenes, die seit dem „Blauen Engel“ rechtens Weltpopularität genießen. Es sind Beine, die dem modernen ästhetischen Anspruch an solche vollkommen gerecht werden. Elegante Beine, schlank und fest, überzeugend parallel, sehr zart in der Linie, die über die Kuppe des Knies in kaum merklicher, sanfter Rundung hinüberzieht…(…)“

Immer schön, wenn Beine parallel stehen – da weiß man nicht, ist dies schon Ironie oder immer noch Überschwänglichkeit. Der andere, reflektiertere Polgar kommt bei solchen Zeilen durch:

„Marlene liebt ein zurückgezogenes, stilles Leben im engsten Kreise. Natürlich ist Luxus nichts, woran sie litte; aber Überfluss zu entbehren bedeutet ihr keine Entbehrung. Nun gilt ja gewiss, dass die bescheidene Lebensform für den, der zu ihr nicht genötigt ist, einen anderen Akzent hat als für den, der sich in sie fügen muss; den kleinen Verhältnissen fehlt das Bittere, wenn die großen nur beurlaubt sind und jederzeit einrückend gemacht werden können.“

Solche Sätze entschädigen für jeden stilistischen Beinbruch.

Alfred Polgar, in Wien und Berlin der 1920er Jahre einer der bekanntesten Essayisten seiner Zeit, musste als Linksliberaler und Jude ab 1933 um sein Leben fürchten. Zunächst hatte er sich vor den Nazis aus Berlin zurück in die Wiener Heimat gerettet, auch dort war jedoch für ihn und seine Frau nach dem „Anschluss“ kein Bleiben mehr. Die Schweiz, Südfrankreich, Spanien, waren die ersten Stationen der Flucht, bis das Ehepaar 1940 in die USA emigrieren konnte.

Martin Meyer schreibt in der Neuen Zürcher Zeitung:

„In diesen Jahren entstand – auch im Sinne einer Kompensation verlorener Schreibgründe – das Projekt eines Essays über Marlene Dietrich für den Wiener Verlag von Wilhelm Frick. Marlene und ihr Mann hatten zugestimmt, ein Vertrag wurde unterschrieben, die Arbeit konnte beginnen. Aber wie? Polgar kramte in seinen Erinnerungen, entwarf ein Schema mit Kapiteln und Motiven und wurde von Marlene zu ersten Gesprächen empfangen, als diese im Sommer 1937 mit ihrem Hofstaat am Wolfgangsee ein paar Ferienwochen genoss. Hier der Kritiker in den Nöten seiner Existenz; dort die Diva in der Überfülle der Zuwendungen. Doch man verstand sich gut, einiges Material lief zusammen, auch wenn Polgar bald darauf bekannte, dass er keine «echte Stimmung» mehr empfinde und in eine «ironische Einstellung zum Thema» hineinzurutschen drohe.“

Von dem Abgleiten in das Ironische ist im Text wenig zu spüren. Zum einen fühlte sich Polgar wohl auch der Dietrich verpflichtet, die ihm – wie anderen Emigranten auch – öfter unter die Arme griff. Zum anderen ist er zu „dicht“ dran, das „verliebt in sie war ich schon auch“ ist zu spüren, manches Mal gleitet das Buch, bei aller Eleganz der Sprache, fast schon in jungenhafte Schwärmerei ab. Die Dietrich, deren Gesicht ähnlich wie das der Garbo, in seiner Flächigkeit und Ebenmäßigkeit wie für den Film geschaffen schien, gleicht in meinen Augen beinahe einer Maske. Das Geheimnis hinter der Maske: Polgar lüftet es nicht. Zu dicht dran ist er als Betrachter. Aber das ist vielleicht auch gut so: Man will die Geheimnisse der (Film-) Göttinnen nicht wissen, man will sie nicht von ihrem Sockel des Überirdischen stürzen sehen.

Die Schattenseiten der Diva lüfteten später andere – die Tochter in einer als Buch veröffentlichten Abrechnung, diejenigen, die sich später mit „Enthüllungen“ einen kurzen Platz im Rampenlicht erhofften.

Polgars Text dagegen ist ein Dokument der freundlichen Zuneigung und in der Zeit verhaftet: Die Dietrich erlebte ab Mitte der 1930er-Jahre, was es heißt, als „Kassengift“ abgestempelt zu werden. Vielleicht sollte auch der Text, der dann aufgrund der Kriegswirren nicht erschien, ihren Glanz mitaufpolieren, der Imagepflege dienen. Sie brauchte ihn letztendlich nicht – 1939 gelang ihr mit „Der große Bluff“ das Comeback als Kassenschlager. Polgar dagegen hatte in Europa kein zuhause mehr: Wie viele Emigranten gelangte er in die USA und verdingte sich einige Zeit in den Schreibstuben der Traumfabrik.

So ist dieses Portrait, das Bild einer berühmten Zeitgenossin, eher etwas für ausgesprochene Marlene-Fans, oder für Leser, die sich einfach am Sprachstil Polgars erfreuen möchten. Noch einmal dazu Martin Meyer:

„Im Untertitel zu «Marlene» heisst es: «Bild einer berühmten Zeitgenossin». Ein solches Bild, ganz aus dem Geist der Epoche gezogen, interessierte heute nur noch beschränkt. Was der Essay wirklich leistet, liegt nun ganz im Jenseits der Historien – nämlich in der Art und Weise, wie Polgar die Porträtierte zu einem «Text» erhebt. Es ist seine Prosa, immerfort neugierig nervös nach Wort, Satz und Rhythmus suchend, die die Hauptrolle übernimmt und deren Charme wir erliegen, derweil uns längst egal sein darf, welches Wesen Marlene denn tatsächlich war – oder gewesen sein könnte.“

Knapp die Hälfte des 160 Seiten umfassenden Buches nehmen das Nachwort von Weinzierl und die editorischen Anmerkungen ein. Weinzierls Ausführungen sind eine Anschaffung des Buches wert: Kenntnisreich vollzieht er die Lebenswege der beiden Protagonisten – Polgar und Dietrich – nach, schöpft aus dem Vollen seiner literaturwissenschaftlichen Kenntnisse, spannt knapp und gut lesbar einen Bogen von Wien über Berlin nach Hollywood. Weinzierls Text ist eine Freude sowohl für Polgar-Kenner als auch für Filmfans.

Über seine Zeit in Hollywood schrieb Polgar 1942 in dem Artikel „Leben am Pazifik“ (Quelle: „Musterung, Kleine Schriften, Band 1“, rororo, Ausgabe 2004):

„Die Emigrantengespräche am Pazifik, zumal in Hollywood, wenden sich, nachdem das über globalen Krieg und globales Elend sachlich zu Sagende gesagt und die angehäuften persönlichen Bitterkeiten ausgeschüttet sind, gern dem Film zu. Sie verweilen dort längere Zeit und werden mit sonderbarer Erbitterung geführt. Die Urteile über pictures gehen weit auseinander und sind von unbedingter Entschiedenheit und abschließender Radikalität. Zwischen „begeistert“ und „angewidert“ gibt es da kaum eine mittlere Meinung. Was „begeistert“ anlangt, ist nun allerdings zu erwähnen, daß in picture-Sachen „begeistert“ ein Hollywooder Mindestausdruck der Bejahung ist. Hat z. B. jemand das getan, was am Pazifik weit verbreiteter Brauch ist, nämlich eine Filmstory verfaßt, so sind von ihr zuversichtlich alle – Familie, Freunde, Agenten und sämtliche Instanzen der Studios – begeistert; und nicht begeistert ist am Ende nur der Verfasser, mit dessen jedermann begeisternder Geschichte niemand etwas anzufangen wußte.“

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F. Scott Fitzgerald: Die Liebe des letzten Tycoon

„Er grüßte zurück und winkte dem Menschenstrom zu, der in der Dunkelheit vorbeifloß, und ich denke mir, daß er dabei ein bißchen wie Napoleon vor seiner Alten Garde ausgesehen hat. Es gibt keine Welt, die ohne Helden auskommt, und Stahr war ein Held. Die meisten dieser Männer waren schon lange hier, und bereits in den Anfängen, auch während des großen Umbruchs zum Tonfilm hin und schließlich in den drei Depressionsjahren hatte er dafür gesorgt, daß ihnen kein Leid geschah. Die alten Loyalitäten gerieten allmählich ins Wanken – auch er war schließlich nicht ohne Makel -, trotzdem war er ihr Mann, der letzte der ganz Großen, und die Grüße, die ihn von den Vorüberziehenden erreichten, waren gedämpfte Ovationen.“

F. Scott Fitzgerald, „Die Liebe des letzten Tycoon“, 1940.

Hollywood, die Traumfabrik. Hollywood, das ist, so ein Zitat aus dem letzten Roman F. Scott Fitzgeralds, „die Goldgräberstadt im Lotusland“. Hollywood, Babylon. Menschenfressermaschine. Das Geschäft mit den Träumen frisst seine eigenen Kinder und Helden: So auch jenen Monroe Stahr, dem vermutlich nur deswegen ein Überleben im Buch gegönnt war, weil der Roman unvollendet bleiben musste: Fitzgerald starb 1940 über den Entwürfen, ausgezehrt, von seinem jahrelangen Alkoholismus ausgebrannt und zudem als Autor beinahe schon vergessen.

Wie viele andere Schriftsteller auch, hatte sich Fitzgerald von Hollywood als Drehbuchautor einfangen lassen. Doch die wenigsten kamen mit dem System – oft ließen die Studios mehrere Autoren parallel an einem Skript arbeiten, künstlerische Leistung wurde zur Ware und wenig wertgeschätzt – und in den Schreibfabrikenzurecht. Viele konnten sich gerade so über Wasser halten, die Konkurrenz war groß, zumal neben den amerikanischen Schriftstellern auch während des Zweiten Weltkriegs mehr und mehr intellektuelle Emigranten sich hier einen Neuanfang erhofften – Bertolt Brecht sang ein Lied davon in den Hollywood-Elegien.

Doch trotz seiner kritischen Einstellung wollte F. Scott Fitzgerald einen Heldenroman schreiben: Vorbild für Monroe Stahr war Irving Thalberg, der legendäre Mitbegründer der MGM-Studios, der 1936 verstorben war. Unter Thalberg, der Perfektionist und kreativer Kopf mit einem Gefühl für künstlerische Leistung war, entstanden einige der wichtigsten Filme dieser Ära: „Anna Karenina“, „Ein Mensch der Masse“, „Menschen im Hotel“, „Mata Hari“. Ein Visionär, der auf Qualität setzte – und dadurch auch an den Kinokassen erfolgreich war. Doch dem entgegen standen die Verfechter der billigen Massenproduktion, Masse statt Klasse. Thalberg verstarb früh an seinem angeborenen Herzleiden – und hinterließ eine beträchtliche Lücke im Filmschaffen.

Unter Erfolgsdruck

Vielleicht sah Fitzgerald Parallelen zu sich selbst: Er, der strahlende Held der Literaturwelt in den roaring twenties, stets jedoch (zunächst aufgrund des aufwendigen Lebensstils, dann wegen der teuren Hospitalkosten für seine psychisch erkrankte Frau Zelda) auch gezwungen, sich in die Niederungen der literarischen Massenproduktion zu begeben. Nach den enormen Erfolgen seiner ersten Bücher war ausgerechnet „The great Gatsby“, den er als bis dahin ernsthaftesten Roman seinerseits wertete, beim Publikum durchgefallen. Die Erzählungen, die er Anfang der 1930er Jahre schrieb und mit denen er zeitweise zum bestbezahlten Schriftsteller seiner Tage wurde, nahm er selbst wenig ernst. Auch wenn darunter wunderbare Stücke sind, Diamanten so groß wie das Ritz. „Der letzte Tycoon“ sollte für den vergessenen Helden der 1920er nochmals ein Neuanfang sein, er wollte damit den literarischen Rang erreichen, den er zeitlebens erstrebte – wahr- und ernstgenommen werden als Autor. Alles deutete auf Neuanfang: Er war ab Anfang 1940 wohl trocken, Sheilah Graham, seine neue Lebensgefährtin, unterstützte ihn in seiner Arbeit, und auch mit dem System Hollywood kam er zurecht. Doch sein Herz war zu schwach, ähnlich wie das Thalbergs, wie jenes dessen literarischen alter egos, Monroe Stahr. Man darf jedoch nicht zu viel Biographisches und Autobiographisches hineindeuten in die literarische Kunstfigur, wie Verena Lueken in einer Diogenes- Ausgabe 2006 bemerkt:

„Fitzgerald hat nie direkt mit, oder besser: unter Thalberg gearbeitet, und er hat sehr in den Schreibfabriken Hollywoods gelitten. Aber er bewunderte Thalberg für dessen Intelligenz und Autorität und schätzte sicher auch dessen glänzendes Aussehen und tadellose Manieren. Mit Monroe Stahr entwirft er eine Figur, in der er die wichtigsten Lebensdaten und die besten Eigenschaften Thalbergs mit inneren Wirklichkeiten kombiniert, die aus seinem eigenen Leben stammen (…). Stahrs Verhältnis zu Frauen erinnert eher an Fitzgeralds Geschichte mit den Frauen, die er liebte. Die tote Minna, die Stahr nicht losläßt, trägt Züge der kranken Zelda, mit der kein Leben mehr möglich ist. Kathleen wiederum ist deutlich von Sheilah Graham inspiriert, die Fitzgerald zum ersten Mal auffiel, weil sie einen silbernen Gürtel trug. Monroe Stahr ist nicht Thalberg, und die Liebe des letzten Tycoon sollte kein Portrait seines Lebens werden. Stahr ist eine fiktive Figur, doch zusammengeschmolzen aus einem Vorbild, eigenen Erlebnissen und einer romantischen Vision vom großen Einsamen, der Ausnahmegestalt, die außerhalb jeder Ranküne steht und jeder Schweinerei.“

Elegante Melancholie

Die romantische Vision vom Einsamen, diese Mischung aus flatterhaften, flapsigen Dialogen,

– „ich mag die Menschen und mag es, wenn sie mich mögen, aber ich trage mein Herz an der Stelle, die Gott dafür vorgesehen hat, nämlich nach außen hin unsichtbar“ –

zugleich die dezente Melancholie und die Eleganz der Sprache: Auch „der letzte Tycoon“ ist, obwohl unvollendet, ein typischer, wenn nicht gar gereifter Fitzgerald.

Die Geschichte selbst wird von einer jungen Frau, Tochter von Stahrs Kompagnon, erzählt, die den einsamen Manager beinahe schon backfischhaft anhimmelt. Sie erlebt, wie Stahr bei einem Erdbeben in Los Angeles zufällig jene Kathleen erblickt, die seiner verstorbenen Frau aus dem Gesicht geschnitten zu sein scheint. Obwohl Kathleen vorhat, aus Pflichtgefühl einen anderen zu heiraten, erleben sie wenige Stunden und Tage miteinander – Tage, in denen Stahr zugleich mit anderen Produzenten, Filmbossen, Finanziers und Gewerkschaftern harte Kämpfe durchzufechten hat. Hier gilt es, Nerven zu bewahren, einen dicken Panzer zu zeigen – der so dick ist, dass auch Kathleen diesen nur für Momente durchbrechen kann. So liegt in dieser Geschichte, die Glanz und Schimmer einer Hollywood-Komödie zu versprechen scheint, bereits der Niedergang. Und dennoch: Auch dieser Roman ist ein Juwel aus der Hand des eigentlich gebrochenen Helden, Fitzgerald.

Hingewiesen sei auch auf die wunderbare Verfilmung von Elia Kazan mit Robert de Niro in der Hauptrolle.


Und noch der Fingerzeig auf zwei weitere Hollywood-Romane, die das Thema satirisch aufgreifen:

„Tag der Heuschrecke“ von Nathanael West, 1939, ebenfalls als Diogenes Taschenbuch erschienen. West, ein Freund Fitzgeralds, hatte sich ebenfalls in den Hollywood Studios verdingt und wurde dabei künstlerisch aufgerieben. Er kam 1940 mit seiner Frau bei einem Autounfall ums Leben. Zuvor hatte er noch die grandiose Abrechnung mit der Traumfabrik vorgelegt – in „Tag der Heuschrecke“ sind die Typen und Figuren grell überzeichnet. Sie handelt von den kleinen Statisten, den Tagelöhnern und Hungerleidern, die den Traum, ganz groß rauszukommen, teuer bezahlen. Und er erzählt von der großen Masse, die die Leere in ihrem Leben durch den Film füllen will, dieses nie erreichbare Ersatzleben, in dem alles Schönheit und Reichtum ist. Das furiose Ende ist die Beschreibung einer Massenhysterie unter der wartenden Menge vor einem Filmpalast:

„Ihr ganzes Leben lang hatten sie sich abgerackert, hinter Ladentischen und Schreibmaschinen, auf dem Land und in der Fabrik, und hatten ihre Pfennige zusammengekratzt, wobei sie von der Muße träumten, die ihnen winkte, wenn sie genug gespart hätten. Schließlich war es dann so weit. Sie konnten wöchentlich zehn bis fünfzehn Dollar abheben. Woanders sollten sie hin als nach Kalifornien, dem sonnigen Land der Orangen? Einmal dort, entdeckten sie, daß die Sonne nicht genügt. Mit der Zeit verleideten ihnen die Orangen, überhaupt alles Obst. Nie ereignet sich was. Sie wissen nicht, was mit ihrer Zeit anfangen, da sie geistig für Muße nicht ausgerüstet und zu arm und zu alt sind, um ausschließlich dem Vergnügen zu leben. (…) Mit ihrer Langeweile wird es immer schrecklicher. Sie merken, daß sie hereingelegt worden sind und hadern mit dem Schicksal. Ihr Leben lang haben sie täglich die Zeitung gelesen und sind ins Kino gegangen. So haben sie von Unfällen und Verbrechen gelebt, von Lustmord, Explosionen, Scheidungsprozessen, Feuersbrünsten, unerklärlichen Ereignissen, Revolutionen, Kriegen. Durch diese tägliche Kost wurden sie abgebrüht. Die Sonne ist ein Witz. Orangen können ihren abgestumpften Gaumen nicht mehr reizen. Nichts kann je gewalttätig genug sein, um ihre geistige und körperliche Erschlaffung zu heben.“

„Nowhere City“ von Alison Lurie, 1965, ebenfalls ein Diogenes Taschenbuch, erinnert an „Ortswechsel“ von David Lodge. Ein etwas braves, prüdes Ehepaar von der Ostküste Amerikas kommt für ein Jahr nach Los Angeles. Amüsant und böse erzählt Lurie von diesem „Clash“ der Kulturen, wo die behütete Ost-Prinzessin auf Hausfrauen trifft, die selbst beim Lebensmitteleinkauf aufgedonnert sind wie Diven, wo der Kosmos plötzlich von Filmsternchen, durchgeknallten Groupies, Psychiatern (nicht weniger durchgeknallt) und ähnlichem bunten Volk wimmelt.

Mein Favorit jedoch bleibt „Die Liebe des letzten Tycoon“.


Bild zum Download: Skulptur


Vicki Baum: Menschen im Hotel

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Bild von latalapayne auf Pixabay

„Es ist eine dumme Fabel, daß Hotelstubenmädchen durch die Schlüssellöcher schauen. Hotelstubenmädchen haben gar kein Interesse an den Leuten, die hinter Schlüssellöchern wohnen. Hotelstubenmädchen haben viel zu tun und sind angestrengt und müde und alle ein wenig resigniert, und sie sind vollauf beschäftigt mit ihren eigenen Angelegenheiten. Kein Mensch kümmert sich um den anderen Menschen im großen Hotel, jeder ist mit sich allein in diesem großen Kaff, das Doktor Otternschlag nicht so übel mit dem Leben im allgemeinen in Vergleich stellte. Jeder wohnt hinter Doppeltüren und hat nur sein Spiegelbild im Ankleidespiegel zum Gefährten oder seinen Schatten an der Wand. In den Gängen streifen sie aneinander, in der Halle grüßt man sich, manchmal kommt ein kurzes Gespräch zustande, aus den leeren Worten dieser Zeit kümmerlich zusammengebraut. Ein Blick, der auffliegt, gelangt nicht bis zu den Augen, er bleibt an den Kleidern hängen. Vielleicht kommt es vor, daß ein Tanz im gelben Pavillon zwei Körper nähert. Vielleicht schleicht nachts jemand aus seinem Zimmer in ein anderes. Das ist alles. Dahinter liegt eine abgrundtiefe Einsamkeit.“

Vicki Baum, „Menschen im Hotel“, 1929

Vicki Baum musste es wissen, was Hotelstubenmädchen tun: Die Autorin, zeitlebens für ihre Diszipliniertheit bekannt, arbeitete selbst wochenlang in einem Hotel, um für ihren Roman zu recherchieren. Die Mühe machte sich bezahlt: Mit „Menschen im Hotel“ (der Untertitel „Ein Kolportageroman mit Hintergründen“ wurde in den Nachkriegsauflagen unterschlagen) erreichte die gebürtige Österreicherin endgültig ihren literarischen Zenit.

Der Erfolg kam mit Ansage: Baum, die damals beim größten europäischen Verlag, Ullstein, als Redakteurin für mehrere Zeitungen schrieb, hatte bereits im Jahr zuvor mit dem Roman „stud. Chem. Helene Willfüer“ einen Bestseller gelandet. Das Buch im Stil der neuen Sachlichkeit stieß vor allem beim weiblichen Lesepublikum auf Interesse: Erzählt wird von einer jungen Studentin, die ungewollt schwanger wird und sich vergeblich um eine Abtreibung bemüht. Alleinerziehend macht sie dann dennoch beruflich ihren Weg und findet zudem ihr privates Glück. Die Mischung aus Melodram, Unterhaltung und leiser Gesellschaftskritik traf voll auf das Zeitgefühl der Weimarer Republik, vor allem die jungen, modernen Frauen fanden sich in den Büchern Baums wieder. Nach dem ersten Erfolg puschte der Ullstein Verlag die 1888 in Wien geborene Autorin – zu „Menschen im Hotel“ gab es eine richtiggehende Marketingkampagne, in der auch die Schriftstellerin selbst in den Vordergrund gerückt wurde. „Home stories“ und Anzeigen mit dem Gesicht einer Autorin: Das war noch relativ neu.

Endgültig trat das Buch seinen Siegeszug an, als es nicht nur als Theaterstück auf die Berliner Bühnen kam, sondern auch nach London und an den Broadway – Vicki Baum reiste 1931 zur Theaterpremiere nach New York und blieb für volle sieben Monate, auch, um die Filmrechte unter Dach und Fach zu bringen und ein Drehbuch für Hollywood zu verfassen. Durch die Verfilmung von „Grand Hotel“ mit Greta Garbo in der Hauptrolle wurde der Roman endgültig unsterblich. Ein Ruhm, von dem Vicki Baum, die aufgrund ihrer jüdischen Wurzeln 1932 endgültig in die USA übergesiedelt war, ein Leben lang zehren sollte: Denn obwohl weiterhin ungeheuer kreativ und produktiv, konnte sie diesen „Coup“ nicht wiederholen.

Doch an Publicity und Verfilmung allein liegt es nicht, dass „Menschen im Hotel“ auch heute noch lesenswert und ein durchaus bemerkenswertes Buch ist. In ihren 1962 postum erschienenen Memoiren (Vicki Baum verstarb 1960 in Los Angeles) Es war alles ganz anders“ schreibt sie über sich leicht selbstironisch und nicht ohne Bitterkeit als “erstklassige Schriftstellerin zweiter Güte”. Denn obwohl ungeheuer populär und durchaus auch von Kollegen wie Alfred Döblin und den Geschwistern Erika und Klaus Mann anerkannt, blieb Vicki Baum mit einem Stigma behaftet, das es insbesondere in der deutschen Literatur gibt: Dem der „Trivialität“. Anders als in den englischsprachigen Ländern wird hierzulande nach wie vor streng unterschieden – und Unterhaltungsliteratur kann per se nicht literarisch qualitätsvoll sein, vice versa ist „richtige“ Literatur alles, aber bloß nicht unterhaltend!

Dabei traf „Menschen im Hotel“ nicht nur den Nerv der Zeit, sondern kann auch – neben „Berlin Alexanderplatz“ , das im selben Jahr erschien – als einer der großen Berlin-Romane und als ein Dokument des Zeitgefühls der Weimarer Republik bezeichnet werden. Manche Szene zwischen Lebensgier und Niedergang: Sie könnte auch heute spielen, ist zeitlos modern.

Da pulsiert die Großstadt, die Hektik, die Jagd nach Vergnügen und Geld, das Chaos, die Turbulenz, dies alles hat Vicki Baum mit raschen Szenenwechseln, Beschreibungen im Stakkato und atemlosen, schwindelerregenden Passagen – so eine Fahrt über die Avus – perfekt eingefangen:

„Gaigern hatte die Finger voller Ungeduld, sie prickelte wie Kohlensäure zwischen seinen Händen und dem Steuer. An den Straßenkreuzungen hingen rote, grüne, gelbe Lampen, standen Schupoleute und drohten ihm halb lachend mit dem Arm. Menschenscharen bei Straßenecken, vorbei an Obstwagen, Plakatwänden und ängstlichen alten Damen, die zur falschen Zeit über den Fahrdamm trippelten, schwarz und langröckig mitten im März. Die Sonne war feucht und gelb auf dem Asphalt. Wenn ein schwerfälliges Autobustier den Weg verlegte, dann schrie der kleine Viersitzer mit zwei Hupen: wie ein Gebell von gereizten Hunden klang es. (…)

Kringelein starrte Berlin an, das zu Streifen gezerrt an dem Wagen vorüberrannte.“

Während es in Döblins „Berlin Alexanderplatz“ jedoch keine Hoffnung für den Franz Biberkopf und seine Mitstreiter gibt, wo Massenarbeitslosigkeit, Inflation, Verelendung in expressionistisches Grau münden, erzählt Baum eher konventionell, wenn auch durchaus neusachlich, aber eben mit einem Hang zum Melodram. Dennoch: Später wurden lediglich die sentimentalen Töne des Romans hervorgehoben, der ironisch-distanzierte Blick, den Baum wirft auf die Zeitläufte, auf die Politik, aber auch auf ihre Figuren, die bestimmte „Typen“ vertreten, wurden von der Kritik nicht mehr wahrgenommen.

Da ist die alternde Primaballerina, die verzweifelt versucht, ihre Jugendlichkeit zu bewahren (eine durchaus moderne Figur), der Gentlemandieb Freiherr von Gaigern (ein Vorläufer des Felix Krull), der Spießer Preysing, der über seine eigene Gier und Unfähigkeit stolpert, der gutherzige, aber von den Verhältnissen geknechtete Hilfsbuchhalter Kringelein und schließlich „Flämmchen“, eine typische Frauenfigur der neuen Sachlichkeit, wie sie auch im kunstseidenen Mädchen von Irmgard Keun oder bei Lili Grün beschrieben wird: Die Stenotypistin, das Ladenmädchen, das sein Glück machen will, gutherzig, aber von einem erotischen Pragmatismus geleitet:

„Sie hatte eine umfangreiche Bilanz zu machen. Der Verzicht auf das angefangene Abenteuer mit dem hübschen Baron stand darin, Preysings schwerfällige fünfzig Jahre, sein Fett, seine Kurzatmigkeit. Kleine Schulden da und dort. Bedarf an neuer Wäsche, hübsche Schuhe – die blauen gingen nicht mehr lange. Das kleine Kapital, das notwendig war, um eine Karriere zu beginnen, beim Film, bei der Revue, irgendwo. Flämmchen überschlug sauber und ohne Sentimentalität die Chancen des Geschäftes, das ihr geboten wurde.“

Der Roman konzentriert die Handlung auf vier Tage und vier Nächte – und schon bald sind Glanz und Glamour, die die Oberfläche im luxuriösen Hotel prägen, durchschaut, kommen die materiellen und die psychischen Nöte zum Vorschein. Insbesondere repräsentiert durch Doktor Otternschlag, dem gezeichneten Kriegsteilnehmer, der einsam Tag für Tag in der Lobby auf Post und menschliche Zuwendung wartet:

Gaigern empfand verwundert, daß dieser blödsinnige Doktor Otternschlag eine Art von Haß gegen ihn zu haben schien. „Das mag Geschmackssache sein“, sagte er leichthin. „Ich habe es nicht so eilig. Mir gefällt das Leben nun einmal. Ich finde es großartig.“

„So. Großartig finden Sie es? Sie waren doch auch im Krieg. Und dann sind Sie heimgekommen, und dann finden Sie es großartig? Ja, Mensch, wie existiert ihr denn alle? Habt ihr denn alle vergessen? Gut, gut, wir wollen nicht davon sprechen, wie es draußen war, wir wissen es ja alle. Aber wie denn? Wie könnt ihr denn zurückkommen von dort und noch sagen: Das Leben gefällt mir? Wo ist es denn, euer Leben? Ich habe es gesucht, ich habe es nicht gefunden. Manchmal denke ich mir: Ich bin schon tot, eine Granate hat mir den Kopf weggerissen, und ich sitze als Leiche, verschüttet die ganze Zeit im Unterstand von Rouge-Croix. Da habense den Eindruck, wahr und wahrhaftig, den mir das Leben macht, seit ich von draußen zurückgekommen bin.“

Ein literarischer Verdienst von Vicki Baum ist es zudem, dass sie die sogenannte „group novel“ gesellschaftsfähig machte: „Menschen im Hotel“ ist einer der ersten „Gruppenromane“ der Unterhaltungsliteratur, in dem eben nicht eine oder zwei Hauptfiguren im Vordergrund stehen, sondern Menschen wie Schauspieler auf einer Drehbühne aufeinandertreffen, deren Wege sich kreuzen, deren Schicksal miteinander zunächst lose verknüpft und dann enger verwebt werden. So wurde „Menschen im Hotel“ auch zu einer Vorlage, die bis heute im TV gerne aufgegriffen wird – seien es Arztserien oder ähnliche „soaps“, sie haben ihre literarische Wurzel hier.

Die Figuren in „Menschen im Hotel“ sind Prototypen, das Privatschicksal, so schrieb der Literaturkritiker Werner Fuld, wird zum Massenartikel, zum Klischee, zur Kolportage. Dass der Kolportageroman jedoch auch Hintergründe (nochmals ein Hinweis auf den ursprünglichen Untertitel) zu bieten hat, das liegt an der eigentlichen „Hauptfigur“ des Roman: Das Hotel, das ähnlich wie bei Joseph Roths „Hotel Savoy“ die Rolle des Katalysators spielt, das der Schauplatz ist, an dem sich aus den Figurenschemen langsam Menschen mit ihren Nöten und Ängsten herausschälen. Diese Nöte hängen eng mit den Verhältnissen einer Gesellschaft am Abgrund zusammen. Ein Hotel, in dem Getriebene und Herrenmenschen aufeinander treffen:

„Was hier in diesem Hotelzimmer aus ihm hervorbrach, war alles in allem die Klage des zarten und erfolglosen Menschen gegen den andern, der einfach und mit etwas Brutalität seinen Weg macht, eine wahre, aber ungerechte und höchst lächerliche Klage…“

Nicht zuletzt führte neben ihrer jüdischen Herkunft auch dieser kritische Blick auf die Zeit, der von den „Trivialitäts-Kritikern“ oftmals unterschlagen wird, mit dazu, dass die Bücher von Vicki Baum von den Nazis auf den Index gesetzt, die Schriftstellerin selbst als „Asphaltliteratin“ bezeichnet wurde und sie schließlich mit ihrer Familie den Weg in das Exil nahm.


Weitere Bücher von Vicki Baum:

„Rendezvous in Paris“, 1935:

Kitsch? Nein! Auch wenn Kitschverdacht naheliegt: „Rendezvous in Paris“ ist eine kurzweilige Lektüre, Herz-Schmerz-Melodram und hellsichtige Zeitdiagnose zugleich. Vicki Baum war, als sie diesen Roman um eine fatale Affäre begann, bereits ein literarischer Star – international anerkannt, in Deutschland verbannt. „Rendezvous in Paris“ erschien daher 1935 zunächst im Exilverlag „Querido“, zum 125. Geburtstag der Autorin 2013 gab die „edition ebersbach“ den Roman neu heraus.
Vicki Baum erzählt die Geschichte einer biederen Berliner Richtergattin, die für einen kurzen Liebesnachmittag nach Paris ausbricht, aus drei Perspektiven – und spielt, handwerklich perfekt, auch mit drei unterschiedlichen Stimmen: Frank, der leichtlebige amerikanische Liebhaber, für den das Ganze nur eine bittersüße Zwischenstation ist, Kurt Droste aus Wilmersdorf, der Richter, der mehr mit seinem Beruf verheiratet ist und die zarte, untüchtige Richtersgattin Evelyn, die sich von einer kurzen Leidenschaft hinreißen lässt. Dem „Frauchen“ Evelyn stellt Vicki Baum eine emanzipierte, berufstätige und lebenstüchtige Freundin zur Seite – so packt die Autorin in diesen auch heute noch lesenswerten Roman verschiedene Schauplätze, Typen und Milieus von den exklusiven Berliner Clubs über den Mittelstand bis hin zu den vollgepackten Wohnungen der Arbeitersiedlungen in Berlin. Hier, in den „soziologischen Studien“, die Richter Droste im Laufe einer Verhandlung in Moabit betreibt, zeigt sich auch, warum die Nazis die Autorin als „jüdische Asphaltliteratin“ verunglimpften: Sie vereinbarte geschickt Unterhaltungsstoff mit Sozialkritik in ihren Büchern.
Im „Tagesspiegel“ wurde die Neuauflage des Romans positiv besprochen: Baum war keine Avantgardistin, dabei wirkt ihre Prosa oft ungeheuer modern und elegant, etwa bei einer Stakkato-Beschreibung des Alexanderplatzes: „Hier schlug eines der vielen Herzen von Berlin, Licht, Lärm, Verkehr, Menschen, Gedränge, Gesichter, Stimmen, Hupen, Zeitungen, Reklame.“

 

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Dashiell Hammett: Der dünne Mann

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Bild: (c) Michael Flötotto

„Ich kann mir nicht vorstellen, wie ein Detektiv jemals zurechtkommen soll, ohne mit dir verheiratet zu sein, aber übertreiben tust du`s deswegen doch. Studsy, der Morelli anstößt, das ist genau meine Vorstellung von etwas, worüber man sich lange Zeit keine Gedanken zu machen braucht. Eher würde ich mir schon Gedanken darüber machen, ob sie Sparrow fertiggemacht haben, um zu verhindern, dass ich was abkriege, oder um zu verhindern, dass ich was erzählt kriege. Ich bin müde.“
„Ich auch. Sag mir eines, Nick. Sag mir die Wahrheit: als du mit Mimi gerungen hast, hast du da nicht eine Erektion bekommen?“
„Oh, so `n bisschen.“
Sie lachte und stand vom Fußboden auf. „Also wenn du kein widerwärtiger alter Wüstling bist“, sagte sie. „Sieh mal, es ist schon hell.“

Dashiell Hammett, „Der dünne Mann“, 1934.

Die Schlafzimmergespräche von Nora und Nick Charles sind eben etwas anders wie bei anderen Leuten. Mit seinem letzten Roman schuf Dashiell Hammett (1894-1961) das wohl charmanteste und glamouröseste Detektivpärchen der Literatur. Und hinterließ ein literarisches Zeugnis, das scheinbar ganz leicht und leichtlebig von der Krankheit erzählt, die sein Leben jahrelang prägte: Im „dünnen Mann“ wird gesoffen, was das Zeug hält.

Als der Roman 1934 erschien, hatte Hammett wegen seiner Alkoholsucht und einem Leben, das wie eine nimmerendende Party erschien, bereits mehrere Jahre nichts mehr veröffentlicht. Zuvor kam der Rausch – der Rausch des Erfolgs. Der Schulabbrecher, der sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser hielt, als Pinkerton-Detektiv Erfahrungen sammelte und als Pulp-Autor mäßige Resonanz bekam, war auf einer unglaublichen Welle geritten – beinahe im Halbjahrestakt erschienen ab 1929 die Romane „Die rote Ernte“, „Der Fluch des Hauses Dain“, „Der Malteser Falke“ und „Der gläserne Schlüssel“. Dashiell Hammett gilt noch vor Raymond Chandler als Schöpfer der „hard boiled novel“, die realistisch die schwarze Seite Amerikas darstellt: Verbrechen und Korruption in der schönen Neuen Welt.

Diese neue Art der harten Krimis kam an. Hammett wurde zum Liebling Hollywoods, “the hottest thing in town”, wie es die Dramatikerin Lillian Hellman in ihren Erinnerungen formulierte. Hellmann lernte Hammett kennen, als er auf dem Gipfel des Erfolgs stand: Frauenheld, Partylöwe, Dauerzecher. Literarisch jedoch schien er am Ende, wie Hellman 1965 in Erinnerungen an ihn schreibt:

“When I first met Hammett he was throwing himself away on Hollywood parties and New York bars: the throwing away was probably no less damaging but a little more forgiveable because those who were there to catch could have stepped from The Day of the Locust. But he knew what was happening to him and, after 1948, it was not to happen again. It would be good to say that as his life changed the productivity increased, but it didn’t. Perhaps the vigor and the force had been dissipated. But, good as it is, productivity is not the only proof of a serious life and now, more than ever, he sat down to read.”

“Because on the night we had first met he was getting over a five-day drunk and he was to drink very heavily for the next eighteen years. And then one day, warned by a doctor, he said he would never have another drink and he kept his word except for the last year of the one martini, and that was my idea.”

1948 also wird Hammett „trocken“, doch bis dahin ist es noch ein langer Weg und die schriftstellerische Produktivität längst schon versiegt. Denn sein letzter Roman, „Der dünne Mann“, erscheint 1934, danach nur noch Erzählungen. Gewidmet ist der „dünne Mann“ Lillian Hellman – und durchaus kann man sich vorstellen, dass die Dialoge zwischen Nick und Nora, so locker wie aus einer Noël Coward-Komödie, aus dem „echten“ Leben gegriffen sind. Nick und Nora, Dashiell und Lillian – ein Paar wie Scott und Zelda, Dashiell der große Gatsby des Thrillers, leichtlebig, charmant, hedonistisch. Hellmann schildert den Entstehungsprozess des Krimis:

“I had known Dash when he was writing short stories, but I had never been around for a long piece of work. Life changed: the drinking stopped, the parties were over. The locking-in time had come and nothing was allowed to disturb it until the book was finished. I had never seen anybody work that way: the care for every word, the pride in the neatness of the typed page itself, the refusal for ten days or two weeks to go out even for a walk for fear something would be lost. It was a good year for me and I learned from it and was; perhaps, a little frightened by a man who now did not need me. It was thus a happy day when I was given half the manuscript to read and was told that I was Nora, It was nice to be Nora, married to Nice Charles: maybe one of the few marriages in modern literature where the man and woman like each other and have a fine time together. But I was soon put back in place—Hammett said I was also the silly girl in the book and the villainess.”

Zunächst stößt “Der dünne Mann” jedoch auf wenig Gegenliebe: Etliche Magazine lehnen eine Veröffentlichung ab, zu ungewöhnlich und außer der Reihe ist das Buch, es wird, gemessen an seinen Vorgängern, als “zu leicht” empfunden. Tatsächlich ist es das am wenigsten „schwarze“, das komödiantischste und leichteste seiner Bücher, wenn es auch immer noch genügend „Hard-boiled“ -Elemente und eine spannende Story in sich birgt. Als es dann herauskommt, straft der Erfolg alle Kritiker lügen – schon kurz nach Erscheinen des Buches kommt die Verfilmung mit William Powell und Myrna Loy ins Kino, weitere Dünne-Mann-Geschichten, die Hammett als Auftragsarbeiten für Hollywood schreibt, und Filme mit der Erfolgsbesetzung folgen.

Nick Charles ist durchaus ein Abbild Dashiell Hammetts zu der Zeit, als dieser Lillian Hammett kennenlernt: Der frühere Detektiv, der inzwischen den Ehestand, das ironische Geplänkel mit seiner Liebsten, aber auch die täglichen Drinks genießen will.

Nora konnte in dieser Nacht nicht schlafen. Sie las Schaljapins Erinnerungen, bis ich zu dösen begann, worauf sie mich mit der Frage weckte: „Schläfst du?“
Ich bejahte es.
Sie steckte eine Zigarette für mich an und eine für sich selber. „Spielst du nie mit dem Gedanken, dich ab und zu bloß so aus reinem Vergnügen wieder einmal als Detektiv zu betätigen? Ich meine, wenn irgendwas Besonderes anliegt, wie die Lindb—„
„Liebling“, sagte ich, „mein Tip lautet, dass Wynant sie umgebracht hat und die Polizei ihn auch ohne meine Mithilfe schnappen wird. Für mich jedenfalls ist das völlig bedeutungslos.“
„Das habe ich nicht eigentlich gemeint, aber —„
„Aber außerdem habe ich auch nicht die Zeit dazu. Ich bin viel zu sehr damit beschäftigt, darauf aufzupassen, dass du keinen Cent von dem Geld verlierst, um dessentwillen ich dich geheiratet habe.“ Ich küsste sie. „Meinst du nicht, ein Drink würde dir vielleicht zum Schlaf verhelfen?“
„Nein, danke.“
„Vielleicht, wenn ich einen nehme.“

Alles Abwehren jedoch fruchtet nicht: Nick Charles wird wider Willen in einen komplizierten Mordfall hineingezogen und auch bei der einen Leiche bleibt es nicht. Schon der erste Absatz des Buches zieht mitten hinein in den Fall – und in die „coole“ Welt des Detektivs:

„Ich lehnte am Tresen eines Speakeasy in der Fifty-second Street und wartete darauf, dass Nora ihre Weihnachtseinkäufe beendete, als ein junges Mädchen, das mit drei anderen Leuten an einem Tisch gesessen hatte, aufstand und zu mir herüberkam. Es war zierlich und blond, und ob man sein Gesicht betrachtete oder seine Gestalt in dem rauchblauen Sportkostüm, das Ergebnis war gleichermaßen zufriedenstellend.“

Das Mädchen, Dorothy, ist die Tochter eines früheren Klienten von Nick Charles, dem Erfinder Clyde Wynant. Und sie ist, wie der Herr Papa und der Rest der Familie, mit „exzentrisch“ noch wohlwollend beschrieben. Die Herrschaften, samt der dubiosen Sekretärin und Geliebten des Erfinders, die als erste ihr Leben lassen muss, sind allesamt sinister und hinter dem Geld des „dünnen Mannes“ her (erst mit den Nachfolgefilmen wird der Detektiv selbst zum „dünnen Mann“). Charles will sich heraushalten und gemütlich seine Weihnachtscocktails süffeln – bis jedoch nächtens ein Krimineller in seinem Schlafzimmer steht, mit der Pistole wedelt, die Polizei für Randale sorgt und nicht zuletzt Ehegattin Nora ihre Neugierde nicht bezähmen kann. Mit viel Witz und ebenso viel Spannung wird die Geschichte temporeich vorangetrieben. Und endet mit einer Überraschung: Alle sind verdächtig, aber der Mörder ist…

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Udo Bayer: Carl Laemmle und die Universal – eine transatlantische Biografie

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Bild von David Mark auf Pixabay

„Im Gesamtzusammenhang der rekonstruierbaren Fakten lassen sich Laemmles Auswanderungsmotive mit großer Wahrscheinlichkeit so rekonstruieren, dass er einerseits die nur bescheidenen beruflichen Aussichten mit den vermuteten Chancen in Amerika vergleicht, das zudem der Familie nicht ganz fremd ist und zusätzlich noch die Verlockungen einer den Jugendlichen faszinierenden Welt des Abenteuerlichen verspricht. So betrachtet fällt er auch aus der Typisierung heraus, die Hertzberg für die jüdischen Einwanderer Amerikas gibt. „Eine unglückliche europäische Vergangenheit“ Laemmles gibt es nicht, denn hiergegen spricht schon seine spätere Anhänglichkeit an seine Geburtsstadt.“

Dr. Udo Bayer, „Carl Laemmle und die Universal – eine transatlantische Biografie“, Verlag Königshausen & Neumann, 2013, ISBN 978-3-8260-5120-3.

Von dem hier die Rede ist, ist Carl Laemmle, 1867 in der oberschwäbischen Kleinstadt Laupheim geboren – einer, der sich 17jährig aufmacht, um in Amerika sein Glück zu machen, und wenige Jahre später mit anderen gemeinsam den Grundstein zur „Traumfabrik“ legt: Carl Laemmle, der 1912 die Universal Pictures gründete, 1915 mit der Universal City in Los Angeles das seinerzeit größte Filmstudio der Welt eröffnete – und damit als „Erfinder Hollywoods“ galt.

Laemmles Geschichte ist jedoch weit mehr als die einer besonders erfolgreichen Auswanderung. Seine Biographie ist auch ein wesentlicher Teil der Geschichte des Judentums in Baden-Württemberg und Bayern – von der Ansiedlung in den schwäbischen Gemeinden, in denen die jüdischen Familien mit beschränkten Rechten als „Fremdkörper“ ihre Existenz aufbauten (noch heute gibt es in Laemmles Geburtsstadt beim Standort der ehemaligen Synagoge einen „Judenberg“) über die langsame Assimilation, Integration und Emanzipation, bedingt vor allem durch den wirtschaftlichen Erfolg der jüdischen Gemeinden, über die Auswandungsbewegung ab den 1860er Jahren bis hin zum Holocaust.

Auch Laemmle war aus der wirtschaftlichen Not heraus gezwungen, auszuwandern. Aber obwohl er in den USA eine unvergleichliche Karriere hinlegte, blieb er seinem Geburtsort sein Leben lang verbunden. Er besuchte ihm mehrfach und trat finanziell als Mäzen auf: So stiftete er das Volksbad, gründete eine Armenstiftung und half durch zahlreiche Spenden.

Bis er zur unerwünschten Person wurde. Den Verunglimpfungen durch die Nationalsozialisten, auch an seinem Heimatort, wo ihm die 1919 anerkannte Ehrenbürgerschaft flugs wieder abgesprochen worden war, begegnete Laemmle auf seine Weise: Er verhalf mehr als 300 Juden mit so genannten Affidavits zur Flucht aus Deutschland während des NS-Regimes. Ein Zeichen setzte er auch in seiner Arbeit: So produzierte er nicht nur Unterhaltungsfilme und Kassenschlager wie „Das Phantom der Oper“ oder den „Glöckner von Notre-Dame“, sondern (bzw. sein Sohn Julius) auch „Im Westen nichts Neues“ nach dem Roman von Erich Maria Remarque. Buch und Film – beides die Anti-Kriegsklassiker per se – wurden im Deutschen Reich verboten.

Lange blieb die Geschichte Laemmles auch in seiner Heimatstadt verborgen. Engagierte Bürgerinnen und Bürger widmen sich dort seit Jahren der Aufarbeitung des Schicksals der jüdischen Gemeinde, die im württembergischen Laupheim zeitweise eine der größten Gemeinden des Königreichs war. Sie geht auf einige jüdische Familien aus Illereichen und Buchau zurück, die 1724 durch Reichsfreiherr Anton v. Welden als Schutzjuden in Laupheim „zur Belebung des Laupheimer Markts” angesiedelt wurden.

Auch der Gymnasiallehrer Dr. Udo Bayer widmete sich jahrelang bis zu seinem frühen Tod der Erforschung dieses Aspekts der Lokalgeschichte. Ab 1988 recherchierte er insbesondere zum Leben Carl Laemmles – akribisch und mit hohem Aufwand.  Bayer zeichnete in seiner eingangs zitierten Biographie Aufstieg und Niedergang nach – die Universal Pictures kommen in finanzielle Schwierigkeiten just zu jener Zeit, als Laemmle in der alten Heimat mehr und mehr zur persona non grata wird, als „Filmjude“ gebrandmarkt. Durch die Weltwirtschaftskrise ins Strudeln geraten, muss Laemmle 1936 sein Unternehmen verkaufen. 1939 stirbt er an einem Herzinfarkt in seiner Villa in Beverly Hills – hochgeachtet als Filmpionier und „Erfinder“ Hollywoods, über 2500 Menschen, darunter zahlreiche Regisseure, Stars und Sternchen, geben ihm das letzte Geleit.

Anders dagegen in der alten Heimat, für die er soviel tat:
Der Name Carl Laemmle war aus dem Stadtbewußtsein gelöscht worden: Auch die  erst 1927 so getaufte Carl-Laemmle-Straße wurde 1933 wieder umbenannt – nichts durfte an den früheren Gönner und Wohltäter der Stadt erinnern. Noch in den 90er-Jahren löste der Vorschlag, das örtliche Gymnasium nach dem berühmtesten Sohn der Stadt zu nennen, Debatten aus. Lange hat die Aufarbeitung gedauert, doch sie kam: Heute gibt es in Laupheim ein Museum zur Geschichte von Christen und Juden (ein Zweig des Haus der Geschichte Baden-Württembergs), eine Abteilung ist Carl Laemmle gewidmet: http://museum-laupheim.de/

Unweit davon erinnert ein Gedenkstein an die in der Reichskristallnacht zerstörte Synagoge. Erhalten dagegen und vor allem durch privates Engagement gepflegt ist der Jüdische Friedhof mit seinen über 1200 Grabstellen. An den Grabstätten zeigt sich die enge Verflechtung der jüdischen Familien in Laupheim auch zu den anderen schwäbischen Gemeinden – so sind hier auch Gräber von Verwandten des gebürtigen Ulmers Albert Einstein zu finden. Einstein und Laemmle – zwei Schwaben in Amerika: https://www.youtube.com/watch?v=F9C_1uaaioM

Eine der vielen tragischen Geschichten dieser Zeit erzählen auf diesem Friedhof drei Grabsteine, die durch ihre Nähe zueinander auffallen. Es ist die Geschichte der Schwestern Sally, Jette und Therese Kirschbaum. Die hochbetagten Schwestern, die ohne weitere Verwandte in Laupheim verblieben waren, waren nach der Machtübernahme durch die Nazis unter den letzten Überlebenden der einstmals blühenden jüdischen Gemeinde.

Beim Steinheim Institut findet man nur folgende Auskunft: „Die drei betagten Schwestern, Betreiberinnen einer kleinen Gemischtwarenhandlung, wählten an drei aufeinanderfolgenden Tagen den Freitod, nachdem sie ihres Heimes verwiesen und in Baracken zwangsumgesiedelt wurden. Sie sind unter den Laupheimer Opfern der Nationalsozialisten verzeichnet.“

Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 flohen 126 von 235 jüdischen Einwohnern ins Ausland, die meisten von ihnen nach der sogenannten Reichspogromnacht im November 1938. In dieser Nacht wurde auch die Laupheimer Synagoge in Brand gesteckt. Im folgenden Jahr wurden die noch verbliebenen jüdischen Bürger innerhalb von Laupheim in das Barackenlager Wendelinsgrube zwangsumgesiedelt und in den Jahren 1941 und 1942 schließlich in Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert. Nach dem letzten von vier Transporten am 19. August 1942 hörte die jüdische Gemeinde in Laupheim auf zu existieren.

Nur wenige Mitglieder der einstmals großen jüdischen Gemeinde Laupheims haben den Nationalsozialismus überlebt. Umso wichtiger ist das Engagement von Menschen wie Dr. Udo Bayer, die die Erinnerung wachhalten.