Vicki Baum: Hotel Berlin

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„Aber die deutsche Seele ist gotisch. Es ist eine verstrickte Seele voll von Dunkelheiten und Höllenvisionen, eine gepeinigte Seele, und sie liebt das Leiden. (…) Die deutsche Seele will Schmerzen erleiden und Schmerzen zufügen. Ach, was versteht ihr denn von Deutschland! Überorganisation nennt ihr es; Militarismus, tyrannisches Befehlen und blinden Gehorsam. Begreift ihr denn nicht: Der Deutsche will keine Freiheit, denn für ihn wäre sie Selbstzerstörung.“

Vicki Baum, „Hotel Berlin“, Originalausgabe 1943/44, wiedererschienen in der Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch durch Grete Dupont im Verlag Klaus Wagenbach, 2018.

Ja, man blinzle getrost mit den Augen: Auch das obige Zitat, auch das ist Vicki Baum. Was hier ein versoffener Schriftsteller, der „Staatsdichter“  der Nazi-Clique ausspricht, das klingt heute so fürchterlich aktuell, ein Jargon, ein Fabulieren, das einem leider bekannt vorkommt.

Die lange als Unterhaltungsschriftstellerin unterschätzte Österreicherin konnte anders, war anders als es viele der Klischees, die ihr bis heute anhaften, es vermuten lassen. Sie war in der Sprache oftmals leicht, aber nicht seicht. Und sie war vor allem auch mutig, kritisch, widerständig. Davon zeugt ihr Roman „Hotel Berlin“, den sie, die von den Nationalsozialisten ausgebürgert worden war, in ihrer neuen Heimat, in New York, bereits 1943 schrieb. Dort ist das Buch auch zuerst erschienen – und man merkt ihm an, wie sehr es Vicki Baum auch in Gedanken an die Menschen in der „alten“ Heimat geschrieben hat.

Im Grunde ist „Hotel Berlin“ eine Fortsetzung des Großstadtromans „Menschen im Hotel“: Einige der Charaktere kommen einem vertraut vor, einige der Szenen und Kulissen ebenso. Da tritt der ständige Hotelgast auf, ein abgehalfterter Arzt, der auf ein Telegramm wartet, eine Aufgabe, einen Sinn im Leben. Die exaltierte Diva, die plötzlich Herz entwickelt, der schmissige Leutnant, der nichts versteht. Doch es ist nicht das Berlin der Weimarer Republik mit seinem Tempo, seinem Takt, in dem dieses Buch spielt – sondern es ist das Berlin am Ende jener Jahre einer Diktatur, die Deutschland in den Abgrund riss.

Während auf die Stadt die Bomben der Alliierten fallen, ist das „Hotel Berlin“ Dreh- und Angelpunkt für Parteibonzen, Diplomaten auf dem Irrweg und Militärs, die von Pflicht- und falsch verstandenem Ehrgefühl geplagt werden. Es ist sozusagen das luxuriöse Herz der Finsternis. Und ausgerechnet in der Suite der Schauspielerin, die mit einem General liiert und von Hitler persönlich protegiert wird, flüchtet sich ein widerständiger Student, der der Gestapo buchstäblich vom Schafott hüpfte.

Wie sich der kapriziösen Lisa die Augen öffnen, wie sich zwischen diesem ungleichen Paar eine Liebesgeschichte entwickelt: Das ist der äußere Rahmen, den die Unterhaltungsschriftstellerin wählte. Das ist manchmal ein wenig rührselig, manchmal ein kleines bisschen kitschig, aber es ist auch anrührend. Man hofft und fiebert dann doch bis zum Ende, dass diese Lisa ihren Martin aus dem Hotel und somit aus den Fängen der Gestapo retten kann.

Dass das Ganze jedoch nicht zu einer Schmonzette in finsteren Zeiten missrät, das ist dem Geschick der Schriftstellerin mit ihrem guten Blick für Typen und Charaktere zu verdanken: Obwohl bereits seit 1931 in den USA, zeichnet Vicki Baum ein treffendes, konkretes Bild von den Verstrickungen, Irrungen und Wirrungen. Wie Nazibonzen versuchen, vom Krieg zu profitieren, wie der Antisemitismus funktioniert, die Ausgrenzung ganzer Menschengruppen, wie Korruption und Grausamkeit Hand in Hand gehen und auch, wie und aus welchen Motiven sich der militärische Widerstand gegen Hitler tatsächlich formierte: Es ist erstaunlich, was alles die Schriftstellerin selbst in Übersee von den inneren Vorgängen in Nazi-Deutschland gewusst haben muss. Und wie sie es schafft, dies alles in einen scheinbar literarisch leichtgewichtigen Text zu packen.

In ihrem 1946 geschriebenen Vorwort gibt Vicki Baum Auskunft über ihre Informationsquellen:

„Ich sammelte jedes Fetzchen Information, das ich mir über Deutschland verschaffen konnte; es ist überflüssig zu sagen, daß die meisten dieser Berichte auf verschlungenen Wegen zu mir kamen: durch Mitglieder verschiedener Widerstandsbewegungen; als Mitteilungen, die aus Deutschland herausgeschmuggelt wurden, in Briefen und Erzählungen deutscher Kriegsgefangener, in Gesprächen mit Menschen, die in Gestapokellern gefoltert, in Konzentrationslagern bis an den Rand des Todes gebracht und wie durch ein irgendein Wunder entkommen waren.“

Ein Liebesroman, der eine politische, eine menschliche Botschaft und die Vision von einer besseren Gesellschaft beinhaltet. Ihrem Helden Martin, dem Studenten aus dem Widerstand, legt sie dies in den Mund:

„Es wird Frieden sein, und die Gefängnistüren werden sich öffnen, und wir alle werden zu dem einfachen Geschäft zurückkehren, das Leben heißt. Die Bauern auf den Feldern, die Arbeiter in den Fabriken, die Studenten in den Universitäten, die Wissenschaftler in den Laboratorien, die Frauen, die Kinder und die alten Männer: Sie alle werden nichts anderes tun als leben. Keiner wird Angst haben, und keiner wird gepeinigt werden, und keiner wird hinter Stacheldraht getötet und verscharrt werden. Keiner wird sich mehr schämen müssen. Ich spreche jetzt nicht von dem Kampf, der vorhergehen wird. Es wird ein grausamer Kampf sein, aber voll Hoffnung. Ich spreche von der Zeit danach, wenn alles wieder gut sein wird.“

Bereits 1943 warnt Vicki Baum auch davor, sich auf „gefährliche Simplifizierungen“ einzulassen, so beispielsweise, alle Deutschen als bösartige Feinde abzutun. Aber sie findet auch deutliche Worte zu Schuld und Verantwortung:

„Ausschließlich schlechte Menschen sind ebenso selten wie ausschließlich gute, hier sowohl wie im Feindesland. (…) Die Schuld am Krieg lag und liegt bei den deutschen Führern, die ohne jeden Grund die ganze Welt in dieses entsetzliche Elend stürzten. Aber die Verantwortung für den vernichtenden Ausgang dieses Krieges liegt beim deutschen Volk, das weder den Mut noch den Wunsch hatte, diese Führer abzusetzen, solange es noch Zeit dazu war.“

Allein dieses Zitat sagt auch mehr als deutlich: Es wäre auch eine arge Simplifizierung, in Vicki Baum nur eine Romanschriftstellerin mit Unterhaltungswert zu sehen…

„Hotel Berlin“ erschien übrigens in einer schönen Taschenbuch-Reihe bei Wagenbach, in der sich alles um das Hotel, das zweite Zuhause vieler Reisender, dreht:
https://www.wagenbach.de/buecher/wat-taschenbuch.html

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Vicki Baum: Makkaroni in der Dämmerung

„Ihr Männer – sagen die Frauen – lebt überhaupt noch in einem anderen Jahrhundert wie wir. Ihr seid altmodisch, verlogen und nicht ganz auf der Höhe der Zeit. Ihr wollt Fransen und Draperien der Achtzigerjahre um die Liebe. Ihr wollt blauen Dunst machen und blauen Dunst vorgemacht bekommen. Ihr liebt gar nicht uns Frauen von Fleisch und Blut, ihr liebt nur euren Traum von uns. Gut, wir haben Geduld. Wir wollen gerne noch fünfzig Jahre warten, bis ihr kapiert hat, daß wir auch ohne Schwindel miteinander auskommen können.“

Aus „Variationen der Liebe“, ursprünglich erschienen 1928 in „Die Dame“, aus dem Band mit Feuilletons von Vicki Baum, „Makkaroni in der Dämmerung“, edition atelier, 2018.

Zugegeben: Manches wirkt inzwischen etwas aus der Zeit gefallen an diesen Feuilletons. Dies eben nicht nur, wenn Vicki Baum von aktuellen Kulturereignissen erzählt oder von den angesagten Modetrends der Zwischenkriegszeit, sondern insbesondere dann, wenn die gutbürgerliche Bildung aus ihr herausbricht, sie von der Disziplin kleiner Ballettelevinnen schwärmt oder über das Kleid einer Schauspielerin und dessen Schicksal sinniert. Da schmiegt sich einmal zu oft ein Stoff „zärtlich“ an die Trägerin, da weht eine Brise zu viel Parfüm durch die Zeilen.

Aber dennoch: Der Stempel der bloßen Unterhaltungsschriftstellerin, der hängt der 1888 in Wien geborenen Hedwig Baum zu Unrecht an. Denn aus ihren Texten spricht ebenfalls die Stimme einer unabhängigen, willensstarken Frau, die ihre Umgebung mit milde-kritischen Augen betrachtet. Und die, wenn sie in ihren Augen obsolet und hinderlich sind, bereit ist, über Konventionen hinwegzugehen. Das macht insbesondere manche ihrer Feuilletonbeiträge alters- und zeitlos – wer beispielsweise ihren journalistischen Selbstversuch liest, bei dem sie sich einer Hormonbehandlung als Jungbrunnen-Wunderkur unterzieht, der wird den ironischen Unterton genießen. Und an den Botox-Wahn unserer Tage denken.

Dass sie mehr war als eine unterhaltsame Schriftstellerin, die hohe Auflagen erzielte – allein das macht Autoren ja bis heute noch in gestrengen Kritikerkreisen „verdächtig“ – wird besonders an einer Textart deutlich, mit der man ihren Namen heute nicht mehr unmittelbar verbindet. Bekannt sind nach wie vor einige der rund 30 Romane – allen voran natürlich „Menschen im Hotel“ -, die sie neben zahlreichen Drehbüchern und Theaterstücken in Europa und den USA verfasste und die immer wieder aufgelegt werden. Wie bei allen „Vielschreibern“ ist da manches stärker, manches schwächer in der Form. Wie sehr sie jedoch die Klaviatur des Schreibens beherrschte, zeigen die Essays und Artikel, die Vicki Baum für Zeitschriften und Magazine verfasste. Sie war eine sehr gute Handwerkerin, die bei aller Produktivität Form und Sprache nicht vernachlässigte, an ihnen feilte, bis ihren Artikeln dieser spezifische Hauch von Leichtigkeit anhing – und man weiß ja: Schwer ist oft das Leichte.

Nach dem Roman, der ihr den Durchbruch brachte, „Stud. chem. Helene Willfüer“, 1928 beim Ullstein Verlag erschienen, wurde Vicki Baum von Ullstein als Vertreterin der neuen Frau aufgebaut. Unter anderem wurde sie Leiterin der literarischen Beilage der Frauenzeitschrift „Die Dame“ und wurde damit zum Zugpferd für eine neue Generation von Leserinnen. Und vor allem hier, in der „Dame“, aber auch in anderen Publikationen der Weimarer Republik konnte Vicki Baum sich der „kleinen Form“ widmen, jener essayistisch-literarischen Form, die hohe Könnerschaft und Beherrschung des Handwerks voraussetzt: Denn die Kürze zwingt zur Konzentration, jeder Satz, jeder Punkt muss sitzen, für langatmige Abschweifungen ist kein Raum.

Dass man diese Leichtigkeit nun an einem Stück genießen kann, ist der Literaturwissenschaftlerin Veronika Hofeneder zu verdanken, die die Feuilletons aus den drei großen Stationen von Vicki Baum – Wien, Berlin und Hollywood – als Herausgeberin für den Band „Makkaroni in der Dämmerung“ zusammenstellte und mit einem klugen Vorwort versah. Sie ordnet die Rolle der Autorin, die für viele Zeitgenossinnen imagebildend wurde – Ehefrau und Mutter mit eigener beruflicher Karriere und Selbständigkeit – in den gesellschaftlichen Kontext ein:

„Baums Artikel über Mode, Kosmetik und Schönheit sind mehr als bloße Lifestyle-Kolumnen, sie nutzt diese geschickt, um den zeitgenössischen Diskurs über ein neues Geschlechterrollenverständnis kritisch zu beleuchten. So anerkennt sie zwar die vielfältigen Errungenschaften und Freiheiten, die durch die neue Frauenrolle etabliert werden konnten, sieht aber auch gleichzeitig die erneute Vereinnahmung dieses Potenzials durch männliche Denkweisen, die die Neue Frau wieder als Konstrukt einer patriarchalischen Gesellschaftsordnung missbrauchen.“

Oder, wie Vicki Baum sagen würde: Die Männer behängen auch die Neue Frau mit ihren Fransen und Draperien.

Fransen und Draperien: Alltäglichster Ausdruck für geschlechtsspezifische Rollenfestlegungen ist die jeweils aktuelle Mode, die gar das Zeug zum „Diktat“ hat. In ihrem lebhaften „Protest gegen die Mode“, 1929 in der „Vossischen Zeitung“ veröffentlicht, entfaltet Vicki Baum ihr ganzes essayistisches Temperament. Und zeichnet dabei ein plastisches Bild vom Leben einer berufstätigen Frau der Weimarer Republik:

„Büro, Geschäft, Laboratorium, Amt, Sprechstunde oder was sonst es ist, wo die Majorität der Frauen ihre Zeit zubringt, wenn sie nicht Hausfrau ist und in Marktgängen, Küche, Kinderzimmer und Flickwinkel ganz bestimmt kein kostspielig konstruiertes Zipfelkleid verwenden kann. Man hat nicht nur am Vormittag zu tun, sondern auch am Nachmittag und oft auch noch abends. Man rennt Autobussen nach, fährt Untergrundbahn, trifft sich für eine halbe Stunde im Kaffeehaus, wenn es hochkommt, man jagt vom Büro in Vorträge, mal auch ins Theater – wie soll man das machen, mit dem langen Schlurz untenrum, den die Mode für den Abend diktiert?“ (…)

Man kann auf die Frau von 1930 nicht die Mode von 1900 propfen; ebenso gut könnte man hingehen und auf unsere Autos gußeiserne Ornamente löten oder Gipsfassaden auf die neuen, glatten Häuserfronten kleben. Ich mache da nicht mit – wer noch?“

In diesem kurzen Textauszug sind auch weitere Themen zu finden, die die Literatur der Weimarer Republik prägten, das Pulsieren der Großstadt, der Rhythmus der Zeit – und diesen hielt Vicki Baum in vielen ihrer Feuilletonbeiträge fest, die inhaltlich weit breiter aufgestellt sind, als zu ahnen ist.

Dennoch hing ihr zeitlebens und hängt ihr bis heute der Ruf an, „eine erstklassige Schriftstellerin zweiter Güte“ (ihre Selbstcharakterisierung) zu sein. Wie sehr sie das wohl beschäftigte, ist auch ihrem 1931 im „Uhu“ erschienenen Beitrag „Angst vor Kitsch“ abzulesen: Ein beinahe trotziges Bekenntnis der Autorin, ein Plädoyer, Mut zum Gefühl zu zeigen (auch in der Literatur). Herrlich zu lesen für jeden, der ebenfalls ab und an von Sentimentalitäten geplagt ist – leicht, ironisch und herzerwärmend:

„Was den Geschmack betrifft, da kann man sich immer blamieren, so oder so. Aber was das Gefühl angeht: Wohl dem, der hat, und das ist meistens richtig.
Und dann, ihr Lieben: Macht euch nicht so wichtig. Kompliziert euch das Dasein nicht unnütz. Habt nur Courage. Spürt nur. Lebt nur.
Auf alles andere kommt es so gar nicht an.“

Vicki Baum hatte sie wohl, diese Courage – und brauchte sie auch. Denn in ihrem eigenen Leben kostete das Jonglieren – einerseits disziplinierte Familienfrau, andererseits die erfolgreiche, reiselustige und berufstätige Autorin – einen hohen Preis. Die Fassade der perfekten Frau erhielt sie lange Jahre ihres Lebens trotz ihrer Alkohol- und Tablettenabhängigkeit aufrecht – oder vermochte dies vielleicht nur mit diesen Hilfsmitteln aufrecht zu erhalten. Sie wollte um jeden Preis funktionieren: Auch darin, über die individuelle Lebensgeschichte hinaus, ist sie eine typische Vertreterin vieler Frauen ihrer Generation. Depressionen, Zusammenbrüche und eine 1950 diagnostizierte Leukämie prägen ihre letzten Lebensjahre. Und dennoch charakterisieren sie die Geschwister Erika und Klaus Mann als eine Frau, deren hervorstechende Eigenschaft Furchtlosigkeit war.

Und deshalb ein Appell an furchtlose Leser(innen): Lest Vicki Baum, lest sie genau und ohne Vorbehalte im Kopf – ein Gewinn kann dann die Erkenntnis sein, wie zeitlos gut auch leichte Unterhaltung sein kann.

Verlagsinformationen zum Buch: http://www.editionatelier.at/makkaroni-in-der-daemmerung.html

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Lina Loos: Das Buch ohne Titel

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Bild: Birgit Böllinger

„Ich bin Österreicherin durch und durch; im Zentrum der Stadt Wien geboren und in der Stephanskirche getauft. Das Leben hat mich später etwas an die Peripherie der Stadt abgedrängt, aber sonst geht es mir ganz gut. Ich hatte die Ehre, viele berühmte Wiener während meines schon etwas länger dauernden Lebens kennenzulernen, ja, es gab sogar eine Zeit, in der ich selbst etwas von solcher Berühmtheit besaß. Mein Bruder war Präsident des Bühnenvereines, meine Schwägerin Burgschauspielerin, und meine Eltern waren Besitzer eines der größten und bestgehenden Kaffeehäuser.

Ich war „mitberühmt“, einer der angenehmsten Zustände, die es gibt, aber damals war ich noch dumm – kurz, es stach mich der Hafer, und ich schrieb ein Theaterstück. Es wurde trotz meinen guten Beziehungen für Wien angenommen und wider jede bessere Erfahrung sogar gespielt.

Mein Sturz war jäh!

Die Bevölkerung brachte mir von nun an ein gewisses bürgerliches Misstrauen entgegen:
„Möcht` wissen, wozu dö dös nötig hat.“ Aber das Leben heilt alle Wunden, und nichts wird so rasch vergessen als ein Theaterstück, das nicht einmal aufsehenerregend durchgefallen ist.“ 

Lina Loos, „Das Buch ohne Titel“, Edition Atelier, Wien, 2013. 

Im Oktober 1882 erblickte sie das Licht der Welt, zunächst ausgestattet mit dem ganz und gar unglamourösen Namen „Karoline Obertimpfler“. Und doch avancierte sie in der Blütezeit der Wiener Kaffeehausliteratur zur „silbernen Dame“ – eine Bezeichnung, die der abgründig in sie verliebte Peter Altenberg ihr auf den Leib schrieb.

Beim Fräulein Obertimpfler, die sich später „Lina Loos“ nannte, kamen vorzügliche Eigenschaften zusammen: Ein wacher Geist, eine hohe Intelligenz, eine durchaus auch spitze Zunge, Humor und Herzenswärme und dies alles vereint in einer Frau von außerordentlicher Schönheit.

Die Schauspielschülerin lernt, kaum in die Welt der Wiener Boheme eingeführt, am Peter-Altenberg-Stammtisch im „Löwenbräu“ den Architekten Adolf Loos kennen: Er sieht sie und macht ihr praktisch stante pede einen Heiratsantrag. Die 1902 geschlossene Ehe scheitert jedoch unter tragischen Umständen: Lina lässt sich auf ein Liebesverhältnis mit einem jüngeren Mann ein. Loos, weitaus weniger liberal, als er sich gibt, besteht auf einer Beendigung der Affäre – der junge Mann nimmt sich das Leben, der Skandal ist perfekt, 1905 wird die Ehe geschieden.

An Verehrern leidet Lina Loos auch in der Folge keinen Mangel: Peter Altenberg und Egon Friedell konkurrieren um sie, Männer wie Frauen sind fasziniert von ihrer Ausstrahlung. Zu ihrem weitgefächerten Bekanntenkreis zählt das „Who is who“ der österreichischen Literatur- und Kunstszene jener Epoche. In einem ebenfalls bei Edition Atelier ganz aktuell erschienenen Band mit Briefen („Du silberne Dame Du“, Edition Atelier, 2016) finden sich Briefe von und an Lina Loos mit ihrem geschiedenen Mann, mit Peter Altenberg, Egon Friedell, ihrem engen geistigen Freund Franz Theodor Csokor, mit Alfred Polgar, Joseph Roth, Karl Kraus, Vicki Baum, Else Lasker-Schüler und vielen anderen.

Wer war diese Frau? Eine attraktive „femme fatale“, schmückendes Beiwerk für schreibende Männer? Oder doch eine eigenständige Persönlichkeit, die sich sowohl als Schauspielerin, Kabarettsängerin und als Schriftstellerin verwirklichte?

Die beiden, von Adolf Opel herausgegebenen Bücher, geben Antwort: Lina Loos, so wird anhand der beiden Bücher deutlich, war eine mutige und außergewöhnliche Person, die sich, geprägt durch die Erfahrung zweier Weltkriege und die nationalsozialistische Diktatur, auch zunehmend dezidiert politisch engagierte und außerordentlich viel Zivilcourage besaß.

Ihre ganze Biographie kann bei fembio nachgelesen werden.

Das einzige Buch von ihr, das zu ihren Lebzeiten veröffentlicht wurde, ist „Das Buch ohne Titel“: Ab 1927 hatte sie im Feuilleton des „Neuen Wiener Wochenblattes“ kleine Geschichten, Skizzen, oft fast schon Aphoristisches aus ihrem Leben und ihrer Lebenswelt veröffentlicht – sie schreibt über ihre Familie, ihre berühmten Bekanntschaften, über das Theaterleben, ebenso aber auch über die „einfachen Leute“ in ihren Sieveringer Geschichten. Das sind meist liebevolle und unbeschwerte Petitessen, die bei ihrer Erstveröffentlichung 1947 den Zeitgeist wohl gut treffen – man sehnt sich nach den Jahren des „Anschlusses“ zurück nach der „Welt von gestern“.

Weit eindrucksvoller kommt ihre gescheite Persönlichkeit in den Briefwechseln insbesondere mit Friedell und Csokor zum Ausdruck, auch wenn ihre eigenen Briefe nicht vollständig erhalten sind, man vieles aus den Antworten der schreibenden Herren „erlesen“ muss. Doch man erahnt, welch wachen Geist diese Frau hatte, die alles in Frage stellt, allem nachgeht, wissen und lernen will.

So schreibt sie am 5. August 1933 an Egon Friedell – privat und dringend!:

 „Lieber Egon, 

Glaubst Du, daß, wenn es gelänge, einen Gottesbeweis zu erbringen, die Menschen das Leben verantwortungsvoller leben würden?
ich denke an die Ungläubigen, die durch einen Verstandesbeweis überzeugt werden müßten.
Ist so ein Beweis denkbar? Was denkbar ist, wäre doch durchführbar! Hat Kant nur einen „gefühlsmäßigen“ Beweis erbracht?

Eben fällt mir ein: Leben die Gläubigen gar so verantwortungsvoll?

Das Dringend! entfällt somit!

Antworte mir, als hätte Dir ein Fremder geschrieben – dann hältst Du es für geboten, ausführlich und ernst zu antworten! 

Lina 

Nach 1945 schreibt die schwerkranke Lina Loos, die den Verlust zahlreicher Freunde durch den Krieg, Suizid und Exil zu beklagen hat, weiter Beiträge für Zeitschriften, sie engagiert sich im Österreichischen Friedensrat und beim Bund demokratischer Frauen. Sie stirbt, körperlich sehr entkräftet, 1950.

Die beiden beim Verlag „Edition Atelier“ herausgegebenen Bände über Lina Loos sind als Zeitzeugnisse beachtenswert, vor allem aber als Mosaiksteine zum Portrait einer leidenschaftlichen und klugen Frau. Die Bücher bezaubern auch durch ihre liebevolle Ausstattung. So sind zahlreiche Fotografien beigefügt, ein Lebenslauf mit den wichtigsten Daten und die Briefpartner von Lina Loos werden mit kurzen Portraits vorgestellt.

Das Verlagsprogramm von Edition Atelier findet sich auf dem Blog „Textlicht“ sowie auf der Verlagshomepage: http://www.editionatelier.at/

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Vicki Baum: Menschen im Hotel

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Bild von latalapayne auf Pixabay

„Es ist eine dumme Fabel, daß Hotelstubenmädchen durch die Schlüssellöcher schauen. Hotelstubenmädchen haben gar kein Interesse an den Leuten, die hinter Schlüssellöchern wohnen. Hotelstubenmädchen haben viel zu tun und sind angestrengt und müde und alle ein wenig resigniert, und sie sind vollauf beschäftigt mit ihren eigenen Angelegenheiten. Kein Mensch kümmert sich um den anderen Menschen im großen Hotel, jeder ist mit sich allein in diesem großen Kaff, das Doktor Otternschlag nicht so übel mit dem Leben im allgemeinen in Vergleich stellte. Jeder wohnt hinter Doppeltüren und hat nur sein Spiegelbild im Ankleidespiegel zum Gefährten oder seinen Schatten an der Wand. In den Gängen streifen sie aneinander, in der Halle grüßt man sich, manchmal kommt ein kurzes Gespräch zustande, aus den leeren Worten dieser Zeit kümmerlich zusammengebraut. Ein Blick, der auffliegt, gelangt nicht bis zu den Augen, er bleibt an den Kleidern hängen. Vielleicht kommt es vor, daß ein Tanz im gelben Pavillon zwei Körper nähert. Vielleicht schleicht nachts jemand aus seinem Zimmer in ein anderes. Das ist alles. Dahinter liegt eine abgrundtiefe Einsamkeit.“

Vicki Baum, „Menschen im Hotel“, 1929

Vicki Baum musste es wissen, was Hotelstubenmädchen tun: Die Autorin, zeitlebens für ihre Diszipliniertheit bekannt, arbeitete selbst wochenlang in einem Hotel, um für ihren Roman zu recherchieren. Die Mühe machte sich bezahlt: Mit „Menschen im Hotel“ (der Untertitel „Ein Kolportageroman mit Hintergründen“ wurde in den Nachkriegsauflagen unterschlagen) erreichte die gebürtige Österreicherin endgültig ihren literarischen Zenit.

Der Erfolg kam mit Ansage: Baum, die damals beim größten europäischen Verlag, Ullstein, als Redakteurin für mehrere Zeitungen schrieb, hatte bereits im Jahr zuvor mit dem Roman „stud. Chem. Helene Willfüer“ einen Bestseller gelandet. Das Buch im Stil der neuen Sachlichkeit stieß vor allem beim weiblichen Lesepublikum auf Interesse: Erzählt wird von einer jungen Studentin, die ungewollt schwanger wird und sich vergeblich um eine Abtreibung bemüht. Alleinerziehend macht sie dann dennoch beruflich ihren Weg und findet zudem ihr privates Glück. Die Mischung aus Melodram, Unterhaltung und leiser Gesellschaftskritik traf voll auf das Zeitgefühl der Weimarer Republik, vor allem die jungen, modernen Frauen fanden sich in den Büchern Baums wieder. Nach dem ersten Erfolg puschte der Ullstein Verlag die 1888 in Wien geborene Autorin – zu „Menschen im Hotel“ gab es eine richtiggehende Marketingkampagne, in der auch die Schriftstellerin selbst in den Vordergrund gerückt wurde. „Home stories“ und Anzeigen mit dem Gesicht einer Autorin: Das war noch relativ neu.

Endgültig trat das Buch seinen Siegeszug an, als es nicht nur als Theaterstück auf die Berliner Bühnen kam, sondern auch nach London und an den Broadway – Vicki Baum reiste 1931 zur Theaterpremiere nach New York und blieb für volle sieben Monate, auch, um die Filmrechte unter Dach und Fach zu bringen und ein Drehbuch für Hollywood zu verfassen. Durch die Verfilmung von „Grand Hotel“ mit Greta Garbo in der Hauptrolle wurde der Roman endgültig unsterblich. Ein Ruhm, von dem Vicki Baum, die aufgrund ihrer jüdischen Wurzeln 1932 endgültig in die USA übergesiedelt war, ein Leben lang zehren sollte: Denn obwohl weiterhin ungeheuer kreativ und produktiv, konnte sie diesen „Coup“ nicht wiederholen.

Doch an Publicity und Verfilmung allein liegt es nicht, dass „Menschen im Hotel“ auch heute noch lesenswert und ein durchaus bemerkenswertes Buch ist. In ihren 1962 postum erschienenen Memoiren (Vicki Baum verstarb 1960 in Los Angeles) Es war alles ganz anders“ schreibt sie über sich leicht selbstironisch und nicht ohne Bitterkeit als “erstklassige Schriftstellerin zweiter Güte”. Denn obwohl ungeheuer populär und durchaus auch von Kollegen wie Alfred Döblin und den Geschwistern Erika und Klaus Mann anerkannt, blieb Vicki Baum mit einem Stigma behaftet, das es insbesondere in der deutschen Literatur gibt: Dem der „Trivialität“. Anders als in den englischsprachigen Ländern wird hierzulande nach wie vor streng unterschieden – und Unterhaltungsliteratur kann per se nicht literarisch qualitätsvoll sein, vice versa ist „richtige“ Literatur alles, aber bloß nicht unterhaltend!

Dabei traf „Menschen im Hotel“ nicht nur den Nerv der Zeit, sondern kann auch – neben „Berlin Alexanderplatz“ , das im selben Jahr erschien – als einer der großen Berlin-Romane und als ein Dokument des Zeitgefühls der Weimarer Republik bezeichnet werden. Manche Szene zwischen Lebensgier und Niedergang: Sie könnte auch heute spielen, ist zeitlos modern.

Da pulsiert die Großstadt, die Hektik, die Jagd nach Vergnügen und Geld, das Chaos, die Turbulenz, dies alles hat Vicki Baum mit raschen Szenenwechseln, Beschreibungen im Stakkato und atemlosen, schwindelerregenden Passagen – so eine Fahrt über die Avus – perfekt eingefangen:

„Gaigern hatte die Finger voller Ungeduld, sie prickelte wie Kohlensäure zwischen seinen Händen und dem Steuer. An den Straßenkreuzungen hingen rote, grüne, gelbe Lampen, standen Schupoleute und drohten ihm halb lachend mit dem Arm. Menschenscharen bei Straßenecken, vorbei an Obstwagen, Plakatwänden und ängstlichen alten Damen, die zur falschen Zeit über den Fahrdamm trippelten, schwarz und langröckig mitten im März. Die Sonne war feucht und gelb auf dem Asphalt. Wenn ein schwerfälliges Autobustier den Weg verlegte, dann schrie der kleine Viersitzer mit zwei Hupen: wie ein Gebell von gereizten Hunden klang es. (…)

Kringelein starrte Berlin an, das zu Streifen gezerrt an dem Wagen vorüberrannte.“

Während es in Döblins „Berlin Alexanderplatz“ jedoch keine Hoffnung für den Franz Biberkopf und seine Mitstreiter gibt, wo Massenarbeitslosigkeit, Inflation, Verelendung in expressionistisches Grau münden, erzählt Baum eher konventionell, wenn auch durchaus neusachlich, aber eben mit einem Hang zum Melodram. Dennoch: Später wurden lediglich die sentimentalen Töne des Romans hervorgehoben, der ironisch-distanzierte Blick, den Baum wirft auf die Zeitläufte, auf die Politik, aber auch auf ihre Figuren, die bestimmte „Typen“ vertreten, wurden von der Kritik nicht mehr wahrgenommen.

Da ist die alternde Primaballerina, die verzweifelt versucht, ihre Jugendlichkeit zu bewahren (eine durchaus moderne Figur), der Gentlemandieb Freiherr von Gaigern (ein Vorläufer des Felix Krull), der Spießer Preysing, der über seine eigene Gier und Unfähigkeit stolpert, der gutherzige, aber von den Verhältnissen geknechtete Hilfsbuchhalter Kringelein und schließlich „Flämmchen“, eine typische Frauenfigur der neuen Sachlichkeit, wie sie auch im kunstseidenen Mädchen von Irmgard Keun oder bei Lili Grün beschrieben wird: Die Stenotypistin, das Ladenmädchen, das sein Glück machen will, gutherzig, aber von einem erotischen Pragmatismus geleitet:

„Sie hatte eine umfangreiche Bilanz zu machen. Der Verzicht auf das angefangene Abenteuer mit dem hübschen Baron stand darin, Preysings schwerfällige fünfzig Jahre, sein Fett, seine Kurzatmigkeit. Kleine Schulden da und dort. Bedarf an neuer Wäsche, hübsche Schuhe – die blauen gingen nicht mehr lange. Das kleine Kapital, das notwendig war, um eine Karriere zu beginnen, beim Film, bei der Revue, irgendwo. Flämmchen überschlug sauber und ohne Sentimentalität die Chancen des Geschäftes, das ihr geboten wurde.“

Der Roman konzentriert die Handlung auf vier Tage und vier Nächte – und schon bald sind Glanz und Glamour, die die Oberfläche im luxuriösen Hotel prägen, durchschaut, kommen die materiellen und die psychischen Nöte zum Vorschein. Insbesondere repräsentiert durch Doktor Otternschlag, dem gezeichneten Kriegsteilnehmer, der einsam Tag für Tag in der Lobby auf Post und menschliche Zuwendung wartet:

Gaigern empfand verwundert, daß dieser blödsinnige Doktor Otternschlag eine Art von Haß gegen ihn zu haben schien. „Das mag Geschmackssache sein“, sagte er leichthin. „Ich habe es nicht so eilig. Mir gefällt das Leben nun einmal. Ich finde es großartig.“

„So. Großartig finden Sie es? Sie waren doch auch im Krieg. Und dann sind Sie heimgekommen, und dann finden Sie es großartig? Ja, Mensch, wie existiert ihr denn alle? Habt ihr denn alle vergessen? Gut, gut, wir wollen nicht davon sprechen, wie es draußen war, wir wissen es ja alle. Aber wie denn? Wie könnt ihr denn zurückkommen von dort und noch sagen: Das Leben gefällt mir? Wo ist es denn, euer Leben? Ich habe es gesucht, ich habe es nicht gefunden. Manchmal denke ich mir: Ich bin schon tot, eine Granate hat mir den Kopf weggerissen, und ich sitze als Leiche, verschüttet die ganze Zeit im Unterstand von Rouge-Croix. Da habense den Eindruck, wahr und wahrhaftig, den mir das Leben macht, seit ich von draußen zurückgekommen bin.“

Ein literarischer Verdienst von Vicki Baum ist es zudem, dass sie die sogenannte „group novel“ gesellschaftsfähig machte: „Menschen im Hotel“ ist einer der ersten „Gruppenromane“ der Unterhaltungsliteratur, in dem eben nicht eine oder zwei Hauptfiguren im Vordergrund stehen, sondern Menschen wie Schauspieler auf einer Drehbühne aufeinandertreffen, deren Wege sich kreuzen, deren Schicksal miteinander zunächst lose verknüpft und dann enger verwebt werden. So wurde „Menschen im Hotel“ auch zu einer Vorlage, die bis heute im TV gerne aufgegriffen wird – seien es Arztserien oder ähnliche „soaps“, sie haben ihre literarische Wurzel hier.

Die Figuren in „Menschen im Hotel“ sind Prototypen, das Privatschicksal, so schrieb der Literaturkritiker Werner Fuld, wird zum Massenartikel, zum Klischee, zur Kolportage. Dass der Kolportageroman jedoch auch Hintergründe (nochmals ein Hinweis auf den ursprünglichen Untertitel) zu bieten hat, das liegt an der eigentlichen „Hauptfigur“ des Roman: Das Hotel, das ähnlich wie bei Joseph Roths „Hotel Savoy“ die Rolle des Katalysators spielt, das der Schauplatz ist, an dem sich aus den Figurenschemen langsam Menschen mit ihren Nöten und Ängsten herausschälen. Diese Nöte hängen eng mit den Verhältnissen einer Gesellschaft am Abgrund zusammen. Ein Hotel, in dem Getriebene und Herrenmenschen aufeinander treffen:

„Was hier in diesem Hotelzimmer aus ihm hervorbrach, war alles in allem die Klage des zarten und erfolglosen Menschen gegen den andern, der einfach und mit etwas Brutalität seinen Weg macht, eine wahre, aber ungerechte und höchst lächerliche Klage…“

Nicht zuletzt führte neben ihrer jüdischen Herkunft auch dieser kritische Blick auf die Zeit, der von den „Trivialitäts-Kritikern“ oftmals unterschlagen wird, mit dazu, dass die Bücher von Vicki Baum von den Nazis auf den Index gesetzt, die Schriftstellerin selbst als „Asphaltliteratin“ bezeichnet wurde und sie schließlich mit ihrer Familie den Weg in das Exil nahm.


Weitere Bücher von Vicki Baum:

„Rendezvous in Paris“, 1935:

Kitsch? Nein! Auch wenn Kitschverdacht naheliegt: „Rendezvous in Paris“ ist eine kurzweilige Lektüre, Herz-Schmerz-Melodram und hellsichtige Zeitdiagnose zugleich. Vicki Baum war, als sie diesen Roman um eine fatale Affäre begann, bereits ein literarischer Star – international anerkannt, in Deutschland verbannt. „Rendezvous in Paris“ erschien daher 1935 zunächst im Exilverlag „Querido“, zum 125. Geburtstag der Autorin 2013 gab die „edition ebersbach“ den Roman neu heraus.
Vicki Baum erzählt die Geschichte einer biederen Berliner Richtergattin, die für einen kurzen Liebesnachmittag nach Paris ausbricht, aus drei Perspektiven – und spielt, handwerklich perfekt, auch mit drei unterschiedlichen Stimmen: Frank, der leichtlebige amerikanische Liebhaber, für den das Ganze nur eine bittersüße Zwischenstation ist, Kurt Droste aus Wilmersdorf, der Richter, der mehr mit seinem Beruf verheiratet ist und die zarte, untüchtige Richtersgattin Evelyn, die sich von einer kurzen Leidenschaft hinreißen lässt. Dem „Frauchen“ Evelyn stellt Vicki Baum eine emanzipierte, berufstätige und lebenstüchtige Freundin zur Seite – so packt die Autorin in diesen auch heute noch lesenswerten Roman verschiedene Schauplätze, Typen und Milieus von den exklusiven Berliner Clubs über den Mittelstand bis hin zu den vollgepackten Wohnungen der Arbeitersiedlungen in Berlin. Hier, in den „soziologischen Studien“, die Richter Droste im Laufe einer Verhandlung in Moabit betreibt, zeigt sich auch, warum die Nazis die Autorin als „jüdische Asphaltliteratin“ verunglimpften: Sie vereinbarte geschickt Unterhaltungsstoff mit Sozialkritik in ihren Büchern.
Im „Tagesspiegel“ wurde die Neuauflage des Romans positiv besprochen: Baum war keine Avantgardistin, dabei wirkt ihre Prosa oft ungeheuer modern und elegant, etwa bei einer Stakkato-Beschreibung des Alexanderplatzes: „Hier schlug eines der vielen Herzen von Berlin, Licht, Lärm, Verkehr, Menschen, Gedränge, Gesichter, Stimmen, Hupen, Zeitungen, Reklame.“

 

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