Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues

Es ist das „Anti-Kriegsbuch“ der deutschen Literatur: “Im Westen nichts Neues”. Dazu kurz vorgestellt: “Der Weg zurück” und “Die Nacht von Lissabon”.

„Genau wie wir zu Tieren werden, wenn wir nach vorn gehen, weil es das einzige ist, was uns durchbringt, so werden wir zu oberflächlichen Witzbolden und Schlafmützen, wenn wir in Ruhe sind. Wir können gar nicht anders, es ist förmlich ein Zwang. Wir wollen leben um jeden Preis; da können wir uns nicht mit Gefühlen belasten, die für den Frieden dekorativ sein mögen, hier aber falsch sind.“

Erich Maria Remarque, „Im Westen nichts Neues“


2014 lag der Beginn des 1. Weltkrieges, der vielfach auch als „Urkatastrophe“ bezeichnet wird, genau 100 Jahre zurück. Anlass genug, um auf ein Buch zurückzugreifen, das als das „Anti-Kriegsbuch“ der deutschen Literatur bezeichnet wird. Über 20 Millionen Mal seit seinem Erscheinen verkauft, in über 50 Sprachen übersetzt: Ein Weltbestseller.

Ein Buch und seine Geschichte:

Erich Paul Remark, so der eigentliche Name des Schriftstellers, wird 1898 in Osnabrück geboren. Der musisch begabte junge Mann träumt eigentlich davon, Komponist zu werden. Dem voran steht jedoch die Schullaufbahn – Remarque ist überall Klassenbester, die Aufnahme in das Lehrerseminar scheint perfekt zu sein. Aus dieser bis dahin nicht ungewöhnlichen Jugend wird Erich Maria Remarque jedoch wie so viele andere seines Jahrgangs gerissen: Noch als Schüler wird er 1916 eingezogen und kommt nach einer kurzen Ausbildung nach Flandern an die Front. Die traumatischen Kriegserlebnisse verarbeitet er später in seinem Buch.

Orgelspiel und Grabsteine

Remarque überlebt das Inferno, arbeitet nach dem Krieg kurz als Lehrer, entscheidet sich dann aber gegen den ungeliebten Beruf und für eine Laufbahn als Schriftsteller. Die ersten Versuche zeitigen wenig Erfolg – um sich über Wasser zu halten, schlägt er sich als Vertreter für Grabsteine und als Organist durch. 1925 kommt Remarque schließlich nach Berlin, hier genießt er die „Goldenen Zwanziger“, soweit es die Mittel erlauben, in vollen Zügen.

Tagsüber Redakteur bei einer Sportzeitschrift, bleibt ihm nachts die Zeit, um weiter literarisch zu arbeiten. Mit „Im Westen nichts Neues“, das er 1928 fertiggestellt hat, ist auch eine der größten Fehlentscheidungen der deutschen Verlagsgesichte verbunden: Der Fischer Verlag lehnt das Manuskript ab, auch beim Ullstein Verlag hat man zunächst Zweifel: Die Menschen, so meinte man, haben genug vom Krieg, die Masse an Kriegsliteratur nach 1918 habe den Markt erschöpft. Eine Dekade später wolle das niemand mehr lesen.

Film wird zum Welterfolg

Doch schon die Reaktionen auf ein Vorabdruck in der Vossischen Zeitung zeigen: Das Buch wird ein ungeahnter großer Erfolg werden. Innerhalb weniger Wochen wird es zum Bestseller, 1930 in Hollywood verfilmt – Carl Laemmle, der Schwabe, der Universal Pictures gründete, produziert den Film, der heute ebenfalls im Rang eines Klassikers ist und damals zum Kassenerfolg wurde.

In der Heimat von Erich Maria Remarque beginnen zu dieser Zeit bereits die Folgen der „Urkatastrophe“ ihre Wirkung zu zeigen – die Weimarer Republik, von Beginn an gebeutelt, geht der nächsten, noch größeren Krise entgegen. Bereits bei der Uraufführung des Hollywood-Films in Deutschland kommt es zu Krawallen nationalsozialistischer Störtruppen, angeführt von Goebbels. Gegen den Autoren wird gehetzt. 1932 kehrt Remarque Deutschland den Rücken, zunächst geht er in die Schweiz, dann in die USA, die deutsche Staatsbürgerschaft wird ihm aberkannt. Anders als andere Vertriebene kann der Schriftsteller dort von seinen Honoraren und Einkünften – unter anderem arbeitet er auch an Drehbüchern mit, verfasst weitere Romane, die zwar Verkaufserfolge werden, jedoch nicht mehr an „Im Westen nichts Neues“ heranreichen – komfortabel leben. Er verkehrt mit Hollywood-Größen, hat eine Beziehung zu Marlene Dietrich, heiratet schließlich die Schauspielerin Paulette Godard. In die Schweiz kehrt er immer wieder zurück – dort stirbt er 1970.

Schwester wird zum Tod verurteilt

Deutschland kehrte er jedoch den Rücken, auch auf die deutsche Staatsbürgerschaft – die ihm zudem auch nicht wieder angeboten wurde – legte er keinen Wert mehr. Denn, da der Verfasser des bekanntesten Antikriegsromans für die Nationalsozialisten nicht mehr fassbar war, so hielten sie sich an seiner in Deutschland verbliebenen Familie schadlos: Seine Schwester Elfriede wurde am 29. Oktober 1943 zum Tode verurteilt, nachdem sie die Damenschneiderin von einer Kundin wegen angeblich kritischer Äußerungen denunziert worden war. Roland Freisler, Präsident des Volksgerichtshofes, äußerte dazu: “Ihr Bruder ist uns ja entkommen, sie nicht.”

Was hebt nun „Im Westen nichts Neues“ heraus aus den Romanen dieser Jahre? Was macht dieses Buch zu einer Besonderheit, das einerseits Millionen von Menschen so wichtig wurde, andererseits den Hass einer Verbrecherclique heraufbeschwor?

„Ich war außerordentlich überrascht über die politische Wirkung. Ich habe etwas Derartiges gar nicht erwartet“, sagte Remarque später in einem Interview, „mein eigentliches Thema war ein rein menschliches Thema, dass man junge Menschen von 18 Jahren, die eigentlich dem Leben gegenübergestellt werden sollten, plötzlich dem Tode gegenüberstellt.“ So wie der junge Paul Bäumer, aus dessen Perspektive die Kriegsteilnahme erzählt wird, fühlten sich Hunderttausende Soldaten um ihr Leben betrogen – und dies betraf nicht nur deutsche Soldaten, was den weltweiten Erfolg des Buches erklärt. Die schlichte Ich-Erzählung zieht mit ihrer simplen, fast schon reduzierten Sprache den Leser in ihren Bann – man meint, die Enge der Schützengräben, den Schmutz, den Lärm, den Geruch fast mitzuerleben. Die beinahe lakonische Schilderung des Frontgeschehens wird durchbrochen durch fast schon poetische Reflektionen, kleine Fluchten, die sich Paul alias Erich Maria gedanklich erlaubt.

Letztendlich sind es Passagen wie diese, die einmal gelesen, nicht zu vergessen sind:

„Wie sinnlos ist alles, was je geschrieben, getan, gedacht wurde, wenn so etwas möglich ist! Es muss alles gelogen und belanglos sein, wenn die Kultur von Jahrtausenden nicht einmal verhindern konnte, dass diese Ströme von Blut vergossen wurden, dass diese Kerker der Qualen von Hunderttausenden existieren.“

Das Tragische daran ist: Als Remarque dies schrieb, konnte noch nicht einmal geahnt werden, wie wenig die Kultur erst recht wenige Jahre später der Gewalt und der Ermordung von Millionen entgegenzusetzen hatte.


Weitere Bücher von Erich Maria Remarque:

“Der Weg zurück” (1931):

„Ich will es dir mal sagen, – ich habe auch schon darüber nachgedacht – dies da“, er zeigte auf die Wiesen vor uns, „das war Leben, es blühte und wuchs, und wir wuchsen mit. Und das hinter uns -“, er deutet mit dem Kopf zurück in die Ferne, „das war Tod, es starb und zerstörte uns ein bißchen mit.“ Er lächelt wieder. „Wir sind ein wenig reparaturbedürftig, mein Junge.“

Sie waren 16, 17, 18 Jahre alt, als man sie in den Krieg schickte. Kinder noch. Und sie kehren als Soldaten, die zu Mördern werden mussten, im November 1918 in die Heimat zurück. Ein Ankommen war das jedoch nicht: An Leib und Seele versehrt, erfahren sie weder Hilfe noch Unterstützung – vielmehr schlägt ihnen Unverständnis, wenn nicht gar Verachtung entgegen. In seinem zweiten Roman erzählt Erich Maria Remarque von den Frontrückkehrern, die für das „Vaterland“ verheizt wurden, nun aber fremd und überflüssig sind. Nur wenigen gelingt es, wieder Fuß zu fassen, als Dorflehrer einen Lebenssinn zu finden oder aber als Schieber von der Nachkriegsnot zu profitieren. Die meisten jungen Männer aus der Korporalschaft des gefallenen Paul Bäumer scheitern – sie verzweifeln, verschwinden im Nichts, verlieren den Verstand, resignieren oder nehmen sich gar das Leben. Der Ich-Erzähler beobachtet kritisch, wie in „der Heimat“ der selbstgefällige Geist der alten, tonangebenden Machtmenschen und Bürokraten überlebt hat, wie fest die Verantwortlichen nach wie vor im Sattel sitzen, wie Pfadfinderübungen als Kriegsspiele missbraucht werden.

„Für den Heroismus von wenigen ist das Elend von Millionen zu teuer.“
So ist, wie auch „Im Westen nichts Neues“, das 1931 erschienene „Der Weg zurück“ ein deutliches, engagiertes Plädoyer gegen den Krieg. Von Beginn an hatte Remarque „Im Westen nichts Neues“ als mehrteiliges Buch geplant – er wollte nicht nur die Grauen des Krieges festhalten, sondern auch, was mit jenen geschieht, deren Aufgabe jahrelang das Töten war, die von den Gemetzeln in ihren Träumen verfolgt werden, deren Werte zerstört wurden. Literarisch und als Plädoyer gegen den Krieg nicht weniger eindrucksvoll als sein Vorgängerroman wurde auch „Der Weg zurück“ zu einem vielgelesenen Buch. 2014 gab Kiepenheuer & Witsch den Roman in der Fassung der Erstausgabe heraus, zudem mit einem Anhang, der die Textstellen aus den vorgeschalteten Veröffentlichungen in der „Vossischen Zeitung“, die Remarque nicht mehr in die Romanfassung übernahm, beinhaltet – ich empfehle diese Ausgabe, die Entstehungsgeschichte und den Wandel des Buches verdeutlicht.


„Die Nacht von Lissabon“ (1962):

 „Wer von hier das gelobte Land Amerika nicht erreichen konnte, war verloren. Er musste verbluten im Gestrüpp der verweigerten Ein- und Ausreisevisa, der unerreichbaren Arbeits- und Aufenthaltsbewilligungen, der Internierungslager, der Bürokratie, der Einsamkeit, der Fremde und der entsetzlichen allgemeinen Gleichgültigkeit gegen das Schicksal des Einzelnen, die stets die Folge von Krieg, Angst und Not ist. Der Mensch war um diese Zeit nichts mehr; ein gültiger Pass alles.“

Allein wegen solcher Passagen, die immer noch ihre (traurige) Gültigkeit haben, lohnt es sich, diesen späten Exilroman von Erich Maria Remarque zu lesen. „Es gibt keine Rückkehr aus dem Exil“: Diesen Satz äußerte der Schriftsteller in einem Interview 1968 – dieser Satz prägte sein halbes Schriftstellerleben.  Die Erfahrungen aus dem Exil, sie holten auch den 1898 geborenen Osnabrücker, dessen Bücher 1933 von den Nazis verbrannt wurden, immer wieder ein. In der Lissaboner Nacht – man zählt das Jahr 1942 – treffen sich zwei Fremde, beides Emigranten, der eine ohne Hoffnung auf eine Schiffspassage in die USA, der andere mit Visa und Schiffskarte, aber ohne Lebenshoffnung. Jener nennt sich Josef Schwarz und erzählt seiner Zufallsbekanntschaft eine Nacht lang von seiner Flucht aus Deutschland, der Rückkehr nach Osnabrück, um seine Ehefrau Helen nochmals zu sehen, vom gemeinsamen Exil und der Odyssee durch halb Europa. Eine Liebe ohne Zukunft – doch das traurige Ende verheißt einem anderen Menschen einen Neubeginn.
Es zählt stilistisch nicht zu den stärksten Büchern Remarques, der Stil ist durchaus spröde, manches etwas langatmig – aber es ist ein Buch, das einen nicht kalt lässt, „beängstigend-eindringlich in seinem emotionalen Zugriff“, schrieb Orville Prescott 1964 in der New York Times.
Wer lesend erfahren möchte, was die ständige Flucht vor den Handlangern einer Diktatur mit den Menschen machen kann: In diesem Roman steht es.

Eine ausführliche Rezension und Hintergrundinformationen zu Remarque finden sich auf dem Blog “Über den Kastanien”.

Udo Bayer: Carl Laemmle und die Universal – eine transatlantische Biografie

Eine Biographie über jüdischen Schwaben Carl Laemmle, der in den USA zum Filmmogul aufstieg und Hollywood gründete.

Carl Laemmle gilt als der Gründer von Hollywood. Udo Bayerl hat ihm die erste Biographie gewidmet.
Bild von David Mark auf Pixabay

„Im Gesamtzusammenhang der rekonstruierbaren Fakten lassen sich Laemmles Auswanderungsmotive mit großer Wahrscheinlichkeit so rekonstruieren, dass er einerseits die nur bescheidenen beruflichen Aussichten mit den vermuteten Chancen in Amerika vergleicht, das zudem der Familie nicht ganz fremd ist und zusätzlich noch die Verlockungen einer den Jugendlichen faszinierenden Welt des Abenteuerlichen verspricht. So betrachtet fällt er auch aus der Typisierung heraus, die Hertzberg für die jüdischen Einwanderer Amerikas gibt. „Eine unglückliche europäische Vergangenheit“ Laemmles gibt es nicht, denn hiergegen spricht schon seine spätere Anhänglichkeit an seine Geburtsstadt.“

Dr. Udo Bayer, Carl Laemmle und die Universal – eine transatlantische Biografie

Von dem hier die Rede ist, ist Carl Laemmle, 1867 in der oberschwäbischen Kleinstadt Laupheim geboren – einer, der sich im Alter von 17 Jahren aufmacht, um in Amerika sein Glück zu machen, und wenige Jahre später mit anderen gemeinsam den Grundstein zur „Traumfabrik“ legt: Carl Laemmle, der 1912 die Universal Pictures gründete, 1915 mit der Universal City in Los Angeles das seinerzeit größte Filmstudio der Welt eröffnete – und damit als “Erfinder Hollywoods” galt.

Laemmles Geschichte ist jedoch weit mehr als die einer besonders erfolgreichen Auswanderung. Seine Biographie ist auch ein wesentlicher Teil der Geschichte des Judentums in Baden-Württemberg und Bayern – von der Ansiedlung in den schwäbischen Gemeinden, in denen die jüdischen Familien mit beschränkten Rechten als „Fremdkörper“ ihre Existenz aufbauten (noch heute gibt es in Laemmles Geburtsstadt beim Standort der ehemaligen Synagoge einen „Judenberg“) über die langsame Assimilation, Integration und Emanzipation, bedingt vor allem durch den wirtschaftlichen Erfolg der jüdischen Gemeinden, über die Auswandungsbewegung ab den 1860er Jahren bis hin zum Holocaust.

Auch Laemmle war aus der wirtschaftlichen Not heraus gezwungen, auszuwandern. Aber obwohl er in den USA eine unvergleichliche Karriere hinlegte, blieb er seinem Geburtsort sein Leben lang verbunden. Er besuchte ihm mehrfach und trat finanziell als Mäzen auf: So stiftete er das Volksbad, gründete eine Armenstiftung und half durch zahlreiche Spenden.

Unerwünscht in der Heimat

Bis er zur unerwünschten Person wurde. Den Verunglimpfungen durch die Nationalsozialisten, auch an seinem Heimatort, wo ihm die 1919 anerkannte Ehrenbürgerschaft flugs wieder abgesprochen worden war, begegnete Laemmle auf seine Weise: Er verhalf mehr als 300 Juden mit so genannten Affidavits zur Flucht aus Deutschland während des NS-Regimes. Ein Zeichen setzte er auch in seiner Arbeit: So produzierte er nicht nur Unterhaltungsfilme und Kassenschlager wie „Das Phantom der Oper“ oder den „Glöckner von Notre-Dame“, sondern (bzw. sein Sohn Julius) auch „Im Westen nichts Neues“ nach dem Roman von Erich Maria Remarque. Buch und Film – beides die Anti-Kriegsklassiker per se – wurden im Deutschen Reich verboten.

Lange wurde die Geschichte Laemmles auch in seiner Heimatstadt verschwiegen, bis sich engagierte Bürgerinnen und Bürger der Aufarbeitung des Schicksals der jüdischen Gemeinde, die im württembergischen Laupheim zeitweise eine der größten Gemeinden des Königreichs war, widmeten. Die Gemeinde ging auf einige jüdische Familien aus Illereichen und Buchau zurück, die 1724 durch Reichsfreiherr Anton v. Welden als Schutzjuden in Laupheim „zur Belebung des Laupheimer Markts” angesiedelt wurden.

Udo Bayerl erforschte die Geschichte Laemmles

Auch der Gymnasiallehrer Dr. Udo Bayer widmete sich jahrelang bis zu seinem frühen Tod der Erforschung dieses Aspekts der Lokalgeschichte. Ab 1988 recherchierte er insbesondere zum Leben Carl Laemmles – akribisch und mit hohem Aufwand.  Bayer zeichnete in seiner eingangs zitierten Biographie Aufstieg und Niedergang nach – die Universal Pictures kommen in finanzielle Schwierigkeiten just zu jener Zeit, als Laemmle in der alten Heimat mehr und mehr zur persona non grata wird, als „Filmjude“ gebrandmarkt. Durch die Weltwirtschaftskrise ins Strudeln geraten, muss Laemmle 1936 sein Unternehmen verkaufen. 1939 stirbt er an einem Herzinfarkt in seiner Villa in Beverly Hills – hochgeachtet als Filmpionier und “Erfinder” Hollywoods. Über 2500 Menschen, darunter zahlreiche Regisseure, Stars und Sternchen, geben ihm das letzte Geleit.

Anders dagegen in der alten Heimat, für die er soviel tat:
Der Name Carl Laemmle war aus dem Stadtbewußtsein gelöscht worden: Auch die  erst 1927 so getaufte Carl-Laemmle-Straße wurde 1933 wieder umbenannt – nichts durfte an den früheren Gönner und Wohltäter der Stadt erinnern. Noch in den 90er-Jahren löste der Vorschlag, das örtliche Gymnasium nach dem berühmtesten Sohn der Stadt zu nennen, Debatten aus. Lange hat die Aufarbeitung gedauert, doch sie kam: Heute gibt es in Laupheim ein Museum zur Geschichte von Christen und Juden (ein Zweig des Haus der Geschichte Baden-Württembergs), eine Abteilung ist Carl Laemmle gewidmet: http://museum-laupheim.de/

Unweit davon erinnert ein Gedenkstein an die in der Reichskristallnacht zerstörte Synagoge. Erhalten dagegen und vor allem durch privates Engagement gepflegt ist der Jüdische Friedhof mit seinen über 1200 Grabstellen. An den Grabstätten zeigt sich die enge Verflechtung der jüdischen Familien in Laupheim auch zu den anderen schwäbischen Gemeinden – so sind hier auch Gräber von Verwandten des gebürtigen Ulmers Albert Einstein zu finden. Einstein und Laemmle – zwei Schwaben in Amerika: https://www.youtube.com/watch?v=F9C_1uaaioM

Die Geschichte dreier Grabsteine

Eine der vielen tragischen Geschichten dieser Zeit erzählen auf diesem Friedhof drei Grabsteine, die durch ihre Nähe zueinander auffallen. Es ist die Geschichte der Schwestern Sally, Jette und Therese Kirschbaum. Die hochbetagten Schwestern, die ohne weitere Verwandte in Laupheim verblieben waren, waren nach der Machtübernahme durch die Nazis unter den letzten Überlebenden der einstmals blühenden jüdischen Gemeinde.

Beim Steinheim Institut findet man nur folgende Auskunft: „Die drei betagten Schwestern, Betreiberinnen einer kleinen Gemischtwarenhandlung, wählten an drei aufeinanderfolgenden Tagen den Freitod, nachdem sie ihres Heimes verwiesen und in Baracken zwangsumgesiedelt wurden. Sie sind unter den Laupheimer Opfern der Nationalsozialisten verzeichnet.“

Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 flohen 126 von 235 jüdischen Einwohner ins Ausland, die meisten von ihnen nach der sogenannten Reichspogromnacht im November 1938. In dieser Nacht wurde auch die Laupheimer Synagoge in Brand gesteckt. Im folgenden Jahr wurden die noch verbliebenen jüdischen Bürger innerhalb von Laupheim in das Barackenlager Wendelinsgrube zwangsumgesiedelt und in den Jahren 1941 und 1942 schließlich in Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert. Nach dem letzten von vier Transporten am 19. August 1942 hörte die jüdische Gemeinde in Laupheim auf zu existieren.

Informationen zum Buch:

Udo Bayer
Carl Laemmle und die Universal
Verlag Königshausen & Neumann, 2013
ISBN: 978-3-8260-5120-3