Christof Weigold: Der Mann, der nicht mitspielt

„Als ich an einem Sonntagnachmittag Anfang September nach Hause kam, stolperte ich auf der Treppe über eine scharfe Rothaarige. Ich hatte am Freitag ein misslungenes Casting bei Hal Roach gehabt, danach auf dem Nachhauseweg einen oder drei auf das Labor-Day-Wochenende getrunken und dachte zuerst, ich würde sie nur träumen.
Aber sie saß da wirklich, auf der Treppe vor meinem Zimmer im ersten Stock im Halbdunkel, und rauchte eine Zigarette. Nachdem ich das Gaslicht im Flur aufgedreht hatte – obwohl das laut meiner Vermieterin Mrs. Balzheimer tagsüber strikt verboten war – vergaß ich zunächst sogar, mich zu entschuldigen und meinen Hut zu lüften.
Sie war Anfang Zwanzig, und über ihren Körper war ein knappes Kleid gespannt, so eng wie eine zweite, nachtblaue Haut.“

Christof Weigold, „Der Mann, der nicht mitspielt“, Kiepenheuer & Witsch Verlag Köln, 2018.

Das eigentlich Schlimme am Skandal um Harvey Weinstein fand ich: Es war ja nichts Neues. Da die Filmindustrie ein System ist, in dem es um sehr viel Geld, Karrieren und Schönheit geht, konnte man sich an allen Fingern ausrechnen, dass dort systematisch das geschieht, was geschieht, wenn korrumpierte Männer Macht ausüben. Das eigentlich Schlimme an diesem Skandal ist es, dass es mehr als ein Jahrhundert dauerte, dass mit #MeToo eine Protestbewegung begann, die es vielleicht erreicht, die Strukturen von „Hollywood Babylon“ wirklich zu ändern.

1965 brachte der avantgardistische Filmregisseur Kenneth Anger unter dem Titel „Hollywood Babylon“ einen voluminösen Schinken heraus, der all die Skandale der Traumfabrik seit ihrem Start in den sonnigen Hügeln Kaliforniens auflistete. Das Buch: Eine knallige und dramatische Abfolge von Drogenexzessen, Sexorgien, Suiziden und Mordfällen. Ein Schmökerstoff auch für Voyeure, ist das Buch zwar auf Krawall angelegt und nicht unbedingt sorgfältig recherchiert, aber es zeigt eines – in Hollywood ging es hinter den Kulissen immer schon weitaus heftiger zu als auf der Leinwand. Das Buch wurde selbst zum Skandal, war jahrelang verboten und durfte erst 1975 wieder veröffentlicht werden. Wenn es darum geht, den schönen Schein zu wahren, ist den Mächtigen von Hollywood jedes Mittel recht.

So auch im Fall des Stummfilm-Komikers Fatty Arbuckle, dem Anger ebenfalls ein großes Kapitel widmete: War es doch das erste Mal, dass einer der Schauspiel-Götter vor Gericht landete. 1921 wird der Filmstar wegen der Vergewaltigung mit tödlicher Folge an einer jungen Schauspielerin, Virginia Rappe, angeklagt.

Die Suche nach den wirklichen Hintergründen – Fatty Arbuckle wurde übrigens freigesprochen, aber seine Karriere war zerstört –  dies ist der erste Fall von Hardy Engel, einem Deutschen, der der durch den Weltkrieg zerstörten Heimat gen Hollywood entfloh, hoffte, dort als Schauspieler Fuß zu fassen versucht und sich schließlich als Privatdetektiv durchschlägt. Ein Kriminalroman, der in der Stadt der gefallenen Engel spielt, das hat Potential – leider kann es „Der Mann, der nicht mitspielt“ nicht ganz erfüllen.

Der Kriminalroman war der Auftakt zu einer neuen Reihe bei Kiepenheuer & Witsch und der erste Roman des Theater- und Drehbuchautors Christof Weigold. Die Filmerfahrung des Autoren macht sich bei diesem Roman, der immerhin rund 630 Seiten braucht, um sich zu entfalten, positiv bemerkbar: Verfolgungsjagden in finsteren Vierteln, Recherchen in Opiumhöllen, erotische Zwischenspiele mit seiner schönen Auftraggeberin Pepper – der Krimi bietet eine Menge an filmreifer Szenen. Durchaus originell und intelligent ist zudem die Lösung des Falls: Virginia Rappe starb tatsächlich an einer Bauchfellentzündung, Weigold konstruiert daraus ein finsteres Geflecht aus Promiskuität, Schwangerschaftsabbrüchen und Vergewaltigung. Und zeigt die Filmmogule – im Mittelpunkt dabei der in meiner Heimatstadt geborene Carl Laemmle – als zynische Geldmacher, die sich eine Moralinstanz kaufen, um Hollywoods Glanz wieder aufzupolieren. Tatsächlich wurde nach Virginia Rappes Tod 1922 die „Motion Picture Association of America“ gegründet, die das Image der Filmindustrie reinwaschen und eine Art freiwilliger Selbstzensur einführen sollte. Schöner Schein.

Dass Weigold sich ganz offensichtlich in die Geschichte der Filmindustrie reingekniet hat und eine ganze Menge dieses Wissens in seinen Roman packt, das ist zugleich auch dessen Manko: Der Arbuckle-Fall wäre die perfekte Vorlage für einen hard-boiled-Thriller im Stile James Ellroys, er könnte ähnlich konstruiert sein wie „Die schwarze Dahlie“ oder „Stadt der Teufel“. Dazu aber ist das Buch stellenweise zu langatmig, die Geschichte zu konstruiert, zu vollgepackt mit Playern und Namedropping – fast ein Lexikon der Stummfilmzeit.

„Der Mann, der nicht mitspielt“ ist solide Unterhaltung, glänzt durch gute Recherche und durch hollywoodreife Szenen. Inzwischen ist bereits der zweite Fall, „Der blutrote Teppich“, erschienen, in dem sich Weigold einer Tat widmet, die bis heute ungeklärt ist: Dem Mord an Regisseur William Desmond Taylor. Fall 3 ist für den Herbst 2020 angekündigt – Stoff für den Privatermittler Hardy Engel bietet „Hollywood Babylon“ also zur Genüge.

Informationen zum Buch:

Christof Weigold
Der Mann, der nicht mitspielt
Kiepenheuer & Witsch, 2018
Hardcover, 640 Seiten, 22,00 Euro (Taschenbuch 10,00 Euro)
ISBN: 978-3-462-05103-2


Weitere Meinungen:

Bei Literatuschock: https://literaturschock.de/literatur/belletristik/krimis-und-thriller/christof-weigold-der-mann-der-nicht-mitspielt

Bei Lesejury: https://www.lesejury.de/christof-weigold/buecher/der-mann-der-nicht-mitspielt/9783462051032


Zur Autorenseite:

https://www.christofweigold.com/


 

Spende? Gerne!

Wer das Engagement dieses Blogs unterstützen möchte, kann dies gerne mit einem Beitrag via Paypal tun. Oder ganz klassisch mit einer Überweisung, die Daten dafür finden sich im Impressum.

€5,00

 

Udo Bayer: Carl Laemmle und die Universal – eine transatlantische Biografie

hollywood-sign-1598473_1280

Bild von David Mark auf Pixabay

„Im Gesamtzusammenhang der rekonstruierbaren Fakten lassen sich Laemmles Auswanderungsmotive mit großer Wahrscheinlichkeit so rekonstruieren, dass er einerseits die nur bescheidenen beruflichen Aussichten mit den vermuteten Chancen in Amerika vergleicht, das zudem der Familie nicht ganz fremd ist und zusätzlich noch die Verlockungen einer den Jugendlichen faszinierenden Welt des Abenteuerlichen verspricht. So betrachtet fällt er auch aus der Typisierung heraus, die Hertzberg für die jüdischen Einwanderer Amerikas gibt. „Eine unglückliche europäische Vergangenheit“ Laemmles gibt es nicht, denn hiergegen spricht schon seine spätere Anhänglichkeit an seine Geburtsstadt.“

Dr. Udo Bayer, „Carl Laemmle und die Universal – eine transatlantische Biografie“, Verlag Königshausen & Neumann, 2013, ISBN 978-3-8260-5120-3.

Von dem hier die Rede ist, ist Carl Laemmle, 1867 in der oberschwäbischen Kleinstadt Laupheim geboren – einer, der sich 17jährig aufmacht, um in Amerika sein Glück zu machen, und wenige Jahre später mit anderen gemeinsam den Grundstein zur „Traumfabrik“ legt: Carl Laemmle, der 1912 die Universal Pictures gründete, 1915 mit der Universal City in Los Angeles das seinerzeit größte Filmstudio der Welt eröffnete – und damit als „Erfinder Hollywoods“ galt.

Laemmles Geschichte ist jedoch weit mehr als die einer besonders erfolgreichen Auswanderung. Seine Biographie ist auch ein wesentlicher Teil der Geschichte des Judentums in Baden-Württemberg und Bayern – von der Ansiedlung in den schwäbischen Gemeinden, in denen die jüdischen Familien mit beschränkten Rechten als „Fremdkörper“ ihre Existenz aufbauten (noch heute gibt es in Laemmles Geburtsstadt beim Standort der ehemaligen Synagoge einen „Judenberg“) über die langsame Assimilation, Integration und Emanzipation, bedingt vor allem durch den wirtschaftlichen Erfolg der jüdischen Gemeinden, über die Auswandungsbewegung ab den 1860er Jahren bis hin zum Holocaust.

Auch Laemmle war aus der wirtschaftlichen Not heraus gezwungen, auszuwandern. Aber obwohl er in den USA eine unvergleichliche Karriere hinlegte, blieb er seinem Geburtsort sein Leben lang verbunden. Er besuchte ihm mehrfach und trat finanziell als Mäzen auf: So stiftete er das Volksbad, gründete eine Armenstiftung und half durch zahlreiche Spenden.

Bis er zur unerwünschten Person wurde. Den Verunglimpfungen durch die Nationalsozialisten, auch an seinem Heimatort, wo ihm die 1919 anerkannte Ehrenbürgerschaft flugs wieder abgesprochen worden war, begegnete Laemmle auf seine Weise: Er verhalf mehr als 300 Juden mit so genannten Affidavits zur Flucht aus Deutschland während des NS-Regimes. Ein Zeichen setzte er auch in seiner Arbeit: So produzierte er nicht nur Unterhaltungsfilme und Kassenschlager wie „Das Phantom der Oper“ oder den „Glöckner von Notre-Dame“, sondern (bzw. sein Sohn Julius) auch „Im Westen nichts Neues“ nach dem Roman von Erich Maria Remarque. Buch und Film – beides die Anti-Kriegsklassiker per se – wurden im Deutschen Reich verboten.

Lange blieb die Geschichte Laemmles auch in seiner Heimatstadt verborgen. Engagierte Bürgerinnen und Bürger widmen sich dort seit Jahren der Aufarbeitung des Schicksals der jüdischen Gemeinde, die im württembergischen Laupheim zeitweise eine der größten Gemeinden des Königreichs war. Sie geht auf einige jüdische Familien aus Illereichen und Buchau zurück, die 1724 durch Reichsfreiherr Anton v. Welden als Schutzjuden in Laupheim „zur Belebung des Laupheimer Markts” angesiedelt wurden.

Auch der Gymnasiallehrer Dr. Udo Bayer widmete sich jahrelang bis zu seinem frühen Tod der Erforschung dieses Aspekts der Lokalgeschichte. Ab 1988 recherchierte er insbesondere zum Leben Carl Laemmles – akribisch und mit hohem Aufwand.  Bayer zeichnete in seiner eingangs zitierten Biographie Aufstieg und Niedergang nach – die Universal Pictures kommen in finanzielle Schwierigkeiten just zu jener Zeit, als Laemmle in der alten Heimat mehr und mehr zur persona non grata wird, als „Filmjude“ gebrandmarkt. Durch die Weltwirtschaftskrise ins Strudeln geraten, muss Laemmle 1936 sein Unternehmen verkaufen. 1939 stirbt er an einem Herzinfarkt in seiner Villa in Beverly Hills – hochgeachtet als Filmpionier und „Erfinder“ Hollywoods, über 2500 Menschen, darunter zahlreiche Regisseure, Stars und Sternchen, geben ihm das letzte Geleit.

Anders dagegen in der alten Heimat, für die er soviel tat:
Der Name Carl Laemmle war aus dem Stadtbewußtsein gelöscht worden: Auch die  erst 1927 so getaufte Carl-Laemmle-Straße wurde 1933 wieder umbenannt – nichts durfte an den früheren Gönner und Wohltäter der Stadt erinnern. Noch in den 90er-Jahren löste der Vorschlag, das örtliche Gymnasium nach dem berühmtesten Sohn der Stadt zu nennen, Debatten aus. Lange hat die Aufarbeitung gedauert, doch sie kam: Heute gibt es in Laupheim ein Museum zur Geschichte von Christen und Juden (ein Zweig des Haus der Geschichte Baden-Württembergs), eine Abteilung ist Carl Laemmle gewidmet: http://museum-laupheim.de/

Unweit davon erinnert ein Gedenkstein an die in der Reichskristallnacht zerstörte Synagoge. Erhalten dagegen und vor allem durch privates Engagement gepflegt ist der Jüdische Friedhof mit seinen über 1200 Grabstellen. An den Grabstätten zeigt sich die enge Verflechtung der jüdischen Familien in Laupheim auch zu den anderen schwäbischen Gemeinden – so sind hier auch Gräber von Verwandten des gebürtigen Ulmers Albert Einstein zu finden. Einstein und Laemmle – zwei Schwaben in Amerika: https://www.youtube.com/watch?v=F9C_1uaaioM

Eine der vielen tragischen Geschichten dieser Zeit erzählen auf diesem Friedhof drei Grabsteine, die durch ihre Nähe zueinander auffallen. Es ist die Geschichte der Schwestern Sally, Jette und Therese Kirschbaum. Die hochbetagten Schwestern, die ohne weitere Verwandte in Laupheim verblieben waren, waren nach der Machtübernahme durch die Nazis unter den letzten Überlebenden der einstmals blühenden jüdischen Gemeinde.

Beim Steinheim Institut findet man nur folgende Auskunft: „Die drei betagten Schwestern, Betreiberinnen einer kleinen Gemischtwarenhandlung, wählten an drei aufeinanderfolgenden Tagen den Freitod, nachdem sie ihres Heimes verwiesen und in Baracken zwangsumgesiedelt wurden. Sie sind unter den Laupheimer Opfern der Nationalsozialisten verzeichnet.“

Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 flohen 126 von 235 jüdischen Einwohnern ins Ausland, die meisten von ihnen nach der sogenannten Reichspogromnacht im November 1938. In dieser Nacht wurde auch die Laupheimer Synagoge in Brand gesteckt. Im folgenden Jahr wurden die noch verbliebenen jüdischen Bürger innerhalb von Laupheim in das Barackenlager Wendelinsgrube zwangsumgesiedelt und in den Jahren 1941 und 1942 schließlich in Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert. Nach dem letzten von vier Transporten am 19. August 1942 hörte die jüdische Gemeinde in Laupheim auf zu existieren.

Nur wenige Mitglieder der einstmals großen jüdischen Gemeinde Laupheims haben den Nationalsozialismus überlebt. Umso wichtiger ist das Engagement von Menschen wie Dr. Udo Bayer, die die Erinnerung wachhalten.