Katherine Anne Porter: Das Narrenschiff

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Bild von Thomas Wolter auf Pixabay

„Wenn nicht ein Wunder geschah, würden sie Deutschland nie wiedersehen. Mary und er mussten füreinander die Heimat sein, sie mussten, wohin sie auch gingen, ihr eigenes Klima mit sich tragen, mussten es Heimat nennen und versuchen, nicht an seinen wirklichen Namen – Verbannung – zu denken. In Gedanken sah er Mary am Klavier sitzen und spielen und singen, und er pfiff ihr Lied mit: „Kein Haus, keine Heimat …“

Katherine Anne Porter, „Das Narrenschiff“, USA, 1962

Es gibt solche Bücher, die halten der Magie der ersten Lektüre bei einem „Wiederlesen“ nicht mehr Stand. „Das Narrenschiff“ stand, wie ich mich erinnere, schon im elterlichen Bücherregal, ein 700-Seiten-Wälzer in einer etwas altmodischen Übersetzung, aber dennoch faszinierend für die pubertierende Lesende. Wie durch ein Guckloch schaute ich auf dieses menschliche Treiben auf dem Schiffsdeck, fieberte mit den Liebenden mit, litt mit den Armen, die im Zwischendeck eingepfercht waren, mit den jüdischen Passagieren, die in der Messe an den Katzentisch verbannt wurden und hegte nichts als Verachtung für die dicken deutschen Herrenmenschen und die Schweizer Spießer, die dieser Roman en masse zu bieten hatte.

2010 brachte der Manesse Verlag dieses opulente Buch, einer der wenigen Gesellschaftsromane aus der Hand einer Schriftstellerin, in neuer Übersetzung durch Susanna Rademacher heraus. Und wieder erfasste mich das Reisefieber: Alles las sich nun viel geschmeidiger, die Geschichte mit ihren unzähligen Verknüpfungen riss mich wieder mit. Doch schon da war ein gewisses Unbehagen bei der Lektüre vorhanden, etwas, das mich dazu trieb, dieses Buch erneut in die Hand zu nehmen, langsamer und kritischer zu lesen, mich dem Sog, einfach wissen zu wollen, „wie es weitergeht“ zu entziehen. Und siehe da: Je öfter man eine Kreuzfahrt bucht, desto mehr verliert sich der nach außen getragene Glanz, desto sichtbarer werden Technik und Handarbeit, die den Dampfer vorantreiben. Und vielleicht spielt auch hier – in literarischer Hinsicht – die „Gnade der späten Geburt“ eine Rolle: Die karikaturhafte Überzeichnung der Passagiere in diesem Roman lässt sich heute deutlich kritischer und sachlicher betrachten, wie es kurz nach Ablegen des Narrenschiffes in den 1960-er Jahren war.

„Das Narrenschiff“: Durchaus ein großer Roman, dessen Schwächen jedoch in der Überzeichnung der Figuren und Gegensätze deutlich werden, dessen Stärke dagegen die präzise psychologische Wiedergabe komplizierter Liebes- und zwischenmenschlicher Beziehungen ist. Ein Schmöker mit Abstrichen.

Soviel Prolog, nun zum Buch selbst:

1931 legt in Veracruz der Dampfer „Vera“ ab, Zielhafen ist Bremerhaven, wo die Passagiere wenige Wochen später von einer Blaskapelle, die „O Tannenbaum“ intoniert, empfangen werden. Eine Handvoll Menschen, miteinander konfrontiert auf engstem Raum, sich selbst und ihren Leidenschaften überlassen: das ist der Stoff, aus dem die großen Geschichten entstehen können. Die amerikanische Autorin Katherine Anne Porter (1890 – 1980), die für ihr literarisches Debüt 1930 mit „Flowering Judas“, einem Band mit Erzählungen, gefeiert wurde, schrieb fast ein Drittel ihres Lebens an diesem Stoff: „Das Narrenschiff“ wurde auch für sie zur Lebensreise. Die als äußerst selbstkritisch bekannte Autorin, die sich mit journalistischen Arbeiten, Vorträgen und Lesereisen finanziell über Wasser hielt, feilte Wort für Wort an der Geschichte. Aber vor allem kam ihr beim Schreiben immer wieder eines in den Weg: Das Leben, die Liebe, beides turbulent und nicht allzu glückvoll.

Als der Roman 1962 endlich erschien, wurde er, vor allem in den USA, als Sensation gefeiert. Von der deutschen Literaturkritik jedoch hagelte es negative Urteile, die oftmals vom Zeitgeist und Emotionalität einer Kriegs- und Nachkriegsgeneration geprägt waren. Eine Rezension in „Der Spiegel“ von 1962 fasst dies zusammen:

„Weniger begeistert waren deutsche Kritiker vom Stapellauf des modernen „Narrenschiffs“. Washington – Korrespondent Herbert von Borch etikettierte in der „Welt“ das Porter-Buch als ein „Dokument des Hasses“, und die „Frankfurter Allgemeine“ warnte: „Seit einer Dekade hat kein amerikanischer Roman mehr einen so jähen, durch keine kritische Stimme getrübten Erfolg gehabt… Nicht jeder deutsche Leser wird in diesen Jubelchor einstimmen.“

Tatsächlich verdeutlicht der Roman, dessen Personal sich zu einem großen Teil aus Deutschen rekrutiert, recht drastisch die Antipathie der Autorin gegen teutonische Mentalität, in der sie als gewichtige Wesenszüge Fanatismus und Grausamkeit zu erkennen glaubt.“

50 Jahre später wirft Wolfgang Schneider in der „FAZ“ dazu ein:

„Aus heutiger Sicht gibt es eher ein ästhetisches Problem: Man ist allzu schnell fertig mit den sich selbst entlarvenden Nazi-Spießern. In Literatur und Film kommen nur noch kultivierte Nationalsozialisten in Frage: kalte, machtgestützte Charmeure, hochreflektierte Unmenschen, unbanale Böse – siehe Littell oder Tarantino.“

Als „politisches Mahnmal“ gegen Zivilisationsbrüche“, wie es auf dem Klappentext der Neuauflage zu lesen ist,  taugt dieser Roman nur bedingt: Dafür bietet er zu viel Schwarz-Weiß-Zeichnung auf, zu viel Holzschnitt. Aber er vermag Empathie zu wecken: Für den „Underdog“ aus der Arbeiterklasse, der beim Versuch, einen Hund zu retten, der über Bord geworfen wurde, ertrinkt. Für den sanftmütigen Schiffsarzt, der all die Blessuren, physische wie psychische, seiner Passagiere zu lindern versucht, obwohl er selbst am Leben zweifelt und am Körper leidet. Und für jungen Wilhelm Freytag, der im Eingangszitat dieses Beitrags auftritt: Mit einer Jüdin verheiratet weiß er, dass er in Deutschland keine Heimat mehr haben wird. Zwischen anerzogenen „Nationalstolz“ und Patriotismus und der Liebe zu seiner Frau zerrissen, schwankt er wie ein Schiffbrüchiger durch diese Geschichte. Doch auch an ihm zeichnet die Autorin mit ihrem realistischen, präzisen Blick für den Wankelmut der Menschen die Schattenseiten heraus, auch er ist kein ungebrochener Sympathieträger.

Das ist das Interessante an diesem Werk: „Das Böse“, der deutsche Spießer und Brandstifter, er kommt oftmals allzu plakativ daher – den vielen weiteren Reisenden jedoch kriecht die Autorin förmlich ins Gehirn, seziert ihre Seele. Bei fast 30 Protagonisten, die alle episodenhaft auftreten und portraitiert werden, entfaltet sich hier die Fülle des Lebens. Und Lebenserfahrung, dies zeigt die Biographie von Katherine Anne Porter, hatte die Autorin genug. Selbst das „Narrenschiff“ – der Titel ist wie das Konzept der Seereise angelehnt an die 1494 erstmals gedruckte Satire von Sebastian Brant – findet bei Porter eine Entsprechung im „echten Leben“: Sie selbst reiste mit dem Schiff nach Deutschland, mit an Bord Hermann Göring, der ihr offenbar Avancen machte. Wer das „Narrenschiff“ aufmerksam liest, wird nicht unschwer eine Figur finden, die an den Nationalsozialisten erinnert. Viel interessanter sind jedoch die Reisenden, deren Charakterisierung sich weniger an „Typen“, sondern mehr an Individuen orientiert. Individuen, die Porter, die zeitlebens das Leben einer Bohemienne führte, immer reisend, immer in die falschen Männer verliebt, durchaus gekannt haben mag: All ihre Menschenerfahrung ist in diesem Roman gebündelt.

Elke Schmitter, die auch für die aktuelle Manesse-Ausgabe das Nachwort beisteuerte, schrieb in einem Essay:

„Doch die Nöte der plumpen jungen Elsa Baumgarten, die triebhaften Verwirrungen des einsamen Wilhelm Freytag, die Kämpfe der stolzen Mrs. Treadwell, die Beziehungsdramen von Jenny und David, die selbstzufriedenen Phrasen des Professor Hutten und die Seekrankheit seiner Bulldoge – all diese Realitäten haben in Anne Katherine Porter eine faire Protokollantin gefunden. Mit gleichbleibenden Abstand, in unbestechlicher Ruhe zeichnet sie auf, woraus die Menschen gemacht sind. Das ganze krumme Holz. Mit jeder einzelnen Maserung.“

Angaben zum Buch:

Katherine Anne Porter
Das Narrenschiff
Manesse Verlag, 2010
26,95 Euro
704 Seiten, geb., Schutzumschlag
ISBN: 978-3-7175-2220-1


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Margaret Mitchell: Vom Winde verweht

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“My dear, I don`t give a damn.”

Man müsste schon vollkommen ignorant sein, um keinen „damn“ darauf zu geben, dass „Vom Winde verweht“ nicht nur eine der weltweit bekanntesten Liebesgeschichten, sondern im Grunde ein zutiefst rassistisches Machwerk ist. Mir ging es wohl so wie vielen anderen: Ich kannte zunächst den Film, der zwar auch von Stereotypen und Klischees geprägt ist, aber denn doch die übelsten Passagen der Romanvorlage ausklammert. Die weißbemäntelten Typen vom Ku-Klux-Klan: Sie hätten sich neben Vivian Leigh und Clark Gable wohl auch allzu lächerlich im Breitwandformat ausgenommen. So bereitete mir die spätere Lektüre der 1936 erschienenen Romanvorlage doch eine heftige Überraschung: Romantik aus, Rassismus an.

Die Rezeption des Films – der Klassiker aller Schmachtfetzen – verstellt bis heute den Blick auf das Buch: Doch wer den Roman von Margaret Mitchell mit hellwachem Sinn liest, müsste eigentlich Scarlett, Rhett und die ganze Südstaaten-Sippschaft mit Verve in den Wind schießen. Eins vorneweg: Stilistisch brachte mir das Südstaatenepos, das viel Lokalkolorit, Bürgerkriegsszenen und jede Menge Schmalz bietet, keinen frischen Wind, geschweige denn eine kleine Prise. Völlige Flaute, mehr als 1000 Seiten eher Lesequal. Starr gezeichnete Charaktere bis hin zur Karikatur, holperige Dialoge, langatmige Frequenzen – sprachlich liegt der “Schinken” nicht gerade leicht im Magen. Man darf sich an Szenen wie diesen ergötzen:

„Seine schwarzen Augen suchten in ihrem Gesicht und wanderten hinunter zu den Lippen. Scarlett schlug die Augen nieder und wurde aufgeregt. Nun würde er sich die Freiheiten herausnehmen, die Ellen vorausgesagt hatte.“

Die Welt der „alten“ Südstaaten war schon längst untergegangen, als Margaret Mitchell ihr literarisches One-Hit-Wonder schrieb. Sie selbst, geboren 1900, hatte dies nie erlebt, aber in ihrer wohlhabenden Familie in Atlanta die Legende von der “guten, alten Zeit” gehört. Und so ist ihr 1936 erschienenes Südstaatenepos vor allem nach dem Muster gestrickt: Früher war alles besser und die Welt in Ordnung. Damals, als die weißen Plantagenbesitzer noch edle Herren waren, die Damen mit dem Fächer wedelnd auf schattigen Veranden Schutz vor der Sonne suchten, derweil der schwarze, etwas unbeholfene Butler kühle Limonade brachte und auf den treudoofen Baumwollpflücker auf dem Feld herabschaute. Bis die bösen Yankees kamen und die Schwarzen partout befreien wollten.

Mitchell beließ es jedoch nicht bei einem sentimentalen Rückblick und Südstaatenromantik. Sondern packt in ihren Wälzer einseitige Klischees über „die Schwarzen“ und merkwürdige Ansichten über den Ku-Klux-Klan. Im Roman heißt es, der Klan sei von „tragischer Notwendigkeit“ – ein Instrument der Notwehr, da der Norden versuche, dem Süden „die Herrschaft der Neger aufzuzwingen, von denen viele vor kaum einem Menschenalter noch in den Urwäldern Afrikas gelebt hatten.“ (Das Zitat wurde aus diesem Artikel entlehnt: „Vom Winde verweht 3 – jetzt mit Rassismus„)

Wem dabei – auch in der Parallele zu manchen üblen Äußerungen, wie sie heute rechtspopulistische Politiker über Migranten fallen lassen – nicht die Haare zu Berge stehen, dem sollte eine Aussage der Autorin zu denken geben:

„Margaret Mitchell schrieb um 1929 Sätze wie diese: „Die große Anzahl der Sittlichkeitsverbrechen an Frauen brachte die Männer des Südens in kalte, bebende Wut und rief über Nacht den Ku-Klux-Klan ins Leben.“ (Zitat aus: s.o.)

So ist das Buch, wie Elke Schmitter in dem Mitchell-Portrait „Der Trotz als Herzschrittmacher“ (enthalten in: „Leidenschaften. 99 Autorinnen der Weltliteratur, btb Verlag, 2013) schreibt,
“trotz Genauigkeit im Detail hemmungslos parteilich. Der Ku-Klux-Klan wird als Selbsthilfegruppe gedemütigter, eigentlich wohlerzogener Bürger vorgestellt, das Bürgerrecht für Schwarze als eine weltfremde Idee – nicht, weil es diesen an Menschlichkeit fehlte, doch sind sie, wie nicht nur Scarlett versichert, im Grunde wie Kinder, die man hüten muss…”

Der Schlussfolgerung von Elke Schmitter – „Gerecht ist die Erinnerung nie. Überwältigend darf sie sein.“ – kann ich nicht folgen. Zumal mich Stil, Sprache, Erzählweise dieses Romans auch in keiner Weise überwältigen konnte.

Zehn Jahre schrieb Mitchell an ihrem einzigen Roman – das zähe Ringen merkt man dem Buch  beim Lesen durchaus an. Als es dann endlich erschien, beurteilte das „Time“ Magazin es als „unverzeihlich rassistisch“. Dennoch wurde der Roman mit Preisen überschüttet, so mit dem Pulitzerpreis und dem National Book Award, und aus dem Stand zu einem Verkaufsschlager. Die Verfilmung durch Victor Fleming, die 1939 in die Kinos kam, räumte zehn Oscars ab und wurde zu einem der kommerziell erfolgreichsten Streifen der Filmgeschichte.

Vor drei Jahren schrieb Marc Pitzke anlässlich des 75. Jahrestages der Filmpremiere:

„Gone with the Wind“ ist eines der rassistischsten Machwerke Hollywoods: Es romantisiert das wohl düsterste Kapitel der US-Geschichte – was jetzt (…) relevanter ist denn je.
Die Parallelen sind beklemmend. Vielen Weißen fehlt das Bewusstsein, das die USA überhaupt ein Problem haben: Damals akzeptierten sie den Rassismus nonchalant als Lebensart – heute leugnen sie, dass es ihn überhaupt gibt.“ 

Quelle:
http://www.spiegel.de/einestages/vom-winde-verweht-rassismus-im-hollywood-film-klassiker-a-1007841.html

Man bedenke: Dieser Artikel stammt noch aus der Ära Obama.

2020 erschien das Epos in einer neuen Übersetzung – nicht nur der Titel veränderte sich dadurch. Die neue Fassung in deutscher Sprache ist jedoch nicht unumstritten:

„So lädt die in vielem so famos gelungene Neuübersetzung von «Vom Wind verweht» nicht nur dazu ein, einen unterschätzten Klassiker der US-Literatur neu zu entdecken, sondern auch über heutige Übersetzungspraktiken zu debattieren“, urteilt Rainer Moritz in der NZZ.


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