Hildegard E. Keller: Was wir scheinen

„Sie schüttelte den Kopf. Gleichschaltung ist wirklich ein hässliches graues Wort. Das Wort für das Grauen, dasselbe Grau wie auf dem Gesicht im Glaskasten. Wissen wir denn, warum ein Mensch sich so durch und durch farblos machen lässt? Warum einer zulässt, dass man ihn zu einem Instrument in den Händen anderer macht? Ein Instrument, ganz egal, wofür, Hauptsache, ich gehöre nicht mehr mir selbst und trage nicht mehr die Verantwortung für das, was ich tue? Nein. Keiner vermag in die Seele eines andern hineinzuschauen. Niemand weiß, warum einer wollen kann, dass er nicht mehr der ist, der er ist.“

Das erste Gedicht war eine Reflexion über die Kraft des
Wassers, die sie an Brechts Legende erinnerte. Wenn im Innern
des Steins Wasser gefriert, bringt es ihn zum Bersten, nur was
gibt ihm die Kraft dazu? Merkwürdige Frage, aber sie schlägt
die Brücke ins Unsichtbare.
Bild: Schlucht im Tessin, Bild von adege auf Pixabay

Es ist bereits viel über den ersten Roman der Schweizer Literaturkritikerin Hildegard Keller geschrieben worden und all das Positive, was über „Was wir scheinen“ berichtet wurde, es ist richtig. Tatsächlich tritt einem die poetische Denkerin Hannah Arendt aus diesem Buch so lebendig und nahbar entgegen, dass man meint, eine Mischung aus „der Arendt“, wie man sie unter anderem aus dem Gaus-Interview kennt und einer Barbara Sukowa, die sie im Film verkörperte, zu begegnen. Fiktion und Realität verschmelzen hier aufs Schönste.

Hannah Arendt (1906 – 1975), die nach ihrer Flucht 1933 aus dem nationalsozialistischen Deutschland ab 1941 in den USA lebte, kam immer wieder nach Europa zurück, unter anderem verbrachte sie regelmäßig Ferien im Tessin. Ihr letzter Tessin-Aufenthalt ist der Rahmen der Erzählung: Arendt ist allein, von den wenigen noch lebenden Freunden ist keiner greifbar. Zum Arbeiten zu unkonzentriert, zum Faulenzen zu unruhig, wandern die Gedanken zurück in die Vergangenheit: Zu den Jahren des Studiums bei Jaspers und der Liebe zu Heidegger, zur Pariser Zeit, als sie sich mit Walter Benjamin befreundet und ihren Mann Heinrich Blücher kennenlernt, zu den Anfängen mit Heinrich und ihrer Mutter in New York und natürlich zu dem prägenden Ereignis ihres beruflichen Lebens, das sowohl politisch und als auch privat einen Bruch darstellt: Der Eichmann-Prozess, der im April vor 50 Jahren begann. Ihren Berichten im New Yorker darüber und ihrem darauffolgenden Buch folgten Wellen der Empörung, eine regelrechte Hetzkampagne, heute würde dies als Shitstorm bezeichnet.

Ihre missverstandene These von der „Banalität des Bösen“, ihr unabhängiger Blick auf die Rolle der Judenräte, ihre Weigerung, sich als Jüdin einen bestimmten Blick auf Eichmann und auf die Prozessführung in Jerusalem anzueignen, dies alles stellte Hannah Arendt in den Zentrum eines Empörungssturms. Welche Verletzungen, welche Schrammen Hannah Arendt dabei davontrug, darüber äußerte sie sich öffentlich nicht. Diesen Blessuren geht Hildegard Keller in ihrem Roman auf den Grund, nähert sich behutsam der verletzbaren, „weichen“ Seite der Denkerin, die dennoch streitbar und unbeugsam blieb, an. Die Form des biographischen Romans ist nicht unumstritten – im schlimmsten Fall überwiegt die Interpretation über die Realität, werden historische Personen zu Figuren umgezeichnet. Hildegard Keller umgeht diese Falle elegant und intelligent und spielt sogar charmant mit dieser Falle, in die auch sie hätte tappen können:

„Fiktiv werden ist nicht schön, wenn alles erstunken und erlogen ist“, reflektiert die Hannah Arendt des Romans beim morgendlichen Sinnieren im Bett. „Stillgelegt wie Figuren in einer Farce. Ach, wen geht es an, was wir sind und scheinen.“

Aber: „Wenn man zur Romanfigur gemacht wird, ist das natürlich was Anderes. Im Zeichen der Dichtung darf man schließlich einen Funken von Inspiration erwarten.“

Profunde Faktenkenntnis gepaart mit Inspiration, das Spiel mit Schein und Sein, dies geht bei diesem biografischen Roman eine glückliche Verbindung ein. Doch der größere Verdienst von „Was wir scheinen“ liegt nun nicht darin, dass „die Arendt“ so lebensnah erscheint, sei es, wenn sie Ingeborg Bachmann zeigt, wie man amerikanischen Speck brät, wenn sie mit zwei Fingern pfeift oder ein wenig verschämt-stolz ihre Straußenledertasche ausführt und dadurch von Keller etwas vom Status der politischen Pop-Ikonie, zu der Arendt ebenfalls geworden ist, weggerückt wird. Sondern, dass dieses Buch geradezu dazu animiert, den Kant`schen Leitspruch „Sapere aude!“, dem sich auch Hannah Arendt verpflichtet fühlte, anzueignen. „Was wir scheinen“ ist auch – ohne irgendwie professoral daherzukommen – eine Einführung in das selbständige Denken, eine Aufforderung, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen.

„Wahrheit ist kein Geschenkartikel“, heißt es an einer Stelle des Buches. So bekam auch Hannah Arendt, die sich plötzlich einer feindseligen Öffentlichkeit gegenübersah, für ihren Mut zum selbständigen Denken nichts geschenkt. Wie die Denkerin zu dem wurde, was sie war (und nicht nur schien), dies zeichnet Hildegard Keller in ihrem geschickt aufgebauten Roman wunderbar nach:

„Er (Heidegger) hat mich unterscheiden gelehrt, das Beste überhaupt.  Wissen Sie, uns Studenten war der gelehrte Gegenstand damals ziemlich gleichgültig, nicht aber das Denken. Noch heute ist es rar an den Universitäten, weil man dort ja immer über etwas oder jemanden arbeitet. Wer denkt, sagte Heidegger, steht nicht über den Dingen, sondern geht in sie ein. Der Denkende ist mittendrin.“

(Nur als Einschub: Gerade die Beziehung zu Heidegger, die über dessen nationalsozialistisches Engagement hinweg bestehen blieb, zeigt, dass Hannah Arendt mehr war, als sie schien).

Die Bereitschaft und Fähigkeit zum unabhängigen Denken, wie sie Hannah Arendt von sich und anderen verlangte, ist in einer Zeit, in der Wahrheiten in einem Wust von fake news unterzugehen zu scheinen, notwendig wie eh und je. Und wenn die Aufforderung, selbst zu denken, so gescheit und unterhaltsam wie in diesem Roman vermittelt wird, dann bitte gerne mehr davon!

Informationen zum Buch:

Hildegard E. Keller
Was wir scheinen
Eichborn Verlag, 2021
Hardcover, 576 Seiten, 24,00 €
ISBN: 978-3-8479-0066-5

Eine jüdische Emigrantin bringt die Achtsamkeitslehre nach New York

Bild Straßenschilder Bayreuth: Birgit Böllinger

EIN GASTBEITRAG VON VERONIKA ECKL

Aktuell wird ja viel über das Atmen geredet, weil es zu Pandemie-Zeiten ein Problem ist, dass wir es tun und dabei Aerosole verbreiten, die wiederum… wir wissen es. Allerdings sollten wir da, wo wir niemandem ins Gesicht schnaufen, unbedingt atmen, am besten durch die Nase ein und durch einen Strohhalm aus. Das würde unseren verspannten Körpern und Seelen guttun – davon jedenfalls ist man nach der Lektüre von Christoph Ribbats nonfiktionaler Erzählung Die Atemlehrerin überzeugt. Sie beschreibt das Leben der 1901 geborenen jüdischen Gymnastiklehrerin Carola Spitz aus Berlin, die in ihrem Studio am Central Park bis in die neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts hinein die New Yorker in der Kunst des richtigen Luftholens unterwies.

Ein Buch also, das vor allem für unterbeschäftigte Achtsamkeitsfanatiker interessant ist, denen es Spaß macht, stundenlang auf Yogamatten herumzuliegen? Mitnichten. Ribbats ist Amerikanistik-Professor in Paderborn und hat für sein Buch mit wissenschaftlicher Akribie den Nachlass Spitz‘ ausgewertet, den ihm die amerikanischen Enkel überließen. Es liest sich dennoch spannend wie ein Roman, und zwar auch dann, wenn man mit selbstoptimierender Innerlichkeit nichts am Hut hat. Denn das Schicksal dieser sich emanzipierenden Frau, einer von vielen jüdischen Emigrantinnen, ist ebenso interessant wie die kleine Kulturgeschichte der körperlich-seelischen Ertüchtigung, die Ribbat hier entwirft.

Ermutigend war es jedenfalls nicht, was Carola Spitz als junges Mädchen von ihrer Mutter zu hören bekam: „’Einen Mann wirst du auch nicht kriegen‘, sagt ihr die Mutter. ‚Du bist nicht schön‘, sagt sie, ‚und nicht interessant, nicht besonders begabt…“ Diese Prophezeiung erfüllt sich nicht, denn Carola wird von ihrer frühen Begeisterung für Bewegung doch immer wieder heil durchs Leben getragen. Gegen den Willen der Familie bricht sie ihr geisteswissenschaftliches Studium ab und macht eine Ausbildung bei Anna Herrmann, einer von vielen Gymnastiklehrerinnen jener Zeit, die Körper und Seele in Einklang bringe wollen. Dann arbeitet sie für Elsa Gindler, schon damals eine Ikone der Atemtechnik, interessiert sich für die Psychoanalyse. Kreative, spielerische Körperarbeit ist Trend in der Weimarer Republik und soll der Not des von der Arbeit gestressten, verkrampften, hypernervösen Großstädters entgegenwirken – eine erstaunliche Parallele zur heutigen Zeit. Bald werden sich jedoch die Nazis diese Bewegung zu eigen machen und den vielen jüdischen Gymnastiklehrerinnen das Unterrichten verbieten.

Mit ihrem Mann, dem Zigarettenfabrikanten Otto Spitz, und ihrer Stieftochter flieht Carola gerade noch nach Amsterdam, Paris und, nach langem, qualvollem Warten auf ein Visum, nach New York. Es ist anrührend, wie Ribbat lakonisch die Haushaltsgegenstände auflistet, die bereits mit dem Container aus Europa eingetroffen sind – der Plattenspieler und das Limoges-Porzellan sind da, ebenso die Gymnastik-Utensilien: „ein Medizinball, ein Gummiball, fünf Springseile, sechs Keulen“. Der Autor schafft es, aus dem Archiv-Material heraus und mit Mut zur Leerstelle doch ein lebendiges Panorama der deutsch-jüdischen Emigranten-Szene der fünfziger Jahre zu entwerfen mit allem, was die unfreiwillig Verbannten quälte: Geldsorgen, Heimweh, Erschrecken vor dem Konkurrenzkampf in den USA, der Schmerz um die in Konzentrationslagern ermordeten Verwandten. Auch Carola Spitz‘ Mutter wird es nicht mehr aus Amsterdam herausschaffen und in Auschwitz „erstickt“ werden, wie Carola erst 1951 vom Roten Kreuz erfährt – „erstickt“, wie entsetzlich muss es ausgerechnet für sie gewesen sein, das zu hören! Da arbeitet Mrs Speads, wie sie sich inzwischen nennt, schon Jahre als Gymnastiklehrerin, von der die New Yorker zunehmend begeistert sind, während ihr Mann mehr oder weniger arbeitslos ist. Sie kämpft sich aus der Hausfrauenrolle heraus, in die der Neustart im fremden Land viele Frauen hineinzwingt, ernährt zeitweise die Familie. 1978 erscheint ihr Buch über das Atmen: Breathing: The ABCs. Wer richtig atmet, der kriegt auch das Leben auf die Reihe, das ist, etwas verkürzt gesagt, Carolas Botschaft an die Welt. Und so viele wollen jetzt in dieser hektischen Stadt mit der hohen Luftverschmutzung bei ihr atmen und lernen, achtsam mit dem eigenen Körper und der eigenen Seele umzugehen. Carola wird zu einer New Yorker Größe. Selbst nach einem Schlaganfall unterrichtet die Vierundneunzigjährige noch in ihrem Studio – halbseitig gelähmt.

Den richtig großen Erfolg allerdings hat eine andere: Carolas Berliner Jugendfreundin, die Gymnastiklehrerin Charlotte Selver, mit der Carola in den ersten zehn Jahren ihrer New Yorker Zeit zusammenarbeitet, bevor sich die beiden Frauen überwerfen. Selver zieht weiter nach Kalifornien, wird berühmt für ihr Konzept der sensory awareness, ist heute Teil der amerikanischen Kulturgeschichte. Das ist Carola nicht, und doch legt Ribbat Wert darauf, festzuhalten, dass die Achtsamkeitsbewegung, die seit den achtziger Jahren aus Amerika nach Europa schwappt – heute kommt ja keine Frauenzeitschrift mehr ohne dieses Zauberwort auf dem Titel aus – eigentlich zuerst über die Berliner Emigrantinnen in die Vereinigten Staaten gelangt ist.

Ribbat arbeitet mit harten Schnitten, lässt den Leser teilhaben an seiner Arbeit des Interviewens von Zeitzeugen und auch an seinen Zweifeln: Er belegt selbst einen Kurs in Berlin, der sich „Einführung in die Gindler-Arbeit“ nennt, um seinem Forschungsobjekt nahezukommen – und bricht nach einem Tag entnervt ab, weil er keine Lust mehr hat, seinem Atem ausgestreckt unter Stoffsäckchen nachzuspüren. Seiner Heldin hält er trotzdem die Stange. „Sie hat die Welt nicht verändert. Aber die Welt hat ihr dazu auch keine Gelegenheit gegeben“, schreibt der Autor. Wahrscheinlich ist aber genau dieses nicht ganz große Schicksal der Grund dafür, warum man das Buch mit Anteilnahme liest und die dort abgedruckten Fotos von Carola, ihrer Familie und ihren Schülerinnen am Ende betrachtet wie die von guten Freunden.

Von Veronika Eckl

Informationen zum Buch:

Christoph Ribbat
Die Atemlehrerin. Wie Carola Spitz aus Berlin floh und die Achtsamkeit nach New York mitnahm.
Suhrkamp Verlag, 2020
Gebunden, 191 Seiten, 22 Euro
ISBN: 978-3-518-42927-3

 

Bücherhamstern (6): Einsame Weltreise

Britta Jürgs vom AvivA Verlag empfiehlt heute ein Buch gegen Fernweh in der Corona-Krise:

Das Buch

Karlin_Weltreisepost2#Wirbleibenzuhause, aber das muss eine*n ja nicht vom Reisen abhalten. Unser Tipp: Alma M. Karlins „Einsame Weltreise“. Im Herbst 1919 bricht die damals 30-jährige Karlin aus ihrem Heimatort Celje/Cilli im damaligen Königreich Jugoslawien auf zu ihrer Weltumrundung. Doch statt einer klassischen touristischen Reise gleicht das waghalsige Unternehmen eher einer Art Work-and-Travel. Fast. Denn Karlin muss sich unterwegs nicht nur komplett selbst finanzieren – dazu arbeitet sie als Dolmetscherin, sie spricht immerhin 10 Sprachen, – sondern reist immer in den einfachsten Verkehrsmitteln und lebt abseits der bei abenteuerlustigen Europäern üblichen Reiseziele zwischen den jeweiligen Einheimischen.

Als alleinreisende Frau ist sie mal Kuriosum, mal Ziel von Übergriffen. Wobei – ganz allein ist sie nicht, immerhin hat sie ihre Schreibmaschine „Erika“ im Gepäck. Ein Glück für uns, so halten wir den nüchternen und zugleich wunderbar trocken-humorvollen Bericht der ersten Hälfte ihrer Weltreise jetzt (wieder) in den Händen.

Der Verlag:

Im 1997 von Britta Jürgs gegründeten AvivA Verlag erscheinen Erst- und Wiederveröffentlichungen jüdischer Autorinnen aus den 1920er und 1930er Jahren, wie zum Beispiel von Lili Grün, Ruth Landshoff-Yorck und Victoria Wolff und andere literarische Entdeckungen, außerdem Porträts und Biografien außergewöhnlicher Frauen aus Kunst- und Kulturgeschichte sowie Bücher zu Antisemitismus, Flucht und Exil

Die Buchhandlung:

Ein Besuch im „Zauberberg“ lohnt sich und wir sind gern mit Lesungen dort zu Gast. Auch jetzt kann man dort Bücher (einschließlich Weltreisen) kaufen, die Buchhandlung in Berlin-Friedenau nahe U Friedrich-Wilhelm-Platz ist derzeit von 10-18, Samstags von 10-14 Uhr geöffnet, der Online-Shop rund um die Uhr. http://www.der-zauberberg.eu/

Informationen zum Buch:

Alma M. Karlin
Einsame Weltreise
AvivA Verlag
Hardcover, 400 Seiten
Preis: 22,00 €
ISBN: 9783932338755

https://www.aviva-verlag.de/


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Simone Scharbert: du, alice

„die frage treibt dich schon seit jahren um, immer wieder kauert, lauert sie im dunkel deines denkens, auch an diesen hellen tagen, und je mehr du dich ihr zu entziehen versuchst, desto mehr gerätst du in ihren sog, es geht um deine existenz, um den sinn deines lebens, um moralische werte, die dein denken geformt, gelenkt haben, das nun einrastet bei dieser frage, nicht weiterkommt, denn wer kann schon eine frage dieser tragweite beantworten.“

Simone Scharbert, “du, alice“.

Es sind die ganz großen Fragen, um die Alices` Denken kreist. Ein ungebärdiger Geist, der die Fesseln sprengen will, die ihm auferlegt sind. Eingegrenzt zwischen Krankenlager und Korsett, gefangen in einem immer kränkelnden Körper und den Konventionen jener Zeit. Die innerliche Rebellion, das stumme Aufbegehren, es fordert seinen Tribut, frisst diese Frau von innen auf – zunächst sind es die dunklen Fragen nach einem selbstgewählten Ende, dann ist es der Krebs, der sie besiegt.

Die Lyrikerin und Autorin Simone Scharbert wendet sich in ihrem ersten veröffentlichten langem Prosatext einer besonderen Frau zu: „du, alice“ ist ein poetisches, einfühlsames Portrait einer hochintelligenten Frau, der das Leben nach ihrem Maß verwehrt wurde. „eine anrufung“, so Untertitel und formale Bezeichnung dieses Textes, aber auch eine Annäherung und ein Stück poetischer Aneignung.

Wer war Alice James (1848 – 1892)? „Erst wenn die Sprache auf ihre Brüder kommt, den Romancier Henry James sowie den Philosophen und  Psychologen William James, oder auf Susan Sontag, die ihr ein Theaterstück widmete, weiß man sie einzuordnen“, informiert der Klappentext des schmalen Bandes, erschienen in der „edition AZUR“.

Luise F. Pusch hat dieser – zu ihrer Zeit übersehenen und erst sehr viel später entdeckten Frau, deren spät verfassten und erst postum veröffentlichten Tagebücher ein Zeugnis starken weiblichen Denkens sind –  ein Portrait bei fembio gewidmet:

„Alice James war eine hochbegabte Frau, die allerdings ihre Begabung nie entfalten durfte. Ihr Vater, der ihre Brüder auf die besten Schulen und Universitäten schickte, war der Überzeugung, dass Bildung der natürlichen Würde und Aufgabe der Frau nur schaden könne (…) Mit 13 Jahren erkrankte Alice James an Hysterie und sollte sich zeit ihres kurzen Lebens nicht mehr davon erholen; ab ihrem dreißigsten Lebensjahr war sie Vollinvalidin. Sie litt darunter, daß sie keine »richtige Krankheit« vorzuweisen hatte und frohlockte geradezu, als sie 1891 mit 43 Jahren unheilbar an Krebs erkrankte: »Dem der wartet wird gegeben! … Seit ich krank bin, habe ich mich nach irgendeiner handgreiflichen Krankheit gesehnt, egal was für einen fürchterlichen Namen sie haben mochte.«

In ihrem mitreißenden Text, in dem Simone Scharbert jene Alice anspricht wie eine vertraute Bekannte, geht die Autorin den Lebens- und Leidensweg der Alice James mit – kein Leidensbuch ist es jedoch geworden, sondern das Zeugnis einer „Selbstentwicklung“, einem Kampf um Wissen und intellektuellem Anspruch gegen alle äußeren Widerstände hinweg.

„da helfen auch die bücher nicht weiter, obwohl du immer wieder sätze findest, die dich halten, anker im grundlosen, he didn`t fear death, but he feared dying, the nearness counts so as distance. du weißt genau, was diese sätze bedeuten, manchmal bist du dir so fremd, dass du dir auf diesem umweg näherkommst, und endlich beginnst du richtig zu schreiben, nimmst die feder nur für dich zur hand, verfasst keine briefe, überträgst keine zitate, fertigst keine exzerpte mehr an, nein, schreibst nur noch deine eigenen worte, formst sie zu sätzen, gibst ihnen die form eines tagebuchs, dein first journal.“

Das ist 1888 und Alice James bleiben nur noch knappe vier Jahre. Am Ende ihres Lebens kann sie, vom Krebs, Schmerzen und Morphium gebeutelt, ihre Gedanken nur noch ihrer Seelenverwandten Katharine P. Loring diktieren:

„und dass katharine deine texte verwahren wird, auch daran glaubst du, sie hat es versprochen, sie wird dein schreiben gegen henry und william verteidigen, es auch gegen deren willen an die öffentlichkeit bringen, dein erstes und letztes eigenes buch, dein first journal, am anfang war das wort und es wird auch am ende stehen. du glaubst an deine sprache.“

Katharine P. Loring ist es zu verdanken, dass das „First Journal“ erhalten blieb, Simone Scharbert ist es zu verdanken, dass Alice James den Leserinnen ihrer Anrufung lebendig und greifbar wird. Ihr Text fließt, fließt wie dieses Frauenleben, beleuchtet entscheidende Jahre, Entwicklungen, Ereignisse, ist chronologisch und assoziativ zugleich, vor allem aber in einer wunderbaren Sprache geschrieben. So entsteht das Portrait einer Frau mit allen ihren Widersprüchen und Eigenheiten, deren Wesen, sicher auch geprägt durch die lebenslangen Einschränkungen, nicht unbedingt einnehmend ist, die einen jedoch überwältigt mit ihrer inneren Kraft. „du, alice“ – eine Anrufung auch an die Leserinnen von heute, nicht still zu stehen, Beschränkungen nicht zu dulden, ein Zeugnis weiblicher Selbstbehauptung.


Mehr Informationen zum Buch:

Simone Scharbert
„du, alice“
Edition AZUR 2019
120 Seiten, 20,00 Euro
ISBN 978-3-942375-42-9

Homepage der Autorin:
https://www.simonescharbert.de/


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Die Frau der Metamorphosen: Maria Sibylla Merian

Sabine vom Blog „Binge Reading & More“ hat die interessante Reihe „Women in Science“ ins Leben gerufen: Frauen, die in vielen Bereichen der Wissenschaften und Forschung einen bedeutenden Beitrag geleistet haben, werden dabei in den Mittelpunkt gestellt. Die Bloggerinnen, die sich mit Texten beteiligten, portraitierten dabei so unterschiedliche Wissenschaftlerinnen wie die Informatik-Pionierin Grace Hopper, die Philosophin Hannah Arendt oder die Verhaltensbiologin Elisabeth Oberzaucher. Und für mich ein guter Anlass, mich endlich einmal näher mit Maria Sibylla Merian zu beschäftigen. Übrigens: Wer sich selbst noch an der Reihe beteiligen will – Sabine würde sich freuen!

Mein Text über die berühmte Insektenforscherin und Künstlerin:

Surinam! Schon der Name klingt wie eine exotische Verheißung. Zwar steht das kleinste unabhängige Land Südamerikas nicht auf der Top Ten der Reiseländer, doch ist es für Touristen inzwischen relativ bequem zu besuchen. Aber was bewegte vor mehr als 300 Jahren eine Frau dazu, sich von Amsterdam aus auf eine nicht ungefährliche Seereise in dieses exotische Land aufzumachen? Was bewegte diese Dame anno 1699 dazu, die Strapazen und Gefahren solch eines Unternehmens auf sich zu nehmen? Um es kurz zu machen: Es war der reine Forschungstrieb.

Der Aufenthalt in der niederländischen Kolonie Surinam, den sie wegen gesundheitlicher Beschwerden 1701 vorzeitig beenden musste, war sicher das größte Abenteuer im Leben der Maria Sibylla Merian, die aber auch sonst nicht über mangelnde Beschäftigung und Abwechslung klagen konnte. Mit der erstmaligen Erforschung der Flora und Fauna Surinams war die gebürtige Frankfurterin im Grunde die Wegbereiterin für Alexander von Humboldt und andere, die naturwissenschaftliches Interesse nach Südamerika zog.

Welche Bedeutung die Forscherin heute noch für das kleine Land hat, zeigt sich am Geschenk, das die Niederlande der ehemaligen Kolonie 1975 zur Unabhängigkeit machte: Surinam erhielt eine der raren Originalausgaben der „Metamorphosis insectorum Surinamensium“. Das opulente Werk mit Kupferstichen und Texten, das als Folioausgabe erschien und von Merian zum Teil handkoloriert wurde, gilt als ihr Hauptwerk, die wenigen erhaltenen Originalbände sind inzwischen bibliophile Kostbarkeiten.

Wer aber war diese Frau, die sich wegen einiger Insekten und Raupen, um es salopp auszudrücken, in solche Abenteuer stürzte?

Maria Sibylla Merian wird am 2. April 1647 in Frankfurt geboren. Sie stammt aus der berühmten Verlegerfamilie, jedoch aus der zweiten Ehe von Matthäus Merian dem Älteren. Der Vater stirbt bereits drei Jahre nach ihrer Geburt, die Mutter heiratet erneut, den Maler Jacob Marrel. Die künstlerische Ader ist ihr also bereits schon durch die väterliche Familienseite mitgegeben, der Stiefvater wird dieses Talent fördern und ihr den Weg für ihre spätere berufliche Karriere bereiten.

Der Name Merian nutzt der kleinen Familie zunächst wenig: Maria Sibyllas Halbbrüder übernehmen die Verlagsgeschäfte, die Stiefmutter, wird gemieden und finanziell abgespeist. Maria Sibylla geht schon in frühen Jahren beim Stiefvater Marrel in die Lehre, arbeitet in dessen Atelier – oder besser Kunstwerkstatt – mit. Nichts Ungewöhnliches zu dieser Zeit, wie die Merian-Biographin Barbara Beuys hervorhebt:

„Zu sehr hat das 19. Jahrhundert, als Bürgertöchter keinen Beruf erlernen durften, weil standesgemäßes Frauenleben sich nur mit Kindern, am Herd und im häuslichen Salon abspielte, den Blick dafür verstellt, dass in ferneren Epochen Gleichberechtigung Realität war – bei Handwerkern wie bei Kaufleuten. (…) Die mittelalterliche Stadt hatte die Frau aus der Vormundschaft ihrer Verwandten und ihres Mannes befreit; sie wurde eine Person eigenen Rechts und war geschäftsfähig. Finster dagegen war die moderne Zeit.“

Diese hohe Selbständigkeit und Unabhängigkeit wird sich Maria Sibylla Merian auch im weiteren Lauf ihres ungewöhnlichen Lebens bewahren. Von ihrer Herkunftsfamilie bekommt sie dafür das nötige Rüstzeug mit: Neben ihrem künstlerischen Talent die entsprechende Ausbildung und kaufmännisches Geschick. Später wird sie dies als Verlegerin ihrer Werke – heute wäre sie „Selfpublisherin“ – gut gebrauchen. Neben der künstlerischen Ader ist die junge Merian jedoch auch noch von einer anderen Eigenschaft geprägt: Einer unbändigen Neugier auf alles, was kreucht und fleucht.

Aus den wenigen Quellen geht nicht eindeutig hervor, warum sich die 13-jährige plötzlich mit Seidenraupen beschäftigte – ein doch etwas ungewöhnliches Hobby zu jener Zeit. Barbara Beuys, die 2016 ihre ebenso kenntnisreiche wie unterhaltsame Merian-Biographie veröffentlichte, verweist auf den damals gängigen Handel mit Seide und Seidenraupen. Der Bruder von Merians Stiefvater ist ebenfalls in diesem Metier tätig. Vielleicht wurde so das Interesse des Mädchens an den Insekten geweckt. Im Vorwort zu ihrem Surinam-Buch schreibt sie:

„Ich habe mich von Jugend an mit der Erforschung der Insekten beschäftigt. Zunächst begann ich mit Seidenraupen in meiner Geburtsstadt Frankfurt am Main. Danach stellte ich fest, dass sich aus anderen Raupenarten viel schönere Tag- und Eulenfalter entwickelten als aus Seidenraupen. Das veranlasste mich, alle Raupenarten zu sammeln, die ich finden konnte, um ihre Verwandlung zu beobachten. Ich entzog mich deshalb aller menschlichen Gesellschaft und beschäftigte mich mit diesen Untersuchungen.“

Woher auch immer das Interesse kam, „das junge Mädchen füttert in einer Spanschachtel, die geschlossen, aber mit Luftlöchern versehen ist, über Tage und Wochen eine Seidenraupe. Es beobachtet, wie das Tier mit dem Spinnen des Seidenfadens beginnt und nach acht Tagen von einem festen Seidenkokon umgeben ist.“ Es ist der Beginn einer Karriere, die Maria Sibylla Merian in den Rang einer der wegweisenden Insektenforscherinnen erheben wird, auch wenn sie manchmal einseitig nur als „Künstlerin“ wahrgenommen wird. Tatsache aber ist, dass sie durch ihre jahrzehntelange Beobachtung und Protokollierung der Entwicklung von Raupen, deren Nahrungsgewohnheiten, deren Entwicklungsstadien usw., die Grundlagen für die moderne Insektenforschung mitbestimmte. Barbara Beuys betont:

„Forschung und Kunst, Kunst und Forschung sind bei Maria Sibylla Merian nach ihrer eigenen Auskunft von Anfang an eine ausgewogene Partnerschaft eingegangen. Es gab keinen Bruch. Sie war nicht hin- und hergerissen, sondern führte die beiden Begabungen auf ideale Weise zusammen.“

1665 heiratet Maria Sibylla den Maler Johann Andreas Graff, ebenfalls ein Schüler ihres Vaters. Das Paar bekommt zwei Töchter, die das naturwissenschaftliche Interesse der Mutter später teilen, sie in ihrer Arbeit unterstützen und das Ganze zu einem Familienunternehmen ausbauen. Doch zunächst ist ein Ortswechsel angezeigt: 1670 zieht die Familie nach Nürnberg, wo die junge Frau durch Zeichenunterricht und den Handel mit Malutensilien zum Lebensunterhalt der Familie beiträgt. In Nürnberg entstehen zudem ihre ersten Bücher. Das „Neue Blumenbuch“, ein Musterbuch für stickende Damen, und das zweiteilige „Raupenbuch“. Es muss recht eigenartig ausgesehen haben in diesem Haushalt: Neben den Handwerksutensilien der Maler standen wohl allerorten Schachteln mit Raupen. Und es konnte, wie Barbara Beuys erläutert, durchaus geschehen, dass die Hausfrau beim Bearbeiten von Geflügel mehr Interesse für die Maden aufbrachte, die sie im Inneren der Vögel fand, als für die Zubereitung des Mittagessens.

Daran ist die Ehe wohl nicht gescheitert – die eigentlichen Gründe dafür werden für immer im Dunkeln bleiben. Allerdings ist das Geschehen, wie Briefzeugnisse zeigen, vor allem für Johann Andreas Graff dramatisch: Nach zwanzig Jahren Ehe beschließt die Merian, gemeinsam mit ihrer Mutter und ihren Töchtern in eine urchristliche Kolonie im niederländischen Friesland zu ziehen. Was Barbara Beuys über das Leben der Labadisten schreibt, erinnert an strenges, engherziges Sektierertum – dennoch aber scheint Maria Sibylla Merian hier den nötigen Abstand und die Ruhe für ihre Arbeiten zu finden. 1692 wird die Ehe geschieden.

1691 zieht sie nach Amsterdam, damals das Tor zur Welt. Es gelingt ihr auch dort wieder, ein eigenes Leben, eigene Geschäftstätigkeit und Beziehungen aufzubauen. Mit ihrem anschließenden Umzug nach Amsterdam habe sich Merian wiederum „genau die internationalen Kontakte“ gesucht, die sie für ihre weitere Forschungsarbeit benötigt habe, meint Barbara Beuys:

„Amsterdam war damals die Weltmetropole. Dort kamen Schiffe an aus aller Welt, mit exotischen Gewürzen aber auch Pflanzen und Tieren. Und dort ist sie ein- und ausgegangen bei den Gelehrten, sie war befreundet mit dem Bürgermeister, auch das in damaliger Zeit kein Problem.“ 

Vielleicht trieb sie dabei auch die Neugier auf ein fernes Land namens Surinam an: Denn die frühpietistische niederländische Sekte, der sie angehörte, war eng mit dem Gouverneur von Surinam verbunden. Schon in Friesland muss sie viel über die Kolonie erfahren haben. Dennoch: Von der Neugierde bis zur selbstfinanzierten Forschungsreise ohne männlichen Begleitschutz ist es ein weiter Weg. Das ganze Vorhaben war seinerzeit die reinste Sensation, viele Freunde rieten der Merian von der Reise ab. Ohne Erfolg: 1699 schiffte sie sich ein.

Zwar von der Malaria und anderen Krankheiten geschwächt, nahm die Forscherin dennoch nach ihrer Rückkehr zu den Grachten 1701 ihr geschäftiges Leben wieder auf. Auch nach einem Schlaganfall arbeitete sie trotz der körperlichen Einschränkungen noch bis zu ihrem Tod 1717 diszipliniert weiter. Zumal ihr auch nichts anderes übrig blieb: Trotz ihrer guten Kontakte und vielfältigen Beziehungen, trotz ihres Handels mit Malutensilien und dem Verkauf ihrer Bilder und Präparate sowie anderer geschäftlicher Unternehmungen, verstarb  Maria Sibylla Merian unvermögend. Viel Geld wird in die von ihr mit viel Aufwand und Liebe zum Detail erstellten Bücher geflossen sein.

Und gerade deshalb, weil sie sich diese Neugier an einem bis dahin unbeachteten Element der Natur – Insekten waren für die Forscher jener Zeit kein bemerkenswerter Gegenstand – von ihren Mädchenjahren bis ins hohe Alter bewahrte, weil sie sich von der Lust an der Erkenntnis leiten ließ, gerade deshalb kann man von einem erfüllten Leben sprechen. Barbara Beuys schreibt:

„Was von Maria Sibylla Merian bleibt, ist das Bild einer Persönlichkeit, deren Leben trotz der selbstgewählten Umbrüche und inmitten des dramatischen Übergangs von mittelalterlichen Gewissheiten in eine moderne, ungewisse Zeit, gelassen und beständig verlief. Maria Sibylla Merian behauptet sich neben ihren eindrucksvollen Büchern als eine Frau, die verwirklichte, was sie früh als ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten erkannte. Die mit konzentriertem Ernst und Ehrgeiz bei der Sache war.“

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Michaela Karl: „Ich würde so etwas nie ohne Lippenstift lesen.“

„Maeve Brennan wurde nie explizit mit Aktionen oder Ideen der neuen Frauenbewegung in Verbindung gebracht, und doch war sie eine Feministin durch und durch – lange bevor der Feminismus als Idee wieder en vogue wurde. Ihre Arena waren ihre Kurzgeschichten und die seelisch verkrüppelten Frauenfiguren, die sie zeichnete. Frauen, denen das Recht auf ein eigenständiges Leben verwehrt worden war. Frauen, denen man schon als Kind verboten hatte, zu fühlen, zu reflektieren und zu kommunizieren. Sie beschreibt, was aus Frauen wird, die einer derart rückwärtsgewandten Erziehung ausgesetzt waren, und wieviel Unheil sie im Leben anderer Menschen anrichten.“

Michaela Karl, „Ich würde so etwas nie ohne Lippenstift lesen.“, Hoffmann und Campe, 2019.

Als Anfang der 2000er-Jahre Maeve Brennan (1917 – 1993) „wiederentdeckt“ wurde – auch weil sie in einer anderen Meisterin der Kurzgeschichte, Alice Munro, eine Fürsprecherin fand – erlag auch ich dem melancholischen Charme ihrer Kurzgeschichten (dank der Übersetzungen im Steidl Verlag, der zuletzt, 2013, sämtliche Erzählungen von ihr in zwei Bänden übersetzte).

Viel wusste ich jedoch nicht über die Journalistin, Schriftstellerin und Stilikone des New Yorks der 1950er und 1960er-Jahre, gerade so viel, als dass ihre Erzählungen auch auf einen irischen Hintergrund hinweisen und dass vielleicht, vielleicht auch nicht, auch sie eines der vielen Vorbilder für Truman Capotes „Holly Golighty“ gewesen sein könnte.

In ihrer fast druckfrischen Biographie „Ich würde so etwas nie ohne Lippenstift lesen.“  (erschienen am 1. April) bringt Michaela Karl, die sich bereits der amerikanisch-literarischen Hautevolee mit Büchern über Dorothy Parker sowie Zelda und F. Scott Fitzgerald gewidmet hatte, uns die „langatmige Lady“ näher.

So lautet ihr Pseudonym für eine Kolumne des „New Yorker“, für den Maeve Brennan jahrzehntelang schrieb. Dass die junge Frau, die im Alter von 17 Jahren mit ihrer Familie aus Irland in die USA gekommen war, ihre Karriere als Modejournalistin bei „Harper`s BAZAAR“ starten würde, das war ihr keineswegs in die Wiege gelegt. Hineingeboren wurde sie in einen wahrhaft revolutionären Haushalt:  Ihr Vater setzt sich auf Seiten des „Irish National Volunteer Corps“ politisch, journalistisch und wohl auch militant für ein unabhängiges Irland ein, ihre Mutter gründet das Frauenbataillon „Cumann na mBan“. Michaela Karl führt dankenswerterweise ausführlich in die Hintergründe des irischen Konflikts und die Rolle der Brennans ein.

Als erwachsene Frau mausert sich Maeve Brennan vom irisch-katholischen „Landei“ zum schillernden Schwan: In den Fakten präzise, aber dennoch von leichter Hand, gespickt mit vielen Details aus der Welt der amerikanischen Journalisten und dem Manhattan der 1950-er Jahre, zeigt Michaela Karl auf, wie aus der von der Arbeit besessenen Journalistin eine frühe „Influencerin“ wurde: Was sie trug – stets das „kleine Schwarze“ und eine Perlenkette – war eigentlich gegen den Trend jener Zeit, wurde jedoch zum Stil einer Generation bis hin zu den ikonographischen Fotos von Audrey Hepburn.

Dass nicht nur die öffentliche Person Maeve Brennan, die in Sachen Spitzzüngigkeit und Trinkfreudigkeit als legitime Nachfolgerin von Dorothy Parker galt, zu ihrem Recht kommt, sondern auch die erst spät gewürdigte Schriftstellerin ist ein Verdienst der Biographie: Michaela Karl zitiert umfangreich aus den Kurzgeschichten Brennans, beispielsweise aus ihren beiden Zyklen über zwei unglückliche irische Paare, und führt dies mit der Biographie der Schriftstellerin zusammen.

Michaela Karl kristallisiert den Charakter einer starken Frau heraus, die so leben wollte, wie sie es sich gewählt hatte: Unabhängig, selbstbestimmt, ihre Single-Dasein genießend, die selbstgewählte Einsamkeit auskostend, und doch von einem Kranz treuer Freunde umgeben. Und:

„Ganz egal, was das Leben für Maeve Brennan bereithält, ihre Arbeit bleibt das Allerwichtigste: „Meine Schreibmaschine steht in meinem Zimmer. Ich hänge an ihr wie ein Seemann an seinem Kompass“, schreibt sie aus den Hamptons (…).“

In den 1970-er Jahren lässt ihreSchaffenskraft jedoch nach und versiegt schließlich vollständig: Nach einem Nervenzusammenbruch begibt Maeve Brennan sich aus eigener Entscheidung das erste Mal in psychiatrische Behandlung, weitere Klinikaufenthalte folgen.

„In den kommenden Jahren entschwindet Maeve langsam dem Blickfeld ihrer Freunde und dem Gedächtnis der Stadt. Psychisch labil irrt sie durch Manhattan, taucht wie ein Geist aus längst vergangener Zeit an manchen Tagen vor dem Gebäude des New Yorker auf, um stundenlang auf der Straße vor dem Eingang zu sitzen. Nun, da sie das Gebäude nicht mehr betreten darf, ist sie wirklich heimatlos geworden. Die einstige Stilikone ist mittlerweile völlig heruntergekommen und verwahrlost.“

Ein tragisches Ende, zu dem jedoch Michaela Karl klare, deutliche Worte findet, die einer gängigen Interpretation – dies sei der Preis für ein ausschweifendes Leben – widersprechen:

„So fremdbestimmt sie am Beginn ihres Lebens auch war, als ihre nationalistischen Eltern die Unabhängigkeit Irlands über das Wohl ihrer Eltern stellten, so sehr schwamm sie sich später frei. Dass sie im letzten Drittel ihres Lebens mit einer heimtückischen Krankheit zu kämpfen hatte, die ihr diese hart erkämpfte Selbstbestimmung sukzessive raubte, ist tragisch. Noch tragischer ist allerdings, dass in Berichten über Maeve Brennan diese Entwicklung oftmals als Folge eines unangepassten Lebens gedeutet wird. Zwischen den Zeilen schwingt ein verheerender Tenor mit: Ein Leben gegen die herrschenden Konventionen zu führen wird nicht ohne Konsequenzen bleiben. (…) Eine solche Auslegung ihres Lebensweges bedeutet im Umkehrschluss, dass es für Frauen klüger ist, sich zu fügen – ein eigener Kopf wird am Ende rollen.“

Und so macht die Biographin nochmals explizit deutlich:

„Maeve Brennan hat nicht aus Verzweiflung und Heimatlosigkeit im Wahnsinn Zuflucht gesucht, sondern sie litt an einer psychischen Erkrankung, die in den letzten Jahren ihres Lebens ihre glücklich verteidigte Autonomie zunichte machte.“

Vom Kind irischer Unabhängigkeitskämpfer zur Stilikone im vibrierenden Manhattan bis hin zum Ende in der Obdachlosigkeit: Ein Leben wie ein tragisch-schöner Roman. Michaela Karl hat daraus eine einfühlsame und detailgetreue Biographie gemacht. Wer Maeve Brennan kennenlernen will, dem sei dieses Buch empfohlen.

Bibliographische Angaben:

Michaela Karl
„Ich würde so etwas nie ohne Lippenstift lesen.“
Hoffmann und Campe, 2019
22,00 Euro, 352 Seiten, gebunden, Lesebändchen
ISBN 978-3-455-50414-9

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Die Geburt der Magnolienfrau – Wie ein Memoir entstand

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EIN GASTBEITRAG VON CHRISTIANE SCHLÜTER

Im vergangenen Sommer hörte ich erstmals von Christiane Schlüters Projekt und war sofort neugierig: Denn Christiane war deutlich anzumerken, welch tiefen Eindruck die Begegnungen mit Sabrina De Stefanie und deren unglaubliche Lebensgeschichte bei ihr hinterlassen hatten. Über die Faszination für das Biographische hinaus löcherte ich sie jedoch auch mit weiteren Fragen: Wie aber bringt man dieses Leben in Buchform? Wieviel Arbeit steckt in so einem Projekt, was ist die Rolle der Co-Autorin? Ein wenig von dem Prozess vom Manuskript zum Buch habe ich so mitbekommen. Und mich daher auch mitgefreut, als ich das fertige Buch vor wenigen Tagen in Händen hielt: Weiß ich doch inzwischen, wieviel Arbeit darin steckt. Und ich freue mich sehr, dass Christiane Schlüter bereit war, meinen Bloglesern von diesem Prozess vom Manuskript zum Buch zu erzählen:

Am Anfang war eine Geschichte. Eine unglaubliche Geschichte, teils aufgeschrieben, im Rohzustand noch und ohne Verlag … Es war die Geschichte von Sabrina De Stefani, die als junge Frau in Indien ihre große Liebe gefunden, ihre innere Freiheit errungen hatte und dann in abgrundtiefe Gefahr geraten war.

Dank gut vernetzter Frauen fiel der Text in die Hände eines Verlages und bald darauf, zwecks Co-Autorinnen-Suche, in die Hände von Gerald Drews, meinem Agenten. „Unbedingt!“, sagte ich auf die Frage, ob ich daran mitarbeiten wolle.

Alle freuten sich.

Dann stellte sich der Verlag anders auf, die Geschichte passte nicht mehr hinein. Was nun? Was tun mit diesem Stoff, in dem ja nicht nur eine, sondern sogar viele Geschichten steckten? Die neuerliche Verlagssuche gestaltete sich als Arbeit am Projekt. Worum geht es wirklich? Um das Glück? Um die Liebe? Um die Freiheit? Zum Schlüssel wurde eine Szene aus der frühen Kindheit der Heldin: Wegen eines Rückenleidens im Gipsbett gefangen, hatte Sabrina mehrere Sommer lang unter einer Magnolie im Garten ihrer geliebten Großmutter gelegen und sich aus der Enge fort- und in den Blütenhimmel hinaufgeträumt. Sie war: die Magnolienfrau!

Wie wichtig doch ein Titel ist! Er bündelt die Geschichte. Ist er gefunden, dann ist im Keim das Buch schon da. Lässt er sich nicht blicken, steht das ganze Projekt noch in Frage.

Der Berliner Allegria Verlag, der zu Ullstein gehört, gab der „Magnolienfrau“ schließlich im Herbst 2016 ein neues Zuhause – mit der Programmchefin Karin Stuhldreier, die das Projekt zu ihrer Herzenssache machte, und mit vielen weiteren Unterstützern. Jetzt konnte das Buch wachsen. Es gab ja schon Text. Und es gab, wenige Monate später, rund 50 Sprachdateien: Interviews, in denen Sabrina De Stefani die ganze Geschichte noch einmal erzählt: Wie sie im Gipsbett lernt, innerlich aus ihrem Körper auszusteigen, sich wegzubeamen, hinauf in die blütenbestandene Baumkrone. Wie sie später, als junge Erwachsene, auf die Suche geht nach der einen großen Liebe, die ihr Nähe und Freiheit zugleich schenken wird …

Diese Suche führt die erfolgreiche Selfmade-Frau bis in den Himalaja, wo sie, an der Seite eines hinduistischen Krieger-Priesters, die entscheidenden Einsichten ihres Lebens gewinnt. Doch dann spinnen ihre Widersacher eine Intrige, und wieder wird sie eingesperrt: ins Tihar Jail, das größte Frauengefängnis Asiens. Wird sie sich und das Kind, das sie erwartet, retten können? Und wird sie ihre große Liebe wiedersehen?

In einem monatelangen Dialog zwischen Sabrina De Stefani und mir wuchs der Text. Jedes Kapitel entstand basierend auf dem Vortext oder einem der Interviews. Wurde hin- und hergeschickt, angereichert, gestrafft, zuletzt lektoriert und dann, während die nächsten Kapitel entstanden, wieder und wieder abgeglichen: Stimmt die Richtung noch? Der Erzählton? Die Kernaussage? Ist die Heldin erkennbar, verstehbar in ihrer Suche? Wird klar, was sie gefunden hat? Und stimmen – über den zeitlichen Graben hinweg – die Fakten?

Programmchefin Karin Stuhldreier war unsere erste kritische Leserin. Wo wir uneins waren, überließen wir ihr die Entscheidung. Ihr Lob spornte uns weiter an. Für Sabrina bedeutete diese Arbeit ein tiefes Eintauchen in ihre eigene Vergangenheit – und immer wieder die Begegnung mit ihrem Schreibtalent. Für mich bedeutete sie die Eroberung einer neuen, lebendigen Art zu schreiben.

Als nach vielem Ringen auch das Cover gefunden war, begann die Vorfreude auf das fertige Buch: Jetzt war etwas zu sehen. Dann kamen die Katalogvorschau, die Fahnen und immer noch Änderungen. Schließlich mussten wir loslassen. Der Verlag begann das Buch in Szene zu setzen.

Jetzt ist es erschienen, und Sabrina und ich schauen ihm voller Freude und Hoffnung nach. Wir wünschen ihm, dass es sich die Lesewelt erobert.

Christiane Schlüter

Christiane Schlüter ist Autorin und Journalistin. Sie verfasst Ratgeber, Sachbücher, Geschenkbücher, Memoirs und Reden und gibt Kurse in Autobiografie und Journalismus. Mehr Informationen über ihre Tätigkeiten gibt es hier: www.christiane-schlueter.de.


Verlagsinformationen zum Buch:
https://www.ullstein-buchverlage.de/nc/buch/details/die-magnolienfrau-9783793423249.html

Ina Hartwig: Wer war Ingeborg Bachmann?

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Bild: Birgit Böllinger

„Am Rande der Veranstaltung (Anmerkung: Gemeint ist eine Wahlkampfveranstaltung 1965 in Bayreuth) sind etliche Fotografien entstanden, darunter eine besonders schöne Frontalaufnahme, in der ein ganzes Soziotop sich auf dem Sofa drängelt. Und wen sieht man direkt zur Rechten Willy Brandts sitzen? Niemand anderes als eine über das ganze Gesicht strahlende, fein frisierte, mit Perlenkette umhängte Ingeborg Bachmann.
Alle Krisen wirken wie weggewischt. Sie sitzt, wieder einmal Königin, genau in der Mitte des Bildes – eine demokratische Königin.“

Ina Hartwig, „Wer war Ingeborg Bachmann? Eine Biographie in Bruchstücken“, S. Fischer Verlag, 2017.

Gleich von vorneweg: Nein, wer Ingeborg Bachmann war, beantwortet auch dieses Buch nicht. Als ob überhaupt eine schriftliche Biographie einen Menschen gänzlich erklären könnte, das sei einmal  dahin gestellt. Doch die österreichische Schriftstellerin beschäftigt über ihr Werk hinaus wie kaum eine andere deutschsprachige Autorin die literaturwissenschaftliche Nachwelt – da wird einerseits ihre hermetische Lyrik nach Lebensspuren untersucht, werden ihre Prosatexte in Zusammenhang mit ihren schmerzhaften Lieben – Paul Celan und Max Frisch – in Zusammenhang gebracht, da wird ihr Nachlass, insofern ihn die Erben der Öffentlichkeit freigegeben haben, penibel durchforscht. Das Feld der Veröffentlichungen über Bachmann ist weit – es reicht von Erhellendem, das einem als Leser beispielsweise die Gedichte weiter erschließen kann (so das hier erst kürzlich besprochene Buch „Wir sagen uns Dunkles“) bis hin zu Büchern, die eher einen bruchstückhaften Eindruck und das Gefühl, am Ende überwiegt denn doch die Spekulation, hinterlassen. Zu letzterem gehört leider auch das Buch der Literaturkritikerin Ina Hartwig.

 „In Ina Hartwigs Bachmann-Biografie fehlt dieses plausibel aus dem Werk und aus zuverlässigen Quellen erarbeitete Neue. Denn Ingeborg Bachmanns «Fluchtweg nach Süden», die Jahre in Neapel, Ischia und später in Rom sind durch den Briefwechsel mit Hans Werner Henze (2004) bereits gut erschlossen. Auch zu Bachmanns unstetem Leben, ihrem Unglück mit Männern, ihren Abstürzen in wüste Mengen von Alkohol und Psychopharmaka – dazu hat Ina Hartwig keine neuen Fakten zu bieten, weil auch ihr der freie Zugang zum Nachlass nicht gänzlich gewährt wurde“, urteilt Franz Haas in seinem Artikel „Das große Buch Bachmann“ am 7. Januar 2018 in der NZZ.

Mir bietet dieses Buch nicht nur wenig Erhellendes zu den Schattenseiten im Leben der „Diva“, sondern konzentriert sich viel zu sehr darauf – auch wenn Hartwig, die sich selbst im Buch als „biographische Detektiven“ bezeichnet, ab und an versucht, die „bodenständige“, pragmatische und lebenszugewandte Seite der Ingeborg Bachmann hervorzuheben. Doch sie bedient zugleich den voyeuristischen Blick auf eine zutiefst unglückliche, zerrissene Frau. Dass Ina Hartwig immer wieder darauf zurückgreift, wie sehr das Leben der Dichterin „mystifiziert“ wurde, wie viele ihrer Zeitgenossen über den Drogenkonsum Bachmanns hinwegsahen, erscheint mir dabei fast wie eine Selbstvergewisserung der Biographin, hier müsse man einen Vorhang heben – dabei waren die Abhängigkeiten Bachmanns längst bekannt, in der Deutung des Werks und des Lebens bringt das wenig weiter.

Richard Kämmerling beurteilt das Buch in der „Welt“ positiver, weil „spannend“ für die Leser, als Franz Haas. Und stellt am Ende doch die Fragen:

„Der Eindruck einer pasolinihaften Seite Ingeborg Bachmanns lässt sich nicht ganz vertreiben“, schreibt Ina Hartwig einmal. Wirklich? Wessen Fantasien sind dies denn eigentlich? Wo sind wir nun da gelandet, in welchem Fassbinder-Film? Haben wir nicht mit Mohnblüten begonnen? Am Ende kann Ina Hartwig die Frage, wer „die Bachmann“ denn nur wirklich war, nicht beantworten. Aber sie fügt dem in vielen Farben schillernden Mosaik einen schmutzig glänzenden Stein hinzu.“

Quelle: https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article172281980/Ingeborg-Bachmann-und-ihre-vielen-Lieben.html

Mag man an der Hinzufügung des schmutzig glänzenden Steins wenig Neues oder Wertvolles für die Bachmann-Lektüre empfinden, so bringt ein weiterer Stein auf dem Weg, den Hartwig hinzufügt, dagegen doch weiter: Das ist ihre Beschäftigung mit der Freundschaft (die Ina Hartwig gerne zur Beziehung ausdeuten würde) zwischen Ingeborg Bachmann und Henry Kissinger, anhand dessen, so Hartwig, „die Zeitgenossenschaft Ingeborg Bachmanns in ihrer vollen, abenteuerlichen Dimension hervortritt.“

Tatsächlich ist dies ein Gewinn bei der Lektüre dieser bruchstückhaften, zum Teil auch sprunghaft wirkenden Biographie: Der Blick auf die philosophisch und politisch denkende Dichterin, die sich mit Heidegger, Wittgenstein und Simone Weil beschäftigte, die sich wach und dezidiert zu Fragen der Nachkriegs- und Europapolitik, der Wiederaufrüstung und anderen brennenden politischen Themen äußerte.

„Um 1960 war noch völlig offen, was aus Europa werden könnte und werden sollte. Ein geeinigtes Europa, das war nicht nur die Antwort auf die Verheerungen des Nationalsozialismus und des Faschismus, sondern zugleich ein attraktives Zukunftsmodell für die zwischen Ost und West aufgeteilte Welt, deren Grenze mitten durch Deutschland lief. Alle politischen Bewegungen erzeugten erhebliches Misstrauen, und Bachmanns Freund Kissinger gehörte, von der anderen Seite des Atlantiks auf Europa schauend, zu den ganz besonders Misstrauischen. Dass Bachmann sich an seiner nordamerikanischen Perspektive abarbeitet und gleichzeitig versucht, eine europäische für sich zu entwickeln, dürfte der politische Nukleus dieser Überlegungen sein.“

Ina Hartwig resümiert am Ende ihres Buches:

„Ingeborg Bachmann war eine geerdete Persönlichkeit, kompliziert und schwierig zwar, gefährdet ohnehin, aber auch witzig, klug, praktisch, dem Alltag zugewandt und schon früh erstaunlich politisch denkend. Ihre sagenhafte Karriere war befeuert worden von den Aufmerksamkeitsströmen und Geldzuwendungen der transatlantischen Kulturpolitik des Kalten Kriegs, von der sie extrem profitierte als Dichterin, als Intellektuelle und nicht zuletzt als Freundin bedeutender Personen der Zeitgeschichte. Sie war ein Medienprofi und eine hellwache Beobachterin ihrer eigenen Epoche, was ihr bis zur Ermüdung besungenes Diventum am Ende doch sehr relativ aussehen lässt.“

Schade eigentlich, dass die Literaturkritikerin durch ihr beinahe zwanghaftes Entblättern der „dunklen Seite“ Bachmanns eher eine neue Note im Lied von der unglücklichen Diva anschlägt und trotz mancher Ansätze die politische, intellektuelle Dichterin wieder einmal dahinter zurücktritt.

Verlagsinformationen zum Buch:
https://www.fischerverlage.de/buch/wer_war_ingeborg_bachmann/9783100023032

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Klaus Caesar Zehrer: Das Genie

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Bild von Jessica Y auf Pixabay

„Trotz seiner vierzehn Jahre war Billy immer noch weit von seinem ersten akademischen Titel entfernt. Das war angesichts der Erwartungen, die seine Leistungen als Kind geweckt hatten, enttäuschend, und gemessen an seinen Möglichkeiten geradezu skandalös. Hätte er auch nur die Hälfte der Leidenschaft seines Vaters und ein Zehntel der Energie seiner Mutter besessen, ihm wäre längst ein Doktorhut sicher gewesen.“

Klaus Cäsar Zehrer, „Das Genie“, Diogenes Verlag, 2017

 Es ist schon ein Ärgernis für manche Eltern, wenn die Kinder einfach nicht so „funktionieren“, wie man möchte. Und so plagt sich Boris Sidis gehörig mit seinem Sprössling William James herum: Gemessen an der Genialität des Vaters, dem Ehrgeiz der Mutter und den ausgetüftelten Erziehungsmethoden, die beide bereits dem Baby Billy angedeihen lassen, müsste der erwachsene William James rein theoretisch ein überaus erfolgreiches und anerkanntes Leben führen, als intelligentester Mensch Amerikas, wenn nicht gar der ganzen Welt. In der Praxis kommt es jedoch anders, als es Boris sich gedacht hat: William James entzieht sich früh dem Rummel um seine Person, flieht in unbedeutende Jobs und die damit verbundene Anonymität und wird zu Lebzeiten kaum etwas Bahnbrechendes für die Wissenschaft geleistet haben.

Denn Leben ist, was passiert, während die „Tiger-Eltern“ (erinnert sich noch jemand an das Buch von Amy Chua?) Pläne machen. Als William James sich, reichlich spät freilich, endlich verliebt, gesteht er der Angebeteten:

„Im Grunde sei er immer ein Freiheitsaktivist gewesen, erklärte er, während sie um den See spazierten, an dem der Bethseda-Brunnen lag. Früher sei es ihm in erster Linie um die Befreiung der Gesellschaft gegangen; inzwischen sei ihm aber klar geworden, dass die Gesellschaft nur befreien kann, wer selber frei ist. Deshalb sei er nun ein Freiheitsaktivist in eigener Sache, ähnlich wie die modernen Frauen, die sich gerade daran machten, das Korsett ihrer Geschlechterrolle abzulegen und sich eine selbstgestaltete Biographie zu erkämpfen.“ 

Das Tragische ist: Das Wunderkind, das programmierte Genie, kann sich weder von seiner angeborenen Intelligenz noch von seiner fürchterlichen frühkindlichen Konditionierung jemals ganz befreien. Frei fühlt er sich erst im Sterben, beim Hinübergleiten in die n-te Dimension:

„Als n gegen unendlich konvergierte, begann alles ineinander zu verschwimmen, das All und das Licht und die Liebe, und wurde ein Ganzes, eine weiche, warme Hülle, klar und transparent und doch in allen Farben leuchtend, und er wurde ein Teil des Ganzen und schwebte in Helligkeit, und sein Leib war ohne Gewicht und sein Geist ohne Qual und Leiden.

Er war frei.“

Manches Leben hat mehr von einem Roman als mancher Roman Leben hat: Das von William James Sidis (1898 – 1944) bietet jedenfalls großen Stoff für jede Form der literarischen Verarbeitung – tragisch, komisch, spannend, abwechslungsreich. Wer mehr über die Biographie dieses besonderen Sonderlings erfahren möchte, findet einen guten Überblick in diesem Kalenderblatt im Deutschlandfunk aus dem Jahre 2009:

http://www.deutschlandfunkkultur.de/der-intelligenteste-mensch-aller-zeiten.932.de.html?dram:article_id=130588

Dieses Kalenderblatt zeugt zugleich davon, wie lange sich schon der Kulturwissenschaftler, Autor und Übersetzer Klaus Cäsar Zehrer mit der Biographie dieses Ausnahmegehirns beschäftigt. Die jahrelange Recherchearbeit mündete in das Romandebüt Zehrers: „Das Genie“, ein fast 650 Seiten umfassender biographischer Roman, der nun mit auf der Shortlist zum Bayerischen Buchpreis steht.

Zehrer kam „dem Genie“, wie er dem Rundfunk in einem Interview verriet, durch eine Bestenliste auf die Spur:

„ …in dem Fall war es eine Liste der angeblich zehn intelligentesten Menschen aller Zeiten und da waren einige Namen drauf, die ich gut kannte, da war Albert Einstein drauf, da war Isaac Newton drauf, da war Leonardo da Vinci drauf, alles wohl bekannte Namen, und auf Platz eins dieser Liste war ein mir vollkommen unbekannter William James Sidis. Und ich wusste nicht, was das sein soll, aber ich ahnte schon, dass das eine interessante Geschichte sein muss.

Wenn es jemanden gibt, der diese alle offenbar in irgendeiner Art und Weise übertrumpft hat, aber man weiß nichts von ihm, muss ja irgendetwas dahinterstehen. Und ich wurde dann neugierig und habe weitergesucht und stieß dann erst mal auf die Formulierung: „das exzentrische Genie William James Sidis“. Und da war ich natürlich sofort neugierig, ein exzentrisches Genie, das muss immer etwas Spannendes sein und so war es dann auch.“

Das Gespräch in voller Länge: http://www.deutschlandfunkkultur.de/autor-klaus-caesar-zehrer-ueber-william-james-sidis-ein.1270.de.html?dram:article_id=396115

Die Begeisterung des Autoren für seinen Stoff, die intensive, sorgfältige Recherche, das ist dem Buch durchaus positiv anzumerken – doch trägt das auch über 650 Seiten, vermag es das Interesse der Leser derart zu fesseln? Und ist das Genie genial genug, um beim Bayerischen Buchpreis neben dem Medusen-Floß und im Justizpalast bestehen zu können?

Ich meine: Leider nein. Denn in dieser Überfülle an Wissen und Information, die Zehrer offenbar über Sidis angesammelt hat, liegt für mich das Problem: Er lässt seinen Stoff ausufern, überfrachtet den Roman durch Detailtreue und Genauigkeit. Man weiß am Ende mehr über Straßenbahnfahrtkarten, die William James sammelt (nur eine seiner verschrobenen Angewohnheiten), als man wissen möchte. Man verliert beim nächsten verhaltenskreativen Auftritt des Mr. Sidis zunehmend an Empathie, die man für die Hauptfigur zu Beginn entwickelt hat. Der nächste zwischenmenschliche Fettnapf, das nächste kommunikative Debakel, das das Genie erlebt, ist zwar biographisch wohlbelegt, doch für den Erzählfluss nicht unbedingt hilfreich. Kurzum: Das Tragisch-Komische, das Exzentrische, das zu Beginn des Romans den Erzählmodus trägt, verblasst mehr und mehr mit der allzu detaillierten Beschreibung aller Irrwege des traurigen Mr. James.

So spannend das Leben des William James Sidis auch war – dem Roman selbst fehlt ein Spannungsbogen. Da tröstet auch der flüssige Schreibstil von Klaus Cäsar Zehrer, der auch durch die „Titanic“ und die Zusammenarbeit mit Robert Gernhardt geschult zu sein scheint, leider nicht über eine gewisse Langatmigkeit ab der Mitte des Buches hinweg. Zumal der Stil im Vergleich zu den beiden weiteren Shortlist-Kandidaten auch, trotz dezent satirischer Anklänge zu Beginn des Buches, eher konventionell ist.

Meine Bewertung für den Bayerischen Buchpreis:

Ein halbes Plus für die Sprache:
Vor allem zu Beginn des Romans trifft Zehrer mit seinem humorvollen, klugen Ton mitten in das Herz dieser tragisch-komischen Geschichte. Leider trägt dies nicht das ganze Buch.
Ein Plus für die Figurenzeichnung:
Erstklassig, trotz Redundanzen – aber man meint beinahe, man sei an der Seite des Wunderjungen aus Brookline aufgewachsen.
Ein halbes Plus für die Struktur:
Chronologisch, allerdings umfasst allein schon die Vorgeschichte von der Ankunft des ukrainischen Vaters im „gelobten Land“ bis zur Heirat der Eltern und der Geburt des Wunderkindes rund 150 Seiten. Man ahnt bereits da: Das kurze Leben des William James Sidis wird breit erzählt – manchmal zu breit, zu detailreich.
Ein Plus für den Inhalt:
Ist schon das exzentrische Genie fabelhafter Romanstoff, so bietet Zehrer noch einige Extras mehr – Einblicke in die Entwicklung der Psychologie in den USA, der universitären Forschung, in Politik, Zeitgeschichte und die Anfänge Digitalisierung und als Extra-Bonus für den, der es mag, in die Entwicklung des Straßenbahnnetzes amerikanischer Städte.
Extra-Plus: 1a Filmvorlage.


Verlagsinformationen zum Buch:
http://www.diogenes.ch/leser/titel/klaus-caesar-zehrer/das-genie-9783257069983.html

Besprechung bei meinem Bayr. Buchpreisblogger Kollegen Marius:
http://buch-haltung.com/klaus-caesar-zehrer-das-genie/

Zum Bayerischen Buchpreis:
http://www.bayerischer-buchpreis.de


 

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Tom Malmquist: In jedem Augenblick unseres Lebens

„Ich habe gelernt, den Weg durch die Verbindungsgänge allein zu finden: Da ist das Schild, das mit einem schwarzen Müllsack verhängt ist, dann der ausgebrannte Verteilerkasten, der ölverschmierte Socken, der sich seit Jahren auf einem Notausgangshinweis zu befinden zu scheint, die Spannplatte in der T-Kreuzung, die hastig hingekritzelten Zahlen auf der Schutzplanke, die dicke schwarze Bremsspur der Elektrokarren, die Kabelleiter, bei der sich eine Halterung gelöst hat.“

Tom Malmquist, „In jedem Augenblick unseres Lebens“, Schweden, 2015, in deutscher Übersetzung 2017 erschienen bei Klett-Cotta.

Täglich mehrmals hetzt Tom Malmquist durch diesen unterirdischen Krankenhausgang zwischen der Neugeborenenabteilung und der Intensivstation. Seine Freundin Karin, im achten Monat schwanger, erkrankte an akuter myeloischer Leukämie. Ihr Zustand verschlechtert sich rapide, so sehr, dass die Ärzte entscheiden, das Kind sofort zu holen. Karin jedoch kann selbst durch den Einsatz aller medizinischen und technischen Mittel nicht gerettet werden: Sie stirbt nach wenigen Wochen im Krankenhaus.

Der schwedische Musiker, Lyriker und Schriftsteller Tom Malmquist verarbeitet in seinem ersten Roman ein Jahr seines Lebens, das man nur tragisch nennen kann: Er verliert seine Lebensgefährtin, wenig später stirbt sein Vater. Zugleich muss er sich der Aufgabe stellen, für seine Tochter Livia selbst zum Vater zu werden und trotz aller Trauer, die ihn überrollt, für das kleine Mädchen da zu sein, für es zu sorgen.

Biographischer Roman voller Tiefe

Nun ist das Verwerten eigener – meist traumatischer und lebensgefährdender – Erfahrungen von Schriftstellern in der Literatur nichts Neues. Doch erlebt dieser literarische Grenzgang zwischen Fiktion und Autobiographie derzeit wohl eine Art besonderer Blüte. Beflügelt sicher von Karl Ove Knausgårds weltweiten Erfolg. Der Norweger wird gefeiert wie ein Popstar, er ist der Coverboy dieser Disziplin. Sein Freund Tomas Espedal agiert ebenfalls an der Schnittstelle zwischen Roman und Autobiographie. David Wagner errang mit „Leben“ den Preis der Leipziger Buchmesse, an Thomas Melle ging der Deutsche Buchpreis für „Die Welt im Rücken“ leider vorüber.

Es ließe sich lange und trefflich darüber streiten (und manche tun dies auch mit Genuss), in welche literarischen Schubladen solche Werke zu stecken sind, ja, wo denn überhaupt noch die Trennlinie zwischen „therapeutischem Schreiben“ und „literarischem Anspruch“ erkennbar ist. Vermutlich wird sich auch Tom Malmquist in Interviews und dergleichen dieser Frage häufig stellen müssen.

Aber ist diese Einordnung überhaupt relevant? Letzten Endes, so meine ich, hängt es vor allem davon ab, wie man solch ein Buch als Leser selbst rezipiert, inwieweit es einem gelingt (und inwieweit man das auch überhaupt von sich erwartet), Werk und Autor beim Lesen zu trennen.

Eine berührende Geschichte

Das ist mir, ich gestehe es frei, bei „In jedem Augenblick unseres Lebens“ nicht durchgängig gelungen – zu nah ging mir die Geschichte, zu sehr berührt hat mich das Geschehen. Ich stellte mir bei der Lektüre öfter als einmal die Frage, wie wohl ich mit solchen Lebensereignissen umgehen würde und könnte, wäre ich an der Stelle Malmquists. Vor allem aber beschäftigt mich jedoch nach wie vor der Gedanke, wie es der Tochter – die heute fünf Jahre alt ist – ergehen mag, wenn sie später einmal so detailliert über das Leben und Sterben ihrer Mutter sowie ihre ersten Lebenswochen lesen wird.

„Die Krankenschwester befeuchtet Karins Lippen mit einem Schaumstofftupfer. Sie mustert Karins Gesicht. So, Karin, jetzt werde ich Sie nicht länger behelligen, sagt sie, entdeckt mich und ruft: Hallo, kommen Sie rein, ich muss Ihnen gleich sagen, dass Karin aus dem Unterleib blutet, vom Kaiserschnitt, jemand von der Gyn ist hier gewesen und hat sich das angesehen, nur damit Sie es wissen.“

Bei allen positiven Aspekten, die ich zu dieser „Romanbiographie“ noch anmerken könnte – ich wurde den Eindruck nicht los, dass ich die mitlesende, wohlmeinend-betroffene Voyeuristin in mir während der Lektüre kaum abschütteln konnte.

Unstrittig jedoch ist, dass Tom Malmquist über ein gutes Gefühl für Sprache und großes Talent verfügt: Der Roman steigt mitten in das dramatische Geschehen im Krankenhaus ein, beginnt mit diesem ersten Satz: „Der Oberarzt tritt den Kipphebel an Karins Patientenbett fest.“ Klug komponiert Malmquist das gegenwärtige Geschehen mit Rückblenden, die einen Blick auf die lange Beziehung der beiden, ihre Anfangsschwierigkeiten, aber auch auf das Umfeld, das Geflecht aus Freundschaften, Familienbande, Lebensträume und Enttäuschungen erlauben. Ohne alles auserzählen zu müssen, kann Malmquist dennoch verdeutlichen, was er und Karin sich bedeutet haben – und was es bedeutet hätte, ein Kind gemeinsam großzuziehen, eine eigene Familie zu gründen.

„Auf dem Küchentisch lagen die Sachen. Karin hatte sie so angeordnet, dass sie der perfekten Silhouette eines Säuglings entsprachen. Sie beobachtete mich, als ich die Stücke in die Hände nahm, und erzählte, sie hätte sie kürzlich mit ihrer Mutter gekauft. Gefallen Sie dir?, wollte sie wissen. Was hatte denn ich damals gemacht? Was hatte ich gemacht, als Karin die Kleidung für unser Kind aussuchte?“

Gerade der zwar detailreiche, sich aber auf Fakten konzentrierende Erzählstil, der beinahe nüchtern und emotionslos erscheint, schafft die nötige Distanz, um das Gelesene verarbeiten zu können – wenn Malmquist beispielsweise die körperlichen Veränderungen seiner Lebensgefährtin beschreibt, den Leib, der plötzlich aufgedunsen ist, die Flecken auf der Haut, die sich mit den Pflastern ablöst und ähnliches, was unspektakulär eingeflochten, aber dennoch kaum aushaltbar ist, dann braucht man diese Distanz.

Aber braucht man als Leser(in) das Erzählte? Selten hat mich in den vergangenen Monaten ein gelesenes Buch dermaßen beschäftigt, auch aufgewühlt und betroffen gemacht. Und doch bleibt immer die Frage: Wäre das auch so, hätte ich reine Fiktion gelesen?


Ein sehr interessantes Interview mit dem Schriftsteller findet sich hier:
https://fastforward-magazine.de/tom-malmquist-im-interview/

Ausführlich wurde der Roman auch bei Petra von LiteraturReich besprochen:
https://literaturreich.wordpress.com/2017/06/08/tom-malmquist-in-jedem-augenblick-unseres-lebens/

Und hier die Informationen des Verlages zum Buch:
https://www.klett-cotta.de/buch/Gegenwartsliteratur/In_jedem_Augenblick_unseres_Lebens/80002

Bild zum Download: Engel Friedhof Augsburg


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