Else Feldmann: Flüchtiges Glück

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„Hedwig schließt die Augen. Sie fühlt die Nähe des Geliebten wie einen Rausch. »Flüchtiges Glück!«, denkt sie. Wenn man jetzt einschlafen könnte und nicht mehr erwachen. Hier ist es warm und licht, hier war Vergessenheit. Vergessen war die Mariahilferstraße – Fräulein, kann ich diese Socken auch in Grau haben? Was kosten sie? Achtstundentag – ja – die Arbeiter werden es einmal besser haben. Es kommt eine glücklichere Zeit. Menschendämmerung!, hatte jemand in einer Versammlung ausgerufen.“

Else Feldmann, „Flüchtiges Glück“, Reportagen aus der Zwischenkriegszeit, herausgegeben von Adolf Opel und Marino Valdez, edition atelier, Wien 2018.

Hedwig, die Schwerkranke aus der 1919 von Else Feldmann veröffentlichten Erzählung „Im Warenhaus“ wird diese glücklichere Zeit nicht mehr erleben. Ihr, der Todgeweihten, ist nur ein flüchtiges Glück gegönnt – so wie das Glück für die meisten Protagonisten in den Geschichten und den Reportagen dieser österreich-jüdischen Schriftstellerin eine Schimäre ist. Selbst der Wohlstand der Reichen trägt wenig zu deren Glück bei, führt zu Verbitterung, Neid, Hass und Einsamkeit. Das Glück, das der Kapitalismus dem Einzelnen durch Streben nach Gewinn und Macht verspricht, ist auf dem Unglück vieler gebaut: So könnte man die Texte, die die Sozialreporterin zwischen 1918 und 1938 in österreichischen Tageszeitungen und Publikationen, vor allem sozialdemokratischer und linker Provenienz, veröffentlichte, zusammenfassen.

„Flüchtiges Glück“ ist das letzte Buch des im Juli 2018 verstorbenen Schriftstellers und Herausgebers Adolf Opel. Für den unabhängigen Wiener Verlag „edition atelier“ machte Opel unermüdlich auf Schriftstellerinnen aufmerksam, die in der Nachkriegszeit vergessen worden waren, darunter beispielsweise auch Lina Loos. Folgerichtig ist dieser Band, in dem erstmals die Reportagen und Texte Else Feldmanns für Zeitschriften in Buchform zu finden sind, ihm gewidmet.

Es sind Texte, die in ihrer fast kunstlosen, kargen Schlichtheit einen unverstellten Blick auf das Elend der Zwischenkriegszeit werfen. Feldmann berichtet aus Polizeistationen, von Streiks, führt Interviews mit Gefängnisdirektoren, bewegt sich in den Armen- und Arbeitervierteln:

„Es gibt viele tausend Häuser mit Kellerwohnungen in allen Bezirken Wiens. Wenn man diese Häuser besucht, fällt vor allem eines auf: Die Ausnutzung des Raumes ist bis ins Fanatische gesteigert. Es gibt Häuser, in denen mehr als hundert Kinder leben. Ich habe vor zwei Tagen in der Brigittenau ein Haus gesehen, es ist das Doppelhaus Rauscherstraße 8/10, in dem nie Stiegen gekehrt werden, ein Hof, in dem vier Fensterfronten von vier Stockwerken gehen, es ist ein einziger Kehrichthaufen; alle Parteien des Hauses entladen in diesen Hof – wahrscheinlich durch die Fenster – den Mist. Eine Straßenreinigung gibt es in diesen Gegenden überhaupt nicht, es wurde mir gesagt, der »Mistbauer« komme oft wochenlang nicht. Wie der Gesundheitszustand dieser Menschen aussieht, bei denen die zehn Plagen der alten Ägypter zu Hause sind, läßt sich denken.“

Else Feldmann kannte diese Zustände, die sie in ihren Reportagen beschrieb, aus eigenem Erleben. 1884, als zweites von insgesamt sieben Kinder geboren, ist sie, so Opel, zweifellos ebenfalls in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen. Die biographischen Spuren zum Leben der Autorin sind jedoch so dünn wie das literarische Vermächtnis schmal ist, so der Herausgeber in seinem Vorwort:

„Drei Buchveröffentlichungen und ein ausgeführtes Theaterstück zu Lebzeiten, ein Fortsetzungsroman (…), einige ebenfalls in Zeitungen in mehreren Folgen publizierte längere Erzählungen und viele Kurzgeschichten und Tageszeitungen und Zeitschriften: Das bis heute aufgefundene schriftstellerische Lebenswerk von Else Feldmann besticht nicht so sehr durch seinen Umfang als durch die unbeirrte Konsequenz, mit der die Autorin die Thematik verfolgt, die sie zu der ihren gemacht hat – den Erniedrigten, Unterdrückten, Ausgegrenzten und im Leben Zu-kurz-Gekommenen eine Stimme zu leihen.“

Und diese Stimme klingt, wie beim „Blick aus dem Hotelzimmer“ mal versonnen und melancholisch, sie klingt beim Erzählen „Von Dienenden“ mal aufgewühlt und wütend, sie klingt manches Mal sanft, traurig, manchmal appellierend und in die Zukunft schauend. Aber niemals klingt sie: gleichgültig. Ob in ihren Sozialreportagen, ob in ihren Portraits des Sozialreformers Popper-Lynkeus, des Dichters Peter Altenbergs oder von Käthe Kollwitz, aber auch in den belletristischen Texten: Else Feldmann will auf eine bessere Welt, bessere Zustände schreibend hinarbeiten. Das mag literarisch nicht immer allzu bestechend sein – aber allein diese persönliche Aufrichtigkeit, diese Genauigkeit des Blicks und der Beobachtung, der schreibende Einsatz für andere Zustände, dies alles macht diesen Band so äußerst lesenswert. Man beginnt unter dem Eindruck dieser Lektüre auch auf die eigene Welt einen schärferen Blick zu werfen.

Else Feldmann erlebte von dieser Zukunft, an der sie schreibend mitarbeiten wollte, nichts: Ab 1934 hatte sie kaum mehr Publikationsmöglichkeiten. 1938 wurde ihr Werk von den Nationalsozialisten verboten. 1942 wurde sie im Vernichtungslager Sobibor ermordet.

Weitere Informationen:

Zur Buchveröffentlichung beim Verlag:
https://www.editionatelier.at/titel/fluechtiges-glueck/

Biographie von Else Feldmann bei der Theodor Kramer Gesellschaft:
http://theodorkramer.at/archiv/exenberger/mitglieder/else-feldmann

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Friedrich Torberg: Die Tante Jolesch

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„Vom Kaffeehaus war schon so oft und ausgiebig die Rede, daß es sich fast erübrigt, ihm ein eigenes Kapitel zu widmen. Im Grunde ist ja dieses ganze Buch ein Buch vom Kaffeehaus. Kaum eine der auftretenden Personen wäre ohne das Kaffeehaus denkbar. Kaum eine der von ihnen handelnden Geschichten, auch wenn sie anderswo spielen, wäre ohne das Kaffeehaus entstanden. Kaum einer der hier verzeichnenden Aussprüche wäre getan worden, wenn es das Kaffeehaus nicht gegeben hätte. Für die auftretenden Personen war es der Nährboden, aus dem sie ihre geheimen Lebenssäfte sogen.“ 

Friedrich Torberg, „Die Tante Jolesch“, 1975. 

Wer sich ein wenig mit der spezifischen Form der Kaffeehausliteratur beschäftigt, der kommt an der Tante Jolesch nicht vorbei. Als Friedrich Torberg 1975 diese Anekdotensammlung veröffentlichte, bezeichnete der Schriftsteller und Journalist es als „ein Buch der Wehmut“ und sich selbst als einen der letzten, der aus eigener Kenntnis von einer verschwundenen Welt berichten konnte.

Der Tante Jolesch gab er einen eindeutigen Untertitel: „Der Untergang des Abendlandes in Anekdoten“. In der Tante Jolesch schrieb Torberg über die Menschen, die er gekannt und erlebt hatte – wie die Tante alle weiteren auch bestimmte Typen aus dem schwarzgelben Kulturkreis: Die tatkräftigen, oft bissigen Damen seines familiären Umfelds, die Kaffeehausliteraten, die Halbweltkünstler, die Schriftsteller und Journalisten und – nicht zu vergessen – die Kellner und Gastwirte, die eine ganz eigene Lebens- und Geistesart personifizierten.

Dies seien Käuze und Originale, so meinte Torberg (1908 – 1979), wie sie speziell diese Mischung aus k.u.k. Monarchie und jüdischem Bürgertum hervorbracht habe: Ausgestattet mit einem Witz, der mehr vom gesprochenen Wort denn vom geschriebenen Wort lebte, ein Witz, dem die Nationalsozialisten den Garaus machten. Nach dem „Anschluss“ ans Reich starb auch die österreichische Kaffeehausliteratur, ihre berühmtesten Vertreter wurden vertrieben, verjagt, ermordet.

Die Geschichten entführen den Leser an die Stammtische in Wien, Prag und Budapest, nehmen in mit zur Sommerfrische („Was die Natur betrifft, genügt mir der Schnittlauch auf der Suppe“), in die Redaktion des berühmten Prager Tagblatts, später aber führen sie auch in das Exil, wo sich die Versprengten unter anderem in der „Festung Europa“, einem Treffpunkt im Emigrantenviertel Hollywoods, sehen.

Kurz nach Erscheinen des Buches schrieb Dieter Hildebrandt darüber in der „Zeit“ unter dem Titel „Erinnerungsbrunnen auf Flaschen gefüllt“: 

„Torberg ist, wie Karl Kraus, „einer von den Epigonen, die in dem alten Haus der Sprache wohnen“, und was er mit der „Tante Jolesch“ und uns unternimmt, ist eine Wanderung durch dieses alte Haus der Sprache, eine ebenso einladende wie distanzierende Begehung, bei der Türen aufgemacht werden in Trauer und Respekt. Dies alte Haus ist aber bei Torberg kein linguistisches Abstraktum, keine ungewöhnliche Metapher; es liegt irgendwo in Kakanien, in einem Altösterreich, das immer weit über dessen Horizont ging, in einer Landschaft, in der, bei aller Sprachvielfalt, ein geniales gemeinsames Idiom sich ausgebildet hatte: die dialektische Weisheit der Juden, alttestamentarische Pointiertheit. Daß diese Sprache nicht nur das Privileg der Großen, der Vorzug der Schreiber – eines Kraus, eines Joseph Roth, eines Molnar –, sondern daß sie überall zu Haus war, auch bei Tante Jolesch und den ihren, an Kartentischen und in Wirtshäusern, in Redaktionszimmern und auf der Straße, will Torberg uns lehren. Daß dieses alte Haus nun leer steht, zeigt er uns mit einer Strenge, die eigentlich den Spaß nicht recht verstehen will, den der Anekdotenerzähler doch auch wieder gern herbeiführt.“ 

Und so ist also  „Die Tante Jolesch“ ein Buch der Wehmut, aber auch ein Buch, das mich jedes Mal, wenn ich darin schmökere, zum Schmunzeln oder gar zum Lachen bringt. Für literarisch Interessierte ist es zudem eine herrliche Fundgrube – unter anderem setzt Friedrich Torberg all den namhaften Schriftstellern seiner Zeit ein anekdotenhaftes Denkmal: Egon Friedell, Karl Kraus, Peter Altenberg, Anton Kuh, Joseph Roth, Alfred Polgar, Egon Erwin Kisch, Karl Tschuppig und viele andere geben sich hier die Kaffeehausklinke förmlich in die Hand – so sehr, dass Hildebrandt schrieb:

„Nur manchmal hat der Leser das Gefühl, daß er, wie das Abendland, in Anekdoten untergeht.“

Doch der Geschichtenerzähler Torberg hatte und hätte noch mehr auf Lager gehabt – auf die Tante folgte ein weiterer Jolesch-Band sowie „Tante Jolesch und ihre Enkel“, das von ihm aber nicht mehr vollendet werden konnte.

Als ich mit einem Kompagnon diesen Blog gründete, da hatten wir seinerzeit eine Art literarisches Kaffeehaus im Sinn – doch, ich glaube, das ist wie mit der Natur: Der Schnittlauch auf der Suppe schmeckt nur im echten Kaffeehaus richtig gut.

Und die Zeit der großen Kaffeehausliteraten: Sie ist vorbei. Grausam beendet. Friedrich Torberg zieht in seinem Vorwort diesen Schluss:

„Dies ist – ich sag`s zum Abschluß noch einmal – ein Buch der Wehmut. Vielleicht hätte ich ein Buch der Trauer schreiben sollen, aber die möchte ich doch lieber mit mir allein abmachen. Wehmut kann lächeln, Trauer kann es nicht. Und Lächeln ist das Erbteil meines Stammes.“

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Lina Loos: Das Buch ohne Titel

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Bild: Birgit Böllinger

„Ich bin Österreicherin durch und durch; im Zentrum der Stadt Wien geboren und in der Stephanskirche getauft. Das Leben hat mich später etwas an die Peripherie der Stadt abgedrängt, aber sonst geht es mir ganz gut. Ich hatte die Ehre, viele berühmte Wiener während meines schon etwas länger dauernden Lebens kennenzulernen, ja, es gab sogar eine Zeit, in der ich selbst etwas von solcher Berühmtheit besaß. Mein Bruder war Präsident des Bühnenvereines, meine Schwägerin Burgschauspielerin, und meine Eltern waren Besitzer eines der größten und bestgehenden Kaffeehäuser.

Ich war „mitberühmt“, einer der angenehmsten Zustände, die es gibt, aber damals war ich noch dumm – kurz, es stach mich der Hafer, und ich schrieb ein Theaterstück. Es wurde trotz meinen guten Beziehungen für Wien angenommen und wider jede bessere Erfahrung sogar gespielt.

Mein Sturz war jäh!

Die Bevölkerung brachte mir von nun an ein gewisses bürgerliches Misstrauen entgegen:
„Möcht` wissen, wozu dö dös nötig hat.“ Aber das Leben heilt alle Wunden, und nichts wird so rasch vergessen als ein Theaterstück, das nicht einmal aufsehenerregend durchgefallen ist.“ 

Lina Loos, „Das Buch ohne Titel“, Edition Atelier, Wien, 2013. 

Im Oktober 1882 erblickte sie das Licht der Welt, zunächst ausgestattet mit dem ganz und gar unglamourösen Namen „Karoline Obertimpfler“. Und doch avancierte sie in der Blütezeit der Wiener Kaffeehausliteratur zur „silbernen Dame“ – eine Bezeichnung, die der abgründig in sie verliebte Peter Altenberg ihr auf den Leib schrieb.

Beim Fräulein Obertimpfler, die sich später „Lina Loos“ nannte, kamen vorzügliche Eigenschaften zusammen: Ein wacher Geist, eine hohe Intelligenz, eine durchaus auch spitze Zunge, Humor und Herzenswärme und dies alles vereint in einer Frau von außerordentlicher Schönheit.

Die Schauspielschülerin lernt, kaum in die Welt der Wiener Boheme eingeführt, am Peter-Altenberg-Stammtisch im „Löwenbräu“ den Architekten Adolf Loos kennen: Er sieht sie und macht ihr praktisch stante pede einen Heiratsantrag. Die 1902 geschlossene Ehe scheitert jedoch unter tragischen Umständen: Lina lässt sich auf ein Liebesverhältnis mit einem jüngeren Mann ein. Loos, weitaus weniger liberal, als er sich gibt, besteht auf einer Beendigung der Affäre – der junge Mann nimmt sich das Leben, der Skandal ist perfekt, 1905 wird die Ehe geschieden.

An Verehrern leidet Lina Loos auch in der Folge keinen Mangel: Peter Altenberg und Egon Friedell konkurrieren um sie, Männer wie Frauen sind fasziniert von ihrer Ausstrahlung. Zu ihrem weitgefächerten Bekanntenkreis zählt das „Who is who“ der österreichischen Literatur- und Kunstszene jener Epoche. In einem ebenfalls bei Edition Atelier ganz aktuell erschienenen Band mit Briefen („Du silberne Dame Du“, Edition Atelier, 2016) finden sich Briefe von und an Lina Loos mit ihrem geschiedenen Mann, mit Peter Altenberg, Egon Friedell, ihrem engen geistigen Freund Franz Theodor Csokor, mit Alfred Polgar, Joseph Roth, Karl Kraus, Vicki Baum, Else Lasker-Schüler und vielen anderen.

Wer war diese Frau? Eine attraktive „femme fatale“, schmückendes Beiwerk für schreibende Männer? Oder doch eine eigenständige Persönlichkeit, die sich sowohl als Schauspielerin, Kabarettsängerin und als Schriftstellerin verwirklichte?

Die beiden, von Adolf Opel herausgegebenen Bücher, geben Antwort: Lina Loos, so wird anhand der beiden Bücher deutlich, war eine mutige und außergewöhnliche Person, die sich, geprägt durch die Erfahrung zweier Weltkriege und die nationalsozialistische Diktatur, auch zunehmend dezidiert politisch engagierte und außerordentlich viel Zivilcourage besaß.

Ihre ganze Biographie kann bei fembio nachgelesen werden.

Das einzige Buch von ihr, das zu ihren Lebzeiten veröffentlicht wurde, ist „Das Buch ohne Titel“: Ab 1927 hatte sie im Feuilleton des „Neuen Wiener Wochenblattes“ kleine Geschichten, Skizzen, oft fast schon Aphoristisches aus ihrem Leben und ihrer Lebenswelt veröffentlicht – sie schreibt über ihre Familie, ihre berühmten Bekanntschaften, über das Theaterleben, ebenso aber auch über die „einfachen Leute“ in ihren Sieveringer Geschichten. Das sind meist liebevolle und unbeschwerte Petitessen, die bei ihrer Erstveröffentlichung 1947 den Zeitgeist wohl gut treffen – man sehnt sich nach den Jahren des „Anschlusses“ zurück nach der „Welt von gestern“.

Weit eindrucksvoller kommt ihre gescheite Persönlichkeit in den Briefwechseln insbesondere mit Friedell und Csokor zum Ausdruck, auch wenn ihre eigenen Briefe nicht vollständig erhalten sind, man vieles aus den Antworten der schreibenden Herren „erlesen“ muss. Doch man erahnt, welch wachen Geist diese Frau hatte, die alles in Frage stellt, allem nachgeht, wissen und lernen will.

So schreibt sie am 5. August 1933 an Egon Friedell – privat und dringend!:

 „Lieber Egon, 

Glaubst Du, daß, wenn es gelänge, einen Gottesbeweis zu erbringen, die Menschen das Leben verantwortungsvoller leben würden?
ich denke an die Ungläubigen, die durch einen Verstandesbeweis überzeugt werden müßten.
Ist so ein Beweis denkbar? Was denkbar ist, wäre doch durchführbar! Hat Kant nur einen „gefühlsmäßigen“ Beweis erbracht?

Eben fällt mir ein: Leben die Gläubigen gar so verantwortungsvoll?

Das Dringend! entfällt somit!

Antworte mir, als hätte Dir ein Fremder geschrieben – dann hältst Du es für geboten, ausführlich und ernst zu antworten! 

Lina 

Nach 1945 schreibt die schwerkranke Lina Loos, die den Verlust zahlreicher Freunde durch den Krieg, Suizid und Exil zu beklagen hat, weiter Beiträge für Zeitschriften, sie engagiert sich im Österreichischen Friedensrat und beim Bund demokratischer Frauen. Sie stirbt, körperlich sehr entkräftet, 1950.

Die beiden beim Verlag „Edition Atelier“ herausgegebenen Bände über Lina Loos sind als Zeitzeugnisse beachtenswert, vor allem aber als Mosaiksteine zum Portrait einer leidenschaftlichen und klugen Frau. Die Bücher bezaubern auch durch ihre liebevolle Ausstattung. So sind zahlreiche Fotografien beigefügt, ein Lebenslauf mit den wichtigsten Daten und die Briefpartner von Lina Loos werden mit kurzen Portraits vorgestellt.

Das Verlagsprogramm von Edition Atelier findet sich auf dem Blog „Textlicht“ sowie auf der Verlagshomepage: http://www.editionatelier.at/

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Alfred Polgar: Marlene. Bild einer berühmten Zeitgenossin

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Bild: (c) Michael Flötotto

„Es war die zweite von links, die, im kritischen Augenblick, den Revolver hob und die Kanaille niederschoss. Sie schoss von einer Treppe herab, die im Hintergrund sich wendelte, sie blieb dort stehen, als die Tat getan war, und sah auf das Opfer mit einem Blick, in dem Uninteressiertheit, kindliche Neugier, Müdigkeit und Gefühl schicksalhaften Unvermögens zu verstehen (wie es aus dem Tier-Auge trauert) sich mengten.“

Das war Mitte der zwanziger Jahre in Wien, und „die Dietrich“, damals noch ein kleines Sternchen, schoss nicht nur die Kanaille ab, sondern auch einen Amor-Pfeil mitten in das Herz eines Kritikers: Alfred Polgar. Ein Liebespaar wurden sie zwar nie, aber Polgar behielt sie im Augen und den Pfeil im Herzen – davon zeugt ein Text, der fast 80 Jahre brauchte, um an die Öffentlichkeit zu gelangen:

„Marlene. Bild einer berühmten Zeitgenossin“, Alfred Polgar, entstanden 1937/1938, herausgegeben 2015 von Ulrich Weinzierl beim Zsolnay Verlag.

Insgeheim dachte ich mir das immer schon: Die Wiener Kaffeehausliteraten um Karl Kraus – Egon Friedell, Peter Altenberg, Anton Kuh, um nur einige zu nennen – saßen nicht nur im Café Central und schrieben vor sich hin, feilten an ihrem Sprachwitz und debattierten über Politik. Denn selbstverständlich ging es wohl häufig auch um ein zentrales „Stammtisch“-Thema: Frauen. So muss es gewesen sein, als Alfred Polgar erstmals die junge Schauspielerin in Wien auf der Bühne saß. Sie wurde sofort Gesprächsstoff, ein Dietrich-Club wurde gegründet, und die Herren verzückten sich in juveniler Schwärmerei.

Ein literarisches Zeugnis davon wurde von dem Feuilletonisten Ulrich Weinzierl – gemeinsam bereits mit Marcel Reich-Ranicki Herausgeber der Werke von Alfred Polgar – wiederentdeckt: Die Auftragsarbeit „Marlene. Bild einer berühmten Zeitgenossin“. Das Portrait der Dietrich, das der ganz offensichtlich entflammte Polgar zwischen 1937 und 1938 verfasst hatte, wurde von Weinzierl Jahrzehnte später erst entdeckt und erschien nun, 2015, erstmals beim Zsolnay Verlag.

Was soll man über Polgars Text heute sagen? Ähnlich wie Peter Altenberg war er ein Meister der Prosaskizze, ähnlich wie Karl Kraus ein Sprachkünstler, ähnlich wie Joseph Roth ein begnadeter Feuilletonist, der über Kultur und Politik weitsichtig, scharfzüngig und offenherzig schrieb. Wer Alfred Polgar in seiner Tiefe und Bandbreite kennenlernen will, der greife besser zu den „Kleinen Schriften“, als rororo-Taschenbücher erschienen. Denn der Marlene-Text hat zwei Haken: Er ist eine „Auftragsarbeit“ und es fehlt die Distanz zum „Objekt“. Er war halt von Kopf bis Fuß auf Marlene eingestellt:

„Vor allem die Beine, die berühmt hohen, hoch berühmten Beine Marlenes, die seit dem „Blauen Engel“ rechtens Weltpopularität genießen. Es sind Beine, die dem modernen ästhetischen Anspruch an solche vollkommen gerecht werden. Elegante Beine, schlank und fest, überzeugend parallel, sehr zart in der Linie, die über die Kuppe des Knies in kaum merklicher, sanfter Rundung hinüberzieht…(…)“

Immer schön, wenn Beine parallel stehen – da weiß man nicht, ist dies schon Ironie oder immer noch Überschwänglichkeit. Der andere, reflektiertere Polgar kommt bei solchen Zeilen durch:

„Marlene liebt ein zurückgezogenes, stilles Leben im engsten Kreise. Natürlich ist Luxus nichts, woran sie litte; aber Überfluss zu entbehren bedeutet ihr keine Entbehrung. Nun gilt ja gewiss, dass die bescheidene Lebensform für den, der zu ihr nicht genötigt ist, einen anderen Akzent hat als für den, der sich in sie fügen muss; den kleinen Verhältnissen fehlt das Bittere, wenn die großen nur beurlaubt sind und jederzeit einrückend gemacht werden können.“

Solche Sätze entschädigen für jeden stilistischen Beinbruch.

Alfred Polgar, in Wien und Berlin der 1920er Jahre einer der bekanntesten Essayisten seiner Zeit, musste als Linksliberaler und Jude ab 1933 um sein Leben fürchten. Zunächst hatte er sich vor den Nazis aus Berlin zurück in die Wiener Heimat gerettet, auch dort war jedoch für ihn und seine Frau nach dem „Anschluss“ kein Bleiben mehr. Die Schweiz, Südfrankreich, Spanien, waren die ersten Stationen der Flucht, bis das Ehepaar 1940 in die USA emigrieren konnte.

Martin Meyer schreibt in der Neuen Zürcher Zeitung:

„In diesen Jahren entstand – auch im Sinne einer Kompensation verlorener Schreibgründe – das Projekt eines Essays über Marlene Dietrich für den Wiener Verlag von Wilhelm Frick. Marlene und ihr Mann hatten zugestimmt, ein Vertrag wurde unterschrieben, die Arbeit konnte beginnen. Aber wie? Polgar kramte in seinen Erinnerungen, entwarf ein Schema mit Kapiteln und Motiven und wurde von Marlene zu ersten Gesprächen empfangen, als diese im Sommer 1937 mit ihrem Hofstaat am Wolfgangsee ein paar Ferienwochen genoss. Hier der Kritiker in den Nöten seiner Existenz; dort die Diva in der Überfülle der Zuwendungen. Doch man verstand sich gut, einiges Material lief zusammen, auch wenn Polgar bald darauf bekannte, dass er keine «echte Stimmung» mehr empfinde und in eine «ironische Einstellung zum Thema» hineinzurutschen drohe.“

Von dem Abgleiten in das Ironische ist im Text wenig zu spüren. Zum einen fühlte sich Polgar wohl auch der Dietrich verpflichtet, die ihm – wie anderen Emigranten auch – öfter unter die Arme griff. Zum anderen ist er zu „dicht“ dran, das „verliebt in sie war ich schon auch“ ist zu spüren, manches Mal gleitet das Buch, bei aller Eleganz der Sprache, fast schon in jungenhafte Schwärmerei ab. Die Dietrich, deren Gesicht ähnlich wie das der Garbo, in seiner Flächigkeit und Ebenmäßigkeit wie für den Film geschaffen schien, gleicht in meinen Augen beinahe einer Maske. Das Geheimnis hinter der Maske: Polgar lüftet es nicht. Zu dicht dran ist er als Betrachter. Aber das ist vielleicht auch gut so: Man will die Geheimnisse der (Film-) Göttinnen nicht wissen, man will sie nicht von ihrem Sockel des Überirdischen stürzen sehen.

Die Schattenseiten der Diva lüfteten später andere – die Tochter in einer als Buch veröffentlichten Abrechnung, diejenigen, die sich später mit „Enthüllungen“ einen kurzen Platz im Rampenlicht erhofften.

Polgars Text dagegen ist ein Dokument der freundlichen Zuneigung und in der Zeit verhaftet: Die Dietrich erlebte ab Mitte der 1930er-Jahre, was es heißt, als „Kassengift“ abgestempelt zu werden. Vielleicht sollte auch der Text, der dann aufgrund der Kriegswirren nicht erschien, ihren Glanz mitaufpolieren, der Imagepflege dienen. Sie brauchte ihn letztendlich nicht – 1939 gelang ihr mit „Der große Bluff“ das Comeback als Kassenschlager. Polgar dagegen hatte in Europa kein zuhause mehr: Wie viele Emigranten gelangte er in die USA und verdingte sich einige Zeit in den Schreibstuben der Traumfabrik.

So ist dieses Portrait, das Bild einer berühmten Zeitgenossin, eher etwas für ausgesprochene Marlene-Fans, oder für Leser, die sich einfach am Sprachstil Polgars erfreuen möchten. Noch einmal dazu Martin Meyer:

„Im Untertitel zu «Marlene» heisst es: «Bild einer berühmten Zeitgenossin». Ein solches Bild, ganz aus dem Geist der Epoche gezogen, interessierte heute nur noch beschränkt. Was der Essay wirklich leistet, liegt nun ganz im Jenseits der Historien – nämlich in der Art und Weise, wie Polgar die Porträtierte zu einem «Text» erhebt. Es ist seine Prosa, immerfort neugierig nervös nach Wort, Satz und Rhythmus suchend, die die Hauptrolle übernimmt und deren Charme wir erliegen, derweil uns längst egal sein darf, welches Wesen Marlene denn tatsächlich war – oder gewesen sein könnte.“

Knapp die Hälfte des 160 Seiten umfassenden Buches nehmen das Nachwort von Weinzierl und die editorischen Anmerkungen ein. Weinzierls Ausführungen sind eine Anschaffung des Buches wert: Kenntnisreich vollzieht er die Lebenswege der beiden Protagonisten – Polgar und Dietrich – nach, schöpft aus dem Vollen seiner literaturwissenschaftlichen Kenntnisse, spannt knapp und gut lesbar einen Bogen von Wien über Berlin nach Hollywood. Weinzierls Text ist eine Freude sowohl für Polgar-Kenner als auch für Filmfans.

Über seine Zeit in Hollywood schrieb Polgar 1942 in dem Artikel „Leben am Pazifik“ (Quelle: „Musterung, Kleine Schriften, Band 1“, rororo, Ausgabe 2004):

„Die Emigrantengespräche am Pazifik, zumal in Hollywood, wenden sich, nachdem das über globalen Krieg und globales Elend sachlich zu Sagende gesagt und die angehäuften persönlichen Bitterkeiten ausgeschüttet sind, gern dem Film zu. Sie verweilen dort längere Zeit und werden mit sonderbarer Erbitterung geführt. Die Urteile über pictures gehen weit auseinander und sind von unbedingter Entschiedenheit und abschließender Radikalität. Zwischen „begeistert“ und „angewidert“ gibt es da kaum eine mittlere Meinung. Was „begeistert“ anlangt, ist nun allerdings zu erwähnen, daß in picture-Sachen „begeistert“ ein Hollywooder Mindestausdruck der Bejahung ist. Hat z. B. jemand das getan, was am Pazifik weit verbreiteter Brauch ist, nämlich eine Filmstory verfaßt, so sind von ihr zuversichtlich alle – Familie, Freunde, Agenten und sämtliche Instanzen der Studios – begeistert; und nicht begeistert ist am Ende nur der Verfasser, mit dessen jedermann begeisternder Geschichte niemand etwas anzufangen wußte.“

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Peter Altenberg: Im Volksgarten

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Bild: (c) Michael Flötotto

»Ich möchte einen blauen Ballon haben! Einen blauen Ballon möchte ich haben!«

»Da hast du einen blauen Ballon, Rosamunde!«

Man erklärte ihr nun, daß darinnen ein Gas sich befände, leichter als die atmosphärische Luft, infolgedessen etc. etc.

»Ich möchte ihn auslassen – – –«, sagte sie einfach.

»Willst du ihn nicht lieber diesem armen Mäderl dort schenken?!?«

»Nein, ich will ihn auslassen – – –!«

Sie läßt den Ballon aus, sieht ihm nach, bis er verschwindet in den blauen Himmel.

»Tut es dir nun nicht leid, daß du ihn nicht dem armen Mäderl geschenkt hast?!?«

»Ja, ich hätte ihn lieber dem armen Mäderl geschenkt!«

»Da hast du einen andern blauen Ballon, schenke ihr diesen!

»Nein, ich möchte den auch auslassen in den blauen Himmel!« –

Sie tut es.

Man schenkt ihr einen dritten blauen Ballon.

Sie geht von selbst hin zu dem armen Mäderl, schenkt ihr diesen, sagt: »Du lasse ihn aus!«

»Nein«, sagt das arme Mäderl, blickt den Ballon begeistert an.

Im Zimmer flog er an den Plafond, blieb drei Tage lang picken, wurde dunkler, schrumpfte ein, fiel tot herab als ein schwarzes Säckchen.

Da dachte das arme Mäderl: »Ich hätte ihn im Garten auslassen sollen, in den blauen Himmel, ich hätte ihm nachgeschaut, nachgeschaut – – –!«

Währenddessen erhielt das reiche Mäderl noch zehn Ballons, und einmal kaufte ihr der Onkel Karl sogar alle dreißig Ballons auf einmal. Zwanzig ließ sie in den Himmel fliegen und zehn verschenkte sie an arme Kinder. Von da an hatten Ballons für sie überhaupt kein Interesse mehr.

»Die dummen Ballons – – –«, sagte sie.

Und Tante Ida fand infolgedessen, daß sie für ihr Alter ziemlich vorgeschritten sei!

Das arme Mäderl träumte: »Ich hätte ihn auslassen sollen, in den blauen Himmel, ich hätte ihm nachgeschaut und nachgeschaut – – –!«

Peter Altenberg

„Im Volksgarten“ erschien erstmals 1896 in der Sammlung „Wie ich es sehe“.
Karl Kraus hatte die Prosaskizzen Peter Altenbergs (1859 – 1919), den er aus dem Kaffeehaus kannte, kurzerhand an den S. Fischer Verlag geschickt. Nach „Wie ich es sehe“ folgten noch weitere Buchpublikationen, dennoch lebte der Bohemien stets am Rande des Existenzminimums. Hier findet sich ein ausführliches Portrait.

„Im Volksgarten“ ist einer der Sprechtitel auf André Hellers wunderbarer Schallplatte „Bei lebendigem Leib“. Beim Zuhören sieht man die Ballons förmlich in den Himmel verschwinden…eigentlich müssten all die wienerisch-federleicht-melancholischen Skizzen, die Altenberg mit Worten malte, gesprochen gehört werden. Weil man dann auch versteht: Auslassen, loslassen, ist immer schwieriger für den, der von vornherein wenig hat…

 

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