Attica Locke: Heaven, My Home

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Bild von Peter H auf Pixabay

„Darren dachte an den blonden Jungen auf dem Foto, versuchte sich die Moral eines Kindes vorzustellen, das die Erwachsenen um sich herum lediglich imitierte. Das war es doch, oder? Er verabscheute die Vorstellung, in einem Land zu leben, das Rassisten heranzüchtete, voller Bosheit und Hass und, noch bevor sie erwachsen waren, hart wie die Erde ihrer Heimat.“

Attica Locke, „Heaven, My Home“.

Wer dieser Tage die Bildern von waffenstarrenden Menschen in Tarnanzügen sah, die das Parlament in Michigan stürmten, der sah eindrucksvoll und auf eine beängstigende Art und Weise, wie gespalten das Land unter der Präsidentschaft Trumps bereits ist, wie gewaltbereit seine Anhänger ihren durchaus fragwürdigen Begriff von individueller Freiheit verteidigen wollen. Vieles, was in den USA in den letzten Jahren geschah, ist scheinbar für uns in good old Europe nicht nachvollziehbar – aber wer weiß, welche Zeiten uns nun erwarten?

Wie das Land sich wendete, welche uralten Ressentiments und Vorurteile in der Zeit zwischen der Präsidentschaftswahl und der „Inauguration“ hochkochten, was da an Rassismus nur darauf lauerte, wieder aus der Deckung kriechen zu dürfen: Auch das ist Thema von „Heaven, my home“, dem zweiten Kriminalfall der Schriftstellerin Attica Locke um ihren afroamerikanischen Ermittler Darren Mathews.

Der Titel ist nicht bar der Ironie: Denn sowohl Darrens eigene, urinnerste Heimat ist bedroht als auch die der Nachfahren entflohener Sklaven und indianischer Ureinwohner in Hopetown, eine Enklave im Osten von Texas. Weder dort, in den ärmlichen Häusern Hopetowns, noch in den White-Trash-Trailern der Anhänger der Arischen Bruderschaft, die sich illegal auf dem Gelände breitgemacht haben, herrscht der Himmel auf Erden. Beide Gruppen stehen sich unversöhnlich gegenüber, verteidigen ihr Anrecht auf das Land, eine Situation, die sich zuspitzt, als ein Kind der Arischen Bruderschaft über Nacht verschwindet.

Die Unmöglichkeit der Versöhnung ist ein Kernthema dieses Romans, in dem auch die Hauptfigur Darren Mathews vor die Herausforderung gestellt wird, seine Koordinaten neu auszurichten: Es ist nicht alles schwarz oder weiß, „Black And White, Unite! Unite!“ eine Illusion in der Trump-Ärä.

„Vergebung als kollektives Bedürfnis verlangt, den Zorn über die Abwertung und Verletzung zu unterdrücken: Morde, Gewalt und Ungerechtigkeiten hinzunehmen, Loyalität gegenüber den Unterdrückern zu bekunden. Deshalb kann sie helfen, sich der Kriminalität und Grausamkeit systemischer Unterdrückung und Gewalt zu stellen, mit der Vergangenheit abzuschließen. Aber sie kann auch zu einem rituellen Vergessen führen; sie beseitigt die Unterdrückung nicht, fordert keine Reue oder Wiedergutmachung, bringt keine radikalen sozialen Veränderungen“, schreibt Sonja Hartl im Nachwort zu dem Roman.

Dass das Recht nicht Gerechtigkeit schafft, dass es Grauzonen gibt, dass Versöhnung die Bereitschaft beider Seiten anbelangt: Dies alles lernt Mathews sowohl in privaten als auch in beruflichen Belangen schmerzhaft.

„Das war der Teil, der wehtat, der Schmerz, der bis ins Mark ging. Nachdem er jahrelang von dem Glauben an eine universelle Neigung zur Gerechtigkeit eingelullt worden war, sah er, wie wenig Freunde und Nachbar an sein Leben dachten, an sein Anrecht auf dieses Land.
Nach Obama war es Verrat an der Versöhnung.“

Die Gemengelage ist schwierig: Mathews selbst ist privat in einem Mord an einem Mitglieder der arischen Bruderschaft verstrickt, will einen alten Freund der Familie, in dem er den Täter vermutet, beschützen. Seine Mutter, bestes Beispiel für das, was in dysfunktionalen Familien geschieht, nutzt ihr Wissen, um Geld und Zuneigung zu erpressen. Sein Vorgesetzter macht Druck, um den Nazis noch vor der Einsetzung von Trump-Beamten einen Schlag zu versetzen. Das FBI wiederum, verkörpert durch Darrens engen Freund Greg, der vermutlich eine Beziehung zu Darrens Frau hat, will im Fall der Kindesentführung unbedingt ein Mitglied der schwarzen Gemeinde dingfest machen – im vorauseilenden Gehorsam und als Nachweis an die Trump-Beamten, dass man bei den Ermittlungen auf keinem Auge blind ist.

Das alles ist klug konstruiert und spannend aufgebaut bis zum überraschenden Ende. Ein erstklassig geschriebener Pageturner, der tief blicken lässt in den rassistischen Morast, in dem sich die Menschen in Trumps Amerika bewegen. Das Ende zumindest ist für den aus dem Gleichgewicht gebrachten Texas Ranger in einer Hinsicht versöhnlich. Wenn auch auf einer fragilen Ebene. Der Himmel, er muss warten.

Informationen zum Buch:

Attica Locke
Heaven, My Home
Aus dem Amerikanischen von Susanne Mende
Polar Verlag, 2020
Gebunden mit Schutzumschlag, 322 Seiten, EUR (D) 22,00 / EUR (A) 22,50
ISBN 978-3-945133-91-0

Eine weitere Besprechung erschien bei Zeichen & Zeiten – witzigerweise sogar mit demselben Bild: https://zeichenundzeiten.com/2021/02/15/attica-locke-heaven-my-home/


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Hansjörg Schneider: Hunkeler in der Wildnis

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Hunkeler blickt hinter die schönen Basler Fassaden. Bild von Birgit Böllinger auf Pixabay

„Dies war die schönste Zeit des Tages, wenn er aus tiefer Nacht erwachte und erkannte, dass alles in Ordnung war. Die Welt der Träume, der er dann manchmal entstieg, war ganz und gar nicht in Ordnung. Er wusste das, obwohl er sich beim Erwachen kaum je an einen genau umrissenen, erzählbaren Traum erinnern konnte. Bloß an beängstigende Unordnung, in der alles Vernünftige aus den Fugen geraten war.“

Hansjörg Schneider, „Hunkeler in der Wildnis“.

Es hat etwas Beruhigendes, den Hunkeler zu lesen.

Beruhigungsfaktor Nummer eins: In seiner Bärbeißigkeit, seiner Misanthropie ist der Hunkeler eine Konstante. In seinem zehnten Fall nun zwar im Ruhestand, bleibt er immer noch genervt von den Kollegen, den Mitmenschen, den Umständen des Lebens überhaupt. Das Granteln und Grummeln deutet jedoch auf eine besondere Feinfühligkeit hin, die nur ausgeglichen werden kann durch weitläufiges Spazierengehen, stundenlanges Sitzen bei einem Wein vor dem Haus, durch Steingeschosse in die Fenster der laut feiernden Nachbarn (dass das Geschoss versehentlich das Fenster eines verschreckten alten Ehepaares zertrümmert, bringt die seelische Konstruktion wieder gefährlich ins Wanken).

Beruhigungsfaktor Nummer zwei: Manchmal schielt man neidvoll auf die eidgenössischen Nachbarn, bei denen so manches anders, aber nach außen hin immer so proper erscheint. Der Hunkeler mit seinem großen Verständnis für die Abgehängten, Abseitigen, Verwirrten, er nimmt einen mit hinter die Fassaden. Beispielsweise ins Basler „Milchhüsli“, eine Kneipe, wo schon einmal ein Betrunkener auf dem Boden pennt. Man lernt mit dem Alt-68er Hunkeler: Die Schweiz hat ihren Reiz, aber eben nicht für jeden. Jede Gesellschaftsordnung, die auf Konsum und Kapital basiert, produziert auch ihre Opfer. Um die sich der Hunkeler dann, Ruhestand hin oder her, kümmert.

Pressebild_hunkeler-in-der-wildnisDiogenes-Verlag_72dpiBeruhigungsfaktor Nummer drei: Hunkeler-Krimis zu lesen, das ist immer mehr, als „nur“ einen Krimi zu lesen. Das „literarische Gewissen“ darf sich beruhigend einlassen – das ist mehr als bloße Spannungsliteratur (das ist es im Grunde sogar am wenigsten), sondern immer auch Gesellschaftskritik, Philosophie, Lebenskunst. Meist rutscht der Kriminalfall nach hinten, in diesem, dem zehnten Fall sogar ein bisschen zu sehr: Der Tod eines Kritikers (das löst bei Walser-Lesern zunächst einen Schreckmoment aus) wird beinahe linker Hand aufgelöst, ist im Grunde nur der Rahmen. Hansjörg Schneider lässt seinen brummigen Ermittler diesmal mäandern durch Stadt (Basel), Land (Elsass) und Fluss (eine Runde im Rhein zu schwimmen, gehört da einfach dazu) und führt seine Leser somit in ganz verschiedene Lebenswelten, die von obdachlosen Ex-Kommunisten, streunenden Stadt-Indianerinnen, von Alkoholikerinnen und ätherisch scheinenden Künstlerinnen bewohnt werden. Geschickt verknüpft Schneider Gegenwart und Vergangenheit, zeigt auf, wie die Verstrickungen der Menschen während des Nationalsozialismus auch heute noch im Drei-Länder-Eck nachwirken.

Hunkeler zu lesen, das ist auch eine Übung in Entschleunigung. So unzulänglich einem die Welt da draußen auch erscheint, nach einigen Stunden mit dem philosophierenden Ex-Kommissar kommt man wieder in seine Mitte. Ohm. Ein Fazit, das auch Sylvia Staude von der Frankfurter Rundschau zieht:

„Allemal geht es bei Hansjörg Schneider mehr um Lebensphilosophie in schweizerischer Gelassenheit und leiser Melancholie, als um einen Whodunnit. Die Sache mit dem toten Kritiker ist bald nur ein Nebenbei. Und es stimmt schon, dass Hunkeler auch aufbrausend sein kann. Aber als Leserin kommt man mit ihm zur Ruhe, wird trotzdem nicht im Seichten unterhalten.“

Weitere Besprechungen gibt es bei:

Krimi-Couch
arcimboldis world

Informationen zum Buch:

Hansjörg Schneider
Hunkeler in der Wildnis
Diogenes Verlag, 2020
Hardcover, Leinen, 224 Seiten, € (D) 22.00 / sFr 30.00* / € (A) 22.70
ISBN: 978-3-257-07097-2


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Bücherhamstern (5): Heaven, my home

Heute folgt eine Buchvorstellung aus dem Polar Verlag!

18299EA1-49CF-4C3E-9849-2A5713E58D93Das Buch:

Der afroamerikanische Texas Ranger Darren Mathews kämpft täglich mit der Wut. Was kann eine Handvoll Weißer der schwarzen Bevölkerung in seinem Land alles antun, während die Mehrheit davor die Augen verschließt? Als Levi King, der neunjährige Sohn eines Captains der Arischen Bruderschaft am Caddo Lake im Osten von Texas verschwindet, ermittelt Mathews in einer Enklave im Marion County namens Hopetown, die im 19. Jahrhundert von einer Gruppe von Sklaven besiedelt wurde. Von seinem Vorgesetzten wird er gedrängt seine bereits laufenden Ermittlungen gegen die Arische Bruderschaft abzuschließen, bevor Trump seine Präsidentschaft antritt und sich alles ändern wird.

Attica Locke ist eine der erfolgreichsten afroamerikanischen Krimiautorinnen der USA. Mit den Büchern um den Texas Ranger Darren Mathews liefert sie nicht nur spannende Kriminalromane – mit »Heaven, My Home« gelingt ihr ein erschreckendes Porträt der Trump-Ära, das zeigt, wie stark Rassenhass und Diskriminierung nach wie vor das Amerika unserer Tage dominieren.

Der Verlag:

Der Polar Verlag ist ein Independent-Verlag für Krimis und Noirs. Der Polar ist die Literatur der Krise – hier stemmt sich jeder dem Schicksal entgegen. Genau das werden wir nun tun: Aus dem Homeoffice heraus führen wir den Kampf gegen das Virus und für unser Weiterbestehen und das unserer Partner in den Buchhandlungen.

Die Buchhandlung:

»Heaven, My Home« könnt ihr zum Beispiel in Berlin über die Hammet Krimibuchhandlung bestellen, in Hamburg beim Buchladen Osterstraße, in Bremen im Logbuchladen oder in München über die glatteis Kriminalbuchhandlung.

Bleibt zuhause! Bleibt gesund! Und lest Bücher!

Informationen zum Buch:

Attica Locke
Heaven, my home
Aus dem Amerikanischen von Susanna Mende
Mit einem Nachwort von Sonja Hartl
Gebunden mit Schutzumschlag, 322 Seiten, EUR (D) 22,00 / EUR (A) 22,50
ISBN 978-3-945133-91-0
auch als E-Book erhältlich

https://polar-verlag.de/


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Horst Moser: Kleinstadtidyll

„Wenn man mit den Abgründen zu tun hat, lernt man viel über die Menschen. Gott hatte ihn mit dieser Gabe gesegnet. Er musste die Menschen nur beobachten, sie wirklich beobachten. Das Verhalten verrät so viel mehr als Worte, die ausgesprochen werden, als wären sie nur eine Ablenkung vom ganzen Rest, wie die Tintenwolke, die der Kalmar ausstößt, um sich unerkannt davonzumachen.“

Horst Moser, „Kleinstadtidyll“, Edition Raetia, 2018.

Die Gabe, Menschen zu beobachten, ihren Beweggründen auf den Grund zu gehen, ihr Verhalten nachvollziehbar zu schildern, also kurzum seine Figuren schlüssig zu entwickeln, ohne alles auszusprechen und dennoch keine Tintenwolken aufs Papier zu sprühen, die hat auch der Tiroler Autor Host Moser. „Kleinstadtidyll“ ist sein zweiter Roman beim Verlag „Edition Raetia“ nach „Etwas bleibt immer“.

Mit dem ersten Buch verbindet mich eine besondere Geschichte – Horst Moser hatte mir seinerzeit das Manuskript anvertraut mit der Bitte um kritische Prüfung. Die Story, eine Mischung aus Kriminalroman und Psychogram, fesselte mich, wenngleich ich auch die eine oder andere Wendung nicht ganz nachvollziehen konnte.

Gespür für die Entwicklung seiner Figuren

Und nun „Kleinstadtidyll“: Reifer, ausgereifter, mit weniger spektakulären Schauplätzen, weniger überraschenden Drehungen, aber mit einem noch besseren Gespür für die Entwicklung von Figuren. Im Mittelpunkt steht die 26-jährige Sophie, die aus ihrer Heimatstadt geflüchtet ist. Eine Kleinstadt in den Bergen, jeder kennt jeden, alles scheint überschau- und durchschaubar. Sophie führt ein unabhängiges, freies, wildes Leben, ohne festen Partner, ohne allzu ernstzunehmenden Job.

Doch eines Tages holt sie die Kleinstadt, sprich die Vergangenheit wieder ein: Ein anonymer Schreiber sendet ihr Emails, die auf ein dunkles Geheimnis in ihrer (gemeinsamen) Kindheit hinweisen. Zunächst ist sie versucht, das Ganze zu ignorieren. Doch mehr und mehr lässt sie sich von den Emails, die wie distanzierte Hilferufe klingen, einfangen. Und kehrt zurück in die Kleinstadt, um  das Rätsel zu lüften.

Je mehr die wilde Sophie eigene Kindheitserinnerungen wachruft, je mehr Fragen sie bei ihren Eltern, alten und neuen Bekannten in der kleinen Stadt stellt, je mehr eigentlich gesagt wird, desto größer wird die Mauer des Schweigens.

„Am Ende blieb alles Gerede, allmählich nahm das Interesse an dem Geschehen ab, bis nur mehr wenige davon sprachen, bis auch diese Geschichte auf dem Stapel landete, dem irgendwo im Verborgenen abgelegten Stapel der sich in der Stadt zugetragenen Geschichten. Ohne Folgen, ohne Konsequenz. Es war vorgefallen. Es wurde weggelegt. Schließlich lebte man in einer Gemeinschaft. Bevor man an das Schrecklichste glaubte, freundete man sich dann doch lieber mit dem Einfacheren an. Auch, um sich selbst zu schützen.“

Spannende Geschichte

Das Schrecklichste, das ist eine Gemengelage, wie sie in jedem Ort der Welt vorkommen könnte: Gierige Unternehmer, erpressbare Geistliche mit einem strafbaren Hang zu Kindern, unterdrückte Gelüste, ausgelebte Gemeinheiten. Horst Moser verwebt dies geschickt zu einer Mischung aus Kriminalroman und Entwicklungsgeschichte, erzählt aus mehreren Perspektiven. Sprachlich behutsam, wenn auch da und dort das Lektorat noch etwas hätte eingreifen können, um den einen oder anderen umständlicheren Ausdruck eleganter zu schleifen, um hier und dort zu straffen.

Trotz dieses minimalen Kritikpunktes: Die Geschichte ist stimmig und spannend. Und bietet ein versöhnliches Ende für die Hauptfigur Sophie, in die man sich gut hineinfühlen kann.

„Sie musste daran denken, wie sie vor wenigen Tagen hier vorbeigekommen war. (…) Hier kann man gar nicht anders, als sich eingeengt zu fühlen, hatte sie gedacht. Man bekommt einfach eine Identität verpasst. Familienname. Gesellschaftsstatus. Zuweisungen: Das hat er von seiner Mutter. Schau, ganz der Vater. Oder: Das hat er nicht von uns. Man hat gar keine Wahl, man wird zu dem, was andere von einem erwarten. Das hatte sie noch vor einigen Tagen gedacht. Jetzt spürte sie, dass das nur ein Teil der Wahrheit war. Es lag an einem selbst, was man daraus machte. Ob man sich dem unterwarf oder ob man sich stellte, dem Leben und dem, was es für einen bereithält.“


Informationen zum Buch: Kleinstadtidyll

Text und Fotografie auf dem Blog des Autoren: http://www.horstmoser.com/

Bild zum Download: Saubere Fassade


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Andreas Föhr: Eifersucht

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Bild: Florian Pittroff, https://flo-job.de/

„Es deutet alles auf eine Beziehungstat hin“

Der neue Krimi „Eifersucht“ von Andreas Föhr hat echtes Suchtpotential!

„Eifersucht“ ist der zweite Fall mit der Münchner Anwältin Rachel Eisenberg. Und ich lege mich fest: „Eifersucht“ ist noch besser, noch ausgereifter als der erste „Eisenberg Krimi“. Echtes Suchtpotential!

Mit geschickten Kniffen und Tricks baut Andreas Föhr die Story auf. Der Roman beginnt mit einem Prolog, genauer gesagt mit einer Geschichte, die fünf Jahre zurückliegt. Diese eingeschobenen Rückblenden ziehen sich durch die gesamten 427 Seiten des Buches und geben interessante Einblicke und immer wieder auch neue Erkenntnisse für den eigentlichen Fortgang des Falles. Zwischen Rückblenden und der Gegenwart entspinnt sich so eine hochspannende Geschichte.

Was ich an Andreas Föhr besonders schätze, sind zum einen die kurzen Kapitel, die einem das Lesen ungemein erleichtern und zum anderen die spannungsfördernden Cliffhanger, die den Leser neugierig auf das weitere Geschehen machen: „Auf dem iPad blinkte eine Nachricht“. Welche Nachricht hat die Protagonistin bekommen, was steht drin, gibt es Aufklärung. Ende des Kapitels. Umblättern und weiter geht es im Text.

Wie auch schon bei den Wallner & Kreuthner-Krimis zieht einen das Buch sofort in seinen Bann. Ich habe selten Krimis gelesen bei denen man so schnell mitten drin ist im Geschehen und nicht nur dabei: Zwei Seiten gelesen und man kann eigentlich nicht mehr aufhören. Ein gewitzter Handlungsablauf und eine starke und sympathische Protagonistin bescheren dem  Leser ein uneingeschränktes Lese-Vergnügen.

Und darum geht`s: Judith Kellermann, die Mandantin von Anwältin Rachel Eisenberg, soll ihren Lebensgefährten Eike Sandner aus Eifersucht in die Luft gesprengt haben. Als Reste des verwendeten Sprengstoffs bei ihr gefunden werden, liefert Kellermann eine abenteuerliche Erklärung: Ein geheimnisvoller Ex-Soldat soll den Mord begangen und die Beweise manipuliert haben. Doch der Mann ist seit der Tat verschwunden. Niemand scheint ihn zu kennen. Existiert er nur in Kellermanns Phantasie? Falls nicht: Wer ist der Unbekannte und was treibt ihn an?

Auch der Schreibstil des Autors ist präzise beschreibend und nicht ohne Humor:
„Wittmann war regelrecht aufgekratzt. Die Vorfreude auf die Vernehmung der Zeugen oder genauer gesagt über Rachels bevorstehende Niederlage in dieser Haftprüfung umgab sie wie ein Mückenschwarm“.

Das Ende ist dann auch nicht zwingend vorhersehbar. Und so steht einer spannenden (Urlaubs)Lektüre nichts im Weg. Ich habe mir das Buch eigentlich als Urlaubslektüre vorgemerkt, wollte nur kurz reinlesen und war in zwei Tagen durch – vor dem Urlaub.

Ein Beitrag von Florian Pittroff
www.flo-job.de

Andreas Föhr: Eifersucht
Klappenbroschur, Knaur HC
01.06.2018, 432 S.
ISBN: 978-3-426-65446-0

JP Delaney: The Girl Before

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Bild: Florian Pittroff, https://flo-job.de/

Ein Beitrag von Florian Pittroff

JP Delaney präsentiert mit „The Girl Before“ einen Thriller, der den Leser nicht mehr loslässt. Es gibt zwei Handlungsstränge. Zuerst erfolgt die Rückblende: „Damals. Emma“. Und dann „Heute: Jane“. Die Idee mit zwei unterschiedlichen Handlungen, die sich dann doch zu einer Geschichte verquicken, gefällt mir sehr gut. Ebenso, dass die einzelnen Kapitel jeweils kurz und knapp gehalten sind. Zum einem wird der Leser dadurch immer wieder zum Weiterlesen animiert und es verleiht dem Buch eine gewisse Dynamik.

Der Plot: Nach einem Schicksalsschlag braucht Jane dringend einen Neuanfang. Daher überlegt sie nicht lange, als sie die Möglichkeit bekommt, in ein hochmodernes Haus in einem schicken Londoner Viertel einzuziehen. Die Miete ist gering, doch der Regelkatalog, den der neue Mieter einhalten muss, ist alles andere als gewöhnlich. Doch bald erfährt Jane, dass ihre Vormieterin im Haus verstarb – und ihr erschreckend ähnlich sah.

Die Story rund um das Architektenhaus überzeugt, denn JP Delaney schafft es, sofort eine beklemmende Atmosphäre zu schaffen. Der Spannungsbogen, der zu Beginn richtig abgeht, hängt dann allerdings durch. Der Mittelteil hatte ziemliche Längen, war zum Teil sehr vorhersehbar und unspannend. Aber, oh Glück, danach zog die Geschichte wieder an. Beim Zusammenfädeln der beiden Erzählstränge und bei der der Auflösung wurde das Tempo deutlich erhöht und man wollte das Buch nicht mehr zur Seite legen.

Die zwei – respektive vier Protagonisten – sind gut dargestellt. Die Story um das kalte Architektenhaus und die beiden Frauen Jane und Emma ist mit einer dicken Portion Sex aufgehübscht. „Ernsthaft spannend wird „The Girl before“, als sich herausstellt, dass die beiden Frauen Jane und Emma keineswegs nur bemitleidenswerte Opfer sind, sondern auch ihre kleinen, schmutzigen Geheimnisse haben – und nicht nur sie.“, schreibt Lukas Jenkner in der Stuttgarter Zeitung.

Seinem Fazit schließe ich mich an:  Mit „The Girl Before“, seinem ersten Psychothriller, ist JP Delaney „perfekte Thrillerkost auf hohem Niveau“ gelungen. Die Verfilmung ist bereits in Planung. Und beim Lesen fiel mir unter anderem ein berühmtes Vorbild ein: „Rebecca“ von Alfred Hitchcock.

Florian Pittroff
www.flo-job.de

Verlagsinformationen:
https://www.randomhouse.de/Paperback/The-Girl-Before-Sie-war-wie-du-Und-jetzt-ist-sie-tot-/JP-Delaney/Penguin/e502770.rhd

 

 

Carpe that fucking Dingeldangeldongdong

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Bild: (c) Michael Flötotto

Gut zu unterhalten ist keine leichte Kunst – das zeigt sich spätestens dann, wenn sich nach dem Studieren der Vorschauen die Spreu vom Weizen trennt. Schmökerstoff wird zwar zur Genüge geboten, vieles jedoch trieft schon beim ersten Aufblättern vor Seichtigkeit oder vor Blut, je nach Genre.

Dabei gibt es genügend Bedarf (und das Recht) an guter Unterhaltungsliteratur – es kann ja nicht immer der Zauberberg oder Ulysses sein. „Denn nicht nur der Buchmarkt, auch die breite Leserschaft benötigt anspruchsvolle Unterhaltungsliteratur – und das ist keineswegs ein Paradox“, schrieb Ursula März 2014 in der „Zeit“ in einem engagierten Plädoyer für Literatur, die vor allem eines darf und soll – gut unterhalten. Aber der Begriff der Unterhaltungsliteratur „besitzt im Deutschen einen Beigeschmack von Trivialität, von populistischem Qualitätsmangel, der sich schwer verleugnen lässt. Die kulturelle Hierarchie zwischen hoher und niederer, zwischen seriöser und eben nur unterhaltender Literatur ist hierzulande um einiges distinktiver und schärfer als im amerikanischen und generell im angelsächsischen Raum.“

Quelle: http://www.zeit.de/2014/24/belletristik-bestseller-deutschland-usa

Dabei gibt es sie, diese Perlen, die einem das Leseleben intelligent und unterhaltend versüßen, ohne dass man ein philosophisches Seminar über den Zeitbegriff bei Thomas Mann oder ein halbes Anglistikstudium besuchen muss. Drei Bücher dieser Art hatte ich in meinem Urlaubskoffer (um nochmals Ursula März zu zitieren) – und der ebenfalls mitgeführte „Zauberberg“ wurde nochmals hintangestellt, so gut fühlte ich mich unterhalten, war amüsiert, vor Spannung gepackt, musste laut lachen, leise schmunzeln und habe mich sogar in einen der „Helden“ ein kleines Stück verguckt.


Nämlich in Knoppke:

„Dann geschah etwas, das Knoppke selbst nicht erklären konnte, er machte etwas zum ersten Mal. Der Mann mit dem kaputten Knie und dem kaputten Leben legte sich mit dem Rücken auf die Reste der Markierung im Mittelkreis, das hätten die Götter des Surrealen nicht besser inszenieren können. Arme und Beine streckte er von sich, als wollte er Leonardo da Vincis Zeichnung vom vitruvianischen Menschen nachstellen oder einfach nur einen Hampelmann geben. Eine spannende Frage war das ja schon: Entsprach Knoppke dem idealen Menschen, oder war er nur ein Hampelmann?“

Auch in seinem zweiten Roman stellt Bernhard Blöchl einen Mann in einer Lebenskrise in den Mittelpunkt. Wollte sich Juli in „Für immer Juli“ (2013, Maro Verlag) aus Trennungstrotz noch zu einem ausgewachsenen Macho entwickeln, so hat der über 40jährige Knoppke solcherlei Ambitionen schon lange hinter sich gelassen. Der Mann mit einer gescheiterten Fußballerkarriere und dem gebrochenen Herzen will eigentlich nur noch eines: Seine Ruhe. Und die sucht er, nachdem er München fluchtartig hinter sich gelassen hat, in den schottischen Highlands – dort, wo das Wetter garantiert nicht zur guten Laune zwingt, wo keiner von einem erwartet, dass die Sonne auch noch aus dem Hintern scheint …

Allerdings durchkreuzt eine quirlige 21jährige mit Dreadlocks die Pläne des wortkargen Muffels in der Midlife-Crisis. Sam hat sich in den Ford Transit Knoppkes geschmuggelt. Aus der (nur scheinbaren) Zufallsbekanntschaft wird während der ereignisreichen Reise ein eingeschworenes Team: Sam, die den wortkargen Muffel mit ihren Fragen nervt und herausfordert, gelingt es, die Nuss namens Knoppke zu knacken. Und am Ende scheint nicht nur die Sonne, sondern wartet auch eine Überraschung in (ausgerechnet!) WUPPERTAL.

Ein höchst unterhaltsames Road Movie mit einem knorrigen Helden, den man mit seinem Bierbauch und seiner Tapsigkeit einfach mögen muss. Blöchl schreibt mit viel Wortwitz, ohne platt zu sein, und zeichnet seine Charaktere mit Wärme & Humor. Zudem wirft das Buch mit leichter Hand die großen Fragen auf: Was heißt Lebensmut? Gibt es immer nur das Glück der anderen? Und: Gibt es zweite Chancen? Aber ja!

„Knoppke wollte wieder was. Er wollte Dinge tun, die ihm Freude bereiteten. Sich wieder einlassen, auf das, was ihm das Leben vor den Latz knallte respektive was er sich selbst vor den Latz knallte. „Carpe that fucking Dingeldangeldongdong“, wie er sagte, als sie in einer Herde Highland-Cows feststeckten.“

Bernhard Blöchl, „Im Regen erwartet niemand, dass dir die Sonne aus dem Hintern scheint“, 2017, Piper Verlag.

Verlagsinformationen zum Buch:
https://www.piper.de/buecher/im-regen-erwartet-niemand-dass-dir-die-sonne-aus-dem-hintern-scheint-isbn-978-3-492-06075-2

Blog von Bernhard Blöchl:
https://bernhardbloechl.wordpress.com/


So eine zweite Chance hat Carolin Höller nicht. Die Managerin eines Online-Unternehmens, das kurz vor dem Börsengang steht, liegt just nach der Party zur Neueröffnung der Münchner Filiale zerschmettert in deren Innenhof. Der Fenstersturz ein Selbstmord? Unwahrscheinlich. Obwohl selbst von privaten Angelegenheiten niedergeschlagen, beißt sich die bayerisch-irische Ermittlerin Patsy Logan in dem Fall fest, auch gegen politische und interne Widerstände.

„Die Preisfrage ist, ob jemand ernsthaft einen Selbstmord über zwei Stockwerke plant. Sechs Meter können zwar reichen, aber nicht mit Sicherheit. Wenn Carolin Höller sich wirklich das Leben nehmen wollte, stellt sich die Frage, warum sie so ein Risiko überhaupt eingeht.“

„Vielleicht wollte sie sich gar nicht umbringen und nur eine Botschaft an die Geschäftsleitung schicken?“, versuchte es Kris.

„Weil es zu wenig frische Brotsorten fürs Frühstück gab?“

Sowohl die makellose Fassade des innovativen Online-Unternehmens „Skiller“, das sich im Bereich der Sharing-Economy bewegt, als auch die scheinbar heile Familienwelt der Höllers zeigt schnell erste Risse. So entfaltet sich das ganze Drama an Leistungsdruck und Dauerstress, unter dem die scheinbar so hippen „Skillers“ leiden. Und während in der schicken Kantine Edel-Mineralwasser und Energieriegel angeboten werden, ziehen sich die Mitarbeiter hinter den Kulissen lustig Lines zur Leistungssteigerung in die Nase oder steigen vom Burn-out geschädigt aus dem Geschäft aus.

Nicht nur die authentischen Schilderungen aus der schönen, neuen Online-Geschäftswelt machen diesen Krimi zu einem intelligenten Vergnügen. Es ist vor allem auch die differenzierte Zeichnung der Figuren mit all ihren Stärken und ihren Schattenseiten, die zur Spannung  beiträgt – in der ganzen Gemengelage hat jeder der „Skillers“ seinen moralischen Knacks, könnte jeder eine „Mordswut“, eine Mordslust auf die Managerin haben…

Zudem bringt Ellen Dunne, die selbst inzwischen in Irland lebt, nicht nur entsprechendes Lokalkolorit ein – die Ermittlungen führen auch nach Dublin und dessen „Silicon Docks“ – sondern sie hat mit Patsy Logan eine Kommissarin geschaffen, die insbesondere bei den weiblichen Leserinnen viele Sympathiepunkte sammeln wird: Schlagfertig und direkt und sich zudem mit all den Themen herumschlagend, die Frauen aus der Berufswelt kennen.

„Und jetzt wollen Sie was von mir wissen, Frau Logan?“
„Wie viel von dem, was ich Ihnen gerade erzählt habe, haben Sie gestern schon gewusst?“
In seinen Augen Enttäuschung, Vorwürfe. Ich kannte das. Professionelles Verhalten nahmen Trauernde oft persönlich. Erst recht, wenn man lange Haare und Brüste hat.

Ein interessantes Setting, spannende Wendungen und der trockene Humor, der sich immer wieder Bahn bricht – „Harte Landung“ war für mich ein echter Pageturner. Vom Verlag ist er als Auftakt für eine neue Krimireihe angekündigt. Gut zu wissen, denn trotz des geklärten Mordfalls- zumindest zum turbulenten Privatleben von Patsy Logan bleiben noch viele Fragen offen…

Ellen Dunne, „Harte Landung“, 2017, Insel Verlag.

Verlagsinformationen zum Buch:
http://www.suhrkamp.de/buecher/harte_landung-ellen_dunne_36288.html

Homepage der Autorin:
http://www.ellen-dunne.com/


Vater werden ist nicht schwer, Vater sein dagegen sehr – insbesondere wohl, wenn man wie Anselm Maria Sellen geballter Weiblichkeit entgegensteht. Der vierfache Familienvater – darunter drei Töchter – erzählt mit viel schwarzem Humor in seinem ersten Buch von den Freuden und Fallen familiären Zusammenlebens. Seine kurzen Texte: Schwarzhumorig, brüllend komisch und doch eigentlich „nur“ den ganz normalen Wahnsinn abbildend, den Eltern täglich erleben: Mädchengeburtstage in rosa und pink, Elternabende mit überengagierten Müttern, Sprechstunden mit sprachapathischen Deutschlehrerinnen und ähnlich Absurdes aus dem Alltag mehr.

Mehr als einmal musste ich bei „Vater!“ schallend und schadenfroh (ich bin siebenfache Tante!) lachen. Kam mir doch vieles so wohl bekannt vor. Beispielsweise „Kindermusikantenstadl“:

„Unsere Kinder spielen Instrumente. Nein. Unsere Kinder lernen Instrumente. Der Unterschied ist weder klein noch fein. Unsere Kinder lernen Instrumente, weil wir es nie konnten. Dieser urelterliche Ehrgeiz, der dazu führt, dass unsere Kinder für unsere Versäumnisse büßen müssen.“

Es kommt, wie es kommen muss:

„Mittlerweile bezahlen wir unsere elterlichen Kulturphantasien mit dem Verlust von Wohnqualität. Unser Lebensraum wird von unhandlichen Instrumenten annektiert. Ein Akkordeon, ein Klavier, zwei Gitarren und diverse Objekte, die ich als „Müll“ klassifizieren würde, die aber von meinen Kindern als „Instrumente“ deklariert wurden, um ihren Erhalt zu sichern. Wir sammeln gemeinsam Kulturkapital, um die finale elterliche Selbstverwirklichung finanzieren zu können.“

Man fühlt sich an die Kolumnen von Axel Hacke erinnert – nur eine Spur bissiger, flapsiger, moderner. Ein Lesevergnügen und das nicht nur für Eltern, weil „Vater!“ durchaus auch auf allgemeingültig Abwegiges unserer Lebensführung hinweist.

Anselm Maria Sellen, „Vater!“, 2017, edition dreiklein.

Verlagsinformationen zum Buch:
http://dreiklein.de/portfolio-item/vater-von-anselm-maria-sellen/

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Georges Simenon: Maigret in Arizona

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Bild von Egor Shitikov auf Pixabay

Was lief nicht rund in diesem Land, wo sie alles hatten?
Die Männer waren groß und stark, gesund, sauber und im Allgemeinen fröhlich. Die Frauen waren fast ausnahmslos hübsch. Die Kaufhäuser quollen vor Waren über und die Wohnungen waren die komfortabelsten der Welt, an jeder Straßenecke gab es ein Kino, man sah nie einen Bettler und das Elend schien hier unbekannt.
Der Einbalsamierer finanzierte ein Musikprogramm im Rundfunk, und die Friedhöfe waren herrliche Parkanlagen, bei denen man nicht das Bedürfnis hatte, sie mit Mauern und Gittern zu umgeben, als ob man sich vor seinen Toten fürchtete.
Auch die Wohnhäuser waren von Rasenflächen umgeben, und zu dieser Stunde sprengten die Männer in Hemdsärmeln oder mit nacktem Oberkörper das Gras und die Blumen. Es gab keine Bretterzäune und keine Hecken, um die Gärten voneinander abzutrennen.
Sie hatten verflixt noch einmal alles! Sie organisierten sich wissenschaftlich, um das Leben so angenehm wie möglich zu gestalten, und sobald der Wecker klingelte, wünschte einem der Rundfunk im Namen irgendeiner Porridge-Firma in herzlichem Ton einen fröhlichen Tag und gratulierte einem sogar zum Geburtstag, wenn es so weit war.
Warum also?”

Georges Simenon, “Maigret in Arizona”, 1949, Diogenes Verlag, 2008, in überarbeiteter Übersetzung.

Zu der Zeit, als Simenon “Maigret in Arizona” schreibt, lebt der Belgier selbst in den USA. Und anders als sein Kommissar kann er sich mit dem “american way of life” ganz gut anfreunden, erwägt sogar die endgültige Übersiedlung. Erst unter dem Eindruck der McCarthy-Hetze gegen Intellektuelle kühlt seine Begeisterung ab.
Dennoch ist die amerikanische Zeit eine der produktivsten des ohnehin schon produktiven Vielschreibers. Während der zehn amerikanischen Jahre von 1945 bis 1955 schreibt er 21 Romane und etliche Erzählungen – allerdings spielen nur zwei der Maigret-Bücher in den Vereinigten Staaten: “Maigret in New York” und “Maigret in Arizona”.

Insbesondere der Arizona-Trip des Kommissars fasziniert – da stoßen Welten aufeinander: Der Mann vom Kontinent, Pariser Leben gewöhnt, in der Provinz der „Neuen Welt“. Auf einer Studienreise durch die USA wird Maigret Zuhörer bei einer gerichtlichen Voruntersuchung: Nach einer durchzechten Nacht landen fünf junge Männer vor Gericht – die 17jährige, die bei ihnen war, wird zunächst mitten in der Wüste zurückgelassen und später auf den Bahngleisen von einer Lokomotive erfasst. Ungewiss ist, ob es sich um einen Unfall handelt oder um Mord. Maigret ist zur Untätigkeit verurteilt, zum Beobachten verdammt: Ein Zustand, der die Laune des ohnehin schon brummigen Bären nicht aufhellt.

Und so, angesichts der begrenzten Möglichkeiten im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, hadert Maigret mit Gott und der Welt – vor allem also mit dem Lebensstil, den er beobachtet. In diesen Beobachtungen liegt die Stärke des Romans, der als der “antiamerikanischste Roman” Simenons bezeichnet wurde, gar als bittere Abrechnung mit dem Gastgeberland. Maigret schaut auf die saubere Fassade und erkennt die Doppelmoral: Prostitution ist offiziell verboten, über Geschlechtsverkehr oder gar die Möglichkeit einer Vergewaltigung wird vor Gericht nicht gesprochen. Ebenso ist alles auf Funktionalität und Wettbewerb ausgerichtet – doch die Leere des Lebens allabendlich in Kneipen oder Clubs ertränkt. Der massive Alkoholkonsum scheint das Einzige zu sein, was sowohl Verdächtige als auch Cops in der Wüste Arizonas über Wasser hält – er ist das Ventil in einer Welt, die zur Funktionalität verdammt ist.

In einer Schlüsselszene vertraut sich der FBI-Mann Cole, der Maigret begleitet, diesem an:

Sehen Sie, Julius, damit die Welt sich weiterdreht, ist es unerlässlich, dass die Leute auf eine bestimmte Weise leben. Man hat komfortable Wohnungen, elektrische Geräte, einen luxuriösen Wagen, eine gutgekleidete Frau, die einem schöne Kinder schenkt und sie sauber hält. Man ist Mitglied der Kirchengemeinde und eines Clubs. Man verdient Geld und arbeitet, um jedes Jahr mehr zu verdienen. Ist es nicht überall in der Welt so?”
“Vielleicht ist es bei Ihnen perfekter.”
“Weil wir reicher sind. Bei uns gibt es Arme, die ihr eigenes Auto haben. Die Neger, die die Baumwolle pflücken, besitzen fast alle einen alten Wagen. Wir haben den Ausschuss auf ein Minimum reduziert. Wir sind ein großes Volk, Julius.”
Und nicht nur aus Höflichkeit antwortete Maigret:
“Davon bin ich überzeugt.”
“Trotzdem gibt es Augenblicke, in denen die komfortable Wohnung, die lächelnde Frau, die sauber gewaschenen Kinder, das Auto, der Club, das Büro, das Bankkonto nicht genügen. Kommt das bei Ihnen auch vor?”
“Ich glaube, es geht allen Menschen so.”
“Dann, Julius, will ich Ihnen mein Rezept geben, das bei uns alle kennen und anwenden. Man betritt eine Bar wie diese hier, irgendeine, denn sie gleichen sich alle. Der Barkeeper redet Sie mit Ihrem Vornamen an, oder mit einem anderen Vornamen, wenn er Sie nicht kennt, darauf kommt es nicht an. Er schiebt Ihnen ein Glas hin und füllt es, sobald er sieht, dass es leer ist.”
(…)
Und am nächsten Morgen greifen Sie zu der kleinen blauen Flasche, die Sie bereits kennen. Es folgen ein paar herzhafte Rülpser, die nach Whisky riechen. Ein heißes Bad, anschließend eine eiskalte Dusche, und schon ist die Welt wieder sauber und neu, man ist froh, wieder in seinem sauberen Zuhause zu sein, in den sauberen Straßen, man freut sich über das lautlos dahinrollende Auto und das Büro mit Klimaanlage. Und das Leben ist schön, Julius.”
Maigret schaute hinüber in die Ecke neben dem Musikautomaten, wo die beiden Pärchen saßen und zu ihnen herübersahen.

Im Grunde war Bessy gestorben, damit das Leben schön war!

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Andreas Föhr: Schwarzwasser

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Bild: Florian Pittroff, https://flo-job.de/

Florian Pittroff outet sich als echter Fan. Und meint: Der neue Wallner & Kreuthner – Krimi von Andreas Föhr ist wie die letzten auch: Echt überragend!

Als Kommissar Wallner die Nachricht erhält, man habe die Leiche eines alten Mannes gefunden, bleibt ihm beinahe das Herz stehen: Seit Stunden ist sein Großvater Manfred abgängig. Am Tatort angekommen, stellt Wallner erleichtert fest, dass Manfred wohlauf ist – er und Polizeiobermeister Kreuthner haben den Toten – Klaus Wartberg – entdeckt. Am Tatort findet sich auch eine verstörte junge Frau, die die Tatwaffe in der Hand hält. Schon bald stellt sich heraus, dass der Ermordete gar nicht tot sein dürfte. Ihn hat es nämlich nie gegeben. Wer also war der Tote wirklich? Was verbindet ihn mit der jungen Frau? Und warum musste er eine andere Identität annehmen?

Es ist wie bisher bei allen Krimis von Andreas Föhr: Der Leser ist ab der ersten Zeile drin im Geschehen. „Schwarzwasser“ entblättert sich in zwei Handlungssträngen. Diesmal sind 20 Jahre dazwischen. Zum einen befindet man sich im Jahr 1996 und es wird die Geschichte eines Strafverteidigers erzählt, der nicht so erfolgreich ist, aber es werden kann. Der 2. Erzählstrang sind die laufenden Ermittlungen in Miesbach. Föhr verknüpft beide Handlungsstränge gekonnt, spannend und logisch. Nach und nach entwickeln sich die Geschichte, dem Leser erschließen sich Kapitel für Kapitel die kleinen und großen Zusammenhänge.

Wie immer sind die Kapitel knapp gehalten und der Leser wird beständig weiter in die Geschichte hinein gezogen. Interessanter Kniff: Die Spannung mit einem kleinen Teaser am Ende des Kapitels richtig hochhalten. Noch dieses Kapitel und dann noch das nächste – und eh man sich versieht, hat man schon den halben Roman verschlungen.

Man denkt, man ist dem Täter auf der Spur – Täuschungsmanöver des Autors – ein Kapitel lese ich noch – aber dann –  und dann kommt noch eins. Selten einen Roman in der Hand gehabt, der mich so in den Bann gezogen hat: garniert mit witzigen Dialogen und trockenem Humor:

Mit einem Mal tauchten drei Gestalten wie aus einem Theaterstück vor ihm auf. Ein Mann in Lederhose und Lodenkotze, Gamsbart am Hut (…).Neben ihm eine Frau mit Pelzmantel-Imitat, unter dem sie ein glitzerndes Paillettenkleid trug (…). Und  schließlich – der Tod mit Sense in der Hand. Alle drei sahen Wallner an und schwiegen. „Ich hab mir Sorgen gemacht“, sagte Wallner zum Sensenmann.

Erneut ein raffinierter Plot! Die beiden Protagonisten, das Tegernseer Ermittler-Duo, Kommissar Clemens Wallner und Polizeiobermeister Leonhardt Kreuthner, sind in ihrem mittlerweile 7. Kriminalfall voll aufeinander eingespielt. Alle Personen sind grandiose Charaktere. Die Handlung ist klar, logisch und hat einige sehr überraschende Wendungen parat.

Die Kriminalromane von Andreas Föhr sind einerseits witzig und unterhaltsam, andererseits spannend und fesselnd,  sehr gut geschrieben und kommen – ganz wichtig – ohne grausige Brutalität aus. Ideale Sommerurlaubslektüre!

Text & Bild: Florian Pittroff
www.flo-job.de

Verlagsinformationen zum Buch:
https://www.droemer-knaur.de/buch/9253989/schwarzwasser

Georges Simenon: Die Katze

Simenon

Bild: (c) Michael Flötotto

„Es gab nirgendwo mehr etwas zu erledigen. Man hatte ihn nicht verstanden, oder er hatte die andern nicht verstanden, und dieses Missverständnis würde nun wohl nie mehr geklärt werden. Einen Augenblick überkam ihn die Anwandlung, sich in einem Brief zu erklären; aber das war nur eine letzte Eitelkeit, deren er sich schämte und auf die er verzichtete.”

Georges Simenon, Der Buchhändler von Archangelsk, 1956.

Das Gute an einem Simenon-Roman ist: Wenn man mit einem zu Ende ist, dann kann man sich gleich auf den nächsten freuen – die gehen einem eigentlich nie aus.

Mit Georges Simenon ist es wie mit Rosenkohl: Entweder man liebt ihn oder lehnt ihn absolut ab. Die Crux des Belgiers in den Augen der Literaturkritik: Er schrieb eindeutig zu viel. Und er schrieb eingängig, flüssig, einen einfachen, fast spartanischen Stil. Und dann natürlich „nur“ Kriminalliteratur. Bis heute leider Grund genug für einige wenige Hohepriester der Literatur, Simenon als ernstzunehmenden Autoren nicht einmal wahrzunehmen.

Georges Joseph Christian Simenon, der ein langes, erfülltes Leben hatte (1903-1989), schrieb praktisch wöchentlich einen Roman: Insgesamt 75 über seinen sympathisch-muffeligen Kommissar Maigret, zudem 100 „Non-Maigrets“, sowie Erzählungen, Kurzgeschichten und unter verschiedenen Pseudonymen auch noch etliche Groschenromane.

Der schriftstellerische Durchbruch kam mit Maigret – ab den 1930er Jahren erschrieb sich Simenon so den Rang eines der meistgelesenen und kommerziell erfolgreichsten Schriftsteller unserer Tage. Und seither wird auch darüber gestritten – fast so, als handele es sich um Glaubensfragen – ob Simenon nun ein „ernstzunehmender“ Schriftsteller sei oder nicht. Er trug durch lakonische Bemerkungen selbst zu diesem „Image“ des literarischen Leichtgewichts bei – sein Spiel mit der Öffentlichkeit: „Alles, was man für einen Krimi braucht, ist ein guter Anfang und ein Telefonbuch, damit die Namen stimmen.“

Der Wortschatz zu gering, die Sätze zu kühl, der Stil zu einfach – was von Einigen bemängelt wird, scheint von einer Vielzahl von Lesern goutiert zu werden. Was die Kritik ihm versagte, gaben ihm die Leser – und auch von Kollegen erhielt er Anerkennung: „Georges Simenon ist der wichtigste Schriftsteller unseres Jahrhunderts”, sagte Gabriel García Márquez. André Gide äußerte sich ähnlich: „Georges Simenon ist heute unser größter Schriftsteller, und zu dieser Überzeugung werden außer mir auch schon noch andere kommen.”

Wer Simenon nicht kennt (gibt es solche?), sollte sich einfach einmal dieser Selbsterfahrung unterziehen. Einsteigern empfehle ich natürlich die Maigrets, aber auch den oben zitierten Buchhändler, die Phantome des Hutmachers, und, und, und…

Es ist eine klare Sprache, eine einfache Sprache, es geht um einfache Menschen, die durch simple Zufälle und an sich unbedeutende Handlungen in einen großes Unglück geraten. Und dann keinen einfachen Ausweg mehr finden. Oder wie Simenon selbst sagte: „Der Mensch ist derart schlecht für das Leben ausgerüstet, dass man fast einen Übermenschen aus ihm machen würde, wenn man in ihm einen Schuldigen – statt ein Opfer – sähe.“

Wie zwei sich schuldig machen, aber im Grunde selbst nur jeweils erbarmungswürdige Opfer ihrer eigenen Unzulänglichkeiten sind – das zeigte Simenon meisterhaft an einem Roman, der zu meinen Lieblingen innerhalb seines Werks zählt.

„Marguerite hatte ihren ärgsten Feind bereits beiseitegeschafft, die Katze, deren bloße Gegenwart eine Beleidigung für das Geschlecht der Doises und ihre Empfindsamkeit darstellte. Warum sollte sie nicht eines Tages auch ihren Mann beiseiteschaffen? Die meisten Giftmorde, das hatte er in der Zeitung gelesen, wurden von Frauen verübt.“

Georges Simenon, „Die Katze“, 1967

Welche rätselhaften Wege die menschliche Seele einschlägt, das zeigt sich meist daran, wenn zwei sich in absoluter Abneigung verbunden sind. Welche Finten und Finessen sich das menschliche Hirn einfallen lässt, um einen anderen Menschen zu verletzen, zu treffen, zu quälen. Und ich spreche (vielmehr schreibe) dabei nicht von den markerschütternden Bluttaten, sinnlosen Metzeleien, grausamen Morden aus den Schlagzeilen. Sondern von den ganz gewöhnlichen, alltäglichen Allerweltsgemeinheiten.
Einer, der diese Abgründe in der Psyche der sogenannten „Menschen wie Du und Ich“ festhalten, schriftstellerisch erforschen und auf Papier bannen konnte wie wenige sonst, war Georges Simenon. Es sind die „Non-Maigrets“, in denen er sich den Abgründen unserer Spezies widmet. Es sind ganz einfache, klar strukturierte Geschichten, so simpel und schlicht, und doch so (oder auch gerade deswegen) wirkungsvoll, weil man spürt: Der da, die da, das könnte auch ich sein.

„Die Katze“, das Psychogramm einer gescheiterten Ehe, ist für mich ein Meilenstein in Simenons Werk. Zwei, in Hassliebe verbunden, bis der Tod sie scheidet. Erzählt wird aus Perspektive des Mannes: Er, Émile, aus einfachen Verhältnissen stammend, als Bauvorarbeiter tätig gewesen, mit einem Hang zu leicht vulgären Frauen, trifft als Witwer Ende seiner 60iger-Jahre die nur wenig jüngere, ebenfalls verwitwete Marguerite. Zwei Einsame berühren sich für kurze Zeit – und doch gelingt es ihnen nicht, aus der Ein- auch eine Zweisamkeit zu machen. Die Ehe scheitert schon nach wenigen Monaten, zu unterschiedlich sind sie in Herkunft, ihren Haltungen, ihren Hoffnungen. Zu fragil die Basis des Zusammenkommens.

„Sie waren nur durch die Sackgasse voneinander getrennt gewesen. Weder sie noch er hatte längere Zeit alleine gelebt. Beide waren gewohnt, Teil eines Paares zu sein.
Er lebte allein in seinem Zimmer über dem jungen Ehepaar, das gerade ein Kind bekommen hatte. Und sie war nicht weniger allein in ihrem Haus, in dem sie sich ein bisschen verloren vorkam und manchmal Angst hatte.“

Als Émiles Katze (das einzige Lebewesen, mit dem er harmoniert) vergiftet wird, verdächtigt er seine Frau. Als Racheakt verliert deren Papagei zunächst Federn und dann das Leben. Dies sind die einzigen Mordtaten. Mehr braucht es nicht, um Unbehagen zu wecken.

Nach dem Tod der Tiere kommuniziert das Ehepaar nur noch über Zettel. Eine Zettelwirtschaft, bei der eine Annäherung nicht mehr möglich ist. Aus Missverständnissen wird Misstrauen, aus Misstrauen wird Hass. Ebenso wenig jedoch gelingt auch eine Trennung. Der klassische Fall von zweien, die nicht mehr miteinander, aber ebenso wenig auch ohne einander sein können. Die spärlichen Versuche, aufeinander zuzugehen oder auszubrechen aus diesem Gefängnis mit zweien, die zugleich Wärter und Gefangene sind – sie wecken Mitleid, Traurigkeit, werfen Fragen auf. Warum so leben? Und, genau besehen: Warum leben viele so?

Simenon muss diese Fragen nicht explizit beantworten, er muss nicht analysieren, er muss nicht erklären – bei ihm genügt diese schlichte Beschreibung, das Fortschreiben einer Geschichte, um Begreifen auszulösen, aber auch, um Beklemmung zu wecken: Wie dünn der Firniss der Zivilisation doch ist. Wie schnell die lauernden Urinstinkte an die Oberfläche kommen. Wie wenig es braucht, um sich das Leben schwer, wenn nicht gar zur Hölle zu machen. Einige Spaziergänge mit Émile genügen, um in das Innere dieser Ehe und ihrer Protagonisten zu dringen.

„Im Laufe seines fünfzehnminütigen Spaziergangs war er an einem Krankenhaus, einem Gefängnis, einer psychiatrischen Anstalt, einer Schwesternschule, einer Kirche und einer Feuerwehrkaserne vorbeigekommen. War es nicht so etwas wie eine Zusammenfassung des menschlichen Lebens? Es fehlte nur noch der Friedhof, und der war auch nicht weit.“

So wie jedoch auch Émile nicht ohne Mitleid und Zärtlichkeit für „die Alte“ ist, so mitfühlend geht auch Simenon mit seinen Figuren um in ihrem ganzen Scheitern an der Welt. „Die Katze“ zeigt: Da sind zwei, die wollen anders, können aber nicht. Und weil man aus dem eigenen Erleben, der eigenen Erfahrung weiß, dass einem dies auch selbst widerfahren kann, fühlt man sich beim Lesen von Georges Simenon, dem Meister der Schlichtheit, ertappt – und verstanden.

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