Hansjörg Schneider: Hunkeler in der Wildnis

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Hunkeler blickt hinter die schönen Basler Fassaden. Bild von Birgit Böllinger auf Pixabay

„Dies war die schönste Zeit des Tages, wenn er aus tiefer Nacht erwachte und erkannte, dass alles in Ordnung war. Die Welt der Träume, der er dann manchmal entstieg, war ganz und gar nicht in Ordnung. Er wusste das, obwohl er sich beim Erwachen kaum je an einen genau umrissenen, erzählbaren Traum erinnern konnte. Bloß an beängstigende Unordnung, in der alles Vernünftige aus den Fugen geraten war.“

Hansjörg Schneider, „Hunkeler in der Wildnis“.

Es hat etwas Beruhigendes, den Hunkeler zu lesen.

Beruhigungsfaktor Nummer eins: In seiner Bärbeißigkeit, seiner Misanthropie ist der Hunkeler eine Konstante. In seinem zehnten Fall nun zwar im Ruhestand, bleibt er immer noch genervt von den Kollegen, den Mitmenschen, den Umständen des Lebens überhaupt. Das Granteln und Grummeln deutet jedoch auf eine besondere Feinfühligkeit hin, die nur ausgeglichen werden kann durch weitläufiges Spazierengehen, stundenlanges Sitzen bei einem Wein vor dem Haus, durch Steingeschosse in die Fenster der laut feiernden Nachbarn (dass das Geschoss versehentlich das Fenster eines verschreckten alten Ehepaares zertrümmert, bringt die seelische Konstruktion wieder gefährlich ins Wanken).

Beruhigungsfaktor Nummer zwei: Manchmal schielt man neidvoll auf die eidgenössischen Nachbarn, bei denen so manches anders, aber nach außen hin immer so proper erscheint. Der Hunkeler mit seinem großen Verständnis für die Abgehängten, Abseitigen, Verwirrten, er nimmt einen mit hinter die Fassaden. Beispielsweise ins Basler „Milchhüsli“, eine Kneipe, wo schon einmal ein Betrunkener auf dem Boden pennt. Man lernt mit dem Alt-68er Hunkeler: Die Schweiz hat ihren Reiz, aber eben nicht für jeden. Jede Gesellschaftsordnung, die auf Konsum und Kapital basiert, produziert auch ihre Opfer. Um die sich der Hunkeler dann, Ruhestand hin oder her, kümmert.

Pressebild_hunkeler-in-der-wildnisDiogenes-Verlag_72dpiBeruhigungsfaktor Nummer drei: Hunkeler-Krimis zu lesen, das ist immer mehr, als „nur“ einen Krimi zu lesen. Das „literarische Gewissen“ darf sich beruhigend einlassen – das ist mehr als bloße Spannungsliteratur (das ist es im Grunde sogar am wenigsten), sondern immer auch Gesellschaftskritik, Philosophie, Lebenskunst. Meist rutscht der Kriminalfall nach hinten, in diesem, dem zehnten Fall sogar ein bisschen zu sehr: Der Tod eines Kritikers (das löst bei Walser-Lesern zunächst einen Schreckmoment aus) wird beinahe linker Hand aufgelöst, ist im Grunde nur der Rahmen. Hansjörg Schneider lässt seinen brummigen Ermittler diesmal mäandern durch Stadt (Basel), Land (Elsass) und Fluss (eine Runde im Rhein zu schwimmen, gehört da einfach dazu) und führt seine Leser somit in ganz verschiedene Lebenswelten, die von obdachlosen Ex-Kommunisten, streunenden Stadt-Indianerinnen, von Alkoholikerinnen und ätherisch scheinenden Künstlerinnen bewohnt werden. Geschickt verknüpft Schneider Gegenwart und Vergangenheit, zeigt auf, wie die Verstrickungen der Menschen während des Nationalsozialismus auch heute noch im Drei-Länder-Eck nachwirken.

Hunkeler zu lesen, das ist auch eine Übung in Entschleunigung. So unzulänglich einem die Welt da draußen auch erscheint, nach einigen Stunden mit dem philosophierenden Ex-Kommissar kommt man wieder in seine Mitte. Ohm. Ein Fazit, das auch Sylvia Staude von der Frankfurter Rundschau zieht:

„Allemal geht es bei Hansjörg Schneider mehr um Lebensphilosophie in schweizerischer Gelassenheit und leiser Melancholie, als um einen Whodunnit. Die Sache mit dem toten Kritiker ist bald nur ein Nebenbei. Und es stimmt schon, dass Hunkeler auch aufbrausend sein kann. Aber als Leserin kommt man mit ihm zur Ruhe, wird trotzdem nicht im Seichten unterhalten.“

Weitere Besprechungen gibt es bei:

Krimi-Couch
arcimboldis world

Informationen zum Buch:

Hansjörg Schneider
Hunkeler in der Wildnis
Diogenes Verlag, 2020
Hardcover, Leinen, 224 Seiten, € (D) 22.00 / sFr 30.00* / € (A) 22.70
ISBN: 978-3-257-07097-2


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Joey Goebel im Gespräch: „Die Welt bräuchte dringend mehr schüchterne Menschen“

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Bild von Free-Photos auf Pixabay

EIN GASTBEITRAG VON VERONIKA ECKL

Nein, der Mann, der in seinem Anzug und mit den gepunkteten Socken in der Lobby des Hotels Bayerischer Hof in Freising sitzt, ist sich nicht zu schade für eine Lesung in einer kleinen Stadt. Ein paar Tage vorher war Joey Goebel, dessen Romane Vincent, Freaks, Heartland und Ich gegen Osborne inzwischen in 14 Sprachen übersetzt werden, in Berlin zu Gast – an diesem Abend wird er in der örtlichen Buchhandlung aus seinem soeben erschienenen Kurzgeschichtenband Irgendwann wird es gut lesen und danach mit den Gastgebern im Hinterhof grillen. Er freut sich drauf und findet es cool, „dass sich hier alle für meine Bücher interessieren.“

Veronika Eckl traf den Schriftsteller vor der Lesung für ein Interview für Sätze&Schätze.

Joey, Sie waren gerade eine Woche lang in Deutschland unterwegs. Finden Sie, dass Kleinstädte hier und in den USA etwas gemeinsam haben, oder sind das ganz andere Welten? 

Goebel: Oh ja, ich glaube, sie haben etwas gemeinsam. Die Leute, die dort leben, denken oft, dass sie aus ihrem Kleinstadtschicksal nicht rauskommen. Sie sind überzeugt, dass das Leben anderswo stattfindet.

„Irgendwann wird es gut“ beschreibt das Leben ganz unterschiedlicher Menschen in Moberly, einer fiktiven Kleinstadt, die große Ähnlichkeit zu Ihrer Heimatstadt Henderson in Kentucky aufweist. Warum haben Sie diesen Schauplatz gewählt, warum nicht eine Großstadt wie New York oder Los Angeles?

Goebel: Ganz einfach, ich habe mein ganzes Leben in einer kleinen Stadt gelebt. Und die amerikanischen Verlage produzieren ständig irgendwelche Bücher, die in den Großstädten der USA spielen. Davon gibt es wirklich genug. Ich wollte eine modernere Version von Sherwood Andersons Winesburg, Ohio schreiben, einem Klassiker der amerikanischen Literatur. Das ist ein Band von Erzählungen über die Bewohner eines kleinen Orts im Mittleren Westen um 1890.

Auch Sie erzählen von kleinen Leben, klein wie die Form der Kurzgeschichte, die Sie gewählt haben. Das Leben Ihrer Protagonisten in Moberly erscheint langweilig und einsam, ja bedrückend. „In Winstons Leben gab es keinen Platz für Hoffnung“, heißt es in der short story über einen Messie, der sein Haus nicht mehr verlässt. Ist es härter, in einer kleinen Stadt zu leben als in einer großen?

Goebel: In der Kleinstadt gibt es weniger Anregungen, weniger Zerstreuung. In meiner Stadt, Henderson, existieren wenige Orte, wo man hingehen kann. Man wird alleingelassen mit sich selbst und seinen eigenen Gedanken, und das macht das Leben natürlich nicht einfacher. Man empfindet das Leiden am Alltag intensiver.

Ihre Geschichten spielen im Hotel, in einem Antikmarkt, im Secondhand-Laden der Heilsarmee. Wie wählen Sie Ihre Schauplätze aus?

Goebel: Es gibt in solchen kleinen Städten eben nicht viele aufregende Orte. Hotels liebe ich, weil sie für Möglichkeiten stehen, vielleicht auch für ein Liebesabenteuer, oder für Traurigkeit und Einsamkeit. Einen Antikmarkt haben meine Eltern gekauft, als sie in Rente gingen. Und in meiner Heimatstadt spielt der Laden der Heilsarmee tatsächlich eine Rolle, weil viele Leute arm sind. Übrigens haben wir wirklich einen eigenen Fernsehsender, so wie den, bei dem die Moderatorin Olivia arbeitet, die von gleich zwei Männern gestalkt wird. Ich interessiere mich sehr für diese Moderatoren von Lokalsendern, die nur für ein kleines Publikum interessant sind, für dieses aber umso mehr.

Sonderbarerweise denkt keiner ihrer Protagonisten darüber nach, aus Moberly zu fliehen, die Kleinstadt hinter sich zu lassen. Warum?

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Joey Goebel. Foto: Regine Mosimann/Diogenes Verlag

Goebel: Die Figuren haben den Gedanken an Flucht schon im Hinterkopf, aber dazu kommt es nicht. Zum einen haben sie alle Geldprobleme. Und dann gibt es wohl oft etwas, was sie zurückhält. So war es auch bei mir: Mein Vater wurde sehr krank, als ich elf war, und er starb, als ich 16 war. Ich hatte das Gefühl, dass meine Mutter und meine Schwester mich brauchten. So kommt es, dass ich jetzt 38 Jahre alt und nie weggegangen bin.

Das erinnert an die Kurzgeschichte „Es wird alles schlecht werden“, in der eine Mutter und ihr erwachsener Sohn sich nach dem Unfalltod des Vaters gemeinsam in ein Schicksal ergeben, das von der Einnahme von Psychopharmaka bestimmt wird.

Goebel: Ja, diese Story ist ein totaler Magenschwinger. Da gibt es wirklich keine Hoffnung. Für mich selbst kann ich sagen: Ich wäre ohne den frühen Tod meines Vaters wahrscheinlich nicht Schriftsteller geworden.

Ihre Eltern waren Sozialarbeiter und auch Sie wirken wie ein Sozialarbeiter, wenn Sie mit einfühlsamer Sympathie, mit lakonischem Humor über ihre unglücklichen Helden schreiben. Existieren die wirklich, oder kommen sie aus Ihrem Inneren?

Goebel: Schreiben ist tatsächlich Sozialarbeit, man muss mit den Figuren sympathisieren. Ich bin übrigens der einzige in meiner Familie, der diesen Job nicht macht; auch meine Schwester ist Sozialarbeiterin. Ein paar dieser Figuren gibt es wirklich; etwa Mr. Baynham, einen älteren Herrn, der in Hollywood beim Film gearbeitet und mit James Dean befreundet war. Aber die meisten kommen aus mir, sie sind Teile meiner Persönlichkeit. Ich habe so viele Neurosen, dass ich aus jeder einzelnen eine Figur machen kann.

Gibt es einen Helden, den Sie besonders gerne mögen, dem sie eine Chance geben, später vielleicht einmal ein glückliches Leben zu führen?

Goebel: Ich mag natürlich den 16 Jahre alten Luke, diesen einsamen Teenager aus “Skanky Baby“, der für seine Punkband lebt und davon träumt, die Kleinstadt hinter sich zu lassen. Das bin ich selbst in dem Alter. Ich hatte keine Freundin, war nicht sportlich, hatte aber die Platten seltsamer Bands zuhause, die sonst niemand besaß.

Und mir liegt Carly am Herzen, die Protagonistin aus „Antikmarktmädchen“, die mit den Gleichaltrigen in der Schule nicht zurechtkommt und ältere Dinge, ältere Menschen bevorzugt, sich mit einem älteren Mann anfreundet. Sie ist meiner Schwester nachempfunden, deren Schüchternheit ich sehr schätze. Die Welt ist nicht für die Schüchternen gemacht, aber sie bräuchte dringend mehr schüchterne, ruhige Menschen, denn diese Menschen denken mehr nach als andere.

Alle ihre Protagonisten sind schrecklich einsam. Warum?

Goebel: Sie alle sehnen sich danach, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten, und scheitern. Bücher über Leute, die sich kriegen und Sex haben und glücklich sind, gibt es genug. Ich wollte zeigen, wie sich der ganze Rest von uns fühlt. Dazu habe ich mir die Regel gegeben: Keinen Sex! Die intensivste körperliche Annäherung, die es im ganzen Buch gibt, ist ein Handkuss. Alle sind und bleiben einsam, bis auf Winston, den Helden der letzten Geschichte „Der Mann, der sich selbst genügte“. Er hatte sich eigentlich für immer in seinem Haus verschanzt, geht aber eines Tages doch raus auf die Straße, weil er fasziniert ist von einer Frau, die jeden Tag an seinem Fenster vorbeikommt. Er ist der einzige, der es schafft, aus sich herauszutreten. Und findet Moberly plötzlich zauberhaft.

Einsamkeit gilt inzwischen als eine der Volkskrankheiten unserer Zeit. Stimmt das?

Goebel: Ich glaube schon, dass die neuen Technologien, die sozialen Medien die Einsamkeit vergrößert haben, auch wenn man meinen könnte, das Gegenteil sei der Fall. Facebook, Twitter und Co. vermitteln den Leuten den Eindruck, dass das Leben eine große Party ist, zu der sie nie eingeladen sein werden.

In der Kurzgeschichte über die Fernsehmoderatorin Olivia, die nach einem Selbstmordversuch in einer Klinik landet, wird die Frage in den Raum geworfen: „War diese Trostlosigkeit etwa die ganze Zeit nur in einem selbst gewesen?“ Was meinen Sie, beeinflusst uns der Ort, an dem wir leben, oder beeinflussen wir den Ort, an dem wir leben?

Goebel: Genau darum geht es in dem Buch. Ich denke, das Leben ist das, was wir daraus machen. Wo auch immer du lebst, deine Einstellung ist entscheidend. Wenn du in Kentucky deprimiert bist, wirst du auch in L.A. deprimiert sein.

Und Sie bleiben Henderson, Kentucky treu?

Goebel: Wissen Sie, eigentlich würde ich gerne nach Deutschland ziehen. Haben Sie ein Gästezimmer? Hier werde ich als Schriftsteller geschätzt, in den USA nicht. Und ich bin stolz darauf, dass ich in Europa bekannter bin als in Trump-Land! Ich unterrichte ja Englisch an einer Highschool, und meinen Schülern sage ich manchmal im Spaß: ‚Hey, seid mal ruhig, wisst ihr eigentlich, dass auf der anderen Seite des Ozeans Leute dafür bezahlen, dass sie mir zuhören dürfen?‘

Ich mag das deutsche Essen, das Bier, das Interesse für Literatur. Meine Eltern hatten beide deutsche Vorfahren. Mein Blut wurde wohl nie richtig amerikanisiert. Aber in Henderson lebt mein kleiner Sohn, und was würde meine Ex-Frau sagen, wenn ich fortgehen würde? Anyway, wie es so schön heißt: „The grass is always greener on the other side.“

Veronika Eckl


Informationen zum Buch:

Joey Goebel
„Irgendwann wird es gut“
Diogenes Verlag 2019
22,00 Euro, Hardcover, Leinen, 320 Seiten
ISBN: 978-3-257-07059-0

LITERARISCHE ORTE: Katherine Mansfield in einer deutschen Pension

„Es war zehn Uhr vormittags, ein grauer Tag, der vom flüchtigen Aufflackern blassen Sonnenscheins seltsam aufgehellt wurde. Sooft die jähe Helligkeit in ihr Zimmer drang, sah es unaufgeräumt und verschmutzt aus. Sie zog die Markisen herunter – doch dadurch entstand eine anhaltende, weißliche Helle, die ebenso schlimm war. Das einzige, was in diesem Zimmer lebte, war ein Glas mit Hyazinthen, das ihr die Tochter der Vermieterin geschenkt hatte; es stand auf dem Tisch und verströmte aus plumpen Blütenkolben einen kränklichen Duft; sogar dicke Knospen entfalteten sich und die Blätter glänzten wie Öl.“

Katherine Mansfield, „Der Pendelschlag“ aus der Erzählsammlung „In einer deutschen Pension“.

9,80 Euro und eine Stunde Zugfahrt. Schon bin ich von Augsburg in Bad Wörishofen. Oft zieht es mich jedoch nicht dahin, aus eigenem Antrieb niemals. Zu eng gepresst, zu inhomogen erscheint mir der Ort mit seinem auf wenigen Quadratmetern zusammengebauten Hotels, Pensionen, Gästehäusern. Dazwischen, in moderner Glasoptik, ein Unterwäsche-Outlet, Spielhallen, Sportstätten. Die Therme, ein riesiges Ding, auf der grünen Wiese, auf der anderen Seite die Autobahnausfahrt mit Erlebnispark und Fast Food-Restaurants. Der Kurgast will unterhalten werden.

Die Fußgängerzone, in fünf Minuten durchlaufen, katapultiert einen zwischen „Schuh-Boutique“ und „Blusen-Paradies“ in die 1970er-Jahre. Die Auslagen der Geschäfte sind auf den Geschmack der Kurgäste ausgerichtet. Die Pudeldichte ist hier außerordentlich hoch. Bei meiner Spurensuche meine ich sogar der lebensklugen und dem Likör zugeneigten Tante aus der „Zürcher Verlobung“ (die Lilo Pulver damals riet, nur nicht den stocksteifen Paul Hubschmied zu ehelichen) zu begegnen, lila Haare, lila Königspudel. Gott, jetzt bin ich gedanklich schon in den 1950er-Jahren gelandet …

Wie aus der Zeit gefallen

Ich fühle mich wie aus der Zeit geworfen. Und stelle mir vor, wie es der erst 20-jährigen Katherine Mansfield ergangen sein muss, als ihre Mutter sie in den Kneippkurort verfrachtete. 1909 war das: Ein Jahr zuvor war Katherine dem strengen Regiment der Mutter nach Europa entkommen. Im fünften Monat schwanger, eine Kürzest-Ehe hinter sich – sie hatte ihren Gesangslehrer, der nicht Vater ihres Kindes war, geheiratet und noch in der Hochzeitsnacht verlassen – und mit einer Frau zusammenlebend: Binnen Monaten war sie zum dunkelschwarzen Schaf der Familie geworden.

In Bad Wörishofen, das durch den Pfarrer und Naturheilkundler Sebastian Kneipp populär geworden war, soll die junge Frau sich weniger dem Wassertreten widmen, sondern dort möglichst unauffällig entbinden und das Kind dann zur Adoption freigeben.

„Annie Beauchamp begleitete ihre Tochter im Mai 1909 ins bayerische Wörishofen und überlässt sie dort ihrem Schicksal. Die Familie überweist ihr zwei Pfund pro Monat, was angesichts der finanziellen Verhältnisse der Beauchamps einer Enterbung gleichkommt“, schreibt Verena Auffermann in ihrem Portrait der Schriftstellerin in dem Sammelband „Leidenschaften – 99 Autorinnen der Weltliteratur“.

Allein in der bayerischen Provinz

Katherine – die sich beim Eintrag in das Gästebuch des Hotels, in dem sie zuerst untergebracht wird – als Schriftstellerin verewigt, soll ihre Mutter nie wieder sehen. Und das Kind wird nie das Licht der Welt erblicken: Die Fama geht, sie habe in der Pension Müller, in der sie untergebracht war, beim Heben ihres Koffers eine Fehlgeburt erlitten.

„Ob die Geschichte mit dem Koffer stimmt oder ob diese Fehlgeburt in Wahrheit nicht ein Abbruch war, weiß niemand“, so Dörte Hansen in ihrem Nachwort zu „Fliegen, Tanzen, Wirbeln, Beben“. „Alles, was sie zwischen ihrer Rückkehr nach London 1909 und dem Jahr 1914 erlebt, bleibt obskur, weil Katherine Mansfield, die penible Redakteurin ihres Lebens, sämtliche Notizen aus dieser Zeit vernichtet.“

Es sind ihre „Jammertagebücher“: Und was sie insbesondere in jenem halben Jahr in der bayerischen Provinz zu jammern hatte, das erschließt sich heute allenfalls aus ihrem Werk. Möchte man eine Ahnung davon haben, wie es der jungen Frau in dieser fremden, engen Welt tatsächlich erging, muss man in ihren ersten veröffentlichten Erzählungen auf Spurensuche gehen. Verena Auffermann:

„Katherine Mansfield (…) sieht sich in der fremden Umgebung um und entdeckt eine verrückte, kränkelnde Gesellschaft, eitel, hochgestochen, wehleidig. Und sie erkennt, dass sich ihr eigener Schmerz und ihre Trauer um das ungeborene Kind am besten mit der Beobachtung anderer betäuben lassen. Sie schreibt auf, was ringsum an den Tischen, auf den Parkbänken und beim Luftbad auf fetten bayerischen Wiesen zu sehen und zu hören ist.“

In einer deutschen Pension

Ihre Beobachtungen aus der Bad Wörishofer Zeit münden in einen Band mit 13 Erzählungen. „In a german pension“ erscheint 1911 und begründet den literarischen Ruhm Manfields. Die Stories sind eine Mischung aus satirischen Bildern und Milieustudien. Die deutschen Kurgäste werden überwiegend als selbstzufriedene Patrioten mit seltsamen Manieren („Stimmt es“, fragte die Witwe und stocherte, während sie sprach, mit einer Haarnadel in den Zähnen, „daß Sie Vegetarierin sind?“) und einem Hang zu üppigen Fleischgerichten mit Sauerkraut überzeichnet. Das Bild vom polternden „Mahlzeit!“-Deutschen mag im England der Vorkriegszeit mit zum Erfolg des Buches beigetragen haben. Die Stärken von Katherine Mansfield liegen jedoch in den subtileren Beobachtungen.

„Die Geschichten sind düster und allzu satirisch, journalistisch unterkühlt – sie selbst empfand sie später als unreif – aber die Familienbeziehungen, die sie dort in all ihrer Verlogenheit bloßstellt, sind doch scharf beobachtet“, so schreibt es Anthony McCarten in seinem Vorwort zu einer 2012 erschienen Gesamtausgabe aller 74 Erzählungen von Katherine Mansfield.

Sie, die „Meisterin der Nebenbemerkung“, wie Verena Auffermann ihren Essay übertitelt, stellt in diesen frühen Geschichten vor allem Frauen und Mädchen in den Mittelpunkt. Mein Favorit in der deutschen Pension ist „Frau Brechenmacher nimmt an einer Hochzeit teil“. Schon wie die vielfache Mutter sich in der Enge der eigenen Behausung, umlagert und gestört von den Kindern, in ihr Festtagsgewand zwängt, wie der Mann, ein Postbote, den ganzen Raum und die Aufmerksamkeit für sich in Anspruch nimmt – Frau Brechenmacher muss sich im dunklen Flur anziehen -, wie bei der Hochzeit die anwesenden Frauen die Braut durchhecheln, wie Frau Brechenmacher mehr und mehr von der Vorfreude auf das Fest in ein resigniertes Erkennen ihres eigenen Lebens gleitet, aber vor allem wie sie dann im Ehebett auf den betrunkenen Gatten wartet, schicksalsergeben – das alles ist so ergreifend, so scheinbar ohne Anstrengung, so nüchtern erzählt, dass schon hier die große Autorin, zu der Katherine Mansfield in ihrer kurzen Lebensspanne wird, erkennbar ist.

„s` ist immer gleich“, sagte sie. „Überall in der weiten Welt ist`s gleich – du lieber Gott – wie blöd!“
Dann verblaßte auch die Erinnerung an die Hochzeit. Sie sank aufs Bett, und wie ein Kind, das darauf gefaßt ist, daß man ihm weh tut, legte sie den Arm übers Gesicht – und Herr Brechenmacher kam hereingetaumelt.“

Das Leben der Frauen

Wer in den Geschichten aus der deutschen Pension nur die satirische Aufarbeitung einiger Monate in der bayerischen Provinz oder der eigenen traumatischen Erfahrungen mit der Schwangerschaft – in etlichen der Erzählungen spielen Geburtsvorgänge eine Rolle – sieht, der greift jedoch zu kurz. Bereits in diesen Stories ist ein Lebensthema der Katherine Mansfield angelegt: Das Leben der Frauen in den Zwängen und Verpflichtungen, die Ehe, Familie und Umwelt ihnen auferlegen, die Suche der Frau nach neuen Rollenmodellen. Skizziert ist dies im vermutlich autobiografischsten Text des Erzählbandes, in „Der Pendelschlag“. Eine angehende Schriftstellerin, die sich kurz ausmalt, wie es wäre, die Mätresse eines wohlhabenden Mannes zu sein – anstelle an einem ebenso armen Schriftstellers zu hängen, verbunden durch die gemeinsame Krankheitserfahrung:

„Wäre sie glücklich gewesen, als sie ihm das erstemal begegnete, hätte sie ihn überhaupt nicht angeschaut – aber sie waren ja wie zwei Patienten im gleichen Krankenhaussaal gewesen – jeder hatte Trost in der Krankheit des andern gesucht – eine reizende Grundlage für ein Liebesverhältnis!“

Mit dem Casimir aus der Erzählung mag der polnische Schriftsteller Floryan Sobienowski gemeint gewesen sein: Durch ihn lernte sie das Werk Anton Tschechows kennen, das sie ihr Leben lang verehrte, aber er steckte sie auch mit Gonorrhoe an, eine Krankheit, die sie, zusätzlich zu der 1917 diagnostizierten Tuberkulose, ein Leben lang beutelte.

Ein einschneidendes Erlebnis

So wurde der Aufenthalt in Bad Wörishofen (das in den Erzählungen übrigens niemals namentlich genannt wird, allenfalls ist von einem fiktiven „Mindelbau“, wohl in Namensanlehnung an den Nebenfluss der Donau die Rede) trotz seiner Kürze zu einem einschneidenden Erlebnis für Katherine Mansfield. Mit dem Kurort ist die ganze Tragik ihres Lebens verbunden – „Verstoß“ und Enterbung durch die Familie, Verlust des ungeborenen Kindes, eine einschränkende und belastende Erkrankung.

Auch die Erfahrung der Armut und Entbehrung, des Lebens in schäbigen Pensionszimmern, die Unbehaustheit und die Verletzlichkeit, die mit dem Gefühl einhergeht, eine „Fremde“ zu sein, all das wird sie bis zu ihrem Tod begleiten.

Während die Wörishofener Zeit tiefe Spuren in Katherine Mansfield hinterließ, ist es andersherum nicht ganz so bestellt: Zwar begegnet man allen Ecken und Enden dem Konterfei von Sebastian Kneipp, doch der Aufenthalt der Schriftstellerin wurde ist weniger sichtbar. Die „Pension Müller“ musste irgendwann weichen, entstanden ist dort eine moderne Wohnanlage – der „Wohnpark Mansfield“. Und zum 130. Geburtstag der Schriftstellerin wurde im weitläufigen Kurpark eine Gedenkstatue enthüllt: Mitten im Grün eine lesende Katherine Mansfield, ganz „Die fortschrittliche Dame“ (eine weitere Erzählung aus der deutschen Pension):

Am Rand des Feldes erhob sich ein mächtiger Nadelwald – einladend und kühl sah er aus. Ein weiterer Wegweiser bat uns, den markierten Weg nach Schlingen zu nehmen und Papier und Obstschalen in den zu diesem Zweck an den Bänken befestigten Drahtbehältern zu deponieren. Wir setzten uns auf die erste Bank, und Karl durchwühlte mit großem Interesse den Drahtbehälter.

„Ich liebe Wälder“, sagte die fortschrittliche Dame und lächelte gequält in die Luft. „In einem Wald scheint sich mein Haar zu regen und sich gleichsam an seinen wilden Ursprung zu erinnern.“

PS: Noch ein Wort zur Ehrenrettung des Kurortes. Nur fünf Minuten Fußweg und man entkommt dem engbebauten Städtchen, am Kneipp-Brunnen vorbei und befindet sich mitten in dem über 160.000 Quadratmeter großen Kurpark. Einmal beschaulich in die Gradier-Anlage, unter großem Quietschen im eisigen Wasser kneippen und dann über Katzenköpfe hinweg auf den Barfußpfad – ich glaube, das hätte auch einer Katherine Mansfield, die immer auch etwas Verspieltes, Kindliches in sich hatte, Freude gemacht…


Weiterführende Informationen:

Katherine Mansfield, „Sämtliche Erzählungen“, herausgegeben und aus dem Englischen von Elisabeth Schnack, Diogenes Verlag

Ein Portrait der Schriftstellerin im Deutschlandfunk

Verena Auffermann, Gunhild Kübler, Ursula März, Elke Schmitter: „Leidenschaften – 99 Autorinnen der Weltliteratur“, btb Taschenbuch

Hier geht es zum Kurpark Bad Wörishofen

Bild zum Download: Skulptur im Kurpark Bad Wörishofen


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LESEZEICHEN von: Urs Widmer

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„Du kletterst auf Leitern und Stühle, um unsre Werke in die Hände der Kunden zu legen. In deinem Büro hängt ein Poster, auf dem steht, was der moderne Buchhändler von heute nicht tun darf, wenn er am Ball bleiben will. Du aber stolperst über jeden Ball, Buchhändler! Du liebst deine Leitern und Stühle. Da sitzt du und liest unsre langsam vergilbten Erstlinge. Für dich wollen wir ein Buch schreiben, das, statt fast niemand, gar niemand kauft, das kannst du am Lager behalten ein Leben lang. Wir kommen dich jede Woche besuchen, du kochst einen Tee, wir bringen einen Schnaps mit, und dann erzählst du uns, wie du einmal, 1933, ein Buch schreiben wolltest, das die Welt von damals auf einen Schlag verändert hätte.“

Urs Widmer

Was macht den „schönsten Ort der Welt“ eigentlich zum schönsten Ort der Welt? Natürlich, selbstverständlich, ohne Zweifel sind es die Bücher. Ein Raum ohne Bücher, sagte schon Cicero, das sei ein Körper ohne Seele. Dann müssten Buchhandlungen ziemliche seelenvolle Orte sein. Aber manche, die Paletten über Paletten an Neuerscheinungen anbieten, die wirken einfach seelenlos.
Denn es sind nicht nur die Bücher, die Geschichten erzählen. Es sind auch die Menschen, die mit diesen Büchern leben und handeln. Eine Buchhandlung wird zum schönsten Ort der Welt, wenn man dort diese eine Buchhändlerin trifft, den Buchhändler, die aus jedem Buch, das sie verkaufen, eine Geschichte machen. Die wie Seelenverwandte wirken, wie alte Freunde und die dir das Gefühl vermitteln, mit jedem Buch, das du kaufst, nimmst du einen Schatz mit nach Hause.

Geschichten über Menschen in Buchhandlungen – über Buchhändler und ihre manchmal etwas seltsamen Kunden – vereint ein Sammelband aus dem Diogenes Verlag, aus dem auch das Zitat von Urs Widmer entnommen ist. Autorinnen und Autoren wie Ingrid Noll, George Orwell, Patricia Highsmith, Martin Suter erzählen spannend, anrührend und vergnüglich aus dem Tat- und Lebensort Buchhandlung. Eine schöne Auswahl für Bibliophile und Bibliomanen, getroffen von Martha Schoknecht.

Informationen zum Buch: „Der schönste Ort der Welt“

Georges Simenon: Die Katze

Simenon

Bild: (c) Michael Flötotto

„Es gab nirgendwo mehr etwas zu erledigen. Man hatte ihn nicht verstanden, oder er hatte die andern nicht verstanden, und dieses Missverständnis würde nun wohl nie mehr geklärt werden. Einen Augenblick überkam ihn die Anwandlung, sich in einem Brief zu erklären; aber das war nur eine letzte Eitelkeit, deren er sich schämte und auf die er verzichtete.”

Georges Simenon, Der Buchhändler von Archangelsk, 1956.

Das Gute an einem Simenon-Roman ist: Wenn man mit einem zu Ende ist, dann kann man sich gleich auf den nächsten freuen – die gehen einem eigentlich nie aus.

Mit Georges Simenon ist es wie mit Rosenkohl: Entweder man liebt ihn oder lehnt ihn absolut ab. Die Crux des Belgiers in den Augen der Literaturkritik: Er schrieb eindeutig zu viel. Und er schrieb eingängig, flüssig, einen einfachen, fast spartanischen Stil. Und dann natürlich „nur“ Kriminalliteratur. Bis heute leider Grund genug für einige wenige Hohepriester der Literatur, Simenon als ernstzunehmenden Autoren nicht einmal wahrzunehmen.

Georges Joseph Christian Simenon, der ein langes, erfülltes Leben hatte (1903-1989), schrieb praktisch wöchentlich einen Roman: Insgesamt 75 über seinen sympathisch-muffeligen Kommissar Maigret, zudem 100 „Non-Maigrets“, sowie Erzählungen, Kurzgeschichten und unter verschiedenen Pseudonymen auch noch etliche Groschenromane.

Der schriftstellerische Durchbruch kam mit Maigret – ab den 1930er Jahren erschrieb sich Simenon so den Rang eines der meistgelesenen und kommerziell erfolgreichsten Schriftsteller unserer Tage. Und seither wird auch darüber gestritten – fast so, als handele es sich um Glaubensfragen – ob Simenon nun ein „ernstzunehmender“ Schriftsteller sei oder nicht. Er trug durch lakonische Bemerkungen selbst zu diesem „Image“ des literarischen Leichtgewichts bei – sein Spiel mit der Öffentlichkeit: „Alles, was man für einen Krimi braucht, ist ein guter Anfang und ein Telefonbuch, damit die Namen stimmen.“

Der Wortschatz zu gering, die Sätze zu kühl, der Stil zu einfach – was von Einigen bemängelt wird, scheint von einer Vielzahl von Lesern goutiert zu werden. Was die Kritik ihm versagte, gaben ihm die Leser – und auch von Kollegen erhielt er Anerkennung: „Georges Simenon ist der wichtigste Schriftsteller unseres Jahrhunderts”, sagte Gabriel García Márquez. André Gide äußerte sich ähnlich: „Georges Simenon ist heute unser größter Schriftsteller, und zu dieser Überzeugung werden außer mir auch schon noch andere kommen.”

Wer Simenon nicht kennt (gibt es solche?), sollte sich einfach einmal dieser Selbsterfahrung unterziehen. Einsteigern empfehle ich natürlich die Maigrets, aber auch den oben zitierten Buchhändler, die Phantome des Hutmachers, und, und, und…

Es ist eine klare Sprache, eine einfache Sprache, es geht um einfache Menschen, die durch simple Zufälle und an sich unbedeutende Handlungen in einen großes Unglück geraten. Und dann keinen einfachen Ausweg mehr finden. Oder wie Simenon selbst sagte: „Der Mensch ist derart schlecht für das Leben ausgerüstet, dass man fast einen Übermenschen aus ihm machen würde, wenn man in ihm einen Schuldigen – statt ein Opfer – sähe.“

Wie zwei sich schuldig machen, aber im Grunde selbst nur jeweils erbarmungswürdige Opfer ihrer eigenen Unzulänglichkeiten sind – das zeigte Simenon meisterhaft an einem Roman, der zu meinen Lieblingen innerhalb seines Werks zählt.

„Marguerite hatte ihren ärgsten Feind bereits beiseitegeschafft, die Katze, deren bloße Gegenwart eine Beleidigung für das Geschlecht der Doises und ihre Empfindsamkeit darstellte. Warum sollte sie nicht eines Tages auch ihren Mann beiseiteschaffen? Die meisten Giftmorde, das hatte er in der Zeitung gelesen, wurden von Frauen verübt.“

Georges Simenon, „Die Katze“, 1967

Welche rätselhaften Wege die menschliche Seele einschlägt, das zeigt sich meist daran, wenn zwei sich in absoluter Abneigung verbunden sind. Welche Finten und Finessen sich das menschliche Hirn einfallen lässt, um einen anderen Menschen zu verletzen, zu treffen, zu quälen. Und ich spreche (vielmehr schreibe) dabei nicht von den markerschütternden Bluttaten, sinnlosen Metzeleien, grausamen Morden aus den Schlagzeilen. Sondern von den ganz gewöhnlichen, alltäglichen Allerweltsgemeinheiten.
Einer, der diese Abgründe in der Psyche der sogenannten „Menschen wie Du und Ich“ festhalten, schriftstellerisch erforschen und auf Papier bannen konnte wie wenige sonst, war Georges Simenon. Es sind die „Non-Maigrets“, in denen er sich den Abgründen unserer Spezies widmet. Es sind ganz einfache, klar strukturierte Geschichten, so simpel und schlicht, und doch so (oder auch gerade deswegen) wirkungsvoll, weil man spürt: Der da, die da, das könnte auch ich sein.

„Die Katze“, das Psychogramm einer gescheiterten Ehe, ist für mich ein Meilenstein in Simenons Werk. Zwei, in Hassliebe verbunden, bis der Tod sie scheidet. Erzählt wird aus Perspektive des Mannes: Er, Émile, aus einfachen Verhältnissen stammend, als Bauvorarbeiter tätig gewesen, mit einem Hang zu leicht vulgären Frauen, trifft als Witwer Ende seiner 60iger-Jahre die nur wenig jüngere, ebenfalls verwitwete Marguerite. Zwei Einsame berühren sich für kurze Zeit – und doch gelingt es ihnen nicht, aus der Ein- auch eine Zweisamkeit zu machen. Die Ehe scheitert schon nach wenigen Monaten, zu unterschiedlich sind sie in Herkunft, ihren Haltungen, ihren Hoffnungen. Zu fragil die Basis des Zusammenkommens.

„Sie waren nur durch die Sackgasse voneinander getrennt gewesen. Weder sie noch er hatte längere Zeit alleine gelebt. Beide waren gewohnt, Teil eines Paares zu sein.
Er lebte allein in seinem Zimmer über dem jungen Ehepaar, das gerade ein Kind bekommen hatte. Und sie war nicht weniger allein in ihrem Haus, in dem sie sich ein bisschen verloren vorkam und manchmal Angst hatte.“

Als Émiles Katze (das einzige Lebewesen, mit dem er harmoniert) vergiftet wird, verdächtigt er seine Frau. Als Racheakt verliert deren Papagei zunächst Federn und dann das Leben. Dies sind die einzigen Mordtaten. Mehr braucht es nicht, um Unbehagen zu wecken.

Nach dem Tod der Tiere kommuniziert das Ehepaar nur noch über Zettel. Eine Zettelwirtschaft, bei der eine Annäherung nicht mehr möglich ist. Aus Missverständnissen wird Misstrauen, aus Misstrauen wird Hass. Ebenso wenig jedoch gelingt auch eine Trennung. Der klassische Fall von zweien, die nicht mehr miteinander, aber ebenso wenig auch ohne einander sein können. Die spärlichen Versuche, aufeinander zuzugehen oder auszubrechen aus diesem Gefängnis mit zweien, die zugleich Wärter und Gefangene sind – sie wecken Mitleid, Traurigkeit, werfen Fragen auf. Warum so leben? Und, genau besehen: Warum leben viele so?

Simenon muss diese Fragen nicht explizit beantworten, er muss nicht analysieren, er muss nicht erklären – bei ihm genügt diese schlichte Beschreibung, das Fortschreiben einer Geschichte, um Begreifen auszulösen, aber auch, um Beklemmung zu wecken: Wie dünn der Firniss der Zivilisation doch ist. Wie schnell die lauernden Urinstinkte an die Oberfläche kommen. Wie wenig es braucht, um sich das Leben schwer, wenn nicht gar zur Hölle zu machen. Einige Spaziergänge mit Émile genügen, um in das Innere dieser Ehe und ihrer Protagonisten zu dringen.

„Im Laufe seines fünfzehnminütigen Spaziergangs war er an einem Krankenhaus, einem Gefängnis, einer psychiatrischen Anstalt, einer Schwesternschule, einer Kirche und einer Feuerwehrkaserne vorbeigekommen. War es nicht so etwas wie eine Zusammenfassung des menschlichen Lebens? Es fehlte nur noch der Friedhof, und der war auch nicht weit.“

So wie jedoch auch Émile nicht ohne Mitleid und Zärtlichkeit für „die Alte“ ist, so mitfühlend geht auch Simenon mit seinen Figuren um in ihrem ganzen Scheitern an der Welt. „Die Katze“ zeigt: Da sind zwei, die wollen anders, können aber nicht. Und weil man aus dem eigenen Erleben, der eigenen Erfahrung weiß, dass einem dies auch selbst widerfahren kann, fühlt man sich beim Lesen von Georges Simenon, dem Meister der Schlichtheit, ertappt – und verstanden.

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J. Ryan Stradal: Die Geheimnisse der Küche des Mittleren Westens

Stradal

Bild: (c) Michael Flötotto

Bei diesem Buch habe ich mir keine Notizen gemacht, keine Zitate angemerkt, keine Lesezeichen eingelegt. Wäre auch gar nicht gegangen. Denn: Ich wollte einfach nur lesen. Und in den Lesepausen hatte ich Appetit auf leckeres Essen.

„Die Geheimnisse der Küche des mittleren Westens“ ist allerbeste Unterhaltung. Ein erstklassiges Flutschbuch – locker geschrieben, leicht und lässig, aber eben nicht ohne Anspruch, mit einer spannenden Konstruktion, die den Leser an der Leine hält. Ein Pageturner erster Sahne, um nun ganz tief in die kulinarische Rhetorik einzusteigen. Der Red Hot Chilli Pepper unter den Debütromanen, die mir in den vergangenen Monaten in die Leserküche geraten sind.

J. Ryan Stradal hat all das drauf, was man sich von nordamerikanischen Autoren erwartet und erhofft: Ein Talent dafür, von außergewöhnlichen Menschen außergewöhnliche Geschichten zu erzählen und dabei doch allgemeingültige, existentielle Fragen anzusprechen, die auch uns gewöhnliche Leser in unseren alltäglichen Leben beschäftigen – was ist Familie, was ist Freundschaft, was ist Liebe? Und wann gibt es das nächste gute Essen?

Dieses Basisrezept amerikanisch-literarischer Hausmannskost wird verfeinert wie folgt: 3 gut gehäufte Esslöffel sprachliches Talent, 100 Gramm Kreativität und Phantasie, 1 Prise Ironie, 1 Messerspitze Gesellschaftskritik und irgendeine Geheimzutat, die dazu führt, dass das alles bedeutend weniger kopf- und bodenlastig, bedeutungsschwanger und kalorienhaltig daherkommt als manches, was in deutschen Literatenküchen so angerichtet wird.

Ja, dies ist auch ein – mein – Bekenntnis zum Flutschbuch. Literatur darf, soll und kann anstrengend sein, muss auch herausfordern, soll erarbeitet werden. Aber manchmal möchte ich auch schlicht und einfach gut unterhalten werden – und das ist diesem Roman gelungen wie wenig anderen Büchern zuvor in den vergangenen Jahren. Ich habe mich an das Lesegefühl erinnert, als ich den ersten John Irving in die Hände bekam – ein ähnliches Gespür für Geschichten, nur ohne Bären und Ringer, zeigt dieser junge Autor auf. Und ähnlich wie Irving beherrscht er die Kunst der menschenfreundlichen Ironie – auch wenn er beispielsweise die Anhängerschaft der glutenfrei-regional-angebauten-genfrei-gezüchteten-biobauer-vegan-und-überhaupt-nur-das-Gesündeste-für-mich-und-mein-Kind-Fraktion aufs Korn nimmt, so geschieht dies mit viel Wärme für seine Figuren.

Tja, und um was geht es nun überhaupt bei diesen Küchengeheimnissen? Bri von „Feiner reiner Buchstoff“, von der ich diesen schönen Buchtipp habe, hat den Roman „ordentlich“ vorgestellt – nachlesen kann man alles Inhaltliche dort, die Rezension kann ich 1:1 so unterstreichen (zur Besprechung hier). Wie Bri ebenfalls herausstreicht, ist die clevere Konstruktion des Romans hervorzuheben – erzählt wird die Lebensgeschichte der begnadeten Köchin Eva, von ihrer Geburt an bis zu ihren etwa 30er-Jahren. Doch nicht stringent an einem Lebenslauf entlang, sondern aus den Augen anderer erzählt, in einzelnen Episoden, die im Schlusskapitel bei einem großen Dinner nochmals verknüpft werden. Ähnlich aufgebaut ist auch der Roman „Quasikristalle“ von Eva Menasse – auch hier bildet sich der Charakter der Hauptfigur durch die Betrachtung aus mehreren Perspektiven heraus.

Zugegeben, ich mache es mir etwas einfach mit meiner Schwärmerei für dieses Buch und verweise auf die Rezensionsarbeit anderer – aber: Ich möchte noch einmal das Schlusskapitel lesen und ganz dringend einige der Rezepte, die im Buch wiedergegeben sind, ausprobieren.

Gruß aus der Küche. Und allen, die sich vom #stradalfieber anstecken lassen: Guten Appetit!

Der 2015 bei Viking, New York erschienene Roman wurde in deutscher Übersetzung 2016 durch den Diogenes Verlag herausgegeben. Mehr Informationen zu Autor und Buch (samt Leseprobe) gibt es beim Verlag:
http://www.diogenes.ch/leser/autoren/s/j-ryan-stradal.html

Stradal betreibt auch eine eigene Homepage: http://www.jryanstradal.com/#coming

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Evelyn Waugh: Wiedersehen mit Brideshead

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1981 wurde der Roman durch das britische Fernsehen verfilmt – Schauplatz der Dreharbeiten für das fiktive Brideshead war Howard Castle in Yorkshire.Bild von Pexels auf Pixabay

„Die Erbauer ahnten nicht, wie sehr man ihr Werk einmal missbrauchen würde. Sie bauten ein neues Haus aus den Steinen einer alten Burg, und Jahr für Jahr, Generation um Generation bereicherten sie und vergrößerten es. Jahr für Jahr reifte das Holz im Park heran, bis bei einem unerwarteten Frost Hoopers Zeitalter anbrach. Das Haus verkam und das ganze Werk wurde zunichtegemacht; Quomodo sedet sola civitas. Windhauch, Windhauch, das ist alles Windhauch.“

Evelyn Waugh, „Wiedersehen mit Brideshead“, 2013 in neuer Übersetzung als Schmuckausgabe mit Schuber und Lesebändchen beim Diogenes Verlag erschienen, 544 Seiten, ISBN 978-3-257-06876-4.

Quomodo sedet sola civitas: Und wie liegt die Stadt so wüst! Wie einst der Prophet Jeremiah in seinen Klageliedern, so klagt auch Captain Charles Ryder bei seinem „Wiedersehen mit Brideshead“: Wie liegt der Landsitz, der ihm wenige Jahre zuvor die Welt bedeutete, so wüst, von seinen Bewohnern verlassen, von Soldaten als vorübergehende Unterkunft belegt, niedergekommen und missbraucht vor ihm.

„Wiedersehen mit Brideshead“ ist ein seltsames Buch. Es weckt Enthusiasmus oder aber Verdruss. Andere Leser empfahlen mir es wärmstens: „Ein einzigartiges Lesevergnügen, ein Genuss, sagenhaft!“  Auf dem Blog eines anderen Lesers war zu sehen, er habe sich selten so gelangweilt und gequält mit einem Buch. Bei seinem Erscheinen 1944 erntete der Autor Kritik und böse Worte. Heute gilt es als das englische Gegenstück zu „The great Gatsby“: Die brillante Schilderung des Niedergangs einer bestimmten Klasse.

Seit ich aus dem Leserausch wieder aufgetaucht bin, bin auch zwischen den Polen gefangen. Die Rezension musste einige Wochen warten. Ich war mir nicht schlüssig, ich war irritiert.

Tatsächlich – beim Wiedersehen mit Brideshead kann man die Welt vergessen. „Die heiligen und profanen Erinnerungen des Hauptmanns Charles Ryder“, so der Untertitel, entwickeln eine magische Sogwirkung. Die Sprache, mich hat vor allem die Sprache (und hier muss auch der Übersetzer unter dem Pseudonym (?) „pociao“ erwähnt werden), der Stil, die Atmosphäre gefangen genommen. Die Sprache in diesem opulenten Roman, der sich um eine Familie im Niedergang und die unheilbare Liebe des Aufsteigers Charles Ryder zu deren Mitgliedern dreht, ist wirklich von einer einzigartigen Macht und stilistischen Schönheit. Voller unverwechselbarer und unvergesslicher Momente – seien es die Dialoge zwischen Charles Ryder und seinem skurril-exzentrischen und lieblosen Vater, die düstere Kulisse im afrikanischen Exil des alkoholkranken Jugendfreundes oder auch die erste Begegnung mit seiner späteren großen Liebe.

Die eigentliche Hauptrolle spielt – neben der Religion, dazu aber später mehr  – tatsächlich ein Haus, besser gesagt einer dieser typischen englischen Landsitze mit Brunnen, Butler, Kindermädchen und allem was dazu gehört. Als Waugh das Buch 1944 schrieb, da „war der heutige Kult um die englischen Landsitze unmöglich vorauszusehen“, so der Autor in einem 1959 verfassten Vorwort.

„Damals schien es, als wären die uralten Stätten, die zu den bedeutendsten künstlerischen Errungenschaften unserer Nation gehören, dazu bestimmt, wie die Klöster des sechzehnten Jahrhunderts der Plünderung und dem Zerfall anheimzufallen“.

Waugh setzte mit seinem Buch diesen einzigartigen Landgütern ein literarisches Denkmal – das zunächst auf Skepsis und Kritik stieß.

Zum einem lag der Misserfolg wohl daran, dass Waugh mit seinem Buch zu offen an die englische Nationalwunde rührte: Das Ende des Empires, der Niedergang des Adels, eine gewisse Erstarrung in den 1920er und -30er Jahren, in denen der Roman hauptsächlich spielt.

Zum anderen thematisiert Waugh eine Minderheit im anglikanischen Großbritannien: Die aristokratische Familie Flyte ist geprägt von ihrer streng katholischen Moral, Abweichungen und Sünden werden geahndet, schwarze Schafe aus der Herde verbannt, selbst die Liebe hat sich dieser Konvention zu beugen. Somit wird „Wiedersehen mit Brideshead“ zu einem der traurigsten, aber auch unbegreiflichsten Liebesromane des letzten Jahrhunderts. Dass Kirche und Klassenbewusstsein den menschlichsten Gefühlen entgegenstehen können – das war für mich irritierend an einem Roman, der in den 1930ern und zumal noch in Großbritannien spielt. Ungeduld, ja Ärger und fast Zorn empfand ich dabei stellenweise – ich wollte Julia, Charles` große Liebe rütteln, sie anherrschen, einen Gott fahren zu lassen, der die Menschen auf Erden unglücklich macht.
(Na, wenn das kein Zeichen für die stilistische Qualität eines Buches ist: Dass man beim Lesen mit den Figuren nicht nur lebt, sondern auch mit ihnen spricht.)

Kurz zum Handlungsablauf: Charles Ryder kehrt als Captain der englischen Armee nach Jahren nach Brideshead zurück. Während seiner Studienzeit in Oxford lernte er zunächst den jüngsten Sohn der Familie, Sebastian, kennen (und lieben). Dieser leidet, wie alle der Kinder der Familie Flyte, unter den strikten religiösen Normen und Regeln, die vor allem von der Mutter, Lady Marchmain, vorgegeben werden. Lord Marchmain ist bereits vor Jahren nach Venedig geflüchtet, lebt dort mit einer Geliebten, die Ehe besteht nur noch auf dem Papier und der Form halber. Letztendlich scheitern alle Protagonisten an den selbstgewählten Konventionen und Pflichten: Sebastian wird alkoholkrank und verkümmert im Ausland, Julia, seine Schwester, versagt sich nach einer unglücklichen Ehe dem möglichen Glück mit Charles und jener – der sicher auch von der Faszination des Reichtums und des Adels angezogen wurde – bleibt allein und zwischen allen Klassen haften.

Es wird in diesem Roman viel getrunken unter den Männern, und so kommen auch weinselige Wahrheiten auf den Tisch:

„Ich habe dich ausdrücklich und detailliert vor der Flyte-Familie gewarnt. Charme ist die große englische Plage. Außerhalb dieser feuchten Insel existiert sie nicht. Sie erfasst und zerstört alles, was sie berührt. Sie zerstört die Liebe, sie zerstört die Kunst, und sie hat, so meine große Befürchtung, auch dich zerstört, Charles.“

Zerstört, allein, gebrochen: das sind sie am Ende alle. Ein Buch, das von Verlusten handelt, solchen, die unausweichbar sind, solchen, die unnötige Opfer sind. Julia und Charles bei ihrem Abschied:

„Jetzt werden wir beide allein sein, und ich kann dir nicht dabei helfen, es zu verstehen.“
„Ich möchte es dir nicht leichter machen. Ich hoffe, es bricht dir das Herz, aber ich verstehe es.“
Die Lawine war herabgestürzt, die Bergflanke blieb kahl zurück. Die letzten Echos verhallten auf den weißen Hängen; der neue Eishügel funkelte und lag still im schweigenden Tal.

Exzentriker und Ekelpaket

Die irritierende Thematik des Romans ist eng mit der Biographie seines Schöpfers verknüpft: Evelyn Waugh, ein Exzentriker, Dandy, Ekelpaket zuweilen. 1903 in London geboren, die Familie gehört dem britischen Bildungsbürgertum an, bereits der Vater ist ein bekannter Journalist und Publizist. Auch Waugh studiert unter anderem in Oxford, schlägt zunächst den Weg des Journalisten ein, fällt aber vor allem durch Trinkgelage und einen exzessiven Lebensstil auf. 1928 heiratet er, trennt sich aber bereits ein Jahr später, veröffentlicht die ersten satirischen Romane und kehrt dann genauso konsequent, wie er zuvor den Lebemann markierte, dieser Lebensweise den Rücken. 1930 konvertiert er zum Katholizismus. Seine erste Ehe wird 1936 aufgelöst, er heiratet ein zweites Mal, und bezieht mit seiner zweiten Frau, mit der er sieben Kinder hat, einen englischen Landsitz. Waugh stirbt 1966 auf seinem Landsitz in Sommerset.

„Wiedersehen mit Brideshead“ gilt als vollendete Gestaltung eines Grundthemas, das Waugh auch in seinen satirischen Romanen immer wieder aufgreift: Die Kluft zwischen der Verklärung einer idealisierten Vergangenheit und der Gegenwart, die die Figuren auf die nüchternen Tatsachen des Lebens zurückwirft.


Zwei weitere Bücher des Autors kann ich aus eigener Leseerfahrung wärmstens empfehlen – darüber hinaus zeigen sie die Vielgestaltigkeit dieses Schriftstellers:

„Tod in Hollywood“ ist eine 1948 erschienene Satire, eigentlich von ihm als „angloamerikanische Tragödie“ bezeichnet. Während der romantische Realismus von „Brideshead“ in seiner Heimat auf Kritik stieß, war die amerikanische Unterhaltungsindustrie von dem Roman begeistert – Waugh reist nach Hollywood, um über eine eventuelle Verfilmung zu verhandeln. Heraus kommt jedoch ein Buch, mit dem dieser bissige Brite den ewigen Kult der Amerikaner um Jugend und Schönheit bis auf die Spitze karikiert. Ein junger britischer Schriftsteller, als Autor in den Filmstudios gescheitert, strebt eine Karriere als Tierleichenbestatter bei den „Ewigen Jagdgründen“ an, bei denen die Reichen und Gelangweilten ihren überfütterten Schoßtieren einen würdigen Abschied geben. Was absurd klingt, könnte heute durchaus Realität sein…

„Befremdliche Völker, seltsame Sitten“ erschien in „Die Andere Bibliothek“ und ist eine köstlich zu lesende Reisereportage, wenn auch nicht frei von der Perspektive eines snobistischen Angehörigen einer Kolonialmacht.

Aus dem Verlagsprogramm:
»Ein englischer Snob in Afrika«
Als Evelyn Waugh am 10. Oktober 1930 von London aus nach Addis Abeba aufbrach, wusste er nicht recht, was ihn erwarten würde. Aus einer Laune heraus hatte er beschlossen, aus dem fernen Afrika über die Krönung von Haile Selassie zum König der Könige in Äthiopien zu berichten. Alle bedeutenden Weltmächte reisten zu den Feierlichkeiten in die unfertige Hauptstadt Äthiopiens – und bauschten das Ereignis gewaltig auf. In Europa klangen die Berichte von der ungeheuerlichen Prachtentfaltung bei der Krönungszeremonie des Königs der Könige wie ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Waugh dagegen fühlte sich wie ein englischer Gentleman inmitten geschmackloser Barbarei und sah ganz andere Dinge als seine Journalisten-Kollegen – und auch bei seiner Heimreise über Aden, Sansibar, Kenia, Belgisch-Kongo und Südafrika zeigte sich Waugh als Mann totaler Illusionslosigkeit mit staubtrockenem Humor.

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