Karl Kraus – Man frage nicht

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Man frage nicht

Man frage nicht, was all die Zeit ich machte.
Ich bleibe stumm;
und sage nicht, warum.
Und Stille gibt es, da die Erde krachte.
Kein Wort, das traf;
man spricht nur aus dem Schlaf.
Und träumt von einer Sonne, welche lachte.
Es geht vorbei;
nachher war’s einerlei.
Das Wort entschlief, als jene Welt erwachte.

Karl Kraus (1874-1936)

Als im Januar 1933 die Nationalsozialisten an die Macht kamen, verstummte Karl Kraus: Der Sprachgewaltige, der Sprachmächtige, er verlor anscheinend vorübergehend die Sprache angesichts jener, die sie vergewaltigten für ihre Hetze, die mit ihren Worten ein ganzes Volk manipulierten.

Erst im Oktober 1933 meldete Karl Kraus sich wieder zu Wort: Erst dann erschien erneut eine, die 888. Ausgabe der Zeitschrift „Die Fackel“. Das Heft umfasste gerade einmal vier Seiten – einen Nachruf auf den Architekten Alfred Loos und jenes Gedicht. Die dünnste Fackel, die es je gab – und wenige Worte genügen, um das Dilemma und Verzweiflung dessen sichtbar zu machen, der nicht nur an die Kraft der Sprache glaubte, sondern auch an ihre moralische Wirksamkeit. Das Wort entschlief, als jene Welt erwachte…
Die von ihm 1899 gegründete Fackel hatte er auch geschaffen, um gegen Sprachverhunzung, die zumeist auch Wahrheitsverschleierung ist, anzukämpfen. Um die Rhetorik der Machthabenden zu entblößen. Kraus schreibt der Fackel in das Programm: “Das politische Programm dieser Zeitung scheint somit dürftig; kein tönendes ‘Was wir bringen’, aber ein ehrliches ‘Was wir umbringen’ hat sie sich als Leitwort gewählt.”

1914 noch schreibt er vehement gegen den Missbrauch der Sprache und die öffentliche Kriegstreiberei an. Hat ihn, zwanzig Jahre später, die Kraft verlassen, auch das Vertrauen in das Wort verlassen?

Intensiver mit den Hintergründen setzt sich Richard Schuberth, offenbar ein leidenschaftlicher Kraus-Anhänger, auseinander – man beachte insbesondere Teil 23 bis 25 seiner “Anstiftungen zum Wiederentdecken von Karl Kraus”:

“Und so tat Kraus, was er schon bei Ausbruch des I. Weltkriegs getan hatte: Er entzog sich der Kakophonie lauter Parolen und vorschneller Meinungen und recherchierte und reflektierte unermüdlich. Zeit seiner letzten drei Lebensjahre würde eine Öffentlichkeit, die ihm Indifferenz, Feigheit und Faschismus vorwarf, nicht ahnen, dass er Frühling und Sommer 33 nichts anderes getan hatte als an einer 400-seitigen Fackel-Ausgabe mit dem Titel Dritte Walpurgisnacht zu arbeiten, der ersten profunden Kritik des Nationalsozialismus, denen die Faschismusanalysen der kommenden Jahre, wie Friedrich Dürrenmatt meinte, nur noch Quantitatives beifügen konnten. Das Heft war größtenteils schon gesetzt, als sich Karl Kraus entschied, es zurückzuziehen.
Die Dritte Walpurgisnacht, welche 1952 posthum als Buch erschien, beginnt mit jenen berüchtigten Worten Mir fällt zu Hitler nichts ein , deren Zitat vor allem der böswilligen Unterschlagung dessen dienen sollte, was dem Satz folgte, und zwar der scharfsinnigen Erörterung, warum es gegenüber dem Phänomen der Gewalt keine Polemik geben kann und vor dem des Irrsinns keine Satire sowie mehr Einfällen zu Hitler, seinen Schergen, Mitläufern und schwachbrüstigen Gegnern, als irgendeinem seiner Zeitgenossen einfielen.”

Statt der Walpurgisnacht also das öffentlich bekundete Verstummen: Es brachte Karl Kraus viel Kritik (unter anderem die “Grabreden”), bis heute überdeckt es für manchen den Blick auf die  Haltung dieses Schriftstellers, der sich der Schrift im wahrsten Sinn des Wortes stellte. Andere konnten Kraus` Haltung nachvollziehen: “In einem zehnzeiligen Gedicht/Erhob sich seine Stimme, einzig um zu klagen/Daß sie nicht ausreiche” schrieb Bertolt Brecht in seiner berühmten Replik. 1934 kündigte Brecht jedoch Kraus die Freundschaft aufgrund der Kraus-Äußerungen zur Unterdrückung der sogenannten “Februaraufstände” in Österreich.

1934 erschien keine normale Ausgabe der Fackel, sondern die Erklärung Warum die Fackel nicht erscheint. Karl Kraus hatte den Druck der Nummer mit dem 300 Seiten-Torso “Die Dritte Walpurgisnacht” gestoppt. Stattdessen erläuterte er auf beinahe ebenso viel Seiten seine Haltung: Er sei an eine Grenze geraten, weil “Gewalt kein Objekt der Polemik, Irrsinn kein Gegenstand der Satire” sein kann.

Die letzte Nummer erschien 1936, vier Monate vor seinem Tod, diese Ausgabe endete mit dem Wort: Trottel.

Persönliche Anmerkung:
Chemnitz. Ein Beispiel, wenn auch ein Eklatantes, dafür, was gärt und herausbricht. Noch ist es Zeit, ganz laut die Stimme zu erheben gegen den um sich greifenden Rechtsextremismus. Nicht länger stumm bleiben, sondern lauter werden!

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Hans Sahl: Memoiren eines Moralisten

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Unser Schicksal steht unter Denkmalschutz.
Unser bester Kunde
ist das schlechte Gewissen der Nachwelt.
Greift zu, bedient euch.
Wir sind die Letzten.
Fragt uns aus.
Wir sind zuständig.

Aus: „Die Letzten“ von Hans Sahl.

In den „Memoiren eines Moralisten“ und dem Erinnerungsband „Exil im Exil“ (beide zum Auftakt der Werkausgabe vom Luchterhand Verlag 2008 wiederaufgelegt) schildert der deutsche Schriftsteller und Journalist Hans Sahl, wie es ist, einer der Letzten zu sein. Einer jener, die von einer bedeutsamen Epoche der Geschichte berichten konnten, die sogar mittendrin standen in den kulturellen Umbrüchen und politischen Wirrnissen, die man dann im Nachkriegsdeutschland zwar als Gast (auch bei der Gruppe 47) duldete, aber eigentlich nicht mehr hören wollte.

„Wie kann ich über die zwanziger Jahre sprechen, ohne an ihr Ende zu denken, wie über jene Epoche, ohne das Bewußtsein, einer der Letzten zu sein, der noch über sie berichten kann. Diese Epoche hatte einen eigenen Zungenschlag, einen Verständigungs-Volapük, der zur Voraussetzung hatte, daß man das letzte Stück von Brecht, die letzte Inszenierung von Piscator, Jessner, Reinhardt gesehen, die letzte Kritik von Kerr oder Ihering gelesen hatte, daß man auf dem laufenden war über die Konzerte von Furtwängler, Toscanini, Klemperer, Kleiber, Bruno Walter, über Tairows „Entfesseltes Theater“, den „Dybbuk“ der Habima und Meyerholds letztes Gastspiel in Deutschland, über die Negertänzerin Josephine Baker und den flüsternden Bariton Jack Smith, über Eisensteins „Potemkin“ und Chaplins „Goldrausch“, über Gershwins „Rhapsody in Blue“ und den „Zauberberg“ von Thomas Mann und Hermann Hesses „Steppenwolf“ (…)“

Allein dieser kurze Ausschnitt lässt erahnen, wie sehr Sahl selbst Teil dieser Kultur war. Und wie unermesslich groß die kulturelle Lücke war und ist, die die braunen Diktatoren schließlich schlugen. Berlin in der Weimarer Republik: Es waren ideell reiche, manchmal überreiche Zeiten, in denen alles möglich schien. Hans Sahl sieht den Menschen jener Zeit prototypisch in Tucholskys Herrn Wendriner verkörpert:

„Diese Neugier auf das Neueste eines überraschend schnell zum Weltbürger gewordenen Berliners, dem es nur um eins ging: dabeizusein. Und als das Neueste vom Neuen kam, nämlich Hitler, mußte er auf die grausamste Weise mit dabeisein, entweder als Opfer oder als Opfernder.“

Es lohnt sich, diese Erinnerungen zu lesen. Nicht nur, weil Hans Sahl sie alle kannte und ebenso klug und lebendig über sie zu berichten weiß: Bert Brecht, Joseph Roth, Alfred Döblin, Kästner, Kisch und Konsorten, alle die berühmten Literaten der Weimarer Jahre, später auch Thornton Wilder, Arthur Miller und Tennessee Williams, deren Werke er ins Deutsche übersetzte.

Es lohnt sich diese Memoiren zu lesen. Und dies nicht nur, weil viele der Geschehnisse der Weimarer Republik, die schließlich in den Nationalsozialismus mündeten, gerade heute als aktuelle Warnung dienen könnten. Nicht deshalb, weil uns als Leser „das schlechte Gewissen der Nachwelt“ schlägt – sondern weil wir Hilfestellung suchen für die Welt von morgen. Wo es rechts außerhalb gewisser Parteien nichts mehr geben darf, wo alles, was nicht links ist, sich als rechts verdächtig macht, kurzum, wo politisches Kastendenken und Populismus um sich greifen, da tut so eine Ermahnung aus der Vergangenheit not.

Es lohnt sich vor allem, diese Bücher zu lesen, weil dieser Hans Sahl einfach ein ganz großartiger Mensch gewesen sein muss, der klug von vergangenen Zeiten berichtet, liberal, weltoffen, witzig, nachdenklich, gut reflektierend.

Selbst in eine gutbürgerliche, deutschnational angepasste jüdische Familie hineingeboren, sucht Sahl (1902 – 1933) einen Gegenpol zum Bürgertum der Eltern, indem er sich politisch links engagiert.

„An dem Tage, da der deutsche Außenminister Walther Rathenau in der Königsallee von politischen Fanatikern ermordet wurde, begann der Religionsphilosoph Ernst Troeltsch, bei dem ich hörte, seine Vorlesung: „Der Feind steht rechts!“ Nichts ging mehr zusammen. Rechts war a priori schlecht, und links a priori gut. Dazwischen gab es ein bürgerliches Niemandsland, in dem Kellner mit serviler Geschäftigkeit eine Gans über die Teller verteilten und die Geige zum Maronenpüree spielte. Die Bürgertugenden unserer Eltern sagten uns nichts mehr, wir waren gegen das Eigentum und für eine freie Verteilung der Güter, was uns jedoch nicht daran hinderte, von den Vorteilen, die uns die „Profitwirtschaft“ bot, entsprechend Gebrauch zu machen. Der Riß ging mitten durch das Elternhaus und führte zu öffentlichen Konfrontationen, da in den Straßen Berlins die Parteien demonstrierten. Ich marschierte mit den Kommunisten, mein Vater mit den Demokraten.“

Später, nach dem Hitler-Stalin-Pakt, als Sahl auch gute Freunde, wie beispielsweise die Schauspielerin Carola Neher, bei den Moskauer Schauprozessen und in den Untiefen der Gulags verliert, rückt er immer weiter von den Kommunisten ab. Und gerät dadurch – ähnlich wie der im vorhergehenden Beitrag portraitierte Gustav Regler – im Exil ins Exil: 1933 noch mit knapper Not vor den Nationalsozialisten über Prag und Zürich nach Paris geflüchtet, kommt Sahl in die USA, wird dort aber vom linksgerichteten Kreis anderer europäischer Exilanten aufgrund seiner kritischen Stalin-Haltung geächtet. Er lebt im Exil im Exil – so erklärt sich der Titel seines zweiten Erinnerungsbandes.

Sahl sieht die Zwischentöne, während viele andere in diesen erhitzten Zeiten nur noch schwarz oder weiß gelten lassen. Doch nicht von ungefähr betitelt der Autor seinen ersten  Erinnerungsband auch als „Memoiren eines Moralisten“: Da schreibt ein Mann, der vieles durchlebt hat. Und alles durchdacht. Auch das eigene Tun und Wirken:

„Warum begann ich zu schreiben? Sicher nicht aus Eitelkeit, auch nicht nur aus Geltungsbedürfnis oder dem Wunsch, mich mitteilen zu können, auch nicht nur aus der Freude am Wort und der Sprache als Selbstgenuß, ich schrieb, weil ich beschlossen hatte, ein Schriftsteller zu werden. Schriftsteller waren bessere Menschen, ich wollte ein besserer Mensch werden, wie alle die anderen besseren Menschen, die Söhne aus gutem Hause; die jetzt auf den Tribünen, in Büchern und Zeitschriften, für eine neue Gesellschaft eintraten, für Freiheit und Gerechtigkeit hienieden.“

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges erwägt Sahl vorübergehend, aus den USA nach Deutschland zurückzukehren. Nach einem längeren Aufenthalt zieht er eine nüchterne Bilanz:

„Ich blieb fünf Jahre in Deutschland, schrieb für Zeitungen, sprach im Rundfunk und suchte nach einem Ansatzpunkt, um die politische Entfremdung von dem Land meiner Geburt zu überwinden. Ich war ein exterritorialer Mensch geworden, ein „Gast in fremden Kulturen“, wie ich es für Hermann Kestens Sammelband „Ich lebe nicht in der Bundesrepublik“ formuliert habe. Ich versuchte, der Alternative zwischen zwei Provisorien ein Ende zu machen, indem ich mich für das entschied, was mir vertrauter geworden war. Ich ging also nach Amerika zurück, nicht mehr als Flüchtling, sondern als Berichterstatter deutscher Zeitungen. Erst als ich mich entschlossen hatte, nicht mehr von Amerika zu leben, schloß ich Frieden mit Amerika.“

Zumal man in der „alten Heimat“ noch nicht allzu viel von den Emigranten wissen will. 1991 sagt Hans Sahl anlässlich der Verleihung des Internationalen Exil-Preises:

„Ich war zum ersten Mal 1949 mit einem Haufen von Manuskripten, mit Gedrucktem und Ungedrucktem, mit Gedichten, Essays, Erzählungen und Einaktern aus dem Exil gekommen sowie mit einem Roman „Die Wenigen und die Vielen“, der jedoch von fast allen Verlegern abgelehnt wurde, bis er schließlich doch noch bei S. Fischer erscheinen konnte. Die einen sagten, es sei zu früh, die anderen, es sei zu spät, und die dritten sagten, es sei zu früh oder zu spät …“

Aber er sagt auch:

„…als Antwort auf Ludwig Marcuse, der von der Exilliteratur nichts anderes verlangte, als zu überleben, schrieb ich unter anderem den Satz: „Exil ist nicht nur ein von Hitler aufgezwungener Verlagswechsel, Exil ist eine Verpflichtung.“

Erst spät, „zu spät“ nach seinem Empfinden, wird Hans Sahl in der Bundesrepublik wahrgenommen und gehört. 1989 kehrt er zurück, um hier seine letzten Jahre zu verbringen. Zum 90. Geburtstag des Autoren schreibt Michael Rohrwasser im „Tagesspiegel“ von einer „späten verlegerischen Wiedereinbürgerung“, als auf Initiative der Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung Sahls Texte wiederaufgelegt werden.

Besser jedoch spät als nie, denn:

„Das gefährliche Wort von der Wiedergutmachung an einem Autor sollte man, auf Sahls Werk bezogen, tunlichst vermeiden. Welcher Leser möchte schon aus Pflichtschuldigkeit lesen? Es gibt freilich einen legitimen Grund, zu Hans Sahls Büchern zu greifen: Der liegt in ihrer Qualität.“

Und damit hat Rohrwasser einfach recht: Die Erinnerungsbände von Hans Sahl sind mit das Beste, was man an autobiografischer Exilliteratur zu jener Epoche lesen kann.

Weiterführende Quellen:
Zum 25. Todestag erschien im Deutschlanfunk dieses Portrait:
http://www.deutschlandfunk.de/25-todestag-der-exilschriftsteller-hans-sahl.871.de.html?dram:article_id=416497
Eine umfassende Einordnung in der Trans:
http://www.inst.at/trans/15Nr/05_02/reiter15.htm
Informationen beim Verlag:
https://www.randomhouse.de/Autor/Hans-Sahl/p74339.rhd#publication

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Trude Krakauer: Niewiederland

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Lichten Traum

Hofft, ihr werdet in der Heimat nisten,
Tröstlich winkt sie nach den Trennungsjahren.
Elend, wißt ihr, werdet ihr dort finden (…)

Trude Krakauer sah die „alte Heimat“, das „Niewiederland“, nur einmal wieder, 1981 bei einer Reise nach Österreich. Vom „Rückwärts gehen“ erwartete sie nicht viel, wie auch ihr beinahe trotzig klingendes Gedicht, datiert auf den 5. Februar 1948, vom „Lichten Traum“ erkennen lässt. Jedoch: Auch das Exil, Kolumbien, war nicht zur Heimat geworden, es gelang ihr in ihrem langen Leben nicht, hier vollständig Wurzeln zu fassen, nur Luftwurzeln blieben ihr, Wurzeln, die keine Erde fanden. Zum Ausdruck kommt dies in einem ihrer späteren Gedichte, „Luftwurzeln“ (Auszug):

Ich hab meinen Halt in der Erde verloren.
Luftwurzeln treib ich, blasse Gedichte,
Die zittern und schwanken und tasten ins Leere.

„Ich habe gerne hier gelebt, aber nie habe ich dieses Land als meine „zweite“ Heimat betrachtet. Man hat nur eine Heimat, so wie man nur eine Mutter hat“, schreibt sie 1993. Dabei verbrachte Trude Krakauer (nicht zu verwechseln mit Trude Dothan, geborene Krakauer) mehr Lebensjahre im kolumbianischen Exil als in der österreichischen Heimat. Am 30. Mai 1902 in Wien geboren, flieht sie nach dem „Anschluss“ Ende 1938 nach Lateinamerika. Hochbetagt, im Alter von 93 Jahren, stirbt sie am 25. Dezember 1995 in Bogotá. Die Heimat hat sie nie vergessen – aber im Gegenzug vergaß die Heimat beinahe sie. Es ist der österreichischen Exilforscherin und Lyrikerin Siglinde Bolbecher (1952-2012) zu verdanken, dass Trude Krakauer nicht vollständig aus dem Bewusstsein geriet – und dass ihre Gedichte erhalten blieben und überhaupt veröffentlicht wurden.

Ballade vom Niewiederland

Wer seinen Weg im Niewiederland sucht,
der kommt nirgends an und kehrt nimmermehr heim;
er geht nur und geht, um zu gehen.
Er geht durch die Straßen der Nimmermehrstadt (…)

Trude Krakauer teilt – nicht nur in der Zerrissenheit zwischen zwei Welten – das Schicksal vieler Exilanten: Vertrieben, verloren, vergessen. Ihr Name erscheint heute nur marginal in der Literatur, meist in Fachbüchern über die Literatur im Exil. Zu Lebzeiten wurden die Gedichte Trude Krakauers, die bis zu ihrem Lebensende in ihrer Muttersprache schrieb, nur dreimal in österreichischen Publikationen veröffentlicht. Dabei hätte ihr schmales, dafür aber umso intensiveres Werk mehr Aufmerksamkeit verdient. Sicher liegt ihr geringer Bekanntheitsgrad aber auch an der Zurückhaltung und Bescheidenheit, die Trude Krakauer prägten. Siglinde Bolbecher, die 1993 die verbliebene österreichische Exilgemeinde in Kolumbien aufsuchte, lernte die Dichterin dort persönlich kennen. In ihrem Nachwort zur einzigen bislang veröffentlichten Sammlung ausschließlich mit Gedichten von Krakauer, „Niewiederland“, erschienen 2013 in der Reihe „Nadelstiche“ der Theodor Kramer Gesellschaft, zeichnet Bolbecher ein feines Portrait der Dame, die sie in Bogotá kennenlernte:

„Es mangle ihrer Biographie an Leistungen – meint Trude Krakauer mit feiner Ironie -, an denen sich der Lebensfaden festknoten läßt und zugleich ist „Leben“ immer viel mehr als wir erzählen können. „Meine Biographie ist eigentlich in meinen Gedichten enthalten.“ In ihnen nimmt sie die schwierige Kommunikation mit Herkunft, der beglückenden, aber auch tödlichen Mühle der Kindheit und Jugend auf.“.

So zurückhaltend wie sie als Person durch diese wenigen Zeilen anmutet, so präzis- unprätentiös ist die Sprache ihrer Lyrik. Oftmals mit einer Spur von Bitterkeit angereichert. „Die Zeit heilt alles“ – so der Titel eines Gedichtes – nur die „pochend-wunden Herzen“ nicht. Ein Auszug:

Die Zeit heilt alles. Über Massengräber
Weht grünes Gras. Wir halten sie für gütig,
Wenn ihren Schleier unfühlbar und fühllos
Sie über Tote zieht, die uns noch leben,
Und über unsre schmerzhaft wachen Augen
Und unsre wehen, pochend-wunden Herzen.
(…)
Der Tod heilt alles, doch solang ich lebe
Will ich unheilbar sein.

Woher kam die Frau, die später einige der wichtigsten spanischsprachigen Literaten übersetzte (unter anderem Jorge Guillén, Rubén Darío, Blas de Otero) und doch nie viel Aufhebens um sich machte? Die mit anderen Dichtern im Exil befreundet war, aber kaum über ihre eigene Dichtung sprach?

Aufgewachsen war sie in einem liberalen Elternhaus: Ihr Vater, Dr. Heinrich Keller, war nicht nur ein bekannter Kinderarzt, sondern hatte auch mehrere sozialkritische Romane und ein Buch über Pädagogik geschrieben. „Er war sozialdemokratischer Bezirksrat und verstand sich als „Revolutionär“: Freigeist, antiklerikal, dem Fortschritt und dem Humanismus verbunden“, so Siglinde Bolbecher. Eine Haltung, die die Tochter übernahm – doch nicht nur dieses sollte für sie später, im Nationalsozialismus, zur Gefährdung werden. Keller war zwar konvertierter Protestant – dies schützte ihn jedoch vor dem Rassenwahn der Nazis nicht. Der Kinderarzt erzog seine Kinder religionslos. Später, 1938, löst sich Trude Krakauer von ihrem Taufbekenntnis, vollzieht die Aufnahme in die jüdische Gemeinschaft – als Bekenntnis und Zeichen der Zugehörigkeit zu ihrem verfolgten Volk. Man sieht an ihrer Biographie – da hat eine bereits in jungen Jahren ihren eigenen Kopf, sucht ihren Weg, will etwas bewegen. Einfach macht sie es ihrer Mutter Nelly, die in ihrer Jugend selbst Gedichte schrieb, nicht. Ein ganz anrührend zartes Gedicht ist dazu zwischen den zuweilen nüchtern bis trotzigen Tönen in ihrer Lyrik zu finden:

Meiner Mutter

Und oft, wenn ich`s zu arg getrieben,
Mein ich, mir sei kein Weg geblieben,
Und alles sei zu Ende.
Und dann kommst du und sprichst ein gutes Wort,
Wie du`s nur kannst und deine lieben Hände
Sie streicheln jedes Leid mir fort.

Vielleicht klingt in diesem undatierten Gedicht auch die Sehnsucht nach dem „Mutterland“, der „Muttersprache“, nach der vergangenen, einigermaßen in Takt gewesen Welt zurück. Doch Trude Krakauer weiß: Es gibt keine Umkehr.

Auch nicht in dieses Wien, in dem sie als junge Frau sich in der sozialistischen Jugendbewegung engagierte, an der Universität ausprobierte – zunächst auf Wunsch der Eltern im Studium der Medizin, dem folgten Staatswissenschaften, zugleich hörte sie Vorlesungen für Karl Kraus, für dessen Sprache sie sich begeisterte und dem ebenfalls Gedichte gewidmet sind. Bereits neben dem Studium arbeitet sie als Englischkorrespondentin für sozialdemokratische Stellen, ist von 1934 an aber für die Kommunisten illegal politisch tätig – ihr Verbleib in Österreich wird lebensgefährlich, bis sie durch ihre Jugendfreundin Thea Weiss ein kolumbianisches Arbeitsvisum erhält.

Dort dann der Aufbau einer neuen Existenz: Sie heiratet den mährischen Chemiker Dr. Emil Krakauer, arbeitet als Übersetzerin und Sekretärin in Bogotá, ist aktiv im “Comité de los Austríacos Libres”, für das sie zusammen mit der deutschen Schriftstellerin Margot Neumann-Hermer Literaturlesungen und andere Vorträge vorbereitet. Ab 1952 bis 1977 ist sie dann in der deutschen Handelsvertretung beschäftigt. Das ist der nüchterne Rahmen eines Lebens in der „neuen“, der anderen Welt. Die Bezüge zur Heimat werden immer weniger. Und klarsichtig erkennt sie wohl: Das ist Vergangenheit, sie warnt vor „Sehnsuchts-Vergoldungen der alten Heimat“ heißt es in dem Exilliteratur-Buch „Ferne Heimat, nahe Fremde“, herausgegeben von Eduard Beutner:

“Bei der im kolumbianischen Exil gelandeten Lyrikerin Trude Krakauer ist ebenfalls das Realitätsprinzip am Werk: „Erwürge endlich/das Kind in dir,/das spielen will. (…)/Lern`s mit verwandelten Zeichen zu rechnen:/plus ist gleich minus,/ Freude ist Schmerz.(…)/Lerne, dass Schönheit brennendes Leid ist,/lerne die Sprache, die nicht verbindet/lern`s mit verwandelten Zeichen zu rechnen“, heißt es, vergleichbar mit Jean Amérys bedrängenden Reflexionen über das schwierige Entziffern von Zeichen in der Fremde, bei Krakauer freilich aber zwecks lebensbewältigender Perspektive.”

Lebensbewältigung, nicht zurückschauen, nicht werden zu „Loths Weib“, wie eines ihrer Gedichte heißt. Es gelingt ihr einigermaßen. Und so trägt ihr vermutlich letztes Gedicht vom 12. Jänner 1987 den Titel „Zuletzt“ (Auszug):

Ich gehe mit mir jetzt sehr nachsichtig um,
Eine uralte Frau muß man schonen,
(…)
Der Weg war so kurz – oder war er so weit? –
Ich ging durch so viele Geschichten.

Angaben zum Buch:

Trude Krakauer · Theodor Kramer Gesellschaft (Hg.)
Niewiederland
Mit einem Nachwort von Siglinde Bolbecher
Theodor – Kramer – Gesellschaft, Wien
2013 · 96 Seiten · 12,00 Euro
ISBN: 978-3-901602-49-8

Erschienen ist der Gedichtband „Niewiederland“ bei der Theodor Kramer Gesellschaft: http://theodorkramer.at/

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Friedrich Torberg: Die Tante Jolesch

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„Vom Kaffeehaus war schon so oft und ausgiebig die Rede, daß es sich fast erübrigt, ihm ein eigenes Kapitel zu widmen. Im Grunde ist ja dieses ganze Buch ein Buch vom Kaffeehaus. Kaum eine der auftretenden Personen wäre ohne das Kaffeehaus denkbar. Kaum eine der von ihnen handelnden Geschichten, auch wenn sie anderswo spielen, wäre ohne das Kaffeehaus entstanden. Kaum einer der hier verzeichnenden Aussprüche wäre getan worden, wenn es das Kaffeehaus nicht gegeben hätte. Für die auftretenden Personen war es der Nährboden, aus dem sie ihre geheimen Lebenssäfte sogen.“ 

Friedrich Torberg, „Die Tante Jolesch“, 1975. 

Wer sich ein wenig mit der spezifischen Form der Kaffeehausliteratur beschäftigt, der kommt an der Tante Jolesch nicht vorbei. Als Friedrich Torberg 1975 diese Anekdotensammlung veröffentlichte, bezeichnete der Schriftsteller und Journalist es als „ein Buch der Wehmut“ und sich selbst als einen der letzten, der aus eigener Kenntnis von einer verschwundenen Welt berichten konnte.

Der Tante Jolesch gab er einen eindeutigen Untertitel: „Der Untergang des Abendlandes in Anekdoten“. In der Tante Jolesch schrieb Torberg über die Menschen, die er gekannt und erlebt hatte – wie die Tante alle weiteren auch bestimmte Typen aus dem schwarzgelben Kulturkreis: Die tatkräftigen, oft bissigen Damen seines familiären Umfelds, die Kaffeehausliteraten, die Halbweltkünstler, die Schriftsteller und Journalisten und – nicht zu vergessen – die Kellner und Gastwirte, die eine ganz eigene Lebens- und Geistesart personifizierten.

Dies seien Käuze und Originale, so meinte Torberg (1908 – 1979), wie sie speziell diese Mischung aus k.u.k. Monarchie und jüdischem Bürgertum hervorbracht habe: Ausgestattet mit einem Witz, der mehr vom gesprochenen Wort denn vom geschriebenen Wort lebte, ein Witz, dem die Nationalsozialisten den Garaus machten. Nach dem „Anschluss“ ans Reich starb auch die österreichische Kaffeehausliteratur, ihre berühmtesten Vertreter wurden vertrieben, verjagt, ermordet.

Die Geschichten entführen den Leser an die Stammtische in Wien, Prag und Budapest, nehmen in mit zur Sommerfrische („Was die Natur betrifft, genügt mir der Schnittlauch auf der Suppe“), in die Redaktion des berühmten Prager Tagblatts, später aber führen sie auch in das Exil, wo sich die Versprengten unter anderem in der „Festung Europa“, einem Treffpunkt im Emigrantenviertel Hollywoods, sehen.

Kurz nach Erscheinen des Buches schrieb Dieter Hildebrandt darüber in der „Zeit“ unter dem Titel „Erinnerungsbrunnen auf Flaschen gefüllt“: 

„Torberg ist, wie Karl Kraus, „einer von den Epigonen, die in dem alten Haus der Sprache wohnen“, und was er mit der „Tante Jolesch“ und uns unternimmt, ist eine Wanderung durch dieses alte Haus der Sprache, eine ebenso einladende wie distanzierende Begehung, bei der Türen aufgemacht werden in Trauer und Respekt. Dies alte Haus ist aber bei Torberg kein linguistisches Abstraktum, keine ungewöhnliche Metapher; es liegt irgendwo in Kakanien, in einem Altösterreich, das immer weit über dessen Horizont ging, in einer Landschaft, in der, bei aller Sprachvielfalt, ein geniales gemeinsames Idiom sich ausgebildet hatte: die dialektische Weisheit der Juden, alttestamentarische Pointiertheit. Daß diese Sprache nicht nur das Privileg der Großen, der Vorzug der Schreiber – eines Kraus, eines Joseph Roth, eines Molnar –, sondern daß sie überall zu Haus war, auch bei Tante Jolesch und den ihren, an Kartentischen und in Wirtshäusern, in Redaktionszimmern und auf der Straße, will Torberg uns lehren. Daß dieses alte Haus nun leer steht, zeigt er uns mit einer Strenge, die eigentlich den Spaß nicht recht verstehen will, den der Anekdotenerzähler doch auch wieder gern herbeiführt.“ 

Und so ist also  „Die Tante Jolesch“ ein Buch der Wehmut, aber auch ein Buch, das mich jedes Mal, wenn ich darin schmökere, zum Schmunzeln oder gar zum Lachen bringt. Für literarisch Interessierte ist es zudem eine herrliche Fundgrube – unter anderem setzt Friedrich Torberg all den namhaften Schriftstellern seiner Zeit ein anekdotenhaftes Denkmal: Egon Friedell, Karl Kraus, Peter Altenberg, Anton Kuh, Joseph Roth, Alfred Polgar, Egon Erwin Kisch, Karl Tschuppig und viele andere geben sich hier die Kaffeehausklinke förmlich in die Hand – so sehr, dass Hildebrandt schrieb:

„Nur manchmal hat der Leser das Gefühl, daß er, wie das Abendland, in Anekdoten untergeht.“

Doch der Geschichtenerzähler Torberg hatte und hätte noch mehr auf Lager gehabt – auf die Tante folgte ein weiterer Jolesch-Band sowie „Tante Jolesch und ihre Enkel“, das von ihm aber nicht mehr vollendet werden konnte.

Als ich mit einem Kompagnon diesen Blog gründete, da hatten wir seinerzeit eine Art literarisches Kaffeehaus im Sinn – doch, ich glaube, das ist wie mit der Natur: Der Schnittlauch auf der Suppe schmeckt nur im echten Kaffeehaus richtig gut.

Und die Zeit der großen Kaffeehausliteraten: Sie ist vorbei. Grausam beendet. Friedrich Torberg zieht in seinem Vorwort diesen Schluss:

„Dies ist – ich sag`s zum Abschluß noch einmal – ein Buch der Wehmut. Vielleicht hätte ich ein Buch der Trauer schreiben sollen, aber die möchte ich doch lieber mit mir allein abmachen. Wehmut kann lächeln, Trauer kann es nicht. Und Lächeln ist das Erbteil meines Stammes.“

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Lina Loos: Das Buch ohne Titel

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Bild: Birgit Böllinger

„Ich bin Österreicherin durch und durch; im Zentrum der Stadt Wien geboren und in der Stephanskirche getauft. Das Leben hat mich später etwas an die Peripherie der Stadt abgedrängt, aber sonst geht es mir ganz gut. Ich hatte die Ehre, viele berühmte Wiener während meines schon etwas länger dauernden Lebens kennenzulernen, ja, es gab sogar eine Zeit, in der ich selbst etwas von solcher Berühmtheit besaß. Mein Bruder war Präsident des Bühnenvereines, meine Schwägerin Burgschauspielerin, und meine Eltern waren Besitzer eines der größten und bestgehenden Kaffeehäuser.

Ich war „mitberühmt“, einer der angenehmsten Zustände, die es gibt, aber damals war ich noch dumm – kurz, es stach mich der Hafer, und ich schrieb ein Theaterstück. Es wurde trotz meinen guten Beziehungen für Wien angenommen und wider jede bessere Erfahrung sogar gespielt.

Mein Sturz war jäh!

Die Bevölkerung brachte mir von nun an ein gewisses bürgerliches Misstrauen entgegen:
„Möcht` wissen, wozu dö dös nötig hat.“ Aber das Leben heilt alle Wunden, und nichts wird so rasch vergessen als ein Theaterstück, das nicht einmal aufsehenerregend durchgefallen ist.“ 

Lina Loos, „Das Buch ohne Titel“, Edition Atelier, Wien, 2013. 

Im Oktober 1882 erblickte sie das Licht der Welt, zunächst ausgestattet mit dem ganz und gar unglamourösen Namen „Karoline Obertimpfler“. Und doch avancierte sie in der Blütezeit der Wiener Kaffeehausliteratur zur „silbernen Dame“ – eine Bezeichnung, die der abgründig in sie verliebte Peter Altenberg ihr auf den Leib schrieb.

Beim Fräulein Obertimpfler, die sich später „Lina Loos“ nannte, kamen vorzügliche Eigenschaften zusammen: Ein wacher Geist, eine hohe Intelligenz, eine durchaus auch spitze Zunge, Humor und Herzenswärme und dies alles vereint in einer Frau von außerordentlicher Schönheit.

Die Schauspielschülerin lernt, kaum in die Welt der Wiener Boheme eingeführt, am Peter-Altenberg-Stammtisch im „Löwenbräu“ den Architekten Adolf Loos kennen: Er sieht sie und macht ihr praktisch stante pede einen Heiratsantrag. Die 1902 geschlossene Ehe scheitert jedoch unter tragischen Umständen: Lina lässt sich auf ein Liebesverhältnis mit einem jüngeren Mann ein. Loos, weitaus weniger liberal, als er sich gibt, besteht auf einer Beendigung der Affäre – der junge Mann nimmt sich das Leben, der Skandal ist perfekt, 1905 wird die Ehe geschieden.

An Verehrern leidet Lina Loos auch in der Folge keinen Mangel: Peter Altenberg und Egon Friedell konkurrieren um sie, Männer wie Frauen sind fasziniert von ihrer Ausstrahlung. Zu ihrem weitgefächerten Bekanntenkreis zählt das „Who is who“ der österreichischen Literatur- und Kunstszene jener Epoche. In einem ebenfalls bei Edition Atelier ganz aktuell erschienenen Band mit Briefen („Du silberne Dame Du“, Edition Atelier, 2016) finden sich Briefe von und an Lina Loos mit ihrem geschiedenen Mann, mit Peter Altenberg, Egon Friedell, ihrem engen geistigen Freund Franz Theodor Csokor, mit Alfred Polgar, Joseph Roth, Karl Kraus, Vicki Baum, Else Lasker-Schüler und vielen anderen.

Wer war diese Frau? Eine attraktive „femme fatale“, schmückendes Beiwerk für schreibende Männer? Oder doch eine eigenständige Persönlichkeit, die sich sowohl als Schauspielerin, Kabarettsängerin und als Schriftstellerin verwirklichte?

Die beiden, von Adolf Opel herausgegebenen Bücher, geben Antwort: Lina Loos, so wird anhand der beiden Bücher deutlich, war eine mutige und außergewöhnliche Person, die sich, geprägt durch die Erfahrung zweier Weltkriege und die nationalsozialistische Diktatur, auch zunehmend dezidiert politisch engagierte und außerordentlich viel Zivilcourage besaß.

Ihre ganze Biographie kann bei fembio nachgelesen werden.

Das einzige Buch von ihr, das zu ihren Lebzeiten veröffentlicht wurde, ist „Das Buch ohne Titel“: Ab 1927 hatte sie im Feuilleton des „Neuen Wiener Wochenblattes“ kleine Geschichten, Skizzen, oft fast schon Aphoristisches aus ihrem Leben und ihrer Lebenswelt veröffentlicht – sie schreibt über ihre Familie, ihre berühmten Bekanntschaften, über das Theaterleben, ebenso aber auch über die „einfachen Leute“ in ihren Sieveringer Geschichten. Das sind meist liebevolle und unbeschwerte Petitessen, die bei ihrer Erstveröffentlichung 1947 den Zeitgeist wohl gut treffen – man sehnt sich nach den Jahren des „Anschlusses“ zurück nach der „Welt von gestern“.

Weit eindrucksvoller kommt ihre gescheite Persönlichkeit in den Briefwechseln insbesondere mit Friedell und Csokor zum Ausdruck, auch wenn ihre eigenen Briefe nicht vollständig erhalten sind, man vieles aus den Antworten der schreibenden Herren „erlesen“ muss. Doch man erahnt, welch wachen Geist diese Frau hatte, die alles in Frage stellt, allem nachgeht, wissen und lernen will.

So schreibt sie am 5. August 1933 an Egon Friedell – privat und dringend!:

 „Lieber Egon, 

Glaubst Du, daß, wenn es gelänge, einen Gottesbeweis zu erbringen, die Menschen das Leben verantwortungsvoller leben würden?
ich denke an die Ungläubigen, die durch einen Verstandesbeweis überzeugt werden müßten.
Ist so ein Beweis denkbar? Was denkbar ist, wäre doch durchführbar! Hat Kant nur einen „gefühlsmäßigen“ Beweis erbracht?

Eben fällt mir ein: Leben die Gläubigen gar so verantwortungsvoll?

Das Dringend! entfällt somit!

Antworte mir, als hätte Dir ein Fremder geschrieben – dann hältst Du es für geboten, ausführlich und ernst zu antworten! 

Lina 

Nach 1945 schreibt die schwerkranke Lina Loos, die den Verlust zahlreicher Freunde durch den Krieg, Suizid und Exil zu beklagen hat, weiter Beiträge für Zeitschriften, sie engagiert sich im Österreichischen Friedensrat und beim Bund demokratischer Frauen. Sie stirbt, körperlich sehr entkräftet, 1950.

Die beiden beim Verlag „Edition Atelier“ herausgegebenen Bände über Lina Loos sind als Zeitzeugnisse beachtenswert, vor allem aber als Mosaiksteine zum Portrait einer leidenschaftlichen und klugen Frau. Die Bücher bezaubern auch durch ihre liebevolle Ausstattung. So sind zahlreiche Fotografien beigefügt, ein Lebenslauf mit den wichtigsten Daten und die Briefpartner von Lina Loos werden mit kurzen Portraits vorgestellt.

Das Verlagsprogramm von Edition Atelier findet sich auf dem Blog „Textlicht“ sowie auf der Verlagshomepage: http://www.editionatelier.at/

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Heinrich Heine: Das Buch der Lieder

„Ich weiß nicht, was soll es bedeuten;
Daß ich so traurig bin;
Ein Märchen aus alten Zeiten,
Das kommt mir nicht aus dem Sinn.

Heinrich Heine (1797 – 1856)

Es gibt Gedichte, die sind irgendwie immer da. Es gibt Bücher, die begleiten einen durch das ganze Leben. Und es gibt Stimmen, die summen immer wieder eine Melodie in meinem Kopf. All dies erfüllt für mich „Das Buch der Lieder“ von Heinrich Heine.

Dieses Konglomerrat der frühen Heine-Gedichte, die er ab 1815, damals noch in Düsseldorf, bis 1827 schrieb und unter dem Titel „Das Buch der Lieder“ als Sammelband herausgeben ließ, es ist natürlich ein Stück „deutsches Kulturgut“, um diese hochtrabende Bezeichnung anzuführen. Einer der meistgedruckten deutschen Lyrikbände: Er begründete Heines weltweiten Ruhm als Lyriker, befördert wurde dies durch zahllose Vertonungen etlicher dieser Gedichte (Kindlers Literaturlexikon führt an die 10.000 an). Ob lesender Mensch oder nicht: Mit einem Heine-Gedicht kommt man früher oder später immer in Berührung. Selbst bei meiner Großmutter, in deren wuchtigem Holzbuffet nur einige Bände Ganghofer und ähnliche Bergromane standen, fand sich zwischen alpiner Literatur ein „Buch der Lieder“, fast erdrückt von den Gipfelstürmern, und dennoch setzte es sich durch. Es ist das einzige Buch, das ich von ihr jemals geschenkt bekam. Als Pubertier wusste ich dies zu schätzen: Da sprach einer so anrührend hauptsächlich von der Liebe, aber vor allem von ihrem Verlust, manchmal ironisch, manchmal fürchterlich sentimental, das toppte jeden eigenen Tagebucheintrag.

Du bist wie eine Blume,
So hold und schön und rein;
Ich schau dich an, und Wehmut
schleicht mir ins Herz hinein.

Mir ist, als ob ich die Hände
Aufs Haupt dir legen sollt,
Betend, daß Gott dich erhalte,
So rein und schön und hold.

Dann geriet das Buch unter Kitsch-Verdacht, Heine wurde in eine der hinteren Regalecken zu den Verschämten Lektüren verbannt. Staubte vor sich hin. Ich gestehe es offen: Ich musste erst ein paar Jahre älter, um die eine oder andere Erfahrung reicher werden, um den Herrn Heinrich wieder goutieren zu können. Denn die holden Mägdelein, die süßen Äuglein, die Schmacht im Herzen – sprachlich up to date ist das freilich nicht. Und manches Mal knapp an der Schmerzherzgrenze. Wäre da nicht diese Brechung durch Ironie, die immer wieder aufblitzt.

Teurer Freund, du bist verliebt,
Und Dich quälen neue Schmerzen;
Dunkler wird es dir im Kopf,
Heller wird es dir im Herzen.

Teurer Freund, du bist verliebt,
Und du willst es nicht bekennen,
Und ich seh des Herzens Glut
Schon durch deine Weste brennen.

Viele der Verse, sieht man von den holperigen Beinah-Balladen des jungen Heine und von manchem, was gar zu schwülstig ist, ab – viele der Verse sind gar nicht verstaubt, kommen frisch und frei und leicht daher. Im Lauf der Jahre entwickelte der Lyriker diesen leicht maliziösen-wehmütigen, typischen Heine-„Sound“.

Sie liebten sich beide, doch keiner
Wollt es dem andern gestehn;
Sie sahen sich an so feindlich,
Und wollten vor Liebe vergehn.

Sie trennten sich endlich und sahn sich
Nur noch zuweilen im Traum;
Sie wären längst gestorben,
Und wußten es selber kaum.

„Das Buch der Lieder“ erschien 1827 erstmals bei Heines Verlag Hoffmann und Campe. Es war eine von ihm zusammengestellte Gesamtausgabe fast aller seiner bis dato veröffentlichten Gedichte, die sich unter den Kapiteln „Junge Leiden“ (1817 – 1821), „Lyrisches Intermezzo“ (1822/23), „Die Heimkehr“ (1823/24), „Aus der Harzreise“ (1824) und den beiden Zyklen „Die Nordsee“ (1825/26) finden. Nicht ganz frei von Koketterie schreibt Heine aus dem Paris Exil, wo er ab 1831 lebte, im Vorwort zur zweiten Auflage:

„Nicht ohne Befangenheit übergebe ich der Lesewelt den erneueten Abdruck dieses Buches. Es hat mir die größte Überwindung gekostet, ich habe fast ein Jahr gezaudert, ehe ich mich zur flüchtigen Durchsicht desselben entschließen konnte (…). Verstehen wird diese Empfindung nur der Dichter oder Dichterling, der seine ersten Gedichte gedruckt sah. Erste Gedichte! Sie müssen auf nachlässigen, verblichenen Blättern geschrieben sein, dazwischen, hie und da, müssen welke Blumen liegen, oder eine blonde Locke, oder ein verfärbtes Stückchen Band, und an mancher Stelle muß noch die Spur einer Träne sichtbar sein… Erste Gedichte aber, die gedruckt sind, grell schwarz gedruckt auf entsetzlich glattem Papier, diese haben ihren süßesten, jungfräulichsten Reiz verloren und erregen bei dem Verfasser einen schauerlichen Mißmut.“

Trotz des Mißmutes: Nach der zweiten Auflage tritt der Gedichtband seinen „Siegeszug“ an – Heine selbst erlebt bis zu seinem Tod (nach Jahren in der Matratzengruft) 13 Auflagen dieses Buches. Als verbindliche Fassung gilt die von 1844, die er, da selbst in Hamburg anwesend, vor Ort abnahm und autorisierte. „Das Buch der Lieder“ wird einer der meistgedrucktesten Gedichtbände deutscher Sprache, der Autor in den Jahren danach jedoch auch zu einem der am meisten Geschmähten.

Spricht „Das Buch der Lieder“ noch von der unerfüllten, oftmals schmachtenden Liebe, wird Heines Lyrik später, auch bedingt durch die Pariser Erfahrungen, „handfester“. Heine selbst wollte mit der Veröffentlichung des Buches der Lieder 1827 einen Einschnitt setzen, auf zu neuen Ufer gehen: Weg von der noch romantischen Lyrik des jungen Mannes, von den an mittelalterlichen Balladen beeinflussten Versen, hin zu philosophischen und politischen Schriften – er gibt ab 1827 die „Neuen allgemeinen politischen Annalen“ mit heraus, beginnt für Cottas Augsburger Allgemeine Zeitung zu schreiben und beschäftigt sich mit neuen Themen in Paris. Erst 1844 erscheint ein zweiter Lyrikband, der prompt die Zensoren vor Probleme stellt – der romantische Liederbuch-Heine war dem reinen Schwärmen entwachsen.

„Die Aufnahme der Körperlichkeit ins lyrische Inventar löste in Deutschland eine Flut von Schmähungen aus, die bezeichnenderweise stets vom Modell des Erlebnisgedichts her argumentieren und die Texte als biographische Dokumente auffassten. Dabei ist ihr starker politischer Akzent nicht zu übersehen: Die Liebe stand im reaktionären Deutschland wie die Politik im Zeichen von Entsagung und Unterdrückung.“ (Bernd Kortländer, Kindlers Literaturlexikon, 2009).

Das Sinnlich-Erotische, das Unabhängige, die Abkehr von Deutschland, seine spitze Feder und nicht zuletzt seine jüdische Herkunft: Er wurde als „vaterlandsloser Deutschjude“ beschimpft, im Nationalsozialismus gehörte er, von dem das Zitat „Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen“ stammt, zu den „verbrannten Dichtern“. Doch nicht einmal die braunen Diktatoren konnten seine Lyrik vollständig verbannen – zu sehr gehörten gerade die Loreley-Verse und anderes aus dem „Buch der Lieder“ schon zum kollektiven Gedächtnis. Man ging dazu über, in Volksliedsammlungen und ähnlichem seinen Namen wegzulassen – verdrängen ließ sich der Spötter aus dem Gedächtnis jedoch nicht. Auch eine Art später Triumph.

Selten habt ihr mich verstanden,
Selten auch verstand ich euch,
Nur wenn wir im Kot uns fanden,
So verstanden wir uns gleich.

Mag heute vieles aus dem „Buch der Lieder“ holprig erscheinen, schwärmerisch-exaltiert, manches zu sentimental: Schön ist das Schmachten doch. Auch wenn Heine in Karl Kraus einen späten erbitterten Kritiker fand, der mit seinem Sprachgebrauch harsch ins Gericht ging:

„Heinrich Heine aber hat den Deutschen die Botschaft dieses Himmels gebracht, nach dem es ihr Gemüt mit einer Sehnsucht zieht, die sich irgendwo reimen muß und die in unterirdischen Gängen direkt vom Kontor zur blauen Grotte führt. Und auf einem Seitenweg, den deutsche Männer meiden: von der Gansleber zur blauen Blume. Es mußte geschehen, daß die einen mit ihrer Sehnsucht, die andern mit ihren Sehnsüchten Heinrich Heine für den Erfüller hielten. Von einer Kultur gestimmt, die im Lebensstoff schon alle Kunst erlebt, spielt er einer Kultur auf, die von der Kunst nur den stofflichen Reiz empfängt. Seine Dichtung wirkt aus dem romanischen Lebensgefühl in die deutsche Kunstanschauung.“

Das Essay „Heinrich Heine und die Folgen“ findet sich in voller Länge hier.
„Das Buch der Lieder ist ein harter Brocken“, gestand Robert Gernhardt, der erst spät zum Heine-Anhänger wurde. Weil, was den einen zum Vorwurf gereichte – Heine habe der Sprache so sehr das Mieder gelockert, dass jeder Kommis an ihren Brüsten herumfingern könne (Karl Kraus), das erschien den anderen als längst überfällig. „Wir von der Neuen Frankfurter Schule haben ihr dann auch noch das Höschen geweitet. Man muß sie schon ein bißchen frei machen, damit man mit ihr spielen kann“, so Gernhardt im Interview.

Der eine sagt: „Heinrich mir graut vor Dir“. Der andere greift immer wieder auf ihn zurück – ist er doch auch der Dichter der suchenden, sentimentalen Seelen (und das darf auch mal sein). Und so hat sich im Lauf der Jahre das „Buch der Lieder“ immer wieder in mein Regal geschlichen – als Taschenbuch-Ausgabe, weil Großmutters Band in Ehren gehalten werden muss und nichts für den täglichen Gebrauch ist. Und als Hoffmann und Campe 2014 eine kleine Prachtausgabe herausbrachte, da konnte ich mich wieder nicht zurückhalten. Diese ist ergänzt durch ein Nachwort von Jan-Christoph Hauschild, Mitarbeiter am Heinrich-Heine-Institut in Düsseldorf. Er schreibt über die Gedichte des jungen Heine:

„Traditionell-epigonales, der Schauer- oder der Marienromantik Verpflichtetes mischt sich mit Inhalten aus der konfliktreichen und widerspruchsvollen Gegenwart, Liebeslyrik im Stil der höfischen Dichtung steht neben salopper Behandlung des Themas, kunstvoll gebaute Sonette treffen auf den Ton des erneuerten Volkslieds.
Diese teil konträren Tendenzen, die man auch als virtuose Vielfarbigkeit bezeichnen kann, tun dem Gesamteindruck allerdings keinen Abbruch: Das „Buch der Lieder“ ist seinem Charakter nach ein Buch der Liebe, genauer: der unglücklichen Liebe, die Heine in hundertfacher Variation besungen hat.“

Aus meinen großen Schmerzen
Mach ich die kleinen Lieder;
Die heben ihr klingend Gefieder
Und flattern nach ihrem Herzen.

Sie fanden den Weg zur Trauten,
Doch kommen sie wieder und klagen,
Und klagen, und wollen nicht sagen,
Was sie im Herzen schauten.

Alle hier zitierten Gedichte stammen aus dem „Buch der Lieder“.


Bild zum Download: Das Buch der Lieder


 

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Alfred Polgar: Marlene. Bild einer berühmten Zeitgenossin

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Bild: (c) Michael Flötotto

„Es war die zweite von links, die, im kritischen Augenblick, den Revolver hob und die Kanaille niederschoss. Sie schoss von einer Treppe herab, die im Hintergrund sich wendelte, sie blieb dort stehen, als die Tat getan war, und sah auf das Opfer mit einem Blick, in dem Uninteressiertheit, kindliche Neugier, Müdigkeit und Gefühl schicksalhaften Unvermögens zu verstehen (wie es aus dem Tier-Auge trauert) sich mengten.“

Das war Mitte der zwanziger Jahre in Wien, und „die Dietrich“, damals noch ein kleines Sternchen, schoss nicht nur die Kanaille ab, sondern auch einen Amor-Pfeil mitten in das Herz eines Kritikers: Alfred Polgar. Ein Liebespaar wurden sie zwar nie, aber Polgar behielt sie im Augen und den Pfeil im Herzen – davon zeugt ein Text, der fast 80 Jahre brauchte, um an die Öffentlichkeit zu gelangen:

„Marlene. Bild einer berühmten Zeitgenossin“, Alfred Polgar, entstanden 1937/1938, herausgegeben 2015 von Ulrich Weinzierl beim Zsolnay Verlag.

Insgeheim dachte ich mir das immer schon: Die Wiener Kaffeehausliteraten um Karl Kraus – Egon Friedell, Peter Altenberg, Anton Kuh, um nur einige zu nennen – saßen nicht nur im Café Central und schrieben vor sich hin, feilten an ihrem Sprachwitz und debattierten über Politik. Denn selbstverständlich ging es wohl häufig auch um ein zentrales „Stammtisch“-Thema: Frauen. So muss es gewesen sein, als Alfred Polgar erstmals die junge Schauspielerin in Wien auf der Bühne saß. Sie wurde sofort Gesprächsstoff, ein Dietrich-Club wurde gegründet, und die Herren verzückten sich in juveniler Schwärmerei.

Ein literarisches Zeugnis davon wurde von dem Feuilletonisten Ulrich Weinzierl – gemeinsam bereits mit Marcel Reich-Ranicki Herausgeber der Werke von Alfred Polgar – wiederentdeckt: Die Auftragsarbeit „Marlene. Bild einer berühmten Zeitgenossin“. Das Portrait der Dietrich, das der ganz offensichtlich entflammte Polgar zwischen 1937 und 1938 verfasst hatte, wurde von Weinzierl Jahrzehnte später erst entdeckt und erschien nun, 2015, erstmals beim Zsolnay Verlag.

Was soll man über Polgars Text heute sagen? Ähnlich wie Peter Altenberg war er ein Meister der Prosaskizze, ähnlich wie Karl Kraus ein Sprachkünstler, ähnlich wie Joseph Roth ein begnadeter Feuilletonist, der über Kultur und Politik weitsichtig, scharfzüngig und offenherzig schrieb. Wer Alfred Polgar in seiner Tiefe und Bandbreite kennenlernen will, der greife besser zu den „Kleinen Schriften“, als rororo-Taschenbücher erschienen. Denn der Marlene-Text hat zwei Haken: Er ist eine „Auftragsarbeit“ und es fehlt die Distanz zum „Objekt“. Er war halt von Kopf bis Fuß auf Marlene eingestellt:

„Vor allem die Beine, die berühmt hohen, hoch berühmten Beine Marlenes, die seit dem „Blauen Engel“ rechtens Weltpopularität genießen. Es sind Beine, die dem modernen ästhetischen Anspruch an solche vollkommen gerecht werden. Elegante Beine, schlank und fest, überzeugend parallel, sehr zart in der Linie, die über die Kuppe des Knies in kaum merklicher, sanfter Rundung hinüberzieht…(…)“

Immer schön, wenn Beine parallel stehen – da weiß man nicht, ist dies schon Ironie oder immer noch Überschwänglichkeit. Der andere, reflektiertere Polgar kommt bei solchen Zeilen durch:

„Marlene liebt ein zurückgezogenes, stilles Leben im engsten Kreise. Natürlich ist Luxus nichts, woran sie litte; aber Überfluss zu entbehren bedeutet ihr keine Entbehrung. Nun gilt ja gewiss, dass die bescheidene Lebensform für den, der zu ihr nicht genötigt ist, einen anderen Akzent hat als für den, der sich in sie fügen muss; den kleinen Verhältnissen fehlt das Bittere, wenn die großen nur beurlaubt sind und jederzeit einrückend gemacht werden können.“

Solche Sätze entschädigen für jeden stilistischen Beinbruch.

Alfred Polgar, in Wien und Berlin der 1920er Jahre einer der bekanntesten Essayisten seiner Zeit, musste als Linksliberaler und Jude ab 1933 um sein Leben fürchten. Zunächst hatte er sich vor den Nazis aus Berlin zurück in die Wiener Heimat gerettet, auch dort war jedoch für ihn und seine Frau nach dem „Anschluss“ kein Bleiben mehr. Die Schweiz, Südfrankreich, Spanien, waren die ersten Stationen der Flucht, bis das Ehepaar 1940 in die USA emigrieren konnte.

Martin Meyer schreibt in der Neuen Zürcher Zeitung:

„In diesen Jahren entstand – auch im Sinne einer Kompensation verlorener Schreibgründe – das Projekt eines Essays über Marlene Dietrich für den Wiener Verlag von Wilhelm Frick. Marlene und ihr Mann hatten zugestimmt, ein Vertrag wurde unterschrieben, die Arbeit konnte beginnen. Aber wie? Polgar kramte in seinen Erinnerungen, entwarf ein Schema mit Kapiteln und Motiven und wurde von Marlene zu ersten Gesprächen empfangen, als diese im Sommer 1937 mit ihrem Hofstaat am Wolfgangsee ein paar Ferienwochen genoss. Hier der Kritiker in den Nöten seiner Existenz; dort die Diva in der Überfülle der Zuwendungen. Doch man verstand sich gut, einiges Material lief zusammen, auch wenn Polgar bald darauf bekannte, dass er keine «echte Stimmung» mehr empfinde und in eine «ironische Einstellung zum Thema» hineinzurutschen drohe.“

Von dem Abgleiten in das Ironische ist im Text wenig zu spüren. Zum einen fühlte sich Polgar wohl auch der Dietrich verpflichtet, die ihm – wie anderen Emigranten auch – öfter unter die Arme griff. Zum anderen ist er zu „dicht“ dran, das „verliebt in sie war ich schon auch“ ist zu spüren, manches Mal gleitet das Buch, bei aller Eleganz der Sprache, fast schon in jungenhafte Schwärmerei ab. Die Dietrich, deren Gesicht ähnlich wie das der Garbo, in seiner Flächigkeit und Ebenmäßigkeit wie für den Film geschaffen schien, gleicht in meinen Augen beinahe einer Maske. Das Geheimnis hinter der Maske: Polgar lüftet es nicht. Zu dicht dran ist er als Betrachter. Aber das ist vielleicht auch gut so: Man will die Geheimnisse der (Film-) Göttinnen nicht wissen, man will sie nicht von ihrem Sockel des Überirdischen stürzen sehen.

Die Schattenseiten der Diva lüfteten später andere – die Tochter in einer als Buch veröffentlichten Abrechnung, diejenigen, die sich später mit „Enthüllungen“ einen kurzen Platz im Rampenlicht erhofften.

Polgars Text dagegen ist ein Dokument der freundlichen Zuneigung und in der Zeit verhaftet: Die Dietrich erlebte ab Mitte der 1930er-Jahre, was es heißt, als „Kassengift“ abgestempelt zu werden. Vielleicht sollte auch der Text, der dann aufgrund der Kriegswirren nicht erschien, ihren Glanz mitaufpolieren, der Imagepflege dienen. Sie brauchte ihn letztendlich nicht – 1939 gelang ihr mit „Der große Bluff“ das Comeback als Kassenschlager. Polgar dagegen hatte in Europa kein zuhause mehr: Wie viele Emigranten gelangte er in die USA und verdingte sich einige Zeit in den Schreibstuben der Traumfabrik.

So ist dieses Portrait, das Bild einer berühmten Zeitgenossin, eher etwas für ausgesprochene Marlene-Fans, oder für Leser, die sich einfach am Sprachstil Polgars erfreuen möchten. Noch einmal dazu Martin Meyer:

„Im Untertitel zu «Marlene» heisst es: «Bild einer berühmten Zeitgenossin». Ein solches Bild, ganz aus dem Geist der Epoche gezogen, interessierte heute nur noch beschränkt. Was der Essay wirklich leistet, liegt nun ganz im Jenseits der Historien – nämlich in der Art und Weise, wie Polgar die Porträtierte zu einem «Text» erhebt. Es ist seine Prosa, immerfort neugierig nervös nach Wort, Satz und Rhythmus suchend, die die Hauptrolle übernimmt und deren Charme wir erliegen, derweil uns längst egal sein darf, welches Wesen Marlene denn tatsächlich war – oder gewesen sein könnte.“

Knapp die Hälfte des 160 Seiten umfassenden Buches nehmen das Nachwort von Weinzierl und die editorischen Anmerkungen ein. Weinzierls Ausführungen sind eine Anschaffung des Buches wert: Kenntnisreich vollzieht er die Lebenswege der beiden Protagonisten – Polgar und Dietrich – nach, schöpft aus dem Vollen seiner literaturwissenschaftlichen Kenntnisse, spannt knapp und gut lesbar einen Bogen von Wien über Berlin nach Hollywood. Weinzierls Text ist eine Freude sowohl für Polgar-Kenner als auch für Filmfans.

Über seine Zeit in Hollywood schrieb Polgar 1942 in dem Artikel „Leben am Pazifik“ (Quelle: „Musterung, Kleine Schriften, Band 1“, rororo, Ausgabe 2004):

„Die Emigrantengespräche am Pazifik, zumal in Hollywood, wenden sich, nachdem das über globalen Krieg und globales Elend sachlich zu Sagende gesagt und die angehäuften persönlichen Bitterkeiten ausgeschüttet sind, gern dem Film zu. Sie verweilen dort längere Zeit und werden mit sonderbarer Erbitterung geführt. Die Urteile über pictures gehen weit auseinander und sind von unbedingter Entschiedenheit und abschließender Radikalität. Zwischen „begeistert“ und „angewidert“ gibt es da kaum eine mittlere Meinung. Was „begeistert“ anlangt, ist nun allerdings zu erwähnen, daß in picture-Sachen „begeistert“ ein Hollywooder Mindestausdruck der Bejahung ist. Hat z. B. jemand das getan, was am Pazifik weit verbreiteter Brauch ist, nämlich eine Filmstory verfaßt, so sind von ihr zuversichtlich alle – Familie, Freunde, Agenten und sämtliche Instanzen der Studios – begeistert; und nicht begeistert ist am Ende nur der Verfasser, mit dessen jedermann begeisternder Geschichte niemand etwas anzufangen wußte.“

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Peter Altenberg: Im Volksgarten

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Bild: (c) Michael Flötotto

»Ich möchte einen blauen Ballon haben! Einen blauen Ballon möchte ich haben!«

»Da hast du einen blauen Ballon, Rosamunde!«

Man erklärte ihr nun, daß darinnen ein Gas sich befände, leichter als die atmosphärische Luft, infolgedessen etc. etc.

»Ich möchte ihn auslassen – – –«, sagte sie einfach.

»Willst du ihn nicht lieber diesem armen Mäderl dort schenken?!?«

»Nein, ich will ihn auslassen – – –!«

Sie läßt den Ballon aus, sieht ihm nach, bis er verschwindet in den blauen Himmel.

»Tut es dir nun nicht leid, daß du ihn nicht dem armen Mäderl geschenkt hast?!?«

»Ja, ich hätte ihn lieber dem armen Mäderl geschenkt!«

»Da hast du einen andern blauen Ballon, schenke ihr diesen!

»Nein, ich möchte den auch auslassen in den blauen Himmel!« –

Sie tut es.

Man schenkt ihr einen dritten blauen Ballon.

Sie geht von selbst hin zu dem armen Mäderl, schenkt ihr diesen, sagt: »Du lasse ihn aus!«

»Nein«, sagt das arme Mäderl, blickt den Ballon begeistert an.

Im Zimmer flog er an den Plafond, blieb drei Tage lang picken, wurde dunkler, schrumpfte ein, fiel tot herab als ein schwarzes Säckchen.

Da dachte das arme Mäderl: »Ich hätte ihn im Garten auslassen sollen, in den blauen Himmel, ich hätte ihm nachgeschaut, nachgeschaut – – –!«

Währenddessen erhielt das reiche Mäderl noch zehn Ballons, und einmal kaufte ihr der Onkel Karl sogar alle dreißig Ballons auf einmal. Zwanzig ließ sie in den Himmel fliegen und zehn verschenkte sie an arme Kinder. Von da an hatten Ballons für sie überhaupt kein Interesse mehr.

»Die dummen Ballons – – –«, sagte sie.

Und Tante Ida fand infolgedessen, daß sie für ihr Alter ziemlich vorgeschritten sei!

Das arme Mäderl träumte: »Ich hätte ihn auslassen sollen, in den blauen Himmel, ich hätte ihm nachgeschaut und nachgeschaut – – –!«

Peter Altenberg

„Im Volksgarten“ erschien erstmals 1896 in der Sammlung „Wie ich es sehe“.
Karl Kraus hatte die Prosaskizzen Peter Altenbergs (1859 – 1919), den er aus dem Kaffeehaus kannte, kurzerhand an den S. Fischer Verlag geschickt. Nach „Wie ich es sehe“ folgten noch weitere Buchpublikationen, dennoch lebte der Bohemien stets am Rande des Existenzminimums. Hier findet sich ein ausführliches Portrait.

„Im Volksgarten“ ist einer der Sprechtitel auf André Hellers wunderbarer Schallplatte „Bei lebendigem Leib“. Beim Zuhören sieht man die Ballons förmlich in den Himmel verschwinden…eigentlich müssten all die wienerisch-federleicht-melancholischen Skizzen, die Altenberg mit Worten malte, gesprochen gehört werden. Weil man dann auch versteht: Auslassen, loslassen, ist immer schwieriger für den, der von vornherein wenig hat…

 

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Volker Weidermann: Ostende. 1936, Sommer der Freundschaft

„In Zeiten, die Zeit hatten, hatte man an der Kunst etwas aufzulösen. In einer Zeit, die Zeitungen hat, sind Stoff und Form zu rascherem Verständnis getrennt. Weil wir keine Zeit haben, müssen uns die Autoren umständlich sagen, was sich knapp gestalten ließe.“

Karl Kraus, „Heinrich Heine und die Folgen“

Volker Weidermanns biographischer Roman „Ostende. 1936, Sommer der Freundschaft“ das wäre wohl so ein Büchlein, an dem Karl Kraus seine spitze Zunge geschärft hätte. Ein Ergebnis „impressionistischen Feuilletonismus“ hätte er es wohl genannt.

Sagen wir mal: Es ist ein Stimmungsbild, mit viel literaturwissenschaftlichem Know-how routiniert gepinselt. Solche Bücher sind geradezu en vogue – man denke nur an den Erfolg des anderen Sommer-Buches eines anderen Journalisten, „1913 – Der Sommer des Jahrhunderts“. Jüngere Geschichte, in anmutige Form verpackt, wohldosiert.

Ja, Ostende – man muss es nicht lesen, es schadet aber auch keinem. Gesetzt den Fall, man greift denn doch noch (einmal) zu den Originalen, liest Stefan Zweig, Joseph Roth, neben deren Romanen und Essays auch ihren Briefwechsel, begegnet dem kunstseidenen Mädchen nach Mitternacht und dem rasenden Reporter in deren ECHTEN Büchern. Ostende erfüllt seinen Zweck allenfalls als Appetithäppchen. Dafür jedoch ist es mit viel feuilletonistischer Routine zusammengesetzt.

Weidermann beschreibt die Begegnung einiger Schriftsteller 1936 im Badeort Ostende. Vor allem das Zusammentreffen der beiden so unterschiedlichen Freunde aus Österreich steht im Mittelpunkt: Stefan Zweig, die Welt von gestern noch frisch betrauernd, aber im zweiten Frühling mit einer neuen Liebe, Joseph Roth, haltlos, orientierungslos, bodenlos dem Alkohol verfallen. Mit Irmgard Keun, die die Sommer- und Exilgemeinde aufmischt, kommt noch einmal ein Silberstreif an den Roth`schen Horizont. Dennoch: Alle wissen, es ist Götterdämmerung, das Heil besteht nur noch in der Flucht. Ostende, `36, das ist ein letzter „magischer“ Sommer, in dem persönliche und politische Hoffnungen wie kurze Leuchtfeuer aufflackern und ebenso schnell erlöschen.

Ein kurzes Feuer ist auch das wenig mehr als 150 Seiten umfassende Buch. Zwar durchaus: Informativ, sich auf die Quellen stützend, wörtliche Zitate aus Briefen und Aufsätzen einflechtend, faktenreich, dort, wo die Situation der Schriftsteller und Journalisten abgebildet wird, die vor den Nazis flüchten mussten. Dort, wo Weidermann jedoch vom Biographischen verstärkt in das Romanhafte gleitet, erreicht das Buch seine Grenzen.

„Ein paar Tage später sitzen sie noch einmal alle zusammen. Alle braun gebrannt, außer Roth, dem alten Sonnenfeind. Sie sitzen wieder im Flore, mit Blick aufs Meer und die Badehäuschen. Christiane Toller strickt trotzig vor sich hin, Gisela Kisch lacht, wann immer es etwas zu lachen gibt und auch wenn es nichts gibt, Lotte Altmann ist still, und nur wenn sie leise hustet, bemerkt die große Runde, dass sie noch da ist, Schachfuchs schaut aufs Meer, Stefan Zweig sitzt zwischen Lotte und Fuchs, raucht und hört zu, wenn Egon Erwin Kisch von Spanien spricht, vom Krieg der Kommunisten, neuesten Berichten von der Front, und Arthur Koestler von seinen Reiseplänen, die ihn in Francos Hauptquartier führen sollen.“

Es scheint, als habe Weidermann der Ehrgeiz gepackt, das „Who-is-who“ der Ostender Exilgemeinde 1936 in einen Satz zu pressen. Stimmungsvolle Stillleben – die Charaktere werden skizziert und angepinselt, mehr jedoch nicht. Von seinem (vermutlich) insgeheimen Vorbild Stefan Zweig, dem Meister des psychologisierenden biographischen Romans („Maria Stuart“, „Marie Antoinette“), bleibt der FAZ-Feuilletonchef weit entfernt.

Was bleibt von der Lektüre? Hunger nach Zweig und Roth im Original. Die Zeit sollte man sich, gerade in einer Zeit, die keine Zeit hat, etwas aufzulösen, dringend nehmen.


Bild zum Download hier: Strandhütte Travemünde


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Jonathan Franzen: Das Kraus-Projekt

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Bild von Free-Photos auf Pixabay

Das Fräulein stand am Meere
Und seufzte lang und bang,
Es rührte sie so sehre
Der Sonnenuntergang.

Mein Fräulein! seyn Sie munter,
Das ist ein altes Stück;
Hier vorne geht sie unter
Und kehrt von hinten zurück.

Heinrich Heine

Expansion

`nen Platz an der Sonne erlangen?
Nicht leicht.
Denn wenn er erreicht,
ist sie untergegangen.

Karl Kraus

Die Sonne ist zwar deswegen nicht untergegangen, aber ich habe erstmals ein Jonathan Franzen-Buch halbgelesen weggelegt. „Das Kraus-Projekt“: Mir kam es beim Lesen vor, als mache hier ein zwar eifriger, aber unkonzentrierter Student ständig seine Zwischenrufe … Franzen befasst sich mit zwei Aufsätzen von Karl Kraus, darunter jenem, in dem der Wiener Polemiker Heinrich Heine auseinandernimmt.

In Franzens Buch reihen sich Fußnoten an Fußnoten mit literarischen Erläuterungen, persönlichen Anekdoten (Anekdötchen), Betrachtungen über das Übel des Internets, amerikanische Literatur (Updike vs. Roth) usw. usf. aneinander. Man könnte sagen – Kraus ist die Grundlage und Franzen zwitschert dazu was.

Wie dieses:
„Wer hat schon Zeit, Literatur zu lesen, wenn man bei so vielen Blogs auf dem Laufenden bleiben, so vielen Essenschlachten auf Twitter folgen muss?“

Oder:

„Kraus macht sich hier über den im Wien der Vorkriegszeit herrschenden Stil des impressionistischen Journalismus lustig, der vor Adjektiven strotzt und mit „tiefschürfenden Gedanken“ gespickt ist, aber seine Bemerkung „Immer passt alles zu allem“ wird auch jedem America-Online-Kunden bekannt vorkommen, der die schreckliche Boulevardisierung (…)“

So hüpft Franzen von Krausens Vorkriegszeit zu AOL, bespickt die Fußnoten mit seinen tiefschürfenden Gedanken, verknüpft sie mit seiner Gegenwartskritik an einer verdigitalisierten Gesellschaft und bläht somit das Ganze zu einem veritablen Buch von  mehr als 300 Seiten auf. Im Grunde ist das Buch ein einziger Hashtag
#franzenüberkrausüberheineundüberdiewelt
und Jonathan Franzen ein Twitterer, der sich nicht mit der Zeichenbegrenzung abfinden kann. Die Erläuterungen zu Kraus und zu dessen Aufsätzen über Heine und Nestroy: Kenntnisreich ja, aber impressionistisch. Neue Kraus-Leser aus der großen Franzen-Fan-Gemeinde werden sich da wohl kaum finden.

Das Buch an sich: Kein Platz an der Sonne. Franzen: Den Zenit überschritten?

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