Bertolt Brecht und der Film

Bertolt Brecht war zwar vom Medium Film fasziniert, hatte aber damit kein Glück. BB und der Film – das war weniger episches Theater, sondern ein Drama ohne Ende.

Bild von Birgit Böllinger auf Pixabay

Dabei fing alles so gut an: Bereits 1923 arbeitet Brecht, damals 25 Jahre alt, mit dem Regisseur Erich Engel und mit Karl Valentin zusammen. Die „Mysterien eines Frisiersalons“ erinnern streckenweise an den Surrealismus im „andalusischen Hund“ von Luis Buñuel, sind aber auch komisch, humoristisch und ein wenig chaotisch. Der Film galt lange als verschollen, wurde jedoch in den 70erJahren wiederentdeckt und restauriert.

1930 machte sich Georg Wilhelm Pabst an die Verfilmung der Dreigroschenoper. Brecht, zunächst noch aktiv mit dabei, überwirft sich mit Regisseur und Produktionsfirma, will den Film, auch vor dem Hintergrund des aufkommenden Nationalsozialismus, mit eindeutigerem politischen Inhalt versehen. Die Streitigkeiten führen zum sogenannten Dreigroschenprozeß. Brecht schrieb unter dem Titel „Der Dreigroschenprozeß. Ein soziologisches Experiment“ eine Analyse des Rechtsstreits, die er zusammen mit dem Filmexposé und dem Text der „Dreigroschenoper“ veröffentlichte.

1931 ist BB jedoch wieder bereit für das Medium Film – er arbeitet mit Slatan Dudow und Hanns Eisler „Kuhle Wampe oder wem gehört die Welt?“. Der 1932 erschienene Streifen ist benannt nach dem Zeltplatz Kuhle Wampe in Berlin am Müggelsee, einer der vielen Originalschauplätze, an denen gedreht wurde. Geschildert wird das Schicksal einer Arbeiterfamilie und eines jungen Pärchens, dessen Verbindung angesichts der Massenarbeitslosigkeit ohne Zukunft erscheint. Der Film hat – auch durch den Dreh an Originalschauplätzen und mit „echten“ Arbeitslosen neben erfahrenen Schauspielern – streckenweise dokumentarischen Charakter, zeichnet ein realistisches Bild der Verelendung in der Weimarer Republik. Kuhle Wampe war der einzige eindeutig kommunistische Film dieser Zeit – bis hin zu Arbeitern, die das Lied der „Solidarität“ singen – und wurde nicht nur unter großen Schwierigkeiten gedreht, sondern prompt auch von der Zensur verboten. Nach Protesten wird der Film mit einigen Änderungen freigegeben, Brecht macht dem Zensor das ironische Kompliment, dieser zumindest habe den Film wirklich verstanden – nicht als Darstellung eines individuellen Schicksals, sondern als offene Kritik an den gesellschaftlichen Bedingungen: „Der Inhalt und die Absicht des Films geht am besten aus der Aufführung der Gründe hervor, aus denen die Zensur ihn verboten hat.“

Dann die Zeit des Exils. Letztlich verschlägt es Brecht, wie viele andere Autoren, nach Hollywood. Wie andere ist er gezwungen, dort zu antichambrieren und arbeitet für den Broterwerb an Drehbüchern für die Traumfabrik mit. Seine Erfahrungen in dieser Zeit hat er in den bitteren Hollywood-Elegien verarbeitet.

1943 jedoch hat Brecht die Chance, an einem ambitionierten Filmprojekt mitzuwirken. Unter der Regie von Fritz Lang, ebenfalls einem Exilanten, entsteht „Hangmen also die“ – „Auch Henker sterben“. Die beiden Künstler kannten und schätzten sich bereits in den Tagen der Berliner Zeit. Als Brechts Lage im schwedischen Exil angespannt wird, sorgte Lang, der in Hollywood schnell Fuß gefasst hatte und seine Karriere fortsetzen konnte, mit dem European Film Fund dafür, dass Brecht, Weigel, sowie die beiden Kinder und Ruth Berlau Visa für die USA bekamen, 1941 traf die Familie in Los Angeles ein.

Der Film „Auch Henker sterben“ erzählt bereits ein Jahr nach dem Attentat auf Reinhard Heydrich in Prag 1942 vom tschechischen Widerstand und der Fahndung der Gestapo nach dem Attentäter. Doch schon während der Dreharbeiten kommt es zwischen Lang und Brecht zu Differenzen. Der cholerische Lang tobt gegenüber Brecht und dem ebenfalls linksgerichteten Co-Autoren John Wexley, er „scheiße auf Volksszenen“, er wolle ein Hollywoodpicture machen. Ungerechtigkeiten bei der Bezahlung – Brecht sollte wesentlich weniger als Wexley erhalten -, Kürzungen im Skript, charakterliche Unverträglichkeiten taten ihr weiteres. Die Zusammenarbeit wurde zum Desaster und gipfelte in einer Anhörung vor der „Screen Writer`s Guild“, weil Wexley als der eigentliche Autor genannt werden wollte, Brecht jedoch nur unter ferner liefen aufgeführt wurde. Die Schiedsstelle entschied zugunsten des Amerikaners. Brecht legte danach die Arbeit am Film nieder, begegnete auch Fritz Lang nicht mehr.

Doch was übrig bleibt: Zum einen überstand auch diese Episode die Freundschaft zwischen Brecht und Hanns Eisler, der als Komponist auch an den früheren Filmen mitgearbeitet hatte. Und vor allem: „Hangmen also die“ ist, wenn auch viele der Ideen und Vorstellungen Brechts nicht verwirklicht werden konnten, eines der wichtigsten Filmwerke geworden, das noch während des Nationalsozialismus eindeutig Stellung gegenüber der deutschen Tyrannei bezog.

Lang setzte dem verlorenen Freund BB später noch ein cineastisches Andenken, so der Filmwissenschaftler Peter Ellenbruch:

„Im Gegensatz zu Brecht, der ein Gegner Langs geblieben sein soll, hat sich Lang immer wieder positiv zu Brecht geäußert, ihn als einen wichtigen Autor geschätzt und sich von seinem Werk inspirieren lassen. So baute er 1963 eine Brecht-Hommage in LES MEPRIS von Jean-Luc Godard ein – in welchem er sich selbst spielte – und die Buchstaben „BB“ stehen innerhalb des Films plötzlich nicht mehr für die Hauptdarstellerin Brigitte Bardot, sondern einen Moment lang für Bert Brecht.“

LITERARISCHE ORTE: Das Valentin Karstadt Musäum in München.

20161101_115123_resizedKunst ist schön, macht aber viel Arbeit.

„Und plötzlich schweifte mein Auge ab, vorn in der ersten Reihe saß noch einer, den hatte ich bisher nicht bemerkt, und das war: ER.
Ein zaundürrer, langer Geselle, mit stakigen, spitzen Don-Quichotte-Beinen, mit winkligen, spitzigen Knien, einem Löchlein in der Hose, mit blankem, abgeschabtem Anzug. Sein Löchlein in der Hose – er reibt eifrig daran herum. »Das wird Ihnen nichts nützen!« sagt der gestrenge Orchesterchef. Er, leise vor sich hin: »Mit Benzin wärs scho fort!« Leise sagt er das, leise, wie es seine schauspielerischen Mittel sind. Er ist sanft und zerbrechlich, schillert in allen Farben wie eine Seifenblase; wenn er plötzlich zerplatzte, hätte sich niemand zu wundern.“

So begeistert berichtete Peter Panter alias Kurt Tucholsky am 9. Oktober 1924 in der „Weltbühne“ vom Auftritt eines Münchners in Berlin. Karl Valentin – das Unikum, der Wortverdreher.

Jedes Ding hat drei Seiten, eine positive, eine negative und eine komische.

Zerplatzt ist er nicht, der Valentin (1882 – 1948), aber irgendwie hat er sich denn doch wie eine Seifenblase ins Nichts verflüchtigt, beinahe aufgelöst – er starb, von der Unterernährung bereits schon körperlich arg angegriffen, an einer Lungenentzündung. Und die hatte er sich, irgendwie standesgemäß, auf den Brettern geholt, die ihm die Welt bedeuteten – nach seinem letzten Theaterauftritt wurde er aus Versehen eingeschlossen und verbrachte die Nacht in den unbeheizten Theaterräumen.

Ich habe Bildung nie mit dem Löffel gegessen, nur mit der Messerspitze.

An das Leben des „Linksdenkers“, wie ihn Tucholsky taufte, erinnert in München ein privat geführtes Museum: Hannes König, der selbst noch mit Valentin gearbeitet hatte, hat 1959 das Valentin-Karlstadt-Musäum im Isartor, einem Teil der ehemaligen Stadtmauer, eingerichtet. Nach meinem Besuch dort bin ich ein wenig hin- und hergerissen. Zwar hat das Ganze durchaus etwas Uriges: Die Ausstellung ist mit zahllosen Kuriositäten bestückt (so mit dem berühmten Nagel, an den Valentin seinen Brotberuf hängte) und gibt auch Liesl Karlstadt sowie der Tradition der bayerischen Volkssänger ihren Raum. Aber Raum ist eben relativ – die beiden Türme des Isartors sind knalldicht vollgestopft, vor den Schaustücken drängeln sich die Besucher beinah wie um einen Bierbankplatz auf der Wies`n. Soll heißen: Muse und Raum zum Gucken gibt es nicht.

Wissen Sie schon, dass München heute 76 Kinos hat gegen gar keine vor 100 Jahren?

Im Grunde wünschte man sich für Valentin, den „Schrecken der Au“, das „Münchner Kindl“ (das übrigens eine hessische Mutter und einen sächsischen Vater hatte) schon eine größere Bühne. Da bräuchte es jedoch wohl mehr öffentliches Engagement. In der Nachkriegszeit jedenfalls wollte die Stadt München erst einmal nicht viel von Valentin wissen – die Übernahme seines Nachlasses für wenig Geld lehnte die Stadt 1953 ab. Aber wer weiß, was wäre, wäre es anders gekommen:

Die Zukunft war früher auch besser!

Jedenfalls: So dichtgepackt und enggedrängt wie es ist, ist das Valentin-Karstadt-Musäum zwar mehr Kuriositätenkabinett denn Museum, aber besser als gar nix. Und für 2,99 Euro Eintritt kann selbst der sparsamste Tourist aus dem Schwabenland nicht meckern (oder müsste eben seinen 99. Geburtstag abwarten, dann gibt es in Begleitung der Eltern den Eintritt frei).

Das Musäum im Internet findet sich hier: http://www.valentin-musaeum.de/

Metaphysik ist der Versuch, in einem verdunkelten Zimmer eine schwarze Katze zu fangen, die sich gar nicht darin befindet

 

Alexander Kluy: Joachim Ringelnatz. Die Biographie

Ich komme und gehe wieder,
Ich, der Matrose Ringelnatz.
Die Wellen des Meeres auf und nieder
Tragen mich und meine Lieder
Von Hafenplatz zu Hafenplatz.

Ihr kennt meine lange Nase,
Mein vom Sturm zerknittertes Gesicht.

Daß ich so gerne spaße
Nach der harten Arbeit draußen,
Versteht ihr daß?

   Oder nicht?

Aus den im Nachlass veröffentlichten Kasperle-Versen.

Es scheint derzeit eine regelrechte Ringelnatz-Renaissance zu geben. Denn wenige Tage nach der bereits hier vorgestellten Biografie, die im Galiani Verlag erschien, legte auch der Osburg Verlag ein Ringelnatz-Buch vor. Jahrelang musste man die Informationen über den reisenden Artisten, Verseschmied und Kunstmaler aus verschiedensten Quellen zusammenkratzen – und nun kommt er im Doppelpack. Da tanzt das Seepferdchen.

Während Hilmar Klute sich in seinem „War einmal ein Bumerang“ jedoch mit fluffig-leichter Feder durch das abenteuerliche Leben des Joachim Ringelnatz schreibt, kommt das von Alexander Kluy verfasste Buch mit dem Titel „Joachim Ringelnatz. Die Biografie“ weitaus gewichtiger daher. Schon vom Volumen: Kluy bringt es auf mehr als die doppelte Seitenzahl. Das ist gespickt mit einem „Mehr“ an Information zu Zeitgeschehen, Leben, Werk und eingehenderen Schilderungen des „Begleitpersonals“ im Ringelnatz-Theater – angefangen von Muschelkalk nebst den zahlreicheren weiteren weiblichen Bekannten des Poeten über Bühnenfreunde wie Karl Valentin, Verleger und Kollegen wie Peter Scher bis hin zu kleinen Portraits aus der Münchner und Berliner Bohème der 1920er- und 1930er-Jahre.

Man kann die beiden Bücher eigentlich nicht aneinander messen – ist der Klute ein Lesehäppchen für Einsteiger, die Ringelnatz kennenlernen und sich dabei amüsieren und informieren wollen, so könnte das Buch des Journalisten und Publizisten Alexander Kluy durchaus zu einem Standardwerk für jene werden, die sich intensiver und ernsthafter mit dem ver- und entrückten Poeten auseinandersetzen möchten. Den Anspruch postuliert schon der Titel: „Die Biografie“.

Kluy erzählt nicht nur das Leben von der Wiege in Wurzen bis zur Bahre in Berlin nach – dies alles akribisch recherchiert und in das Zeitgeschehen eingebettet. Sondern er integriert ebenso die wichtigsten Gedichte, die Ringelnatz als Menschen erklären, analysiert und erläutert sie. Das erleichtert manchem vielleicht den Einstieg in den zeitweilig eigentümlichen Sprachduktus von Ringelnatz – so wie er sich manches Mal wohl kopfüber in ein Lebens- oder Liebesabenteuer stürzte, so purzeln ihm ab und an auch die Worte durcheinander. Kluy schiebt verständige Erklärungen nach.

Was ein Manko des Buches ist: Des öfteren verschwurbelt sich auch Kluy in seiner Sprache. So beispielsweise bei den Erläuterungen zur brieflich-erotischen Annäherung zwischen Muschelkalk und Ringelnatz.

Muschelkalk wollte von dem ihrigen wissen:
„Welches ist Deine Stellg.nahme zur Frau überhaupt, welche Meinung hast Du von Ihnen?“ und „2. müßte ich dich fürchten (?)“.

Alexander Kluy führt dazu aus:

„Hans Bötticher benötigt einige Tage für seine lange Antwort, die Jahre später noch immer Schauer der Scham bei ihm auslösen wird, ist doch diese ausführliche Schilderung seines Bildes der Frau eine Mischung aus Misogynie à la Otto Weininger (1880-1903), jenes Wiener Philosophen, der in „Geschlecht und Charakter – eine prinzipielle Untersuchung (1903) hochneurotischen Frauenhass, krassen Antisemitismus und einen die Grenze zum Extremismus überschreitenden Willen zu einer gnadenhaft erlösenden Metaphysik miteinander verquirlt und damit einen Bestseller produziert hat, der nach Erscheinen dreißig Jahre lang zahllose Nachauflagen erlebt, aus spät-wilhelminischen Kulturrollenkonservatismus und militärisch-männerbündlerisch durchfärbtem, erotisch libertärem Chauvinismus.“

 Aha. Es lebe der Schachtelsatz. Die gute Nachricht ist: Ringelnatz bekam seine Muschelkalk trotzdem. Und wer sich durch diese Sätze windet, dem wird es zwar streckenweise so gehen wie der armen Muschel („Mein Gehirnkasten ist gänzlich zerwühlt“), letzten Endes jedoch einen warmherzigen, liebenswerten, „gspinnerten“ Ringelnatz von Grund auf kennenlernen. Oder, um es etwas angestrengter à la Kluy zu formulieren:

„Das letzte Gedicht, geschrieben zur als letztes auftauchenden Handpuppe eines Matrosen, der unübersehbar Joachim Ringelnatz darstellt, ist die Summa seines Lebens und seiner Poesie, die hier, am Ende des Puppen-, des Aquarell- und seines Lebenszyklus, eins wird, in eins fällt und sich mit flirrender Grazie schwebend leicht erhebt – und verabschiedet.“

Summa der Lektüre: „Die Biographie“ lässt keine Fragen offen. Umfassend und informativ. Mehr Leichtigkeit à la Ringelnatz wäre in dieser „feuereifernden“ (so der Verlag) Biographie allerdings wünschenswert gewesen.

Bild zum Download: Plastikstühle

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