LESEZEICHEN von: Urs Widmer

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„Du kletterst auf Leitern und Stühle, um unsre Werke in die Hände der Kunden zu legen. In deinem Büro hängt ein Poster, auf dem steht, was der moderne Buchhändler von heute nicht tun darf, wenn er am Ball bleiben will. Du aber stolperst über jeden Ball, Buchhändler! Du liebst deine Leitern und Stühle. Da sitzt du und liest unsre langsam vergilbten Erstlinge. Für dich wollen wir ein Buch schreiben, das, statt fast niemand, gar niemand kauft, das kannst du am Lager behalten ein Leben lang. Wir kommen dich jede Woche besuchen, du kochst einen Tee, wir bringen einen Schnaps mit, und dann erzählst du uns, wie du einmal, 1933, ein Buch schreiben wolltest, das die Welt von damals auf einen Schlag verändert hätte.“

Urs Widmer

Was macht den „schönsten Ort der Welt“ eigentlich zum schönsten Ort der Welt? Natürlich, selbstverständlich, ohne Zweifel sind es die Bücher. Ein Raum ohne Bücher, sagte schon Cicero, das sei ein Körper ohne Seele. Dann müssten Buchhandlungen ziemliche seelenvolle Orte sein. Aber manche, die Paletten über Paletten an Neuerscheinungen anbieten, die wirken einfach seelenlos.
Denn es sind nicht nur die Bücher, die Geschichten erzählen. Es sind auch die Menschen, die mit diesen Büchern leben und handeln. Eine Buchhandlung wird zum schönsten Ort der Welt, wenn man dort diese eine Buchhändlerin trifft, den Buchhändler, die aus jedem Buch, das sie verkaufen, eine Geschichte machen. Die wie Seelenverwandte wirken, wie alte Freunde und die dir das Gefühl vermitteln, mit jedem Buch, das du kaufst, nimmst du einen Schatz mit nach Hause.

Geschichten über Menschen in Buchhandlungen – über Buchhändler und ihre manchmal etwas seltsamen Kunden – vereint ein Sammelband aus dem Diogenes Verlag, aus dem auch das Zitat von Urs Widmer entnommen ist. Autorinnen und Autoren wie Ingrid Noll, George Orwell, Patricia Highsmith, Martin Suter erzählen spannend, anrührend und vergnüglich aus dem Tat- und Lebensort Buchhandlung. Eine schöne Auswahl für Bibliophile und Bibliomanen, getroffen von Martha Schoknecht.

Informationen zum Buch: „Der schönste Ort der Welt“

Patricia Highsmith: Zeichnungen

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Bild: (c) Michael Flötotto

„Warum sollte es erstaunlich sein, daß viele Schriftsteller gerne zeichnen oder bildhauern? Vielleicht versuchen sich einige hie und da auch im Komponieren. Alle Künste sind eins, und jede Kunst – auch das Ballett – ist ein Mittel, Geschichten zu erzählen.“

Patricia Highsmith, „Zeichnungen“, 1995, Diogenes Verlag

„Sie war nicht nett“: Mit diesem Satz beginnt die 2014 in deutscher Übersetzung erschienene Patricia Highsmith-Biographie von Joan Schenkar („Die talentierte Mrs. Highsmith“, Diogenes Verlag). Das Buch, immerhin über 1000 Seiten stark, zeichnet das Portrait einer ebenso talentierten wie schwierigen Persönlichkeit: Eine misanthropische, geizige, kinderhassende (dafür Katzen und Schnecken liebende), ab und an seltsam dümmlich antisemitische, gruselige Person. Wenn ich auch erst im zweiten Drittel der Biographie stecke – ja, für Highsmith-Fans ist sie empfehlenswert, schon wegen  der Materialfülle und weil es sonst wenig mehr über die amerikanische Schriftstellerin gibt. Zwar hat die Biographie ihre Mängel – manches wird ausgewalzt, wiederholt sich, sie ist, trotz des Umfangs, stark auf den Charakter konzentriert und vernachlässigt die literarische Interpretation der Highsmith-Werke – aber Joan Schenkar hat ihr „Objekt“, die talentierte Mrs. Highsmith gut im Griff. Ihr gelingt die Gratwanderung, die dunklen Seiten der Autorin so darzustellen, dass dies den Respekt für die literarische Leistung nicht mindert. Und – je nach Leser – auch Verständnis wächst für die psychischen Auffälligkeiten der am Ende ihres Lebens von Alkoholmissbrauch und Depressionen gezeichneten Frau.

„Sie war nicht nett“: Nein, beileibe nicht. Aber sie war trotz (oder hinter) ihrer Schroffheit, ihrer Menschenfeindlichkeit ebenso ein Mensch mit einer harmoniebedürftigen, humorvollen, liebevollen, zärtlich-sehnenden Seele. Die jedoch nicht ans Licht durfte, zu sehr überlagert von der gewachsenen Weltablehnung der Einsiedlerin im Tessin.

Man sollte dennoch beim Lesen der Biographie oder einem der Highsmith-Thriller ein besonderes Buch griffbereit haben: 1995 erschienen, ebenfalls beim Diogenes Verlag, „Zeichnungen“ von Patricia Highsmith. Ließ sie in ihren Texten ihren mörderischen, psychopathologischen Anlagen ihren freien Lauf, so stellt sich die Malerin Patricia Highsmith in einem ganz anderen, helleren Licht dar.

In jungen Jahren schwankte Highsmith, die aus einer Graphiker-Familie stammte, zwischen ihren beiden Talenten: Malen oder Schreiben? Wohin die Waagschale ausschlug, wissen wir, spätestens ab dem Erfolg von „Der Fremde im Zug“ war der Zug abgefahren und Patricia Highsmith hauptsächlich, hauptberuflich Autorin. Den Zeichenstift zückte sie vor allem nur noch für das Privatvergnügen, Ausstellungen lehnte sie überwiegend ab. Es war daher eine besondere Geste, dass sie 1994 ihrem Verleger Daniel Keel Einblick gab in ihr bildnerisch-künstlerisches Schaffen. Auch weil die unzähligen Bilder die Geschichte ihres Lebens schreiben. Darunter sorgfältig ausgearbeitete Aquarelle, aber auch flüchtige Bleistiftskizzen, sie alle aber halten Lebensstationen, Orte, Menschen, die geliebten Katzen, Reiseskizzen, Begegnungen, Träume fest – die Highsmith, die sonst in der Öffentlichkeit kaum Privates und Persönliches preisgab, öffnete damit ein Stück ihres Innenlebens. Und sie zeigt ein anderes Gesicht: Die Bilder haben nämlich eines gemeinsam – sie sind überwiegend anmutig-heiter, verspielt.

Für das Buch, das es nur noch antiquarisch gibt, wählte der Verleger 106 Bilder in chronologischer Reihenfolge aus. Patricia Highsmith, die im Februar 1995 starb, schrieb noch ein Vorwort. Dort betont sie:

„Ich befasse mich lieber mit der helleren Seite der künstlerischen Nebenbeschäftigung, wie Zeichnen und Malen. Meine eigenen Werke nehme ich nicht ernst.“

Für Anna von Planta, die dem Bildband ein Nachwort hinzufügte, sind Zeichnen und Schreiben bei der Highsmith „zwei verschiedene Konfrontationen mit der Realität.“

„Kunst, so hat die Schriftstellerin in Interviews wiederholt zu Protokoll gegeben, sei eine Möglichkeit, die Realität auszuhalten, sie zu kontrollieren. Ganz offensichtlich meinte und brauchte sie dazu beides: Malen und Schreiben.“

Mit dem Schreiben, so meine ich, kontrollierte Patricia Highsmith, nach Graham Greene die „Dichterin der unbestimmten Beklemmung“ ihre Ängste, ihre Wut, ihren Zorn auf die Welt. Im Malen kam dagegen – diese Sprache sprechen jedenfalls die Bilder – ihre Liebe zum Dasein (oder auch die Sehnsucht nach einem anderen psychischen Da-Sein) zum Ausdruck.

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Patricia Highsmith: Ediths Tagebuch

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Bild: (c) Michael Flötotto

„Wie ein Boot, dachte sie, das sacht an den Strand glitt, trat sie näher an den Arbeitstisch und setzte sich. Aber so war es gar nicht. Wenn schon auf dem Wasser, dann war sie eher wie ein Schiff ohne Ruder, ohne Anker, das auf dem dunklen Meer umherirrte, das die Richtung verloren hatte und unfähig war, sie einzuhalten, selbst wenn sie es wüßte.“

Patricia Highsmith, „Ediths Tagebuch“, OA 1977, in deutscher Übersetzung beim Diogenes Verlag.

Typische Kriminalromane schrieb sie nie. Schon in ihrem ersten Roman, „Zwei Fremde im Zug“ (1950), ist angelegt, was viele ihrer Bücher ausmacht – jemand wird zum Mörder wider Willen. Die Spannung liegt nicht eigentlich im Plot, sondern in der Psychologie, in der Entwicklung der Figur. Bezeichnenderweise wurde ihr Debüt zunächst von sechs Verlagen abgelehnt, zu ungewöhnlich das Manuskript, zu sehr brach es mit den Regeln des Genres. Hitchcock erkannte das Potential – und mit seiner Verfilmung wird dann auch die Autorin schlagartig berühmt.

In der Folge variiert Patricia Highsmith (1921 – 1995) dieses Thema des „murder by accident“ immer wieder: Ihr charmanter Held Ripley tötet „nur“, wenn es „unbedingt notwendig“ ist, sie erzählt in „Tiefe Wasser“ und „Der süße Wahn“  von psychisch anfälligen Männern, die nicht mehr zwischen Realität und Wahnvorstellungen unterscheiden können und in „Der Stümper“ und „Die gläserne Zelle“ von Unschuldigen, die in Verdacht geraten – und dadurch erst schuldig werden.

„Ich bin keine Kriminalschriftstellerin, weil mich weder Spannung noch Geheimnisse interessieren; und noch weniger die Bullen. Aber die Entwicklung eines Gelegenheitsverbrechers (was wir alle potentiell sind) fasziniert mich. Sein Motiv und seine Reaktionen sind es, die mich fesseln“, gab die Amerikanerin einmal Auskunft über ihren Antrieb zum Schreiben.

Trotz einer Reihe ungewöhnlicher Romane zuvor – 1977 erschien ihr wohl außergewöhnlichstes, auch ihr reifstes Buch: „Ediths Tagebuch“ schildert den psychischen Zerfall einer Frau. In der Reihe ihrer Werke nimmt dieser – durchaus auch spannende und geheimnisvolle Roman – eine Ausnahmestellung ein, erzählt Highsmith doch ausnahmsweise aus der Perspektive einer Frau, aus Sicht einer scheinbar ganz durchschnittlichen amerikanischen Vorort-Hausfrau und Mutter.

Zu Beginn dieses Psychogramms verpasst Patricia Highsmith den Lesern eine Portion heile Welt: Die Familie Howland – Ehemann Brett, ambitionierter Journalist, Edith, freie Journalistin, Sohn Cliffie und die Katze – sind im Aufbruch, im Umzug von New York in das ländliche Pennsylvania, nach „Brunswick Corner“.

„Cliffie war jetzt zehn, und Brett lag wegen des Jungen sehr an dem Umzug.“

Schon in diesen Zeilen ist das ganze Drama angelegt: Ediths Welt wird von den sie umgebenden Männern – später kommt noch ein pflegebedürftiger Onkel Bretts hinzu – geprägt. Trotz ihrer nach außen hin selbstbestimmt erscheinenden Lebensweise als freie Autorin ist sie vor allem eines: Ehefrau, Mutter, Pflegerin dreier höchst egozentrischen männlichen Wesen.

Bereits in der Eingangsszene hat aber auch ihr eigentlicher „Freund“, ihr Seelenverwandter, ihr intimster Ansprechpartner seinen Auftritt: Ein in Leder gebundenes Tagebuch.

„Sie bewahrte es immer bei ihren eigenen Sachen auf, dem Schreibmaschinenpapier, dem Wörterbuch und dem Weltalmanach, wenn sie – wie in dieser Wohnung – ein eigenes Arbeitszimmer hatte, und sonst bei ihren Sachen in einer Ecke des Wohnzimmers.“

Ediths Platz ist damit auch räumlich definiert, er ist nachgeordnet in dieser kleinen Männerwelt – auch später, wenn sie in Brunswick einen eigenen Arbeitsraum hat, werden dessen Grenzen immer wieder gegen ihren Willen überschritten, sei es von Brett, sei es von Ärzten: Ein eigener Bereich steht ihr nicht zu, wird damit verdeutlicht.

Das Tagebuch dagegen ist der eigentliche „room for her own“ und wird eine immer zentralere Rolle in Ediths (Wahn-)Leben spielen. Schon zu Beginn gibt Patricia Highsmith einen ihrer kleinen, raffinierten Hinweise, die dem Bild von der heilen Welt kleine Sprünge verpassen:

„Vor einem Jahr hatte sie das Buch zufällig einmal aufgeschlagen und war peinlich berührt gewesen, als sie etwas las, das sie mit zweiundzwanzig geschrieben hatte. In jüngerer Zeit ging es mehr um Stimmungen und Gedanken; zum Beispiel erinnerte sie sich gut an eine Eintragung von vor acht Jahren: »Ist es nicht besser, vielleicht sogar klüger, zu glauben, dass das Leben ohne wirklichen Sinn ist?« Sie war erleichtert, als sie das hingeschrieben hatte. Diese Haltung, dachte sie, war nicht etwa ein falscher Schutzschild. Es war eine Tatsache, dass das Leben keinen Sinn hatte. Man machte einfach immer weiter, man arbeitete und tat eben, was man konnte und so gut es ging.“

Ediths Schutzschild – eine bestimmte gelassene, im Grunde resignative Haltung zum Leben – wird den folgenden zwanzig Jahren nicht Stand halten. Brett wird sie wegen einer jüngeren Frau verlassen, Sohn Cliffie entwickelt sich zum arbeitslosen Alkoholiker mit kleinkriminellen Zügen. Das Haus zerfällt und Onkel George wird mehr und mehr zu geriatrischen Pflegefall. Das eigentlich Grauenhafte daran ist nicht nur der Egoismus der Männer – mit welcher Selbstverständlichkeit Brett seinen Onkel in Ediths Obhut zurücklässt und ihr die Verantwortung aufbürdet, macht beim Lesen fassungslos und wütend -, sondern der Fatalismus, mit dem sich Edith das alles gefallen lässt.

Rolf Becker schrieb nach Erscheinen des Buches 1978 in deutscher Übersetzung im „Spiegel“:

„Edith – und das ist die Pointe, mit der Patricia Highsmith ihre Allerweltsgeschichte scharf und bitter macht -, Edith zerbricht nicht eigentlich am Verlassen werden, an all den Belastungen selbst, sondern mehr an ihrer Anstrengung, diese Lasten immerzu frohgemut zu akzeptieren, ihre Enttäuschungen immer wieder hinter einem freundlichen Lächeln zu verbergen.“
Quelle: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-40617598.html

Warum Edith sich selbst so hintanstellt, Selbstaufopferung für die Familie als Lebenskonzept wählt, warum sie – was in einem Kriminalroman nahe läge – nicht irgendein Hackebeil packt und Brett die Meinung geigt, warum sie, obwohl, sie als Journalistin kompetent und klug agiert, ihre privaten Lebensumstände unwidersprochen hinnimmt: Dies alles bleibt unerklärt. Ein Kunstgriff von Patricia Highsmith – jede psychologische Erklärung würde Edith individualisieren, so aber steht sie für einen bestimmten Frauentypus, für ein Frauenschicksal, geprägt von jahrhunderterlanger Entwicklung: Die Hüterin von Heim und Herd, deren Selbstverwirklichung zweitrangig ist.

Beim Aufrechterhalten der Fassade wird das Tagebuch zum Komplizen: Hier erschafft sich Edith eine Traum-, eine Gegenwelt, in der Sohn Cliffie ein erfolgreicher Ingenieur mit Frau und Kind ist, sie eine liebende Großmutter, in der Brett ganz nebenbei und undramatisch stirbt und von der Bildfläche verschwindet, in der alles heil und angenehm erscheint. In der Realität dagegen bröckelt die Fassade – buchstäblich auch an dem zwanzig Jahre zuvor erworbenen Haus – mehr und mehr. Edith wird in ihren Artikeln, die sie in Underground-Magazinen unterbringt, politisch immer schärfer, in ihren Ansichten immer streitbarer und gereizter: Das hat den Verlust von Freunden, Bekannten und der Arbeitsstelle zur Folge, sie isoliert sich mehr und mehr.

Letzten Endes aktiviert eine „wohlmeinende Freundin“ Brett, der – nach Jahren der Gleichgültigkeit und Abwesenheit –  Edith einem Psychiater zuführen will. Ein Vorhaben, das in eine Katastrophe mündet.

Die Doppelbödigkeit von „Ediths Tagebuch“ liegt darin, dass Patricia Highsmith hier die Definition von Normalität und Wahnhaftigkeit ganz geschickt hinterfragt und zugleich in der Schilderung dieser „Allerweltsgeschichte“ einen Roman über gesellschaftliche und politische Verhältnisse vorlegte. Das Geschehen umspannt die Ära des Aufbruchs unter John F. Kennedy, die der sozialen Reformen unter Lyndon B. Johnson bis hin zur Rückwärtsrolle amerikanischer Politik unter Nixon – dies alles kommentiert Edith in ihren Artikeln, scharf und unerbittlich. Alltag und Politik treffen zusammen, auch das Private ist politisch, Politik prägt das Private. So sagt Edith zu ihrem Hausarzt, der sie mit kleinen Pillen ruhigstellen will:

„Alle macht ihr schlechte Politik – Ausflüchte, Lügenmärchen, bloß nicht die einfache, nackte Wahrheit.“

Es ist die besondere Pointe dieses Buches, dass, als Edith endlich ihre eigene Stimme findet, als sie beginnt, sich zu äußern, zu empören, aufzubegehren, die Armada aus Exgatten, Hausarzt, Freunden alles daran setzt, sie wieder auf Normalmodus zu schalten. Als Edith aus der Rolle fällt, wird sie für wahnsinnig erklärt. Am Ende stürzt sie, als sie ihr Terrain – ihr Arbeitszimmer – vor dem Eindringen zweier Ärzte verteidigen will, von der Treppe. Und so endet dieser Kriminalroman „angemessen“ für sein Genre mit dem Tod einer Person. Mit einem tödlichen Unfall. Aber im Grunde war es: Mord.

Verlagsinformationen zum Buch:
http://www.diogenes.ch/leser/titel/patricia-highsmith/ediths-tagebuch-9783257234176.html

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Patricia Highsmith: Der talentierte Mr. Ripley

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Bild: (c) Michael Flötotto

„Aber er fühlte sich einsam. Es war anders als der Eindruck, allein und doch nicht allein zu sein, den er in Paris gehabt hatte. Er hatte sich ausgemalt, daß er einen fröhlichen neuen Freundeskreis erwerben und ein neues Leben beginnen würde, ein Leben voller neuer Ansichten, Haltungen und Gewohnheiten, die denen, die er sein ganzes bisheriges Leben lang gekannt hatte, weit überlegen waren. Doch jetzt sah er ein, daß es unmöglich war. Er würde sich von anderen Leuten fernhalten müssen, und das immer.“

Patricia Highsmith, „Der talentierte Mr. Ripley“, 1955, Diogenes Verlag.

Nun, ganz so schlimm kommt es nicht. Tatsächlich gelingt es Tom Ripley im Verlauf von vier weiteren Romanen ein Leben voller neuer Ansichten zu führen – und das nicht einmal zu schlecht. Die kurz aufflackernde Depression ist bei Ripley bald überwunden – und ein geringer Preis für einen Mord. Und als Leser freut man sich beinahe, dass er, dieser ambivalente Held, sich aus seelischen Nöten und äußeren Gefahren einmal mehr herausgewunden hat. Doch so ist es oftmals bei Patricia Highsmith: Die Grenzen zwischen „Gut“ und „Böse“ verschwimmen, der Sünder, der in jedem von uns steckt (wer wünschte sich nicht ab und an, sein eigenes Leben gegen ein scheinbar besseres tauschen zu können?), wird fast zum Sympathieträger.

Manchen Herrschaften sieht man einfach alles nach. Tom Ripley ist so einer. Immerhin mordet der smarte Junge aus den USA sich durch halb Europa und fünf Romane (die Zahl der Leichen bleibt zwar überschaubar, aber gezählt habe ich sie nicht), lügt, betrügt und ist an und für sich durch und durch amoralisch. Und dennoch möchte bei jedem Wiederlesen einfach nur, dass er davon kommt – was oft genug nur um Haaresbreite geschieht und mit etwas „windigen“ Tricks auch der Autorin. Doch die kriminalistische Logik steht bei Patricia Highsmith eben nicht im Vordergrund – wie man der Meisterin des psychologischen Spannungsromans auch Unrecht tut, wenn man sie „nur“ in einem Genre verortet, der Kriminalliteratur. So wie man – das nur nebenbei – auch der Kriminalliteratur natürlich ebenfalls Unrecht tut, wenn man sie per se als Literatur zweiten Ranges betrachtet. Aber das ist wie die ewig leidige Unterscheidung zwischen E- und U-Kultur: Uralte Klischees, die irgendwie überleben.

Zurück zu Patricia Highsmith und einem meiner Lieblingshelden aus ihrer Feder: Was die Tom-Ripley-Romane so faszinierend macht, ist die Charakteranlage der Figur. Von Buch zu Buch gewinnt Ripley immer mehr an Kontur und bleibt bei aller Vertrautheit doch rätselhaft. Mit dem ersten Roman nimmt er die Identität eines anderen an: Er wird zu dem von ihn ermordeten Millionärssohn Dickie Greenleaf. Und auch in den späteren Büchern schlüpft er immer wieder in verschiedene Rollen, spielt einen verschollenen Maler in London, gibt in Berlin in einer Bar den Transvestiten in Frauenkleidern: Tom Ripley, in mehr als einem Sinn einfach nicht zu fassen.

Wer ist dieser Mann? Immerhin reicht die Zeitspanne der Veröffentlichungen von 1955 bis 1991, er begleitete Highsmith demnach über vier Jahrzehnte ihres Lebens. Ripley selbst bleibt jedoch jung: Die Ripley-Welt vom talentierten Mr. Ripley bis zu Ripley unter Wasser umfasst nur wenige Jahre.

„Im ersten Band haben wir es mit einem Mann ohne Bildung und fast ohne Herkunft, mit einer Vollwaise und einem verzweifelten Liebenden zu tun. (…) Tom Ripley ist einer der wenigen, die in der Highsmith-Welt davonkommen, und sein Schicksal heißt nicht nur Überleben (wie etwa für die Hauptfigur des Romans „Der Schrei der Eule“), sondern unvermischter Triumph.“

Paul Ingendaay, der mit Anna von Planta beim Diogenes Verlag die neuübersetzte Werkausgabe der Highsmith-Romane und Stories herausgab, begleitet Ripleys Entwicklung in seinen Nachworten (wie groß das Interesse an den Büchern der Autorin und an Ripley nach wie vor ist, zeigte sich 2015 – der Verlag brachte die Ripley-Romane gebunden im Schuber heraus, die kurze Zeit darauf bereits vergriffen waren):

„… daß wir ihn, nach insgesamt fünf Romanen, die seinen Titel im Namen tragen, genau zu kennen meinen, was aber ein Irrtum sein könnte. Denn obwohl keiner seiner Tricks und Winkelzüge ein Geheimnis ist, weil die Bühne in jedem Augenblick ganz ihm gehört, sind seine seelischen Antriebskräfte durch die spätere Verwandlung in einen wohlhabenden, entspannten Serienhelden womöglich etwas in Vergessenheit geraten.“

Das genau aber ist es, was mich an diesen Romanen fesselt: Eben nicht die Frage, ob und wie Ripley wieder einmal davon kommt – das weiß man ja bereits, spätestens beim zweiten Wiederlesen. Sondern die Frage: Wer sind Sie, Mr. Ripley? Wenn Ingendaay vom „verzweifelten Liebenden“ des ersten Buches schreibt, müsste er eigentlich hinzusetzen: Ein Liebender im Rahmen seiner Möglichkeiten. Tatsächlich verbindet Ripley mit dem oberflächlichen Dickie, den er in Italien im Auftrag des Vaters aufspürt, eine eher einseitige Freundschaft. Ripley wünscht sich vor allem die äußeren Attribute des verwöhnten Millionärssöhnchens und Kunstdilettanten: Materielle Sicherheit, die Freiheit gibt, Leichtigkeit, Anerkennung durch Wohlstand. Die „Freundschaft“ zwischen den beiden ist niemals durch Ebenbürtigkeit gekennzeichnet – und so wachsen in Ripley Neid und Eifersucht auf den Lebensstil des anderen. In einer Szene schlüpft er in die Kleider des anderen – symbolhaft deutet dies auf den späteren Mord hin, durch den Ripley dann Identität und vor allem das Geld Dickies übernehmen kann, der Grundstock für seinen späteren Wohlstand. Ohne Zweifel: Tom Ripley ist verliebt in Dickie – aber nicht so sehr verliebt, dass er aus Leidenschaft zum anderen mordet. Sondern die Leidenschaft gilt: Vor allem ihm selbst. Und dennoch wird er einem beim Lesen nicht unsympathisch, ist kein kaltblütiges Monster – das ist die Kunst der Highsmithschen Psychologie.

Von einer Art nüchternen Distanz zu anderen Menschen sind Ripleys Beziehungen auch in den späteren Büchern geprägt: Seiner wohlhabenden Frau Héloise begegnet er mit derselben zärtlichen Zuneigung wie seinen Antiquitäten und Bildern, die er ungern missen möchte, aber auf die er notfalls auch verzichten könnte – den stets ist sein Status wackelig, stets droht, dass die Schatten der Vergangenheit in einholen könnten. Nur zu wenigen Menschen, immerzu Männern, womit die homoerotische Komponente der Dickie-Tom-Beziehung des ersten Buches weitergeführt wird (obwohl Patricia Highsmith ihren Helden „asexuell“ anlegte), knüpft Ripley ein intensiveres Band: Zum todkranken Nachbarn Jonathan, den Ripley aus einer Laune hinaus zum Auftragsmörder macht (Ripley`s Game) und zu dem amerikanischen Millionärssohn Frank (Der Junge, der Ripley folgte) – es blitzt ein anderer Ripley auf, der einen eigenen Wertekodex in sich trägt, der die Sünden der Vergangenheit wieder gutmachen möchte.

Highsmith-Biograf Andrew Wilson sah Parallelen zu Oscar Wildes „Dorian Gray“ – ein etwas unglücklicher Vergleich, wie ich finde. Denn auch wenn in den Ripley-Romanen der Geschmack in der Hauseinrichtung, beim Essen, in der Kleiderwahl, kurz im ganzen Lebensstil eine große Rolle spielt, auch wenn Ripley nach und nach seinen Musik- und Kunstgeschmack verfeinert – das wirkt nur dezent dekadent. Vor allem aber: Im Gegensatz zu Dorian Gray ist Tom Ripley kein bißchen vom Wahnsinn gestreift – wenn er tötet, dann aus Selbsterhaltungstrieb, zwar nüchtern und gefühllos, jedoch nicht aus Lust oder Wahn. Ein Narzisst, ja, aber kein Wahnsinniger.

Noch ein weiterer Aspekt, warum es sich, abseits der faszinierenden Hauptfigur lohnt, die Ripley-Romane zu lesen: Sie führen einen durch halb Europa, Paris, London, Berlin, Salzburg, usw. (und die Frisur sitzt immer) – und Patricia Highsmith erweist sich hier einmal mehr als Meisterin der atmosphärisch dichten Ortsbeschreibungen. Wer Ripley durch Salzburg folgt, wird die Stadt beim Lesen vor Augen haben. Das Berlin der 1970er-Jahre in „Der Junge, der Ripley folgte“: Von der Mauer begrenzt, vom „heißen Herbst“ (der RAF-Terrorismus wird im Buch erwähnt) geschüttelt, geprägt auch von der Party-, Disco- und Underground-Szene, die zahlreiche Künstler in dieser Zeit nach Berlin lockte. Zwar erntete eben dieser späte Ripley auch viel Kritik, weil Patricia Highsmith der Beziehung zwischen den beiden Männern mehr Sorgfalt widmete als der kriminalistischen Story, die etwas verquer ist – aber die Atmosphäre des Romans wiegt alle losen Fäden auf.

Und am Ende ist es einfach so: Für Ripley-Fans kann dieser seltsame, eigenartige Held doch gar nichts falsch machen.

PS: Mehrere der Ripley-Bücher wurden verfilmt, insbesondere der erste Roman. Und auch wenn Matt Damon („Der talentierte Mr. Ripley“, 1999, Regie: Anthony Minghella) der Beschreibung in den Büchern optisch näher kommt – für mich wird er immer aussehen wie der schöne Alain Delon („Nur die Sonne war Zeuge“, 1960, Regie: René Clément).

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Jutta Reichelt: Wiederholte Verdächtigungen (2015).

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Wie sehr uns die Familie prägt, vom ersten Moment bis zum Erwachsenwerden, zeigt dieser Roman. Bild von PublicDomainPictures auf Pixabay

Wenn auch der Verlag Klöpfer&Meyer diesen Roman als „raffiniert-subtilen Familien- und Seelenkrimi“ bezeichnet, ist er doch weit mehr als das – er ist in erster Linie eine psychologische Fallstudie (die von ganz ungefähr auch an die psychologischen Romane der Patricia Highsmith erinnert – dort sind es, beispielsweise in Ediths Tagebuch, ebenfalls vor allem die Innenvorgänge der Figuren, die die Spannung erzeugen). Und weil es eben weniger um den spannenden Handlungsrahmen geht, sondern vielmehr um die innere Entwicklung der handelnden Personen, gerade deshalb ist „Wiederholte Verdächtigungen“ ein Buch, das sich wiederholt zu lesen lohnt – auch wenn man das Ende, die Auflösung dann bereits schon kennt.

Und nicht zuletzt ist „Wiederholte Verdächtigungen“ ein feiner Roman über die Möglichkeiten und Grenzen der zwischenmenschlichen Kommunikation, über das Nicht-Miteinander-Reden-Können, über die Macht des Schweigens und des Verschweigens und: Auch ein Buch über das Schreiben, den Prozess des Schreibens und dessen entlastende Wirkung.

Nur kurz umrissen die Geschichte – deren Ende hier freilich nicht verraten wird (dazu rate ich nur: Selber lesen, es lohnt sich!). Katharina und Christoph, ein Paar, scheinbar schon zusammengewachsen und eng vertraut, haben sich eingerichtet im eigenem „Hexenhäuschen“ und in ihrer Nische zwischen freien Berufen (sie schreibt und jobbt im Antiquariat, er ist ein wenig der Typ des „ewigen Studenten“), alten Freunden und Werder-Leidenschaft, alles erscheint behaglich, ein wenig bodenständige Bremer Boheme.

Dann kehrt Christoph von einer Fahrt nach Köln – wo seine Schwester und deren Sohn leben – für einige Tage nicht zurück in dieses Nest, hinterlässt nur eine rätselhafte SMS. Katharina ist verunsichert. Und als Christoph wieder zuhause auftaucht, scheint auch er in seinen seelischen Grundfesten angeschlagen zu sein:

„Ich bin da in etwas hineingeraten, einen Strudel oder Sog, ich weiß es ja auch nicht, aber ich weiß, dass ich jetzt wieder festen Boden unter den Füßen brauche.
Ich glaube, dabei sieht er tatsächlich auf seine Füße und Katharina folgt diesem Blick, ich glaube, ich brauche jetzt nichts so dringend wie meinen Alltag! Meinen ganz normalen Alltag. Mit dir, mit meinen Jobs, mit unseren Freunden, mit Joggen und Werder und Zeitungslesen. Lass uns erst einmal eine Weile so tun, als sei alles in Ordnung!“

Als ob das so einfach wäre, wenn die Tür zum Unterbewussten – fast wie eine Büchse der Pandora – einmal geöffnet ist. Für Katharina stellt sich die Frage: Wieviel weiß ich wirklich von dem Menschen, mit dem ich zusammenlebe, den ich glaubte, so durch und durch und gut zu kennen? Und auch Christoph muss sich dieser Frage stellen – allerdings in Bezug auf seine Schwester, auf seine Eltern.

Die Gründe für die Verunsicherung, so wird nach und nach klar, liegen in einem Familiengeheimnis. Die Ursache für das seelische Beben Jahrzehnte später liegen beim Paar in der Generation davor, dem es nicht gelang, miteinander zu sprechen – im Gegensatz zu Katharina und Christoph, die denn doch ihre Zwiesprache wieder aufnehmen. Der Kern der Geschichte ist eine Tragödie aus Christophs Kindheit, die – weil sie unausgesprochen und unaufgearbeitet bleibt – später zu wiederholten Verdächtigungen und Missverständnissen führt.

Was der Roman vor allem vermittelt: Man kann noch so große Schritte machen und bleibt doch irgendwie auch in seinen Kinderschuhen stecken. In der Kindheit unbewusst Erlebtes und seither Verdrängtes bricht sich unter Umständen Jahre später Bahn – und holt einen wieder ein. Auch wenn man sich dagegen stemmt.

Christoph will nichts davon wissen, sagt Katharina. Er will es ignorieren, stürzt sich in seine Arbeit und möchte, dass wir so tun, als sei alles in Ordnung.
Katharina ist selbst überrascht, wie empört sie das sagt. Wie sehr sie hofft, dass die psychologische Psychotherapeutin ihr darin zustimmt, dass Christophs Weg ein Irrweg ist.
Es ist erstaunlich, sagt Beate, wie wenig wir das Auftauchen alter Geschichten beschleunigen können und wie wenig wir imstande sind, sie aufzuhalten.

Wer bereits den Blog von Jutta Reichelt kennt, wird das eine oder andere déjà vu-Erlebnis haben – schmunzeln musste ich, als Katharina ihrer Nachbarin, der psychologischen Psychotherapeutin, die selbst einen Krimi schreiben will, einen Schreibratgeber ausleihen möchte. Und zwar deshalb: http://saetzeundschaetze.com/2015/01/11/verschamtelekturen-jutta-reichelt/

Neben der klug konstruierten Handlung zeichnen ein ganz feiner, leiser Humor und mit sehr viel Empathie gezeichnete Figuren (die so lebensnah geschildert sind, dass man sie beinahe vor Augen hat) diesen Roman aus. Was mich aber vollends gefangen hat, ist die ruhige, ganz unaufgeregte Sprache, die Jutta Reichelt in diesem Buch anschlägt – glasklar und kein Ton zu viel. So entstehen „echte Menschen“. Gut gewählt mit Bezug zum Roman ist das Zitat von Herta Müller, das dem Roman vorangestellt ist:

Das Schweigen ist keine Pause
zwischen dem Reden,
sondern eine Sache für sich.

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#VerschämteLektüren (16): Dramen unter Damen mit Lesegelage

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Bild von StockSnap auf Pixabay

Sabine zeigt sich auf ihrem Blog „Binge Reading & More“ als wahre Bücherverschlingerin. Die Lesegelage werden von ihr frech, fröhlich, frei, aber eben nicht fromm und brav präsentiert. Amüsierfaktor beim Lesen inklusive. Worauf ich ein wenig neidisch bin: Sie liest amerikanische und englische Literatur nicht nur im Original, sondern schreibt darüber auch in eloquentestem Englisch. Und das, obwohl sie in Bayern lebt – was da die Sprachpolizei der CSU wohl dazu zu sagen hätte?
Mit ihrem Beitrag zu #VerschämteLektüren bringt Sabine nochmals einen weiteren Gesichtspunkt in die ganze Reihe:

„Also, meine gelegentliche heimliche Leidenschaft: Liebesschmonzetten und zwar – Dramen unter Damen. Da ist der Begriff coming-out doppelt treffend. Ist schon eine Weile her, aber schon der Kauf der Lektüre hatte es in sich, das Herumstreichen um die Bücherregale mit den gefährlich interessanten Titeln. Das Schauen, ob die Luft rein ist und dann, wenn keiner guckt: Buch schnappen, halb unter der Jacke versteckt zur Kasse schleppen, abwarten, bis niemand in der Nähe ist und dann zack Patricia Highsmith‘ „The Price of Salt /Carol“ auf die Theke geschuppst und inständig gehofft, die knallrote Rübe fällt nicht weiter auf, Kommentare und Blicke bleiben weg und die Tür kann im Stechschritt und ohne Hindernisse erreicht werden.
Jaaaa, das nenne ich doch dann mal Lektüre, die die Herzen höher schlagen lässt. „Carol“ war dann aber auch einfach wirklich wunderbar. Kein Krimi, wie man es sonst von Frau Highsmith gewohnt ist, sondern eine wunderbare Liebesgeschichte und dann auch noch – ganz unglaublich MIT Happy End!
Ganz und gar nicht selbstverständlich. Üblicherweise und lange Zeit endeten solche Romane damit, dass eine der Damen einen Mann heiratet und die andere daraufhin vom Dach springt oder Schlaftabletten nimmt oder ins Kloster geht. Da war das schon sehr fortschrittlich. Es war auf jeden Fall der Beginn einer gelegentlich heftig brennenden Schmonzetten-Leidenschaft und Frau Highsmith ist Schuld. So schaut`s aus.
Sag ich mir, wenn ich mal wieder auf jeglichen literarischen Vollwert-Gehalt pfeife und auf dem Sofa liegend einem Happy End entgegenfiebere.
Frau Highsmith hat den Roman in den 50ern unter dem Pseudonym Claire Morgan veröffentlicht und erst in den 1990er Jahren ist er unter ihrem Namen erschienen. Mein Carol-Exemplar hab ich natürlich noch immer, es darf jetzt auch ganz munter und offen im Regal herumstehen, aber den verräterischen Schutzumschlag, den hab ich damals gleich vor der Buchhandlung entsorgt.
Verfilmt wird er jetzt gerade, der Roman, mit Cate Blanchett und ich freue mich schon sehr auf den Kinoabend.
Hier noch ein Link zu meiner bislang einzigen Schmonzetten-Rezension auf meinem blog:  Landing – Emma Donoghue.
Also, auf zu Binge Reading & More: http://bingereader.org/