Blaumeier oder der Möglichkeitssinn

„So ließe sich der Möglichkeitssinn geradezu als die Fähigkeit definieren, alles, was ebenso gut sein könnte, zu denken und das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen als das, was nicht ist.“

Das Zitat von Robert Musil aus dem „Mann ohne Eigenschaften“ ist schon eine Blaupause für dieses Buch. Und was für ein Buch! Es macht schon durch sein Äußeres deutlich, dass es etwas Besonderes ist. Das Format! Die Haptik! Man kann es auf den Kopf stellen und dennoch etwas lesen. Das Layout rückt Dinge durcheinander und gerade. Da ist so viel Weißraum, wie die Gestalter sagen, Freiraum würde ich meinen, ist das, der Platz lässt für eigene Gedanken. Fotografien, die nicht nur schön sind und schwarzweiß, weil das einfach besser wirkt, sondern die Bilder sind, die Geschichten erzählen.

Und dazwischen immer wieder dieses Blau. Blau, blau, blau sind alle meine … in dem Fall: Blaumeier. Ich lese den Titel „Blaumeier oder der Möglichkeitssinn“ und mir kommt profanerweise nicht das Musil-Zitat in den Kopf, sondern als Ohrwurm dreht sich der Slogan aus der Werbung in Dauerschleife: „Nichts ist unmööööööööööööööööglich…!“

Aber das passt irgendwie auch, zu diesem Buch und zu seinen Protagonisten: Nichts ist unmöglich, wenn man Mitmacher, Gleichgesinnte und Unterstützer findet. Blauäugig wäre es zwar, nicht zu wissen, dass es auch Grenzen gibt, die die Gesellschaft errichtet, wie es beispielsweise in der Geschichte von Aladdin, dem Profi, aufscheint. Aber man darf auch nicht blau machen im Streben nach Inklusion und Gleichberechtigung – und das stellen die Blaumeier seit Jahrzehnten unter Beweis. Nicht aufgeben, Träume verwirklichen, einfach machen.

Was ist das für ein Buch und wer sind sie, diese Blaumeier?

„Es gibt ziemlich viele Menschen, die Blaumeier kennen“, schreibt Karolin Oesker vom gleichnamigen Verein. „In Bremen sowieso, aber auch an vielen anderen Orten: die Salonskis sind schon in Moskau aufgetreten, die Maler:innen haben in New York ausgestellt, die Süßen Frauen waren in Durban, die Fotograf:innen in Riga und der Chor Don Bleu in Peking – um nur einige der Städte zu nennen, an denen Blaumeiergruppen das Publikum begeistert, bezaubert und oft auch berührt haben.“

Das ist, wenn man weiß, wie Blaumeier entstand und woher die beteiligten Menschen kommen, keine Selbstverständlichkeit, immer noch nicht. Der Verein entwickelte sich im Zuge der Psychiatriereform: Bis weit in die 1980er-Jahre gab es in der ganzen Bundesrepublik noch Langzeitstationen beziehungsweise Kliniken, die mehr Heimen glichen, in denen psychisch Kranke quasi hospitalisiert waren. So auch in der Langzeitpsychiatrie Kloster Blankenburg bei Oldenburg, die erst 1986 aufgelöst wurde. In einem Ateliergebäude im Bremer Stadtteil Walle wurden nach der Auflösung des Hauses erste künstlerischen Angebote für Menschen mit und ohne Behinderung geschaffen: Vor allem für das Maskentheater, das auch Menschen, die nicht sprechen können oder wollen, den Einsatz auf der Bühne ermöglicht, wurden die Blaumeier mehr und mehr berühmt. Aber auch andere Künste werden gemeinsam ausgeübt: Es gibt eine Schreibwerkstatt, Kurse für Fotografie, Bildende Kunst, für Musik.

Die Menschen, die sich hier engagieren und kreativ ausleben, einmal in den Mittelpunkt zu stellen, war Anliegen dieses Buches – 25 von den 250, stellvertretend für die vielen Gesichter und Stimmen, die Blaumeier prägen. Dass das Ganze aber kein gewöhnliches Buch mit Portraits geworden ist, sondern im Grunde ein optisches und inhaltliches Kunstwerk, verwundert bei so viel Talent an einem Ort wenig. Und zudem hat Schriftstellerin Jutta Reichelt, die selbst lange in der Theatergruppe  Die Salonskis mitwirkte, in den Texten von klassischen Portraiterzählungen Abstand genommen.

Die Textformen sind so individuell wie die vorgestellten Personen selbst, die Texte legen die Menschen nicht auf einige prägende Charaktereigenschaften fest, sie nähern sich an, sie stellen Fragen – und geben so, manchmal fast schon beiläufig, den Blick auf Dinge frei, die uns alle angehen, die jeden von uns beschäftigen und umtreiben.

„Die Masken reizen sie. Überhaupt das Theaterspielen. Rollenwechsel. Die versucht sie jetzt auch im Alltag. Lehnt sich einfach mal zurück und lässt die anderen machen. Manchmal tut sie so, als sei es das Normalste auf der Welt, sich nicht um andere zu kümmern. Und gelegentlich spielt sie sogar mit dem Gedanken, dass sie ein Recht hat, hier zu sein. Wie alle anderen auch. Einfach so.“

Eine Stärke dieser Texte ist es, dass man sie schon sehr aufmerksam lesen muss, dass man sie mitunter auch mehrfach lesen muss, wenn man partout genau wissen möchte, ob nun einer der gerade portraitierten Blaumeier ein Kreativer mit oder ohne Behinderung ist. Weil es meist auch um ganz andere Fragen geht: Wieviel Kunst braucht der Mensch? Und was macht sie mit einem die Kunst. Es wird erzählt von der Angst vorm Scheitern, dem Lampenfieber, den Schreibblockaden. Und wie es dann ist, wenn der Applaus kommt, die Befriedigung, wenn ein Projekt abgeschlossen ist.

Und ist die Unterscheidung in Nicht- oder Doch überhaupt wichtig? Und ist es nicht das, was Projekte wie Blaumeier und andere und was auch dieses Buch erreichen will: Dass der Mensch mit seinen Talenten, Fähigkeiten, Wünschen und Träumen zählt und sonst nichts anderes?

Aber außerhalb von Blaumeier wird eben noch allzu oft differenziert und ausgegrenzt – auch das machen diese Portraits auf ihre behutsam-antastende Weise deutlich: Vielleicht fährt Jürgen nicht nur nicht mehr mit der Bahn, „weil jeder Gang schlank macht“, sondern vielleicht auch, weil er die abschätzenden Blicke anderer nicht mehr erträgt? Oder wie wäre es, wenn Aladdin, der Profi, der schon in mehreren Filmen mitgewirkt hat, wie jeder andere Schauspieler auch als Profi wahrgenommen würde?

„Aladdin ist ein Profi. Oder etwas sehr Ähnliches. Wenn Aladdin noch etwas fehlt zum richtigen, vollständigen Profi, dann ist es nicht Talent oder Erfahrung, Disziplin oder Begeisterung. Das alles besitzt Aladdin. Der einzige Grund dafür, dass Aladdin noch kein vollständiger Profi ist: Es ist nicht vorgesehen!“

Weil es nicht vorgesehen ist, dass Theater, Film oder Fernsehen Schauspieler:innen mit Behinderung beschäftigen, dass Schauspielschulen sie ausbilden, es ist ja noch nicht einmal selbstverständlich, dass Menschen mit Behinderung auch von Menschen gespielt werden.

Fragen, die es noch zu beantworten gilt – und weil dieses Buch solche Fragen stellt, reicht es weit hinaus über die Geschichte eines Bremer Kreativprojektes, sondern wird zu einem Buch, das auch jene, die die Blaumeier noch nicht erlebt haben, ins Grübeln kommen, vielleicht auch eigene Ideen entwickeln und vor allem mit einem offenerem Blick und einem neuerwachten Möglichkeitssinn durch die Welt gehen.

Mehr Informationen über die Blaumeier und viele Geschichten finden sich hier: https://www.blaumeier.de/

Das Buch selbst kann auch dort im Shop erworben werden: https://www.blaumeier.de/de/shop/

Vögel im Kopf: Geschichten aus dem Leben seelisch erkrankter Jugendlicher

„Wenn man die Klinik betritt, betritt man eine andere Welt – in der manchmal die Zeit stillsteht, so könnte man meinen. Man grenzt sich aus, um sich selbst einzugrenzen und dazuzulernen. Um mit sich selbst wieder eins zu werden und an sich zu arbeiten. Das führt oft dazu, dass man in seiner Entwicklung, zumindest der Entwicklung, die von außen sichtbar ist, stillsteht. Man lernt, das Universum anders zu betrachten und sich neu in ihm zu orientieren. Wir entfliehen der Welt, um uns in ihr neu zu definieren.
Die Welt hingegen interessiert dies nicht und sie dreht sich einfach so weiter. Während wir hinter den gelben Fenstern lernen, zu fühlen, unsere Gedanken zu kontrollieren, unseren Geist neu auszurichten, lernen andere in unserem Alter Algebra, entdecken sich und ihren Körper, probieren sich aus.“

Aus: „Vögel im Kopf“, S. Hirzel Verlag, 2020

Wie für die heute 28-jährige Janine B., war und ist das Gebäude mit den gelben Fenstern für Generationen von Kindern und Jugendlichen zur vorübergehenden Heimat geworden. Zum Zufluchtsort, zum Ort, der Hoffnungen und zugleich das Gefühl der Niederlage verbindet, aber auch zu einem gefühlten Gefängnis, dem man entkommen möchte. Seit über 100 Jahren gibt es die Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Tübingen: Das Haus mit den gelben Fenstern kennt unzählige (Lebens-)Geschichten, die nicht nur für ein persönliches Schicksal stehen, sondern auch ein Spiegel sind für den Umgang unserer Gesellschaft mit psychischen Erkrankungen.

Der Förderverein Schirm e.V. gibt den Menschen hinter den Fenstern eine Stimme: „Vögel im Kopf“ ist ein aktuell erschienener Sammelband, der Texte von Patientinnen und Patienten, Angehörigen und Mitarbeitenden der Kinder- und Jugendpsychiatrie vereint. Die Unmittelbarkeit der Erzählungen treffen einen beim Lesen ins Herz und machen die Ängste und die verzweifelten Gefühle, die mit einer psychischen Erkrankung einhergehen, verständlicher.

„Früh aufstehen. Wiegen. 39 kg auf 172 cm. Ich bin vor kurzem 16 geworden. Aussichtslosigkeit, Schmerzen und Verzweiflung überwiegen in meinem Leben. Ich wollte mich nicht umbringen, wollte nicht sterben, nein, ich wollte nicht mehr sein und bin auch kaum noch. Wenn ich in den Spiegel sehe, ist da eine Fremde, ein Zombie, gruselig und ekelhaft. Tiefe Augenhöhlen. Eine dünne Schicht gespannte, blasse Haut über Knochen. Nicht zierlich, ein massives Skelett mit klobigen Gelenken.“

Wie Anita l., heute 37 Jahre alt, die ein knappes Jahr als Patientin in der Kinder- und Jugendpsychiatrie war, stellen sich viele diese Frage: „Fühle ich mich wie auf dem Weg in ein Gefängnis, in ein Krankenhaus?“ Sie schildert eindrücklich ihre inneren Widerstände, die sie in den ersten Tagen begleiten – gegen die Klinik, gegen das Personal, gegen die Mitpatienten. Aber wie viele andere Geschichten in diesem berührenden Buch ist auch ihre eine der Hoffnung: „Vögel im Kopf“ erzählt nicht zuletzt auch davon, wie viele junge Menschen in der KJP lernen, mit ihrer Krankheit zu leben, mit ihr umzugehen, neue Perspektiven erhalten und ihr Leben meistern – so Ulrike S., die Jahrzehnte später selbst als Ärztin arbeitet und eine erfolgreiche Wissenschaftlerin ist.

In ihrem Nachwort betonten der Ärztliche Direktor der Klinik, Professor Tobias Renner und sein Stellvertreter Dr. Gottfried Maria Barth, ebendieses:

„In der Kinder- und Jugendpsychiatrie kommt eine sehr wichtige Besonderheit dazu. Es kann bei uns nicht nur um Symptomreduktion oder Heilung von Krankheiten gehen. Wir haben immer mit der gesamten psychosozialen Entwicklung zu tun. Und Heilung kann nicht nur Wegnehmen von Krankheit bedeuten, sondern Wege zu öffnen für eine gesunde seelische Entwicklung. Wir wollen mit unseren Patient*innen nach vorne blicken, mit großer Kreativität immer wieder neue Wege finden, wie bestehende Belastungen bewältigt werden können.“

So ist „Vögel im Kopf“ vor allem für die Betroffenen und ihre Umwelt selbst ein wichtiges Buch, ein Buch, das  Hoffnung macht und verdeutlicht, wie wichtig es ist, sich Hilfe zu holen – wie bei jeder anderen Erkrankung auch. Aber dennoch wird durch die sensible Auswahl der Geschichten durch die Herausgeber, Ärzte, Therapeuten und Mitarbeitende der Klinik, auch auf die Schattenseiten und die Schwierigkeiten, die psychische Erkrankungen und ihre Behandlung mit sich bringen, eingegangen. Die Schuldgefühle und Versagensängste, die oftmals die Eltern plagen. Die Geschwisterrivalität, die entstehen kann, wenn der Fokus auf dem erkrankten Kind liegt. Das Gefühl, an seine Grenzen zu kommen, das auch erfahrene Therapeut*innen kennen. Aber vor allem die Angst vor Stigmatisierung. Robert, Vater einer erkrankten Tochter, schreibt dazu:

„Leider scheint mir, dass die »Umgangskultur« mit psychisch Kranken eine zusätzliche Hemmschwelle darstellt, ein ohnehin großes Problem zu überwinden, nämlich das Eingeständnis, krank zu sein und unter Umständen ohne fachliche Hilfe nicht mehr in eine gesündere Spur zu kommen. Interessant: Auch wenn es heute einerseits einen gefühlt offeneren Umgang mit dem Thema »psychische Erkrankung« gibt, spiegelt sich andererseits immer noch eine erschreckend aggressive Stigmatisierung im Sprachgebrauch wider: der »Mongo« und »Spasti« früherer Jugendgenerationen scheint heute dem »Psycho« gewichen zu sein. Ich habe noch nie erlebt, dass jemand, der wegen Zahnschmerzen den Arzt aufsuchen muss, als »voll der Kario« oder »Dento« diffamiert wird. Auch ein atemschwacher »Pneumo« ist mir noch nie untergekommen.“

Dem Wunsch der Herausgeber, dass dieses Buch zum Lesen verlockt, vor allem aber, dass es Anlass gibt, über das Thema zu reden und damit einen Teil der Stigmatisierung und Tabuisierung aufzuheben, kann man sich nur anschließen. Zudem ist dieses Lesebuch auch wunderschön gestaltet – die „Vögel im Kopf“ begleiten die einzelnen Geschichten illustrativ, zudem werden die Erzählungen bereichert durch passende Gedichte und Zitate aus der Literatur und Philosophie.

Einige der Texte werden nach und nach auf der Homepage des Fördervereins Schirm e.V. veröffentlicht: https://www.voegel-im-kopf.de/

Informationen zum Buch:

Vögel im Kopf
Geschichten aus dem Leben seelisch erkrankter Jugendlicher
Herausgegeben von: Gottfried Maria Barth, Bernd Gomeringer, Max Leutner, Jessica Sänger und Ulrike Sünkel
Hirzel Verlag, Stuttgart, 2020
Gebunden, 320 Seiten, 24,00 €
ISBN 978-3-7776-2885-1

http://www.hirzel.de/titel/61998.html

Dieter Lohr: „Ohne Titel. Aquarell auf Karton. Unsigniert.“

Header-Seidl-e1555489571112

Alfred Seidl (1892 – 1953), ohne Titel, um 1922, Aquarell auf Papier, 9 x 19,3 cm © Sammlung Prinzhorn, Universitätsklinik Heidelberg (Inventarnummer 4502)

Karthaus, 3. Februar 1933

Lieber Florian!

Was ist denn nun die ostmärkische Scholle? Ist`s Regensburg, ist es Karthaus? München auf alle Fälle ist es nicht, und wer alle heiligen Herrschaftszeiten in der heiligen Heimat vorbeizuschauen sich genehmt und dann seinen werten Herrn Bruder, den wahrhaft Schollenverhafteten, in seiner Schollerei für nicht besuchswürdig erachtet, der ist ein Auswanderer, mein Herr, und nicht bemächtigt, sich Schollenkönig zu nennen. Lass er sich das gesagt sein.
Ob das neue Kabinett Hitler was dran ändert?

Es grüßt
Alfred

Glückwunsch zum neuen Stück; möge ihm Erfolg beschieden und beschienen sein.

Dieter Lohr, „Ohne Titel. Aquarell auf Karton. Unsigniert.“

Ist der Brief fiktiv oder nicht? Ist`s ein dokumentarisches Zeugnis, ist es Fiktion? Die Leser bleiben am Ende im Ungewissen. Und doch entsteht ein greifbares Portrait, ersteht ein Leben wieder auf in all seiner Dramatik und am Ende ist es auch gleichgültig, was von den Mosaiksteinen in diesem interessant konstruierten Buch Wahrheit ist und was Dichtung: Fassbar wird dennoch das Schicksal eines Malers und Schriftstellers zwischen Genie und Wahnsinn und das Barbarentum einer wahnsinnigen Zeit.

Alfred Seidl, soviel ist gewiss, kam 1892 als Sohn einer gutbürgerlichen Familie auf die Welt. Nach einem abgebrochenen Jurastudium in München ging er zurück in seine Heimatstadt, betätigte sich dort als Maler und Schriftsteller. Früh zeigt er Symptome einer psychischen Erkrankung, 1921 wird er das erste Mal in die Heil- und Pflegeanstalt Karthaus-Prüll eingewiesen. Dort will man in der Zwischenkriegszeit in der Behandlung psychisch Kranker Reformen einführen, so wird die Arbeitstherapie ausgebaut, aber auch das kreative Talent der Patienten gefördert. Seidl, der sich dem Dadaismus nahe fühlt, schafft einige Werke, die nicht zuletzt auch in die berühmte Prinzhorn-Sammlung gelangen.

Die Reformbemühungen in der Psychiatrie werden mit dem Nationalsozialismus gestoppt, die Heilanstalten zu Tötungsanstalten, mit der Aktion „T4“ setzt die Vernichtung „lebensunwerten Lebens“ ein. Auch Alfred Seidl, der schillernde, auffallende Künstler, der gerne mal im Kaftan oder im Büßerhemd durch Regensburg wandelt, soll mit den „grauen Bussen“ in den Tod transportiert werden. Gerettet wird er von seinem Bruder Florian – ein Schriftsteller, der mit Volk- und Boden-Literatur Karriere macht, strammer Nazi ist und dessen Name in Regensburg noch lange für heftige Diskussionen sorgte: Erst 1999 wird eine nach ihm benannte Straße umbenannt, nachdem es heftige Diskussionen gegeben hatte.

Im Zentrum des Buches stehen jedoch nicht die Briefe zwischen den Brüdern – oder vielmehr die Briefe Alfreds an Florian, Gegenstücke sind nicht enthalten. Vielmehr, und das ist ein Problem der komplexen Konstruktion, ist diese fiktionale Annäherung an eine Biographie ein Mosaik aus dokumentarischen Texten, denen zuweilen das Zentrum abhandenkommt.

Wo die biographische Erzählung ergänzt und unterbrochen wird durch Originaltexte um die Themenkomplexe der „Art Brut“, der Euthanasie, der Psychiatriegeschichte und des Umgangs der Nationalsozialisten mit Kranken und Behinderten, durch Zeugnisse der Regensburger Zeit, Reden, Briefe und Zeitungsartikel, sowie durch Gedankensplitter eines Vincent (die Nähe zu van Gogh ist unverkennbar), der wohl das alter ego Alfred Seidls ist, wird „Ohne Titel“ zu einem eindringlichen Buch, das vor Augen führt, was Intoleranz (auch eine Mahnung in die Gegenwart hinein) und Rassenwahn zur Folge haben.

Doch Lohr führt mit zwei weiteren Ebenen, die in der Gegenwart spielen – dort treiben ein Kunstkäufer und eine Kunstagentin den Markt für den bis dahin noch wenig bekannten Art brut-Künstler Seidl an und es kommt der Autor, der im Dialog mit einem unbenannten Anderen die Vorgänge des Buches reflektiert, selbst zu Wort – ein weiteres Thema ein, das als Kritik am Kunstmarkt verstanden werden könnte. Dass auf dem Kunstmarkt „art brut“ hoch gehandelt und gefeiert wird, die Künstler selbst und deren Schwierigkeiten am Leben darüber selbst jedoch oftmals vergessen werden – das ist ein Punkt, der aus diesen Ebenen jedoch nicht klar hervorgeht, der in der Fülle des Materials ein wenig verschwindet. Auch wenn es die Intention des Autors Dieter Lohr ist, die Leser im Ungewissen zu lassen, was „echt“ und was „gefälscht“ ist – die Vielzahl der Stimmen lenkt vom Kern ab, erschwert den Zugang.

Aber es soll nicht mit Erbsenzählen enden: „Ohne Titel. Aquarell auf Karton. Unsigniert.“ ist ein wichtiges, eindringliches Buch, das mit der fiktionalen Biographie eines Einzelnen auf ein Thema hinführt, das nicht vergessen werden darf.

„Erbsünde erbkrankt die Erblinde. Erblindung des Erbschmerzes, des Welt- und Erbschmerzes im Erblassen erblasen erlesen des Erbenzählers Zahlen. Zahlenzähler. Erbrechen erbrechnen abrechnen, abzählen. Ab und zu Müllers Kuh im Schafsgewand im Erbsünderhemd der Erbsünderbock die Erbsengemeinschaft.“

Informationen zum Buch:

Dieter Lohr
„Ohne Titel. Aquarell auf Karton. Unsigniert.“
BALAENA Verlag, Landesberg am Lech, 2020
Gebunden, 372 Seiten, umfangreiches Namensverzeichnis, 32,00 Euro
ISBN 978-3-9819984-2-9

Homepage von Dieter Lohr: http://dieterlohr.de/


 

Spende? Gerne!

Wer das Engagement dieses Blogs unterstützen möchte, kann dies gerne mit einem Beitrag via Paypal tun. Oder ganz klassisch mit einer Überweisung, die Daten dafür finden sich im Impressum.

€5,00

Michel Houellebecq: Ausweitung der Kampfzone

P1030756

Bild: (c) Michael Flötotto

Ein Beitrag von Claudio Miller.

„Unterwerfung“ ist in aller Munde, noch bin ich resistent, denke auch nicht, dass ich mich einem Verlangen, dies Buch zu kaufen, unterwerfen werde. Dagegen habe ich mir nochmals den Erstling Houllebecqs aus dem Regal geholt, „Ausweitung der Kampfzone“, 1994 in Frankreich herausgekommen, 1999 dann bei Wagenbach, mit 155 Seiten ein überschaubares Werk, jetzt gut geeignet, mir wieder vor Augen zu führen, was mir einst an Houllebecq gefiel, ja, wenn nicht geradezu anzog, mittlerweile aber ein Gefühl von Ennui verursacht. Ennui als ein vorübergehendes Symptom ist verkraftbar, da vorübergehend, ihre große Schwester, das Taedium vitae dagegen von einem ganz anderen Kaliber. Dieses Gefühl des Lebensüberdrusses ist es jedoch, das alle Romane, die ich von Michel Houllebecq las, durchzieht, ein Werk getränkt von Absage an alles, was der Menschheit auch irgendwie nur Hoffnung oder „Heil“ verspräche: Adieu alle politischen und gesellschaftlichen Programme, Marxismus, Kommunismus, Demokratie, Feminismus, Psychoanalyse, bäh 68er in ihrer Naivität, adieu, adieu, bonjour tristesse.

Der Untergang des Abendlandes oder zumindest das Ende der Aufklärung als literarisches Programm, weil der Mensch im Grunde ein Tier ist, das in Freiheit nicht sinnvoll leben kann. In „Ausweitung der Kampfzone“ ist dieses alles bereits angelegt: Ein namensloser EDV-Ingenieur, 30 Jahre alt, ohne familiäre oder freundschaftliche Beziehungen, auch ohne Lebensplan oder Ziel, befindet sich mit einem Kollegen auf einer beruflichen Tour durch die Provinz. Jener Kollege – als abgrundtief häßlich geschildert, gar als „krötenhaft“ bezeichnet – leidet an seiner Chancenlosigkeit bei den Frauen. Während eines frustrierenden Discoabends animiert der Ich-Erzähler (der gelegentlich aus eigenen zynischen Tierfabeln zitiert) den Kompagnon zu einem Sexualmord – die Tat bleibt ungetan, der potentielle Mörder kommt noch in derselben Nacht bei einem Autounfall ums Leben. Potentiell, denn die Saat des Bösen wäre gelegt gewesen, nur einmal noch blieb das Messer stecken, siegte die übernommene (und bereits überkommende?) Moral.

Der Erzähler und Anstifter landet wegen Depressionen in der Psychiatrie:
„Ich verließ die Klinik an einem 26. Mai; ich erinnere mich an die Sonne, die Wärme, die Atmosphäre der Freiheit auf den Straßen. Es war unerträglich.“

„Ausweitung der Kampfzone“ bedeutet: Alles ist ein Markt, alles den Gesetzen des Marktes, des „freien“ Spiels der Kräfte unterworfen. Der Mensch als Ware, Sexualität als Produkt, als erweiterte Kampfzone. Wer hier überleben will, als Sieger aus dem Spiel hervorgehen möchte, der hat  Leistung zu erbringen. Verlierer ist, wer ohne Kontakte bleibt, bei Houellebecq hat man da bereits von vornherein das falsche Los gezogen, bleibt außen vor. Lupus est homo homini – Problem nur: Selbst wenn der Mensch einen anderen Mensch erkennt, führt dies nicht zur Menschlichkeit, die Protagonisten verharren in einem autistischen Modus oder im tierischen Spiel der Mächte, fressen oder gefressen werden, selbst ein Schwacher treibt den noch Schwächeren zum Wahnsinn (da fast bis zum Mord), Mitgefühl, Empathie, Solidarität sind menschliche Werte, die keinen Raum einnehmen.

Als Kritik am Neoliberalismus haben mich die Bücher Houellebecqs vor mehr als zehn Jahren gepackt und fasziniert: So kalt und grausam geschildert, so pointiert, habe ich ein Abbild einer Welt und unserer westlichen Zivilisation zuvor nicht gelesen. Die Befindlichkeit einer Gesellschaft, die zwischen absoluter Pluralität und individueller Verlorenheit pendelt: Scheinbar geht alles und doch weiß der Mensch an sich damit wenig anzufangen. Diese grenzenlose Freiheit – die Sexualität ist bei Houellebecq dafür die geeignete Metapher – die sich in spießiger Dekadenz, in Orientierungslosigkeit und Einsamkeit erschöpft. Zumal „Freiheit“, „Pluralismus“ etc.  Gängelbändel sind, dem Einzelnen Wahlmöglichkeiten nur vorgetäuscht werden, Entscheidungsfreiheit als politische Fata morgana. Dies in nüchterner, präziser Sprache geschrieben, in wenigen Seiten verdichtet, macht die Qualität dieses Debütromans aus. Dazu ironische Seitenhiebe auf die Literatur:

„Das fortschreitende Verlöschen menschlicher Beziehungen bringt für den Roman allerdings einige Schwierigkeiten mit sich. Wie soll man es anstellen, diese heftigen Leidenschaften zu erzählen, die sich über mehrere Jahre erstrecken und deren Wirkungen manchmal über Generationen hinweg spürbar sind? Von den Sturmhöhen haben wir uns weit entfernt, das ist das mindeste, was man sagen kann. Die Romanform ist nicht geschaffen, um die Indifferenz oder das Nichts zu beschreiben; man müßte eine plattere Ausdrucksweise erfinden, eine knappere, ödere Form.“

Das ist die Ironie: Seit seinem Debütroman 1994, dem dieses obige Zitat entnommen ist, schreibt Houellebecq Roman um Roman über: Das Nichts. „Unterwerfung“, so habe ich aus manchen Kritiken geschlossen, ist nicht mehr oder weniger als eine dystopische Variation davon. Eine Satire auf den Untergang tradierter Werte und Gesellschaftsformen. Nach dem dramatischen zeitlichen Zusammentreffen des Erscheinen des Romans und der Pariser Anschläge war die mediale Hysterie groß: Was darf ein Roman? Wo liegen die Grenzen? Dazu schrieb Nils Markwardt eine sehr intelligente Reflektion: „Moral ist der falsche Maßstab“.

D`accord. Literatur darf alles, muss nichts – insofern kostet Houellebecq den Pluralismus, den er oftmals so schwarz zeichnet, als Autor bis zur Neige und Schmerzgrenze aus. Es liegt  dagegen in meiner alleinigen Entscheidung als Leser, welche Dosis davon ich zu mir nehme. Und auch dazu finde ich bei Markwardt einige Sätze, die ich unterstreichen kann, die im Grunde der Grund sind, warum ich mich inzwischen lesend von Michel Houellebecq verabschiedet habe:

„Man kann in Unterwerfung, so wie eigentlich auch bei fast allen anderen Romanen Houellebecqs, eine Reihe von Dingen ärgerlich, platt oder ermüdend finden. Beispielweise den quengeligen Vulgär-Nietzscheanismus oder die immer gleiche, abgegriffene Zivilisationskritik, die erkenntnistheoretisch nicht über das Lamento eines frustrierten Kneipenphilosophen hinauskommt.“ 

Adieu, tristesse. Denn Kritik ist gut, aber Erkenntnis ist besser – aber was letzteres anbetrifft, da bietet mir der traurige Nörgler zuwenig Gewinn.

 

Spende? Gerne!

Wer das Engagement dieses Blogs unterstützen möchte, kann dies gerne mit einem Beitrag via Paypal tun. Oder ganz klassisch mit einer Überweisung, die Daten dafür finden sich im Impressum.

€5,00