Linda Vilhjálmsdóttir: das kleingedruckte

das solltest du wissen
lieber leser
dass ich im geist tausend mal tausend
bittersüße gedichte geschrieben habe

um ein für alle
mal zu beweisen
dass ich eine gute dichterin bin

Fast schon wie eine Entschuldigung wirken diese Worte. Vorangestellt einem Zyklus, der zeigt, was für eine gute Dichterin Linda Vilhjálmsdóttir gerade deshalb ist, weil sie auf den bitterbösen Kram verzichtet, weil sie dichtet ohne Zuckerguß. Nach ihrem bemerkenswerten Band „Freiheit“ ist „das kleingedruckte“ der zweite Gedichtband der isländischen Autorin, der im Elif Verlag erscheint. Waren in „Freiheit“ die Themen der durch und durch politischen und geselschaftskritischen Lyrikerin weiter gespannt, so fokussiert sie sich hier auf die Geschlechter. Und mit welcher Wucht!

Bild von Paul Bates auf Pixabay

selten
so abseits im eigenen leben

als wenn ich in frauenzeitschriften blätterte
im frisiersalon und beim zahnarzt im wartezimmer

Linda Vilhjálmsdóttir erzählt in ihren Gedichten von Rollenbildern, die auf Frauen lasten, von der Überhöhung des Männergeschlechts an sich, von den männlichen Helden, die in Walhall ausgestellt werden und von den Frauen, die trotz oder mit ihrem „zerbrechlichen selbstbildnis“ die eigentlichen Kämpferinnen sind, die „unbekannten größen“ im Kleingedruckten. Linda Vilhjálmsdóttir wählt in ihren Gedichten oftmals das Stilmittel der Ironie, manchmal ist sie bitterböse, manchmal sehr direkt, immer glasklar, aber eines ist sie nie: Bittersüß-kitschig.

Anrührend dagegen schon, so in einem Langgedicht, das den Frauen ihrer Familie gewidmet ist, das von den Lebensverhältnissen der Urgroßmütter, Großmütter und Mütter erzählt, davon, wie diese sich ein Stück Würde und Freiheit den Verhältnissen abtrotzten. Die Mutter, schön und schick im mühsam zusammengesparten Wollmantel, auch eine der Generation, die mit „fünfzehn die hauptschule abgeschlossen hatte und von der schule gehen musste.“

So gibt Linda Vilhjálmsdóttir auch ein Stück isländische Lebenswirklichkeit in ihren Gedichten wieder, die zeigen: Frauenleben ähneln sich, Frauenträume auch, sei es in Island, Oberschwaben oder an der Nordseeküste. Und die Dichterin fordert auf, die Verhältnisse zu ändern, sie stimmt ein in die „revolutionskantate der haremsfrauen.“

Es wundert nicht, dass dieser Gedichtband, der 2018 in Island erschien, dort über Monate hinweg zu den meistverkauften Lyrikbüchern gehörte: In ihrer Direktheit und in dieser klaren Sprache sind die Gedichte auch Leserinnen und Lesern zugänglich, die nicht unbedingt lyrikaffin sind. Ihre Ironie und Geradlinigkeit machen sie zudem auch überaus unterhaltsam.

Neben Björg Björnsdottirs sechstem Wintermonat ist dies das zweite Projekt, das Jón Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer in diesem Frühjahr gemeinsam als Übersetzer veröffentlicht haben. Das ist großartig – zeigt doch der direkte Vergleich der beiden Bände, wie vielfältig und von welchem formalen und inhaltlichen Reichtum die Lyrik dieses kleinen sagenhaften Landes ist!

Informationen zum Buch:
Linda Vilhjálmsdóttir
das kleingedruckte
Elif Verlag, 2021
110 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, 20,00 €

https://elifverlag.de/produkt/das-kleingedruckte-%c2%b7-linda-vilhjalmsdottir/

Björg Björnsdottir: Der sechste Wintermonat

Eine sonntägliche Ruhe liegt über der Stadt. Noch setzt sich das Vogelgezirpe gegen den Straßenlärm durch. Durch die Zimmer weht eine frische Brise, die eine Ahnung vom heißen Tag, der kommen wird, mit sich bringt. Gewitterschwüle ist vertagt. Die Nacht wird aus den Augen gerieben, der Tag liegt vor mir wie ein offenes Buch. Das sind Morgenstunden, wie ich sie liebe – und wann, wenn nicht dann, ist die Zeit geeigneter, um Gedichte zu lesen, sich langsam in den Sinn und Gehalt lyrischer Sätze hinzutasten? Wie passend an solchen Tagen auch ein Zyklus über die Jahreszeiten:

Eine Welt in voller Blüte.

Eine Hummel.
Ein Rasenmäher in einem fernen Garten.

Eine Welt, die war,
eine Welt der Schwerelosigkeit.

Aus: „Heyannir – Der vierte Sommermonat“.

Mit den Gedichten von Björg Björnsdóttir, die erst im vergangenen Jahr in Island in erschienen sind, haben Jón Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer, zwei unermüdliche Botschafter für die isländische Literatur, deutschsprachigen Leserinnen und Lesern ein besonderes Geschenk gemacht.

Der Band „Der sechste Wintermonat“ umfasst einen Jahresreigen. Zwölf Gedichte haben die beiden Übersetzer aus Björnsdóttirs erstem Gedichtband „Árhringur / Jahresring“ übertragen. Dem Zyklus, der wie der isländische Kalender nur die beiden Jahreszeiten Winter und Sommer kennt, ist eine feine Melancholie eingeschrieben, das Wissen vom Werden und Vergehen:

An diesem Morgen
ist die Stadt still.

Wir sind allein,
ich und die Ankunft des Herbstes.

(aus dem „fünften Sommermonat“).

Erinnert an Rilke, gewiss. Doch die isländische Dichterin braucht nicht das ästhetisch Überhöhte, das zuweilen Bombastische, um ihrem lyrischen Ich eine Stimme zu geben, die die „Angst vor dem Unwiderruflichen“ und das „Bedauern“ im Herzen angesichts des Vergehens, vielleicht auch dieser Angst vor einem langen Winter, zum Ausdruck bringt. Wissend, dass der Sommer zwar groß ist, der Winter aber wiederkommen wird, feiert sie vielmehr in zurückhaltenden, stillen Zeilen die „Sanftheit des Augenblicks“. Das ist alles fein und genau beobachtet, voller poetischer Bilder. Naturlyrik, die zeitlos und doch zugleich auch ganz zeitgemäß wirkt. Gedichte, mit denen sich der Sommer genießen lässt – aber Achtung:

Die Tage der Faulenzerei sind vorbei.
Vor mir steht das Fahrrad.

Wehendes Haar,
wilder Wind,
das Stahlross im Windschatten.

Dieser Zyklus, ein poetisches Juwel, kommt auch in einer besonderen, ihm angemessenen Verpackung daher: „Der sechste Wintermonat“ erschien nun zunächst in der Corvinus Presse als limitierte „Volksausgabe“. Es folgt ein Künstlerbuch mit den signierten Grafiken von Jón Thor Gíslason, handgebunden und in einer Kassette. Doch allein schon die Volksausgabe ist ein Beispiel allerfeinster Buchkunst: Mit den Radierungen des Künstlers, Gedicht für Gedicht sorgsam gesetzt auf einer Linotype und Buch für Buch nach japanischer Art offen gebunden, ist es ein wahrer bibliophiler Schatz.

Wolfgang Schiffer erläutert in einem Beitrag die Entstehung des Buches von der ersten Idee bis zur Herstellung: https://wolfgangschiffer.wordpress.com/2021/04/26/vom-buch-ubers-manuskript-zu-einem-neuen-buch/

Eine sehr feine Besprechung gibt es beim Lyrikhaus Fischer: https://lyrikatelierfischerhaus.com/2021/06/09/der-sechste-wintermonat-bjorg-bjornsdottir/

Zwei Gedichte in voller Länge bei Signaturen: https://www.signaturen-magazin.de/bjoerg-bjoernsdottir–zwei-gedichte-aus–der-jahresring–.html

Und hier alle Informationen zur Corvinus Presse: https://www.corvinus-presse.de/

Ragnar Helgi Ólafsson: Handbuch des Erinnerns und Vergessens

„Worte in Form zu binden, bewahrt die Erinnerung an etwas, das wusste man in früheren Zeiten, als man sich Dinge noch merken konnte – bevor alles aufgeschrieben wurde. Platon wusste das natürlich. Und er glaubte auch, dass die neueste Technik und Wissenschaft der Antike (die Schriftsprache) ein unmittelbarer Anschlag auf das Gedächtnis der Menschen sei. Er traute dem Alphabet nicht, war ihm gegenüber mehr als skeptisch, schrieb darüber (in öffentlicher Rede!), wie das Schreiben Vergesslichkeit verursacht; ich habe es immer gut gefunden, dass er ausgerechnet darüber geschrieben hat.“

Ragnar Helgi Ólafsson, „Handbuch des Erinnerns und Vergessens“

Es ist ein tückisches Ding mit dem menschlichen Gehirn. Der eine glaubt nur das, was geschrieben steht. Ein anderer befürchtet, er könne seinem Gedächtnis nicht mehr trauen. Und dann gibt wiederum jemand den Rat: „Glücklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist.“ Was beinahe zynisch klingt, wenn man an die Volkskrankheit denkt, die jeden von uns am Ende seiner Tage treffen könnte: Denn es ist der Nebel des Vergessens, der mit einer Demenz eintritt, das langsame Sterben des Gehirns.

„Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können“ gibt nun jedoch der isländische Schriftsteller-Philosoph Ragnar Helgi Ólafsson ein „Handbuch des Erinnerns und Vergessens“ mit. Wie bereits in seinem Gedichtband, macht sich Ólafsson auch in diesen Prosatexten nicht zum „Laufburschen für die Wirklichkeit“, sondern treibt mit seinen Lesern ein doppelbödiges-schalkhaftes Spiel. Subtext der zwölf Erzählungen: Unseren Erinnerungen ist im Grunde nicht zu glauben, man ist meist nicht einmal der „Dramaturg des täglichen Lebens“, des eigenen Lebens, wie es in einer der überwiegend surrealen gehaltenen Geschichten heißt.

„Merkwürdig, wie es mit den Erinnerungen ist, je mehr Zeit vergeht, desto mehr fangen sie an, die Eigenschaften von Träumen anzunehmen – so dass man im Laufe der Jahre Traum und Erinnerung kaum noch auseinanderhalten kann. Zumal ein Traum, nachdem man ihn geträumt hat, natürlich auch nur eine Erinnerung ist. Vielleicht sind daher diese Ähnlichkeiten gar nicht so erstaunlich. Wahrscheinlich ist letztlich alles eine Erinnerung.“

Dieses intellektuelle Spiel mit den Fallen und Fehltritten der eigenen Wahrnehmung, der menschlichen Lust an Selbsttäuschung und den Grenzen unser Erkenntnisfähigkeit, ja, auch der Unmöglichkeit von Objektivität wird in allen diesen Erzählungen durchdekliniert. Mal surreal-fantastisch wie in „Funes der Jüngere“, eine Erzählung, die ganz bewusst an Jorge Luis Borges erinnert und an dessen Arbeitsort, der argentinischen Nationalbibliothek ihren Ausgang nimmt. Oder wie in „Ragnar, seine Freunde und ich“, meine Lieblingsstory in diesem Band, der Autor, eingepfercht in einen klapperigen Fiat Uno, gemeinsam mit einer übelgelaunten Eule und einem meckernden Satyr. Diese beiden Beispiele stehen für den intellektuellen Witz und Humor, mit dem Ólafsson Erinnerungen betrachtet.

Zentral platziert und damit der Kern dieses Handbuches, gibt die längste Geschichte jedoch ganz „Praktische Ratschläge fürs Erinnern und Vergessen“. Untertitel: „oder die Ruinenwerttheorie“. Es ist der Brief eines Mannes an eine ehemalige Geliebte, die vorschlägt, die getauschten Briefe zu vernichten, zu verbrennen. Ist es so, dass damit das einmal geschriebene, gesagte, gedachte Wort auch aus der Welt verschwindet? Kann man mit verbannten Gegenständen und verbrannten Briefen auch die Erinnerung löschen?

Und was ist Vergessen? Gnade oder Kontrollverlust?

„Es hat etwas Furchteinflößendes, Gott um Hilfe zu bitten, dass man etwas vergisst – nicht nur, weil es dann unwiderruflich verschwände – sondern weil derjenige, der auf sein Gedächtnis verzichtet, damit zugleich auf alle Möglichkeiten verzichtet, die Kontrolle über sein eigenes Leben zu behalten (Anmerkung meinerseits: Und es damit den Dramaturgen zu übergeben). Ist es nicht so? Man kann es sich nicht aussuchen, was man vergisst. Es ist unmöglich, systematisch zu vergessen … man vergisst alles gleich: Das, was einen glücklich macht, das, was einen traurig macht, was einem von Nachteil ist und was einem nützt. Aber es ist natürlich auch denkbar, dass genau dieses Sicherinnern die Wurzel allen menschlichen Übels ist.“

Ein unauflösbarer Konflikt scheinbar – doch trotz eines leichten Untertons der Melancholie ist dieses Handbuch im Grunde ein sanftes Plädoyer dafür, sich einfach auch seinen Erinnerungen, seinen Tagträumen, seinen Nachtgedanken, sich also schlicht und einfach dem Leben zu überlassen. Das kann auch auf dem Anhänger eines Traktors geschehen, auf dem man liegend durch die Landschaft gerumpelt wird:

„Die Wolken ziehen in vollkommen gleichmäßiger Geschwindigkeit über dich hinweg. Da du liegst, schaust du direkt nach oben, fühlst das Zittern des Motors im Rücken und liest mit dem ganzen Körper die Schlaglöcher auf dem Weg. Die Wolken ziehen am Himmel vorbei und du den Weg entlang … und du vergisst, daran zu denken. Du bist in diesem Augenblick da, ganz ohne es zu merken. Bist einfach da, auf dem Boden des Anhängers, in der Welt, unter dem Himmel – ganz ruhig und doch nicht regungslos. Und merkst es gar nicht.“

Die Einschätzung von Elke Engelhart bei „Fixpoetry“ kann ich nur teilen:

„Ólafssons lustvolles Spiel mit Wissen und Zusammenhängen, und wie das fehlende bzw. vorhandene Wissen den Blick auf das, was geschieht, verändert, erzeugt Kippbilder, die von Dichtern und Figuren der Literatur belebt werden. Das „Handbuch des Erinnerns und Vergessens“ lässt sich gleichermaßen von Träumen wie von philosophischen Gedankenspielen inspirieren. So entstehen Geschichten, die sowohl als gute Unterhaltung wie auch als intellektuelles Spiel überzeugen.“

Nicht vergessen werden sollten auch die beiden Übersetzer Jón Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer, die bereits Ólafssons Gedichtband wunderbar ins Deutsche übertragen haben.

Informationen zum Buch:

Ragnar Helgi Ólafsson
Handbuch des Erinnerns und Vergessens
Elif Verlag, 2020
Hardcover mit Schutzumschlag, 198 Seiten, 22,00 Euro
ISBN 978-3-946989-26-4


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Ragnar Helgi Ólafsson: Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können

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Bild von David Mark auf Pixabay

Über mein Leben gilt das Gleiche wie über archäologische Funde in Island: Mehr als 95 % der Altertümer sind noch unter der Erde und unerforscht.

Zitat aus: „Einzigartige Silberschätze, endlose Überschenkelknochen“

Wie vieles in diesen Liedern und Texten ist auch dieser Satz von den einzigartigen Silberschätzen bestimmt von einem melancholischen Grundton: Ein wenig surreal, geprägt von der kalten „Realität, mit der wir, das heißt ich, leben müssen.“ Und dennoch birgt auch diese „Dichtersprache“ Wärmendes und Tröstliches, vermag sie doch die Stille zu durchbrechen:

„Es ist nicht so schwierig, wie es klingen mag.“

Die Stimme, die die Stille – ruhig und sacht wie ein Wollfaden an einem Kristallglas – zum Klingen bringt, stammt von Ragnar Helgi Ólafsson. Und man wünscht sich, das heißt, ich wünsche mir, dass nicht erst die Archäologen in ferner Zukunft weitere Texte des isländischen Schriftstellers, Regisseurs, bildenden Künstlers und Philosophen ausgraben werden.

„Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können“ ist der erste Lyrikband Ólafssons, der nach seinem Erscheinen 2015 mit dem renommierten Tómas-Guðmundsson- Poesie-Preis der Stadt Reykjavík ausgezeichnet wurde. Wolfgang Schiffer und Jón Thor Gíslason sind bereits ein eingespieltes Team bei Übertragungen isländischer Literatur in das Deutsche. Ihrem Engagement ist es zu verdanken, dass nun auch dem deutschsprachigen Publikum die Texte dieses ungewöhnlichen Schriftstellers zugänglich sind.

Ungewöhnlich allein schon die formale Ebene: Kein klassischer Zeilenfall, keine durchgängigen Rhythmen, keine durchgängige optische Erkennbarkeit und Anordnung der Texte als „Gedicht“. Gedichte, Textvignetten, liedähnliche Passagen wechseln sich ab, changierend in der Form und im Grundton – tag- und nachtträumerisch, surreal, konkret, mal melancholisch, mal voller leisem Humor. Bereits im Untertitel wird relativiert – um „Lieder und Texte“ soll es sich handeln. Und ein dem Buch vorangestelltes Zitat von Ryokan Taigu führt weiter auf den Pfad des Verständnisses dieser Textexperimente:

„Wer sagt, dass meine Gedichte Gedichte seien?
Meine Gedichte sind gar keine Gedichte.
Wenn du verstanden hast,
dass meine Gedichte keine Gedichte sind,
dann können wir uns hinsetzen und
über Dichtung sprechen.“

Die Gedichte, die keine Gedichte sind, sie sind: Das Leben. Das Leben in allen Facetten, in dem „nur kurz etwas bezüglich Kleidung“ (der geliebten Frau) ebenso berührt wird wie das Trübsalgesetz oder auch Magisterexamen. Die Titel täuschen jedoch über den Gehalt der Nicht-Gedichte hinweg – kein Fall von angewandter, konkreter Poesie, der hier zu erwarten ist. Vielmehr Zeilen, die zum Teil an surreale Traumfragmente erinnern, an schlafwandlerisches Erleben und Finden:

Ein Mann, der sucht
(Die Morgendämmerung bricht an)

Ich habe aufgehört zu suchen.
Treibe den Gedanken von mir weg.

Und gehe weiter in den Traum hinein.

Es ist, als ob der Dichter ein kleines Fenster zu seinem Innenleben – oder vielmehr Innendenken – öffnet, um dann sofort die Spuren wieder zu verwischen, auf neue Wege abzulenken:

„Ich werde mich nicht dazu äußern, ob ich
ein komplexes oder ein einfaches Ding bin. Es geht hier
einfach um zu sensible Informationen.“

Nicht zuletzt ist es auch dieser feine Schalk, der die Lektüre für all jene, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können, zu einem tröstlichen Genuss macht. Das Leben besteht aus einer ständigen Abfolge von Widersprüchen. Und nicht jeder bekommt, um darin zu bestehen ohne Angst, einen Kyniker an den Knöchel gebunden. Dem bleibt zum Trost und als Akt des Widerstands jedoch die Dichtung:

Nicht in der Arbeitsbeschreibung
oder: Stellungnahme (mit Wut)

Die Wirklichkeit hat angerufen, sie habe genug
von den poetischen Eingriffen des Dichters in ihre
Existenz.

Die trotzige Antwort des Dichters, sie lautet:

Ich mache mich verdammt noch mal doch
nicht zum Laufburschen für die Wirklichkeit.

Wolfgang Schiffer habe ich nicht nur die Entdeckung dieses auch optisch so ansprechenden (Nicht-) Gedichtbandes zu verdanken – der mir in der Versponnenheit seiner Texte auch persönlich einfach sehr zusagt – , sondern auch die des „Elif Verlages“, der das Buch herausbrachte. Im aktuellen Verlagsprogramm ist nochmals ein zweisprachiger Gedichtband zu finden, der eine Empfehlung wert ist: „Vielleicht lautlos“ von Gonca Özmen. Sinnlich, leidenschaftlich, bildreich, kraftvoll:

„Es war dein Mund,
er nahm ungeborene Verse und ließ sie liegen.“

Schön, dass dieser Verlag es wagt, Verse nicht nur nicht liegen zu lassen, sondern der Lyrik ihren Raum zu geben:

http://elifverlag.de/

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