Eimar O’Duffy: Esel im Klee, Kröner Verlag

Kröner Verlag

»Es gibt drei hassenswerte Dinge auf der Welt, zwei, die das Blut zum Erkalten bringen, und eines, das es zum Kochen bringt: das Zischen einer Schlange, das Fauchen eines Tasmanischen Teufels und das Lächeln eines Bankiers.«

Nach King Goshawk und die Vögel (2019) erscheint am 15. Oktober nun mit Esel im Klee die Fortsetzung von Eimar O’Duffys »atemberaubender Satire« (Annemarie Stoltenberg im NDR).

Es läutet zum letzten Gefecht: der Halbgott Cuanduine, im ersten Teil eigens gezeugt, um die Singvögel – und die Welt – aus den Klauen des Goshawk zu befreien, gegen ebenjenen Goshawk, den reichsten Mann der Welt, angetre­ten, um sich die Welt einzuverleiben. Doch eigentlich möchte Cuanduine nach den Abenteuern des ersten Teils zunächst einmal nichts als seine Ruhe haben – zumal er sich alsbald heftig verliebt. Aber noch sitzen die Vögel in ihren Käfigen. Und so erinnert ihn die irische Kriegsgöttin Badb an seine Pflichten. Dabei gibt sie Cuanduine eine Menge gute Ratschläge mit auf den Weg, doch leider sind diese wie so oft unergründlich. Liegt es daran, dass die Dinge sich ganz anders entwickeln als erwartet, oder ist die Menschheit vielleicht einfach zu dumm, um gerettet zu werden?

Vor den Erfahrungen von großen Menschheitskrisen, des Ersten Weltkriegs und der Weltwirtschaftskrise, schrieb Eimar O’Duffy 1931 diesen fulminanten Roman, der urkomisch, verblüffend aktuell und ein selten exquisiter Lesegenuss ist.

Eimar Ultan O’Duffy (1893–1935) wurde in Dub­lin geboren und studierte dort und in Lancashire. Zunächst Mitstreiter, dann Kritiker der irischen Un­abhängigkeitsbewegung, torpedierte er die Pläne für den Osteraufstand von 1916, indem er dem Chef der Irish Volunteers, der gegen jede gewaltsame Intervention war, verriet, dass er für die darauffolgende Woche geplant sei, woraufhin alle Aktionen der Volunteers ab­gesagt wurden. 1925 ging O’Duffy nach England. Als Mann zwischen allen Stühlen starb er 1935 in einem Vorort von London.

Gabriele Haefs ist eine der bekanntesten Übersetzerinnen Deutschlands (u.a. von Jostein Gaarder, Håkan Nesser, Anne Holt). Sie wurde u.a. mit dem Gustav-Heinemann-Friedenspreis ausgezeichnet, 2008 mit dem Sonderpreis für ihr übersetzerisches Gesamtwerk, 2011 mit dem Königlich-Norwegischen Verdienstorden.

Eimar O’Duffy
Esel im Klee
Roman. Aus dem Englischen von Gabriele Haefs
2020, ca. 340 Seiten, Halbleinenbandca. € (D) 24,– · ISBN: 978 3 520 60801 7
Erscheint am 15. Oktober 2020
www.kroener-verlag.de

Tom Zürcher: Mobbing Dick

„Nachts sitzt Dick im Büro und schreibt die Notizen fürs Archiv um. Er hofft jedes Mal, das letzte Tram zu erwischen, aber er schafft es selten. Zuhause kann er nicht einschlafen, obwohl er todmüde ist. Die Bank kocht in seinem Kopf weiter und die Fantastischen diktieren Müll und Mist. Ich muss hier raus, sagt er sich, die Kammer macht mich fertig.“

Tom Zürcher, „Mobbing Dick“, 2019.

Was für ein grandioser Spaß! Ein Roman, so irrwitzig im ursprünglichen Sinne dieses Wortes, irre und witzig, irre witzig, so überdreht jedenfalls ist mir seit „Die Verschwörung der Idioten“ kaum mehr etwas untergekommen. Ein abgefahrenes Spektakel, ausgerechnet angesiedelt hinter der biederen Fassade eines Kleinfamilienhauses in Witikon und den soliden Mauern einer Züricher Bank.

Dick – allein schon sein Vorname ein schweres Erbe, ist er doch der Heldenverehrung seiner Eltern für den ehemaligen US-Vizepräsidenten Dick Cheney zu verdanken – will vor allem nur eines: Geld verdienen, raus aus dem engen Elternhaus, rein in eine eigene Wohnung, dem kontrollsüchtigen, geizigen Vater und der überfürsorglichen Mutter entrinnen. Er bricht sein Jurastudium ab, bewirbt sich bei einer Bank, wird ohne große Qualifikation sofort genommen und ist erst einmal glücklich. Was sich bei Dick – der im Verlauf des Romans jedoch immer dünner wird – in einer Fressattacke manifestiert. Als „Banker“ dürfen es da zum Einstand auch mal die teuren Cremeschnitten aus der Konditorei „Sprüngli“ sein, die er im Wesentlichen jedoch selber futtert.

Seltsam verschrobene Ideen

Doch aus der großen Freiheit und den Träumen vom Aufstieg auf der Karriereleiter wird absolut nichts: Die Bank entpuppt sich als kafkaesker Käfig, eine Anstalt der Sinnlosigkeit, in der das Produktivste, was die einzelnen Angestellten zu unternehmen scheinen, das Spinnen der nächsten Intrige ist. Viel Gewese gibt es um das Bankgeheimnis. Ein eigens erfundener „Vreneli“-Code dient dazu, die Kundengespräche per Hand zu protokollieren. Wem das im Zeitalter der Digitalisierung verschroben vorkommt: Das ist es. Das Abfassen hunderter handschriftlicher Adressumschläge, das Schreiben von Protokollen, das Training von Schönschrift: Dick muss mehr Papier produzieren, als er Staub fressen kann. Aber auch das gehört zur satirischen Überspitzung, mit der Tom Zürcher in seinem dritten Roman das Tun und Treiben in dieser seltsamen Geldanstalt zeichnet.

Banner Buchpreisblogger 2019Klaustrophobisch eng wird es für Dick auch an seiner neuen Wirkungsstätte: Die „Fantastischen Fünf“, herrlich überspitzt dargestellte Finanzhyänen mit dem entsprechenden Jargon, lassen den jungen Mann gerne in der fensterlosen Kammer, in der er den Verhandlungen mit Kunden zuhören muss, schwitzen. Als das längst schon marode Bankhaus von Amerikanern übernommen wird, nimmt der Konkurrenzkampf unter den „Fanta 5“ existentielle Züge an, Dick selbst gerät mitten in das Gefecht und macht sich zudem durch Fehlspekulationen quasi zum Sklaven der Bank. Erneut will er wieder nur eines: Raus. Selbst der Rückzug zu den Eltern, Studium und finanzielle Abhängigkeit vom Vater erschiene ihm die bessere Alternative.

Doch es gibt kein Entkommen: Mit Versprechen auf mehr Gehalt und Aufstieg wird Dick, der in der Personalakte als „naiv“ und „gutgläubig“ bezeichnet wird, geködert, einem Esel gleich, dem man die Mohrrübe vorhält, durch die Arena gezogen. Mehr und mehr durch den Wind gedreht, verliert Dick, zunehmend auf Wodka statt auf Cremeschnitten, die Kontrolle über sich. Sein Alter Ego „Mobbing Dick“ gewinnt die Oberhand, zieht als aufgespeedeter Racheengel durch das nächtliche Zürich und terrorisiert Kollegen wie Familie zunächst nur mit relativ harmlosen Stalking-Telefonaten. Doch Wahn und Wirklichkeit verwischen zusehends, aus dem Spaß wird Ernst: Das Ganze endet in einem Fiasko, das mit einer erotisch ansprechenden Vorgesetzten, einem Zahnarztstuhl, einem Teppichklopfer und einem unvermutet aufgetauchten Familienkonto mit 5 Millionen Franken zu tun hat. Mehr sei dazu an dieser Stelle nicht verraten.

Aufstieg und Fall eines Naivlings

Wie Tom Zürcher diesen Aufstieg und Fall seines jungen Helden zeichnet, ist von einem unwahrscheinlichem Tempo, viel Wortwitz und absurden Dialogen geprägt. Was wie ein harmloses Coming-of-Age-Buch beginnt, wird zum aberwitzigen Roman und einer absurden Tragikomödie, die im Grunde vor allem eines aufzeigt: Verlass dich nicht auf Loyalität und Solidarität unter Kollegen. Offengelegt werden die Mechanismen, die in hierarchisch strukturierten und auf Leistung ausgelegten Unternehmen im menschlichen Umgang wirksam werden. Und das sind eben nicht die besten Charaktereigenschaften, die da zu Tage treten. Zürcher erzählt dies trocken, fast nüchtern, in rasantem Präsenz, stilistisch unverschnörkelt.

Vielleicht mag gerade dies dem Roman, der auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis steht, bei der Auswahl der Jury für den Gewinnertitel nicht zum Vorteil gereichen. Vielleicht ist er dafür auch eine Spur zu absurd. Man weiß es nie. Für mich ist das Buch auf jeden Fall ein Gewinnertitel, denn es war für mich nach anfänglicher Skepsis eine große, positive und unterhaltsame Überraschung.

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels hat in diesem Jahr 20 Buchbloggerinnen und Blogger gebeten, eine Art „Patenschaft“ für einen der 20 Titel auf der Longlist zu übernehmen. Die Titelauswahl fand per Los statt. „Mobbing Dick“ war für mich daher tatsächlich ein Überraschungsei, beinahe wie eine Cremeschnitte aus dem „Sprüngli“.

Über die weiteren Titel sowie die Rezensionen dazu, Autoreninterviews und andere Infos ist alles auf dem Blog zum Buchpreis zu finden: https://www.deutscher-buchpreis-blog.de/

Bibliographische Angaben:
Tom Zürcher
„Mobbing Dick“
Salis Verlag, 2019
24,00 Euro, Hardcover, 288 Seiten
ISBN 978-3-906195-83-4


Bild zum Download:
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Gabriele Tergit: Käsebier erobert den Kurfürstendamm

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Bild von Michael Kauer auf Pixabay

„Ich kannte diese Stadt noch“, dachte er, „als sie noch aussah fast wie eine Stadt, als man noch nicht Haus bei Haus abgerissen hatte, als noch das Wollager im Hohen Hause war und die Planwagen in der Klosterstraße standen, am Hackeschen Markt noch die Hollmannsche Schule war und alles dort voll Gärten. Es ist kein Platz mehr für den Menschen und seine Sehnsucht.“ Er wanderte weiter, kam an den Schloßplatz und ging die Französische Straße lang. Niemand begegnete ihm. Er war zurückgekehrt nach 1000 Jahren in die verfallene Stadt. Unbewohnt waren die Häuser, nur manchmal stand ein alter Gott davor in bortenbesetzter Uniform, der Schlüssel hielt. Nie mehr würden hier Menschen atmen. Das Lachen starb, als die Menschen zugrunde gingen. Er nur allein war aufgeweckt. Er war müde, die Sohlen brannten ihm. „Müde Füße“, dachte er, „das mildeste Tun ist, die Füße zu waschen. Wir haben aufgehört zu wandern, wir haben keine müden Füße mehr, wir haben niemanden, der sie uns wäscht, verratenes Herz, getäuschtes Vertrauen in den großen Städten.“

Gabriele Tergit, „Käsebier erobert den Kurfürstendamm“, Erstausgabe 1931, Schöffling & Co., 2016.

Ein wenig lässt der melancholische Gedankengang des Redakteurs Miermann an Georg Heyms „Gott der Stadt“ denken – der expressionistische Furor, mit dem Heym bereits 1910 die menschenfressende Metropole beschrieb, klingt in diesen Zeilen ebenfalls durch. Und macht deutlich, wer in diesem Roman aus der Weimarer Republik tatsächlich die Hauptrolle spielt: Nicht der titelgebende Volksliedsänger Käsebier, nicht der gescheiterte Schriftsteller Miermann, nicht das ganze Panoptikum an Bauspekulanten, vom Konkurs bedrohten Bankern, windigen Medienleuten und halbseidenen Damen. Sondern sie steht im Mittelpunkt, die Stadt, DIE Stadt der Weimarer Republik an sich, Berlin.

Der 1931 beim Ernst Rowohlt Verlag erschienene Roman hat alles, was eine gute Satire braucht: Witz, Tempo, messerscharfe Dialoge, eine turbulente Handlung, starke Typen. Erzählt wird vordergründig von Aufstieg und Fall des nur mittelmäßig begabten Alleinunterhalters Käsebier. Eine über ihn verfasste Story dämmert bei der Berliner Rundschau vor sich hin, rutscht als Platzhalter eher zufällig in die Zeitung, wird aber von einem aufstiegsgierigen freien Journalisten hochgeputscht – die Maschine kommt ins Rollen, es gibt kein Halten mehr: Käsebier wird von der Halbwelt und der feinen Welt entdeckt, bekommt Auftrittsverträge, eine Welttournee, Grundstücksspekulanten planen ein Käsebier-Varieté am Kurfürstendamm, Käsebier-Biographien werden verfasst, Käsebier-Puppen finden reißenden Absatz, das Käsebier-Merchandising läuft auf Hochtouren. Doch die Blase platzt so schnell, wie sie sich entwickelt hat – das Publikum findet einen neuen Liebling, am Ende ist eine Zeitung plattgemacht, eine Bank geht Konkurs und Käsebier verschwindet in der Provinz.

Alle, die in diesem Zirkus auftreten, sind „Menschen der Zeit“, wie ein altgedienter Journalist anmerkt:

„Der Erfolg ist eine Sache der Suggestion und nicht der Leistung.“
Miermann würde sagen: „Dieser einzige Satz erklärt den ganzen Faschismus, ihr seid feige Sklaven, ihr braucht Autorität.“

Man schluckt ein wenig bei diesem fein eingestreuten Bosheiten, den locker formulierten Zwischentönen, die ihre eigene Wahrheit in sich bergen: Denn der ganze Käsebier-Rummel erinnert an die It-Girls und Boys von heute, der Bauwahn an die Gentrifizierung der Städte der 2000er-Jahre, die Krise der Berliner Rundschau an die Verlagskrisen unserer Zeit. So merkt denn auch Nicole Henneberg in ihrem Nachwort „Die sieben fetten Jahre im Leben einer Generation“ an:

„Heute ist diese Geschichte wieder brennend aktuell: Es ist haargenau dieselbe Krise, unter der jetzt die Printmedien ächzen, und die vermeintlichen Problemlösungen gleichen sich bis ins Detail, bis zur Neueinführung wöchentlicher Mode-, Kosmetik- und Klatsch-Seiten in bis dahin ernsthaften Blättern.“

Gabriele Tergit (1894 – 1982) hatte mit ihrem Roman durchaus ein Stück Realsatire verfasst, aus eigenem Erleben als Journalistin, die den Untergang ihrer Zeitungsredaktion zusehen musste, geschöpft. Tergit war neben „Sling“ (Paul Schlesinger), die Gerichtsreporterin der Weimarer Zeit, ungewöhnlich in jenen Jahren, war der Gerichtssaal doch noch eine reine Männerdomäne. Die freie Autorin und Literaturkritikerin Nicole Henneberg schreibt über diese interessante Autorin, die neben zahlreichen Feuilletonberichten, Reportagen, auch drei Romane und ihre Erinnerungen verfasst hatte:

„So wird sie die erste deutsche Gerichtsreporterin, und erst durch ihre nachdenklichen, klugen Schilderungen, die stets das gesellschaftliche Umfeld eines Falles und vor allem den erstarkenden rechten Nationalismus von Richtern und Staatsanwälten im Blick behalten, wird die Gerichtsreportage zu einer literarischen Gattung.“

Ihre genaue Beobachtungsgabe, die „Straßenweisheit“, die sie auch im Gerichtssaal lernt, aber vor allem ihr rascher Geist und ihr Witz prägen auch den Käsebier-Roman und machen ihn auf eine besondere Art und Weise auch höchst unterhaltsam. Dies zeigt ein Blick ins Wohnzimmer des Ehepaares Käsebier:

„Sie hatte hochblondes Haar, trug Stöckelschuh und sehr grelle Kleider. Sie war Feuer und Flamme für den Kurfürstendamm: „Denn ne große herrschaftliche Wohnung, weißt du, wo wir`n schönes Büfett stellen können, und ne neue Küche möchte ich dann auch haben, nich? (…)
Aber Männe, ich versteh dich nich? Was willste denn. Sie machen`n Tonfilm für dich. Du bist berühmt. Du warst im Wintergarten. Was klebste denn hier an de Hasenheide? Kannst doch Caruso werden, ladet dich Hindenburg ein, singste vorm König von England, bei uns is et ja nischt Rechtes mehr so ohne gekröntes Haupt.“

So locker der Roman daherkommt – er spricht eine deutliche Sprache, ist kritisch und hochpolitisch. Für ihre deutliche antifaschistische Haltung zahlte Gabriele Tergit einen hohen Preis, zumal sie auch noch aus einer jüdischen Familie stammte: Schon am 4. März 1933 versucht ein SA-Kommando ihre Wohnung zu stürmen, am nächsten Tag gelingt der Journalistin und Schriftstellerin die Flucht nach Prag. Ab 1935 lebt sie mit ihrem Mann und ihrem Sohn in Palästina, später siedelt die Familie nach London um. Sie teilt das Schicksal vieler Künstler, die von den Nationalsozialisten vertrieben wurden: Sie wird in Deutschland vergessen, erst spät beginnt man sich wieder für ihr Werk zu interessieren.

Bei Schöffling & Co. erschienen 2014 „Der alte Garten“ und 2015 „Der glückliche Gärtner“, 2016 folgte „Käsebier erobert den Kurfürstendamm“, das inzwischen auch als btb-Taschenbuch zu erhalten ist. Weitere Werke sind laut Verlagsangaben in Vorbereitung.

Verlagsinformationen zum Buch:
https://www.schoeffling.de/buecher/gabriele-tergit/käsebier-erobert-den-kurfürstendamm

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Adam Johnson: Das geraubte Leben des Waisen Jun Do

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Bild von Chickenonline auf Pixabay

„Der Kapitän mit der Tätowierung seiner Frau auf der uralten Brust tauchte vor seinem inneren Auge auf – wie bläulich verwaschen die ursprünglich schwarze Tinte geworden war. Sie war unter der Haut des alten Mannes verlaufen, und das gestochen scharfe Bild war zum Aquarell verschwommen – zu einem bloßen Schatten der geliebten Frau.“

Adam Johnson, „Das geraubte Leben des Waisen Jun Do“, Suhrkamp Verlag.

Abenteuerroman, Liebesgeschichte, Politbuch: Ein dicker Brocken, den Adam Johnson hier mit rund 700 Seiten dem geneigten Leser vorlegt. Dick ja, gewichtig nein: „Das geraubte Leben des Waisen Jun Do“, der zweite Roman des US-Schriftstellers, ist gut geschrieben, wartet mit einem aktuellen Thema auf und arbeitet sich daran burleskisch ab.  Aber dennoch fragt man sich am Ende des Buches: ???

Dass das Buch auf der Bestsellerliste der New York Times gelandet ist, ist nachvollziehbar. Johnsons` Stil ist geschult am amerikanischen System des universitären „Creative Writing“. Immer wieder kommen aus diesen Kaderschmieden – Johnson selbst lehrt in Stanford kreatives Schreiben – hervorragende Unterhaltungsromane. Und dies ist auch „Das geraubte Leben des Waisen Jun Do“ letzten Endes – nicht mehr, und nicht weniger. Eine gut lesbare, unterhaltsame Geschichte, die alle Kriterien des Genres „Abenteuerroman“ erfüllt: Ein moralisch aufrechter Held, eine große Liebe, ein exotischer Schauplatz, unwahrscheinliche, gefährliche Ereignisse. In den Kanon der großen Weltliteratur gehört das Buch aber nicht.

„Adam Johnsons Buch ist politische Science-Fiction, keine Propaganda, aus genuin amerikanischer Perspektive erzählt. Literarisch ist es eigentlich nicht bemerkenswert. Es verbleibt im Romanschema, wie es an amerikanischen Universitäten gelehrt wird, übrigens auch von Adam Johnson. Es gibt eine klare Geschichte, das Leben des Jun Do, kontrastierende Erzählstränge wie die Bekenntnisse eines anonymen, am Job verzweifelnden Folterknechtes oder die aus den Lautsprechern über Pjöngjang quakenden Lern- und Propagandageschichten für das Volk. Das letzte Drittel wird von einem leicht verständlichen ethischen Konflikt dominiert: Lohnen sich Verrat und Selbstopfer? Das ist simpel, verworren hingegen das Leben des Jun Do.“

So urteilt Thomas E. Schmidt 2013 in der Zeit. Und setzt noch eins nach:

Leider unterzieht der Autor auch seine Leser einem Schmerztraining. Lesbar ist das Buch, solange es satirisch bleibt und beispielsweise das nicht minder skurrile Texas aus nordkoreanischer Perspektive beschreibt. Auch das Porträt Kim Jong Ils gelingt. Johnson macht aus ihm einen sardonischen Schöngeist, er ähnelt dem Joker aus Batman, wäre da nicht die Vorliebe für die beigen Vinalon-Anzüge. Ganz unerträglich wird der Roman allerdings, wenn er akribisch Foltermethoden und Demütigungspraktiken schildert. Der Hunger, die Aussichtslosigkeit, die hygienischen Verhältnisse, die grauenerregende Ausbeutung der Körper und Seelen – all das beeindruckt. Doch erhöht die Frequenz solcher Beschreibungen nicht die literarische Qualität. Am Ende sinkt der erschöpfte Leser ins Kissen zurück: „Toll, dass der Waise Jun Do eine unsterbliche Seele hatte. Noch besser, dass das Buch nun aus ist.“

Dass der Schmöker 2013 sogar mit dem Pulitzer-Preis für Belletristik ausgezeichnet wurde, führte bei mir schon zu ersten Zweifeln an den literarischen Maßstäben und Fachkenntnis der Jury. Aber es mag auch eine von der Politik dominierte Entscheidung gewesen sein.

Pulitzerreifes Thema

Denn Johnson hat sich einen Schauplatz gewählt, der insbesondere in den USA Aufmerksamkeit garantiert: Nordkorea. Das Buch ist nach wie vor hochaktuell, was den Grundkonflikt angeht: Die derzeit nach außen dringenden Nachrichten aus Nordkorea machen die im Roman beinahe fiktiv anmutenden Lebensverhältnisse, den Führerkult, die Unterdrückung der Menschen, die Brutalität und Verfolgung Andersdenkender nur zu glaubhaft.

Der exotische Schauplatz, den Johnson gewählt hat, ist also das Nordkorea des vergangenen Jahrzehnts. Der Leser profitiert hier von der journalistischen Ausbildung des Schriftstellers: Johnson hat umfangreich über Nordkorea, das Politsystem, die Ausbeutung der Menschen dort und deren Alltag recherchiert, bis hin zu einer Reise in das abgeschottete Land – hier allerdings war es Johnson, wie allen anderen Gästen auch, nicht möglich, hinter die Kulissen zu sehen. Vor allem dies macht eben auch die Faszination des Romans aus: Wenig weiß man über diese kommunistische Diktatur, wenig dringt nach außen. Die kurze Hoffnung, dass nach Kim Jong II durch dessen Sohn Kim Jong Un (der im Roman nicht auftritt) eine Öffnung und Besserung geschehen könnte, wurde schnell zunichte gemacht.

Erzählt wird von Johnson die Geschichte eines Waisenjungen, der in einem Staat, der seine Bürger normieren möchte, um seine Individualität kämpft – auch wenn er selbst keine Geschichte, keine Familie, nichts eigenes mitbringt. Jun Do ist auch ein John Doe – der sich jedoch im Laufe des Romans häutet, in eine neue Identität schlüpft, der versucht, das System in der Maske des Funktionärs auszutricksen. So weit, so gut – doch das Buch wankt zwischen realistischer Alltagsbeschreibung im unbekanntesten Land der Welt und wandelt sich dann, im zweiten Teil, zu einer Burleske mit tragischem Ausgang. Ein Bruch im Buch, der das Ganze seltsam unentschlossen wirken lässt.

Von Verlusten und dem Erwachsenwerden

Teil 1 – der Waisenjunge Pak Jun Do lernt eine Lektion fürs Leben: Je mehr der „geliebte Führer“ Kim Jong II einem seiner Bürger gibt, desto mehr kann er ihm nehmen: Zwischenmenschliche Beziehungen sind nur Beziehungen auf Zeit. Wer einen Menschen bei sich haben will, tätowiert sich sein Gesicht auf die Brust. Aber selbst diese hautnahen Beziehungen verblassen. Denn zwischenmenschliche Beziehungen sind gefährlich: Wer liebt, wird verletzbar. So opfert Pak Jun Do  seiner großen Liebe, seiner Sonne, seinem Mond, der Staatsschauspielerin Sun Moon, auch sein Leben. Teil 1 erzählt von Pak Jun Do, seinem Erwachsenwerden, seinen Verlusten, seiner Instrumentalisierung für das System.

Teil 2 – Pak Jun Do häutet sich. Er schlüpft in die Haut des Kommandanten Ga. Wird Ehemann der Staatsschauspielerin Sun Moon, wird persönliche Marionette des geliebten Führer, wird Folteropfer und Lebensretter. Um die Geschichte schlüssig zu Ende zu bringen, braucht es wohl diesen Rollenwechsel – trotzdem bleibt am Ende der Eindruck zurück, dass dem Autoren diese seltsame Konstruktion als einziger Ausweg verblieb, um seinen Roman irgendwie zu Ende zu bringen.

Erzählerisch in eine Sackgasse geraten, wird die Geschichte durch einen Kunstgriff befreit – nicht der einzige Haken, den Johnson schlägt. Oder wie es Hubert Spiegel im Deutschlandfunk in einer eingehenden und wohlwollenden Vorstellung des Buches ausdrückte:

„Seine Handlung schlägt Haken, die jeden jungen Hasen wie eine alte Schildkröte aussehen lassen.“


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Harald Vogel: Was darf die Satire?

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Bild von Alexas_Fotos auf Pixabay

„Aus der Gesamterscheinung dieses Mannes kann ich nicht ganz klug werden. Diese Verse sind wunderbar gearbeitet, mit der Hand genäht, kein Zweifel – aber irgendetwas ist da nicht in Ordnung. Es geht manchmal zu glatt, das sollte man einem deutschen Schriftsteller nicht sagen, dieses Formtalent ist so selten!“

Kurt Tucholsky 1929 in der Weltbühne über Kästner. Zitiert nach „Was darf die Satire?“, Harald Vogel, Verlag Ille & Riemer, Leipzig-Weissenfels, 2015.

Im vergangenen Herbst las ich den Kästner-Erzählband „Der Herr aus Glas“. Und war unschlüssig. Klappte das Buch mit einem unzufriedenen, merkwürdigen Gefühl zu: Irgendetwas war da nicht in Ordnung. Der „Atrium Verlag“, 1935 von dem jüdischen Verleger Kurt Leo Maschler ins Leben gerufen („Da ich Kästner leider nicht dazu bewegen konnte zu emigrieren, emigrierte ich seine Bücher. Ich fuhr in die Schweiz und gründete den Atrium Verlag.“), hatte für „Der Herr aus Glas“ aus den über 140 Erzählungen, die Kästner geschrieben hatte, eine Auswahl jener zusammengestellt, die für erwachsene Leser verfasst worden waren – 42 Texte insgesamt, die einige Facetten des Schriftstellers zeigen, die vor allem zeigen, dass die kurze Form für Kästner ein Experimentierfeld war, oftmals auch Gebrauchsprosa, für die Erscheinung in Zeitschriften und Zeitungen, zum Broterwerb gedacht. Nur elf der Geschichten hatte Kästner selbst für die Werkausgabe, die 1969 zu seinem 70. Geburtstag erschien, ausgewählt – ein Indiz dafür, wie er selbst die Texte bewertete? (Mehr zum Buch auf der Verlagsseite).

Den Fabian, den Gang vor die Hunde, jener Roman für Erwachsene, mit dem Kästner richtig berühmt wurde, den mochte ich sehr: ein Zeitroman, der Einblick gab in die Weimarer Republik mit einem liebenswerten Helden – freche Berliner Schnauze, eine warme, feinfühlige Seele auf der Habenseite. Jedoch aber auch schon ein Zauderer, ein Unentschlossener, ein Mamakind: Letzten Endes verfasste der Schriftsteller hier wohl auch ein Portrait seiner selbst. Sieht man die Bilder des jungen Erich Kästner, so kann man gut verstehen, dass dieser Mann Charme hatte, Wirkung auf die Frauen, aber dass auch irgendetwas fehlte – an Substanz, an Tiefe.

Kästner ist ein Humanist und Moralist. In einem Zeugnis würde über den „Musterknaben“, wie er sich selbst nannte, vielleicht stehen: Er bemühte sich, ein mutiger Mann zu sein. Manche nennen ihn auch einen Satiriker: Für einige Gedichte der Weimarer Republik, für den Fabian hat das Geltung. Aber es ist doch beim Lesen immer wieder, als ob da etwas fehlt. Oder eine Spur zuviel da ist – von dem Sentimentalen, von einem weichen Unterton in den Beschreibungen – wo Kästner vielleicht ein realistisches Bild der Armut, der Arbeitslosigkeit, der Hackordnung an Schulen, die Militäranstalten glichen, zeichnen wollte, klingt oftmals dieser Modus durch, der schon an Sozialromantik grenzt:

„Seine Mutter war Witwe; noch jung, oft krank, für ewig enttäuscht. Längst wäre sie an jenem Leiden gestorben, das man, höchst anschaulich, „ein gebrochenes Herz“ nett, wenn sie nicht ihn, den kleinen Jungen, gehabt hätte. Seinetwegen lebte sie weiter oder genauer: existierte sie fort. (…). Es wäre falsch gewesen, zu ihr von „stillem Heldentum“ oder dergleichen zu sprechen. Es wäre überhaupt falsch, ihr Wesen mit solchen Schlagwörtern zu etikettieren.- Sie nähte, statt zu leben. (…). So selbstverständlich es den Müttern ist, ihr Leben dem der Kinder zu opfern, so seltsam dünkt es manchmal die Kinder, daß es jemanden gibt, der ihr Glück mit dem seinen zu erkaufen scheint.“

Aus der Erzählung „Ein Musterknabe“.

Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht – die Stärken Kästners, so zeigten es mir die Erzählungen, liegen woanders, dort, wo es turbulent zugeht, wo Humor und Phantasie sich treffen, beispielsweise bei den „Reisen des Amfortas Kluge“:

„Benares gehört zu den seltsamsten Städten, die ich kennen lernte. Und am auffälligsten ist wohl, daß es dort keine Hotels gibt. Wir standen also nachdenklich an den Ufern des Ganges; ich fütterte drei Krokodile mit meiner letzten Schinkensemmel und Bobby verstrickte einen spitzbärtigen Gaukler, der sich mit einer rotglühenden Brennschere die Haare auf den Zähnen ondulierte, in ein Gespräch über das Nirwana – als ein Inder auf uns zutrat, den Turban zog und fragte, ob er mit Herrn Amfortas Kluge das Vergnügen habe.“ – und auf in das nächste Abenteuer à la Münchhausen.

Münchhausen ist das Stichwort: Kästner dessen Bücher von den Nationalsozialisten zwar verbrannt worden waren, entschied sich, im Lande zu bleiben, wurde zu einem, dessen Name mit der „Inneren Emigration“ verbunden ist. Er will zudem als Schriftsteller weiter arbeiten – und bekam unter anderem unter dem Pseudonym „Berthold Bürger“ eine Sondergenehmigung, am Münchhausen-Drehbuch und anderen UFA-Filmen mitzuwirken. Das Kapitel 1933 bis 1945 wurde in der Ausstellung im Münchner Literaturhaus zwar nicht ausgelassen, jedoch auch nicht so kritisch hinterfragt, wie es nun in einer Publikation des Verlags Ille & Riemer geschieht.

Der Autor – Harald Vogel, emeritierter Professor für Deutsche Sprache und Literatur und ihre Didaktik, Spiel- und Theaterpädagogik sowie Leiter der Lyrik-Bühne Esslingen – wagt unter dem Titel „Was darf die Satire?“ einen kritischen Vergleich zwischen Kurt Tucholsky und Erich Kästner. Freilich, es ist schwierig als Nachgeborener ein Urteil zu fällen – stellt man sich die Frage, wie hätte man selbst gehandelt als engagierter kritischer Autor in einer Diktatur, wissend, dass jedes freche, satirische Wort auch ein Todesurteil sein könnte? Aber dennoch: Gerade jene, die sich in besseren Zeiten mit ihren Zeitungsartikeln und literarischen Texten politisch positionieren, müssen sich auch später an ihren Schriften messen lassen. Schon im einleitenden Interview macht Harald Vogel keinen Hehl daraus, wem seine Sympathien gehören:

„Ich weiß, es tut weh, Kästner weh zu tun. Aber jüngere Forschungen rechtfertigen die kritische Sicht. Er hat fast die Hälfte seines Werkes in der Nazizeit geschrieben, unter Pseudonymen, und ging dafür viele Kompromisse ein. In einem Brief bittet er die Reichsschrifttumskammer, das Publikationsverbot gegen ihn zurückzunehmen. Das kann man fast Anbiederei an die Faschisten nennen.“

Vogel arbeitet die Gemeinsamkeiten dieser beiden Schriftsteller heraus, die zumindest äußerlich einiges verband: Wie der ältere Tucholsky arbeitete auch Kästner als Journalist und Schriftsteller, beide pflegten neben den sachlichen Texten und der erzählenden Literatur auch die Lyrik, beide verfassten Kabaretttexte, verkehrten in einem ähnlichen Milieu, hatten Amouren, aber Probleme mit der dauerhaften Bindung an eine Frau. Und doch gibt es, wie Vogel klar herausarbeitet, deutliche Unterschiede: Tucholsky, der Intellektuelle aus dem großbürgerlichen Milieu, schreibt glasklar, alles durchdenkend und formulierend bis zur letzten Konsequenz. Kästner dagegen geht den letzten Schritt nicht. Vogel stellt neben seinen eigenen Ausführungen zahlreiche Texte der beiden nebeneinander, die für sich sprechen, die zeigen, woran es Kästner fehlte, um ein zweiter Tucholsky werden zu können. Zudem zitiert der Autor auch Tucholsky, der etliche Werke des Jüngeren zwar wohlwollend-kritisch, aber auch mit einem guten psychologischem Gespür besprach.

Tucholsky über Kästner:

„Kästner hat Angst vor dem Gefühl, weil er es so oft in Form der schmierigsten Sentimentalität gesehen hat. Aber über den Leierkastenklängen gibt es ja doch ein: Ich liebe dich – es gehört nur eine ungeheure Kraft dazu, dergleichen hinzuschreiben. Und da sehe ich einen Bruch, einen Sprung, ist das sächsisch? Wir haben bei diesem Wort so dumme Assoziationen, die meine ich nicht. Langt es? Langt es nicht? (…)
Kästner wird viel nachgeahmt; es gehört wenig dazu, ihn nachzuahmen. Ich wünsche ihm ein leichtes Leben und eine schwere Kunst.“

Harald Vogel:

„Das Gutgemeinte poetisiert im Stil eines Kinderliedes, eine Schlagwortpersiflage, aber dies macht noch keine politisch zeitnahe Satire aus und sei sie moralisch noch so `gut´ gemeint. Um gesellschaftspolitisch zu überzeugen, bedarf es seitens des Autors einer intellektuellen Selbstkontrolle, die den gesellschaftlichen und moralischen Bezug textlich auf gedankliche Sprengkraft überprüft, die ein solches Thema satirisch inspiriert benötigt. Tucholsky spürt Kästners Kleinmut, seine Befangenheit vor einem ideologiekritischen Diskurs. Das Thema taug zum Kalauern.“

Durch den Blick auf die politische Literatur der beiden Männer wird zudem das Buch nicht nur zu einer vergleichenden Studie, sondern bietet auch eine gute Einführung in das Wesen der Satire, das vor allem Kurt Tucholsky in seinem berühmten Aufsatz analysierte. Viele kennen davon nur das Schlagwort: „Was darf Satire? Alles!“, oftmals wird es auch verfälscht und verkürzt missbraucht – es lohnt sich, den Text in ganzer Länge zu lesen.

Ausgespart werden kann bei diesem Vergleich freilich keinesfalls die Rolle Kästners im Nationalsozialismus, die, wie mittlerweile durch neuere Forschungen belegt, durchaus kritischer beurteilt werden muss, zumindest, so Vogel, verfing sich Kästner in „seinen eigenen Ängsten und Widersprüchen sowie moralisch fragwürdigen Kompromissen.“

Kurt Tucholsky dagegen, man weiß es aus seiner Biographie, ging keine Kompromisse ein. Vorstellbar ist, was ihm geschehen wäre, wären die Nazi-Schergen seiner habhaft geworden. Er ging die Lebensstufen bis zum letzteren bitteren Schritt. Aber am Ende treffen sich die beiden Männer hier doch wieder in einer Art Gemeinsamkeit: Sowohl Tucholsky als auch Kästner, verzweifelten wohl letzten Endes an ihren Lebensumständen, an der Welt, die sie nicht „gut schreiben“ konnten.

Mit Dank an den Tucholsky-Blog für die Überlassung des Rezensionsexemplares:
https://tucholsky125.wordpress.com/

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Kurt Tucholsky: Deutschland, Deutschland über alles

 

Tucho

Bild: (c) Michael Flötotto

„Ein Bild sagt mehr als viele Worte“: Tucholsky war schon früh begeistert von dem Medium der Photographie als Mittel des Ausdrucks und der Satire. 1929 verwirklichte er das Vorhaben eines „Bildbandes“, aber Tucholsky wäre eben nicht Tucholsky gewesen, wäre dies ein „Photoalbum, das man auf den Geburtstagstisch legt“. 1929 erschien „Deutschland, Deutschland über alles“: Ein Bild-Text-Band, beinahe schon ein kleines Kompendium über den Zustand der Weimarer Republik, ätzend scharf, bissig, satirisch, anklagend und anprangernd, aber auch eine Liebeserklärung an die Heimat.

Beginnen wir mit der Liebeserklärung, die Tucholsky an das Ende seines Buches gestellt hat:

„Nun haben wir auf 225 Seiten Nein gesagt, Nein aus Mitleid und Nein aus Liebe, Nein aus Haß und Nein aus Leidenschaft – und nun wollen wir auch einmal Ja sagen. Ja-: zu der Landschaft und zu dem Land Deutschland. Dem Land, in dem wir geboren sind und dessen Sprache wir sprechen. Der Staat schere sich fort, wenn wir unsere Heimat lieben. Warum grade sie – warum nicht eins von den andern Ländern? Es gibt so schöne. Ja, aber unser Herz spricht dort nicht. Und wenn es spricht, dann in einer andern Sprache – wir sagen „Sie“ zum Boden; wir bewundern ihn, wir schätzen ihn – aber es ist nicht das.“

Dies schreibt Tucholsky, der selbst ab 1924 die meiste Zeit im Ausland verbrachte. „Deutschland, Deutschland über alles“ entstand, als Schweden bereits mehr und mehr zur Wahlheimat geworden war. Und doch formuliert der Autor:

„Wer aber weiß, was die Musik der Berge ist, wer die tönen hören kann, wer den Rhythmus einer Landschaft spürt…nein, wer gar nichts andres spürt, als daß er zu Hause ist; daß das mein Land ist, sein Berg, sein See – auch wenn er nicht einen Fuß des Bodens besitzt…es gibt ein Gefühl jenseits aller Politik und aus diesem Gefühl heraus lieben wir dieses Land.“

Tatsächlich war Tucholsky zu jener Zeit jedoch schon verzweifelt an dieser Liebe, verzweifelt vor allem an der Politik dieses Landes. Der Mann, der laut Erich Kästner „mit der Schreibmaschine eine Katastrophe aufhalten wollte“, begann zu resignieren – angesichts des jahrelangen vergeblichen Eintretens für eine Demokratisierung, gegen Militarismus und Despotie. Vom Prozess gegen Carl von Ossietzky – „Weltbühnen-Prozess“ – blieb auch Tucholsky nicht unberührt, auch gegen ihn wurde ermittelt, sein berühmtes Zitat „Soldaten sind Mörder“ von Ossietzky zugeschoben. „Deutschland, Deutschland über alles“ erscheint aus diesem Zusammenhang beinahe wie ein letztes Aufbäumen in einem bereits verlorenen Kampf.

Nun, was ist das für ein Buch, das an der Auflage gemessen, Tucholskys größter Bucherfolg werden sollte? Das der Börsenverein vor Erscheinen noch mit allen Mitteln verhindern wollte? Dessen Startauflage mit 15.000 Stück (aus der Tucholsky-Biographie von Rolf Hosfeld) sofort vergriffen war? Das Mitte 1930 die dritte Auflage mit 50.000 erreichte – auch für jene „belesene“ Zeiten eine ungeheure Zahl?

Zunächst hatte der Schriftsteller die Idee, das Wort durch die Macht des Bildes zu verstärken. Für die Zusammenarbeit gewann Tucholsky den Grafiker John Heartfield, der für den Malik-Verlag und die Arbeiter-Illustrierte in Berlin arbeitete. Tucholsky wollte aufklärerische und agitatorische Fotografie, ergänzt durch seine, größtenteils schon vorab in Zeitungen und Zeitschriften veröffentlichten Texte. Es entstand eine hochpolitische Satire, ein ganz neuer Buchtyp.

Ein Zitat aus Kindlers Neuem Literaturlexikon:

„Es ging Tucholsky im Jahr der Weltwirtschaftskrise mit seinem Deutschland-Buch um eine möglichst wirkungsvolle Beeinflussung von Wählermassen: gegen deutschen Militarismus, gegen soziales Unrecht und Klassenjustiz, gegen neuen deutschen Chauvinismus sowie gegen unfähige „Realpolitiker“ aller Couleur. Tucholskys Engagement in humanistischen, sozialistischen und pazifistischen Organisationen, das ihn vorübergehend sogar seine tiefe Abneigung gegen Gruppen und Vereine Überwinden ließ, genügten dem erfolgreichen, um politische Wirkung bemühten Publizisten nicht länger. Anders als „Rheinsberg. Ein Bilderbuch für Verliebte“ sollte sein neues „Bilderbuch“ nicht amüsieren, sondern jenes Deutschland zur Besinnung rufen, das am Fließband stand, im Kaufhaus arbeitete oder an der Schreibmaschine saß. (…) Der in einer bald schon vergriffenen Startauflage von 20.000 Exemplaren gedruckte Band war das politische Resümee eines sensiblen Individualisten und radikalen Intellektuellen, der sich bewußt an die Seite der Unterprivilegierten, Rechtlosen und Ausgebeuteten gestellt hatte. Als kommunistische Funktionäre an ihm den Bürger und Schöngeist kritisierten, konterte Tucholsky: „Besser ein Anzug nach Maß als eine Gesinnung von der Stange.“ (…)

„Deutschland, Deutschland über alles“ ist ein provokantes Album zur Weimarer Republik. Als Motto ist dem Band der Satz aus Hölderins „Hyperion“ „So kam ich unter die Deutschen“ vorangestellt. Einzigartig in der deutschen Literatur zwischen den Weltkriegen ist an Tucholskys Deutschland-Buch einerseits das Niveau der einzelnen Texte, von denen viele bis heute nichts an politischer Brisanz verloren haben, andererseits die Vielfalt der literarischen Formen, neben zwanzig Gedichten und Chansons („Aussperrung“; „Start“) pointierte Bildunterschriften („Demokratie“) und provokante Fotostories („Statistik“; „Nie allein“). Charakteristisch sind für Tucholsky (zum Teil umgangssprachliche) Monologe und Gespräche („Herr Wendriner kauft ein“; Ich bin ein Mörder“), ein Dramolett zur deutschen Justiz („Wiederaufnahme“) sowie Aphorismen, Parodien und Parabeln („Feuerwehr“); der Band enthält Satire in Vers und Prosa („Götzen der Maigoto-Neger“), dazu klassische Feuilletons („Treptow“), kulturkritische Essays (zu Alltagskultur und Architektur), Polemiken, Reportagen, Rezensionen und Theaterberichte („Der Linksdenker“).“

Aus: Kindlers Neues Literaturlexikon

Der „politische Baedeker“ zu Lage von Staat und Nation greift allerdings auch Alltagsdinge auf, räsoniert wird beispielsweise über die Frage, warum die deutschen Postkästen so häßlich sind (was würde Tucholsky heute zu den gelben Boxen sagen?), über Ladenfassaden und über „Mutterns Hände“ – auch dieses, eines der anrührendsten Gedichte Tucholskys, ist in dem Band enthalten.

Mutterns Hände

Hast uns Stulln jeschnitten
un Kaffe jekocht
un de Töppe rübajeschohm –
un jewischt und jenäht
un jemacht und jedreht …
alles mit deine Hände.

Hast de Milch zujedeckt,
uns Bobongs zujesteckt
un Zeitungen ausjetragen –
hast die Hemden jezählt
und Kartoffeln jeschält …
alles mit deine Hände.

Hast uns manches Mal
bei jroßen Schkandal
auch ’n Katzenkopp jejeben.
Hast uns hochjebracht.
Wir wahn Sticker acht,
sechse sind noch am Leben …
alles mit deine Hände.

Heiß warn se un kalt.
Nu sind se alt.
Nu bist du bald am Ende.
Da stehn wa nu hier,
und denn komm wir bei dir
und streicheln deine Hände.

Nicht alle der rund 100 Foto-Text-Montagen haben heute noch die unmittelbare politische Wucht – manches wirkt 90 Jahre später natürlich auch technisch ungeschickt, manches ungehobelt bis unbedarft, manche Namen werden heutigen Lesern wohl kaum mehr etwas sagen. Und dennoch: Auch wenn man weiß, Satire darf alles, überspitzt und übertreibt, gibt dieser bissige Führer durch die Weimarer Republik ein eindrucksvolles Bild jener Zeit. Und viele von Tucholskys Texten, insbesondere über „die deutsche Seele“ sind schlicht und einfach zeitlos – vor allem, wenn man sieht, wie die „deutsche Seele“ in diesen Tagen wieder wallt und wabbert.

In seiner hervorragenden Biographie „Tucholsky – ein deutsches Leben“ schreibt Rolf Hosfeld:

„Schon (…) 1925 entdeckte er die Möglichkeiten der Tendenzfotografie. „Die Wirkung ist unauslöschlich und durch keinen Leitartikel zu übertreffen. Eine knappe Zeile Unterschrift – und das einfachste Publikum ist gefangen.“

Es gehört zur Ironie der Literaturgeschichte, dass ausgerechnet das Medium, das durch einfachste Aussagen Millionen Leser fängt, nicht nur ebenso diese Mittel nutzt, sondern 2013 gar Tucholskys Buch in einer Reihe der von den Nationalsozialisten verbotenen Bücher wieder auflegte. Was hätte er dazu wohl gemeint, der große Spötter? BILD Dir deine Meinung.

Tucholsky äußerte sich später selbstkritisch über dieses Buchprojekt: Es sei als künstlerische Leistung klobig. „Und zu schwach. Und viel zu milde.“

Dazu Rolf Hosfeld:

„Tucholsky ist mit „Deutschland, Deutschland über alles“ tatsächlich der Verführung eines Mediums unterlegen, was ihm selbst schnell klar geworden ist, nachdem das Buch einmal vorlag.“

Aber welche Mängel es auch immer hat – es ist das Buch eines großen Kämpfers, der seine Heimat schmerzlich liebte:

„Und in allen Gegensätzen steht – unerschütterlich, ohne Fahne, ohne Leierkasten, ohne Sentimentalität und ohne gezücktes Schwert – die stille Liebe zu unserer Heimat.“

 

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Kurt Tucholsky: Der Mensch

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Weil Satire alles darf: Der Mensch. Bild von Birgit Böllinger auf Pixabay

Der Mensch hat zwei Beine und zwei Überzeugungen: eine, wenns ihm gut geht, und eine, wenns ihm schlecht geht. Die letztere heißt Religion.

Der Mensch ist ein Wirbeltier und hat eine unsterbliche Seele, sowie auch ein Vaterland, damit er nicht zu übermütig wird.

Der Mensch wird auf natürlichem Wege hergestellt, doch empfindet er dies als unnatürlich und spricht nicht gern davon. Er wird gemacht, hingegen nicht gefragt, ob er auch gemacht werden wolle.

Der Mensch ist ein nützliches Lebewesen, weil er dazu dient, durch den Soldatentod Petroleumaktien in die Höhe zu treiben, durch den Bergmannstod den Profit der Grubenherren zu erhöhen, sowie auch Kultur, Kunst und Wissenschaft.

Der Mensch hat neben dem Trieb der Fortpflanzung und dem, zu essen und zu trinken, zwei Leidenschaften: Krach zu machen und nicht zuzuhören. Man könnte den Menschen gradezu als ein Wesen definieren, das nie zuhört. Wenn er weise ist, tut er damit recht: denn Gescheites bekommt er nur selten zu hören. Sehr gern hören Menschen: Versprechungen, Schmeicheleien, Anerkennungen und Komplimente. Bei Schmeicheleien empfiehlt es sich, immer drei Nummern gröber zu verfahren als man es grade noch für möglich hält.

Der Mensch gönnt seiner Gattung nichts, daher hat er die Gesetze erfunden. Er darf nicht, also sollen die andern auch nicht.

Um sich auf einen Menschen zu verlassen, tut man gut, sich auf ihn zu setzen; man ist dann wenigstens für diese Zeit sicher, dass er nicht davonläuft. Manche verlassen sich auch auf den Charakter.

Der Mensch zerfällt in zwei Teile:

In einen männlichen, der nicht denken will, und in einen weiblichen, der nicht denken kann. Beide haben sogenannte Gefühle: man ruft diese am sichersten dadurch hervor, dass man gewisse Nervenpunkte des Organismus in Funktion setzt. In diesen Fällen sondern manche Menschen Lyrik ab.

Der Mensch ist ein pflanzen- und fleischfressendes Wesen; auf Nordpolfahrten frißt er hier und da auch Exemplare seiner eigenen Gattung; doch wird das durch den Faschismus wieder ausgeglichen.

Der Mensch ist ein politisches Geschöpf, das am liebsten zu Klumpen geballt sein Leben verbringt. Jeder Klumpen haßt die andern Klumpen, weil sie die andern sind, und haßt die eignen, weil sie die eignen sind. Den letzteren Haß nennt man Patriotismus.

Jeder Mensch hat eine Leber, eine Milz, eine Lunge und eine Fahne; sämtliche vier Organe sind lebenswichtig. Es soll Menschen ohne Leber, ohne Milz und mit halber Lunge geben; Menschen ohne Fahne gibt es nicht.

Schwache Fortpflanzungstätigkeit facht der Mensch gern an, und dazu hat er mancherlei Mittel: den Stierkampf, das Verbrechen, den Sport und die Gerichtspflege.

Menschen miteinander gibt es nicht. Es gibt nur Menschen, die herrschen, und solche, die beherrscht werden. Doch hat noch niemand sich selber beherrscht; weil der opponierende Sklave immer mächtiger ist als der regierungssüchtige Herr. Jeder Mensch ist sich selber unterlegen.

Wenn der Mensch fühlt, dass er nicht mehr hinten hoch kann, wird er fromm und weise; er verzichtet dann auf die sauern Trauben der Welt. Dieses nennt man innere Einkehr. Die verschiedenen Altersstufen des Menschen halten einander für verschiedne Rassen: Alte haben gewöhnlich vergessen, dass sie jung gewesen sind, oder sie vergessen, dass sie alt sind, und Junge begreifen nie, dass sie alt werden können.

Der Mensch möchte nicht gern sterben, weil er nicht weiß, was dann kommt. Bildet er sich ein, es zu wissen, dann möchte er es auch nicht gern; weil er das Alte noch ein wenig mitmachen will. Ein wenig heißt hier: ewig.

Im übrigen ist der Mensch ein Lebewesen, das klopft, schlechte Musik macht und seinen Hund bellen läßt. Manchmal gibt er auch Ruhe, aber dann ist er tot.

Neben den Menschen gibt es noch Sachsen und Amerikaner, aber die haben wir noch nicht gehabt und bekommen Zoologie erst in der nächsten Klasse.

Kurt Tucholsky schrieb dies unter seinem Pseudonym Kaspar Hauser, veröffentlicht wurde es am 16. Juni 1931 in der „Weltbühne“.
Nach Tucholsky darf Satire alles. Also gibt es bei ihm nicht nur Menschen, Sachsen und Amerikaner, sondern auch noch Berliner – einen Vertreter dieser Spezies skizzierte „Tucho“ in seinen Glossen über den Herrn Wendriner. 


Bild zum Download: Totenkopf


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Oskar Maria Graf: Anton Sittinger. Ein satirischer Roman

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Schnell vorbei ist es mit der bayerischen Gemütlichkeit, wenn im Wirtshaus über Politik palavert wird. Bild von RitaE auf Pixabay

„Menschen wie Sittinger gibt es in allen Ländern. Abertausende. Ihre Zahl ist Legion. Alle Gescheitheit und List, aller Unglaube und alle Erbärmlichkeit einer untergehenden Schicht ist in ihnen vereinigt. In manchen Zeiten heißen sie „du“ und „ich“. Dennoch wird niemand daran glauben, daß er auch zu ihnen gehört. Er würde sich schämen und belächelt sie verächtlich. Er weiß nicht, daß diese Verachtung ihn selber trifft. Sie erscheinen harmlos, und ihr giftiger Egoismus gibt sich stets bieder. Sie sind die plumpsten und verheerendsten Nihilisten unter der Sonne. Man hat politisch mit ihnen zu rechnen, wenn man die Welt verändern will, nur darf man sich nie dem Wahn hingeben, als seien sie für das Erringen einer besseren Zukunft brauchbar. Sie sind nicht einmal gärende Gegenwart, nur Vergangenheit und darum die unangreifbarsten Totengräber jeder gerechten Gesellschaftsordnung. Instinktiv hassen sie den sozial Benachteiligten, den Arbeiter und Armen, und ihr tückischer Haß wird sofort zur unversöhnlichsten Feindschaft, sobald sie merken, daß sie bei einer unsozialen Umwälzung etwas einzubüßen hätten. Deswegen ist ihnen die wirkliche Demokratie ein Greuel. Darum sind sie so schrullig konservativ, so stockreaktionär und meist monarchistisch.“

Nein – dies ist kein Portrait einer dieser Menschen, die derzeit durch deutsche Straßen ziehen und skandieren „Wir sind das Volk“. Aber es könnte einer von ihnen sein, der hier beschrieben ist – so genau, so haarscharf hat Oskar Maria Graf (1894 geboren am Starnberger See, 1967 verstorben in New York) den verbitterten Kleinbürger, den opportunistischen Mitläufer gezeichnet. Ein Typ, den es heute gibt, den es morgen immer noch geben wird, den es zu Zeiten von Oskar Maria Graf en masse gab und der letztendlich in all seiner Banalität das Böse zuließ.

„Anton Sittinger. Ein satirischer Roman“ erschien erstmals 1937, fünf Jahre nach dem „Bolwieser“. Beide Romane können oder sollten in Zusammenhang gelesen werden – es sind seine „Spießer-Romane“, in denen er scheinbar banale Lebensläufe, durchschnittliche Einzelschicksale nimmt, um an ihnen die Mechanismen der Kleinbürgerseele zu zeigen. Und auch, um deutlich zu machen, wie die Politik sich auf den Einzelnen auswirkt und, wie – vive versa- der Einzelne mit seinen Entscheidungen die Politik mitprägt. Beide Romane sind treffende Charakterisierungen der „kleinen Leute“, die mit ihrer Unterwürfigkeit nach „oben“ und dem Treten nach „unten“ letztlich das gemeinschaftliche Zusammenleben prägen. Eine Variation und spätere Fortsetzung der von Heinrich Mann im „Professor Unrat“ und dem „Untertan“ beschriebenen Typen.

Fokussiert sich der Bolwieser noch vor allem auf die Szenen einer Ehe, ist „Anton Sittinger“ ein durch und durch politischer Roman: Graf, ab freiwillig 1933 im Exil, nachdem er zuvor von den Nationalsozialisten verlangt hatte, auch seine Bücher zu verbrennen, zeichnet am Werdegang des Sittinger die Entwicklung eines Postinspektors von der Münchner Räterepublik bis zur Wahl Hitlers und der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten nach.

Sittinger verabscheut sie eigentlich alle – die „roten Revoluzzer“ und den braunen Abschaum. Was er vor allem will, ist seine königlich-bayerische Ruhe – auch vor der gut deutsch-hysterischen Ehegattin, die für schmucke blonde Männer in Uniform entbrennt – und das Zusammenhalten seines Geldsäckels. Den Unruhen in München glaubt er entkommen, als er nach der lang ersehnten Pensionierung ein Haus auf dem Lande erwirbt. Doch auch dort holt ihn „die Politik“ wieder ein: Im Wirtshaus werden die Nachrichten debattiert, das Dorf spaltet sich bald in Anhänger und Gegner Hitlers. Sittinger spürt, er muss sich entscheiden und positionieren, will er an der neuen Zeit teilhaben beziehungsweise nicht der Rachlust des örtlichen Nazis ausgeliefert sein. Da hilft auch sein pseudophilosophisches Spinnisieren nicht, nicht die – freilich meist falsch und für eigene Zwecke mißbrauchte – Inanspruchnahme philosophischer Leitsätze von Seneca über Schopenhauer bis Macchiavelli. Der kleinmütige, eigensüchtige Zögerer, ein Wendehals, springt unter äußerstem Druck letztendlich auf den nationalsozialistischen Zug auf – getrieben vor allem von einem Motiv: Seine Ruhe zu erhalten.

In beiden Romanen zeigt sich Oskar Maria Graf als der kraftvolle Volksschriftsteller, der wie wenig andere das dörfliche und kleinstädtische Leben auf dem bayerischen Lande mit Bildern zu füllen vermochte: Da geht es mitunter durchaus krachledern bis hin zu saukomisch zu, die Figuren sind einerseits satirisch leicht überzeichnet, andererseits lebendig und lebensecht.

„Beim Begräbnis des Toni füllte sich der ganze Friedhof. Grimmig schauten die Bauern drein. Laut weinten Weiber und Kinder, und viele Kränze wurden auf das Grab gelegt. Alle Ehren wurden den Toten erwiesen, doch diesmal kling die Predigt des Pfarrers wehleidig. Der Grimmenmoser hatte eine Grippe vorgeschützt und war nicht zu sehen.
Hernach, in der Postwirtsstube, schimpften die Reitlmooser verdrossen über diese „braune Sauwirtschaft“. Immer wieder hieß es, der Hitler sei nichts für einen Reichskanzler.
„Und überhaupt – Bayern bleibt Bayern! Was wir machen, geht keinen Preußen was an!“ schloß der Pflögl.
Eine mißgünstige Bedrückung machte sich breit.
„Unsere Minister sind auch Hosenscheißer! Wenn`s Männer wären, täten`s einfach vom Reich weggehn und die ganze Hakenkreuzlerschippschaft `nausjagen…Meinetwegen alle zu den Preußen! Alsdann wär` gleich eine Ordnung!“ murrte der Kergler. „Aber mein Gott, wenn nirgends Männer sind!“
Alle nickten und schauten trüb geradeaus.“

Das Zitat zu Eingang des Blogbeitrags ist eher atypisch für den Roman – hier, in der Mitte des Buches, nutzt Graf den Raum, um den beschriebenen Typ zu analysieren, auch um seine eigene Haltung diesem Menschenschlag gegenüber, der sich durch Nichthandeln schuldig macht, zu verdeutlichen. Graf beschreibt die „kleinen Leute“ zwar einerseits voller Empathie – jeder habe einen inneren Kleinbürger und Schweinehund in sich: „In manchen Zeiten heißen sie „du“ und „ich“…“. Andererseits zeigt er sich auch resigniert, glaubt nicht an einen Wandel der Menschheit: „Ich glaube, daß man die Sittingers im besten Falle neutralisieren kann, aber nichts weiter.“

Wie recht er doch hatte, schaut man heute nach Dresden, Leipzig oder anderswo…

 

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Fritz J. Raddatz: Das Bestiarium der deutschen Literatur

„Die Kafka ist eine sehr selten gesehene prachtvolle mondblaue Maus, die kein Fleisch frisst, sondern sich von bittern Kräutern nährt. Ihr Anblick fasziniert, denn sie hat Menschenaugen.“

“Die Courths-Mahler ist eine Laus, die in der Sekunde eine Million Eier legt.“

Franz Blei, „Das große Bestiarium der modernen Literatur“, 1922

Teils mit viel Respekt, teils mit großer Giftigkeit: So karikierte Franz Blei, 1871 in Wien geboren und 1942 in New York gestorben, in seinem großen Bestiarium der modernen Literatur die Schriftsteller seiner Zeit. 1922 erschien dieses Buch bei Rowohlt, in dem alle bedeutenden Autoren in spöttischem Ton als exotische Tiere beschrieben wurden.

Fritz J. Raddatz, „Das Bestiarium der deutschen Literatur“, 2012

2012 trat Fritz J. Raddatz in die Fußstapfen von Franz Blei. Und wie zu erwarten war, ist auch dieses ebenfalls bei Rowohlt erschienene „Bestiarium der deutschen Literatur“ nicht weniger spritzig als der 90 Jahre ältere Vorgänger. „Verfasst mit dem nachlässigen Glanz liebevoller Parodie, dem scharfen Blick der Satire und eine Fülle phantastischer Pointen“, preist es der Verlag. 76 Größen der deutschsprachigen Literatur sind dargestellt in der Gestalt von Fabelwesen, illustriert von Klaus Ensikat: die verirrte Möwe Jelinek, der bayerische Gockel Achternbusch, der Papierwurm Hochhuth, das Lewitscharoff («Riesenkänguruh» und «Damenimitator»), der Seehase Ruge: Unterhaltsam und mit großem Aha-Effekt, wenn man die Autoren gelesen hat.

Anbei einige Kostproben:

Bachmann, der

Totenkopfschwärmer wird von der österreichischen Landbevölkerung die „Große Somnambule“ genannt. Das leitet sich daher, daß der mancherorts als Unglücksbote verrufene Nachtfalter – der übrigens auch tagaktiv ist – wie betrunken auf Lichtfallen reagiert. Ein berühmter Schweizer Spezialist hat zum Zweck des Anlockens unter einem Laken aus dünner Leinwand das Licht einer Quecksilberdampflampe (wie sie auch auf Theaterbühnen verwendet werden) installiert, dazu eine sonst nur aus Romanen bekannte Schwarzlicht-Neonröhre: und schwirr blobb, schwirr blobb, mit einem an experimentelle Lyrik erinnernden Geräusch, läßt sich die große Somnambule, vom Kunstlicht verführt, nieder.

(Man beachte die „zarten“ Anspielungen auf das Verhältnis Bachmann-Max Frisch)

Hacks, der

Gehört zur Gattung der Schreitvögel, die ihren Namen einem majestätisch anzusehenden Gehabe verdanken. (…). Er besitzt auch ganz spezielle sogenannte Puderfedern; wenn sie ausfransen, wird ein feiner Puder daraus, den der Vogel in den Schnabel nimmt und bei seiner Gefiederpflege zur Entfernung von Schleim und Fett benutzt.

(Politische Wende- und Halsstarrigkeit zieht Satire auf sich)

Lewitscharoff, das

Damenimitator. So tauften mit respektloser Ironie jüngere Wissenschaftler dieses Riesenkänguruh, weil auch das männliche Tier mit bemerkenswertem Hüftschwung andere Wildtiere wie Löwen anlocken kann. Dabei entkommt das oft 88 Stundenkilometer schnelle Beuteltier seinem Verfolger stet mit bis zu neun Meter weiten Sprüngen, ermüdet allerdings rasch, ist also ein Kurzstreckensieger. (…) Als ungewöhnlich wird sein soziales Verhalten, vor allem in Gruppen, hervorgehoben; so gräbt das Makropus auch in der Paarungszeit nie einem Männchen das Wasser ab, sondern ernährt sich auch bei trockenem Futter vom Feuchtigkeitsgehalt des eigenen Körpers. Man nennt das auch das „Apostoloff“-Syndrom.

(Als habe Raddatz die „Halbwesen“-Rede vorausgesehen?)

Ruge, der

Erst kürzlich vor Rügen aufgetauchter Seehase, ein seltener Fisch, dessen Rogen „Caviar des Nordens“ genannt, als besonders schmackhafte Delikatesse gepriesen wird; die Laich-Zeit soll zehn Jahre betragen.

(Freundliches Lob kann FJR auch!)

Setz, der

Gehört zu den maskierten Säugetieren, die auch Zibetkatzen, Ginsterkatzen oder Linsangs genannt werden. Der Setz, jahrelang in Europa ausgestorben und erst seit kurzem in der Umgebung von Graz ausgewildert, wird in der einschlägigen Wissenschaft als „Larvenroller“ geführt (Paguma larvata) und als Allesfresser beschrieben.

(Hmm…keine Ahnung, was der bestialische Literaturkritiker DAMIT sagen will…)

Wondratschek, der

Wondra-Schreck. Schrecken verbreitender tschechisch-österreichischer Parasit, fast unsichtbar. Nistet bevorzugt in den mondänen Smoking-Revers und Seidenroben bei Box-Veranstaltungen. Jüngst auch festgestellt als Zerstörer des Samtfutters von Geigenkästen. Italienische Wissenschaftler wollen sogar das Ruinieren der Saiten eines Cellos „Mara“ dem energischen Fresser zuschreiben, weil sie dessen leise, fast lyrisch klingende, melodiöse Laute während der Vernichtungsarbeit belegen konnten.

(Dafür bleiben hier keine Fragen offen!)

Und der Raddatz?

Ein Prachtleierschwanz, der über viele Jahre hinweg Stoff für Legenden geliefert hat. Mit einer Begabung für vielerlei Sprachmelodien von Spott-Tönen bis zu zarten Balzlauten.


Bild zum Download: Gänsehintern