Octave Mirbeau: Diese verdammte Hand

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Sternennacht über der Rhone, 1888. By Vincent van Gogh – Copied from an art book, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=9478627

„Als ich eines Nachts keinen Schlaf finden konnte, öffnete ich das Fenster meines Zimmers, stützte die Ellbogen auf den Rahmen und betrachtete den Himmel über dem in Dunkelheit getauchten Garten. Der Himmel hatte die Farbe von Veilchen. Millionen von Sternen funkelten. Zum erstenmal wurde ich mir dieser gewaltigen Unendlichkeit bewußt, die ich mit den anrührenden Blicken eines Kindes zu ergründen suchte, und ich wurde davon förmlich erschlagen. »Das ewige Schweigen dieser unendlichen Räume machte mich schaudern«; mir graute vor diesen so stummen Sternen, deren bleiches Flackern vor dem schauderhaften Geheimnis der Unermeßlichkeit zurückweicht, ohne es jemals zu erhellen.“

Octave Mirbeau, „Diese verdammte Hand“, Weidle Verlag, 2017

Und immer wieder ist in diesem Roman vom Himmel die Rede. Eine Metapher für Unendlichkeit. Für Freiheit. Der Künstler als Himmelsstürmer. Der das Mysterium erfassen will und daran zerbricht. Himmelhochstrebend, zu Boden gedrückt. Der verblichene Ton eines blauen Kittels, ein „Fleckchen Aprilhimmel“, Gedanken, wie fliehende, rasende Bestien, chimärischen Vögeln am großen, unbeweglichen Himmel gleich, der Blick einer Stummen, „weit wie Himmel und tief wie ein Abgrund“.

Was man vielleicht aus eigener Erfahrung kennt – Sommernachmittage, an denen man stundenlang dem Zug der Wolken nachblickt und sich frei und luftig dabei fühlt, aber ebenso auch der bleigraue Winterhimmel, bedrückend schwer auf dem Gemüt lastend – dies alles empfinden die Protagonisten in Octave Mirbeaus (1848 bis 1917) Roman um ein Vielfaches potenziert. „Diese verdammte Hand“, sein vierter Roman, erschien in Fortsetzungen im „L`Écho de Paris“ vom September 1892 bis zum Mai 1893. Für die Leser dieser konservativen Tageszeitung sicher keine geringe Herausforderung, war doch Mirbeau mit dem Vorsatz angetreten, die Konventionen des Romans zu sprengen – ähnlich wie Lucien, die eigentliche Hauptfigur des Buches, in dem unschwer Vincent van Gogh zu erkennen ist, die Grenzen der Malerei sprengen wollte.

Der Aufbau des Buches erforderte – zumal es jener Tage „nur“ in Fortsetzungen zu lesen war – Konzentration, führt Mirbeau doch zwei Erzählebenen ein, hält den Leser lange im Ungewissen, welche der drei Figuren die zentrale Rolle spielt. Zunächst tritt ein namensloser, wenig sympathischer Erzähler auf. Er besucht nach 15 Jahren widerwillig seinen Freund Georges, einen gescheiterten Schriftsteller, an dessen Wohnort, einer Abtei auf einer Bergspitze, die eigenwillig mitten in der flachen französischen Provinz alles überragt. Er trifft Georges am Leben verzweifelt und halb wahnsinnig an. Um seinen Geisteszustand zu erklären, übergibt Georges ihm sein Tagebuch: Das Protokoll einer Kindheit und Jugend, in deren Verlauf der sensible, körperlich schwache Georges beinahe an der Enge und Beschränktheit des Elternhauses, an der Strenge der Lehrer und Erwachsenen und an den Anforderungen des Alltags zerbricht. Erst die Bekanntschaft mit Lucien, der ihn nach Paris mitnimmt, bringt Georges eine Art von Befreiung. An der Seite des Malers wächst das Selbstbewusstsein des schüchternen George, erfährt er eine erste Liebelei und die Intensität der Gefühle.

Die „Himmelfahrt“ der beiden birgt jedoch auch ihre Schattenseiten. Himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt ist vor allem der schwärmerische Lucien, der stets mit sich und den Grenzen der Kunst ringt:

„Aber präge dir ein, daß die Kunst nicht dem Zweck dient, einen mit der Nase auf etwas zu stoßen … Die Kunst dient nur dem Zweck, die unter den Dingen verborgene Schönheit zu suchen …“

Die Suche, an der Lucien letzten Endes zu scheitern glaubt, führt ihn, noch lange vor Georges, auf die einsame Bergspitze – hier, nah am Himmel, erhofft er, „die Wahrheit und Schönheit zu finden!“ Zu finden und in Bilder zu bannen – vielleicht ein vermessenes Anliegen?  Ein Ziel, an dem jeder Übersensible, der die Grenzen der Bodenhaftigkeit sprengen will, verzweifeln müsste? Lucien jedenfalls verfällt dem Wahnsinn: Sein größter Feind wird „diese verdammte Hand“, die seiner Auffassung nach nicht malen kann, was sein Auge sieht, sein Geist empfindet. Der Roman endet mit dem Tod Luciens, der beim Absägen der eigenen Hand verblutet.

Der Fortsetzungsroman erschien zwei Jahre nach dem Freitod van Goghs. Über die Art der psychischen Erkrankung dieses genialen Malers wird bis heute in der Fachwelt gestritten. Doch gleichwohl, wie man die Krankheit benennen mag: Mirbeaus Roman gibt als frühes literarisches Künstlerportrait eine Ahnung davon, welche furchtbaren inneren Erschütterungen van Gogh erlebt haben muss. Octave Mirbeau, wohl selbst ein faszinierender Mensch mit zahlreichen Facetten, kannte van Gogh, förderte ihn in seiner Funktion als Kunstkritiker und war einer der ersten Käufer seiner Bilder. Doch das Werk geht weit über ein Einzelportrait hinaus – es stellt die Frage, was Kunst vermag. Und damit stellt es im Grunde auch die universellen Fragen nach dem Wert der Schönheit und dem Sinn des Lebens.

Als der Schriftsteller „Diese verdammte Hand“ schrieb, befand er sich selbst, wie der Literaturwissenschaftler und Mirbeau-Experte Pierre Michel im Nachwort zu dieser Ausgabe schreibt, in einer existentiellen Krise, sah sich kreativ gescheitert und zur Unproduktivität verbannt. „Es ist kein Wunder, daß Diese verdammte Hand vom schwärzesten Pessimismus erfüllt ist.“ So ist Georges, der sensible Literat im Roman, wohl auch ein Selbstbildnis Mirbeaus. Und doch, so führt auch Pierre Michel an, gibt es trotz (oder gerade wegen?) der dem Buch innewohnenden Düsternis und Verzweiflung gute Gründe, es mit „Genuss“ zu lesen:

„Daß dieses Werk den Eindruck erweckt, nicht mehr »Kunst« zu sein, sondern »Leben«, wie Mirbeau über die Gemälde seines Freundes Claude Monet schreibt, ist darauf zurückzuführen, daß er es nicht überarbeitet, daß er es aus einem Guß geschrieben hat, ohne sich irgendeinem ästhetischen Maßstab zu unterwerfen. Nun, ist es nicht umso erstaunlicher, daß wir in dieser Geschichte, die von Verzweiflung gezeichnet ist, ein intensives Leben bewundern können, das »von Herrlichkeit erfüllt ist«?

In seiner Intensität lässt dieses kurze Buch keinen unberührt. Und vor allem eines ist gewiss: Man wird sowohl den Himmel über dem eigenen Lesehorizont als auch den Himmel in van Goghs Bildern danach nochmals mit anderen Augen betrachten.

Mirbeau selbst kämpfte sich aus seiner Existenzkrise heraus, findet Sinn im „vita activa“, im sozialen und politischen Engagement. Ein kurzes Portrait des Schriftstellers wurde anlässlich seines 100. Todestages im Februar 2017 beim SRF veröffentlicht:
https://www.srf.ch/kultur/literatur/beim-schreiben-und-duell-lehrte-er-seine-gegner-das-fuerchten

Eine der wenigen Erinnerungen im deutschsprachigen Feuilleton an einen Romancier, der von Leo Tolstoi bewundert und zu seiner Zeit in Deutschland viel gelesen wurde, dann aber lange vergessen wurde.

Wer des Französischen mächtig ist, findet umfassende Informationen auf dem Blog von Pierre Michel:
http://michelmirbeau.blogspot.de/

Und hierzulande macht sich der Weidle Verlag um die Erinnerung an Octave Mirbeau verdient.

2013 erschien dort der Reiseroman „628-E8”:
“Hier also das Tagebuch dieser Reise im Automobil durch einen Teil von Frankreich, Belgien, Holland und Deutschland und vor allem durch einen Teil von mir selbst. Ist das aber wirklich ein Tagebuch? Ist das überhaupt eine Reise? Sind dies nicht eher Träume, Träumereien, Erinnerungen, Impressionen, Erzählungen, die zumeist überhaupt keinen Bezug, keine sichtbare Verbindung zu den besuchten Ländern haben, sondern ganz einfach in mir eine Figur, der ich begegnet bin, erstehen oder wiedererstehen lassen, eine flüchtig gesehene Landschaft, eine Stimme, die ich meinte im Wind singen oder weinen zu hören?”

Und nun “Diese verdammte Hand” – mehr Informationen zum Buch hier:
http://www.weidleverlag.de/w/?page_id=188&bid=219

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Literarische Orte: Beat it like Karlsruhe.

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Danger – Portrait von William S. Burroughs vor dem Odéon Theater, Paris 1959 Courtesy „The Barry Miles Archive“ © Foto: Brion Gysin, Naked Lunch Serie, Paris, Oktober 1959

Wer träumt manchmal nicht davon, sich einfach in ein Auto oder den nächsten Zug zu setzen und auf und davon zu brausen? Ohne Ziel, sehen, wohin einen die Straße bringt. Alle Grenzen sprengen, Konventionen hinter sich lassen – frei sein von Terminen, Zwängen, Druck, Anforderungen. Ich jedenfalls schon. Wenn die Mühlen des Alltags sehr, sehr mürbe mahlen, dann bietet zumindest die Literatur eine Chance auf kleine Fluchten. Und dabei erst recht die der „Beat Generation“: Autoren und Künstler, die diese Freiheit lebten – ohne Kompromiss und auch bereit, jeden Preis dafür zu zahlen.

Einer der bekanntesten Schriftsteller dieser Strömung ist Jack Kerouac, der Roman, der für die Beat Generation steht, ist „On the road“. Er tippte das Buch wie im Rausch und ohne Atempause, klebte ein Blatt an das andere, um in seinem Schreibfluss nicht unterbrochen zu werden. Das 36 Meter lange Manuskript ist nun Kernstück einer Ausstellung zur „Beat Generation“, die zuerst im Centre Pompidou in Paris zu sehen war und jetzt noch bis Ende April im ZKM (Zentrum für Kunst und Medien) Karlsruhe zu besuchen ist.

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Corso, Grégory There is No More Street Corner… ,1960 Poem, unveröffentlichtes Manuskript. 200 x 200 cm © DR photo: © Archives Jean-Jacques Lebel

Das zog mich on the road, auf die Straße nach Karlsruhe – wenn auch mit einer Portion Skepsis im Gepäck. Kann man eine kulturelle Strömung, die so lebendig, weil sie subversiv, anarchistisch, verspielt war, museal präsentieren? Die beinahe schon sakrale Überhöhung, die den DADA-Objekten bei der Jubiläumsausstellung im vergangenen Jahr in Zürich zukam, nahm viel von der Lebendigkeit des Dadaismus weg. Das Wilde ging in Erstarrung über. Und auch Jack Kerouac, Allen Ginsberg und William S. Burroughs – das bekannte Dreigestirn der Beat Generation – sind vor Vereinnahmung nicht sicher. Sage und schreibe 5,5 Millionen Dollar soll ein New Yorker vor einigen Jahren bezahlt haben, als das Kerouac-Manuskript bei Christie`s unter den Hammer kam. Immerhin stellte der gutbetuchte Literaturliebhaber es nun für die Ausstellung – die erste umfassende Retrospektive zum Beat in Europa – zur Verfügung.

Gleich vorneweg: Die Befürchtungen vor zu viel „Musealisierung“ waren unbegründet. Nur wenige „Kultgegenstände“ – so Kerouacs Manuskript und die Underwood von William S. Burroughs – hinter Glas, dafür eine Präsentation im Rhythmus des Beat: Den Besucher überrascht eine Flut von Sinneseindrücken: Überall hängen scheinbar freischwebende Leinwände im Raum. Musik, Stimmen, Bilder vermischen sich zu einer eigenartigen Kakophonie, die in sich schon wie ein Werk der Beat Generation wirkt.

Vor allem durch das Medium Film und Fotografie folgen die Ausstellungsmacher dem Weg der „Beatniks“, zeichnen geographisch die Stationen dieser kulturellen Gegenbewegung nach. Wegweisende Orte und Länder sind die USA mit New York und San Francisco, sind Mexiko und Algier, London und Paris. Der Besucher ist selbst gefordert, bei dieser Reise mit der Beat Generation dem Lebensgefühl dieser Künstler auf den Grund zu gehen – Gedichttexte, Romanauszüge, Fotografien, Filme, vor allem aber das gesprochene Wort transportieren den Sound des Beat. Dabei wird offenbar, dass zu den Beat-Protagonisten weitaus mehr Künstler gehörten als das bekannte „Dreigestirn“ Kerouac, Ginsberg und Burroughs. Und dass die Welle mehr erfasste als ausschließlich die Literatur – das Lebensgefühl schlug sich in Fotografie, Bildender Kunst, Film, Musik nieder, wurde zum Gesamtkunstwerk.

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Neal Cassady, Los Gatos, Californie, 1962 Silbergelatineabzug (2016) 20 x 20 Centre Pompidou, MNAM-CCI, Bibliothèque Kandinsky, Fonds Sottsass © Adagp, Paris, 2016 photo: © Centre Pompidou, MNAM-CCI, Bibliothèque Kandinsky, Fonds Sottsass

Natürlich ist in der Ausstellung auch Ginsbergs Gedicht „Howl“ zu hören: Dieser Aufschrei, das „Geheul“, bringt das Gefühl einer Generation zum Ausdruck, die im amerikanischen Kapitalismus der 1950er Jahre zu den ausgeschlossenen gehörte, zugleich aber auch gegen jede Vereinnahmung rebellierte. Sie war auf der Suche nach neuen Bewegungen – durchaus auch sozial geschlagen („beat“), aber ebenso den eigenen Rhythmus, die eigene Bewegung, den eigenen Beat angebend.

Dieses Aufbegehren kommt gerade durch die moderne multimediale Präsentation gut zum Ausdruck, zeigt auch, wie genresprengend und experimentierfreudig die Künstler der Beat Generation waren. Jean-Jacques Lebel, einer der Kuratoren der Ausstellung, hat einige der Protagonisten hautnah erlebt, ist der Strömung verbunden geblieben – das macht sich bemerkbar. Der französische Künstler lernte Allen Ginsberg, William Burroughs, Brian Gysin und andere im „Hotel Beat“ im Pariser Quartier Latin kennen.

„Die Pariser Zeit war von fundamentaler Bedeutung für die Geschichte der Beat Generation. Ginsberg schrieb die erste Version seines berühmten „Kaddish“-Gedichts auf einer Café-Terrasse am Montparnasse und im „Beat Hotel“. Und es ist schon sehr merkwürdig, dass vor allem die akademische Forschung in den USA das nie erwähnt. Insofern sehe ich es als eine Art poetische Rache, dass diese Ausstellung jetzt in Paris zu sehen ist.“

Jean-Jacques Lebel, Quelle: Deutschlandfunk

„Es gibt überall doch nur noch Blut, Massaker, Schrecken. Krieg und Brutalität sind eine Art Normalzustand geworden. Die Beat Generation mit ihrer entschieden anti-militaristischen Poesie, ihrem Internationalismus und Anti-Nationalismus, ihrer Vision eines kollektiven Unbewussten – diese kreative, rebellische, subversive Beat Generation kann da vielleicht ein wenig Hoffnung geben.“

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Gysin, Brion Calligraphie, 1960 Tusche auf Papier Marouflage auf Leinwand 192 x 282 Collection Galerie de France © Galerie de France © Jonathan Greet / Archives Galerie de

Zwar unterscheidet sich die Karlsruher Präsentation in einigen Punkten von der Pariser Ausstellung – beispielsweise ist hier nicht das Zimmer Nr. 25 aus dem „Beat Hotel“ zu sehen, dafür wird auf die Einflüsse, den die Beat Generation auf deutsche Dichter und Autoren hatte, eingegangen – aber auch im Badischen wird seit jeher der Beat gepflegt, wurden in den vergangenen Jahren William S. Burroughs und Allen Ginsberg Ausstellungen gewidmet.

Auch in den „Stuttgarter Nachrichten“ wird in einem ausführlichen Beitrag über die Ausstellung auf die gegenläufige Kraft der Beat Generation und ihren Stellenwert heute aufmerksam gemacht:

„Ginsbergs Langgedicht „Howl“ (1956), Kerouacs Reiseerzählung „On The Road“ (1957) und Burroughs psychedelische Groteske „Naked Lunch“ (1959) schrecken das Amerika der McCarthy-Ära auf und stehen heute noch für eine Gegenkultur, deren rebellische Kraft im neuen Trump-Amerika dringender denn je gebraucht wird.“

Man beachte in dem Artikel auch den Auftritt von Ernst Jandl – einer der überraschenden Bezüge, die mir die Ausstellung ebenfalls bot: „Auf der Durchreise“, Stuttgarter Nachrichten, 20. Januar 2017.

Zwar ist nun Karlsruhe, die „Residenz des Rechts“ weitaus weniger denn Paris als Hort der Revolution bekannt – aber wer in diesen Zeiten, die geprägt sind von politischem Revanchismus und Nationalismus, etwas rebellische Luft tanken will, der mache sich auf den Weg ins ZKM.

Alle Bilder zur Verfügung gestellt im Pressebereich des ZKM.

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Paul Klee: Gedichte

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„Der Luftballon“, 1926. Bildquelle: Wikimedia Commons

„Je schreckensvoller die Welt ist, desto abstrakter die Kunst, während eine glückliche Welt eine diesseitige Kunst hervorbringt.“

Dichter malen mit Worten. Maler schreiben mit Bildern. Manche können beides. So Paul Klee (1879-1940), der dichtende Maler, malende Dichter, Dichtermaler. Er wirkt nicht nur durch sein bildnerisches Werk. Auch durch seine Tagebücher. Vor allem jedoch durch seine Gedichte. Klee war schon früh ein intensiver Leser, verfasste bald eigene Texte. Das Schreiben wird intensiver, als er seine spätere Frau Lily Stumpf kennenlernt. In den Tage-, den sogenannten „Geheimbüchern“, sind um die Jahrhundertwende zahlreiche Gedichte an und über „Eveline“ zu finden. Und, so meint sein Sohn Felix später, der vielfach Begabte sei sich „in seiner künstlerischen Entwicklungszeit“ nicht immer in klaren gewesen, „ob er zur Musik, zur Malerei oder zur Dichtung“ greifen sollte. Die Malerei wird sein Hauptmedium werden – doch der spielerische, fast schon dadaistische Umgang mit Sprache bleibt ein Erkennungsmerkmal Klees, sei es in seinen verschnörkelten Bildtiteln oder in den „Schriftbildern“.

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Paul Klee als Soldat, 1916. Bildquelle: Wikimedia Commons

In diesem Beitrag möchte ich mich auf eine Lebensphase Klees konzentrieren, die für ihn – wie für andere Künstler seiner Generation – prägend wurde: Die Katastrophe des Ersten Weltkrieges.

Auch Paul Klee wird von der Kriegsmaschinerie erfasst, ist ab 1916 zum Militärdienst verdonnert. Er kommt als Kunstmaler bei den „Königlich-Bayrischen Fliegertruppen“ an verschiedenen Orten in Einsatz, muss die Tarnbemalung der Kampfflugzeuge ausbessern.

Ab Januar 1917 ist er auf einem Flugplatz bei Augsburg stationiert, auch hier als Maler, Schreiber und gelegentlich als Fotograf.

Perversion des Krieges: Flugschüler fallen ständig mit ihren Maschinen vom Himmel, verunglücken tödlich während der Ausbildung. Das Flugzeug als neues technisches Kampfmittel wird hinter der Front erprobt, auch hier um den Einsatz des Lebens. Klee muss diese Trümmerreste fotografisch dokumentieren, hält sich das mit kaum verdeckten Zynismus vom Leib:

“Habe heute den kaputten Aeroplan aufräumen helfen, auf dem zwei Flieger vorgestern ihr Leben lassen mußten. Er war übel zugerichtet. Die Arbeit war ganz stimmungsvoll.”

Sich wappnen durch Distanz zum Geschehen?

„Ich bin gewappnet,
ich bin nicht hier,
ich bin nicht in der Tiefe,
bin fern…
ich bin so fern…
Ich glühe bei den Toten.“ (1914).

(Alle Gedichtzitate aus: „Gedichte“, Paul Klee, Herausgeber Felix Klee, erschienen im Arche Verlag)

Wie jedoch das Schreckliche in der Kunst ausdrücken? Wie das Grauen, das eine Katastrophe auslöst, in Wort und Bild festhalten? Klee, der noch 1914 mit August Macke zur berühmten Tunisreise aufbricht – „Die Farbe hat mich!“ – kommt zurück in ein Europa, das bereits brodelt. Wenige Monate später ist nichts mehr, wie es vorher war. Anders als seine Malerkollegen Franz Marc und August Macke lässt Klee sich nicht vom Hurra-Patriotismus anstecken. Klee bleibt der kühle Skeptiker, dem diese Aufwallungen wohl schon vom Charakter her fremd sind. August Macke fällt bereits im September 1914 in der Champagne, Franz Marc am 4. März 1916 in Verdun. Dieses Datum hat für Klee eine besondere Bedeutung: Einen Tag später, am 5. März, erhält er seinen Einberufungsbefehl.

Dabei ist er Pazifist. Heute wird dazu oft der Zusatz gestellt: Ein „passiver“. Was hat das zu bedeuten? Kriegsdienstverweigerung gab es zu Zeiten des 1. Weltkrieges nicht. Verweigern gab es in einem Staat, der letztendlich Militärstaat war, nicht. Wer verweigerte, wurde als Psychopath eingestuft, von Militärärzten wieder fronttauglich gemacht. Klees deutscher Vater hatte sich nie um die Einbürgerung seines Sohnes in die Schweiz, wo Klee geboren war, bemüht. Also war für den Künstler, der damals in München lebte, der Weg vorgezeichnet. Er hatte Frau und Kind. Hätte er desertieren sollen?

Traum

Ich finde mein Haus: leer,
ausgetrunken den Wein,
abgegraben den Strom,
entwendet mein Nacktes,
– gelöscht in die Grabschrift.
Weiß in weiß.
(1914).

Spurensuche im Werk: Da ist der Widerstand durchaus zu spüren.

 “Ich habe diesen Krieg längst in mir gehabt. Daher geht er mich nichts an. Um mich aus meinen Trümmern herauszuarbeiten, mußte ich fliegen. Und ich flog. In jener zertrümmerten Welt weile ich nur noch in der Erinnerung, wie man zuweilen zurückdenkt. Somit bin ich abstract mit Erinnerungen’.”

Dieser Tagebucheintrag von 1915 wird oftmals dafür angeführt, dass Klee ein kühler, beinahe distanzierter Beobachter des von ihm als „wahnsinnig“ bezeichneten  Krieges gewesen sei, fast ungerührt geblieben sei von der „Urkatastrophe“. War es so?

Es scheint auch, als verlasse die in Tunesien gefundene Farbe wieder das Bild. Kleinformatige Zeichnungen, oft auf amtlichem Vordruckpapier, auf Flugzeugmaterial hergestellt, Entwürfe ohne Farbe, aber nicht farblos. Dies war freilich auch dem Materialmangel geschuldet. Und inhaltlich eben durchaus nicht distanziert vom Geschehen rings um ihn. Schon die Titel sprechen Bände: „Die beiden Schreie“, „Der Tod für die Idee“ oder auch „Fitzlibutzli“, diese Ironisierung des Kaisers Wilhelm II, der Titel angelehnt an das Gedicht von Heinrich Heine, an den „vitzlibutzli“.

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„Fitzlibutzli“, 1918, Bildquelle: Wikimedia Commons

Klee desertiert anders, muss wohl auch Abstand nehmen durch die Flucht nach Innen. Denn während der gesamten Einsatzzeit hängt wie ein Damoklesschwert die Möglichkeit, dass er doch an die Front versetzt wird, über ihm. Nicht von ungefähr in dieser Zeit auch seine Lektüre, beispielsweise „Robinson Crusoe“. Kleine Fluchten mit Hilfe der Literatur? Oder der Künstler, gefangen auf einer seltsamen Insel? Denn dem Grauen an der Front gegenüber steht der langweilige Alltag, der Stumpfsinn und Bürokratismus in der Kaserne, die Entfernung zur Familie, der Stubendienst. Anhand vieler Postkarten, die Klee an seine Frau und den Sohn schreibt, wird deutlich, welche Einschränkungen die kreative Seele in dieser fremden Welt erleben muss. Aber er hat auch Glück – Vorgesetzte, die sein Talent respektieren, ihm gewisse Freiheiten geben. Selbst die Arbeit an Ausstellungen ist möglich. Es entstehen „Schubladenbilder“ – Skizzen, die er in der Schreibstube fertigt, die er schnell in eine Schublade schieben kann, wenn jemand kommt.

Klee behält also Bodenhaftung. Das „Fliegen“ in seinen Tagebucheintragungen ist nicht im wörtlichen Sinne zu verstehen. Der Flug, das Abheben, dies meint zum einem die Distanz in der Kunst zur Realität:

 “Um mich aus meinen Trümmern herauszuarbeiten, musste ich fliegen. Und ich flog.”

Auch die religiösen, die mythischen Themen nehmen zu. „Und es ward Licht“ heißt ein Bild. Klee entdeckt später weitere Flugobjekte, in seinen letzten Lebensjahren werden die Engelsbilder zu einem wichtigen Bestandteil seines Schaffens.

Elend

Land ohne Band,
neues Land,
ohne Hauch
der Erinnerung,
mit dem Rauch
von fremden Herd.
Zügellos!
wo mich trug
keiner Mutter Schoß.
(1914)

Doch ganz realitätsabgewandt ist Klee, wie oben schon angeführt, eben nicht.
„Der Krieg fördert die Production im ethischen Sinne“, schreibt er. Was meinen soll: Die Auseinandersetzung mit dem Kriegs-Wahnsinn findet durchaus ihren Niederschlag, wenn auch nicht so eindeutig und plakativ erkennbar wie in Noldes „Soldaten“ oder Beckmanns „Kriegserklärung“. Bei Klee geschieht dies verschlüsselter, weniger deutlich, erkennbar jedoch an einigen stilistischen Mitteln: Winkelformationen, Zickzack-Linien, die auch aggressiv zu deuten sind, tauchen in dieser Zeit auf – und interessanterweise hören die auch kurz nach dem Krieg wieder auf. Symbole für Bedrohung, Angst, für Krieg und Zerstörung. Mit Mitteln des Konstruktivismus gegen die allgemeine Destruktion.

Eine deutliche Sprache spricht das Bild “Der Held mit dem Flügel”: Eine verstörende Radierung, die einen missgestalteten Krieger mit verkümmertem Engelsflügel zeigt.

Klee notiert dazu am Bildrand:

“Von der Natur mit einem Flügel besonders bedacht, hat er sich daraus die Idee gebildet, zum Fliegen bestimmt zu sein, woran er zugrunde geht.”

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Joachim Ringelnatz – Reisegeldgedicht

 

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Bild von congerdesign auf Pixabay

Es gibt der Worte nicht genug,
Um Heim und Heimat laut zu preisen.
Um zehn Uhr vierzig geht mein Zug.
Adieu! Adieu! Ich muß verreisen.

Mein Reisekoffer, frisch entstaubt,
Folgt seiner Sehnsucht in die Weite
Und hat mir freundschaftlich erlaubt,
Daß ich ihn unterwegs begleite.

Und Sehnsucht, Kohle und Benzin
Soll uns recht fern durch Fremdes treiben,
Damit wir denen, die wir fliehn,
Recht frohe Ansichtskarten schreiben.

Auf Wiedersehn! Ich reise fort.
Mein Reisekoffer sucht andres, andre.
Bis ich erkenne: Hier ist dort
Und neu vergnügt nach Hause wandre.

Joachim Ringelnatz, in: „Verstreut Gedrucktes“

Mein Reisekoffer ist gestern Abend auch wieder für längere Zeit zuhause angekommen (leider mit mir). So ganz vergnügt mich der Gedanke daran zwar nicht – einmal ins Rollen gekommen, möchte ich gern weiterfahren…

Aber die schönen Erinnerungen an Begegnungen, Erlebnisse und Erfahrungen hellen die Stimmung sofort wieder auf – statt Ansichtskarten sind es heute Blogbeiträge, mit denen Reisen wieder wachgerufen werden. So beispielsweise ein entspannter Museumstag mit Susanne Haun und Micha Fanke in Nürnberg – die beeindruckenden Bilder vom Neuen Museum und vom Germanischen Nationalmuseum kann man auf Susannes Blog bestaunen.

 

Joachim Ringelnatz – Malerstunde

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„Dachgarten der Irrsinnigen“, 1925, Öl auf Leinwand, Clemens-Sels-Museum Neuss.

Malerstunde

Mich juckt`s,
Doch ich kann mich nicht jucken,
Weil meine Finger voller Farbe sind.

Dabei habe ich den Schlucken.
Wenn ich den Pinsel – – Hupp schluckt`s.

In meinem Fliegenspind
Summt eine Fliege grollend,
Eingesperrt, hinauswollend.
Keine Fliege lebt von Worcester-Sauce.

Ach, Hunger tut weh.
Aber er schont die Hose
Und macht sie locker.

Ha! Jetzt habe ich eine Idee!
Weh! Aber keinen Lichten Ocker.

Joachim Ringelnatz in: „Gedichte dreier Jahre“

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„Kindheit“, 1928, Öl auf Leinwand, Privatbesitz

Reich (an Geld) war Ringelnatz in seinem Leben nie. Aber an Talenten. Und in der Zeit, als er sich mehr und mehr dem Malen zuwenden konnte, ging es ihm nicht ganz so schlecht wie dem armen Pinsel in der „Malerstunde“ – die Farbe Ocker konnte er sich leisten und er machte auch Gebrauch von ihr. Davon zeugt derzeit eine Ausstellung im erst im Dezember 2015 eröffneten „Zentrum für Verfolgte Künste“ im Kunstmuseum Solingen. Mit „Es war einmal ein Bumerang – Der Maler Joachim Ringelnatz kehrt zurück“ ist dort die erste Sonderausstellung zu sehen und zugleich die erste umfassende Werkschau zum malenden Ringelnatz. Da schlägt mein Herz im Muschelkalk gleich doppelt hoch.

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„Flugzeugblick“, 1928, Öl auf Leinwand, Privatbesitz

Ich selbst werde es bis zum Ausstellungsende am 17. Juli nicht mehr nach Solingen schaffen, um die 50 Originalwerke des Malers Ringelnatz bestaunen zu können – aber Ingrid von „Stift und Schrift“ war liebenswürdigerweise sozusagen für mich vor Ort und vom Zentrum selbst wurde ich mit umfangreichem Pressematerial versorgt. Ich hoffe sehr, dass die Ausstellung irgendwann in den Süden der Republik wandert – „zeichnen“ die Gemälde des Malers doch noch einmal ein anderes Bild vom Menschen und Künstler Ringelnatz selbst, wie auch Jürgen Kaumkötter – neben Ringelnatz-Biograph Hilmar Klute – Kurator der Ausstellung im Vorwort zum Katalog hervorhebt:

„Am Ende seines Lebens überstrahlt der Maler Ringelnatz den Dichter. Als er im November 1934 stirbt, waren die Weichen des Vergessens seiner Bilder jedoch schon gestellt und wir können nicht nur den Nationalsozialisten und der »Aktion Entartete Kunst« alleine die Schuld in die Schuhe schieben, die natürlich die Auslöser des Verschwindens des Malergenies waren. Es ist auch die Nachkriegsgesellschaft und die jahrzehntelang ignorante Kulturlandschaft, die den ernsten Maler Ringelnatz nicht zur Kenntnis nehmen will. Zu anders, zu eigenständig, zu weit entfernt ist das, was er malt, von seiner beliebten Dichtung. Er liefert als Maler dem Publikum nicht den anarchistischen Entertainer. Wir wollen den lustigen, den tollkühnen Ringelnatz mit seinen feinfühligen Versen, wir wollen uns aufgehoben fühlen, nicht mit unseren Urängsten konfrontiert werden. Nun kehrt der Maler mit der ersten umfassenden Werkschau zurück.“

Als Ringelnatz-Leserin wußte ich schon, dass das tanzende Seepferdchen immer wieder auch den Zeichenstift zückte – seine „Kinderbücher“ sind ein Beweis für das begabte Multitalent, hier und dort waren in einzelnen Ausgaben auch Skizzen und Illustrationen aus seiner Hand eingestreut. Neben George Grosz sollte vor allem die enge, lebenslange Freundin Renée Sintenis (die auch die berühmte Ringelnatz-Büste anfertigte) ausschlaggebend dafür gewesen sein, dass zum Talent die Technik hinzukam – sie unterstützt ihn in seiner Doppelbegabung, 1923 folgt die erste Ausstellung in Berlin, weitere Ausstellungen mit großem Erfolg schließen sich dem an, später gibt er im Telefonbuch als Berufsbezeichnung „Kunstmaler“ an.

Dennoch: Lange blieb Ringelnatz nur als der verspielte, humorvolle Wortschmied im kollektiven Gedächtnis (auch seine melancholische literarische Seite wurde kaum oder ungern wahrgenommen), der Maler Ringelnatz geriet ganz in Vergessenheit. Dabei umfasst das Werkverzeichnis – erst im Jahre 2000 wurde dank eines Forschungsprojektes an der Universität Göttingen ein erstes erstellt, unter www.ringelnatz.online wird dies seither fortgeschrieben) – knapp 250 Bilder! Viele davon jedoch verschollen, verloren, ver… – doch ein Ringelnatz verschwindet nicht, der Bumerang kehrt zurück… So sind in Solingen auch Reproduktionen verschollener Werke zu sehen.

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„Auf dem Kohlendampfer“, 1926, Öl auf Leinwand, Privatbesitz

Wo die Werke des Malers geblieben sind, darüber schreibt Jürgen Kaumkötter im Katalog:
„Die Blaupause des Vergessens und Übersehens ist klar und deutlich. Die Zeit als aktiver Künstler war zu kurz. Die damaligen Verkäufe gingen fast ausschließlich in Privatsammlungen. Heute ist die Hälfte des bekannten Werkes verschollen oder zerstört und aus den Privatsammlungen gelangte nur wenig in öffentliche Institutionen. Wenn jemand einen Ringelnatz hatte, gab man ihn nicht wieder her. Die Nationalsozialisten und ihr zerstörerisches Echo in beiden Deutschlands besorgten den Rest. Zwei Jahre lebt Ringelnatz noch unter der nationalsozialistischen Diktatur, die sich auch an seinem schmalen bildkünstlerischen Werk verging, dann starb Ringelnatz und das Werk des Malers geriet in Vergessenheit. Das Bild »11 Uhr nachts« wurde aus der Berliner Nationalgalerie entfernt, aufgekauft vom Kunsthändler Wolfgang Gurlitt. Die letzte Spur hinterlässt das Bild auf der Rückseite eines Fotos aus den 1930er-Jahren: jetzt sei es in Düsseldorf. Es ist bis heute verschwunden.“

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„Elefant im Sturm“, 1927, Öl auf Leinwand, Privatbesitz

Was macht den Maler Ringelnatz nun so besonders? Im leider bereits vergriffenen Ausstellungskatalog kann man sich ein ungefähres Bild davon machen – Gemälde wie „Flucht“, „Nächtliches Gelage“ oder auch „Herbstgang“ sind von einer eigenartigen düstereren Wucht, trotz der teils naiv-verspielten Figurenzeichnung. Namhafte Kunstexperten und Schriftsteller – darunter Alain Claude Sulzer, Peter Wawerzinek und Stefan Koldehoff – würdigen in ihren Katalogtexten den malenden Ringelnatz, Jürgen Kaumkötter schreibt sehr treffend über ihn:

„Ringelnatz ist seine eigene Insel. Die Bilder reflektieren nicht die äußere Welt. Die damals üblichen Motive streift er noch nicht einmal. Auch wenn der Mensch klein wird vor der Urgewalt der Natur und der Ohnmacht gegenüber seinem Unbewussten, sind Ringelnatz’ Bilder kein Manifest des Misstrauens. Sie zeigen, dass der Mensch mit seinem Weltschmerz alleine bleibt.“

Die Ausstellung „Es war einmal ein Bumerang. Der Maler Joachim Ringelnatz kehrt zurück“ ist bis zum 17. Juli im Zentrum für verfolgte Künste zu sehen: http://www.verfolgte-kuenste.de/

Für alle Abbildungen liegt das Copyright beim Zentrum für verfolgte Künste.

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„Treibende Schollen“, 1928, Öl auf Leinwand, Privatbesitz

 

Lesezeichen von: Paul Auster

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„Also blieb ich bei meiner Schreibmaschine, und die achtziger Jahre gingen in die neunziger über. Einer nach dem anderen stiegen meine Freunde auf Mac oder IBM um. Allmählich kam ich mir vor wie ein Fortschrittsfeind, der letzte heidnische Posten in einer Welt voller digitalen Konvertiten. (…) Bis dahin hatte ich mich meiner Schreibmaschine nicht sonderlich zugetan gefühlt. Sie war einfach ein Werkzeug, das mir erlaubte, meine Arbeit zu tun; aber jetzt, da sie zu einer gefährdeten Spezies geworden war, zu einer der letzten überlebenden Gerätschaften des Homo scriptorus des 20. Jahrhunderts, begann ich eine gewisse Zuneigung zu ihr zu empfinden.“

Paul Auster/Sam Messer, „Die Geschichte meiner Schreibmaschine“, Rowohlt Verlag, 2005, Hardcover mit zahlreichen Bildtafeln.

1974 ersteht Paul Auster von einem Freund für 40 Dollar eine Olympia-Reiseschreibmaschine, „hergestellt in Westdeutschland. Dieses Land gibt es nicht mehr, aber seit jenem Tag im Jahr 1974 ist jedes Wort, das ich geschrieben habe, auf dieser Maschine getippt worden“. Wahrscheinlich gilt diese Aussage auch heute noch, 14 Jahre nach Erscheinen des amerikanischen Originals dieses kleinen Bildbandes: Denn Auster erstand vorsorglich 50 Farbbänder für seine Olympia. Technisch unbegabt, scheute der Schriftsteller die Anschaffung eines Computers. Das allein ist jedoch nicht der Grund für die immer intensiver gewordene „Beziehung“ zu seinem Schreibgerät: „Ich hatte nie die Absicht, meine Schreibmaschine zu einer Heldin zu machen. Das ist das Werk von Sam Messer, einem Mann, der eines Tages in mein Haus kam und sich in die Maschine verliebte.“

Der New Yorker Künstler begann „Portraits“ der Olympia zu malen, manchmal durfte auch Paul Auster mit ins Bild. Und so ist „Die Geschichte meiner Schreibmaschine“ vor allem eine bildhafte, schöne Liebeserklärung an diesen Gegenstand, der immer mehr aus unserem Alltag verschwindet.

Mit 17 Jahren – also vor mehr als drei Jahrzehnten – machte ich meine ersten Schreibversuche noch auf einem Modell namens „Gabriele“. Ein grässliches, klappriges Ding. Regelmäßig riss ich mir die Nagelhaut auf, weil die Tasten so seltsam standen. Erst später bekam ich die oben abgebildete Schreibmaschine meines Großvaters vererbt – eine Lust war es, darauf zu schreiben, die Tasten angenehm leise, das Klingeln am Rücklaufhebel gab mir das angenehme Gefühl, schon wieder etwas – sprich eine Zeile – geschafft und geschaffen zu haben.

Mir gibt das heute manchmal einen kleinen Schock, wenn ich daran denke, dass es in meinen ersten Berufsjahren selbst in den Redaktionen noch keinerlei Computer gab. Geschweige denn Emails. Plötzlich komme ich mir dann richtig steinzeitlich vor, wie ein Relikt – „weißt Du noch, damals, als wir noch Klebeumbruch machten …“. Und dennoch kam täglich eine Zeitung zustande – irgendwie.

Die Schreibmaschine meines Großvaters ist nicht mehr in Einsatz – und ich habe mich, im Gegensatz zu Paul Auster, längst schon an den PC gewöhnt. Aber dennoch: Computer und Laptops habe ich inzwischen schon einige verbraucht – und alle sind irgendwann in den Elektromüll gewandert, ohne großes Sentiment. Meine „Erfurt“ dagegen, sie steht als stillgewordene „Heldin“ immer noch in meinem Buchregal: Zu viele Erinnerungen verbinde ich mit ihr. Und manchmal lasse ich sie einfach so noch klingeln.

Den Bildband von Paul Auster und Sam Messer gibt es übrigens auch als ebook (Link hier). Das kann ich mir nun gar nicht vorstellen.

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Friedrich Dürrenmatt: Das Nashorn schreibt der Tigerin

lovers-3967593_1920Was weiß man schon vom Innenleben eines Paares? Selbst wenn es öffentlich erscheint? Was weiß man schon davon, was zwei zusammenhält? Ein wenig lässt es sich erahnen, was Friedrich Dürrenmatt und Charlotte Kerr verband, sieht man die gemalten Zärtlichkeitsbeweise, die das Nashorn seiner Tigerin hinterließ.

Als Dürrenmatt Charlotte Kerr kennenlernte, war er der ältere Herr, knapp ein Jahr verwitwet, alkohol- und tablettenabhängig, und schien über den Zenit seines Schaffens hinaus. Die Kerr, anfangs ihrer Karriere Schauspielerin in B-Movies („Heißer Sand auf Sylt“) und Kultfigur auf der Raumpatrouille Orion, war zur Zeit des Kennenlernens  eine ernstzunehmende Journalistin. Kennen und lieben lernten sie sich über das Theater, die Beziehung vertiefte sich bei Kerrs filmischen Dürrenmatt-„Portrait eines Planeten„. Sie erlöste den Minotaurus aus seinem Gefängnis. Und baute sich damit vielleicht ein Stück ihr eigenes: „Die Frau im roten Mantel“ (so der Titel ihres Buches, in dem sie wunderbar über ihre wenigen Jahre mit dem Schweizer Schriftsteller schreibt), wurde sein kreativer Antrieb, sein Gegenstück, seine Ergänzung. Aber sie wurde auch zur Frau an Seite Dürrenmatts, erhielt später das Etikett der „Berufswitwe“, Sachwalterin seines Erbes. Als sie starb, titelte die NZZ: „Dürrenmatts Witwe Charlotte Kerr gestorben“.

Dass da noch mehr wahr, die eigenen Leistungen, der eigene Beruf: Das geht an der Seite eines solchen Mannes wohl auch unter, wird nicht gesehen. Ein schönes Portrait über eine starke Frau schrieb Pirmin Meier. Kerr plagten Depressionen, schwarze Stimmungen:

„Wenn der See grau ist,
wenn die schwarzen Vögel in den Bäumen hocken,
lauern, nach mir hacken,
wenn Depressionen nach unserem Glück gieren,
es zu verzehren drohen,
dann tritt die Familie in Aktion.“

Am Morgen findet Charlotte Kerr neben ihrem Bett eine Nashornzeichnung.
„Damit Joggeli beim Erwachen lacht …“
Die schwarzen Vögel stieben davon.

Sie brachte ihm die Kreativität zurück, er verscheuchte die schwarzen Vögel: Ein Buch, das ohne viele Worte auskommt, ist Zeugnis dieser innigen Beziehung, einer tiefen Verbundenheit.

Die Familie, das ist ein Kosmos aus liebevollen Figuren, eine Fabelwelt, die sich Dürrenmatt und Kerr erschufen, die Dürrenmatt liebevoll auf Papier bannte. 2001 wurden einige dieser Zeichnungen mit Anmerkungen von Charlotte Kerr unter dem Titel „Das Nashorn schreibt der Tigerin“ veröffentlicht.

Andreas Platthaus stellte „die Familie“ und das Buch am 1. November 2001 in der FAZ vor:

Denn Dürrenmatt hatte es sich zur Angewohnheit gemacht, Charlotte Kerr mit selbstangefertigten Zeichnungen zu beglücken, auf denen er selbst als Nashorn, sie als Tigerin und außerdem noch drei weitere Akteure ihre Späße trieben. Die Verkörperung durch die beiden Tiere ging auf einen Scherz von Maximilian Schell zurück, die zwei Roboter Vinzenz und Vinzenza verdankten sich dem Science-fiction-Film „Das schwarze Loch“, der das Paar durch seinen niedlichen Adroiden begeistert hatte, und schließlich war da noch P.P., eine winzige Figur ohne individuelle Züge, deren Name ein Kürzel für „Pallepittli“ ist. Das war einmal der Name gewesen, bei dem ein kleines, noch nicht sehr sprachvirtuoses Mädchen den jungen Friedrich gerufen hatte: „Pfarrers Fritzli“ sollte das heißen. Die kindliche Lautverschiebung von R zum L wurde zum Prinzip der Texte, die Dürrenmatt seinen schnell dahingeworfenen Nashornzeichnungen beigab. Deshalb also das „Stasilinozelos“.

Die ausführliche Besprechung bei Literaturkritik hebt einen Punkt hervor:

Dominiert werden sämtliche Zeichnungen durch das Nashorn, das nicht nur im Mittelpunkt des Geschehens steht, sondern auch immer größer als die Tigerin und alle anderen Partizipanten ist. Selbst das Brandenburger Tor schrumpft im Verhältnis zum Schweizer Nationaldenkmal Dürrenmatt alias Rhinozeros. Das lässt natürlich Rückschlüsse auf das Selbstbild des Autors zu, und wäre da nicht die gleichzeitige Behäbigkeit und Komik des Nashorns, würde einem grauen vor so viel Egomanie.

Man würde es sich wohl jedoch zu einfach machen, sähe man in Charlotte Kerr nur die Frau an seiner Seite, die vieles aufgab und hinter sein Werk zurücktrat. Denn was weiß man schon vom Innenleben eines Paares? Ein wenig mehr weiß man nun vom Nashorn und seiner Tigerin.

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Joachim Ringelnatz – Bär, aus dem Käfig entkommen

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Weit entfernt von der Skulptur der Sinetis: Der Berliner Bär heute. Bild: (c) Michael Flötotto

BÄR AUS DEM KÄFIG ENTKOMMEN

Was ist nun jetzt?
Wo sind auf einmal die Stangen,
an denen die wünschende Nase sich wetzt?
Was soll er nun anfangen?

Er schnuppert neugierig und scheu.
Wie ist das alles vor ihm so weit
Und so wunderschön neu!
Aber wie schrecklich die Menschheit schreit!

Und er nähert sich geduckt
Einem fremden Gegenstande.
– Plötzlich wälzt er sich im Sande,
Weil ihn etwas juckt.

Kippt ein Tisch. Genau wie Baum.
Aber eine Peitsche knallt.
Und der Bär flieht seitwärts, macht dann halt.
Und der Raum um ihn ist schlimmer Traum.

Läßt der Bär sich locken. Doch er brüllt.
Läßt sich treiben, läßt sich fangen.
Angsterfüllt und haßerfüllt
Wünscht er sich nach seines Käfigs Stangen.

Joachim Ringelnatz

Wenn jeweils im Februar bei der Berlinale die Bären verliehen werden, dann wissen wohl die wenigsten, so nehme ich an, wer die ursprüngliche Schöpferin dieses Berliner Wahrzeichens war: Renée Sintenis (1888 – 1965), eine der erfolgreichsten und „bedeutendsten Bildhauerinnen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts“  (Zitat auf der Homepage des Georg Kolbe Museums, das ihr eine Werkausstellung anlässlich des 125. Geburtstages gewidmet hatte).

Wie so viele andere weibliche Künstlerinnen, die sich in der Weimarer Republik entfalten konnten, wurde sie im Nationalsozialismus ihrer Möglichkeiten beraubt. Zwar wurde ihr Werk in der Nachkriegszeit wieder beachtet und nachgefragt (so wurde ihr 1932 entstandener „Junger Bär“ 1956 neu gestaltet als „Berliner Bär“ im Rahmen einer Werbekampagne für die Stadt), doch heute, wenig mehr als ein halbes Jahrhundert nach ihrem Tod, ist ihr Name kaum mehr bekannt.

Zumindest gab es zur Werkausstellung wieder einige Veröffentlichungen über die Künstlerin und ihre Skulpturen. Im Kunstmagazin „art“ fragte man sich:

„Was wohl Renée Sintenis von jenem Tier gehalten hätte, das seit dem 20. Juni 2001 als kitschiger „Buddy Bär“ in Divisonsstärke, aus Polyester gegossen und bunt bekleidet, Berlin unter seiner Fuchtel hat? Verwechslung unmöglich: Während der Jungbär von Sintenis in verspielter Bewegung die Arme hebt und zu tänzeln scheint, steht der Plastik-Buddy starr wie vor einem unsichtbaren Feind, die Arme zur Kapitulation steif nach oben gereckt.“

Renée Sintenis` Buddy war übrigens der eingangs zitierte Ringelnatz. Der kleine, O-beinige, großnasige und – ja, sagen wir es direkt – auch etwas hässliche Dichter aus Wurzen hatte die elegante, attraktive Frau, die mit ihrer Körpergröße von 1,80 Meter eine auffallende Erscheinung war, 1922 kennengelernt. Und wie so oft  entflammte der Herr aus Wurzen platonisch.

„Sie schenken einander ihre Werke, Sintenis modelliert eine expressive Portraitbüste des Dichters, unterstützt und fördert in als Maler und Zeichner, gestaltet nach seinem frühen Tod 1934 seine Grabplatte. Aus dem Nachlass von Joachim Ringelnatz editiert Sintenis 1949 den Band Tiere, eine Auswahl seiner schönsten Tiergedichte, versehen mit 13 ihrer kongenialen Zeichnungen.“

Zwischen den beiden entsteht eine intensive Freundschaft“, schreibt Matthias Reiner im Nachwort zum Insel-Band Nr. 1341: „Joachim Ringelnatz: Im Aquarium in Berlin. Mit Illustrationen von Renée Sintenis.“ Die Insel-Bücherei legte damit wieder auf, was eine Geste des Gedenkens der Künstlerin an ihren Freund war. Doch während Ringelnatz heute ein moderner Klassiker ist, ist „Renée Sintenis, der Stern am Kunsthimmel der Weimarer Republik, hingegen nur noch Spezialisten ein Begriff“, bedauert Reiner in seinem kurzen Essay. Sie war die Frau, die den Filmbären schuf…

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Ulrich Becher: Murmeljagd

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Bild von analogicus auf Pixabay

Dieses Buch haut einen um wie eine Naturgewalt. Es macht atemlos. Und zunächst auch sprachlos. Als ich es zur Seite legte, war ich mir nicht sicher, ob ich überhaupt eine halbwegs anständige Besprechung dazu zustande bekäme. Sicher bin ich mir immer noch nicht. Aber es sollte, ja, es muss vorgestellt werden – denn jeder, der Sprache und das Spiel mit ihr liebt, der Wortkapriolen zu schätzen weiß, der sehen und lesen und lernen möchte, wie phantastisch phantasievoll man mit Sprache umgehen kann, der wird daran seine Freude haben. Und noch mehr: Einen langen, nachklingenden Genuss.

1969 erstmals erschienen, ist „Murmeljagd“ von Ulrich Becher (1910-1990) lange so etwas wie ein Geheimtipp gewesen. Dabei brächten Buch und Autor alle Voraussetzungen mit, in eine Ruhmeshalle der sprachmächtigsten, exaltiertesten und umwerfendsten Werke des vergangenen Jahrhunderts zu gelangen. Und man hätte sogar den Vorteil, Ulrich Becher als „Drei-Länder-Schriftsteller“ für sich vereinnahmen zu können: Becher, zwar 1910 in Berlin geboren, hatte über seine Mutter, eine Pianistin, Schweizer Wurzeln. Sein Schwiegervater war in Österreich ein Berühmter: Roda Roda. Österreich und die Schweiz zudem Stationen im Exil.
Und vor allem war Becher wohl ein allseits talentierter Mensch: Er studierte Jura, wurde der einzige Meisterschüler von George Grosz und begann zu schreiben. 1932 erschien sein Debüt „Männer machen Fehler“ – das kaum ein Jahr später von den Nationalsozialisten als entartete Literatur eingestuft wurde.

„Er konnte etwa für sich beanspruchen, der jüngste Autor gewesen zu sein, dessen Bücher die Nazis verbrannten. Keine geringe Ehre, das musste einer erst schaffen: knapp über zwanzig, ein erster schmaler Band und schon ein entarteter Staatsfeind. Becher war, als bildender Künstler, als der er begann, Schüler von George Grosz, fing an zu schreiben, floh aus den genannten Gründen über Österreich und die Schweiz schließlich nach Brasilien, schrieb eine ganze Reihe Romane, Erzählungen und Theaterstücke und starb, relativ vergessen, 1990 in Basel. Sein Theaterstück „Der Bockerer“, das  er gemeinsam mit Peter Preses verfasste, ist seit der Verfilmung mit dem Volksschauspieler Karl Merkatz immerhin in Österreich nationales Kulturgut, wenngleich dort kaum ein Mensch weiß, wer es eigentlich geschrieben hat“, so die österreichische Schriftstellerin Eva Menasse in ihrem lesenswerten Artikel in der „Welt“.

Der Verlag Schöffling brachte das Buch heraus (inzwischen ist es auch bei btb als Taschenbuch erschienen). Und in der Presse brach Begeisterung aus, als handele es sich darum, das Erscheinen eines fulminanten Debütromans (siehe die Pressestimmen auf der Verlagsseite) zu feiern. Gut für das Buch, schade für Ulrich Becher: Der hätte die Aufmerksamkeit zu Lebzeiten genossen und verdient, Aber ihm ging es wohl, wie vielen seiner Schicksalsgenossen: Die Naziverfolgung, das Exil – es zerstörte viele Existenzen und Karrieren. Nicht alle von denen, die überlebten, fassten später wieder Fuß.

Das Überleben in finsteren Zeiten, die Flucht vor den Häschern, Exil und Vertreibung: Das sind auch die Hauptthemen dieser 700 Seiten starken, turbulenten Parforcejagd durch die Schweiz. Eine Berg- und Talfahrt, eine Tour de Force: Knallbunt und prallvoll wie das Leben, ab und an auch zappenduster und schwarz wie der Tod.

Den abtrünnigen Adeligen Albert Trebla, der sich – noblesse oblige – dem Sozialismus verschrieb, hat es (nach dem Anschluss von Österreich „heim ins Reich“) mit seiner Frau Xane in die Schweiz verschlagen. Dort versucht man einigermaßen durchzukommen, ständig unter Kuratel durch die Schweizer Behörden, versucht, mit den Verwandten im Vielvölkerstaat Österreich Kontakt zu halten, und, wenn möglich, weiter Politik zu treiben. Plötzlich häufen sich im Umfeld Treblas jedoch undurchsichtige Unfälle mit tödlichem Ausgang. Der Exilant wird auch in der Schweizer Bergwelt zum Gejagten – in seiner Gedankenwelt jedenfalls. Zwei Murmeltierjäger geraten ihm ins Visier, sein Verdacht: Mögliche Nazischergen. Trebla wird zum „Murmelmurmeljäger“. Zugleich häufen sich die finsteren Nachrichten aus der Heimat von Freunden und Weggenossen, die in den Konzentrationslagern und am spanischen Himmel ihr Leben verlieren.
Was Trebla, der seine Frau zwar abgöttisch liebt, jedoch nicht davon abhält, sich durch die Lokalitäten zu charmieren, den einen oder anderen amourösen Fehltritt zu begehen und letztendlich doch seine geliebte Xane noch zu schwängern.

Man sieht: In diesem Buch liegt alles nahe beieinander, Liebe und Leid, Leben und Wahn. Und dies in einer Sprache, die in ihrer Lust zum Spiel an Arno Schmidt erinnert, die die elegante Grandezza eines Heimito von Doderer mit der speziell österreichischen Melancholie eines Joseph Roth vereint. Manches Mal kapriolt er vielleicht zu sehr, manches Mal macht ihm das Groteske so viel Freude, dass man als Leser um das Niveau zu bangen beginnt – aber schnell schlägt Becher dann die nächste Volte. Und man ist schon wieder im besten Sinne: Mitgenommen. Dazu kommen noch zahlreiche Anspielungen und Verweise auf Jahrhunderte europäischer Geschichte und Kultur, die man beim ersten Lesen des Buches wohl auch kaum in ihrer Fülle erfassen kann. Hilfreich ist da die grandiose Seite des Schweizers Dieter Häner – dank dieser Hilfe wird so manches aufgeschlüsselt und erläutert, nicht zuletzt auch den Fluch „Fix Laudon!“, den Trebla zu gerne in den Mund nimmt.

Noch einmal seine Verehrerin Eva Menasse zum Schluss:

„Mag sein, dass einige dramaturgische Volten zu gewagt sind, mag sein, dass in diesem Buch zu viel und zu aufsehenerregend gestorben wird, mag sogar sein, dass der Schluss des Romans gegen den Rest etwas abfällt – dies ist dennoch eines der ganz seltenen Bücher, die einen mit physischer Gewalt ergreifen, die einen ihre Geschichte hören, riechen, schmecken, erleiden lassen. Und schließlich beweist dieses Hauptwerk eines fast vergessenen Teufelskerls wieder einen Hauptsatz der Literatur: Nur wer, wie Ulrich Becher, der Katastrophe auch ihre Grotesken abzulauschen versteht, vermag seinen Leser wahrhaft zu erschüttern. Denn das tiefste Erschrecken liegt direkt neben dem brüllenden Lachen, nirgendwo sonst.“

Stoff zum Weiterlesen:

Eva Menasse über Murmeljagd in der „Welt“
„Murmeljagd“-Leseprojekt
Leseprobe bei Schöffling

 

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#VerschämteLektüren (15): frau g. und die frühreife Olympia.

Seit Mitte 2013 macht „frau g.“ auf ihrem Blog „Lust zu Lesen“ riesige Lust zum Lesen. Einige ungewöhnliche Buchtipps habe ich bei ihr schon entdeckt – man stöbere selbst auf dem schönen Blog.
Und wird dabei auch auf dieses freundliche Willkommen von Sonja alias „frau g.“ stoßen:

„Lust zu lesen hatte frau g. schon immer. Naja, fast. Auf jeden Fall fing sie bereits vor der Einschulung damit an und hörte nie damit auf. Sie las alles, was ihr zwischen die Finger und vor allem vor die Augen kam. Mit der Zeit entwickelte sie dann aber doch gewisse Vorlieben, was ihre Leseauswahl betraf. Heute liest sie am liebsten Zeitgenössisches, ist aber Anderem auch aufgeschlossen – wenn es denn gut geschrieben ist.“

Manchmal darf es aber auch etwas verschämter sein, wie sie uns verrät:

„Als ich das erste Mal bei „Sätze und Schätze“ über die Aktion der verschämten Lektüre las, fiel mir sofort „Olympia“ von Anita Shreve ein. Obwohl ich den Roman bereits vor dreizehn Jahren gelesen habe, ist mir seine Geschichte immer noch präsent und scheint für mich offensichtlich die Vorgaben dieser Reihe „…oder aber um Bücher, die ihr persönlich eigentlich schlecht findet, aber trotzdem gerne gelesen habt“ optimal zu erfüllen.

Der Roman spielt im Jahre 1899. Olympia, sechzehnjährige Tochter aus gutem Haus, natürlich wunderschön und ungewöhnlich intelligent, verliebt sich in einen Freund ihres Vaters. Er, John Haskell, ist von Beruf Arzt, sozial sehr engagiert, verheiratet und selbst Vater dreier Kinder. Dass die ganze Geschichte sich natürlich zum Desaster für alle Beteiligten entwickelt, dürfte klar sein.

Und trotzdem hat mich die Geschichte mitgerissen, und ja, verschämt gebe ich es zu: ich verliebte mich ein bisschen mit in diesen charismatischen, verantwortungsvollen Arzt; fühlte und litt mit Olympia in ihrer dramatisch verzweifelten Situation. Ohnmächtig musste ich mit ansehen, wie die beiden verraten wurden, natürlich auf perfideste Art und Weise: beobachtet durch ein Fernrohr, als sie sich während eines Familienfestes heimlich auf einem Altar liebten (geht’s vielleicht noch ein bisschen dicker?). Dies konnte selbstredend nicht folgenlos bleiben, und so nahm das Drama weiter seinen Lauf…

Natürlich muss man sich dafür nicht wirklich schämen – für mich ist es aber deshalb zum Thema passend, weil dieses Buch alle, aber wirklich alle Ansprüche erfüllt, die ich an einem Buch eigentlich überhaupt gar nicht mag: es spielt mit Klischees, die Story ist vorhersehbar und am Ende gibt es zu allem Überfluss auch noch ein Happy-End. Zumindest fast.“

Auf diesem Blog begrüßt „frau g.“ ihre Besucherinnen und Besucher: http://lustzulesen.de/

Bild zum Download: Hinterglasbild