KEIN FALSCHES WORT JETZT – Gespräche mit Christoph Schlingensief

„Ich lass‘ die Dinge aufeinanderprallen. Das soll keine Provokation bedeuten, Provokation wäre trivial, sondern eher eine Art Erfrischung.“

Bild: Gudrun Glock

Aino Laberenz, Ehefrau und Mitarbeiterin von Christoph Schlingensief, hat mit den Aufzeichnungen aus Gesprächen und Interviews mit Schlingensief ein sehr lebendiges Bild ihres Mannes entstehen lassen. „Christoph wollte, dass man sich seine Arbeit möglichst unvoreingenommen ansieht und sich bis zum Ende darauf einlässt“, sagt Laberenz und fügt an: „Was er von sich selber eingefordert hat, erwartete er auch von seinem Gegenüber“. So ist ein sehr differenziertes, komplexes und nachvollziehbares Bild entstanden, von dem Mann, der vielen das Klischee vom abgefahrenen, verzottelten und wirren Provokateur gegeben hat.

In chronologischer Anordnung, von seinem Kinodebut „Tunguska – die Kisten sind da“ von 1984, bis zu seinem letzten Interview mit Max Dax von der Musik- und Popkulturzeitschrift „spex“ 2010, in dem er unumwunden erklärt, „ich habe geklaut“, wirft das Buch Streiflichter auf jedes Genre, das Schlingensief bedient hat, seine Intention und Motivation.

Wo die einen ihm eine bescheidene Jugend nachsagen, um sich die Düsternis seiner Filme zu erklären, winkt er ab. Er besteht darauf, dass es ausschließlich um Kraft, Energie und Rhythmus gehe, keineswegs um Provokation, „ich will ja niemand reinigen, sondern mit Kräften spielen.“ Das muss man auf sich wirken lassen und nicht jeder hat das verstanden. Sehr oft muss ich schmunzeln. Über die herrlichen Statements dieses Künstlers, der sich jeglicher Einordnung entzieht. Über seine Konzepte, die einzig dazu dienen, keine zu sein. Und über mich, die Leserin, die aufgefordert ist, einzusteigen, was Schlingensief ganz klar zum Ausdruck bringt: „Die Kisten sind da (…) und jetzt verlange ich vom Zuschauer, dass er mich als Regisseur endlich mal vergisst, als jemand der etwas über den Tisch reicht wie Zucker und Kaffee, sondern jetzt soll der Zuschauer anfangen, die Kisten auszupacken.“

Als er auf seine Krankheit angesprochen wird, sagt er, „Krebs, das merkt man sehr schnell, ist nicht universell. Er ist bei jedem anders.“ Genau wie dein Schaffen, denke ich mir. Und am Ende brauche ich eine ganze Weile, bis ich wieder ganz aufgetaucht bin. Ich habe einem atemberaubenden Menschen näherkommen dürfen – atemberaubend schnell, atemberaubend ehrlich, atemberaubend facettenreich – unvergesslich!

Ein Gastbeitrag von Gudrun Glock

Gudrun Glock  lebt und arbeitet bei Augsburg, wo sie für ein Augsburger Magazin  Beiträge, Buchrezensionen und die Kolumne „Nahrungskette“ schreibt. Ihr Hauptinteresse und Betätigungsfeld gilt dem Ernährungsaspekt der Ayurvedischen Lehre. Sie sagt dazu: „Wir kommunizieren während des Essens. Und Essen selbst bedeutet Kommunikation. Deshalb könnte man auch sagen, das zentrale Thema meiner Arbeit ist die Kommunikation, denn das ganze Leben ist Kommunikation.“
Homepage: http://augsburg-ayurveda.de/ 

Informationen zum Buch:
Autor: Christoph Schlingensief
Herausgeberin: Aino Laberenz
Kein falsches Wort jetzt. Gespräche
Kiepenheuer & Wisch
Erscheinungstermin 20.08.2020
336 Seiten
ISBN: 978-3-462-05508-5

Gudrun Glock amüsierte sich mit den Gartenschwestern

Gudrun Glock, selbst begeisterte Gärtnerin.

„Er hat eine andere!“, sagt Gitta. Damit hatten Constanze und Marit nun wirklich nicht gerechnet, als sie feierlich das Glas auf Gittas Geburtstag erhoben. Die Gitta, deren Traummann ihr seit dreiundzwanzig Jahren die Welt zu Füßen legte? Das versetzt nicht nur Gitta in großen Aufruhr, denn die drei Freundinnen leben ihren gemeinsamen Traum vom Garten in Gittas Traumgarten aus. Und eines wird sofort klar: “Ein Leben ohne Mann war möglich, ein Leben ohne Garten dagegen sinnlos“.

„Elisabeth, die Russen sind nicht mehr weit entfernt (…)“. Lissa, die Hauptperson des zweiten Erzählstrangs, ist auf der Flucht vor dem Krieg vom kleinen Oderberg nach Berlin und findet im letzten Kriegsjahr Unterschlupf bei Albert, einem Gärtner.

Der jähe Umschwung von heute in die Vergangenheit überrascht mich als Leserin und macht mich neugierig. Die Sorgen von heute scheinen gegen die Angst und den Hunger der letzten Kriegswochen wie kleine Befindlichkeiten. Und natürlich will ich wissen, wie und wann sich die Wege der Figuren von damals und heute kreuzen.

Die drei Freundinnen haben sich mittlerweile um einen Schrebergarten beworben. Bei der Beschreibung jener Gartenkolonie „Krötenglück e.V.“ wird kein Klischee ausgelassen – das klingt so fürchterlich kleinkariert, dass es schon wieder gut ist. Und spätestens, wenn die Laubennachbarn deutlichere Konturen annehmen, denke ich beinahe so wohlwollend über sie, wie am Ende die drei Berliner Hobbygärtnerinnen.

Spätestens ab Mitte des Buches bleiben keine Fragen mehr offen. Man ahnt, wie die Erzählstränge miteinander zu tun haben und es ist recht klar, wie es weitergeht. Der Spannungsbogen wird zumindest soweit aufrechterhalten, dass man gerne weiterlesen mag und dabei schmunzelnd feststellt, dass genau das eintritt, was man erwartet hat.

Was beide Geschichten vereint, ist die Liebe zum Garten. Einerseits um nicht zu verhungern, andererseits, weil es in der Satzung der Gartenkolonie festgeschrieben ist und um den Kummer einer zerbrochenen Ehe zu entkommen.

Vermutlich war jede Frau schon einmal Teil solch eines Freundinnen-Trios. Ich habe mich selbst auch an der einen oder anderen Stelle wiedergefunden. Sehr amüsant! Wenn ich noch keinen Garten hätte, nach dieser Geschichte würde ich mit meinen Freundinnen sofort einen Schrebergarten anmieten. Und so viel sei gesagt, es endet mit einem Happy End für die Wildschweine – der Rest wird nicht verraten.

Gudrun Glock

Gudrun Glock  lebt und arbeitet bei Augsburg, wo sie für ein Magazin Beiträge, Buchrezensionen und die Kolumne „Nahrungskette“ schreibt. Ihr Hauptinteresse und Betätigungsfeld gilt dem Ernährungsaspekt der Ayurvedischen Lehre. Sie sagt dazu: „Wir kommunizieren während des Essens. Und Essen selbst bedeutet Kommunikation. Deshalb könnte man auch sagen, das zentrale Thema meiner Arbeit ist die Kommunikation, denn das ganze Leben ist Kommunikation.“
Homepage: http://augsburg-ayurveda.de/ 

Informationen zum Buch:
Ella Kordes
Die Gartenschwestern
Blanvalet Verlag 2020
Taschenbuch, Broschur, 384 Seiten
ISBN: 978-3-7341-0708-5


Zu Gast auf Mallorca: Sehnsuchtsorte, Originalrezepte und Geheimtipps

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Bild: Gudrun Glock

Ein Gastbeitrag von Gudrun Glock

Nachdem die Grenzen sich langsam nach allen Seiten hin wieder öffnen, möchte ich es nicht versäumen, auf dieses kulinarische Reisebuch hinzuweisen.

Der Autor Thomas Niederste-Werbeck, der seit geraumer Zeit selbst auf Mallorca lebt, hat sich seine Begeisterung buchstäblich vom Herzen geschrieben. Wer Mallorca kennt, verspürt umgehend Sehnsucht beim Anblick dieses appetitlichen Reise-Bilderbuches. Und wer Mallorca nicht kennt, den packt schon beim Vorwort des Autors die Reiselust. Ich gehöre zur ersten Kategorie, weshalb ich das Buch am liebsten gar nicht mehr aus der Hand legen mag. Man sieht sie vor dem inneren Auge – die Berge der Serra Tramuntana, die unzähligen Buchten mit Südseeflair und das weite Flachland mit seinen Schafen und alten Windmühlen. Eine sehr gelungene Kombination von Inselinfos, Kulinarik und Geschichten, die meine Erwartungen weit übertroffen hat.

Niederste-Werbeck hat ein Faible für die neue Food Szene und schaut bei seiner außergewöhnlichen Rundreise durch Mallorca nicht nur Profiköchinnen und -köchen, sondern auch kreativen Amateuren über die Schulter. Diese verraten uns außer ihren Rezepten wie beispielsweise „Garnelen mit Erbsencreme“, „Gebackene Auberginen mit Safranjoghurt“ bis hin zum „Fenchelcrumble“ auch ihre ganz persönlichen Geschichten.  Außerdem schwärmen sie von ihren Lieblingsplätzen, erzählen uns, wo man den besten Kaffee findet und warum sie die Monate Oktober und November auf der Insel besonders reizvoll finden.

Da ist zum Beispiel der gebürtige Rheinländer, den das Tal von Sóller, in dem Orangen und Zitronen blühen, inspiriert hat, zu bleiben. Seither betreibt er einen Online-Handel für die nachhaltig erwirtschafteten Zitrusfrüchte dieser Gegend. Wir erfahren von einer Keramikerin in dritter Generation, die erst in New York und London leben musste, bevor sie die Schönheit von Deià wieder nach Hause holte. Ein anderer ist der Bäckermeister aus der Hauptstadt Palma, dessen Profession früher Sozialarbeiter und Psychotherapeut war und der erst spät sein Hobby zum Beruf machte. Und natürlich begegnet man auch Profis, sowie der edlen Gastronomie eines Yoga Refugiums mit holistischem Anspruch. So unterschiedlich die Menschen und ihre Geschichten auch sind, eines eint sie auf magische Weise – die Hingabe an eine gute Ernährung und an den Ort, den sie Heimat nennen.

Die 70 Rezepte sind liebevoll bebildert und zu jeder seiner Empfehlungen liefert Niederste-Werbeck die Öffnungszeiten, sowie Kontaktdaten und Website, was dem Buch eine sehr praktische Note verleiht.

Gudrun Glock

Gudrun Glock  lebt und arbeitet bei Augsburg, wo sie für ein Augsburger Magazin  Beiträge, Buchrezensionen und die Kolumne „Nahrungskette“ schreibt. Ihr Hauptinteresse und Betätigungsfeld gilt dem Ernährungsaspekt der Ayurvedischen Lehre. Sie sagt dazu: „Wir kommunizieren während des Essens. Und Essen selbst bedeutet Kommunikation. Deshalb könnte man auch sagen, das zentrale Thema meiner Arbeit ist die Kommunikation, denn das ganze Leben ist Kommunikation.“
Homepage: http://augsburg-ayurveda.de/ 

Zum Buch:

Thomas Niederste-Werbeck
Zu Gast auf Mallorca
Callwey Verlag | Erscheinungstermin 20.03.2020
240 Seiten | 70 Rezepte | gebunden
ISBN: 978-3-7667-2451-9

Mutterzeit: Eine Autorin berichtet vom Glück, ihre Mutter beim Altwerden zu begleiten

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Bild von Sabine van Erp auf Pixabay

Ein Gastbeitrag von Gudrun Glock

Die Autorin Bärbel Schröder wurde 1955 in Bonn geboren, arbeitet als Fernsehautorin und Regisseurin. Zwanzig Jahre hat sie ihre Mutter beim Altwerden begleitet und es als großes Privileg empfunden, ihr bis zum Abschied so nahe zu sein.

„Dem Tod kann man zustimmen, beim Sterben wird es schon schwieriger“, beschreibt die Autorin ihre Gespräche mit ihrer Mutter. Aber sie fügt auch hinzu „am Ende war alles ganz leicht“. Mit einfühlsamen Worten beschreibt Bärbel Schröder die Poesie des Älterwerdens. Und das macht sie so bezaubernd und ohne Pathos, dass es mich zutiefst anrührt. Und ich weiß nicht, was mich dabei mehr bewegt: Die Geschichte eines alten Menschen oder die Erkenntnis, dass wir alle dieser Mensch sind.

MutterzeitLass uns zusammenziehen, bevor es zu spät ist, bittet die Tochter ihre Mutter. „Das können wir machen, wenn wir alt sind“, sagt Schneckchen, wie die Autorin ihre Mutter liebevoll nennt. Leider haben sie den Zeitpunkt dann doch verpasst. Nach einem unvorhergesehenen Krankenhausaufenthalt, bleibt nur noch das Seniorenheim. „Ich hatte immer etwas Besseres für Mutter gewollt. Ein Umzug ins Altenheim stand nicht auf meiner Liste“, schreibt Schröder mit Bedauern. Ob Betreuerinnen, Pfleger, Heim-Clowns, Mitbewohnerinnen und -bewohner, Weihnachtsfeste oder Ausflüge, alles wird sehr lebendig vor dem inneren Auge des Lesers.

Anfangs fühlt sich die Mutter tatsächlich ganz wohl im Heim. Aber das angenehme Heimleben verändert sich immer wieder. Menschen kommen und gehen und auch geschlossene Freundschaften lösen sich. „Du, Bärbel, jetzt muss ich noch mal fragen, wo sind wir hier eigentlich?“. Obwohl hier die leichte Demenz der Mutter zum Ausdruck kommt, muss ich doch unvermittelt schmunzeln. Und wenn Schneckchen konstatiert, „ich bin 91, da wird man ein bisschen kresi“, macht sich ein Grinsen auf meinem Gesicht breit.

Vieles lässt mich aber auch nachdenklich werden. „Tröste mich!“, bittet die Mutter beim allabendlichen Telefongespräch ihre Tochter und verrät ihr, dass sie so oft Heimweh verspüre, aber nicht wüsste wonach und selbst nicht verstehe, warum sie so traurig sei.

So achtsam sind die Worte gewählt, welche den Alltag der beiden beschreiben. „Das Schönste am Leben, Kindchen (…), ist doch nicht, was man erreicht hat, das Schönste ist, dass man lebt“, hat Schröders Mutter einmal gesagt. Das ist sehr berührend und lässt vieles in einem anderen Licht erscheinen.

Gudrun Glock

Gudrun Glock  lebt und arbeitet bei Augsburg, wo sie für ein Augsburger Magazin  Beiträge, Buchrezensionen und die Kolumne „Nahrungskette“ schreibt. Ihr Hauptinteresse und Betätigungsfeld gilt dem Ernährungsaspekt der Ayurvedischen Lehre. Sie sagt dazu: „Wir kommunizieren während des Essens. Und Essen selbst bedeutet Kommunikation. Deshalb könnte man auch sagen, das zentrale Thema meiner Arbeit ist die Kommunikation, denn das ganze Leben ist Kommunikation.“
Homepage: http://augsburg-ayurveda.de/ 

Informationen zum Buch:

Bärbel Schröder
Mutterzeit
Vom Glück, meine Mutter in ihren letzten Jahren zu begleiten
Knaur HC | Erscheinungstermin 01.04.2020
368 Seiten
ISBN: 978-3-426-21470-1