Bennads Buchtipps: Die Akte Klabautermann von Oliver Teutsch

Der allseits bekannte Literaturbetrieb puscht gewöhnlich per Bestsel­lerlisten aller Arten das Aktuelle auf die Tische der Leserschaft. Das kennt man. Wer jedoch abseits dieser Listentrends literarische Ent­deckungen machen will, schaue sich um und blättere zum Beispiel in Programmen kleiner, unabhängiger Verlage. Da findet man Neues zu Altem wie bei dem vorliegenden Roman von Oliver Teutsch mit dem Titel „Die Akte Klabautermann“ im Axel Dielmann Verlag. Ganz sicher kein Märchenbuch, sondern eine Erzählung über die Ent­stehung eines Bestsellers aus dem Jahre 1946/47, den Anfängen der Nachkriegsliteratur in Deutschland.

Ein Gastbeitrag von B. R. M. Ulbrich

Oliver Teutsch (*1969) ist Journalist und neuer Roman-Schriftsteller. Sein 315-Seiten-Debüt „Die Akte Klabautermann“ nimmt die Entstehung des doppelt umfangreichen, letzten Romans von Fallada unter die Lupe.

Rudolf Wilhelm Friedrich Ditzen alias Hans Fallada (1893-1947) gehört zu jenen deutschen Schriftstellern, die in der Nazi-Zeit nicht nur nicht emigriert sind, sondern auch nicht in der sogenannten „Inneren Emigration“ landeten und sich somit pauschal als systemstützend verdächtigt gemacht haben. Das hat die Nachkriegsrezeption seiner Werke nachteilig beeinflusst. Hinzukommt noch, dass sein Leben langstreckenweise durch harte Süchte gezeichnet war: Alkohol, Morphium und das Schreiben. Fallada also eher ein Bild der Vermeidung. Das Thema seines letzten Romans „Jeder stirbt für sich allein“ behandelt die individuelle und damit aussichtslose und letztlich tödliche Rebellion eines Ehepaars gegen das Nazi-Regime ihrer Zeit.

Oliver Teutsch nun behandelt in seinem Roman die W-Fragen zu dem letzten Werk Falladas: Wer hat wann was warum wie und wo zur Entstehung des Manuskriptes beigetragen? Dieser Ansatz erschöpft sich aber nicht in einer faktischen, literaturhistorischen Beschreibung, sondern bietet gut lesbare, fiktionale Anteile. Insbesondere spiegelt sich das in den ausführlichen Gesprächsrunden der Protagonisten des Kulturbundes, der von Johannes R. Becher am 4.7.1945 in der SBZ (Sowjetisch Besetzte Zone) gegründet wurde. Und in den persönlichen Gesprächen zwischen Becher und Ditzen und zwischen ihm und seiner Frau Ulla. Durchgängig wird Fallada in dem Debüt bei seinem bürgerlichen Namen genannt, nur in wenigen Fällen blitzt das Schriftsteller-Pseudonym heraus.

Der Inhalt des Romans liefert eine erhellende Analyse des förderlichen und hemmenden Beziehungsgeflechtes, in dem sich Rudolf Ditzen bewegt, vor und während seiner letzten Schreibphase 1946.

Die Struktur des Romans ist nachvollziehbar aufgebaut, hauptsächlich das Zeitfenster 1945-46 umfassend. Perso­nenbezogen ergeben sich verträgliche Sprünge in der Zeit. Die LeserInnen werden nicht mit literarischen Tricks überfordert. Sie können sich auf den Inhalt konzentrieren, um sich wesentliche Fragen zu beantworten. Wer war Fallada? Wie war sein soziales Umfeld? Sind die Urteile über ihn gerechtfertigt? Kann uns sein letztes Werk, das erst 2011 ungekürzt erschien, heute noch etwas mitteilen?

Die Erzählperspektive ist dem Thema und damit dem journalistischen Ansatz entsprechend auktorial, zum Ver­ständnis der LeserInnen hilfreiches Wissen befördernd. Aber es ist ein Roman und kein Essay! Die vielen Personen, die tatsächlich existiert haben, kommen in den fiktionalen Gesprächen lebendig rüber. Man denkt stets: Ja, so könnte es gelaufen sein. Das ist die eigentliche Kunst der Romanciers. Es ist nicht vorstellbar, dass die Dialoge in Teutsch‘ Roman aus Tonbandaufnahmen transkribiert wurden.

Die Handlungen sind eher unspektakulär, sie spielen auf den Beziehungsebenenrund um Rudolf Ditzen. Auf der einen Seite die vielen befremdlichen Affekte, verursacht durch die Sucht-Querelen des Ehepaars, und auf der anderen Seite die Fluchtversuche Ditzens in seine Welt am Schreibtisch. Bei den mühevollen Beschaffungsanstrengungen von Morphin auf dem Schwarzen Markt taucht auch als Quelle der Arzt Gottfried Benn auf. Man staunt nicht schlecht.

Der Roman „Die Akte Klabautermann“ hat einen zunächst rätselhaften Titel. Der Klabautermann ist ein, seinen Schabernack auf Schiffen treibender Geist, der aber auch konstruktiv sein kann und manchmal den Kapitän auf Gefahren hinweist. Dieser Begriff als Tarnname auf der Akte des vom Nazi-Regime verfolgten Ehepaares Hampel landet nun auf dem Cover des Debüts von Teutsch und will in Zusammenhang mit Fallada entschlüsselt werden.

Welchen Schabernack Fallada auch immer mit seinen Romanen betrieben hat, sie haben immer die Position der Leute von unten beschrieben. Die des kleinen Mannes und seiner eher schlichten Weltsicht und wie er sich darin zurechtfindet. Ist das so weit weg von unserer heutigen Zeit?

Oliver Teutsch hat in seiner Doppelbegabung als Journalist und Romancier mit seinem Debüt die Reflexion über Entstehung und Wert von Literatur befeuert. Der schwache Fallada hat einen starken Roman hinterlassen. Geht Roland Barthes (Der Tod des Autors, 1968) davon aus, der Biografismus sei obsolet, so offeriert uns Teutsch erfreulich ungermanistisch biografische Kenntnisse über Fallada, die zum neugierigen Lesen animieren. –

Und das Lesen ist doch das Wesen von Literatur!

brmu / 2022-01-22

Oliver Teutsch
Die Akte Klabautermann – Die Entstehung eines Weltbestsellers
Roman
axel dielmann – verlag Frankfurt a. M., 2022
ISBN 978-3-86638-343-2

AXEL DIELMANN VERLAG: Michael Wäser – Das Wunder von Runxendorf

„Vierundsiebzig war ein großes Jahr. Was wir da alles erlebt haben, das war groß, kann man nicht anders sagen. Willy Brandt: Guillaume, Waterloo von Abba. Und dann aber! Weltmeister im eigenen Land. Ein Traum, Männer wie Bäume. Oder wie Tiger oder Wölfe.“

Sommer 1974, irgendwo in der saarländischen Provinz: Während Beckenbauer, Breitner & Co. um die Qualifikation für die Weltmeisterschaft kämpfen, spielen sich im Partykeller eines Einfamilienhauses grauenvolle Szenen ab. Ex-Bergmann Müller hat für das große Ereignis eigens einen Farbfernseher gekauft. Doch bald ist klar: Bier, Schnaps und Zigaretten alleine genügen nicht, um die vermeintlichen »Kumpels« an sich zu binden. Gemeinsam mit seinem verhaltensauffälligen Sohn Gerald und einem mysteriösen Helfer wird ein perverser Plan in die Tat umgesetzt, der mehrere junge Frauen das Leben kosten wird.

Michael Wäser begibt sich in seinem Roman auf eine verstörende Zeitreise in die bundesdeutsche Provinz der 70-er Jahre: Nur scheinbar herrscht hier »disco«-Stimmung à la Ilja Richter. Im Untergrund, sprich Partykeller, dominieren das ländliche Patriarchat und eine giftige Mischung aus Gewalt, Alkohol und Missbrauch. Wäser zeichnet dabei das Sittenbild einer Gesellschaft, deren toxisches Erbe bis unsere Gegenwart hinein reicht.

„Das Wunder von Runxendorf“ ist mehr als » Ein Mörder Roman«, wie es im Untertitel heißt, sondern auch das Psychogramm einer zerrütteten Gemeinschaft und ein Blick auf die Abgründe hinter kleinbürgerlichen Fassaden.

Michael Wäser wurde 1964 im Saarland geboren, wo er auch seine Schulzeit absolvierte. Er war danach als Schauspieler an verschiedenen deutschen Staatstheatern tätig. Er ist Mitorganisator der Pankower Lesebühne »So noch nie« und lebt in Berlin. Im axel dielmann – verlag erschienen von ihm zudem die beiden Romane „In uns ist Licht“ und „Familie Fisch macht Urlaub“ sowie der gemeinsam mit Inka Bach verfasste Gedichtband „Am Neuen See“.

Informationen zum Buch:
Michael Wäser
Das Wunder von Runxendorf
Ein Mörder Roman
224 Seiten, Hardcover mit Lesebändchen, 20,00 €
ISBN: 978 3 86638 286 2
e-Book ISBN: 978 3 86638 287 9

Bei „Leseschatz-TV“, dem Kanal der Buchhandlung Almut Schmidt von Hauke Harder, spricht Michael Wäser selbst über seinen Roman: https://www.youtube.com/watch?v=9t_rrv7-qmA

Stimmen zum Buch:

„Wäser beschreibt eine Fassade der Heimeligkeit, hinter der sich Grausamkeit und Frauenverachtung nicht einmal besonders gut verstecken.“ – Sylvia Staude, Frankfurter Rundschau

„So abgründig ist das deutsche Hinterland, hier das Saarland, selten beschrieben worden.“ – Jens Kirschneck in 11Freunde

„Michael Wäser ist der Sensenmann für die piefige Dorfidylle der 70er Jahre.“ – Karsten Koblo, Blog aus-erlesen

„Wäser verliert sich aber nicht in Gewaltfantasien, es ist eher die emotionale Grausamkeit, das ständige Wegschauen und diese gottverdammte Stille, die an vielen Stellen entsteht.“ – Nadine Schmidt, krachfink.de

„Ein virtuoser Umgang des Autors mit seinem abgründigen Stoff, den man so schnell nicht vergisst.“ – Joachim Feldmann, Crimemag

„“Dieser Roman, der zwar keine wirklich expliziten Beschreibungen von Grausamkeiten enthält, diese aber sublim kaum weniger grausam vermittelt, verpackt in scheinbare plaudernde Harmlosigkeit, bewegt sich auf der selben Ebene des zutiefst Bösen wie Truman Capotes ‚Kaltblütig‘.“ – Frank Becker, Musenblätter

„Eine knallharte, präzise gearbeitete Milieu-Studie.“ – Thomas Wolter, Opus Kulturmagazin

„„Das Wunder von Runxendorf“ ist aber mehr als ein „Mörder Roman“, wie es im Untertitel heißt, sondern auch das Psychogramm einer zerrütteten Gemeinschaft und ein Blick auf die Abgründe hinter kleinbürgerlichen Fassaden. Natürlich ist dieser Roman auch ein Fußballbuch.“ – Bernd Wähner bei der Berliner Woche

Ein Beitrag im Rahmen meiner Pressearbeit für den axel dielmann – verlag.