Ulrike Draesner: Schwitters

„Der Rest fiel in seine Verantwortung. Er ging auf seine Gastgeber zu. An seiner Liebe zu Tee mit Milch arbeitete er, doch er schätzte quasi auf natürliche Art alle Arten von Pie, jeden Pudding, womit man in England jegliche Art von Dessert meinte, den Wolkenhimmel, den Dauerwind, sogar die dauerhaft winterlichen Raumtemperaturen.“

Ulrike Draesner, „Schwitters“, 2020

Kurt Schwitters, Public domain, via Wikimedia Commons SCHWITTERS, Kurt_Merz 1925, 1. Relieve en cuadrado azul, 1925_748 (1980.74)

Doch obwohl der Emigrant, der Exilant sich bemüht, in seiner neuen Heimat Fuß zu fassen, er bleibt ein Außenseiter. Vielleicht auch, weil er das von Natur aus ist: So ging es ihm in Hannover, so ging es ihm, dem Schöpfer der „Ursonate“ und der „Anna Blume“ mit seinen Beiträgen zur DADA-Bewegung, wo er immer ein Solitär blieb, ein Fremdkörper, so ergeht es ihm, dem „entarteten Künstler“ bei seinen Stationen im Exil, in Norwegen und schließlich England, wo er 1948 stirbt. „Schwitters“, der hochgelobte Künstlerroman von Ulrike Draesner, zeigt aber auch exemplarisch auf, was ein Exilantenschicksal bedeutet: Entwurzelung, Identitätsverlust, Vereinsamung. Wer wie Schwitters mit Sprache, mit einer besonderen Bildsprache arbeitet, ist doppelt geschlagen, dem sind auch die Grundlagen der beruflichen und künstlerischen Existenz entrissen.

Die Jahre des Exils, vor allem aber die Jahre, in denen Kurt Schwitters dann mit seinem Lebensmenschen, Edith Thomas, kurz „Wantee“ (der ewige Hang zum Tee zärtlich verballhornt) einen neuen Dreh-, Angel- und Haltepunkt findet, rückt Ulrike Draesner in dieser stilistisch wie ästhetisch herausragenden und herausfordernden Annäherung an den MERZ-Schöpfer in den Mittelpunkt. Dabei gelingt ihr nicht nur eine sensible Charakterisierung des Künstlers, der auch zerrissen ist zwischen alten Familienbanden und neuer Liebe, sondern gewissermaßen auch eine Einführung in ein Stück Kunstgeschichte: Was DADA ausmacht, was MERZ ausmacht, das wird durch diesen Roman greifbar. Und dies immer auch in einer liebevoll-kritischen Distanz zum Künstler, der wie viele seiner Art durchaus den Hang zur Egomanie hatte. Michael Braun schreibt im „Tagesspiegel“:

„Ein Roman über eine Figur der Zeitgeschichte läuft immer Gefahr, die biografischen Fakten mittels Legendenbildung und hagiografischer Aufladung zu einem großen Erzählkino auszupinseln. Ulrike Draesner ist es dank ihrer feinen Sprachempfindlichkeit gelungen, diese Geschichte eines deutschen Exilanten und seiner Sprach- und Weltenwechsel von jedweder Schwärmerei freizuhalten und das späte Leben von Kurt Schwitters in all seinen Brüchen und markanten Selbstwidersprüchen freizulegen.“

Zuweilen kreist Ulrike Draesner diese Selbstwidersprüche für meinen Geschmack zu zögerlich ein, umrundet sie, lässt der Lust an Wortspielereien und Sprachkunst dann vollends freien Lauf – an der einen oder anderen Stelle läuft der Text dann etwas davon, wünschte man sich, näher an Schwitters denn an Draesner zu sein. Aber im Grunde ist dies wiederum auch fast schon symbolhaft: Sprache, so wuchernd und ständig wachsend wie der 1943 zerstörte MERZbau.

Verlagsinformationen zum Buch finden sich hier.
Der Beitrag ist eine unabhängige Buchrezension, dem Penguin Verlag danke ich für das zur Verfügung gestellte Besprechungsexemplar.

Kurt Schwitters: „Auguste Bolte (eine Doktorarbeit*)“

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Bild von Federlos auf Pixabay

„Das Leben war eine strenge Schule. Nur gescheitelte Leute können das Leben leben. Das Leben ist eine hohe Schule. Gewissermaßen Hochschule.“

Kurt Schwitters, „Auguste Bolte (eine Doktorarbeit*)“, 1923

*) mit Fußnoten

Kurt Schwitters wußte: Wer denen hinterherläuft, die in ein- und diesselbe Richtung marschieren, der geht in die Irre.

Armer Kurt Schwitters. Den Dadaisten in Zürich und Berlin war er zu bürgerlich und brav. Seine selbstironisierende Haltung und Persiflage des zögerlichen Kleinbürgers nicht radikal genug. Der etablierten Literatur- und Kunstkritik blieb er jedoch ein Fremdkörper. Oft genug wurde sein Schaffen – das dem Dadaismus entsprang und das er fortan unter seinem eigenen (heute würde man so sagen) „Label“ Merz verfolgte – mit Hohngelächter überzogen. Dennoch – offenbar ein Hannoveraner Dickschädel – machte er unbeirrt weiter.

Volker Hage schrieb 1987 in der „Zeit“ über „Anna Blumes Vater“ zu dessen 100. Geburtstag:

„Er, ein deutscher Schriftsteller, der auch Maler war, hätte sich solche Ehren zu Lebzeiten wohl kaum vorstellen können, er, der einsam und oft genug unter Hohngelächter der anderen seine Kunst vorantrieb, er, den nicht einmal die munteren Dadaisten ganz zu den Ihren zählen wollten. Seine Bilder und Collagen besitzen mittlerweile einen guten Ruf und hohen Marktwert. Doch hat er vor allem als wilder Poet Bahnbrechendes geleistet. Wird Kurt Schwitters nun zur Wiederkehr seines hundertsten Geburtstages als Klassiker der experimentellen Literatur endlich anerkannt?“

Inzwischen, nochmals rund 30 Jahre später, ist wohl auch der Poet Schwitters zu Ehren gekommen. Hoffe ich zumindest. Weil, der Schwitters, er ist eben gar nicht beige: Ein schöner Blogbeitrag über Schwitters fand sich dazu erst kürzlich bei Sonja vom „Drittgedanken“.

Die meisten kennen die „Anna Blume“. Auch seine zweite Frauenfigur, die „Auguste Bolte“ ist uns vertraut – aus jener ironischen Doktorarbeit mit Fußnoten, die Schwitters 1923 veröffentlichte. Sie gehört zu Werkgruppe der „Tran-Texte“ (ja, von „Lebertran“ herkommend), sie „sind als persönliche Abrechnung gehalten, es sind literarische Wutableiter, Satisfaktionsversuche vor Publikum für ebenfalls vor Publikum erlittene Kränkung“, so Christian Demand in seinem Nachwort zur Neuausgabe von „Auguste Bolte“, die 2013 beim Arche Verlag erschien.

Kurt Schwitters wurde sowohl für seine Bildende Kunst als auch die Texte auf das Heftigste angegriffen. So schrieb beispielsweise der Kulturjournalist Franz Servaes 1920 im Berliner Lokal-Anzeiger: „Aus irgendeinem Grund bezeichnet er seine Exkremente als Merzbilder. Er scheint Lumpensammler zu sein und hat, was er auf der Straße aufgelesen hat, (…) auf Bretter und Pappe aufgeklebt (…).“ Die „Stumpfsimpeleien“ würden auch noch etikettiert und „als allerneueste Kunst zu Marke gebracht“, echauffiert sich der Kritiker.

Kurt Schwitters, aus dessen Texten Wärme, Humor und Menschenfreundlichkeit sprechen, war zwar offensichtlich von solchen Anwürfen und Angriffen getroffen, konnte jedoch nicht in gleicher Weise reagieren. Zudem erwartete er sich wohl auch nicht, andere überzeugen zu können:

„Ich bin teils froh, dass ich an Diskussionen nicht teilzunehmen brauche. Was kommt dabei schon heraus? Alles stimmt, aber auch das Gegenteil. Deshalb und desganz gebe ich jedem recht, um ihm die Möglichkeit zu Diskussionen wegzunehmen.“

Er griff stattdessen zur Waffe der Ironie. Und darüber kann man heute als Leser nur allzu froh und dankbar und munter sein: Denn mit seinen ironischen Repliken an seine Kritiker, geschrieben ganz in Merz-Manier, hat uns Schwitters einige der lebendigsten und auch heitersten Texte zum Verhältnis von Kunst und Kritik hinterlassen.

Da sind wir nun also beim Tran Nr. 30 – jene skurrile Geschichte um Auguste Bolte, die zwar ein wenig verspult, aber so gar keine Trantüte ist. Gewidmet hat der Schwitters die Auguste Bolte:

  1. AUGUSTE
  2. Der Kunstkritik
  3. Der Fakultät Leb.
  4. Allen meinen lieben Freunden.

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Einleitung:

Der Autor hat ein merkwürdiges Sinnbild für die brave Kunstkkritik geschaffen. Es ist eine getreue Nachbildung aus den Kritiken in Tageszeitungen. Die Tagespresse über Kunst, sogenannte Tageskunstpresse, hat ein Kinderkleidchen an. Keusch und züchtig hat sie ein Schürzchen vorgebunden, mit Stickereibesatz, nicht zu verwechseln mit Stänkereibeschmutz. Womit soll sie also gehen? Auf die Hände. Aber die sind sozusagen inklusive Arme auch ausverkauft. Womit soll sie also zupacken? Mit dem Kopfe. Aber der Kopf ist weiter nichts als ein Kleiderhaken. Daran hängt nun die Tageskunstpresse mit Stickereibesatz. Womit soll sie also denken? Zu diesem Zweck hat ihr der Autor einen Ersatzreservekopf beigegeben, wie man solche bei den Büsten altägyptischer Könige in deren Grabkammern in den Pyramiden findet. *

Der Kopf hat den charakteristischen, eigentümlich bellenden Ausdruck der Kunstkritiker, Brille auf der Nase und ein Kopftuch an Stelle des fehlenden Verstandes. Die Nase ist rot. Wer Sorgen hat, braucht auch Likör.

Wieso dieses aber eine Einleitung wäre? Mein Herr, zunächst gilt es die Kritik zu bestechen, damit sie meinem Buche recht gute Zensuren schreibt. Wer gut schmiert, der gut fährt.
Kurt Schwitters

*siehe Peliareusmuseum, Hildesheim

Und dann tritt Frl. Auguste Bolte auf, steht ihren Mann, und die Kunstkritik ist im folgenden Text vergessen – jede Ordnung aber auf den Kopf gestellt. Die Geschichte, sie geht so:

AUGUSTE BOLTE2 sah etwa 10 Menschen auf der Straße, die in einer und derselben Richtung geradeaus vorwärts gingen. Das kam Auguste Bolte verdächtig, ja sogar sehr verdächtig vor. 10 Menschen gingen in einer und derselben Rich­tung, 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10. Da mußte etwas los sein. Denn sonst würden nicht ausgerechnet 1, 2, 3, 4, 5,6, 7, 8, 9,10 Menschen in genau einer und derselben Richtung gehen. Wenn nämlich nichts los ist, so gehen 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10 Menschen nicht in der ausgerechnet selben Richtung, sondern dann gehen 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10 Menschen in 1, 2, 3,4, 5, 6, 7, 8, 9,10 verschiedenen Richtungen. Das ist einmal sicher, und Fräulein Auguste Bolte war immer ein gescheites Mädchen gewesen, schon in der Schule. Wenn aber was los ist, so gehen 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10 Menschen in der Regel in einer und derselben Richtung, und nicht in 1, 2, 3, 4, 5, 6 7 8,9, 10 verschiedene Richtungen. Wenn etwas los ist, können auch 10, 20, 30, 40, 50, 60, 70, 80, 90, 100 Menschen in einer und derselben Richtung ge­hen. Wenn etwas los ist, können sogar 100, 200, 300, 400, 500, 600, 700, 800, 900, 1000 Menschen in einer und derselben Richtung ge­hen. Das, und vieles andere, wußte Auguste. Z.B. wußte Auguste, daß sie sich auf wußte reimen mußte. Auguste zählte. Es waren tatsächlich 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10 Men­schen, die ausgerechnet in einer und derselben Richtung gingen. Warum ausgerechnet? Wer sollte sich erdreistet haben, diese 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10 Menschen auszurechnen? Aber jemand mußte es getan haben, die Grenze ist nämlich 9. Denn bei 9 Menschen, d.h. wenn ausgerechnet 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9 Menschen in einer und derselben Richtung gehen, kann zwar etwas los sein, braucht aber nicht unbedingt etwas los zu sein. Die Zahl 10 aber über­zeugt gewissermaßen restlos, d.h. wenn ausgerechnet 1, 2,3,4,5,6,7,8,9, 10 Menschen in ausgerechnet einer und derselben Richtung gehen, so muß gewis­sermaßen ausgerechnet etwas los sein. Aber was?

Tja, was? Das beantwortet nur die Fakultät Lesen – Auguste Bolte, soviel sei gesagt, will eine Mit- und Nachläuferin sein und wird zur Irrläuferin. So kann es gehen, wenn man der Tageskunstpresse allzu brav folgt.

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