Bücherhamstern (4): Die Früchte der Tränen

Der unabhängige Verlag Edition Atelier stellt den Abschluss der Romantrilogie von Ilse Tielsch vor.

IMG_2916Der Verlag:

Die Edition Atelier wurde in den 1980er-Jahren von Jörg Mauthe gegründet, nach einigen Umwegen erschien das Programm ab 2002 unter dem Dach der Wiener Zeitung. Ende 2011 haben wir den Verlag übernommen, seither ist er wieder selbstständig. Unser Fokus liegt auf zeitgenössischer deutschsprachiger Belletristik sowie auf Wiederauflagen österreichischer Literatur aus dem 20. Jahrhundert. Für den zweiten Programmschwerpunkt arbeiten wir intensiv mit Herausgeber*innen zusammen, wie mit dem leider bereits verstorbenen Adolf Opel, der sich u.a. um den Nachlass von Lina Loos verdient gemacht hat.

Die Autorin:

Adolf Opel hat uns auf die mährische Autorin Ilse Tielsch aufmerksam gemacht, deren autobiografischer Roman „Das letzte Jahr“ bereits 2006 in der Edition Atelier erschienen war. Sie lässt darin das letzte Jahr vor Ausbruch des 2. Weltkriegs aus der Sicht eines neunjährigen Mädchens, das mit seiner Familie in einer südmährischen Stadt lebt, Revue passieren. Ein klares, ausdrucksstarkes Stück Erinnerungsliteratur, das wir unbedingt wieder zugänglich machen wollten. Die Begegnung mit der beeindruckenden Autorin, die vor kurzem ihren 91. Geburtstag gefeiert hat, war sicherlich eines der vielen Highlights während unserer Verlagsarbeit. In den 1980er-Jahren hatte sie sich bereits als Lyrikerin einen Namen gemacht, um dann mit ihrem Opus Magnum, einer autobiografischen Romantrilogie, über die Grenzen des Landes Bekanntheit zu erlangen. Eindringlich zeichnet sie darin den Weg einer sudetendeutschen Familie nach – beginnend von der Ahnenforschung im 16. Jahrhundert über die Flucht während des 2. Weltkriegs nach Österreich bis hin zum Wiederaufbau eines neuen Zuhauses. Abgesehen davon, dass Ilse Tielsch eine große Erzählerin ist, haben uns vor allem die Mitmenschlichkeit und ihr Wunsch nach Völkerverständigung, die sich durch jedes dieser vier Bücher ziehen, beeindruckt.  Mit „Die Früchte der Tränen“ ist nun der abschließende Band der Trilogie erschienen.

Informationen zum Buch:

Ilse Tielsch
Die Früchte der Tränen
Ausstattung: Gebunden mit Lesebändchen, Maße: 12,5 x 20,5 cm, 25,00 €
ISBN: 978-3-99065-014-1
Auch als E-Book erhältlich

Mehr zu Ilse Tielsch: https://www.editionatelier.at/beteiligte/ilse-tielsch/

Die Buchhandlung:

Das Verlagsbüro der Edition Atelier befindet sich im Uni-Viertel, gleich neben dem Herzen Wiens. Dementsprechend viele Buchhandlungen gibt es bei uns ums Eck, doch auch über die Grenzen des 9. Bezirks könnten wir zahlreiche Läden empfehlen, die gerade unglaublich engagiert versuchen, alle in Wien lebenden Menschen mit ausreichend Bücher-Nachschub zu versorgen. Lieblingsbuchhandlungen haben wir hier also viele. Eine besondere Verbindung haben wir aber zur Genussbuchhandlung tiempo nuevo, vor allem auch weil wir uns seit etwa zwei Jahren eine Kollegin teilen, die zwischen Buchhandlung und Verlag pendelt. Drei der bisher von Ilse Tielsch bei uns erschienenen Bücher haben wir dort präsentiert.


Wegen der Coronakrise bietet der Blog unabhängigen und kleinen Verlagen unter der Rubrik #buecherhamstern die Möglichkeit, Titel aus ihrem Programm sichtbar zu machen. Das ist ein Zeichen der Solidarität für das verlegerische Engagement, das für Vielfalt und Auswahl für Lesende sorgt. Diese Beiträge sind kostenfreie Werbung.

John Fante: Voll im Leben

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Bild von Free-Photos auf Pixabay

„Hier ist es. Das, wovon ich geträumt habe.“
Er bückte sich und zog ein Büschel wilden Klatschmohn aus der Erde. Die Blumen kamen mit Wurzeln und allem heraus, die schwarze klebrige Erde umarmte die Wurzeln. Er zerdrückte die Wurzeln in der Faust, und die warme feuchte Erde nahm die Form seiner Hand an.
„Hier wächst alles. Pflanz einen Besenstiel und er wächst.“
Ich verstand den Sinn all dessen.
„Willst du es haben, Papa? Willst du das Land kaufen?“
„Nicht für mich“, grinste er und stampfte auf.
„Für das Baby. Hier wird er leben, der Junge. Genau hier.“ Er stampfte noch einmal auf. „Davon träume ich. Du und Miss Joyce und der Kleine. Ich und Mama unten an der Straße. Viel Platz. Vier Hektar. Für dich. Für deine Kinder.“   (…)
Was sollte ich diesem Mann sagen? Konnte ich ihm erzählen, dass ich in einer chaotischen Perversion namens Los Angeles ein Haus gekauft hatte, direkt am Wilshire Boulevard, ein Stück Land, hundertfünfzig auf vierhundertfünfzig, voller Termiten? Hätte ich ihm das erzählt, die Erde hätte mich verschluckt und der Himmel mich zerquetscht.

John Fante, „Voll im Leben“, in deutscher Übersetzung durch Doris Engelke, MaroVerlag 2018, OA 1952, „Full of life“.

Ist es verwunderlich, dass ich beim Lesen dieses Romans immer wieder das althergebrachte Sprichwort vom Mann, der ein Haus bauen, ein Kind zeugen und einen Baum pflanzen soll, damit sein Leben einen Sinn ergibt, im Kopf hatte? Irrtümlich wird das Zitat Martin Luther zugeschrieben. Der aber wollte doch nur ein Apfelbäumchen pflanzen. Ursprünglich, so ist es beim Blog für Falschzitate zu lesen, geht das Sprichwort wohl auf die Tora zurück: „Unsere Rabbanan lehrten: ‚Der gebaut hat, der gepflanzt hat, der verlobt hat.‘ Die Tora lehrt damit eine Lebensregel, daß der Mensch zuerst ein Haus baue, einen Weinberg pflanze und erst dann eine Frau nehme.“

Wie auch immer: John Fante dreht die Reihenfolge um, zeugt zuerst ein Kind mit seiner großen Liebe, kauft sich dann ein schiefes und schräges Haus und aus dem Weinberg wird es zum Kummer des Familienpatriarchen, den Fante so plastisch unter anderem auch in seinem Erzählband „Little Italy“ beschrieb, auch nichts. Der amerikanische Autor, der für Charles Bukowski das große Vorbild war, schildert in „Voll im Leben“ die vor allem für ihn nervenaufreibenden neun Monate während der ersten Schwangerschaft seiner Frau Joyce.

„Joyce schlief, als ich nach Hause kam. Es war gegen Mitternacht. Ich ging ins Bett und ließ das Licht brennen und fühlte mir regelmäßig den Puls. Es war eine schwere Nacht. Ich weiß noch, dass es hell wurde, und dann war ich eingeschlafen. Mittags wachte ich auf, und es ging mir gut.
Joyce saß in ihrem Zimmer und schrieb Briefe.
„Wie hast du geschlafen?“
„Schrecklich“, sagte sie. „Ich habe die ganze Nacht kein Auge zugetan.“

Sind es zu Beginn noch die üblichen paar Paarprobleme, wenn eine Beziehung sich verfestigt und Nachwuchs kommt („Das Kind kam zwischen uns wie ein Stein“) – er trauert dem wilden, freien Leben hinterher, sie sinnt über die Zukunft nach, ihn plagt das Verlangen, sie das Rückgrat – wird es mit einem Schlag bitter ernst: Im gutgläubig erworbenen Haus bricht Joyce eines morgens durch den von Termiten zerfressenen Küchenboden. Die Lösung scheint zunächst genial: Papa, der geniale Handwerker und Bauarbeiter, soll es richten. Doch der alte Mann, einst aus den Abruzzen in das Land der Verheißung eingewandert, der sich und seine Familie wie viele italienische Einwanderer mehr schlecht als recht durchbrachte, bringt eine ganz eigene Dynamik mit ins Spiel. Und fortan ist Fante nicht nur der hyperventilierende werdende Vater, sondern auch der Sohn, der eine einzige Enttäuschung ist ….

Die Szenen familiären Zusammenlebens zwischen Küchenboden, Kirche und Krankenhaus sind herzerwärmend erzählt. Das ist stilistisch von einer zurückgenommenen Finesse, einer zurückhaltenden Direktheit, das ist manches Mal schreiend komisch, immer zum Mitfühlen, das ist aber vor allem  eines: Voll das Leben.

Voll im Leben: Mit seinen ersten veröffentlichten Romanen über den Schriftsteller Arturo Bandini – ganz eindeutig sein Alter Ego – hatte John Fante Ende der 1930er Jahre erste Achtungserfolge erzielt und durch seinen klaren, natürlichen Stil unter anderem eben auch Bukowski als Verehrer gewonnen. Doch der ganz große Durchbruch blieb aus, ein Leben als freier Schriftsteller war, zumindest mit Familienanhang, nicht mehr denkbar. Wie so viele andere talentierte Autoren auch fand John Fante sein Auskommen mit dem Schreiben von Drehbüchern in der Traumfabrik. 1952 erschien noch „Voll im Leben“, für dessen Drehbuch Fante für den Oscar nominiert wurde – der Film mit Judy Holliday und Richard Conte kam 1956 in die Kinos. Dann wurde es literarisch jedoch still um Fante. Zwar schrieb er noch einige herausragende Drehbücher, aber die nächsten Romane erschienen erst wieder in den 1970er-Jahren. Mag sein, dass er dazwischen voll absorbiert war mit dem, was sich in „Full of life“ ankündigt:

„Es war ein großes Haus, weil wir Leute mit großen Plänen waren. Der erste Plan war schon Wirklichkeit, eine Rundung um ihre Mitte, ein Ding, das ständig in Bewegung war, sich krümmte und wand wie ein Schlangenknäuel. (…)
Mein Haus! Vier Schlafzimmer. Platz. Jetzt lebten wir zu zweit dort, und der dritte Bewohner war unterwegs. Irgendwann würden es sieben sein. Das war mein Traum.“

Im vollen Leben wurden es sechs: Fante und Joyce bekamen vier Kinder und waren fast 50 Jahre verheiratet. Seinen letzten Roman diktierte der Schriftsteller, der aufgrund seiner Zuckerkrankheit erblindet war, seiner Frau und besten Kritikerin:

„Wäre sie nicht gewesen, ich hätte mein Leben auch mit einem anderen Beruf zubringen können – als Reporter oder als Maurer, egal. Meine Prosa entstand durch sie. Das war eine Tatsache. Ich wollte ständig aufgeben; ich hasste das Schreiben, verzweifelte, zerknüllte Papier und warf es quer durch das Zimmer. Aber sie durchstöberte das weggeworfene Zeug und förderte Sätze zutage; ich wusste eigentlich nie, wann ich gut war.“

Wer lesen möchte, wie aus einem Talent ein Schriftsteller, aus einem Jungen ein Mann, aus einem Liebhaber ein Gatte und Vater und aus einem Kind ein mitfühlender Sohn wird, der lese „Voll im Leben“.

Verlagsinformationen zum Buch: „Voll im Leben“

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Ruth Klüger: Zerreißproben

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Bild von Barak Broitman auf Pixabay

Jom Kippur (Auszug)

Und jedes Jahr wie jedes Jahr
zehrt und zerrt der Hunger der Toten
an dem Fleisch der Lebendigen. Löset die Knoten!
Seid wie ein Kamm im verfilzten Haar.

„Auch hinter einem älteren Bruder, der die Naziherrschaft nicht überlebt hat, bin ich hergelaufen. Yom Kippur heißt der jüdische Fasten- und Versöhnungstag. In meiner Vorstellung sind die Toten aber nicht versöhnlich, weil sie uns nicht verzeihen, dass wir sie überlebt haben.“

Ruth Klüger, „Zerreißproben“, kommentierte Gedichte, erschienen beim Paul Zsolnay Verlag 2013

Das als Schuld empfundene Überleben – Ruth Klüger trägt diese Last ihr Leben lang mit sich mit. Wie andere Brandmale, Verletzungen und Ab-Stempelungen, seelisch und körperlich. Nicht nur durch die Nummer am Handgelenk bleiben die Opfer auch Jahrzehnte nach dem Holocaust gebrandmarkt und gepeinigt: „Denn die Folter verläßt den Gefolterten nicht, niemals, das ganze Leben lang nicht“, schreibt Ruth Klüger im ersten Teil ihrer Autobiographie, „weiter leben“ (deutsche Erstausgabe: 1992, Wallstein Verlag Göttingen). Erst in ihren 60igern entschließt sich Ruth Klüger dazu, „dieses Stück Mahnmal“ entfernen zu lassen.

„Da habe ich sie dann endlich auswendig gewußt, denn vorher hatte ich immer Mühe gehabt, sie mir zu merken: A-3537. Sie war immer nur eine Hundemarke in dem Sinne, daß die eigentliche Zahlenfolge bedeutungslos war und ich sie nie als eine Einheit empfunden habe, nicht einmal wie eine Haus- und Telefonnummer, warum sollte ich sie mir dann merken? Die Ziffern waren nur auf der Haut, nicht im Kopf. Nur als Tatsache, als Phänomen, als Zeichen waren sie wichtig, aber dann so sehr, daß man sie für die Toten anbehielt. Anbehielt? Wie ein Kleidungsstück?
Für die Buchhaltung in Auschwitz, wenn man diese makabren Genauigkeiten so nennen kann, war sie unnötig, denn ob markiert oder nicht, die Juden wurden vernichtet.“
(„unterwegs verloren“, Paul Zsolnay Verlag, 2008).

Ruth Klüger verfügt über einen klaren, analytischen Verstand, der vor keiner „Zerreißprobe“ zurückschreckt, der Innerstes offen legt, auch dieses in den familiären und freundschaftlichen Bindungen. Und ihr Verstand ist nicht korrumpierbar, nicht durch Sentiment manipulierbar: Davon zeigt auch das Ende ihrer jahrzehntelangen Freundschaft zu Martin Walser, dem sie in „Tod eines Kritikers“, Walsers Marcel Reich-Ranicki Aufarbeitungsroman, „geradezu klassische Muster der Diskriminierung“ vorwirft.

„Lieber Martin, seit wir uns vor 55 Jahren kennenlernten, ist viel Wasser in den Bodensee geflossen, und nicht nur heilig-nüchternes, für Hölderlins Schwäne zum Tunken geeignetes. Damals war die große Mordwelle gerade vorbei, und Deutschland stand am Anfang der großen Gleichgültigkeitswelle. Darauf folgte die Welle des triefenden Philosemitismus. Jetzt sieht es hierzulande nach einem Rückfall aus in das, was wir Juden in der Nazizeit ironisch-wehmütig >den guten, alten Riches von 1910< nannten, nämlich die gemäßigte Judenverachtung weiter Bevölkerungsschichten aller Klassen, mit der sich (scheinbar) leben ließ. In Deiner Friedenspreisrede hast Du über eine Moralkeule gejammert, mit der Ungenannte Dich und andere Deutsche bedrohen. Jetzt spielst Du >Sieger und Besiegte<, und dabei ist Dir selber unversehens die von Dir heraufbeschworene Keule in die Hände gerutscht, aber wo, bitte, steckt denn hier die Moral?“ („unterwegs verloren“ – auch für diese Freundschaft gilt der Buchtitel, auch dies ein weiterer Verlust, denn: „Denn das Judesein ist kein Klub, aus dem man austreten kann.“).

Zeit wird es an dieser Stelle, die biographischen Fakten aufzureihen: Ruth Klüger wird 1931 in Wien geboren, die Eltern, „junge Menschen aus Arthur Schnitzlers Welt“, die Kindheit beinahe behütet – denn an viel kann sich Ruth Klüger später nicht erinnern aus dieser Stadt, in der sie die ersten elf Jahre verbrachte: Mit dem Judenstern an der Kleidung macht man keine Spaziergänge, schreibt sie trocken. Wien ist kalt, kinderfeindlich, „bis ins Mark judenfeindlich“. 1997 kehrt sie für einige Zeit nach Wien zurück, vor der Statue des heiligen Nepomuk kommen ihr einige Zeilen:

Am Bauernmarkt (Auszug)

Lieber Scheinheiler, mach was Fein`s:
nimm dich der jüdischen Kundschaft an,
damit ich nicht ertrinken tu am Bauernmarkt eins.

(In „Zerreißproben“).

Denn die Rückkehr nach Österreich und Deutschland – Jahrzehnte später – bleibt, trotz mancher freundschaftlicher Verbindungen immer auch von „unsichtbaren Gefahren“ geprägt.

Im Alter von elf Jahren wird Ruth Klüger mit ihrer Mutter zunächst nach Theresienstadt, dann Auschwitz und Christianstadt deportiert. Der bewunderte Vater, der ältere Halbbruder – sie überleben nicht.

Mit einem Jahreszeitlicht für den Vater (Auszug)

Meine Kerze will dein Augenlid berühren,
wenn dein Aug´ sie auch nicht sehen kann.
Blinde Väter barfuß durch die Welt zu führen
steht sich leider nur für Königstöchter an.
Wind weht vom Stillen Ozean.

„Ich habe dieses Gedicht jahrelang mit mir herumgetragen und daran herumgebastelt. Ich habe es mir im Stehen und Gehen aufgesagt und es verändert. Jede Änderung war wie ein neues Hinterherlaufen (>mit kurzen Kinderschritten<). Es ist die Suche nach einem Vater – wenn man ein solches Hinterherlaufen eine Suche nennen kann -, den ich nicht gefunden habe. Wie sollte ich auch? Ich habe ihn als Achtjährige zuletzt gesehen und weiß nichts Wissenswertes über ihn. Eines habe ich allerdings im Laufe dieser Bemühungen wiederentdeckt und wiedergewonnen, nämlich die Muttersprache, mein österreichisch gefärbtes Deutsch.“ (Zerreißproben“)

Mit ihrer Mutter gelangt Ruth Klüger 1947 in die USA. Sie erkämpft sich, gegen mancherlei Widerstände, auch gegen materielle Not, gegen eine beklemmende Ehe ein Studium und macht ihren Weg als Germanistin, unter anderem lehrt sie an den Universitäten von Virginia, Princeton und in Irvine/Kalifornien. 1988 nimmt sie eine Gastprofessur in Göttingen wahr. Eine Annährung mit dem Land der Täter wird schrittweise wieder möglich. Mit ihren beiden autobiographischen Büchern „weiter leben“, das von der Kindheit in Wien und der Wirklichkeit in den Konzentrationslagern erzählt, sowie „unterwegs verloren“, das die amerikanischen Jahre und die deutsche Annährung schildert, wird Ruth Klüger auch im deutschsprachigen Raum als Literaturwissenschaftlerin und Schriftstellerin bekannt. In den beiden Büchern finden sich auch bereits Hinweise auf die Gedichte – erste schrieb sie bereits 1944 im KZ – die sie ihr Leben lang verfasste.

2013 erschienen einige Gedichte eines Lebens beim Paul Zsolnay Verlag, von der Autorin selbst kommentiert – unter dem programmatischen Titel „Zerreißproben“.

„Ich möchte Gedichte vorstellen, die etwas mit meinem Leben zu tun hatten, und sagen, was es war. Oft war es etwas, was ich verdrängen wollte und das sich nicht verdrängen ließ.“

So handelt diese Lyrik von Verlusten und Ängsten, von den Erinnerungen an das Geschehen am Heldenplatz, die Kindheit in Wien, das Geschehen in den Lagern, aber auch von den späteren Jahren, dem „Scheidungsblues“, den Gefühlen für die eigenen Kinder – Ruth Klüger hat zwei Söhne – und natürlich auch von ihrem Beruf, der ungebrochenen Liebe zur deutschen Dichtung.

Deutsche Sprache (Auszug)

In diesen Lauten, die ich zu verlernen
versuchte, weil die spitzen Konsonanten
das wunde Fleisch der Kinderjahre kannten (…)

In diesen Lauten löst sich nun die schmale,
die Kinderstimme (…)

und zeigt mir (…) den Trost der klaren, offenen Vokale.

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Ruth Klüger: unterwegs verloren

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Bild von bernswaelz auf Pixabay

„Die Überlebenden der KZ, mit Ausnahme von einigen, die man zu Märtyrern gestempelt hat, sind allen frei gebliebenen Menschen ein Dorn im Auge. Gelitten zu haben ist eine Schande, außer wenn man daran und dafür gestorben ist.

Ruth Klüger, „unterwegs verloren“, 2008

Ruth Klüger ist 61 Jahre alt, als 1992 im Literarischen Quartett ihre Erinnerungen „weiterleben“ vorgestellt werden. Mit einem Mal wird die amerikanische Literaturprofessorin und Germanistin auch einem breiten Publikum im deutschsprachigen Raum bekannt. „weiterleben“ erzählt von ihrer Kindheit in Wien, dem Überlebenskampf in den Konzentrationslagern, der Flucht mit der Mutter in die USA.

 „unterwegs verloren“ setzt Jahre später ein – ebenso ein Buch über das Weiterleben. Mit einer ruhigen Sprache, manchmal bis an die Grenze zur Emotionslosigkeit, erzählt Ruth Klüger von einer doppelten Diskriminierung: Als Jüdin und als Frau im amerikanischen Literaturbetrieb. Sie erzählt von weiteren Verlusten, der Entfremdung von den Söhnen, von der Familie, von Freunden. Bis hin zum Bruch mit Martin Walser, den sie als junge Frau noch vor der Emigration in die USA kennenlernete, in ihm einen engen, lebenslangen Freund sah, dem sie jedoch die Darstellung eines jüdischen Kritikers in dem umstrittenen Werk `Tod eines Kritikers´ nicht nachsehen kann.

Wie sehr die traumatischen Erfahrungen ein Leben lang prägen, auch das verdeutlicht diese Autobiographie. Und über alledem überwiegt dennoch eine anhaltende Liebe zur deutschen Sprache, zur deutschen Literatur.

Und bei allem, was Ruth Klüger „unterwegs verloren“ hat, bleibt ein Gewinn am Ende: Das Wissen, dass sie dort, wo Diskriminierung geschah – sei es ihr oder anderen gegenüber – den Mut und das Rückgrat hatte, dagegen einzutreten.

Ihre Bücher gibt es als Taschenbuch-Ausgaben beim dtv Verlag.

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