Was der Hunkeler für Basel ist, das könnte der Blum für das Züricher Umland werden: Einer dieser ungewöhnlichen Schweizer Kommissare, wie man sie auch aus den Romanen von Friedrich Dürrenmatt und Hansjörg Schneider kennt. Schweigsame Typen, unangepasst, gegen den Strom schwimmend.
Vor allem letzteres wird dem Ermittler in Christof Burkards Debütroman „Starkstrom“ abverlangt: Als eines Morgens mit dem Treibgut vor einem Atomkraftwerk eine Leiche angeschwemmt wird, möchten viele gerne an einen Unfall oder Suizid glauben. Doch Kommissar Blum beißt sich, auch gegen Widerstände, fest. Der Tod des Gewerkschaftssekretärs Antonio Pereda führt den Kommisat mitten hinein in die Untiefen der Schweizer Energiewirtschaft: Da sind neben der „Syndica“, der zweitgrößten Schweizer Gewerkschaft, für die Pereda im Einsatz war, auch andere Interessensvertreter mit im Spiel, Arbeitgeber, Lobbyisten, korrupte Gewerkschaftsfunktionäre. Und nicht zuletzt funkt dem Kommissar immer wieder sein ungeliebter Kollege und Konkurrent Weber dazwischen, ein „heimlifeißer Siech“, wie es im besten Schwyzerdütsch heißt.
Geschickt eingestreute schweizerdeutsche Ausdrücke, ein Plot, der den Kommissar zwar immer wieder auch auf falsche Fährten führt und dabei dennoch stringent vorangetrieben wird, und ein überraschendes Ende, das für einen Kriminalroman ungewöhnlich gestaltet ist: All das hebt „Starkstrom“ aus der Flut an neuen Krimis hervor. Vor allem aber seine Hauptfigur, ein Nonkonformist, einer, der sogar nicht in das Klischee vom Schweizer Beamten passt:
„Blum, er glich dem älteren Brad Pitt, fummelte am Ring, der sein linkes Ohr zierte; für manche im Kommissariat eine Provokation, doch Blum legte sich mit Kleingeistern nicht an. Leben und leben lassen.“
Obwohl von Blum und seiner Assistentin Sabine „höchste Diskretion“ gefordert wird, stechen sie mitten hinein in ein politisches Wespennest, in den Konkurrenzkampf zwischen fusionierenden Gewerkschaften und deren Vertretern, denen es scheinbar in erster Linie um ihren eigenen Machterhalt geht und in die Welt der „Hinterzimmer“-Politik, wo die beiden Seiten – Arbeitervertreter und Arbeitgeber – ihre ganz eigenen Absprachen treffen.
Und nicht zuletzt erweist sich auch Antonio Pereda, ein Kämpfer für die „kleinen“ Leute, nicht nur als reiner Saubermann: Dass sich auch der Tote mit unfeinen Methoden an die Gewerkschaftsspitze trickste, wird allmählich so klar wie das Wasser der Aare. Neben der ungewöhnlichen Thematik –Kriminalromane aus dem Gewerkschaftsmilieu findet man eher in der amerikanischen Literatur – besticht der erste Roman von Christof Burkard einerseits durch Präzision und Stoffkenntnis (der Autor ist ebenfalls Jurist) sowie durch seinen ungewöhnlichen Ermittler.
Im Job verlässt sich der Kommissar meist auf seine Intuition, was zwar die Kollegen zur Weißglut bringt, ihm aber Erfolge beschert. Im Privatleben jedoch versagt dieses Bauchgefühl nur zu oft: Sowohl bei der Frauenwelt, wo sich Blum nur allzu ungeschickt anstellt, als auch bei der Auswahl seiner Lokale – ausgestandene Kater und heftige Lebensmittelvergiftungen sind die Quittungen, die er bezahlt. Man wünscht dem Blum auch weiterhin eine gute Nase für verzwickte Fälle. Und vielleicht ein glücklicheres Händchen, rein beziehungstechnisch: Das wäre spannender Stoff für eine Fortsetzung.
Stimmen zum Buch:
„Neben (…) dem interessant unangepassten Ermittler und den oft harten Dialogen gehört zu den Stärken des Romans, dass der Autor seine Erfahrungen als Jurist einbringt und die schwierigen, zwischen Kumpanei und Konflikt schwebenden, Beziehungen zwischen Unternehmern und Gewerkschaft anschaulich schildert.“ – Rainer Rönsch bei literaturkritik.de
„Es schadet nichts, dass dieser Krimi in einem ungewöhnlichen Milieu spielt. Eine empfehlenswerte Lektüre!“ – Maja Petzold bei SeniorWeb
Bibliographische Angaben:

Christof Burkard
Starkstrom
Edition Maulhelden
Juni 2024
12×19 cm, gebunden, mit Lesebändchen, 208 Seiten.
28 CHF, 28 € (D), 28 € (A)
ISBN: 978-3-907248-12-6

Na, die Zeiten, in denen man durch einen Ring im Ohr zum Nonkonformisten wurde, sind schon eine Weile vorbei. Aber eine Geschichte im Gewerkschaftsmillieu klingt spannend. Dass da gegeneinander bis aufs Messer gekämpft wird, kann ich bestätigen.
Bei Messerkämpfen sind Ohrringe auf jeden Fall unpraktisch.