Hans Fallada/Hans-Jürgen Gaudeck: Ich weiß ein Haus am Wasser

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Bild von Klaus Stebani auf Pixabay

„Ich war mit dem damals wohl knapp Vierjährigen über den kleinen in den großen Mahlendorfer See gerudert, und dort hatten wir auf einer jener kleinen, buschigen Inseln angelegt, die das ganze Jahr hindurch fast nie eines Menschen Fuß betritt. Ich liebe solche Inseln, sie erinnern mich immer an die Robinson-Träume meiner Knabenjahre. Wurde damals eine Lebenskonstellation gar zu schwierig, so flüchtete ich als Robinson auf eine Insel und wünschte mir nicht einmal einen Freitag!“

Hans Fallada in „Heute bei uns zu Haus“ – Carwitz und der Carwitzer See wurden darin in Mahlendorf umgewandelt.

Auch als erwachsener Mann beging Fallada immer wieder Landflucht, fand in der Ruhe des mecklenburgischen Landes Zuflucht, Heimat und Ruhe. Als gescheiterter Gymnasiast, nach dem dramatischen Suizid-Duell mit einem Freund, das nur er überlebte und nach einem langen Aufenthalt in einer Nervenheilanstalt blieben dem jungen Rudolf Ditzen wenig berufliche Möglichkeiten offen. Sein Psychiater vermittelte ihm die erste Arbeit auf einem landwirtschaftlichen Gut – und die Freude an dieser durchaus schweren Arbeit, die behielt Ditzen ein Leben lang bei, selbst dann, als er als Erfolgsschriftsteller unter dem Pseudonym Hans Fallada firmierte.

Vor allem auf seinem kleinen Anwesen in Carwitz in Mecklenburg-Vorpommern, das er 1933 für sich, seine Frau Suse und die Kinder erstand, kam der von seinen Süchten und Ängsten gebeutelte Mann einigermaßen zur Ruhe. Davon spricht auch die Textauswahl aus den Romanen, Erzählungen und Briefen, die in diesem schönen Kunstband versammelt sind – autobiografische Schilderungen, die einen ganz „erdhaften“ Fallada zeigen, der Pilze sammelt, bei der Erdbeer-Ernte stöhnt und glücklich durch die Wälder radelt. Ganz beiläufig lässt der „Hans im Pech“ anklingen, was dies für ihn bedeutet:

„In Mahlendorf gibt es keine Langeweile. Kein Sommerferientag ist zu lang: Die Kinder finden ihre Beschäftigung. Sie spielen zwischen Torfmull, Kompost und Holz, jagen sich im Obstgarten, verstecken sich auf dem Heuboden, spüren Eier verlegenden Hühnern nach, rudern auf dem See, schwimmen im See, spielen mit dem Hund, rennen ins Dorf (…)
Ich habe eben wieder einmal Glück gehabt, grade als ich auf der Kippe stand.“

(Aus: „Heute bei uns zu Haus“)

Die Zitate erzählen sowohl von den Sorgen des Landmanns, beispielsweise von einer schlechten Erdbeerenernte, erfrorenen Obstbäumen und steiniger Erde, aber auch von der Lust des Landlebens, der Ruhe, dem guten Essen, der Befriedigung, die körperliche Arbeit mit sich bringt. Dies alles wurde stimmungsvoll von Hans-Jürgen Gaudeck in wunderbaren Aquarellen umgesetzt und eingefangen. Der Künstler und dessen Arbeit wurde nun auch bei Wolfgang Schiffer gewürdigt, der diesen schönen Bildband ebenfalls dieser Tage vorgestellt hat. Und unter www.gaudeck.com kann man noch mehr Arbeiten des Künstlers bewundern.

Wie Wolfgang Schiffer treffend schreibt:

„Mal fließend, mal flächig, mal getupft schreiben die Farben in den stets richtigen Schattierungen – von euphorisch leuchtend bis melancholisch gedämpft – die Stimmungen des Autors fort, lassen uns den Wechsel der Jahreszeiten erleben und beleben derart das Nachempfinden der tiefen Zuneigung, die Hans Fallada für dieses sein Haus am Wasser empfunden hat.“

„Ich weiß ein Haus am Wasser“ ist in der „edition federchen“ beim Steffen Verlag erschienen, in einer Reihe mit ebenfalls von Hans-Jürgen Gaudeck illustrierten Büchern, die sich unter anderem Eva Strittmatter, Theodor Fontane und Rainer Maria Rilke widmen.  Allein der Fallada-Band ist ein wirkliches Schmuckstück – und macht Lust darauf, nicht nur diese Seite des Schriftstellers zu erkunden, sondern vor allem den Landstrich, der ihm soviel Glück bescherte.

Verlagsangaben zum Buch:
http://steffen-verlag.de/literarische-geschenkbuecher/1162/ich-weiss-ein-haus-am-wasser

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André Uzulis: Hans Fallada / Peter Walther: Hans Fallada

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Fallada wurde in Greifswald geboren. Ein leichtes Spiel war das Leben nie für ihn. Bild von Kerstin Riemer auf Pixabay

„Rudolf Ditzen nannte sich Fallada nach dem höchst unheimlichen Märchen, darin der abgehauene, an der Wand hängende Kopf eines Pferdes namens Fallada zu sprechen beginnt. Märchenleser erinnern sich gewiss der Zeile „Oh Fallada, da du hangest“ als einer der erschreckendsten und mysteriösesten Klagen des Märchengutes. Die Wahl des geisterhaften Pseudonyms erscheint mir als typisch für einen höchst untypischen Schriftsteller. Denn dieser Autor, Sohn, wie gesagt, eines Richters war von frühauf von Katastrophen gleichsam umstellt und ging auch auf katastrophale Weise zugrunde, ein Trunk- und Drogensüchtiger. Er war ein Ungeratener, gescheiterter Gymnasiast und so etwas wie ein Mörder: 1911 brachte er nach Absprache wechselseitigen Selbstmords, beziehungsweise Freundschaftsmordes, einen Mitschüler um. Die Sache ging als „Rudolfstädter Gymnasiastentragödie in die Kriminalgeschichte ein. Der Freund war tot, er selbst überlebte in Selbstanklage und Verzweiflung. Zweimal saß er im Gefängnis, da er als landwirtschaftlicher Beamter, der er wurde, wiederholt in die Kasse gegriffen hatte, um seiner dürftigen Existenz wenigstens die tröstenden Räusche abzugewinnen.“

Jean Améry, „Aufsätze zur Literatur und zum Film“, Klett-Cotta, Werkausgabe 2003.

In ihrer ganzen prägnanten Kürze klingt diese Kurzzusammenfassung eines tragischen Lebens seltsam harsch – und trifft doch die wesentlichen Punkte einer Jugend, die einen der meistgelesenen deutschen Schriftsteller prägten. Nur nebenbei – Jean Améry war ganz offensichtlich kein großer Anhänger Falladas, dessen Roman „Kleiner Mann – was nun?“ er mit Lion Feuchtwangers „Erfolg“ in dem oben zitierten Aufsatz unter dem Titel „Zeitbetrachtungen, unpolitische und politische“ vergleicht. Sein Vorwurf an Fallada, bezogen auf den „kleinen Mann“:

„Es ist nämlich, spielend in einer Zeit, in der die politischen Kräfte Deutschlands sich zum letzten Absprung rüsteten, ein zum Verzweifeln unpolitisches Buch. Wo es Politisches beredet, wird es banal – bis zur Vulgarität.“

Wie eng Werk und Leben verknüpft sein können, das zeigt der „Fall Fallada“: Nicht nur, dass Rudolf Ditzen bei allen Romanen, von „Bauern, Bonzen, Bomben“, seinem ersten großen Erfolg, über „Der Alpdruck“ und der „Der Trinker“ bis hin zu „Jeder stirbt für sich allein“, stark nicht nur aus Selbsterlebtem, dem eigenen Leben schöpfte. Sein Schreiben, seine Bücher – sie erzählen auch von einer Persönlichkeit, die zwischen den Extremen pendelte, zwischen moralischer Entrüstung gegenüber von Ungerechtigkeit und zugleich politischer Indifferenz, zwischen Aufbegehren und Anpassung, zwischen Sehnsucht nach Normalität und der Sucht nach dem Rausch.

Dass das Leben oftmals so viel spannender, tragischer, vielfältiger sei als ein Roman – das klingt wie eine abgedroschene Phrase. Im Falle von Hans Fallada (1893 – 1947) ist dem jedoch so. Was für ein Auf und Ab! Welche Tragik! Zu seinem 70. Todestag am 5. Februar erschienen zwei umfangreiche Biographien: „Hans Fallada. Die Biographie“ von Peter Walther im Aufbau Verlag und „Hans Fallada. Biografie“ von André Uzulis im Steffen Verlag.

Das Leben von Fallada, mit bürgerlichem Namen Rudolf Ditzen, bietet so viel Stoff und Erzählenswertes, dass es sich kaum zwischen zwei Buchdeckeln fassen lässt. Beiden Biographien umfassen rund 400 Seiten, beiden Bücher sind ohne Längen oder Hänger, beide lesen sich eigenständig gut, ergänzen einander aber auch. Wo der Germanist und Kunsthistoriker Walther literarischer schreibt, dringt bei Uzulis der Journalist und Historiker durch (ein Detail dazu: Während Walther Falladas erste Frau, „das Lämmchen“ aus dem „kleinen Mann“ konsequent bei ihrem Kosenamen „Suse“ nennt, schreibt Uzulis durchgehend über sie mit ihrem Taufnamen „Anna“), wo Walther zugunsten der Erzählung einen Spannungsbogen schlägt, vertieft sich Uzulis in Details rund um das Umfeld Falladas und geht intensiver auf die zeitgeschichtlichen Umstände ein. Darüber hinaus bietet dieses Buch umfangreiches Bildmaterial, einiges davon wurde nun erstmals veröffentlicht.

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Das Haus in Carwitz. By Botaurus – Own work, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6056014

Peter Walther integrierte in seine Fallada-Biographie Archivmaterial, das erstmals veröffentlicht wurde, vor allem Dokumente aus dem Nachlass des Fallada-Neffen Horst Bechert. Zudem schöpfte er aus weiteren Quellen, die im Deutschen Literaturarchiv in Marbach zu finden sind: Unter anderem die Briefe Falladas an seine Frau Suse während seiner Tätigkeit für den Reichsarbeitsdienst werfen nochmals ein neues Bild auf den Schriftsteller in der Zeit des Nationalsozialismus.

Wie Walther recherchierte auch André Uzulis in Marbach sowie im Hans-Fallada-Archiv in Carwitz. Darüber schöpfte er aus den umfangreichen Veröffentlichungen, die es bisher schon über den Erfolgsschriftsteller gab: So ein umfangreich dokumentiertes und beschriebenes Leben – und doch bleibt es einem ein Rätsel.

Wer war der Mensch Fallada? Ein junger Mann mit äußerlich guten Startbedingungen, jedoch von psychischen Stürmen gebeutelt, aus der Bahn geworfen, in die Fänge der Sucht gefallen, ein Getriebener, der Ruhe und Ausgleich nur beim Schreiben fand?

Und bei allen Schriftstellern dieser Jahre kommt die Frage hinzu: Was hat er getan während der Jahre des Nationalsozialismus? Ist er geblieben oder gegangen? Geblieben, geschwiegen oder mitgehangen?

Peter Walther schreibt zu Beginn des Kapitels über Falladas „Carwitzer Jahre“:

„Blickt man mit Abstand auf ein Leben, zerfällt es in tausend Einzelteile: hier der Alltag, das Glück, die Kinder, das Schreiben und die Arbeit auf dem Hof, Selbstzweifel und Krankheiten, Ehe- und Geldprobleme, Querelen mit Freunden, dort die Politik mit ihren Auswirkungen auf die Gesellschaft und auf die private und wirtschaftliche Existenz des Einzelnen. In der Gegenwart jedoch, „im wirklichen Leben“, gibt es diese Trennung nicht, alles hängt mit allem zusammen, und selbst das, was scheinbar unvermittelt nebeneinandersteht, ist durch Unterströmungen miteinander verbunden.“

Dort, im mecklenburgischen Carwitz, findet Fallada 1933 für sich, Suse und die Kinder ein landwirtschaftliches Anwesen, auf dem er erstmals – im Rahmen seiner Möglichkeiten – etwas Ruhe findet, fast abstinent lebt und die Verlockungen Berlins vermeidet. Die Kehrseite jedoch: Der labile Künstler blendet weitestgehend auch die äußeren Umstände aus, „Carwitz ist ein Refugium in politisch bewegten Zeiten“ (Walther), dort „hoffte er, die Tragödie, die sich in Deutschland abspielte, aussitzen zu können“ (Uzulis). Nach Jahren der Abhängigkeit, nach Gefängnis und Psychiatrie, nach einer Irrfahrt durch das Leben hat Fallada Anfang der 1930er Jahre erstmals ein ausgeglichenes Privatleben und durch „Bauern, Bonzen, Bomben“ und „Kleiner Mann – was nun?“ wirtschaftlichen Erfolg. Dass Carwitz für den 40jährigen eine Insel war, auf die er sich vor den Stürmen der Zeit flüchten wollte, bezeichnet Uzulis als „verständlich“, aber der Schriftsteller zahlte für Bleiben nach Meinung Uzulis einen hohen Preis: „Denn Fallada bezahlte sein Verbleiben in Deutschland mit literarischer Qualität.“

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By OTFW, Berlin – Self-photographed, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=44034436

Wie wankelmütig der Schriftsteller, der 1935 von den Nationalsozialisten zum „unerwünschten Autor“ erklärt worden war und wegen seiner „zersetzenden Literatur“ zahlreiche Angriffe der Hetzpresse jener Jahre erdulden musste, selbst in seiner Haltung zum Regime war, zeigt sich an den Briefen, die Fallada 1943 schrieb, als er im Auftrag des Reichsarbeitsdienstes nach Frankreich geschickt wurde – Dokumente, die erst jetzt zugänglich geworden sind und Peter Walther für seine Biographie ausgewertet hat. Fallada hatte es dem Umfeld Goebbels zu „verdanken“, dass er in Deutschland noch veröffentlichen durfte, Aufträge von der UFA und jenen des Reichsarbeitsdienstes bekam. Dem instabilen Mann schmeichelt das Interesse auch in gewisser Weise, wie ein Brief an seine Mutter verdeutlicht:

„In meiner Mappe fand ich nicht weniger als zwei Anfragen der Reichsrundfunkgesellschaft nach Mitarbeit (die 11 Jahre nichts von mir hat wissen wollen!), dann eine Bitte des Auswärtigen Amtes um Mitarbeit an einer Auslandskorrespondenz; ich lehne das natürlich alles ab, mehr kann ich nicht übernehmen, als was ich schon auf den Schultern habe (…).“

Peter Walther ordnet dies so ein:

„Ein „offiziell anerkannter Mann“ – das ist die Währung, die im Elternhaus zählt, wie gern hätte er die Freude darüber noch mit dem Vater geteilt. Die Ausrichtung an staatlicher Autorität, egal, wer sie repräsentiert, gehört zu den tiefen Prägungen, die Fallada in seiner Kindheit erfahren hat. Dass er sich dessen bewusst ist, dass er sich selbst durchschaut in seinem Verlangen nach „offizieller“ Anerkennung, in seiner Eitelkeit und Autoritätshörigkeit, ändert an der Prägung selbst nichts.“

Es ist den Autoren beider Biographien positiv anzurechnen, dass sie sich mit Urteilen – auch im Falle der Frage der Emigration vs. Bleiben im „Dritten Reich“ – zurückhalten, sich der Person Fallada mit allen ihren, auch widersprüchlichen Aspekten, nicht durch Urteile, sondern durch reichhaltiges Faktenmaterial annähern. So können beide Biographien auch dazu beitragen, sein Werk, das heute wieder überaus populär ist, mit geschärften Sinnen zu lesen – mit Kenntnis seiner Stärken, seiner Schwächen.

„Er war aber auch nicht bloß der Volksschriftsteller, als der er gelegentlich bezeichnet wird“, meint André Uzulis. „Dazu reagierte er zu sensibel auf die Zeitströmungen, die er präzise zu erfassen und vielschichtig wiederzugeben und zu gestalten vermochte. Sein feines Sensorium für die Menschen seiner Zeit war der Erfolgsfaktor für sein literarisches Schaffen. Immer dann, wenn er nicht fabulierte, sondern Wirklichkeit verarbeitete – im besten Fall selbst erlebte Wirklichkeit – kam Großes heraus.“

Er ordnet Fallada als einen ein, der sich durch die Jahre des „Dritten Reichs“ wand, der eher Gegner denn Anhänger der Nationalsozialisten war, „aber keiner, der ihnen die Stirn bot.“

„Er versuchte zu überleben, sich halbwegs treu zu bleiben und nicht mitschuldig zu werden, soweit das ging. Ein kleiner Mann im Dritten Reich.“

Die Faszination, die von der Biographie des Schriftstellers ausgeht, begründet Peter Walther auch mit der Widersprüchlichkeit, die in der Person Falladas angelegt ist: „Hier der disziplinierte Arbeiter, der pedantisch den Alltag plant, der respektierte Landwirt, der liebende Familienvater und zuverlässig für die Angestellten sorgende Vorstand des Hauses, der Schriftsteller, der mit seinen beachtlichen Einkünften die wirtschaftliche Grundlage seines Kleinbetriebes sichert. Und dort der Künstler, bedrängt von seinen Dämonen, der Frauenheld, der politische Opportunist, der Tobsüchtige, der Alkoholiker und Morphinist. Fallada ist am Leben mit einer Größe gescheitert, wie nur wenige sie aufbringen, die es mit Erfolg bewältigen.“

Mit Größe am Leben gescheitert – mit Respekt von seinen beiden Biographen geschildert. So kann ich beide Bücher jedem empfehlen, der sich dem Werk Falladas annähern oder wieder widmen will. Ein Werk, das seinen eigentlichen inneren Wert daraus schöpft:

„Nicht im melancholischen Verdämmern, sondern in trotziger Selbstbehauptung und im Streben nach Glück begegnen seine Figuren der Unerbittlichkeit des Lebens, selbst dann, wenn ihnen das Scheitern eingeschrieben ist.“ (Peter Walther)

Verlagsangaben:

Uzulis, André: http://steffen-verlag.de/hans-fallada/1147/hans-fallada?c=21

Walther, Peter: http://www.aufbau-verlag.de/index.php/hans-fallada-4887.html

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#MeinKlassiker (9): Hans Fallada – und was „Jeder stirbt für sich allein“ uns heute noch zu sagen hat

Auf ihrem eigenen Blog „literaturleuchtet“ bringt Marina Büttner vor allem sehr interessante Neuerscheinungen zum Leuchten – häufig Romane, die eher Geheimtipps sind, viele Bücher aus Indie-Verlagen und vor allem auch regelmäßig Lyrik. Dass aber auch Klassiker leuchten, ist für das belesene Multitalent – Marina Büttner schreibt auch selbst, malt und zeichnet (http://www.marinabuettner.de/) – keine Frage. Ich freue mich über ihre Auswahl – Hans Fallada und seinen Roman über den Widerstand der „kleinen Leute“.

Als Rudolf Wilhelm Friedrich Ditzens alias Hans Falladas letzter Roman „Jeder stirbt für sich allein“ im Jahr 2002 teils zum ersten Mal ins Englische und weitere Sprachen übertragen wurde, wurde er zum Weltbestseller. Die deutsche Neuauflage der ungekürzten Version auf der Grundlage des Originalmanuskripts kam 2011 auf den Markt und plötzlich wurde Fallada wieder gelesen!

Falladas Romane sind leicht zu lesen, keine Bücher, die sprachlich besonders hervorstechen, aber es sind Geschichten, die mitreißen und deren Stoff auch immer ein Stück deutscher Geschichte aufzeigt. Ob „Kleiner Mann – was nun?“, mit dem er 1932 weltbekannt wurde, ob „Ein Mann will nach oben“ oder „Wer einmal aus dem Blechnapf frisst“, es sind Werke, die Zeiten überdauern und dennoch aktuell sind. Gerade „Jeder stirbt für sich allein“ ist ein einzigartiges Zeitdokument, wurde es doch von einem Schriftsteller geschrieben, der in der Zeit des Nationalsozialismus nicht emigriert war, sondern in Deutschland lebte, wenn auch als `unerwünschter Autor` völlig zurückgezogen im mecklenburgischen Dorf Carwitz. 

Den Roman „Jeder stirbt für sich allein“ schrieb Fallada auf Anregung von Johannes R. Becher 1946 binnen vier Wochen. Wenn man seinen Gesundheitszustand bedenkt, ist das bemerkenswert und zeigt seinen unbedingten Drang schreiben zu müssen, aber auch von der finanziellen Misere, in der sich Fallada immer wieder befand, nicht zuletzt wegen seiner kostspieligen Morphin- und Alkoholabhängigkeit. Das Erscheinen des Romans hat er dann allerdings gar nicht mehr erlebt. Er starb 1947.

„Die Geschehnisse dieses Buches folgen in groben Zügen Akten der Gestapo über die illegale Tätigkeit eines Berliner Arbeiter-Ehepaares während der Jahre 1940 bis 1942. Nur in groben Zügen – ein Roman hat seine eigenen Gesetze und kann nicht in allem der Wirklichkeit folgen …“  

So schreibt Fallada im Vorwort seines Romans. Der Roman ist  angelehnt an die Geschichte der Eheleute Hampel, die außergewöhnlichen Widerstand gegen das NS-Regime, gegen die „Hitlerei“ leisteten. Mehr als 200 Postkarten schrieben und verteilten sie in verschiedenen Stadtvierteln in Berlin zu diesem Zweck. Fallada nennt das Ehepaar in seiner Geschichte Otto und Anna Quangel.

Der Roman besteht aus vier Teilen. Im ersten Teil werden die Quangels und ihr Lebensumfeld in Berlin vorgestellt. Es sind einfache Leute aus dem Arbeitermilieu. Als eines Tages der Feldpostbrief mit der Nachricht des Todes ihres einzigen Sohnes eintrifft, sind die beiden am Boden zerstört. Ihnen wurde das Liebste genommen. Die Formulierung im Brief, der junge Mann sei den Heldentod für Führer und Vaterland gestorben, löst vor allem in Anna enormen Widerstand aus. Beide beschließen Postkarten mit dem Aufruf zum Widerstands gegen Hitler zu schreiben und heimlich in öffentlichen Räumen, vor allem Treppenhäusern, zu verteilen. Diese gemeinsame Aktion schweißt die beiden zusammen.
Im zweiten Teil wird von den ersten Funden der Karten erzählt, die alle bei der Polizei landen und von den Bestrebungen der Gestapo zunächst unter der Leitung des Kommissars Escherich, die Kartenschreiber ausfindig und unschädlich zu machen.
Im dritten Teil zieht sich die Schlinge um die Quangels mehr und mehr zu. Sie scheinen die Gefahr, in der sie sich befinden zu unterschätzen. Einmal wird Otto angezeigt, wird aber aufgrund mangelnder Beweise freigelassen. Doch wenig später verliert er am Arbeitsplatz aus Versehen einige Karten aus seiner Tasche, behauptet jedoch sie dort gefunden zu haben. Aufgrund dessen wird der Betrieb untersucht, Otto wird bald denunziert und verhaftet.
Im vierten Teil erzählt Fallada von den Verhören der Quangels, über die Gerichtsverhandlung bis zum Todesurteil und der Hinrichtung 1943. Es wird den Eheleuten nicht gestattet, sich vorher noch einmal zu sehen: Jeder stirbt für sich allein.

Falladas Roman ist einerseits Milieustudie vom Leben der „kleinen Leute“ im Berlin der NS-Zeit, zeigt andererseits deutlich, was das System einer Diktatur mit den Menschen macht. Jeder ist sich selbst der Nächste, jeder misstraut dem anderen, kann er doch jederzeit einem Denunzianten gegenüberstehen. Quangels handeln aus einem Wunsch nach Gerechtigkeit heraus, in der Hoffnung, es würden sich immer mehr ihrem Widerstand im Kleinen anschließen. Über zwei Jahre hinweg hegten sie mutig die Hoffnung, immer mehr Sand im Getriebe könne die NS-Maschinerie stoppen.

Mich hat die Geschichte der Eheleute Quangel zutiefst berührt – „normale“ Menschen, die aus ihrem Schmerz, aus ihrem Verlust des Sohnes heraus, beginnen zu hinterfragen: den Krieg, das System, den Führer. Sie hat mich vor allem deshalb berührt, weil ich mich selbst so oft schon fragte, wie hätte ich mich  damals verhalten? Hätte ich den Mut gehabt, aufzubegehren? Gerade der Schritt, mit den eigenen kleinen Möglichkeiten aus dem Privaten heraus zu versuchen, den Lauf der Geschichte aufzuhalten, zeigt die Größe dieser beiden Menschen.
Aus heutiger Sicht betrachtet, könnte gerade dieser Roman Anregung sein, zu verhindern, dass es irgendwann wieder so weit kommt und zwar rechtzeitig …

„Jeder stirbt für sich allein“ wurde mehrfach verfilmt, unter anderem 1976 mit Hildegard Knef und Carl Raddatz. Gerade in den Kinos angelaufen ist die Neuverfilmung von 2015 mit Emma Thompson und Brendan Gleeson.

Marina Büttner
literaturleuchtet – ein literarischer Buchblog


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Hans Fallada: Kleiner Mann – was nun?

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Eine Gesellschaft im Niedergang. Bild von Birgit Böllinger auf Pixabay

Weimarer Republik, Weltwirtschaftskrise: Da ist man nun, ein kleiner Angestellter in einer kleinen Stadt und kann sich seines Jobs noch einigermaßen sicher sein, weil man als potentieller Heiratskandidat für die schlurige Tochter des Chefs in Frage käme. Doch ein sonniger Sonntagnachmittag, ein Spaziergang am Strand, und schon – bums fallera – ist das Malheur passiert. Und man(n) hat ein „Lämmchen“ geschwängert, aber weil man kein Schafsbock ist, wird ordentlich geheiratet und damit die Karriere vermasselt.

„Pinneberg müßte nach Haus. Es wäre gut, wenn er rasch nach Hause ginge, sicher wartet Lämmchen. Aber er bleibt hier stehen unter den Arbeitslosen, er macht ein paar Schritte und dann bleibt er wieder stehen. Äußerlich gehört Pinneberg nicht zu ihnen, ist fein in Schale. Er hat den rotbraunen Winterulster an, den hat ihm Bergmann noch für achtundreißig Mark gelassen. Und den steifen schwarzen Hut, auch von Bergmann, er war nicht mehr ganz modern, die Krempe zu breit, sagen wir drei zwanzig, Pinneberg.
Also äußerlich gehört Pinneberg nicht zu den Arbeitslosen, aber innerlich…“

Doch der Herr Pinneberg ist kein vollkommener Hans im Pech, sondern hat Glück im Unglück: Denn schließlich (so schreibe ich in Fallada-Manier) hat man sich doch ganz arg lieb. Und zudem ist eben das „Lämmchen“ eine ganz Patente, die das Heft in dieser Ehe in die Hand nimmt und den ziemlich tapsigen Ehegespons durch die kommenden Miseren manövriert.

Schlechte Zeiten für junge Paare

Und diese Miseren kommen zahlreich – denn die Zeiten, sie sind schlecht, vor allem wenn Nachwuchs erwartet wird. Man zieht nach Berlin, zur ungeliebten Pinneberg-Mutter, die das junge Paar aufnimmt. Doch Kost und Logis sind teuer zu bezahlen – die alternde Halb- und Unterweltdame liebt nur gegen Bares. Unter die Arme greift und mit Vitamin B hilft der halbseidene Geliebte und Kompagnon der Frau Mama, Typ Ganove mit Herz. So findet Pinneberg eine neue Anstellung als Verkäufer in einem Warenhaus. Und der Leser findet dadurch weitere Typen vor: Der väterliche ältere Kollege, der den Jungspund vom Lande in die Welt der Freikörperkultur einführen will, die intriganten Mitangestellten, jeder für sich um seine Stellung kämpfend, insbesondere als diese durch den Typ „Controller“ geprüft werden, die Kunden auf der Jagd nach Schnäppchen oder auch nach Streit – der kleine Angestellte als Blitzableiter für frustrierte Ehefrauen und divenhafte Schauspieler.

„Heute ist alles zerschlagen, Berge trüben Schutts und dazwischen einmal ein strahlender Brocken. Und wieder Schutt. Und wieder ein bißchen Strahlen. Sie sind noch jung, sie lieben sich noch, ach, vielleicht lieben sie sich noch viel mehr, sie haben sich aneinander gewöhnt – aber es ist dunkel überhängt, darf unsereins lachen? Wie kann man lachen, richtig lachen, in solcher Welt mit sanierten Wirtschaftsführern, die tausend Fehler gemacht haben, und kleinen, entwürdigten, zertretenen Leuten, die stets ihr Bestes taten?“

Hans Fallada (1893-1947) zeichnet in seinem Roman ein Bild vom Angestelltendasein, das durch Anbiederung an den Kunden einerseits, durch den Einsatz von Ellbogen gegenüber den Kollegen andererseits geprägt ist – eine Welt, in der nur die Stärkeren Bestand haben. Darüber hinaus werden detailliert die täglichen Lebensumstände, das Rechnen mit jedem Pfennig, die Kämpfe mit der Bürokratie und den Versicherungen, das Jonglieren von Lämmchen mit dem knappen Haushaltsbudget beschrieben. Der gnadenloser Verdrängungskampf im Kaufhaus angesichts der Massenarbeitslosigkeit draußen, die tägliche Furcht vor der Ausstellung: Das Buch, 1932 erschienen und sofort ein Bestseller, erscheint heute (wieder) von erschreckender Aktualität. Auch in seinen Schilderungen von den Äußerungen einer überkochenden „Volksseele“, die sich, selbst in ihrer Existenz bedroht, ihre eigenen Feinde sucht:

„Wissen Sie“, sagt sie behutsam, „ich bin nämlich jüdisch, haben Sie es gemerkt?“
„Nein…nicht sehr“, sagt Pinneberg verlegen.
„Sehen Sie“, sagt sie, „man merkt es doch. Ich sage immer zu Max, man merkt es. Und da finde ich doch, die Leute, die Antisemiten sind, sollten so ein Schild an ihre Tür machen, daß man sie gar nicht erst belästigt. So kommt es immer wieder aus heiterem Himmel. – Hauen Sie ab mit Ihrem unsittlichen Zeug, Sie olle Judensau – hat gestern einer zu mir gesagt.“
„So ein Schwein“, sagt Pinneberg wütend.

Mit diesem Buch traf Fallada in die Herzen der Massen und errang die Anerkennung anderer Schriftsteller: Ein „Volksmärchen“ nannte es Jakob Wassermann, Fallada wurde zum Volksschriftsteller – vom Verkauf, der auch nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten weiter in die Hunderttausende ging, konnte der gebeutelte Fallada, der sein Leben lang unter Drogen- und Alkoholsucht litt, endlich seine Existenz als freier Autor bewerkstelligen.

Vom Leben der kleinen Leute

Dass „Kleiner Mann – was nun?“ auch nach 1933 erscheinen konnte, liegt an dieser Eigenart des Buches, das in seiner simplen, direkten Sprache jeden Leser seinerzeit wohl anrührte und aus dem Herzen sprach: Es erzählt von den Verhältnissen und den täglichen Überlebenskämpfen der kleinen Leute – nicht zuletzt eben auch von jenen der kleinen Leute, die später massenhaft Hitler & Konsorten feierten. Zwar kommt im Roman auch der Typ des braunen Schlägers vor, den Pinneberg mit leicht gerümpfter Nase und aus Distanz betrachtet – doch jene Passagen wurden nach 1933 „entpolitisiert“, aus dem Nazi wurde ein Fußballer. Die Bücher des Volksschriftstellers waren für jeden vereinnahmbar, selbst „Wer einmal aus dem Blechnapf frißt“ (1934) wurde von den Nazis als Kritik an der Weimarer Republik geduldet. Fallada selbst versuchte durch diese Zeit als reiner Unterhaltungsschriftsteller durch zu kommen. Sein letztes Buch, „Jeder stirbt für sich allein“, 1947 kurz vor seinem Tod in einem Monat in der Nervenklinik geschrieben, ist ein Dokument des leisen Widerstands der kleinen Leute.

„Kleiner Mann – was nun?“: Stilistisch ist mir Fallada manches Mal zu larmoyant, zu nah am Kitsch und Klischee. Und doch entwickelt die Geschichte vom Pinneberg und seinem Lämmchen (samt „Murkel“, so der Kosename des Nachwuchses) einen liebenswerten Charme, dem man sich nicht ganz entziehen kann.


Bild zum Download: Verlassene Bäckerei in Dessau


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