Und dann kam Wanda …

Wanda ist da und einsatzbereit: Die originelle mobile Ausgabestation der Aegis Buchhandlung Ulm soll den Kundinnen und Kunden im Corona-Winter das Lesen & Leben erleichtern. Mehr Information dazu hier: https://birgit-boellinger.com/2020/10/30/ein-bus-namens-wanda-die-aegis-buchhandlung-wappnet-sich-kreativ-fur-den-corona-winter/ oder direkt bei https://aegis-literatur.buchhandlung.de/shop/

Ein Bus namens Wanda: Die Aegis Buchhandlung wappnet sich kreativ für den Corona-Winter

Mit Kreativität und einer tollen Idee wappnen sich der Ulmer Buchhändler Rasmus Schöll und das Team der Aegis Buchhandlung Ulm für die kalte Jahreszeit. „Im Weihnachtsgeschäft geht es im Laden immer hoch her, viele Kunden bestellen Buchgeschenke online oder telefonisch und wollen sie dann abholen“, schildert Schöll die „normale“ adventliche Verkaufssituation. Doch Corona macht in diesem Jahr alles anders. „Wir können im Grunde nicht mehr als fünf, sechs Kunden gleichzeitig in den Laden lassen“, sagt Schöll, „zugleich wollen wir ihnen keine lange Wartezeiten vor unserer herkömmlichen Abholstation in der Kälte zumuten.“

Deshalb kommt Anfang November „Wanda“ ins Spiel: „Wanda“ ist der Mercedes Benz MB 100-Bus von Aegis-Mitarbeiterin Anna Kalmbach, mit dem bereits die halbe Welt bereist wurde. Nun wird er für mindestens zwei Monate in der Ulmer Innenstadt vor der Buchhandlung Station machen. Ausgerüstet mit einer Standheizung und einem Solardach hat der Bus bereits den nötigen Komfort für einen Kioskbetrieb, ergänzt wird das Innenleben noch durch eine Registrierkasse und Ablagemöglichkeiten für die Bücher. „So bieten wir unseren Kunden eine tolle Abholstation für ihre Weihnachtsgeschenke, die Wartezeiten werden verkürzt und wer aus gesundheitlichen Gründen nicht in den Laden möchte, kann dies vermeiden“, so Rasmus Schöll.

Bei der Ulmer Stadtverwaltung fand diese kreative Idee zur Belebung der Fußgängerzone schnell Zustimmung: Ein formloser Antrag genügte, „die Genehmigung war ruckzuck da“, freut sich Rasmus Schöll über die unbürokratische Zusammenarbeit.

Kontakt und Information:

Aegis Buchhandlung
Inh. Rasmus Schöll
Breite Gasse 2
89073 Ulm
Telefon: 0731 64051
E-Mail: info@aegis-literatur.de
https://aegis-literatur.de/

Öffnungszeiten:
Montag-Freitag: 9.30 bis 19.00 Uhr
Samstags: 9.00 bis 17.00 Uhr

Literatur unter Bäumen: Premiere von „Andrin“

Ende August erscheint im Mirabilis Literaturverlag mit „Andrin“ das Romandebüt der bildenden Künstlerin Martina Altschäfer – und die Buchpremiere findet bei dem schönen Projekt „Literatur unter Bäumen“ am Samstag, 29. August, in Neu-Ulm statt. Martina Altschäfer und Verlegerin Barbara Miklaw werden den Roman vorstellen, umrahmt von feiner Jazzmusik.

Mehr zu der Veranstaltungsreihe findet sich hier: „Literatur unter Bäumen“.

Zum Buch:

Susanne ist Schriftstellerin und Ghostwriterin. Als sie für einen zahlungskräftigen »Premium«-Kunden eine geschönte Autobiografie verfassen soll, ist sie nahe am Verzweifeln. Ihr Verleger stellt Susanne kurzerhand seine Ferienwohnung in Italien zur Verfügung, um sie zu motivieren. Doch auf der Reise in den Süden verhindert mitten in den Schweizer Alpen ein Steinschlag die Weiterfahrt. Unversehens gerät sie nach Voglweh, eine kleine verfallene Siedlung mit lediglich zwei Bewohnern, die kaum eine Verbindung zur Außenwelt haben und sich selbst versorgen. Aus ursprünglich einer Notübernachtung werden Tage, Wochen, Monate. Susanne taucht immer intensiver hinein in die geheimnisvolle Welt ihrer Gastgeber…

Zur Autorin:

Martina Altschäfer hat Bildende Kunst und Germanistik an der Johannes Gutenberg Universität in Mainz und Freie Malerei an der Kunstakademie Düsseldorf studiert. Ihre künstlerische Arbeit ist unter anderem mit dem Burgund-Stipendium des Landes Rheinland-Pfalz sowie dem Preis des Landes Rheinland-Pfalz für Graphik ausgezeichnet worden. Trotz ihrer großen Vorliebe für das Gebirge lebt und arbeitet sie in Rüsselsheim am Main.

»Andrin« ist Martina Altschäfers Romandebüt, nachdem 2017 bereits ihr Erzählband »Brandmeldungen« mit zahlreichen farbigen Zeichnungen und Textcollagen im Mirabilis Verlag erschienen ist.

Zum Verlag:

Der Mirabilis Verlag ist ein unabhängiger Verlag mit Sitz in Miltitz bei Meißen (Sachsen) und wurde 2011 von Barbara Miklaw gegründet. Anliegen des Verlags ist es, Bücher zu veröffentlichen, die auch lange nach dem Lesen noch in Erinnerung bleiben – der besonderen Sprache, der tiefgehenden und berührenden Erzählung wegen. Programmschwerpunkt sind Erzählungen und Romane, oft in Verbindung mit bildender Kunst.

Verlagsseite: https://mirabilis-verlag.de/

LITERARISCHE ORTE: Der Revoluzzer von der Alb

„Gottes Schild flamm‘ über dir! In dir werden Männer geboren stark und voll Kraft. Deutschheit, redlicher Sinn, schwäbische Herzlichkeit, redselige Laune, unschuldiger Scherz seyen immer, wie bisher, dein Eigenthum. Der Vorsicht Flügel schweb‘ über eurer Kirche, eurem Rathhause, euren Hütten, und – eurem Gottesacker!“

Christian Friedrich Daniel Schubart, Zitat aus „Simon von Aalen“, ca. 1775

Die Schwäbische Alb ist eine rauhe Landschaft. Geprägt vom Juragestein, ein Land, das den Menschen früherer Zeiten alles abverlangte. Der „Älbler“, er gilt gemeinhin als „eigen“. Und mitten hinein in diese herbe, karge Gegend wird 1739 ein wortstarker Freigeist und Luftikus geboren: Christian Friedrich Daniel Schubart. Geboren im württembergischen Obersontheim wurde für Schubart zur eigentlichen prägenden Stadt der Kindheit und Jugendjahre jedoch das nahegelegene Aalen: Hier wirkte der Vater Schubarts ab 1740 als Präzeptor und Musikdirektor.

In seinen Memoiren schrieb Schubart später:

„In dieser Stadt, die verkannt wie die redliche Einfalt, schon viele Jahre im Kochertale genügsame Bürger nährt – Bürger von altdeutscher Sitte, bieder geschäftig, wild und stark wie ihre Eichen, Verächter des Auslands, trotzige Verteidiger ihres Kittels, ihrer Misthaufen und ihrer donnernden Mundart, wurd ich erzogen… Was in Aalen gewöhnlicher Ton ist, scheint in anderen Städten trazischer Aufschrei und am Hofe Raserei zu sein. Von diesen ersten Grundzügen schreibt sich mein derber deutscher Ton…“

 

 

In Aalen lebte Schubart bis 1753, dann wurde er zur Universitätsvorbereitung auf das Gymnasium in dem etwa 40 Kilometer entfernten Nördlingen geschickt. Während des Theologiestudiums in Erlangen macht der Feuerkopf bereits das erste Mal Bekanntschaft mit dem Gefängnis – er, der zeitlebens Wein, Weib und Gesang zugetan war, landet dort wegen Schulden. Geknickt kehrt er 1760 nach Aalen zurück, wo er seinen Vater als Kantor und Prediger unterstützt. 1763 kommt er als Organist nach Geislingen, ebenfalls auf der Schwäbischen Alb gelegen, 1773 wird er jedoch als Stadtorganist wegen seines lockeren Lebenswandels und seiner frechen Zunge aus dem Dienst entlassen.

Sein weiterer Lebensweg führt ihn durch weite Teile Württembergs und Bayerns. 1774 ist ein bedeutsames Jahr: Schubart wendet sich dem Journalismus zu. In Augsburg gibt Christian Friedrich Daniel Schubart erstmals ein Wochenblatt, das in der Regel zweimal wöchentlich erschien, unter dem Namen „Deutsche Chronik“ heraus. Bereits nach fünf Wochen verbietet der Augsburger Magistrat jedoch den Druck des Journals, dieser wird dann 1776 bis 1777 beim Verlag Wagner in Ulm fortgesetzt.

Heiner Jestrabek schreibt dazu in der Broschüre „Sturm und Drang auf der Ostalb“:

Die „Deutsche Chronik“ war ein volkstümliches Blatt, das sich mit politischen Fragen befasste und literarische, pädagogische und poetische Beiträge brachte. Die Chronik war ausserordentlich erfolgreich und bald das wichtigste puplizistische Organ der bürgerlichen Opposition im ganzen Deutschen Reich. Schubart war jetzt 35 Jahre alt und hatte endlich einen Beruf, der Dauer und Einkommen versprach. 1775 wurden 1600 Exemplare verkauft. Da die Chronik viel herumgereicht wurde, hatte sie bis zu 20.000 Leser. Nach nur fünf Wochen wurde der Druck in Augsburg untersagt und musste nach Ulm verlegt werden. Die katholische Partei in Augsburg sah in Schubart ihren Hauptfeind. So wurde Schubarts Schlafzimmer mit einem Steinhagel bedacht, vor dem er nur unter seinem Bett Schutz fand. Besonders intensiv legte sich die Chronik mit dem Orden der Jesuiten an. Diese verbrannten sogar ein Spottgedicht des antiklerikalen Schubart öffentlich. Schubart schrieb in der Chronik: „den Geist dieses Ordens, der sich wie epidemischer Hauch im Finstern oder am hellen Mittage verderbend in einem Staat verbreitet“.

2018_Ulm (72)Schubart zieht 1775 nach Ulm, ist aber in der freien Reichsstadt gefangen. Nochmals Jestrabek:

„Auch mit seinen alten Widersachern, den Jesuiten gab’s Ärger. Ein Vorfall sollte die Brutalität und Gefährlichkeit dieser Klerikalen zeigen. Knapp ausserhalb der Ulmer Stadtmauern, in Wiblingen, wurde Josef Nickel, ein entlaufener Jesuitenschüler, der sich zu den Schriften Wielands, Lessings und Votaires bekannt hatte, gegen den Pater Gassner redete und offen für Schubart eintrat, unter dem Vorwurf der Ketzerei verhaftet, zum Tode verurteilt und „im Jahr des Heils 1776, am ersten Juni, Morgens 8 Uhr“ geköpft. Schubart, der ihm einen Roman geliehen hatte, wurde beschuldigt, der Verursacher der „Religionsbeschimpfung und Gotteslästerei“ Nickels gewesen zu sein. „Dieser Zufall kerkerte mich gleichsam in Ulm ein, weil mir ein gleiches Schicksal drohte“.

In diesen unruhigen Zeiten wird jedoch auch ein anderer Freiheitsdichter aus dem Württembergischen auf seinen Landsmann aufmerksam: 1775 veröffentlichte Schubart im „Schwäbischen Magazin“ seine Erzählung „Zur Geschichte des menschlichen Herzens“, Friedrich von Schiller liest diese später und verwendet sie in wesentlichen Teilen für sein Drama „Die Räuber“. Auch in der Erzählung, die Schubart mehrfach überarbeitete, zeigt sich seine spitze Zunge:

„Von uns armen Teutschen liest man nie ein Anekdötchen, und aus dem Stillschweigen unserer Schriftsteller müssen die Ausländer schließen, daß wir uns nur maschinenmäßig bewegen und daß Essen, Trinken, Dummarbeiten und Schlafen den ganzen Kreis eines Teutschen ausmache, in welchem er so lange unsinnig herumläuft, bis er schwindlige niederstürzt und stirbt. Allein, wann man die Charaktere von seiner Nation abziehen will, so wird ein wenig mehr Freiheit erfordert, als wir arme Teutsche haben, wo jeder treffende Zug, der der Feder eines offenen Kopfes entwischt, uns den Weg unter die Gesellschaft der Züchtlinge eröffnen kann.“

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Als Schubart jedoch des württembergischen Herzogs Mätresse Franziska von Hohenheim in einem Schandgedicht als „Lichtputze, die glimmt und stinkt“ verspottet, ist er in den Augen der Obrigkeit fällig: Durch eine Intrige wird er 1777 nach Blaubeuren gelockt, von da aus geht es in den Kerker in Hohenasperg. Ohne Anklage oder gar Verurteilung wird Schubart in der Festung Asperg für zehn Jahre eingesperrt und damit der berühmteste politische Gefangene seiner Zeit. Er darf lange keine Besucher empfangen und wird in den Anfangsjahren mit Schreib- und Leseverbot belegt. Erst die politische Intervention Preußens führte zu seiner Freilassung 1787. Zwar setzt er seine angriffslustige Polemik auch dann wieder fort, unter anderem in der Vaterländischen Chronik. 1791 stirbt er jedoch, physisch wie psychisch gebrochen.

Zu seinem 275. Geburtstag würdigte ihn Frank Suppanz in einer Veröffentlichung des Reclam Verlages:

„Es wäre zu einseitig, in Schubart nur den literarischen Polemiker zu sehen. Er war ein hochbegabter Klavierspieler und Organist (…) Die Musik schien differenziertere Seiten in Schubarts Charakter zum Vorschein zu bringen. In seinen „Ideen zur Ästhetik der Tonkunst“ argumentiert ein Vollblutmusiker mit klassizistischen Normen – für Angemessenheit als Maßstab des musikalischen Ausdrucks und für feine Nuancierung als Voraussetzung eines schönen Vortrags.“

 

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Der Marktplatz in Aaalen. Bild von Birgit Böllinger auf Pixabay

Zu seinem 280. Geburtstag erinnert die Stadt, der er zeitlebens innerlich verbunden blieb, mit zahlreichen Aktivitäten an den freiheitsliebenden Dichter und Musiker: So findet in Aalen am kommenden Wochenende (22. und 23. Februar 2019) eine Tagung zu „Schubart und die französische Revolution“ statt, der renommierte Schubart-Preis wird an Daniel Kehlmann vergeben und in der Veranstaltungsreihe „wortgewaltig“ wird der Bogen von Schubart zur zeitgenössischen Kultur geschlagen.

Ein Besuch der oberschwäbischen Stadt lohnt sich auch unabhängig von den Schubart-Aktivitäten wegen ihrer Limes-Thermen und dem mit den Römern verbundenen Status als Stätte des Weltkulturerbes: Hier befand sich das größte römische Reiterkastell nördlich der Alpen. Das Limesmuseum, die größte Einrichtung Süddeutschlands am UNESCO-Welterbe Limes, ist allemal einen Besuch wert, war allerdings in den vergangenen drei Jahren wegen grundlegenden Umbaus geschlossen. Ab Ende Mai können die Spuren der Römer auf der Alb wieder besichtigt werden.


Texte von Schubart:

Gedichte und Texte in der Bibliotheca Augustana
„Zur Geschichte des menschlichen Herzens“ im Projekt Gutenberg
Stoffgeschichte zu „Die Räuber“

Biographisches:
„Das Leben des Christian Friedrich Daniel Schubart“ von Heiner Jestrabek
Schubart in der „Deutsche Biographie“

Orte:
Schubartjahr 2019 in Aalen
Schubart-Sammlung in Aalen


Bilder zum Download:
Schubart-Skulptur

Bild Marktplatz


LESARTEN: Der Buchhändler – Lotse, Ratgeber und Verführer.

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Bücher bieten Vitamine für das Hirn – liebevoll arrangiert werden bei Aegis auch die antiquarischen kleinen Kostbarkeiten. Alle Bilder: Birgit Böllinger

„Das Geheimnis unseres Erfolges war, dass wir die Buchhandlung zu einem magischen Ort machen wollten, der sich von anderen abhob und in dem schon der Kauf eines Buches zu einem aufregenden Erlebnis wurde. Das war von Anfang an unser Ziel, und je mehr wir uns in die Idee vertieften, desto mehr traf es zu. (…) Und so wurde der Laden – nicht weil wir uns das so ausgemalt hatten, sondern weil Bücher zu verkaufen einfach etwas Persönliches ist – zu einem sehr persönlichen Ort.“

Madge Jenison, „Sunwise Turn“.

Neulich war ich mit einer Bekannten beim Bummeln in der Fußgängerzone einer bayerischen Großstadt. Die Fußgängerzonen sind austauschbar, die Läden überall dieselben. Wir kamen auch an jener Buchhandelskette vorbei, die mittlerweile in jeder Fußgängerzone zu finden ist. Massen von Büchern, gestapelt, in die Regale gepresst, Lagerhaltung. Kein Geist, der da atmen kann. Meine Bekannte sah mich an und seufzte: „Ehrlich, wenn ich das sehe, habe ich schon gar keine Lust mehr, was zu lesen.“

Sie brachte damit etwas zum Ausdruck, was der Börsenverein des Deutschen Buchhandels als einen Kern der Krise sieht:

„Bücher sind jedoch häufig aus dem öffentlichen Diskurs und persönlichen Umfeld verschwunden. Der Austausch über Bücher fehlt, Menschen sind weniger involviert in Buch-Themen und fühlen sich überfordert vom großen Titelangebot. Die Folge: Die Menschen finden am Buchmarkt keine ausreichende Orientierung mehr.“

(Quelle: https://www.boersenverein.de/de/portal/Presse/158382?presse_id=1477382)

Eine Untersuchung über den Buchmarkt führte nun, pünktlich zur Frankfurter Buchmesse, zu Unruhe: 6,4 Millionen potentielle Leser sind in den vergangenen Jahren entschwunden, die Bücherkäufe rückläufig, der Umsatz schrumpft. Aber dennoch werden immer mehr Bücher produziert (von „verlegen“ mag ich bei manchen Titel schon gar nicht mehr sprechen).

Die Verlage zur Selbstbeschränkung aufzufordern, ist wohl naiv und sinnlos. Aber seien wir doch ehrlich: Es wird einfach zu viel veröffentlicht, neu aufgelegt, das Rad dreht sich immer schneller, ein „meisterhaftes Debüt“ jagt das nächste, die gehypten Bücher von gestern landen heute als Remittenten auf dem Tisch der Sonderangebote. In der Masse geht das Gespür für das „besondere“ Buch, für die talentierte Autorin, für die literarische Qualität verloren. Ich meine damit nicht, dass man den Menschen nur noch Joyce und Proust verordnen sollte – Literatur gehört auch nicht in einen Elfenbeinturm, nicht einer literarisch gebildeten Elite vorbehalten. Aber etwas weniger Seichtigkeit, etwas mehr Konzentration auf einige herausragende Titel, die diesen oben genannten Diskurs über viele Schichten hinweg anstoßen könnten, das täte meiner Meinung nach dem Buchmarkt gut. Das Buch wieder zu etwas Besonderem machen – ein blauäugiger Wunsch, ich weiß.

Wer angesichts der Flut an Büchern nicht weiter weiß, der gründe einen Lesekreis – oder wende sich an einen Buchhändler seines Vertrauens. In einer Zeit der Massenproduktion kann er der Lotse sein durch den Bücherdschungel, Orientierung geben, Empfehlungen aussprechen oder den Kunden auch sanft in eine neue Richtung stupsen. Horizonte öffnen. Und im besten Fall wird so das Buch zu einem persönlichen Erlebnis,  die Buchhandlung zum magischen Ort, an dem man über das Buch, über Gott und die Welt diskutieren kann.

2018_Ulm (29)Einer von diesen, die für das Medium Buch brennen, das ist Rasmus Schöll aus Ulm. Vor wenigen Monaten übernahm der 31jährige Buchhändler die Traditionsbuchhandlung „Aegis“ in der Münsterstadt: 1946 eröffnete Ernst Gustav Siegfried Bauer, der im Nationalsozialismus als Widerstandskämpfer jahrelang unter Beobachtung stand, in der Ulmer Altstadt, nahe des Münsters, eine Buchhandlung mit Verlag und Antiquariat. Sein erster Lehrling schrieb Literatur- und Verlagsgeschichte: Siegfried Unseld, der 1959 den Suhrkamp Verlag übernahm. An ihn erinnert auch heute noch einer seiner Briefe, der gerahmt bei Aegis hängt und von der Belesenheit dieses Verlegers und Buchhändlers spricht. Ernst Joachim Bauer, Sohn des Aegis-Gründers, betrieb Laden, Antiquariat und den dazu gehörigen Verlag seit den 1970er Jahren – nun aber, mit 70, wollte er sich zur Ruhe setzen. Zumindest teilweise: Leser bleibt man schließlich immer. Und zudem wird die einst als Filiale in Laichingen (Alb-Donau-Kreis) gegründete Außenstelle zum Stammgeschäft für Bauer, der dort auch lebt.

Eine Buchhandlung übernehmen in der heutigen Zeit? Wo alle Welt von der Krise spricht, wo der Onlinehandel einen großen Teil des Geschäftes dominiert, wo die Ketten vor allem von Bestsellern und Umsätzen mit Artikeln rund ums Buch leben? Wer Rasmus in seinem Laden erlebt, der ahnt: Da muss man sich wohl keine allzu großen Sorgen machen. Da treffen händlerische Kompetenz und literarische Leidenschaft zusammen. An jenem Samstagmorgen, an dem ich „Aegis“ besuche, ist von Krise jedenfalls wenig zu spüren: Die Ulmer schlendern vom Wochenmarkt in der Breiten Gasse mit ihren schönen Läden vorbei, machen Halt im Buchladen, suchen, schnuppern und wollen vor allem auch eins: Gute Beratung. Eine Dame war angetan von einer Empfehlung des Literarischen Quartetts und sucht nun etwas Ähnliches. Eine junge Mutter mit Anhang geht zielstrebig in die Kinderecke. Ein mittelalterlicher Herr weiß eigentlich genau, was er will – aber dann bräuchte er doch noch ein Geschenk, und weil ihm der Tipp zusagt, kauft er das Buch gleich doppelt.

Die beste Kundenbindung, das zeigt sich hier, das ist die passende Beratung: Wenn jemand von einem Lesetipp begeistert ist, dann kommt er wieder. Und Rasmus und seine drei Mitarbeiterinnen sowie Florian L. Arnold, mit dem Rasmus den Verlag „TOPALIAN & MILANI“ betreibt, und der ebenfalls einen Tag in der Woche bei Aegis zu finden ist, wissen, was sie empfehlen: Im Laden steht fast nichts, was sie nicht selbst gelesen haben. “Aber es geht uns nicht darum, die Menschen zu bevormunden – wir haben zwar keinen Sarrazin im Laden, um ein Beispiel zu nennen, aber wer das Buch bei uns bestellen will, bekommt es“, sagt Rasmus. Und natürlich gibt es die Tische mit den Longlist- und Bestseller-Büchern, die gerade im Gespräch sind. Im Geschäft selbst jedoch ist auch viel Fläche dem vorbehalten, was Lesern eben nicht von den einschlägigen Listen entgegenspringt: Viel Literatur aus unabhängigen, kleinen Verlagen, eine Philosophie-Ecke, ein Platz für wunderschöne Künstlerbücher.

Schon räumlich unterscheidet sich „Aegis“ von den Bücherkaufhallen der Fußgängerzonen: Verwinkelt schlaucht sich der Laden in der ersten Ebene um mehrere Ecken. In jeder von diesen sind liebevolle gestalterische Details zu finden, die das Leserherz optisch ansprechen. Während im Erdgeschoß neue Bücher zu finden sind, taucht man im ersten Stock in eine ganz andere Welt ein – durch eine handgemachte Falttür aus Holz betritt man Räume, die den Geist einer anderen Zeit zu atmen scheinen. Hier ist das Antiquariat zu finden. „Durch den Onlinehandel sind ja vor allem die Antiquariate aus unseren Städten verschwunden“, sagt Rasmus. „Man merkt das, wenn man jüngere Leute in der Buchhandlung hierher führt – die haben noch nie ein Antiquariat gesehen, für die ist das ein Erlebnis.“

Der Buchkauf als Erlebnis, wie von Madge Jenison beschrieben: Wo es noch Buchhändler wie Rasmus gibt, ist das noch möglich. Da wird der Buchhändler zum Lotsen, der jedem Kunden den passenden Tipp zu geben mag. Da wird er zum Orientierungsgeber, wenn einen die Auswahl erschlägt. Und manchmal wird er auch zum Verführer – kaufen wollte ich bei meinem Aegis-Besuch „eigentlich“ nur zwei Bücher. Verlassen habe ich den wunderbaren Laden mit einem vollen Rucksack.

Mein Plädoyer lautet: Geht in eure Buchhandlung vor Ort, lasst euch anstecken von Leidenschaft und Belesenheit. Lernt neue literarische Länder kennen – ein guter Buchhändler macht das möglich.

Übrigens: Bald ist wieder die Woche der unabhängigen Buchhandlungen. Eine tolle Aktion. Und wer in und um Ulm herum ist, sollte da – aber auch zu jeder anderen Woche des Jahres – unbedingt einen Abstecher zu „Aegis“ machen.

Kontakt und Information:

Der Buchladen Aegis – https://aegis-literatur.de/

Der Verlag – http://www.topalian-milani.de/

Die Woche der unabhängigen Buchhandlungen – https://wub-event.de/

Florian L. Arnold: „Die Ferne“

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Bild von David Mark auf Pixabay

„Kein Mensch hatte ein größeres Verlangen nach Büchern als Itys. Wenn er nicht Vater und Mutter bei ihren Forschungsarbeiten unterstützte oder sich um die Instandhaltung des Hauses kümmerte, sah man Itys lesend. Vielleicht besaß er einmal etwas Geld, vielleicht sogar ein Vermögen, doch er steckte jeden Cent in seine Bücher, von denen er manche in bestimmten Abständen verkaufte, um neue Bücher erwerben zu können. Er trug die Bücher in seinen Anbau, wie ein verwildertes Tier seine Beute in Sicherheit bringt. (…).

Jeder Winkel war mit Regalen und Konstruktionen für seine Bücher genutzt, selbst in die Schrägen des Daches hatte er Bücher gefügt.
Hast Du die alle gelesen?, fragte ich ihn. Er nickte nur. Was steht in den Büchern?, fragte ich weiter. Gedichte, antwortete er, Gedanken, auch Fragen. Vieles, das man nicht sofort verstehen soll; und darum muss man es immer wieder lesen. (…).

Sieh nur, sagte er und hielt mir einige seiner Schätze hin: Sie sind so kostbar, weil sie sich mit Geschichten vollgesogen haben, sie sind durch hunderte Hände gegangen. Sieh nur hier, sagte er und ließ mich selbst die Bücher durchblättern. (…)

Itys forderte mich auf, am Papier zu riechen, forderte meine Fingerkuppen zu einer Reise über das Papier auf:

Nun rate, sagte er, wie viele Fingerkuppen sind wohl über diese staubstumpfen, sandgelben Papierebenen geglitten?“

Florian L. Arnold, „Die Ferne“, Mirabilis Verlag, 2016.

Ein fast schon mystisches Verhältnis zu Büchern vermittelt Itys dem Kind Evren – etwas, das sein weiteres Leben, seine Lebenssuche wesentlich prägen wird. Denn Evren, der zuerst seine Eltern, Vulkanforscher, verlieren wird, dann fast sein eigenes Leben aus Trauer um diese Verluste und schließlich auch den Assistenten der Wissenschaftler, Itys, der für das Kind wie ein zweiter Vater war, wird im Grunde sein ganzes weiteres Leben nach Geschichten forschen …

Der zweite veröffentlichte Roman von Florian L. Arnold, der bereits 2015 mit seiner Novelle „Ein ungeheuerlicher Satz“ (ebenfalls im Mirabilis Verlag erschienen) auf der Hotlist der Unabhängigen Verlage auf sich aufmerksam machte, ist schwer einem Genre zuzuordnen: Zeit und Orte wirken unbestimmt. Auf der Suche nach seinen Wurzeln begibt sich der junge Mann in ein sagenumwobenes Land namens Gadjan. Mit der fortschreitenden Erzählung wird auch in die (fiktive) Historie dieses (fiktiven) Landes eingeführt – ein Sehnsuchtsort, der bereits dem Untergang preisgegeben ist.

Und dennoch ist „Die Ferne“ kein Buch aus dem Genre „Fantasy“ oder „Saga“. Alles ist Metapher: Die Suche nach dem verlorenen Land, das ist die Suche nach Herkunft, Zugehörigkeit, Prägung, aber auch nach Zukunft, Ziel und Sinn. „Eine bildgewaltige Erzählung über die Irrwege des Erinnerns, über Freundschaft und Liebe, Einsamkeit und Verlust“, heißt es im Klappentext zum Buch und weiter: „Mit unbändiger Fabulierlust schafft der Autor unglaubliche Szenarien: ein Füllhorn von Bildern und Personen, in dem existenzielle Erfahrung und sinnliche Fantasiewelten zusammenwachsen.“

Die Kurzbeschreibung könnte etwas irreführend sein: Bei so manchem Leser könnten „unbändige Fabulierkunst“ und „Fantasiewelten“ Hoffnungen auf Einhörner, Hobbits oder ähnliches wecken – und der wäre dann enttäuscht. Denn tatsächlich fehlt es an solchen Fabelwesen – obwohl die Erzählung Mythen und Phantasien von verlassenen Einöden voller Vulkangestein heraufbeschwört, so ist sie im Kern durch und durch real und menschlich: Sie handelt von einem, der alles verloren hat und auf der Suche ist, nicht zuletzt auch auf der Suche nach sich selbst.

Florian L. Arnold erzählt dies in einer ganz eigenen Sprache, die – passend zur Passion der Vulkanforscher – einen gleichsam wie ein Lavastrom beinahe magnetisch in die Geschichte einsaugt: Es ist dieses Sprachvermögen, eine ganz eigene Sprachmelodie, die den Leser durch diesen schwer einzuordnenden, aber nicht minder faszinierenden Roman trägt.

„Am Abend finde ich Obdach unter einem breiten Felsüberhang, von dem aus ich den Blick zurück in die Senke von Bavren und hinein in den Sonnenuntergang genieße. Später senkt ein schwarzer Himmel sich auf das Khpȗhi, und die eben noch gläsern wirkenden, zerrissenen Zinnen der Berge brennen in unheimlichen roten und violetten Farben, um kurz darauf in aschfarbene Stille zu sinken: Denn selbst in die größte Finsternis nehmen meine Augen einen Teil des Lichtes dieser Welt mit.“

Der Roman selbst ist vollgesogen mit Geschichten, geschrieben in einer Sprache, die den Eindruck unterstützt, einem Gelehrten früherer Tage, einem Weltenforscher alten Schlages auf der Spur zu sein. Ergänzt wird der so gelungen altertümlich anmutende Text durch Fotografien des Ulmer Autors, der als freier Zeichner, Schriftsteller sowie im Duo mit Rasmus van Beusten auch als Kopf der Ulmer Literaturwoche und eines eigenen Verlages multitalentisch unterwegs ist.

Wie aus dem Schöpfer eines Klavierkonzertes „für einen halben Konzertflügel und Entenschnattern“ der ernsthafte Schriftsteller Florian L. Arnold wurde, kann man hier lesen: http://www.florianarnold.de/

Mehr zum Buch beim Mirabilis Verlag: http://www.mirabilis-verlag.de/

 

 

LITERARISCHE ORTE: Klosterbibliothek Wiblingen – Lost in Rokoko.

Es ist schon ein wenig eine Überforderung für die Augen, wenn man den Bibliothekssaal in der ehemaligen Benediktinerabtei Wiblingen (bei Ulm) betritt: Erschlagen vom Rokoko. Zugegeben, meine Art der Hausbibliothek wäre das nicht – zu viele Staubfänger, hier vornehmer Allegorien genannt. Und zudem ist die Geschichte solcher Prestigebauten ebenso erdrückend wie ihr erster Anblick: Die Bibliothek als Hort der Bildung und Wissenschaft, erbaut auf dem Rücken und mit dem Geld der meist notleidenden Bevölkerung zu jener Zeit. Das 1093 gegründete Kloster wurde ab 1714 zum Objekt barocker Bauwut und Prestigesucht: Es wurde erweitert und komplett zu einem monumentalen barocken Bauensemble umgebaut.

„In quo sunt omnes thesauri sapientiae et scientiae absconditi“: Hier sind alle Schätze der Weisheit und Wissenschaft bewahrt – begleitet von dieser selbstbewussten Aussage über der Bibliothekstür betritt man den Saal, der heute als eine der gelungensten Raumschöpfungen des Rokoko gilt. Er entstand zwischen 1740 und 1750, das Deckenfresko schuf der Maler Franz Martin Kuen: Die göttliche Weisheit, die über unserer aller Köpfe schwebt. Der Saal wurde 1757 bezogen, mehr als 13.000 Bücher fanden hier ihren Platz.

 

wiblingen-4517166_1920„Die Bibliothek ist ein schöner Saal, von dem es scheint, daß die Herren von Schussenried das Modell zum ihrigen möchten genommen haben; schön, was Malerkunst, Bildhauerei, Architektur und das Äußerliche überhaupt betrifft. Von der Büchersammlung sind die Meinungen nicht gleich; einige sagen, daß sie sehr ansehlich sei, andere wollen wissen, daß man in diesem Punkte allzu haushälterisch zu Werke gehe, als daß die Sammlung jährlich einen wichtigen Zuwachs bekommen sollte, und daran soll das schöne Kirchengebäude schuld sein. Von der Erfahrung kann ich da nicht sprechen; es war uns unmöglich uns länger als einige Minuten an diesem Orte aufzuhalten, und die Fustische Bibelausgabe von 1462 (die ich auf meiner Reise das dritte Mal hier sah) ausgenommen, bemerkte ich weiter nichts. Sonst wird hier auch ein in den Jahren 1384 und 1385 abgeschriebenes Nachfolgungs-Christibüchlein gezeigt, worin obgedachte Jahrzahlen drei- bis viermal vorkommen. Es ist dies ein Buch, über dessen Autor sich die Gelehrten schon lange zanken; wenn diese Jahrzahlen authentisch sind, so ist dem Streite bald abgeholfen.“

Pater Johann Nepomuk Hauntinger (1756 – 1823), Stiftsbibliothekar des Benediktinerklosters St. Gallen, nach einem Besuch in Kloster Wiblingen. Sowohl St. Gallen als auch das im Text erwähnte Kloster Schussenried verfügen ebenfalls über einzigartige Klosterbibliotheken.

Zahlreiche allegorische Figuren tummeln sich in der Klosterbibliothek – sie stehen unter anderem für die Liturgie, Naturwissenschaften, Jurisprudenz, Mathematik, Askese und Weltverachtung und Wissenschaft. Über allem thront das Wissen der Welt. Und natürlich: Die Theologie.

 

Kein Geld für Bücher, aber an den repräsentativen Werken wurde trotzdem fleißig weitergebaut: 1783 wurde die neue Klosterkirche eingeweiht, ein Zeugnis der Barockzeit mit gewaltigen Dimensionen: 72 Meter lang, 27 Meter breit. Der Architekt der Kirche, Januarius Zick lieferte auch die Motive für die Deckenfresken, die bis heute als herausragende Beispiele süddeutscher Freskomalerei gelten.

 

Erschlagen vom Rokoko musste ein offenbar junger Besucher im Gästebuch seinem Herzen Luft machen: „Alles nur aus Plastik“. Wer sich selbst davon überzeugen will, ob Plastik oder echter Gips…hier geht es zu den näheren Informationen über Kloster Wiblingen.


Bilder zum Download:

Bild 1, Detailaufnahme Zirkel
Bild 2, Bibliothek
Bild 3, Skulptur groß
Bild 4, Bücherregal
Bild 5, Skulptur klein
Bild 6, Detailaufnahme Fächer
Bild 7, Innenhof
Bild 8, Innenhof mit Kirche
Bild 9, Portal Kirche