EDGAR ALLAN POE: Der Untergang des Hauses Usher

Edgar Allan Poe, den Meister der schwarzen Romantik, meisterhaft ins Bild gesetzt: “Der Untergang des Hauses Ushers” als Graphic Novel von Andrea Grosso Ciponte.

Der amerikanische Autor Edgar Allan Poe erzählt in seiner erstmals 1839 erschienenen Kurzgeschichte in der für ihn typischen Mischung aus grotesken Situationen, subtilem Horror und spannungsgeladenen Sprachkaskaden von menschlichen Urängsten und vom Kampf des Geistes gegen dunkle Triebe, sinniert aber auch auf zart-poetische Weise über Freundschaft, Empathie und eine Liebe über den Tod hinaus. „Der Untergang des Hauses Usher“ ist eine Erzählung zum Fürchten und ein glänzendes Beispiel für die tiefschwarze Romantik im Gewand einer Gothic Fiction.

Nun hat Andrea Grosso Ciponte die Kurzgeschichte von Edgar Allan Poe nach einem Szenario von Dacia Palmerino als Graphic Novel gestaltet. Andrea Grosso Ciponte hat bei dieser Arbeit zum ersten Mal mit einer KI-gestützten Software auf dem Tablet gezeichnet. Er sagt dazu: „Ich sah das Potenzial insbesondere in der Unvollkommenheit des Tools und wollte es einsetzen, um die visuellen Paradoxien zu nutzen, die meiner Meinung nach gut zu Poes visionärem Stil passen.“


Die Künstler:

Der international erfolgreiche Künstler Andrea Grosso Ciponte, der 1977 in Praia a Mare geboren wurde, ist ein kalabrischer Maler, Filmemacher und Kunstprofessor sowie Professor für Computergrafik an der Akademie der Bildenden Künste in Catanzaro. 2011 wurden seine Arbeiten auf der Biennale in Venedig gezeigt.
Dacia Palmerino, 1978 in Mailand geboren, hat film- und videohistorische Sammlungen herausgegeben und Essays zu Experimenten der audiovisuellen und multimedialen Kunst veröffentlicht. Sie hat an der Akademie der Schönen Künste in Foggia Net Art unterrichtet. Lebt und arbeitet in Catanzaro.

In der Edition Faust sind von Andrea Grosso Ciponte bereits folgende Graphic Novels erschienen: nach E.T.A. Hoffmanns Sandmann, Schillers Geisterseher, Kleists Marquise von O…., Walpoles Schloss Otranto und Storms Schimmelreiter sowie das Leben von Martin Luther.


Bibliographische Angaben:

Graphic Novel von Andrea Grosse Ciponte und Dacia Palmerino
nach Edgar Allan Poes
„Der Untergang des Hauses Usher“
Aus dem Italienischen von Myriam Alfano
Edition Faust, Frankfurt a. M., 2023
Hardcover, Vierfarbig, Format: 225 x 315 mm, 64 Seiten. € 24,–
ISBN 978-3-949774-13-3


Stimmen zum Buch:

“Eine Graphic Novel, mit der es gelungen ist, die grausige Geschichte vom Ende des Hauses Usher so darzustellen, dass E.A. Poe vermutlich davon beeindruckt gewesen wäre. Für mich ein Vergnügen, sich auf diese Weise mit dem Werk des amerikanischen Schrifstellers zu befassen.” – Heinz Bielstein

“Liebhabern markanter Horrorliteratur sei dieses Werk aber auf jeden Fall ans Herz gelegt: Es ist beeindruckend schaurig! Ein Geniestreich für Poe-Fans, das sicherlich auch dem Meister der Horrorliteratur selbst gefallen hätte.” – Sina-Christin Wilk, Kulturabdruck

“Im Falle von „Der Untergang des Hauses Usher“ von Edgar Allan Poe wurde das maßgeschneiderte Gewand von Andrea Grosso Ciponte nach der Adaption von Dacia Palmerino mit derart facettenreichen Accessoires ausgestattet, das der Begriff Opulenz dagegen wie ein abgenutzter Kartoffelsack um die Ecke schielt.” – Karsten Koblo

“Wunderbare Grafik!” – Travel without moving

“Für meinen Geschmack hat Ciponte alles sehr gut umgesetzt.” – Manuela Hahn

“Der Untergang des Hauses Usher ist ungewöhnlich, außergewöhnlich, faszinierend und fesselnd zugleich.” – Nerd mit Nadel

“Die Kurzgeschichte, die von Urängsten, dem Kampf gegen mächtige Triebe und der Schwäche des Menschen erzählt, ist eine der wichtigsten Erzählungen der Literatur überhaupt. Der Künstler Andrea Grosso Ciponte, geb. 1977, hat sie in eine moderne, zeitgemäße Form gegossen, die einen mächtig das Fürchten lehrt!” – Petra Lohrmann, Gute Literatur – Meine Empfehlung


Ein Beitrag im Rahmen meiner Pressearbeit für den Verlag

THERES ESSMANN: Federico Temperini

Theres Essmann gibt mit dieser Novelle ein Debüt, das von einem musikalischen Gespür für Sprache und Rhythmus zeugt. „Federico Temperini“ entfaltet auf knappen Raum, gekonnt verdichtet, das Leben zweier Männer, erzählt von gescheiterten Lebensentwürfen und vom Neubeginn sowie von einer ungewöhnlichen Freundschaft.

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Bild von Pexels auf Pixabay

„Tagsüber lag der Geigenkasten auf meiner Rückbank, und ich fuhr mit ihm durch Köln. Ich schaute nicht hinein. Ein Fahrgast sagte: „Reicht wohl nicht, um davon zu leben.“ Ich antwortete nicht darauf.
Abends legte ich ihn vor mir auf den Küchentisch. Das schwarze Leder war abgestoßen, mit der flachen Hand strich ich darüber, spürte die Risse. Der Kasten war locker 50 Jahre alt (…)
Warum von dem, was sein Leben gewesen war, nur noch die Schutzhaut übrig war, und wo seine Geige jetzt war, ich konnte es ihn nicht mehr fragen.“

Theres Essmann, „Federico Temperini“


Unterschiedlicher könnten sie nicht sein, diese beide Männer: Der Taxifahrer Jürgen Krause, der sich die einsamen Abende mit einer Eric Clapton-Biographie vertreibt, und der geheimnisvolle ältere Herr, ein profunder Kenner klassischer Musik, von dem Krause eines Tages als Chauffeur zur Kölner Philharmonie gebucht wird. Und doch verbindet die beiden Protagonisten dieser Novelle eine Gemeinsamkeit: Sie sind, zwar auf sehr unterschiedliche Weise, am Leben gescheitert.

Das Erzähldebüt von Theres Essmann gleicht beinahe einem Kammerspiel: Im begrenzten Raum eines Taxis kommen sich die beiden Männer allmählich näher, lernen sich peu à peu, Fahrt für Fahrt zur Philharmonie ein wenig kennen. Die Schriftstellerin wechselt dabei die Erzähltempi wie in einer wohldurchdachten Sinfonie, beginnend mit einer langsamen Annäherung, endend im Rondo, das zumindest für den Taxifahrer von viel Moll in ein sanftes Dur wechselt.

Besessen von Nicolò Paganini

Bei Krause, der nach einem abgebrochenen Studium und einer Scheidung im Grunde immer noch lebt wie ein ewiger Student, wächst nach und nach die Neugier auf den Hintergrund seines zunächst schroff wirkenden, oftmals abweisenden Fahrgast. Dieser scheint seltsam besessen von Nicolò Paganini, dem Teufelsgeiger, dem Franz Liszt in seinem Nachruf ein „düster trauriges Ich“ bescheinigte. Auch Federico Temperini ist keine Frohnatur: Einsam, verschlossen, die einzige Ausdrucksfähigkeit scheint in der Musik zu liegen.

Zunächst herrscht zwischen den beiden Männern, zumindest auf Krauses Seite, eher Befremden, Distanz und leise Abneigung:

„… und sah, dass der Anrufer Temperini gewesen war. Ich hatte ihn längst zu meinen Kontakten hinzugefügt, aber wann immer sein Name auf dem Display meines Handys erschien, ging es mir damit wie mit seinem Büttenpapier-Umschlag auf meinem Beifahrersitz: Er gehörte da nicht hin.“

Für den Fahrer ist der alte Herr einer, der „wie aus der Zeit gefallen scheint“. Und doch lernen  die beiden Männer sich nach und nach kennen und rücken im Taxi förmlich zusammen – Temperini belegt eines Tages statt der Rückbank den Beifahrersitz. Dies ist mit viel erzählerischem Gespür aufgebaut: Auch beim Leser steigt die Neugier auf diesen Wiedergänger Paganinis, ab und an meint man gar, mitten in einer „gothic novel“ zu sein.

Ein Leben in Armut und Einsamkeit

Das Schicksal Temperinis ist jedoch ganz und gar erdgebunden: Das Leben eines begnadeten Musikers, das durch eine Erkrankung aus der Bahn gebracht wurde und in Einsamkeit und Armut endet. Etwas, was sich dem Taxifahrer jedoch zu spät, erst nach Temperinis Tod, vollständig enthüllt.

Ohne es aussprechen zu müssen (oder besser: „ausschreiben“), führt Theres Essmann die Leser so zum Kern der Geschichte: Krause gibt, auch mit Hilfe der lebensklugen Maria, seinem Dasein eine Wende, zwar nicht durch einen spektakulären Neubeginn, sondern eher durch einen neuen Blick auf das, was ist. Er schüttelt seine Traurigkeit, sein Phlegma, seinen Fatalismus ab – und plötzlich sind viele Wege wieder offen.

Theres Essmann gibt mit dieser Novelle ein Debüt, das von einem musikalischen Gespür für Sprache und Rhythmus zeugt. „Federico Temperini“ entfaltet auf knappen Raum, gekonnt verdichtet, das Leben zweier Männer, erzählt von gescheiterten Lebensentwürfen und vom Neubeginn sowie von einer ungewöhnlichen Freundschaft. Und nicht zuletzt macht diese Erzählung Lust auf eine Taxifahrt durch das nächtliche Köln.


Zur Autorin:

Die 1967 im Münsterland geborene Theres Essmann studierte Literaturwissenschaften und Philosophie, lebt und arbeitet in Stuttgart und Köln. Für ihr Erzähldebüt erhielt sie ein Stipendium des Förderkreises deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg.

Homepage der Autorin: https://theres-essmann.de/


Informationen zum Buch:

Theres Essmann
Federico Temperini
Verlag Klöpfer, Narr, 2020
164 Seiten, Festeinband mit Lesebändchen, 18,00 €
ISBN: 978-3-7496-1026-6

Literarische Orte: Thomas Mann in Bayern

Die längste Zeit seines Lebens verbrachte der Hanseat Thomas Mann in Bayern. Ein kleiner Spaziergang auf seinen Spuren durch die oberbayerische Landschaft.

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Hinweistafel am Mann-Haus in Bad Tölz. Bild von Birgit Böllinger auf Pixabay

Manche Schriftsteller verortet man unbewusst in bestimmte Landschaften. Oder anders ausgedrückt: Ihr Werk ist geprägt von der Landschaft, in der sie lebten, in der sie arbeiteten. Man denke nur an Theodor Storm oder an Fontane.

Aber bei anderen bringe ich dagegen Lebensorte, Temperament und dessen literarischen Ausdruck nur schwer zusammen. Thomas Mann in Bayern? Obwohl der Hanseat 30 Jahre dort, also die längste Zeit seines Lebens, seinen Lebensmittelpunkt hatte, so verbinde ich mit seinem Namen mehr oder wenig sofort Lübecker Backsteingebäude oder ein Hiddenseer Reetdachhaus.

Umzug von Lübeck nach München

Ich selbst kann mir Thomas Mann nur schwer als entspannten Landmann, Wanderer in Nagelschuhen, durch die Voralpen streifend und an einem der bayerischen Seen entspannend, vorstellen. Und doch gab es das auch. Nach dem Tod von Thomas Manns Vater 1891 zog seine Mutter – die in Brasilien aufwuchs und Lübeck immer als zu eng empfand – zwei Jahre später mit den jüngeren Geschwistern von Thomas Mann nach München. Thomas folgt 1894 nach und zog in die Stadt, die ihn ebenso prägte wie Lübeck, obwohl er wohl im Herzen, sicher aber im Habitus immer ein Hanseat blieb.

Literarische Spuren von Bayern finden sich in seinem Werk zuhauf: Schon in seinem Debüt „Buddenbrooks“ wird der Norden, sprich die Hansestadt Lübeck, mit München konterkariert. Man denke allein an den Hopfenhändler Permaneder: Die wenig schmeichelhafte Überspitzung des Typs des gemütlichen, gutmütigen, aber auch bauernschlauen Münchners. Dass diese Figur mit so spitzer Feder gezeichnet ist, lag sicher auch daran, dass Thomas Mann zu jener Zeit auch für den „Simplicissimus“ arbeitete.

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Skulptur von Quirin Roth in Gmund am Tegernsee. Bild von Birgit Böllinger auf Pixabay

Hauptsächlicher Wohnort in Bayern ist und bleibt für Thomas Mann München: Hier wird er, nach einem kurzen beruflichen Abstecher in eine Versicherungsanstalt, zum freien Künstler, hier lernt er Katia Pringsheim kennen, hier baut er, dem ein eigenes Haus wichtig ist, seine Villa im noblen Viertel Bogenhausen. Damals freilich noch nicht ganz so nobel. Eine Ahnung davon erhält man in „Herr und Hund“ (1918). In dieser, einer seiner längsten Erzählungen, schildert Mann so ausführlich und akribisch wie selten anhand der Spaziergänge mit seinem Lieblingshund „Bauschan“ die Umgebung, in der er lebt:

„Und doch war die Sache schon so weit gediehen, daß diese Straßen ohne Anwohner ihre ordnungsgemäßen Namen haben, so gut wie irgendeine im Weichbilde der Stadt oder außerhalb seiner; das aber wüßte ich gern, welcher Träumer und sinnig rückblickende Schöngeist von Spekulant sie ihnen zuerteilt haben mag. Da ist eine Gellert-, eine Opitz-, eine Fleming-, eine Bürger-Straße, und sogar eine Adalbert-Stifter-Straße ist da, auf der ich mich mit besonders sympathischer Andacht in meinen Nagelschuhen ergehe (…)“

Die Adalbert-Stifter-Straße in München-Bogenhausen ist immer noch da, die 1913 erbaute Villa der Manns jedoch gibt es nur noch in einer Rekonstruktion: Das Gebäude war bei einem Bombenangriff zerstört worden, Thomas Mann ließ es 1952 vollends abreißen und verkaufte das Grundstück. 2001 wurde es nach den Original-Bauplänen wieder erbaut, aber ist seither als Luxusimmobilie in Privatbesitz.

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Das Mann-Haus in Bad Tölz.

Ein anderes Haus, das sich Mann in Bayern bauen ließ, gibt es jedoch noch im Originalzustand: Die „kleine“ Villa in Bad Tölz, für die schnell wachsende Familie zunächst ein wunderbares Domizil in der Sommerzeit, dann wurde es aber von Kind zu Kind enger. Zumal hier auch „Bauschan“ als weiteres Familienmitglied hinzukam:

„Ein ansprechend gedrungenes, schwarzäugiges Fräulein das, unterstützt von einer kräftig heranwachsenden Tochter in der Nähe von Tölz eine Bergwirtschaft betreibt, vermittelte uns die Bekanntschaft mit Bauschan und seine Erwerbung.“

Denkmal am Tegernsee

Dem Hund aus Bad Tölz setzt der Schriftsteller in „Herr und Hund“ ein Denkmal. Ein Denkmal für Herr und Hund ist dagegen nicht in Bad Tölz zu finden, sondern in Gmund an Tegernsee. Seit 2001 steht hier die Skulptur von Quirin Roth und erinnert so daran, dass der Tegernsee, die Badewanne der Münchner, früher schon ein beliebtes Ausflugsziel war – weniger für die Schickeria, sondern für die Münchner Bohème rund um die Mannschaft des „Simplicissimus“. Thomas Mann lernte die Gegend bereits als Kind kennen, als seine Eltern in Wildbad Kreuth zur Sommerfrische waren. Auch später zog es ihn immer wieder in die Region. Die beiden „Ludwigs“ – Ganghofer und Thoma – die vor ihrem Ruck ins Deutschnationale auch für die Satirezeitung schrieben, siedelten hier an, in seinem Haus in Tegernsee frönte der Karikaturist Olaf Gulbransson der Freikörperkultur und schwang gerne auch nackt die Sense, um das Gras zu mähen.

Zurück nach Bad Tölz: Ein Thomas Mann-Museum gibt es hier leider nicht (wer im Ort ist, kann das „Bulle von Tölz-Museum“ besuchen, ob es sich lohnt, vermag ich nicht zu sagen), auch kann das Landhaus, das sich Mann 1909 für seine junge Familie bauen ließ und das sie bis 1917 nutzten, nicht besichtigt werden. Dennoch lohnt sich ein Blick auf das Grundstück, wenn man sowohl die privaten Notizen von Thomas Mann aus jener Zeit als auch die Erinnerungen der älteren Kinder an das Haus, an Land und Leute kennt. Erika Mann, die Rastlose, kam in einigen ihrer Texten auf diese Landschaft ihrer Kindheit zurück. In einer 1930 entstandenen „Liebeserklärung an Bayern“ schreibt sie:

„Wenn irgendwo ein Wiesenweg, eine Bergkette, eine Viehweide uns besonders zu Herzen sprach, erkannten wir bald mit dem Heimatlichen die Ähnlichkeit, – fast wie bei Tölz (…).“

Und Golo Mann sagt in „Erinnerungen und Gedanken“:

„Es dauerte dann etwa fünfunddreißig Jahre, bis ich Tölz wieder sah. Anfang der fünfziger Jahre war das meiste noch wie eh und je, die vier Kastanien und „Hüttchen“, letzteres renoviert, das Haus nach außen hin unverändert. Wie sehr seine Verzierungen „Jugendstil“ waren, bemerkte ich erst jetzt.“

Rückzugsort Bad Tölz

Die Villa, seit 1926 im Besitz eines Ordens, dient inzwischen als Erholungsheim für Ordensschwestern und ist öffentlich leider nicht mehr zugänglich. Bad Tölz bemüht sich anderweitig, um an den berühmten Bewohner, wenn dieser auch nicht zu lange hier lebte, zu erinnern. So wird wohl in diesem Oktober noch in der Tölzer Stadtbibliothek ein Thomas-Mann-Zimmer eröffnet – eingerichtet mit Mobiliar und Gegenstand aus dem „Mausloch“. So bezeichnete Mann ein Haus, das der Kunsthändler Georg Martin Richter in der bayerischen Gemeinde Feldafing gekauft hatte. Thomas Mann beteiligte sich mit 10.000 Mark an dem Kauf und konnte sich, wenn es ihm in München zu trubelig wurde, hierher zum Schreiben zurückziehen. Zwischen 1919 und 1923 war er mehrfach dort, dabei entstanden wesentliche Teile des Zauberbergs.

Erwähnt werden müssen, wenn es um Thomas Mann und Bayern geht, zwei Institutionen: Zum einen die Monacensia in München mit ihrer umfassenden Familie-Mann-Bibliothek sowie der neu erarbeiteten Ausstellung „Literarisches München zur Zeit von Thomas Mann“. Und der Literaturwissenschaftler Dirk Heißerer: Keiner kennt so sehr die Spuren großer Schriftsteller in Bayern wie er, insbesondere aber diese von Thomas Mann. Seit Jahren ist er Vorsitzender des Thomas-Mann-Forums München und gibt die Thomas-Mann-Schriftenreihe heraus. In dieser ist auch der Band „Nicht auf der Rasenkante gehen!“ von Daniel Lang, eine Arbeit über die Manns in Bad Tölz und die Geschichte des Hauses, erschienen.


Weitere Informationen:

Daniel Lang, “Nicht auf der Rasenkante gehen!”: Link zum Buch

Literarische Spaziergänge mit Dirk Heißerer: https://www.lit-spaz.de/

E. M. Forster: Die Maschine steht still

Diese Dystopie liest sich so überzeugend und ist verblüffend aktuell, als habe Forster schon ein paar Jahre Facebook-Mitgliedschaft hinter sich gebracht.

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Bild von S. Hermann & F. Richter auf Pixabay

„Es gab einen Knopf für Kaltbäder. Es gab einen Knopf für Literatur. Und natürlich gab es jene Knöpfe, die es ihr ermöglichten, mit ihren Freunden zu kommunizieren. Als Nächstes betätigte sie wieder den Isolationsknopf, und die Anfragen der letzten drei Minuten stürzten auf sie ein … Wie ist das Essen? Kannst du es empfehlen? Hast du Ideen gehabt in letzter Zeit?“

E.M. Forster, „Die Maschine steht still“


Den britischen Schriftsteller Edward Morgan Forster (1879 bis 1970) hatte ich für mich als britischen Nachfolger von Henry James und Proust eingeordnet: Ein Meister im Abbilden gesellschaftlicher Verhältnisse, der ganz fein nachzuzeichnen weiß, wie die innere Erodierung von Menschen, die in Konventionen erstarrt sind, voranschreitet, wenn sie in neue Verhältnisse geworfen werden. Ein feiner Beobachter des britischen Kolonialreichs und dessen Klassenverhältnisse, im Fokus dabei die Mittel- und Oberschicht. Einer, der ebenso wie Henry James, die Innenwahrnehmung seiner Figuren und die Geschehnisse der Außenwelt schreibend meisterhaft verband.

Seine großen Romane „Zimmer mit Aussicht“, „Wiedersehen in Howards End“ und „Auf der Suche nach Indien“ eigneten sich zudem als Vorlagen für ganz großes Kino. Unter Verschluss hielt er lange das Werk „Maurice“, in dem er, literarisch verpackt, auch über seine eigene Homosexualität schreibt.

1909 geschrieben, als hätte Forster heute gelebt

Als bei Hoffmann und Campe eine dystopische Erzählung Forsters angekündigt wurde, war ich zunächst neugierig – und skeptisch. Das Genre schien mir zu dem, was ich selbst von Forster kannte, wenig zu passen. Doch „Die Maschine steht still“ liest sich so überzeugend und auch verblüffend erschreckend, als habe Forster beim Schreiben schon ein paar Jahre Facebook-Mitgliedschaft hinter sich gebracht.

1909 schrieb Forster diesen Text, von dem er nicht ahnen konnte, dass er bereits ein Jahrhundert später schon Wirklichkeit werden würde. Die Geschichte, sie erinnert an Menschen, die wir vielleicht aus unserer eigenen Umgebung kennen – Menschen, die mehr soziale Kontakte in der virtuellen denn in der realen Welt pflegen, die kaum mehr aus dem Haus gehen, Aktivitäten scheuen und deren bester Freund ein Laptop mit WLAN-Zugang ist. Und wenn man beim Lesen sich selbstkritisch prüft, so stellt man fest – ein wenig von Vashti trägt man selbst in sich. Wie oft lasse ich mich aus Bequemlichkeit von den „sozialen Medien“, die im Grunde antisozial sind, zerstreuen, lasse mich auf sinnlose Diskussionen mit Menschen, die ich nicht kenne, ein oder lese irgendwelche Nachrichten, die mich ansonsten nicht die Bohne interessieren würden? Aber der Vorzug ist: Facebook, Twitter und Co. sind so leicht zu haben – während alles andere Eigenaktivität und Energie voraussetzt.

Die Maschine erfüllt alle Grundbedürfnisse

Etwas, was die Hauptfigur in Forsters Erzählung und mit ihr der Großteil der Menschheit auch, kaum mehr aufzubringen vermag: Vashti hat seit Menschengedenken ihre Wohnung nicht mehr verlassen, sie lebt wie andere in Waben (Bienenvölkern gleich, die jedoch nicht einmal mehr die Freiheit des Fliegens genießen können) unter der Erde, im Glauben, alles über der Erdoberfläche sei vernichtet und unbewohnbar. Doch selbst, wenn nicht: Menschen wie Vashti zieht es schon gar nicht mehr hinaus in die Welt, sozialisiert durch die Maschine, die alle Bedürfnisse der Grundversorgung erfüllt. Und für Sehnsüchte und Träume, die darüber hinausgehen, sind die Menschen bereits abgestumpft. Fühlt man einmal den Wunsch nach Kontakt, dann stellt man Bildtelefonate her – doch die Beziehungen bleiben im Unverbindlichen, verursachen weder Freud noch Leid, sind beliebig und austauschbar:

„Sie hatte Abertausend Bekannte. In gewissen Bereichen konnte die menschliche Kommunikation erhebliche Fortschritte verzeichnen.“

Selbst als ihr Sohn Kuno ihr von einer anderen möglichen Welt erzählt, in der es Licht und Gras gibt, selbst als er sie bittet, einmal ihre Wabe zu verlassen und ihn zu besuchen, zögert Vashti, überlegt einen Kontaktabbruch. Schließlich aber wagt sie sich dennoch an die Reise – just in dem Moment, als die Maschine, die einer Gottheit gleicht, stillsteht und die Welt auf eine Katastrophe zusteuert: Denn ohne die Maschine, die alles lenkt und regelt, sind die Menschen hilflos und überfordert…

Frühe Alptraum-Vision unserer Gegenwart

Auf 89 Seiten wird in der Übersetzung von Gregor Runge eine Alptraum-Vision von einer Welt beschrieben, von der wir nicht allzu weit entfernt sind: Friedenspreisträger Jaron Lanier wird auf der Rückseite des in Leinen gebundenen Bändchens damit zitiert, dies sei „die früheste und wahrscheinlich auch heute noch treffendste Beschreibung des Internets“.

Johannes Boie stellte die Erzählung in der Süddeutsche Zeitung in einer Rezension (“Als Facebook in Leinen gebunden war”) vor, die mit ihren drei Spalten Länge ungewöhnlich ist für eine Vorlage von so schmalem Format. Doch wenn auch Forsters Erzählung nur wenige Seiten hat – diese haben es eben in sich:

„Die Maschine steht still“ zu lesen, bedeutet, im Schnitt alle drei Seiten verblüfft zu sein und zu grübeln über den sanften Horror, der dem eigenen Alltag viel näher kommt, als einem angenehm wäre. Denn da folgen Sätze um Sätze, die, heute gelesen, lakonische, entlarvenden Anmerkungen zum Zustand der Welt im Facebook-Zeitalter sind.“

Das stimmt. Und man fragt sich beim Lesen, warum die Menschen – die doch, wie Kuno ausruft, das Maß aller Dinge sind, und nicht eine Maschine – sich doch so unablässig und freiwillig unter die Herrschaft solch einer Maschine begeben. Ein dystopischer Text, der nachdenklich macht: Wie schwer würde es mir selbst fallen, die „sozialen Medien“ zu kappen, außerhalb des Blogs offline zu gehen, nicht mehr regelmäßig nach neuen Nachrichten und Informationen zu schauen?

Sapere aude: Das ist der Leitspruch der Aufklärung, die Aufforderung Kants, den Mut zu haben, sich des eigenen Verstandes zu bedienen. Wie Forsters Erzählung auch zeigt – ausgerechnet im digitalen Informationszeitalter klärt sich immer weniger auf, wird die Welt immer verwirrender und der Mensch zugleich geneigter, seinen Verstand an die Maschine abzugeben.


Informationen zum Buch:

Edward M. Forster
Die Maschine steht still
Übersetzt von Gregor Runge
Hoffmann und Campe, 2016
ISBN: 978-3-455-40571-2

John von Düffel: “Hotel Angst” und “Wassererzählungen”

Wenn John von Düffel von Familien schreibt, von Vätern und Söhnen wie in „Houwelandt“ und „Vom Wasser“, dann ist er am stärksten. So auch im Hotel Angst.

“Das Hotel Angst war ihre Titanic, es war die Herrlichkeit und Weihe ihres Untergangs, es war das Wrack, mit dem sie langsam, aber unausweichlich in die Tiefe sanken, auf den Grund der Vergangenheit, von dem es heute noch aufragt bis in unsre Zeit, eine Titanic des Festlands, erhaben in ihrem Unheil, glamourös in ihrem Verfall. Und so steht das Hotel heute noch immer da, der untergegangene Traum einer Epoche, und macht dem Namen Angst heute vielleicht mehr Ehre denn je.“ 

John von Düffel, “Hotel Angst”


Ein Mann stirbt und mit ihm seine Träume. Ein Sohn begibt sich auf Spurensuche: Er reist an den Urlaubsort seiner Kindheit, nach Bordighera an der italienischen Riviera. Dort steht, mittlerweile eine verwunschene Ruine, das „Hotel Angst“, das legendäre Grand Hotel der Belle Époque. Ein Traumhotel im wahrsten Sinne – ein Lebenstraum des Vaters war es, dieses mondäne Haus mit neuem Glanz zu erfüllen. Wie zäh und nachhaltig der sonst so verschwiegene Mann diesem Traum nachhing, dies wird dem Sohn erst allmählich an der Riviera klar. Eine feingesponnene Novelle, deren melancholisch-leiser Grundton die passenden Bilder von einer untergegangenen Epoche, einer vergangenen Zeit evoziert.  

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Bild von AliceKeyStudio auf Pixabay

Doch was für diese Gesellschaft sprach, für all die gekrönten und ungekrönten Häupter Europas, die sich im Hotel Angst ein letztes Mal hochleben ließen, war ihre Vergänglichkeit. Sie feierten ihre Ballnächte und Diners am Abgrund der Zeit und schienen insgeheim darum zu wissen, so wie sie sich in Positur warfen vor dem Kameraauge der Ewigkeit. Sie wußten schon damals, daß sie eigentlich nicht mehr existierten, sondern so etwas waren wie Gespenster zu Lebzeiten, die sich noch einmal versammelt hatten für einen letzten körperlosen Tanz im Spiegel des Verschwindens.” 

Die der Geschichte innewohnende Traurigkeit – Trauer um Verluste, Verluste von Menschen, Verluste von Orten, Verluste von Träumen – kontrastiert mit der blendenden Sonne, dem Touristenrummel dieser Tage, den Anflügen von „dolce vita“, denen der Erzähler bei Speis und Trank nachgibt. Elegant verwebt John von Düffel mehrere Erzählstränge in seinem Stoff – er erzählt von jenen Männern, die die feine Welt nach Bordighera brachten, am Ende aber an ihren Träumen scheiterten. Er erzählt von einem italienischen Schriftsteller und Freiheitskämpfer, der im Exil im nebeligen England die italienische Luft und Sonne nicht vergessen kann. Und mit einem etwas kitschigen Roman seinem Heimweh Ausdruck verleiht – ein Roman, der bei anderen die Sehnsucht nach dieser Landschaft wachruft. Und John von Düffel erzählt von dem trockenen Statiker, der so nüchtern in seinen Handlungen wirkt und dabei insgeheim das Träumen nicht lassen kann: Als sich kein Weg findet, dem Hotel Angst wieder Leben einzuhauchen, macht sich der Mann selbst an ein Romanprojekt, in der Hoffnung, Geschichte ließe sich wiederholen.

Eine Erzählung vom Abschiednehmen

Vor allem aber ist dies eine Erzählung vom langsamen Abschiednehmen und dem Näherkommen, das dabei dennoch ermöglicht wird: Je mehr der Sohn von den Träumen seines Vaters erfährt, desto mehr beginnt er ihn zu verstehen – und kann sich so dem Verstorbenen nochmals annähern. Wenn John von Düffel von Familien schreibt, von Vätern und Söhnen wie in „Houwelandt“ und „Vom Wasser“, dann ist er am stärksten – und so birgt auch diese schmale Erzählung wunderbare Sätze, gerade dann, wenn der Sohn den Aufenthalt seines Vaters in der „fünften Dimension“, dem Reich der reinen Möglichkeit, umreißt:

„Er war ein Träumer, aber kein Erfinder, seine Inspiration war die Vergangenheit und das Gefühl, ihr zugehörig zu sein – mehr als allem anderen auf der Welt. (…) Es ging ihm nicht um sich, um seine Phantasie, sondern um das Phantastische, das dem Vergangenen innewohnte, und seine größte Sehnsucht war, ein Teil davon zu sein.“ 

Ein schmales, nostalgisch anmutendes Stück Literatur – eines, das vermag, auch beim Lesen Sehnsüchte zu wecken: Und so ist das „Hotel Angst“ auch für mich zu einem Sehnsuchtsort geworden – einer, der wahrscheinlich nur in der Phantasie weiterbestehen wird.


„Das Wasser an einem Wintertag. Der Himmel über der See ist hauchblau. Eine Bläue, die allen Dunst und Nebel, die Wolken und Schwaden in sich aufgesogen und verwandelt hat in einen Reifatem, der die Sonne blass macht, eine gefrorene Scheibe aus Licht.“

John von Düffel, „Wassererzählungen“


John von Düffel ist also nicht nur ein Langstreckenschwimmer. Seit „Vom Wasser“, sein erster Roman 1998 erschien, bin ich einer der vielen Fische, die ab und an in seinen Fan-Schwarm mit eintauchen. Kein gegenwärtiger deutscher Autor schreibt eben so schön, aber auch so viel über das Element Wasser und die Leidenschaft des Schwimmens wie er. In seine guten Romane kann man einsinken, abtauchen, für einige Stunden untergehen. Dazu zähle ich auch „Houwelandt“, diese Familiengeschichte, in der ebenfalls das Meer eigentlich die Hauptrolle spielt. Oder die Novelle „Hotel Angst“. Aber auf die Ebbe folgt auch die Flut beziehungsweise nach der Flut die Ebbe: „Ego“, die Geschichte eines fitnessbesessenen, karrieregetriebenen Egomanen – sie trieb mich als Leserin dann wieder eine Weile weg von der Düffel-Fangemeinde, ließ mich eher ratlos zurück.

Nun also die Kurzstrecke – Erzählungen. Natürlich drehen auch sie sich bei diesem Autoren, der schon einmal in der Presse auch als „amphibischer Schriftsteller“ bezeichnet wird, um das nasse Element. Und mir erging es beim Lesen der „Wassererzählungen“ ähnlich wie mit den oben genannten Langwerken – ein Auf und Ab, eine Wellenbewegung zwischen abtauchen, sinken lassen, mittreiben und dann wieder ein abebben der Begeisterung bis hin zum – naja, Untergang wäre übertrieben. Soll heißen: Die Mehrzahl der Erzählungen sind „von Düffels“, das heißt, schön zu lesen, dort wo eine leichte Melancholie mitschwingt, wo der Seegrund so tief ist wie die Trauer in manchen Herzen, wo das Meer so blau leuchtet wie die Hoffnung in einem Menschen. „Das Spiel ohne auf die Erde zu kommen“, „Der schwarze Pool“, „Ostsee“ – ein sprachlich eleganter Erzählfluss. Schöne Bilder:

„Als sie den schmalen, geschlängelten Weg hügelan fuhren, erhob sich der Wald vor ihnen wie eine Wand. Die Dämmerung stand zwischen den schwarzen Tannen, während der Himmel noch licht war, hell und stufenlos grau. Die ungemähte Wiese zum Wald hin sah aus, als hätte sich eine Herde von Nebeltieren darin gewälzt. Bleiches, verblühtes Gras lag nass und regenschwer in Wellen darnieder.“

Ab und an meint John von Düffel jedoch, er müsse in die Tiefen der Ironie eintauchen, der Satire oder Kritik am Zeitgeist, wo auch immer er da schriftstellerisch dahinschwimmt. „Die Vorschwimmerin“ und „Das permanente Wanken und Schwanken von eigentlich allem“ sind Beispiele dafür, Erzählungen als Monolog und Dialog verfasst. Hier kommt der Theatermann durch. Wo von Düffel jedoch mit spitzer Feder schreibt, kommt bei mir als Leserin eher Geplätscher an, seichte Wellenausläufer.

So lautet mein Fazit der „Wassererzählungen“: Flut und Ebbe.


Informationen zu den Büchern:

John von Düffel
Hotel Angst
dtv Verlag, 2007
ISBN: 978-3423135719

Wassererzählungen
dtv Verlag, 2017
ISBN: 978-3-423-14554-1