Max Mohr: Frau ohne Reue

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Bild von Pezibear auf Pixabay

„Keine Tränen. Nicht einmal an Golo oder an Else Schlittenmeister ein Brief, eine Mitteilung. Nichts. Wenn sie an Fenn dachte, fühlte sie, daß nicht durch seinen Tod ihre Seele leer geworden war. Ihre Seele war schon vorher leer gewesen. Und sie war leer, weil sie leer war, mehr ließ sich darüber nicht sagen (…)
Aber die Menschen, gerieten sie nicht in Raserei, wenn sie spürten, daß ihre Seelen leer waren? Wüteten sie nicht gegeneinander, zerfleischten sie sich nicht gegenseitig, tobten sie nicht gegen sich selber mit diesen leeren Seelen? Anders war`s bei ihr, anders bei ihrer leeren Seele. Wenn die Zeit gekommen war, daß die Seele leer war, dann war diese Zeit eben gekommen.“

Max Mohr, „Frau ohne Reue“.

Was für ein eigenartiger, traumhaft schöner, traumwandlerischer Roman! Was mit dem Esprit und der Leichtigkeit einer Keun, eines Kästners beginnt, was man den Berlin-Romanen der 1920-er und -30er-Jahre und der Neuen Sachlichkeit zuordnen könnte, das wandelt sich mit dem Wechsel des Schauplatzes und innerhalb weniger Kapitel fundamental. Und wird zu einer Geschichte, die zunächst mit der Hoffnung verlockt, da mögen welche mit dem Rückzug in die Natur und in der Einsamkeit der Berge ihren Frieden und ein kleines Glück finden – und die dann doch wieder eine ganz andere Wendung nimmt, die zeigt, wie schwer es ist, abseits zu stehen. Was aber, wenn eine Gesellschaft sich so entwickelt, dass ein einzelner Mensch sich weder dort noch außerhalb ihrer behaust fühlen kann?

Lina, die Hauptfigur dieses Romans ist so eine, eine Wanderin zwischen den Welten, die sich, vor allem zu Ende dieses melancholisch-schönen Romans geradezu somnambul durch die Tage und Nächte bewegt. Eine Entwurzelte, die von ihrem Geburtsort, einem Bergdorf, in Berlin an der Seite eines dominant-dynamischen Geschäftemachers landet. Als Fenn, ein mittelloser Journalist, eines Tages in der Villa des Ehepaars Gade eintrifft, ist es eine Sache von wenigen Minuten: Lina flieht förmlich aus ihrem goldenen Käfig, lässt Mann und Kind zurück.

Den witzigen Kneipendialogen mit dem Freundespaar Golo und Else, dem Bohème-Leben in Berlin folgen Wochen des Reisens, bis es Lina zurück zu ihrem Kind zieht. Ein wagemutiger Plan, das Mädchen Jane aus der väterlichen Villa zu entführen, wird in die Tat umgesetzt, ein abgelegener Berghof wird zum Zufluchtsort für das Trio. Doch wo Lina zurück zu ihren Ursprüngen findet, kommt Fenn an seine Grenzen: Er ist und bleibt ein Mensch der Stadt, der auch den Trubel, das Treiben um sich herum spüren muss. Seine letzte Bergtour endet tragisch, Lina und Jane bleiben allein zurück. Die Mutter weiß, sie kann mit dem Kind nicht alleine in der Einöde bleiben und bringt es aus Vernunftgründen nach Berlin zurück. Monate später kommt Lina wieder ins Gebirge. Und sie, die Traumwandlerin, verliert ihr Leben an den Mond.

„Sie hatte Tränen in den Augen. Durch das offene Tor konnte auch sie den Mond sehn, den vollen Lichtball über den Gipfeln (…) Es war jene nachmitternächtliche Schönheit der Welt, die einem die dritten Tränen entlockte, jenseits von Freunde und Schmerz.“

Auch wenn die Protagonisten dieses sprachlich und atmosphärisch so dichten Romans am Ende keinen Platz für sich finden, auch wenn Lina, die Einzelgängerin, zerrissen bleibt zwischen dem Wunsch nach Selbstentfaltung, einem authentischen Leben und gleichzeitig den Verpflichtungen als Mutter, so ist der Titel „Frau ohne Reue“ dennoch treffend. Lina handelt instinktiv, aus innerer Überzeugung, traumwandlerisch richtig. Sie ist eine starke Frau, eine Frau ohne Reue. Selbst ihr früher Tod ist folgerichtig.

Denn, so Verleger Stefan Weidle in seinem Nachwort:

„Alle Wege haben sich als Sackgasse erwiesen, und die Natur hält nur noch den Tod bereit, symbolisiert durch den Enzian, den Lina Gade in den Mund nimmt: Diese Pflanze war D. H. Lawrences  Todesblume in einem seiner letzten Gedichte, »Bavarian Gentians« (»Bayerische Enziane«). Lawrence schrieb das Gedicht in Rottach Ende September 1929, als er seinen Freund Max Mohr besuchte.“

Schön ist es, dass das Gedicht in der deutschen Übertragung durch Stefan Weidle dem Band ebenso beigefügt ist wie „Mondvogel“, ein Gedicht Mohrs, das seinem Freund gewidmet ist, sowie eine biographische Skizze des lange vergessenen Schriftstellers Max Mohr (1891 – 1937) von Roland Flade. Denn auch Max Mohr gehört zu den lange zu Unrecht vergessener Autorinnen und Autoren, für die der Nationalsozialismus das Ende ihrer schriftstellerischen Karriere bedeutete.

Der aus einer jüdischen Würzburger Fabrikantenfamilie stammende Mohr war Mediziner, er pendelte zwischen seinem Einödhof am Tegernsee, wo er mit seiner Frau lebte, und der Berliner Literatur- und Theaterszene hin und her. Vor allem seine Dramen wurden viel gespielt, dennoch blieb er – wie seine Hauptfigur Lina in „Frau ohne Reue“ – zerrissen, unbehaust. 1934 flüchtete Max Mohr aus Deutschland und ließ sich als praktischer Arzt in Shanghai nieder, wo er 1937 an Herzversagen starb. Ein Portrait von Max Mohr findet sich im Literaturportal Bayern.

Seit einiger Zeit wird der Autor wiederentdeckt – und seine „Frau ohne Reue“ ist in diesem Jahr erfreulicherweise auch das Buch für „Würzburg liest“.

Informationen zum Buch:
Max Mohr
Frau ohne Reue
Weidle Verlag, 2019
Fadengeheftete Broschur, 224 Seiten, 14,00 Euro
ISBN: 978-3-938803-95-0


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Ian McEwan: Der Zementgarten (1978). Unschuldige (1989). Abbitte (2001).

Die jüngsten Coups des britischen Schriftsteller Ian McEwan machten Furore: „Honig“, jene Geschichte um Liebe und Verrat zwischen einer jungen Spionin und einem Schriftsteller, wurde in Zeitungsrezensionen und in der Bloggerwelt hoch gelobt. In „Honig“ kommt Ian McEwan, der in frühen Jahren als Talent ebenso wie als „enfant terrible“ der britischen Literaturszene gefeiert wurde, auf ein Thema zurück, um das etliche seiner Romane kreisen: Serena, die 20jährige MI5-Spionin, die im Namen Ihrer Majestät einen jungen Schriftsteller für den Geheimdienst einspannen soll, muss im Laufe der Geschichte ihre moralischen Überzeugungen stetig überprüfen, revidieren, über Bord werfen. Es ist auch die Geschichte einer Entwicklung, einer Reifung – eine Geschichte vom Erwachsenwerden, wie sie McEwan häufig schreibt.

So auch in „Kindeswohl“: Auch dies ein fesselnder Roman, der um die Fragen von Schuld und Unschuld kreist, der zeigt, dass man, auch wenn man das Richtige will, das Falsche erreicht, dass Justitia und Gerechtigkeit nicht immer auf einen Nenner zu bringen sind.

Immer wieder stellt er in seinen Büchern Jugendliche und junge Erwachsene in den Mittelpunkt, die mit den ganz existentiellen Fragen – ohne es selbst konkret zu wissen oder benennen zu können – konfrontiert sind: Was ist gut? Was ist böse? Ist jedes Handeln außerhalb der gesellschaftlichen Normen ungesetzlich oder gar moralisch schlecht? Wo stehen die eigenen Werte den sozialen Normen entgegen? Die Jugend ist die Zeit, in der man seine persönlichen Wertmaßstäbe entwickelt. Selten jedoch in der Dramatik und den Ausnahmesituationen der McEwan`schen Welt. Doch gerade deshalb schätze ich seine Romane (trotz mancher Mängel, beispielsweise einer zeitweiligen Langatmigkeit oder auch seiner Detailverliebtheit bei mir fernstehenden Themen) sehr: Der Leser wird zurückgeworfen auf Fragen, die im Alltag des Erwachsenenlebens oftmals verschüttet sind. Über allem steht die Frage: Wie hätte ich gehandelt?

Aufgezeigt sei dies an dreien seiner älteren Romane.

„Der Zementgarten“:
Ian McEwan, 1948 geboren, veröffentlichte 1975 zunächst einen Erzählband. „Erste Liebe, letzte Riten“ war sofort erfolgreich. 1978 sein zweites Buch – „Der Zementgarten“. Ein verstörendes Buch.  Vier Geschwister bleiben allein in einem abgelegenen Haus zurück. Der cholerische Vater von einem Schlaganfall dahingerafft, die Mutter stirbt einige Zeit später an Krebs. Um dem System der Waisenpflege zu entkommen, beschließen die Geschwister, die Mutter im Keller einzuzementieren. Fortan sind sie auf sich allein gestellt. Ohne „Führung“, Anleitung, Vorbildfiguren gerät der Kinderhaushalt in Chaos und Unordnung, der Jüngste der Geschwister, ein Schulkind, retardiert, verhält sich wie ein Säugling, auch andere Geschehnisse symbolisieren den Verlust anerzogener Werte. Schleichend langsam übernehmen die beiden älteren Geschwister die Elternfunktion – und damit auch die Paarbeziehung. McEwan lässt den Leser mit einem irritierenden Ende zurück: Während die Außenwelt in das einsam gelegene Haus der Kinder eindringt, vollziehen die beiden Geschwister einen inzestuösen Geschlechtsakt. Sie spielen die Welt der Erwachsenen nach – ohne zu wissen, dass das, was für die Eltern legitim ist, als Akt zwischen Bruder und Schwester von der Gesellschaft verdammt wird. Vielleicht will McEwan damit zeigen: Ohne gesellschaftliche Normen (die in einer Familie von den Eltern vorgegeben werden), im Naturzustand des Menschen, ist er ein moralfreies Wesen – das ist zunächst weder guten noch schlecht. Im Zusammenleben erst ergeben sich die Spielregeln, Grenzen, auch Konventionen – ein zivilisatorischer Entwicklungsprozess, hier aufgezeigt an einer „führungslosen“ Familie.

„Unschuldige“:
Der Buchtitel passt. 1989 erschienen, ein Liebes- und Spionageroman, der zehn Jahre nach dem 2. Weltkrieg im geteilten Berlin spielt. Der 25jährige, jungmännliche Brite Leonard kommt in die immer noch vom Krieg gezeichnete Hauptstadt, um als Techniker für die amerikanische Army und das britische Militär zu arbeiten. Vor Ort wird ihm klar, dass er mit dazu beiträgt, Abhöraktionen gegen die Sowjetunion zu organisieren. Doch nicht nur politisch verliert der junge Mann seine Unschuld – er verliebt sich in die ältere Deutsche Martha. Bei einer Auseinandersetzung mit deren Mann, von dem Martha bereits getrennt lebt, einem gewalttätigen Kriegsheimkehrer, stirbt dieser. Das Paar zerstückelt die Leiche und versucht die Einzelteile in Koffern zu „entsorgen“. Mit dem Ehemann ist jedoch auch die Liebe Leonards zu Martha gestorben – er verlässt sie, kehrt nach England zurück und holt sie, entgegen seinem Versprechen, nicht nach. Drei Jahrzehnte später holt ihn die Vergangenheit wieder ein – auf Umwegen erreicht ihn ein Brief der früheren Geliebten. Leonard kehrt noch einmal nach Berlin zurück – ein melancholisches Wiedersehen, unwiederbringlich hat er sein Leben vertändelt.

Es ist nicht McEwans überzeugendster Roman, auch wenn die Spionagegeschichte heute angesichts des NSA-Skandals wieder einen gewissen Reiz gewinnt. Die absurde Wendung des Geschehens – letztendlich kommen die Russen in Besitz der Koffer mit den Leichenteilen, die Leonard im Abhörtunnel deponiert hat – täuscht nicht über gewisse Längen hinweg. Interessanter ist unter dem Aspekt der verlorenen Unschuld die Figur Leonard zu betrachten: Im Lauf der Liebe entwickelt der junge Mann zum Teil auch sadistische Phantasien, schaltet von Anbetung zu Erniedrigung Marthas um, glüht und erkaltet. Zunächst ein unbeschriebenes Blatt in Liebesdingen testet Leonard an Martha gleichsam alle Facetten der Liebe aus – ohne viel Gefühl für das von ihm angebetete Objekt, so erscheint es mir. Zunächst bereit, aus Liebe alle Normen zu übertreten, erschreckt ihn der Totschlag und der ungeschickte Versuch, ihn zu vertuschen. Dies treibt ihn in die Enge seiner Herkunft zurück. Am Ende ist er es, der mehr als nur die Unschuld verloren hat – ein ganzes Leben nach Berlin erscheint umsonst gelebt.

„Abbitte“:
Erschienen 2001. Für mich immer noch der beste Roman, den Ian McEwan bislang schrieb. Hier kommt, so formulierte es seinerzeit die FAZ, „das Böse in Form eines zwölfjährigen Mädchens daher“. Der Roman ist in drei Abschnitte unterteilt – in einen langen Sommertag in der Vorkriegszeit, der dramatisch endet, in die Kriegserlebnisse der Protagonisten und in die Erinnerungen der Hauptfigur im Alter, Jahrzehnte später. Briony, die zwölfjährige, eigensinnige, auch verwöhnte Tochter aus gutem Hause, steigert sich in der Hitze des Sommertages in eine unsinnige Abneigung und einen fatalen Verdacht hinein. Auf ihre Aussage hin wird am Ende des Tages fälschlicherweise ein enger Freund, der Geliebte der Schwester, wegen Vergewaltigung verhaftet. Eine Schuld, an der sie ihr Leben lang zu tragen haben wird. Das Mädchen verliert seine (moralische) Unschuld, indem es halbbewusst den Pfad der Bosheit beschreitet. Sie zerstört zudem die Unschuld einer erst aufkeimenden Liebe zwischen den beiden jungen Leuten. Und gewissermaßen verliert auch das Leben an diesem überhitzten Tag, den McEwan so fulminant beschreibt, seine Unschuld – von der Hitze des Sommers geht das Geschehen über in die Hitze der Front. Europa erlebt ein zweites Mal nach der „Urkatastrophe“ des 1. Weltkrieges, was der Mensch dem Menschen sein kann.

So wenig, wie Briony sich selbst verzeihen kann, so wenig konnte ich mit ihr beim Wiederlesen dieses Buches Nachsicht üben: Sie hätte Gelegenheiten gehabt, das einmal gesagte Wort zurückzuholen, doch viel zu spät kommt ihr Schuldeingeständnis. So bleibt das Mädchen mit der Falschaussage als einer der unsympathischsten literarischen Figuren in einem der besten englischen Romane der letzten Jahrzehnte zurück. Schuld kann vielleicht abgetragen werden. Der Zustand der Unschuld ist nicht wiederherstellbar.


Bild zum Download: Fassadenbemalung


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