Suche Stehplatz Nord – Lesestoff für Fußballfans

Bild: Florian Pittroff

Florian Pittroff bekennt: „Ehrlich gesagt, war ich anfangs etwas skeptisch. Aber beim Lesen hat sich das schlagartig geändert. Nach der Lektüre der 26 Geschichten von Ina Bruchlos inklusive dem Nachwort von Dagrun Hintze war ich freudig überrascht und musste meine voreilige Kritik revidieren.“

Ina Bruchlos beschreibt in ihrem neuen Buch „Suche Stehplatz Nord“ das prekäre Dasein als Mensch, als Fan, als Lebewesen. Sie nimmt den Leser mit auf eine Reise durch die vertrackten Windungen ihres Gehirns, das eines weiblichen, spät berufenen St. Pauli-Fans.

Das Fußballtaschenbuch ist spaßig und amüsant geschrieben, enthält Passagen über Leidenschaft und Hingabe. Es geht um Besserwisserei, um Ungewissheit und um die Suche nach dem Glück. In manchen Textpassagen spricht mir die Autorin aus dem Herzen. Alles schon selbst erlebte Geschichten über Fußball, Fans und Stadion – wunderbar zeitlos.

Mitfiebern, mitreden, mitgrölen.

„Mann, das war Abseits, rufe ich. Zu spät. Schon fällt das Tor, das ich hätte verhindern können. Ein bärtiger Typ dreht sich zu mir um (…) Wenn der Ball aus der eigenen Hälfte kommt… Ich sehe auf seine Mütze und ich sehe seinen Bart, während die Worte bruchstückhaft mein Gehör streifen (…) Natürlich kommt der Ball aus der eigenen Hälfte. Wenn Himmelmann den Ball zu Kalla wirft, kommt der Ball aus der eigenen Hälfte. Soll man den Ball deshalb liegen lassen?“

Als Fußballfan denkt man wirklich so – es war halt Abseits – es war immer Abseits, wenn es der eigenen Mannschaft schadet – voll den Nagel auf den Kopf getroffen!

Begeistert hat mich u.a. auch die Geschichte „Was ich tun muss“. Dabei geht es um Regeln, die man als Fan beachten sollte. Die Regeln sind natürlich nicht allgemeingültig und beziehen sich entweder auf Dinge, die man tun, oder auf Dinge, die man unbedingt vermeiden muss. Anzuwenden sind sie auf alle Fälle auf alle Fans:

„Ich darf mir keine Niederlage wünschen, auch wenn ich mittlerweile in einem selbstzerstörerischen Modus angelangt bin und verbittert denke, dass wir sie verdient hätten. (…) Ich muss meinen Gegengeradenschal tragen. Ich muss morgens aus meinem Totenkopf-Becher trinken.“

Und zur aktuellen Lage des Fußballs mit Geisterspielen und einer Atmosphäre wie beim Bezirksligaderby auf dem Land schreibt Ina Bruchlos:

„Irgendwann durften wir bestimmt wieder ins Stadion und irgendwann fiele bestimmt wieder ein Gegentor, während wir in der Bierschlange anstanden. Das wäre ungerecht und der Freistoß, der dieser Schweinerei vorangegangen war, natürlich auch. Ich konnte mir unsere fußballerische Zukunft nur bedingt vorstellen“.

Das mit dem Anstehen in der Bierschlange und dem dann obligatorischen Tor ist leider wirklich so.
Fazit: Unterhaltsame Lektüre, man kann schmunzeln, lachen und sich vor allem wiedererkennen! Geschenktipp für Fußballfans und solche, die es werden wollen

Ein Gastbeitrag von Florian Pittroff
CrossMedia Redakteur & Texter
www.flo-job.de

Suche Stehplatz Nord
Ina Bruchlos
25 Geschichten über den FC St. Pauli.
Minimal Trash Art
Mehr Informationen zum Buch inklusive Leseproben und Video: https://www.minimaltrashart.de/

Sunday I`m in love: Echte Freunde trennt nicht mal eine Pandemie.

IMG_4095Ich hab „11 Freunde“ sporadisch über 20 Jahre immer mal wieder gelesen – mal als Einzelheft, mal als Abo. Mal die Sonderhefte zum Bundesliga-Star oder die zur WM. Es war mir eigentlich immer ein Fest – nur wenn der BVB zu gut weg kam, dann hatte ich echte schlechte Laune.

Es gibt wahrlich bessere Zeiten, ein 20-jähriges Jubiläum zu feiern, als inmitten der Corona-Krise. Aber wenn im April 2000 das erste Heft von „11 Freunde“ erschienen ist, dann ist eben auch im April 2020 20-jähriges Jubiläum – hilft ja nix.

Den vierten Tabellenplatz belegte damals in der Saison 1999/2000 – man höre und staune – 1860 München. Torschützenkönig wurde Martin Max vom TSV 1860 München. Long time ago!

Einen Monat, bevor der FC Bayern Meister wurde, erschien im April 2000 die erste Ausgabe von „11 Freunde“. Und zu diesem runden Jubiläum schauen die Macher des Magazins auf die bewegte und bewegende Geschichte des Fußballs zurück.

Herausgegeben wird „Das große 11 FREUNDE Buch“ von Philipp Köster (Mitgründer und Chefredakteur) und Tim Jürgens (stellvertretender Chefredakteur). Die beiden versprechen „eine wilde Fahrt durch zwanzig Jahre Fußballkultur“.

Opulent und mit 456 Seiten kommt das Jubelbuch daher – pralll gefüllt mit Behind-the-scenes-Anekdoten, Geschichten und Reportagen über bekannte, weniger bekannte und unbekannte Spieler, Trainer und Stadien. Ein echtes Highlight und wirklich sehr beeindruckend ist die Reportage über die Aufarbeitung der Sheffield-Katastrophe von 1989, erzählt von einem Überlebenden.

Auch bei der Story über die zehn besten Spiele aller Zeiten kann der geneigte Leser in echten Erinnerungen schwelgen: Champions League Finale 2005. Wer erinnert sich? FC Liverpool vs. AC Mailand, 6:5 nach Elfmeterschießen. Oder die WM 1970: Deutschland vs. Italien, 3:4.

Auch sehr schön – hier aber eher was für den optischen Genuss: die Fotos von den Kassenhäuschen aus dem Amateurbereich oder „Sunday I`m in love“: Tropfender Männerschweiß, blutige Schürfwunden – eine wunderschöne Fotostrecke über den deutschen Amateurbereich. Bei jedem, der irgendwann mal in der A-Klasse gekickt hat, laufen dazu die passenden Bilder ab: 30 Zuschauer, viel Bier und ein Schiri, der immer nur im Mittelkreis steht.

Ich habe die über 450 Seiten genossen, vor lauter Vorfreude auch mal einfach weitergeblättert, um zu sehen, was mich noch alles erwartet. Und fast zum Schluss war das etwas ganz besonders Schönes: Weggefährten erinnern sich und schreiben über ihr nicht immer einfaches Verhältnis zum Magazin für Fußballkultur. Da kommt Matthias Brandt genauso zu Wort, wie DFB-Präsident Fritz Keller, der obligatorische Ewald Lienen natürlich und Hans Joachim Watzke, BVB Geschäftsführer. Er meint: „(…) heute seid ihr angekommen. Mitten in der Gesellschaft. Und schon lange nicht mehr nur auf Krawall gebürstet (…).“

„11 Freunde“ ist schön längst den Kinderschuhen entstiegen und zu einer etablierten Marke geworden.

Das Buch ist ein Erlebnis!

Ein Beitrag von Florian Pittroff

Homepage: www.flo-job.de


Informationen zum Buch:

Philipp Köster und Tim Jürgens (Hrsg.)
Das große 11 Freunde Buch
Heyne Hardcore, 2020
Hardcover, Pappband, 456 Seiten, 17,0 x 24,0 cm, durchgehend 4farbig
ISBN: 978-3-453-27236-1

Tonio Schachinger: Nicht wie ihr

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Bild: Florian Pittroff, http://www.flo-job.de

Gastautor Florian Pittroff, selbst ein riesiger Fußballfan, ist hellauf begeistert: Ein Roman zu seiner Leidenschaft hatte es auf die Nominierungsliste zum Deutschen Buchpreis geschafft. Und obendrein ist der Roman in seinen Augen sogar „ein urgeiles Buch“.

Sein Urteil:

Tonio Schachinger legt ein herrliches Buch über Fußball mit Migrationshintergrund vor. Wenn man angefangen hat, kann man das 300 Seiten starke Werk nicht mehr so wirklich zur Seite legen.

Das liegt auch daran, dass es mittellange bis kurze Kapitel beziehungsweise Unterteilungen gibt, die das zügige Weiterlesen ziemlich fördern. Immer denkt man, „ach, ein Kapitel lese ich noch“ und dann ist das Buch auch schon zu Ende.

Im Mittelpunkt des Romans steht Ivica „Ivo“ Trifunović, 27 Jahre alt und ein internationaler Fußballstar. Ivo sieht sich als Mittelpunkt der Welt, er ist besonders cool drauf, besonders gut im Spiel und er verdient 100.000 Euro die Woche, fährt einen Bugatti, hat eine Ehefrau und zwei Kinder, die er über alles liebt. Doch als seine Jugendliebe Mirna ins Spiel kommt, gerät das sichere Gerüst ins Wanken….

Es ist die lässige und witzige Erzählweise von Tonio Schachinger, die den Leser immer bei der Stange hält. Gespickt mit Wiener Schmäh und herrlichen Fußballmetaphern gibt der Roman Einblick in das Drama Profifußball gepaart mit einem Schuss Kapitalismus.

Skurril treffend und sensationell gut sind die Vergleich, die Tonio Schachinger für seinen Fußballprotagonisten erfunden hat: Die Geborgenheit in der Familie ist ein Cordon Bleu, der Fußball eine einzige Serie: „Wer immer zusieht, erkennt wenn was Bedeutendes passiert. Jeder Verein ist eine Serie, jede Liga eine große Serie und Ivo spielt in der spannendsten von allen, bei Games of Thrones“.

Es ist aber nicht immer alles amüsant und lustig – Fußballer sind eigentlich arme Schweine: „Heute vor einem Jahr war Ivo ganz oben: seit September fix qualifiziert für die EM, Doppeltorschütze im Derby gegen Liverpool, hat einem traurigen Steven Gerrard respektvoll die Hand geschüttelt, war glücklich. Heute ist Ivo niedergeschlagen, und morgen wird er es auch sein und übermorgen und überübermorgen, und genau deshalb ist er niedergeschlagen, weil alle Tage gleich sind“.

Und da passt dann auch folgendes Zitat recht gut, warum man denn überhaupt Fußballprofi wird. Für Ivo hat das nur bedingt mit Talent zutun. „Entscheidend ist das man ein langweiliger Mensch ist. Je langweiliger, je weniger Interessen abseits des Platzes, desto besser“.

Voll kluger, akzentuierter Anspielungen erzählt Tonio Schachinger vom Fußball, von Ivo, von Rassismus: „Ivo, jetzt bist du ein richtiger Österreicher!“ (…) und in Wahrheit steht dort damit jedes Mal, wenn er etwas falsch macht: „Ivo, jetzt bist du wieder ein richtiger Tschusch!“, von Sexismus und Kapitalismus. Nur wer Erfolg hat ist ein Großer. Wer keinen hat oder keinen mehr hat: Vergiß ihn!

Das Buch sollte man nicht vergessen, sondern lesen! Sonst gibt es die Rote Karte!

Ein Beitrag von Florian Pittroff
Homepage: flo-job.de

Informationen zum Buch:
Tonio Schachinger
„Nicht wie ihr“
Kremayr & Scheriau Verlag 2019
Hardcover, 304 Seiten, 22,90 Euro
ISBN: 978-3-218-01153-2


Rainer Moritz: Als der Ball noch rund war

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Bild: Florian Pittroff, https://flo-job.de/

Ein Beitrag von Florian Pittroff

Die Fußballweltmeisterschaft steht quasi vor der Türe und da gibt es sicher wieder Augenblicke, an die man sich auch noch in 20 Jahren erinnern wird. Wichtige, entscheidende, unangenehme Augenblicke der Fußballgeschichte bleiben nämlich unauslöschbar im Gedächtnis des gemeinen Fußballfans eingebrannt.

Und genau von solchen Geschichten und Anekdoten erzählt Rainer Moritz in seinem Buch „Als der Ball noch rund war“. In fünf Kategorien schreibt sich Moritz von den schrecklichen Erinnerungen über unangenehme und „soso-lala“ Reminiszenzen bis zu den schönen und sogar grandiosen Augenblicken durch die deutsche Fußballgeschichte.

Das waren noch Zeiten 1954, als Rahn aus dem Hintergrund schießen sollte und auch geschossen hat. Oder als die deutsche Nationalmannschaft 2014 im Halbfinale die brasilianischen Gastgeber mit 7:1 entzauberte. Oder als ein Obsthändler die Bundesliga in ihren Grundfesten erschütterte – dem großen Bundesligaskandal. Aufgedeckt wurde das „Verschieben“ von Spielen übrigens durch den Vereinspräsidenten von Kickers Offenbach, Horst-Gregorio Canellas, der bei der Feier seines 50. Geburtstages am 6. Juni 1971 die Gäste mit dem Abspielen eines Tonbandgerätes überraschte.

Aber auch ein gewisser Franz Brungs kommt vor in diesem amüsanten und schlauen Buch. Kennen Sie Franz Brungs? Das war der,  der den FC Bayern München  fast im Alleingang erledigte, am 2. Dezember 1967. Zwischen der 37. und 62. Minute traf Brungs viermal hintereinander. Katsche Schwarzenbeck, der dieser Tage 70 Jahre alt geworden ist, wird sich an diesen ominösen Dezembertag sicher immer noch erinnern.

Kurzweilig und recht persönlich geht Moritz an die besonderen Augenblicke der deutschen Fußballgeschichte ran – aus seiner Sicht sind die Geschichten grandios oder schrecklich. Der geneigte Fußballfachmann kann beim Lesen natürlich für sich selbst ausloten, in welche Kategorie er die Geschehnisse einordnen würde. Jedes Fußballherz schlägt ja bekanntlich anders. Und so ist der letzte Derby-Sieg der Münchner Löwen gegen den FC Bayern München im April 2000 für den einen (Moritz selbst zählt zu den verbliebenen eingefleischten Löwenfans) eine positive, wenn nicht sogar eine grandiose Erinnerung – für andere ist das nur eine Randerscheinung der Geschichte.

Eine gute Idee finde ich das Register am Ende des Buches. Bei 257 Seiten fetter Fußball-Informations-Fülle macht ein Namensregister Sinn. Und ich liebe beim Lesen kurze Kapitel – da kann man sich schnell vorwärts lesen, hat viele Aha-Effekte während der Lektüre und kann wunderbar in (Fußball-)Erinnerungen schwelgen. Herrlich!

Florian Pittroff
www.flo-job.de 

Verlagsinformationen zum Buch:
http://www.hoffmann-und-campe.de/buch-info/als-der-ball-noch-rund-war-buch-9518/

Ben Redelings: 55 Jahre Bundesliga

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Bild: Florian Pittroff, https://flo-job.de/

Ein Gastbeitrag von Florian Pittroff

Rechtzeitig, bevor die Bundesliga morgen wieder startet, liegt das neue Buch von Ben Redelings vor: „55 Jahre Bundesliga. Das Jubiläumsalbum. Unvergessliche Bilder, Fakten, Anekdoten“.

Schon die Erstauflage zum „50-jährigen Bundesliga-Jubiläum“ hat mich restlos begeistert – Das Fußballmagazin „11 Freunde“ schrieb damals: „Eine Festschrift auf das, was wir alle so sehr am Fußball lieben.“ Kein Wunder, über 50.000 Mal wurde der seit langer Zeit vergriffene Bestseller damals verkauft. Grund genug für den „Verlag Die Werkstatt“ und Ben Redelings den aktualisierten und erweiterten Band „55 Jahre Bundesliga – das Jubiläumsalbum“ zu veröffentlichen.

Auf 416 Seiten bietet das Buch eine unterhaltsame und informative Rückschau auf 55 Jahre Bundesliga. Die Texte sind nicht zu lang, sie kommen schnell auf den Punkt und sind genauso informativ wie lustig geschrieben.

Es macht arg viel Spaß darin zu schmökern, zu blättern und den ein oder anderen in Vergessenheit geratenen Spieler wieder zu entdecken. Wie wäre es mit Dieter Versen: „Der VfL Bochum gewinnt 3:1 gegen Schalke 04 – mit einer absoluten Notelf. Erst in letzter Minute konnte man den eigentlich bereits ausgemusterten Dieter Versen ausfindig machen – er sitzt mit Freunden gemütlich in einer Kneipe“.

Dazu gibt’s die witzigsten Sprüche. Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit: „Ich bin bei meinen Eltern und Großeltern groß geworden – na ja, groß geworden nicht so. Aber bei ihnen aufgewachsen.“ (Philipp Lahm in Anspielung auf seine Körpergröße von 1,70 m).

Natürlich darf Schiedsrichter Wolf-Dieter Ahlenfelder nicht fehlen in „55 Jahre Bundesliga!“ Als Ex-Bayern München-Star Paul Breitner einst meckerte: „Du pfeifst wie ein Arsch“, antwortete Ahlenfelder schlagfertig: „Du spielst ja auch wie ein Arsch“. Zum „Kult-Schiri“ wurde er, als er bei der Bundesliga-Partie zwischen Werder Bremen und Hannover 96 in der Saison 1975/1976 die erste Hälfte nach 32 Minuten abpfiff, dann doch weiterspielen ließ und schließlich 90 Sekunden vor Ablauf der regulären Spielzeit endgültig zur Halbzeit pfiff.

Fußball ist so viel mehr als Ergebnisse, Statistiken und Titel – Ben Redelings sei Dank zeigt sich hier: Es sind die Geschichten, die den Fußball rund machen. Was für ein wunderbares Buch. Für Bundesligajunkies genau die richtige Einstimmung auf das, was nun beginnt – nämlich das 56. Jahr der Fußballbundesliga.

Florian Pittroff
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Philip Kerr: Die Hand Gottes

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Bild: Florian Pittroff, https://flo-job.de/

Fußballfreie Zeit – außer Confed Cup eben, aber der ist für echte Fans nicht ganz so prickelnd – da hab ich mir mal wieder einen Fußballroman angelacht: „Die Hand Gottes“ von Philip Kerr. Eines vorweg: Wer einen rasanten Thriller erwartet mit Action und Dramatik, bei dem die Spannung über den ganzen Roman hochgehalten wird, der sollte besser zu einem anderen Buch greifen. Dieser Roman ist nun wirklich alles andere als ein Thriller, auch wenn das Buchcover es so anpreist. Den Geschehnissen fehlt die Dramatik, Spannung ist etwas anderes. Der Roman ähnelt eher einer zwar soliden, aber langweiligen WM-Vorrunde, in der sich alle abtasten – ein spannendes Spitzenspiel sieht anders aus.

Der Plot ist dennoch nicht schlecht, so dass man das Buch nach den fast 400 Seiten recht zufrieden weglegen kann: Griechenland im Hochsommer. Die Sonne brennt, auf den Rängen im Hexenkessel des Karaiskakis-Stadions toben die Fans. Scott Manson, Cheftrainer und Ermittler wider Willen und sein Team vom skandalträchtigen Erstligisten London City wollen nur das Champions League Spiel gewinnen und nichts wie zurück ins kühle England. Da bricht Scotts Topstürmer vor laufenden Kameras tot zusammen. Die griechische Polizei stellt die gesamte Mannschaft unter Verdacht, der ukrainische Clubchef und Ex-Mafiaboss Sokolnikow verlangt schnelle Aufklärung. Doch als wenig später ein totes Escortgirl aus dem Hafenbecken von Piräus gefischt wird, weiß Scott, dass der Schuldige nicht unter seinen Spielern, sondern in der Chefetage von London City zu finden ist. Ein Spiel gegen den Gegner aus den eigenen Reihen beginnt.

Soweit so gut.

Der Autor verfügt über gut recherchiertes Hintergrundwissen aus der englischen und internationalen Fußball-Szene. Es ist auch etwas echt Besonderes, in einer fiktiven Geschichte reale Fakten über den aktuellen Profifußball zu erfahren. Und Kerrs Liebe zu Hertha BSC in den Roman einzubauen, ist zudem ein toller Kniff. Im Verlauf der Geschichte gibt es dann sogar einiges über Griechenland in Erfahrung zu bringen, über die dortige Wirtschaft, die Spannungen in der Gesellschaft und die Schwierigkeiten der Bevölkerung.

Allerdings kommen viel zu viele Charaktere vor – sich die Rolle und Bedeutung jeder Figur zu merken, wird durch die Vielzahl der doch recht komplexen, aber dennoch ähnlichen Namen der griechischen Protagonisten nicht gerade erleichtert. Man muss schon „höchschte Konzentration“ bewahren, wie Bundestrainer Löw zu sagen pflegt, und ab und an zurückblättern, um sich nochmals zu vergegenwärtigen, wer nun eigentlich wer ist und was er bisher für eine Rolle gespielt hat. Das unterbricht den Lesefluss und lässt auch die wenigen spannenden Momente meist im vor- und zurückblättern verpuffen, insbesondere auf den ersten einhundert Seiten. Das Ende wirkt auf mich ein wenig zu sehr konstruiert.

Eher ein grundsolider Kriminalroman denn ein echter Thriller. Oder um es mit dem Augsburger Dichter Bert Brecht zu sagen, der mit Fußball nichts am Hut hatte: “Wir stehen selbst enttäuscht und sehr betroffen – den Vorhang zu und alle Fragen offen“.

Ein Beitrag von Florian Pittroff
www.flo-job.de

Verlagsinformationen zum Buch:
https://www.klett-cotta.de/buch/Literarischer_Krimi/Die_Hand_Gottes/79981

Dagrun Hintze: Ballbesitz

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Bild: Florian Pittroff, https://flo-job.de/

Ballbesitz ist im Fußball immer gut. Wer den Ball hat, der kann kein Tor bekommen. Ballbesitz von Dagrun Hintze zu haben ist auch immer gut, denn so ungefiltert kommt Emotion selten daher. Das knapp über 100 Seiten starke Büchlein ist voll mit starken Sätzen von und über den Fußball. Frauen und Männer, die sich für diesen weltweit beliebten Sport interessieren, kommen darin voll auf ihre Kosten. Frauen, die sich für Fußball interessieren sowieso und Frauen, die sich nicht für Fußball interessieren auch. Es ist so wunderbar leicht geschrieben. Einmal angefangen, kann man das schmale Bändchen fast nicht mehr weglegen. Für den männlichen Fußball-Enthusiasten gibt es viele schönen Momente und viele wunderbare „Aha Erlebnisse“. Hier seien nur „die Nacht von Belgrad“ erwähnt, in der Uli Hoeneß den entscheidenden Elfmeter in den Nachthimmel jagt und leider nicht ins Tor, Maradonas „Hand Gottes“ oder Oliver Kahns Biss gegen Dortmunds Heiko Herrlich.

Dagrun Hintze schreibt aber nicht nur lapidar über Fußballanekdoten –  sie verbindet Fußballgeschichten mit ihren eigenen Geschichten. Sie erzählt von ihrer eigenen Liebe zum Fußball, von Männern, die in Borussia-Dortmund-Bettwäsche schlafen, und von intensiven Begegnungen, wie sie nur zwischen Anpfiff und Abpfiff möglich sind. Jeder, der sich auch nur ansatzweise für das runde Leder interessiert ist sofort mittendrin. Beispiel gefällig: Zugfahrt mit Hindernissen beim WM-Halbfinale zwischen Brasilien und Deutschland, „im Speisewagen macht sich Lynchstimmung breit“. Die Gefühlslage der Autorin kommen ungefiltert beim Leser an und das bereitet ungeheure Lesefreude. Dagrun Hintze zieht auch immer wieder Parallelen zum Theater, zur Literatur und zur bildenden Kunst. „Die Feststellung, dass Fußball eine größere Nähe zu den Dionysien der griechischen Antike aufweist als die meisten Theateraufführungen, die ich besuche, mag eine Plattitüde sein, zutreffend ist sie dennoch. An der Ekstase teilhaben zu können, setzt allerdings zwei Dinge voraus: Wissen und Berührtsein“. Nagel auf den Kopf getroffen oder um in der Fußallsprache zu bleiben: Elfmeter versenkt! Das Buch schreit quasi nach Verlängerung! In diesem Sinne – frei nach Jogi Löw: „höchste Unterhaltung“.

Ein Beitrag von Florian Pittroff
www.flo-job.de

Wunderball! fand Gastautor Florian Pittroff den Essayband von Dagrun Hintze über „Frauen, Männer und Fußball“, der beim mairisch verlag erschienen ist:
https://www.mairisch.de/programm/dagrun-hintze-ballbesitz/


Ich selbst schaue zwar nur bei den größeren Turnieren ab und an zu, habe aber inzwischen auch verinnerlicht, dass Fußball eine ganz, ganz wichtige Kulturtechnik ist. Bloß das mit dem Abseits kapier ich im Leben nicht. Birgit

Lutz Seiler: Die römische Saison

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Bild von Mauricio A. auf Pixabay

„Wozu die Qual? Der Gedanke, alles sein zu lassen, stand im Raum und beruhigte mich. Ich sah Rom, und Rom war der Ort, wo das Schreiben aufgegeben werden konnte. Auf dem Rückweg von V. zur Villa Massimo machte ich einen Umweg über die Via Aurelia. Ich rannte nicht mehr, der Ausblick über die Stadt und den Fluss wurde mir gereicht wie zur Belohnung nach Wochen sinnloser Qual, eine absurde Verkehrung der Dinge, sicher, aber das war egal. Noch einmal der sagenhafte Petersplatz, die gewaltige Kuppel, dann die Piazza del Risorgimento mit einem Reiterstandbild, ein Denkmal für die Arma dei Carabinieri.“

Lutz Seiler, „Die römische Saison“, Topalian & Milani Verlag, 2016.

Ingeborg Bachmann sagte in einem Fernsehinterview sinngemäß, in Rom sei sie eine bessere Wienerin. Zu jener Zeit schrieb sie bereits an „Malina“, jenem Roman über eine Schriftstellerin, die nicht am Schreiben, sondern am Leben zerbricht.
Aus einer räumlichen Distanz zu den Herkunftsräumen zu schreiben – manchen, wie der Bachmann, ist erst oder auch nur dieses möglich. Mit einigem Abstand meint man, man könne dieses einleiten:

„Phase 1: Rekonstruktions- und Vergegenwärtigungsarbeit, Aufbereitung der Erlebnismaterials, eine Art Erinnungsmaschinerie.“

Doch da sitzt Lutz Seiler, in diesem riesigen Atelier, einst für einen Bildhauer eingerichtet, in der Villa Massimo, verloren in dem riesigen Raum, verloren in der Fülle des Material, und es geht: nichts. Endlich hat er, was sich jeder Schriftsteller wünscht: Zeit, viel Zeit, um an seinem ersten Roman zu schreiben. Die Villa Massimo, eigentlich ein Ruhepol in der Hitze und dem Trubel der italienischen Metropole. Doch wer selbst schreibt, weiß, dass, hat einen erst das Monster namens „Blockade“ im Griff, alles zur Ablenkung und Störung gereichen kann: Der Fleck an der Wand. Die makellos weiße Wand. Die Größe des Raums. Die Enge des Raums. Die Stille. Die Geräusche der Gärtner vor dem offenen Fenster. Lutz Seiler will „Von Rom nach Hiddensee“ (so der Name der ersten Erzählung in diesem Buch) und kommt nicht weit.

„Und Rom, Roma, Roman – klang das etwa nicht nach einer beinah natürlichen Steigerung der Dinge? Stattdessen Krise. Herzrasen, Hitze, Schweißausbrüche und Schlaflosigkeit, Magenkrämpfe und zu hoher Blutdruck – was folgte, war die rasche Entfaltung des kompletten Spektrums meiner hypochondrischen Möglichkeiten, ähnlich übertrieben, wie das Scheitern des Romans mit dem Einsturz des Kolosseums zu vergleichen, der im Aberglauben der Römer den Untergang Roms und dieser wiederum das Ende der Zeiten bedeutet: lächerlich – und nein, kein Vergleich, natürlich nicht. Aber ein Schriftsteller, der nicht schreibt, ist nichts wert, vor allem vor sich selber nicht.“

Das Kolosseum ist nicht eingestürzt, Rom bleibt die „ewige Stadt“ und der Roman wurde, wie wir wissen, vollendet – grandios vollendet: „Kruso“, der erste Roman des Lyrikers und Erzählers, erschien 2014 und erhielt den Deutschen Buchpreis. Ein poetisches, sprachgewaltiges Buch – mit viel römischen Schweiß und Schlaflosigkeit erkauft. Eine begeisterte Besprechung von „Kruso“ findet sich beim „Kaffeehaussitzer“ („Im Rausch der Sprache“).

Wie Lutz Seiler seine Schreibblockade überwand? Durch Loslassen, durch Leben. Irgendwann während seines Aufenthaltes in Rom anno 2011 beschließt Seiler, nicht mehr hinter dem symbolträchtigen Schrank, den er sich im Atelier sozusagen als Schutzwall zum Schreibtisch gerückt hatte, zu sitzen. Er geht raus, erkundet die Stadt, begleitet den Sohn Viktor zum Fußballtraining (dieser Beschäftigung ist die zweite, herrlich amüsante Erzählung des Bandes, „Die römische Saison“, gewidmet). „Nebenbei“ beginnt er wieder zu schreiben und beinahe unmerklich werden zufällige Begebenheiten zur Inspiration, durch ein Geräusch, einen Zufall, verwandelt sich ein Ort in einem Augenblick „in einen Ort des Schreibens“.

Ein Freiluftkonzert, kurz übertönt von einem landenden Flugzeug, „- es war das übliche Getöse Roms, Krach gegen Kunst“, und in diesem Augenblick überschwappen Ostseewellen vor dem inneren Auge Lutz Seilers die Hosenbeine des russischen Generals, Krusos Vater, der seinen Sohn heimholen will:

„Und da stand er nun, in der Fülle seiner Macht, die jetzt gebrochen war auf die vielfältigste Weise. Ein Bild, das augenblicklich die ganze Geschichte enthielt, ein Bild, dem ich absolut vertrauen konnte, ein Portal, durch das ich gehen konnte, hinein in den Stoff dieser Zeit.“

Schöner Beinahe-Scheitern: Poetisch, humorvoll, nicht ohne Selbstironie erzählt Lutz Seiler von den Plagen des Schriftstellerdaseins. Eine Erzählung, die nicht nur Schreibende anspricht – denn sie beinhaltet eigentlich eine Allerweltsweisheit: Erzwingen lässt sich nichts. Erst ohne äußeren und inneren Druck wächst Kreativität. When in Rome, do as the romans do ….

Beinahe ein stilistisches-sprachliches Gegenstück ist in diesem Band die zweite, oben bereits erwähnte Erzählung – fast schon eine Glosse über italienische Bürokratie, italienischen Fußballkult, das Geheimnis des „Catenaccios“. Bravo, Lutz! Durch diesen Text versteht man die Tränen Buffons noch einmal besser!

Zu einem Schmuckstück wird dieser Band des noch jungen Ulmer Verlags „Topalian & Milani“ ebenso durch die Gestaltung – das weckt Sammlerinstinkte und macht die Hoffnung auf mehr (im Herbst erscheinen in dieser Reihe zwei Novellen von Stefan Zweig). Den beiden Seiler-Erzählungen sind beigestellt Illustrationen von Max P. Häring (hier kann man sich einen Eindruck von seinen Arbeiten machen: http://www.maxhaering.de/), weit mehr als Ergänzungen zum Text, eigenständige Kunstwerke, die Rom in einem anderen Licht erscheinen lassen …

Zudem ist das gebundene Buch gedruckt auf handschmeichlerischem Munken-Papier, hochwertig und einfach schön gemacht!

Eine weitere Besprechung findet sich bei Con=Libri:
https://litos.wordpress.com/2016/07/01/rom-oder-roman/

Zur Verlagsseite geht es hier: http://www.topalian-milani.de/

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Jean-Philippe Toussaint: Fußball

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Bild: Florian Pittroff, https://flo-job.de/

Jean-Philippe Toussaint ist ein Schriftsteller (und Regisseur), der viel über die elementaren Dinge des Lebens schreibt – und das meist sehr lesenswert: „Das Badezimmer“, „Sich lieben“, „Fernsehen“, so lauten die Titel einiger seiner Werke. Zuletzt, 2013, „Nackt“. Und nun, fast logisch, folgt „Fußball“. Na ja, die Einführung hier ist jetzt nicht ganz so ernst zu nehmen – das „lesenswert“ jedoch auf jeden Fall. Selbst ich habe, obwohl wenig fußballaffin, in der Buchhandlung einen Blick in diese Neuerscheinung geworfen – und mich prompt festgelesen. Toussaint schreibt klug und unterhaltsam, eine runde Sache – finden auch Oliver Fritsch in der „Zeit“ und Florian Pittroff bei Sätze&Schätze.

Jean-Philippe Toussaint, „Fußball“, Frankfurter Verlagsanstalt, 2016

„Dieses Buch wird niemandem gefallen, den Intellektuellen nicht, die sich für Fußball interessieren, den Fußballliebhabern nicht, die es zu intellektuell finden
werden.“
So schreibt Jean-Philippe Toussaint zu Beginn seines Buches „Fußball“. Ich würde es ganz anders sehen. Dazu aber später mehr!

„Fußball“ ist sehr unterhaltsam und in erster Linie eine ganz große Liebeserklärung an die schönste Nebensache der Welt. Es geht nämlich nicht nur um Tore, Meisterschaften und Spielzüge. Jean-Philippe Toussaint ist seit Kindesbeinen an vom runden Leder und der Jagd danach angetan. Er brüllt aber keine ein- oder zweideutigen Schlachtrufe aufs Feld, sondern er erinnert sich an seine Kindheit und reflektiert über den Zauber und die Einzigartigkeit des Spiels. So schreibt Toussaint zum Beispiel über den Zauber der Farben des Fußballs, das Grün des Rasens und die Trikots der Nationalmannschaften.

Er schreibt über das besondere Verhältnis der Zeit während eines Fußballspiels.
Wir sind über die Dauer des Spiels in einem Zeitkokon eingesponnen, geschützt vor den Verletzungen der Außenwelt (…) In dem klar umrissenen Moment, in dem wir ein Fußballspiel sehen, ist das Ergebnis unbekannt und der Verlauf ungewiss, es ist uns also nicht möglich, unsere Aufmerksamkeit auch nur für einen Moment fallen zu lassen und uns von unserem Platz zu entfernen (…) Aus diesem Grund verliert Fußball sofort all seinen Reiz, sobald das Resultat bekannt ist.“

Fußball ist also nur in Echtzeit genießbar. Man müsse ihn sofort verzehren, „wie Austern, Meeresschnecken, Langustinen oder Garnelen“. Der Leser erfährt keine bloßen Fußball(binsen)weisheiten, sondern besondere Dinge über das Gesamterlebnis Fußball – feinsinnig und leise erzählt. Manchmal fast lyrisch, aber immer spannend. Eine wunderbare Huldigung an den Fußball. Und da sind wir wieder am Anfang – das ist ein Buch sowohl für Fußballliebhaber also auch für Intellektuelle.

Letztlich kann man es nicht besser beschreiben als Jean Birnbaum von der Zeitung „Le Monde“: „In seiner unvergleichbaren Art, ebenso sensibel wie schelmisch, erschafft Jean-Philippe Toussaint Bilder vom Fußball, die von der Begeisterung der Kindheit, seiner Beschwörungsmacht und seiner fragilen Klarheit erzählen. Bilder, die Toussaint entstehen lässt, um der Literatur ein Fest zu bereiten.“

Florian Pittroff 

www.flo-job.de

Winfried Stephan: Nicht schon wieder keine Tore

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Bild: Florian Pittroff, https://flo-job.de/

Jetzt geht das wieder los! In meiner Wahrnehmung teilt sich die Welt ab Freitag wieder in jene, die an akutem Fußballfieber leiden und in jene, die vernunftbegabt sind, dem Ganzen wenig abgewinnen und immer noch Lesen die beste aller Freizeitbeschäftigungen finden. Tatsächlich aber gibt es nicht wenig Grenzgänger die Lesen, Schreiben und Fußballspieler auf einen Nenner bringen. Einer davon ist mein Kollege und Co-Autor hier: Florian Pittroff, der sich kurz vor der Europameisterschaft noch durch einige Fußballbücher gelesen hat.

Beispielsweise durch dieses druckfrische Diogenes-Werk:
„Nicht schon wieder keine Tore“, Geschichten und Gedichte rund um den Fußball, herausgegeben von Winfried Stephan, Mai 2016, Diogenes Verlag

 Schade, die „Geschichten und Gedichte rund um den Fußball“ beginnen etwas zäh. Es ist – um in der Fußballersprache zu bleiben – zu Beginn ein Abtasten. Die fiktiven Briefe des Bundestrainers an seine Frau Daniela von Moritz Rinke kommen etwas langatmig um die Kurve. Und auch die autobiografische Erzählung „Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde“ von Friedrich Christian Delius sowie die Erzählung „1954“ von Günter Grass nehmen nicht so richtig Fahrt auf.

Aber das bleibt im Verlaufe der 272 Seiten zum Glück nicht so. Ein Höhepunkt: „Dantes Tragödie“. Das ist die Geschichte über den verheerenden Fußballabend, den der brasilianische Verteidiger Dante bei der Weltmeisterschaft 2014 im legendären Halbfinale gegen die DFB-Elf erlebte. Schlagfertig und wortgewandt erzählen Tim Jürgens und Philipp Köster, wie der Brasilianer zum Einsatz kommt, wie es nach 29 Minuten 5:0 für Deutschland steht und wie der schwärzeste Tag im Leben von Dante seinen weiteren Verlauf nimmt. „ Es war einer der Tage, an denen jeder noch in Jahrzehnten weiß, wo er sich aufhielt, als es passierte. Die Antwort des brasilianischen Verteidigers Dante lautet: “Ich war in der Hölle“.

Friedrich Torberg, Urs Widmer, Wiglaf Droste und Benedict Wells leisten ihren Beitrag dazu, dass die Begegnung, respektive das Buch, dann doch immer besser wird. Neben  Schriftstellern kommen auch Fußballer zu Wort – beispielsweise Sepp Maier, Günter Netzer, Uli Hoeneß, der sich an seinen verschossenen Elfer beim EM-Finale 1976 erinnert oder Paul Breitner, der von der Erfüllung eines Jugendtraums und von Real Madrid erzählt. Über das bemerkenswerteste Kunstereignis des Jahres 1929 – Schalke 04 gegen Arminia Hannover – hat Bertolt Brecht einen Text verfasst. Oder doch nicht? Die unglaubliche Geschichte die dahinter steht, ist reizvoll und interessant zugleich.

Eine dann doch ganz gelungene literarische Einstimmung auf das bevorstehende Fußball-Fest!

Florian Pittroff

www.flo-job.de

Soviel sei verraten: 1929 schrieb Bertolt Brecht den Text „Das größte Kunstereignis“ und ernannte den Fußball zur fruchtbarsten Kunstform des 20. Jahrhunderts.

Zwei Zitate:

„In einer Umfrage der «Literarischen Welt» haben sich einige Herren zum bemerkenswertesten Kunsterlebnis des Jahres 1929 geäußert. Gerhard Hauptmann nannte die Aufführung eines (eigenen) Stücks, Franz Werfel sprach sich für die Gedichte seiner Freunde aus, Th. Mann bekannte sich zu einer Oper. Ich bedaure alle drei, zünde meine Zigarre an und stimme für das interessanteste Spiel der Deutschen Meisterschaft, Schalke 04 gegen Arminia Hannover, das mit 6 zu 2 endete.“

„Keine Theateraufführung verhilft auch nur einem Zuschauer zu ebensolcher Freude wie den 10 000 Anhängern ein Siegestor in der 89. Minute, keine Chopin- oder Hölderlin-Matinee versetzt in so ehrliche Trauer wie der Verlusttreffer. Wie bei allen interessanten Lebenslagen zahlt man auch im Fußball den Spaß mit dem Risiko eines großen Verlusts. Gutes Amüsement hat schon immer Nerven und Mut verlangt. Aus oben genannten Gründen stimme ich dafür, das Spiel Schalke – Hannover als Kunstereignis des Jahres 1929 zu wählen, den Stürmer Ernst Kuzorra als Künstler des Jahres auszuzeichnen und Fußball als fruchtbarste Kunstform des 20. Jahrhunderts zu sehen.“