Emma Flint: In der Hitze eines Sommers

Bild New York: Bild von laurapuig4 auf Pixabay

Sie war ekelerregend.
Sie war ein Monster:
Sie zog die Knie zu sich heran und ließ sich zur Seite fallen. Vermutlich hörten die Cops inzwischen ihr Telefon ab, und vielleicht hatten sie auch Wanzen in der Wohnung versteckt, deshalb gab sie keinen Ton von sich, denn sie dachte gar nicht daran, ihnen die Genugtuung zu verschaffen, sie weinen zu hören.
Ihr blieb nichts anderes übrig, als still zu halten, in Deckung zu gehen und zu hoffen, dass eines Tages der beste Sex seines Lebens dazu bewegen würde, bei ihr zu bleiben. Weil sie es einfach nicht ertrug, allein zu sein. Weil das ihr ganzes Kapital war.

Emma Flint, „In der Hitze eines Sommers“.

Als in einer heißen New Yorker Julinacht ihre beiden Kinder aus der Wohnung verschwinden und später tot aufgefunden werden, dauert es nicht lange, und die Kellnerin Ruth Malone steht selbst als Hauptverdächtige im Mittelpunkt der Ermittlungen. Die Vorurteils-Maschinerie läuft perfekt: In den Augen der tratschsüchtigen Nachbarinnen, der nach Sensationen heischenden Presse, des moralisch-verklemmten Ermittlers kann nur sie die Täterin gewesen sein. Zu freizügig ihr Sexualleben, zu häufig wechselt sie ihre Bettgenossen. Auch Ehemann Frank, von dem sie längst getrennt lebt, streut auf seine scheinbar unbedachte Art und Weise Zweifel.

In ihrem Debütroman, der unter dem Titel „Little Deaths“ 2017 im Original in London erschien, entwickelt Emma Flint das Psychogramm einer Frau, um die sich die Kreise der gesellschaftlichen Missachtung und persönlichen Rachlust durch Menschen, die sich allein von Ruths Art vor den Kopf gestoßen fühlen, immer enger drehen. Susanne Keller gelingt es in ihrer Übersetzung, die Mischung aus Tempo und Subtilität, die dieses Buch zu einem Pageturner macht, gekonnt umzusetzen.

Emma Flint, Absolventin des Schreibprogramms der Faber Academy in London, weiß als solche, einen Spannungsbogen zu setzen – das liest sich für ein Debüt fast schon routiniert, was aber bei dieser Story keineswegs von Nachteil ist. Bis zuletzt dürfen die Lesenden selbst an Ruths Schuld oder Unschuld zweifeln.

Für „In der Hitze eines Sommers“ nahm sich die Autorin den Fall der Amerikanerin Alice Grimmins als Inspirationsquelle, die 1965 wegen des Mordes an ihren beiden Kindern verurteilt wurde – bis zuletzt ab es Zweifel an ihrer Täterschaft, es konnten keinerlei Beweise gefunden werden, die sie oder jemand anderen in Zusammenhang mit der Entführung und dem Tod der beiden Kleinen in Zusammenhang brachten.

Flint nutzt diese Vorlage, um in ihrem Roman deutlich zu machen, dass in den Augen der Öffentlichkeit die vermeintliche Täterin sich in anderer Beziehung schuldig gemacht hat. Eine Freundin, ihre einzige Freundin, bringt dies im Gespräch mit einem Reporter auf den Punkt:

Gina lächelte. »Allerdings. Wissen Sie, was sie gesagt hat? Sie hat gesagt: Ich wollte das nie – heiraten und Kinder und all das. Ich wollte immer anders sein als die anderen.«

Wer anders sein will als die anderen wird in einer puritanischen Gesellschaft wie den USA der 1960er (und auch bis heute noch) misstrauisch beäugt, vorverurteilt, bestraft. Zumal sich Ruth auch in der größten Krise noch weigert, sich den Konventionen anzupassen: Selbst als sie trauert, achtet sie auf ihr Äußeres, zeigt keine Tränen, verweigert angepasstes Verhalten. „In der Hitze eines Sommers“ ist weniger die Geschichte eines Kriminalfalls, vielmehr eine Erzählung über den Druck gesellschaftlicher Konventionen, dem außergewöhnliche Frauen ausgesetzt sind. Bis hin zu ihrer Anhörung im Gefängnis:

„Stattdessen nimmt sie ein Papiertuch aus dem Spender, den sie zur ihr hinschieben, und drückt es an ihr tränennasses Gesicht. Sie presst es ganz fest auf den Mund, damit die Wahrheit nicht herauskommt.
Die anderen sehen und hören nur ihre Tränen, und sie nicken zufrieden, weil sie nun endlich ein gebrochener Mensch ist.“

Für einen gebrochenen Menschen, für eine Mutter, die beide Kinder verloren hat, kann es kein Happy End geben. Aber Emma Flint überrascht mit einer ungewöhnlichen Lösung, die an dieser Stelle nicht verraten werden soll. Und so endet das Buch für die Protagonistin nach ihrer Haftentlassung zumindest etwas versöhnlich, nicht ganz hoffnungslos und zeigt zudem, dass die Autorin auch ein Händchen für atmosphärische Dichte hat:

„Sie streckt den Rücken noch ein wenig mehr durch. Atmet den Geruch von Benzin und Juicy Fruit ein, von warmen Donuts, der von einem Stand an der Straße hereinweht, den wohltuenden, leicht süßen Geruch der Lederjacke des Fahrers. Die Straße vor ihnen steigt an, und der Wagen fährt hinauf in das unendliche Blau des Sommerhimmels.“

Informationen zum Buch:

Emma Flint
In der Hitze eines Sommers
Piper Verlag, 2020
Klappenbroschur, 416 Seiten, 16,99 €
EAN 978-3-492-06160-5

Weitere Besprechungen: Auch Petra Pluwatsch beim „Bücheratlas“ mochte das Buch – https://buecheratlas.com/2020/08/31/eine-frau-wie-rusty-in-der-hitze-eines-sommers-ist-das-fabelhafte-krimidebut-von-emma-flint/

 

 

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Eine jüdische Emigrantin bringt die Achtsamkeitslehre nach New York

Bild Straßenschilder Bayreuth: Birgit Böllinger

EIN GASTBEITRAG VON VERONIKA ECKL

Aktuell wird ja viel über das Atmen geredet, weil es zu Pandemie-Zeiten ein Problem ist, dass wir es tun und dabei Aerosole verbreiten, die wiederum… wir wissen es. Allerdings sollten wir da, wo wir niemandem ins Gesicht schnaufen, unbedingt atmen, am besten durch die Nase ein und durch einen Strohhalm aus. Das würde unseren verspannten Körpern und Seelen guttun – davon jedenfalls ist man nach der Lektüre von Christoph Ribbats nonfiktionaler Erzählung Die Atemlehrerin überzeugt. Sie beschreibt das Leben der 1901 geborenen jüdischen Gymnastiklehrerin Carola Spitz aus Berlin, die in ihrem Studio am Central Park bis in die neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts hinein die New Yorker in der Kunst des richtigen Luftholens unterwies.

Ein Buch also, das vor allem für unterbeschäftigte Achtsamkeitsfanatiker interessant ist, denen es Spaß macht, stundenlang auf Yogamatten herumzuliegen? Mitnichten. Ribbats ist Amerikanistik-Professor in Paderborn und hat für sein Buch mit wissenschaftlicher Akribie den Nachlass Spitz‘ ausgewertet, den ihm die amerikanischen Enkel überließen. Es liest sich dennoch spannend wie ein Roman, und zwar auch dann, wenn man mit selbstoptimierender Innerlichkeit nichts am Hut hat. Denn das Schicksal dieser sich emanzipierenden Frau, einer von vielen jüdischen Emigrantinnen, ist ebenso interessant wie die kleine Kulturgeschichte der körperlich-seelischen Ertüchtigung, die Ribbat hier entwirft.

Ermutigend war es jedenfalls nicht, was Carola Spitz als junges Mädchen von ihrer Mutter zu hören bekam: „’Einen Mann wirst du auch nicht kriegen‘, sagt ihr die Mutter. ‚Du bist nicht schön‘, sagt sie, ‚und nicht interessant, nicht besonders begabt…“ Diese Prophezeiung erfüllt sich nicht, denn Carola wird von ihrer frühen Begeisterung für Bewegung doch immer wieder heil durchs Leben getragen. Gegen den Willen der Familie bricht sie ihr geisteswissenschaftliches Studium ab und macht eine Ausbildung bei Anna Herrmann, einer von vielen Gymnastiklehrerinnen jener Zeit, die Körper und Seele in Einklang bringe wollen. Dann arbeitet sie für Elsa Gindler, schon damals eine Ikone der Atemtechnik, interessiert sich für die Psychoanalyse. Kreative, spielerische Körperarbeit ist Trend in der Weimarer Republik und soll der Not des von der Arbeit gestressten, verkrampften, hypernervösen Großstädters entgegenwirken – eine erstaunliche Parallele zur heutigen Zeit. Bald werden sich jedoch die Nazis diese Bewegung zu eigen machen und den vielen jüdischen Gymnastiklehrerinnen das Unterrichten verbieten.

Mit ihrem Mann, dem Zigarettenfabrikanten Otto Spitz, und ihrer Stieftochter flieht Carola gerade noch nach Amsterdam, Paris und, nach langem, qualvollem Warten auf ein Visum, nach New York. Es ist anrührend, wie Ribbat lakonisch die Haushaltsgegenstände auflistet, die bereits mit dem Container aus Europa eingetroffen sind – der Plattenspieler und das Limoges-Porzellan sind da, ebenso die Gymnastik-Utensilien: „ein Medizinball, ein Gummiball, fünf Springseile, sechs Keulen“. Der Autor schafft es, aus dem Archiv-Material heraus und mit Mut zur Leerstelle doch ein lebendiges Panorama der deutsch-jüdischen Emigranten-Szene der fünfziger Jahre zu entwerfen mit allem, was die unfreiwillig Verbannten quälte: Geldsorgen, Heimweh, Erschrecken vor dem Konkurrenzkampf in den USA, der Schmerz um die in Konzentrationslagern ermordeten Verwandten. Auch Carola Spitz‘ Mutter wird es nicht mehr aus Amsterdam herausschaffen und in Auschwitz „erstickt“ werden, wie Carola erst 1951 vom Roten Kreuz erfährt – „erstickt“, wie entsetzlich muss es ausgerechnet für sie gewesen sein, das zu hören! Da arbeitet Mrs Speads, wie sie sich inzwischen nennt, schon Jahre als Gymnastiklehrerin, von der die New Yorker zunehmend begeistert sind, während ihr Mann mehr oder weniger arbeitslos ist. Sie kämpft sich aus der Hausfrauenrolle heraus, in die der Neustart im fremden Land viele Frauen hineinzwingt, ernährt zeitweise die Familie. 1978 erscheint ihr Buch über das Atmen: Breathing: The ABCs. Wer richtig atmet, der kriegt auch das Leben auf die Reihe, das ist, etwas verkürzt gesagt, Carolas Botschaft an die Welt. Und so viele wollen jetzt in dieser hektischen Stadt mit der hohen Luftverschmutzung bei ihr atmen und lernen, achtsam mit dem eigenen Körper und der eigenen Seele umzugehen. Carola wird zu einer New Yorker Größe. Selbst nach einem Schlaganfall unterrichtet die Vierundneunzigjährige noch in ihrem Studio – halbseitig gelähmt.

Den richtig großen Erfolg allerdings hat eine andere: Carolas Berliner Jugendfreundin, die Gymnastiklehrerin Charlotte Selver, mit der Carola in den ersten zehn Jahren ihrer New Yorker Zeit zusammenarbeitet, bevor sich die beiden Frauen überwerfen. Selver zieht weiter nach Kalifornien, wird berühmt für ihr Konzept der sensory awareness, ist heute Teil der amerikanischen Kulturgeschichte. Das ist Carola nicht, und doch legt Ribbat Wert darauf, festzuhalten, dass die Achtsamkeitsbewegung, die seit den achtziger Jahren aus Amerika nach Europa schwappt – heute kommt ja keine Frauenzeitschrift mehr ohne dieses Zauberwort auf dem Titel aus – eigentlich zuerst über die Berliner Emigrantinnen in die Vereinigten Staaten gelangt ist.

Ribbat arbeitet mit harten Schnitten, lässt den Leser teilhaben an seiner Arbeit des Interviewens von Zeitzeugen und auch an seinen Zweifeln: Er belegt selbst einen Kurs in Berlin, der sich „Einführung in die Gindler-Arbeit“ nennt, um seinem Forschungsobjekt nahezukommen – und bricht nach einem Tag entnervt ab, weil er keine Lust mehr hat, seinem Atem ausgestreckt unter Stoffsäckchen nachzuspüren. Seiner Heldin hält er trotzdem die Stange. „Sie hat die Welt nicht verändert. Aber die Welt hat ihr dazu auch keine Gelegenheit gegeben“, schreibt der Autor. Wahrscheinlich ist aber genau dieses nicht ganz große Schicksal der Grund dafür, warum man das Buch mit Anteilnahme liest und die dort abgedruckten Fotos von Carola, ihrer Familie und ihren Schülerinnen am Ende betrachtet wie die von guten Freunden.

Von Veronika Eckl

Informationen zum Buch:

Christoph Ribbat
Die Atemlehrerin. Wie Carola Spitz aus Berlin floh und die Achtsamkeit nach New York mitnahm.
Suhrkamp Verlag, 2020
Gebunden, 191 Seiten, 22 Euro
ISBN: 978-3-518-42927-3

 

Ulrich Becher: New Yorker Novellen

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Bild von Pexels auf Pixabay

„Doch er war frei von jedwedem Gruppenhaß. Indes ein Deutscher. Und akkurat dieser auf der Altleutebank hockende Deutsche, fürchtete der Doktor dumpf in schlafarmen Nächten, werde vor das Tribunal gezogen werden wegen der namenlosen Untaten der deutschen Schreckensherrscher …
Ja, er hatte heimliche Sorgen, der erfolgreiche Seelenwart der Park Avenue. Nicht war er ohne Liebe. Doch konnte sie nicht als Triebkraft seines Daseins gelten. Diese Triebkraft, die ihn hatte vom Schlachtfeld des Ersten Kriegs in die Schweiz fliehen, zum Pazifisten werden, aus dem Dritten Reich fliehen, zum Hitlergegner werden lassen, dieser Motor, der ihm nimmer erlahmte, trag einen knapperen Namen:
Angst.“

Ulrich Becher, „New Yorker Novellen“.

Alle paar Jahre wird sein Magnum Opus, der 1969 erschienene Roman „Murmeljagd“, wiederentdeckt und gefeiert (verdientermaßen), als sei diese literarische tour de force durch die Schweizer Berge ein aufsehenerregendes Debüt. Dabei wäre es mehr als überfällig, Ulrich Becher (1910 – 1990) gleichrangig mit anderen Autorinnen und Autoren der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur zu nennen und den Blick auf sein gesamtes Werk zu öffnen.

Wie Markus Bauer 2012 in „Der Tagesspiegel“ erwähnte, war der Berliner zu Lebzeiten in Österreich bereits ein Klassiker:

„Nach der Flucht von dem havarierenden Kontinent Europa nach Brasilien hatte der Exilant in den USA mit dem Piscator-Schauspieler Peter Preses das Stück „Der Bockerer“ über die Wurzeln des Faschismus in Österreich geschrieben, ein unübertroffenes, vielleicht nur noch vom „Herrn Karl“ seines engen Freundes Helmut Qualtinger sekundiertes Spiegelbild des Verhaltens der Alpenländler im Faschismus.“

Der Schöffling Verlag hat nun dankeswerterweise nicht nur die „Murmeljagd“ wieder aufgelegt, sondern auch die drei „New Yorker Novellen“, die zwanzig Jahre zuvor erschienen waren. Becher, den die Flucht vor den Nationalsozialisten durch etliche europäische Länder, schließlich nach Brasilien und 1944 an den Big Apple getrieben hatte, konnte diese Impressionen der New Yorker Zeit erst in deutscher Sprache veröffentlichen.

Drei Novellen, die das Fremdsein und Fremdbleiben, das Unbehauste der Vertriebenen, auf ganz unterschiedliche Art und Weise beschreiben. Eines haben sie jedoch gemeinsam: Diesen schwarzhumorigen Unterton, die beinahe groteske Verzerrung mancher Situationen, die nicht von ungefähr an George Grosz erinnern: Ulrich Becher, eine Doppelbegabung als Schreibender und Malender, war Schüler und Freund des großen Künstlers.

Doch trotz der Lust am Sprachwitz und ungeheurer Kapriolen – allein, wie aus dem schmächtigen Flüchtling Hans Heinz Nachtigall der wohlsituierte und erfolgreiche Psychoanalytiker John Henry Nightingale wird, zeugt von der Spielfreude des Autors – sind die Erzählungen auch geprägt von einem düsteren Setting: Der in den USA aufgestiegene Nightingale, der es nicht wagt, seinen betagten Vater in Deutschland, den er allein zurückließ, aufzusuchen, der arme jüdische Exilant, der in der Erzählung „Der schwarze Tod“ von seinen Erinnerungen an das Konzentrationslager Dachau eingeholt wird, der amerikanische Soldat, traumatisiert von den Kriegserlebnissen, der in „Die Frau und der Tod“ durch das nächtliche New York streift, einer ebenso betörenden und verstörten Frau auf der Spur.

Als diese New Yorker Novellen im Nachkriegsdeutschland erschienen, waren sie nicht unumstritten: Ausgerechnet dem Exilautor, der mit seinem Witz eben niemanden verschonte, soll „antisemitische Propaganda“ unterstellt worden sein, andere hielten ihn für einen unverbesserlichen Kommunisten. Es ist zu hoffen, dass Ulrich Becher, so wie es Moritz Wagner, Herausgeber der „New Yorker Novellen“ es in seinem Nachwort andeutet, auch eine Lebenseinstellung hatte, die er in seinen Werken immer wieder durchblicken lässt: Das Komische als Überlebenshilfe, kein „Lamento-Boy“ sein.

Schon alleine wegen dieser literarischen Herangehensweise, dieser satirisch-grotesken Betrachtung der Welt, aber auch wegen seiner Fabulierlust, den fast schon barocken Sprachspielereien, lohnt es sich, Ulrich Becher immer wieder und wieder zu lesen.

Informationen zum Buch:

Ulrich Becher
New Yorker Novellen
Herausgegeben und mit einem Nachwort von Moritz Wagner
Schöffling Verlag, 2020
408 Seiten, Gebunden,  Lesebändchen, € 24,00 €[A] 24,70
Auch als E-Book erhältlich
ISBN: 978-3-89561-453-8


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Michaela Karl: „Ich würde so etwas nie ohne Lippenstift lesen.“

„Maeve Brennan wurde nie explizit mit Aktionen oder Ideen der neuen Frauenbewegung in Verbindung gebracht, und doch war sie eine Feministin durch und durch – lange bevor der Feminismus als Idee wieder en vogue wurde. Ihre Arena waren ihre Kurzgeschichten und die seelisch verkrüppelten Frauenfiguren, die sie zeichnete. Frauen, denen das Recht auf ein eigenständiges Leben verwehrt worden war. Frauen, denen man schon als Kind verboten hatte, zu fühlen, zu reflektieren und zu kommunizieren. Sie beschreibt, was aus Frauen wird, die einer derart rückwärtsgewandten Erziehung ausgesetzt waren, und wieviel Unheil sie im Leben anderer Menschen anrichten.“

Michaela Karl, „Ich würde so etwas nie ohne Lippenstift lesen.“, Hoffmann und Campe, 2019.

Als Anfang der 2000er-Jahre Maeve Brennan (1917 – 1993) „wiederentdeckt“ wurde – auch weil sie in einer anderen Meisterin der Kurzgeschichte, Alice Munro, eine Fürsprecherin fand – erlag auch ich dem melancholischen Charme ihrer Kurzgeschichten (dank der Übersetzungen im Steidl Verlag, der zuletzt, 2013, sämtliche Erzählungen von ihr in zwei Bänden übersetzte).

Viel wusste ich jedoch nicht über die Journalistin, Schriftstellerin und Stilikone des New Yorks der 1950er und 1960er-Jahre, gerade so viel, als dass ihre Erzählungen auch auf einen irischen Hintergrund hinweisen und dass vielleicht, vielleicht auch nicht, auch sie eines der vielen Vorbilder für Truman Capotes „Holly Golighty“ gewesen sein könnte.

In ihrer fast druckfrischen Biographie „Ich würde so etwas nie ohne Lippenstift lesen.“  (erschienen am 1. April) bringt Michaela Karl, die sich bereits der amerikanisch-literarischen Hautevolee mit Büchern über Dorothy Parker sowie Zelda und F. Scott Fitzgerald gewidmet hatte, uns die „langatmige Lady“ näher.

So lautet ihr Pseudonym für eine Kolumne des „New Yorker“, für den Maeve Brennan jahrzehntelang schrieb. Dass die junge Frau, die im Alter von 17 Jahren mit ihrer Familie aus Irland in die USA gekommen war, ihre Karriere als Modejournalistin bei „Harper`s BAZAAR“ starten würde, das war ihr keineswegs in die Wiege gelegt. Hineingeboren wurde sie in einen wahrhaft revolutionären Haushalt:  Ihr Vater setzt sich auf Seiten des „Irish National Volunteer Corps“ politisch, journalistisch und wohl auch militant für ein unabhängiges Irland ein, ihre Mutter gründet das Frauenbataillon „Cumann na mBan“. Michaela Karl führt dankenswerterweise ausführlich in die Hintergründe des irischen Konflikts und die Rolle der Brennans ein.

Als erwachsene Frau mausert sich Maeve Brennan vom irisch-katholischen „Landei“ zum schillernden Schwan: In den Fakten präzise, aber dennoch von leichter Hand, gespickt mit vielen Details aus der Welt der amerikanischen Journalisten und dem Manhattan der 1950-er Jahre, zeigt Michaela Karl auf, wie aus der von der Arbeit besessenen Journalistin eine frühe „Influencerin“ wurde: Was sie trug – stets das „kleine Schwarze“ und eine Perlenkette – war eigentlich gegen den Trend jener Zeit, wurde jedoch zum Stil einer Generation bis hin zu den ikonographischen Fotos von Audrey Hepburn.

Dass nicht nur die öffentliche Person Maeve Brennan, die in Sachen Spitzzüngigkeit und Trinkfreudigkeit als legitime Nachfolgerin von Dorothy Parker galt, zu ihrem Recht kommt, sondern auch die erst spät gewürdigte Schriftstellerin ist ein Verdienst der Biographie: Michaela Karl zitiert umfangreich aus den Kurzgeschichten Brennans, beispielsweise aus ihren beiden Zyklen über zwei unglückliche irische Paare, und führt dies mit der Biographie der Schriftstellerin zusammen.

Michaela Karl kristallisiert den Charakter einer starken Frau heraus, die so leben wollte, wie sie es sich gewählt hatte: Unabhängig, selbstbestimmt, ihre Single-Dasein genießend, die selbstgewählte Einsamkeit auskostend, und doch von einem Kranz treuer Freunde umgeben. Und:

„Ganz egal, was das Leben für Maeve Brennan bereithält, ihre Arbeit bleibt das Allerwichtigste: „Meine Schreibmaschine steht in meinem Zimmer. Ich hänge an ihr wie ein Seemann an seinem Kompass“, schreibt sie aus den Hamptons (…).“

In den 1970-er Jahren lässt ihreSchaffenskraft jedoch nach und versiegt schließlich vollständig: Nach einem Nervenzusammenbruch begibt Maeve Brennan sich aus eigener Entscheidung das erste Mal in psychiatrische Behandlung, weitere Klinikaufenthalte folgen.

„In den kommenden Jahren entschwindet Maeve langsam dem Blickfeld ihrer Freunde und dem Gedächtnis der Stadt. Psychisch labil irrt sie durch Manhattan, taucht wie ein Geist aus längst vergangener Zeit an manchen Tagen vor dem Gebäude des New Yorker auf, um stundenlang auf der Straße vor dem Eingang zu sitzen. Nun, da sie das Gebäude nicht mehr betreten darf, ist sie wirklich heimatlos geworden. Die einstige Stilikone ist mittlerweile völlig heruntergekommen und verwahrlost.“

Ein tragisches Ende, zu dem jedoch Michaela Karl klare, deutliche Worte findet, die einer gängigen Interpretation – dies sei der Preis für ein ausschweifendes Leben – widersprechen:

„So fremdbestimmt sie am Beginn ihres Lebens auch war, als ihre nationalistischen Eltern die Unabhängigkeit Irlands über das Wohl ihrer Eltern stellten, so sehr schwamm sie sich später frei. Dass sie im letzten Drittel ihres Lebens mit einer heimtückischen Krankheit zu kämpfen hatte, die ihr diese hart erkämpfte Selbstbestimmung sukzessive raubte, ist tragisch. Noch tragischer ist allerdings, dass in Berichten über Maeve Brennan diese Entwicklung oftmals als Folge eines unangepassten Lebens gedeutet wird. Zwischen den Zeilen schwingt ein verheerender Tenor mit: Ein Leben gegen die herrschenden Konventionen zu führen wird nicht ohne Konsequenzen bleiben. (…) Eine solche Auslegung ihres Lebensweges bedeutet im Umkehrschluss, dass es für Frauen klüger ist, sich zu fügen – ein eigener Kopf wird am Ende rollen.“

Und so macht die Biographin nochmals explizit deutlich:

„Maeve Brennan hat nicht aus Verzweiflung und Heimatlosigkeit im Wahnsinn Zuflucht gesucht, sondern sie litt an einer psychischen Erkrankung, die in den letzten Jahren ihres Lebens ihre glücklich verteidigte Autonomie zunichte machte.“

Vom Kind irischer Unabhängigkeitskämpfer zur Stilikone im vibrierenden Manhattan bis hin zum Ende in der Obdachlosigkeit: Ein Leben wie ein tragisch-schöner Roman. Michaela Karl hat daraus eine einfühlsame und detailgetreue Biographie gemacht. Wer Maeve Brennan kennenlernen will, dem sei dieses Buch empfohlen.

Bibliographische Angaben:

Michaela Karl
„Ich würde so etwas nie ohne Lippenstift lesen.“
Hoffmann und Campe, 2019
22,00 Euro, 352 Seiten, gebunden, Lesebändchen
ISBN 978-3-455-50414-9

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Jacqueline Woodson: Ein anderes Brooklyn

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Bild von brogers718 auf Pixabay

„Das war im Sommer, als die Lichter in New York ausgingen und Leute die Geschäfte am Broadway plünderten, dann in Cabrios mit offenem Verdeck durchs Viertel fuhren und Schuhschachteln, Fernsehapparate und verpfändete Pelzmäntel über ihre Köpfe hielten. Mein Bruder und ich beobachteten alles vom Fenster aus. Die Straßen, sagte mein Vater immer wieder, seien für jeden vernünftigen Menschen zu gefährlich. Wir zündeten Kerzen an und erhitzten auf dem Herd Spaghetti in Dosen. Die Sachen in unserem Kühlschrank wurden schlecht, während mein Vater die Läden im Viertel nach Eisbeuteln abklapperte. Biafra und Vietnam waren vielleicht schlimmer, als mein Bruder und ich es uns vorstellten, aber der Blackout kam uns vor wie der Weltuntergang.“

Jacqueline Woodson, „Ein anderes Brooklyn“, OA 2016, in deutscher Übersetzung durch Brigitte Jakobeit, Piper Verlag, 2018.

Eine Kindheit in den 1970er- und 80er-Jahren in New York: Während in Manhattan das Diskofieber grassiert und das „Studio 54“ zum legendären Ort wird, versinkt eine halbe Zugstunde entfernt ein anderer Stadtteil im Sumpf aus Armut, Drogen und Alkohol. Mit großen, kindlichen Augen beobachtet August das Geschehen auf der Straße. Kann zunächst nicht einordnen, was sie dort beobachtet:

„Von diesem Fenster aus sahen wir von Juli bis zum Ende des Sommers, wie Brooklyn sich jeden Morgen zu einem herzzerreißenden Rosa verfärbte und gegen Abend in einem fantastischen Graublau versank. Am Vormittag sahen wir die Umzugswagen parken. Weiße Leute, die wir nicht kannten, füllten die Wagen mit ihren Habseligkeiten, und am Abend schauten sie lange auf die Häuser, die sie verließen, dann stiegen sie in ihre Kombis und fuhren weg. Eine blasse Frau mit dunklem Haar legte die Hände vor ihr Gesicht, als sie mit zitternden Schultern auf den Beifahrersitz stieg.“

Während die einen feiern, kämpfen die anderen um ihre Existenz: Bushwick, das ehemalige Industrieviertel (das übrigens in unseren Tagen wieder ein Trendviertel ist, in dem die schwarze Bevölkerung allmählich wegen steigender Mietpreise verdrängt wird), wird zum Sammelbecken der Verlierer des amerikanischen Traums. Die Italiener, die Iren, die Osteuropäer ziehen weg, zurück bleiben die Schwarzen und Latinos. Das Antlitz der Armut, die Fratze des Ausgegrenztseins, die ihnen hämisch entgegengrinsen, das ist August längst vertraut – auch im ländlichen Tennessee lebte ihre kleine Familie unter ärmlichen Umständen. Doch da waren die Liebkosungen der Mutter, der bewunderte Onkel – der sein Leben in Vietnam lassen muss -, das kleine Haus, die Natur, die Freiheit, der Fluss. Jener Fluss, in dem die Mutter schließlich ihr Ende sucht, ein Ende, das August lange nicht wahrnehmen will, nicht akzeptieren kann. Der Vater, ursprünglich aus Brooklyn stammend, bringt seine beiden Kinder dorthin zurück. Und versucht sie zunächst in der kleinen, ärmlichen Wohnung vor den Gefahren der Straße zu beschützen.

„Als wir ihn in diesem Sommer baten, uns tagsüber nach draußen zu lassen, schüttelte er den Kopf. Die Welt ist nicht so sicher, wie alle immer gern glauben, sagte er. Schaut nach Biafra, sagte er. Schaut nach Vietnam.“

Bushwick ist nicht Biafra, nicht Vietnam – doch nicht weit davon entfernt:

„Aber mein Bruder und ich waren nie hungrig, unsere Gesichter nie aschgrau, und wir waren immer den Wetter entsprechend angezogen. Wir hatten richtig arme Kinder gesehen, mit knochigen Knien und Füßen, zerlumpten Kleidern und Augen, die hungrig dem Mister-Softee-Eiswagen folgten, während wir mit unserem Vater hinter der Eingangspforte standen und an unseren Tüten schleckten. Wir hatten es besser. An den meisten Tagen hatten wir genug.“

Schritt für Schritt erobert sich August jedoch dieses unbekannte Terrain. Es ist das innige Band, das das Mädchen zu ihren Freundinnen Angela, Gigi und Sylvia entwickelt, das ihr Kraft und Lebensfreude gibt. Die Träume der anderen – Tänzerin, Schauspielerin, Anwältin zu werden – die sie anspornen. Die Hoffnung, dass eine von ihnen es „schaffen“ wird: Bushwick hinter sich zu lassen, Bushwick zu überstehen. Zu viert sind sie, so scheint es, unangreifbar, nicht antastbar für die Vergewaltiger, die in den Hausfluren lauern, für die Voyeure, die die Kinder begaffen und auch nicht für das Elend, das Drogen, Alkohol, Arbeitslosigkeit in die Familien bringen. Bis zu jenem Sommer, in dem die Träume und damit die Freundschaft zerbrechen…

Jacqueline Woodson erzählt diese Geschichte in kleinen, oftmals melancholisch-poetischen Sentenzen. Ein schmales, aber wuchtiges Buch: Die Bilder eindringlich, nachgehend. Man merkt dieser Erzählung, die unter den Finalisten zum National Book Award war, auf positive Art und Weise an, dass ihre Schöpferin eine mehrfach preisgekrönte Jugendbuchautorin ist, so eindrücklich weiß sich Jacqueline Woodson in die Psyche eines 15jährigen Mädchens zu versetzen:

„Wenn du fünfzehn bist, überwiegt der Schmerz den Verstand und trifft mitten ins Mark.“

„Wenn du fünfzehn bist, kannst du dir nicht mehr vormachen, dass alles wieder so wird, wie es früher war. Deine älter werdenden Augen erzählen eine andere, wahrere Geschichte.“

Der Brutalität der Straße, der Grausamkeit des Lebens, dem setzt Woodson in diesem Roman beinahe lyrische, zarte Bilder entgegen, die vom Wert der Freundschaft und den Schmerzen des Erwachsenwerdens erzählen. Kurze, knappe Sentenzen, die sich zu einem dunklen Mosaik zusammenfügen – den am Ende zeichnen diese intensiven Sätze auch ein klares, brutales Bild vom Alltag der schwarzen Bevölkerung, von den Folgen des Rassismus in den USA.

Dieses Zusammentreffen von lyrischer Begabung und einem klaren Blick auf die Welt steht in einer großen literarischen Tradition. Die „Time“ zog in ihrer Besprechung nicht ohne Grund diesen Vergleich:

„Woodsons schonungslose Geschichte, wie aus einem Mädchen eine Frau wird, erinnert an die Meister des Genres: Betty Smiths „Ein Baum wächst in Brooklyn“, Toni Morrisons „Sehr blaue Augen“ und vor allem, mit seiner dunkel-poetischen Sprache, an Sandra Cisneros „Das Haus in der Mango Street.“

Drei Romane, die großartig sind – und nun mit „Ein anderes Brooklyn“ ein empfehlenswertes Quartett bilden.

Verlagsinformationen zum Buch: „Ein anderes Brooklyn“

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Joseph Roth: April. Die Geschichte einer Liebe

„Manchmal wusste ich, dass Anna zärtlich sein könnte. Ich liebte die Frauen, deren Güte wie ein verschütteter Quell, unsichtbar fruchtlos, aber unermüdlich, jedesmal gegen die Oberfläche anströmt und, weil ein Ausweg nicht möglich, nach der Tiefe gedrängt, verborgene Schächte gräbt und gräbt bis zum Versiegen. Ich liebte Anna. Ich konnte ihren Reichtum nicht lassen. Sie wusste nicht, wieviel ihr verlorenging, wenn sie so daherschritt, rückwärts lebend, jede andere Sehnsucht ausschaltete und nur die nach Vergangenem trug und pflegte.“

Die erste der Erzählungen Joseph Roths, die herausragt aus den frühen Vorversuchen, ist für mich „April. Die Geschichte einer Liebe“, veröffentlicht 1925. Schon zuvor hatte Roth über Frauen geschrieben – einsame Frauen, alleinstehende Frauen, verlassene Frauen, Geliebte, Witwen, Mütter. Doch bei „April“, dieser einerseits zarten, poetischen Erzählung, andererseits aber auch desillusionierenden Liebesgeschichte, ist der Blick auf „die Frau“, aber auch auf die Zeitläufte, erstmals befreit von jugendlicher Rührseligkeit. Roth spielt in dieser Erzählung stilistisch auf einer Klaviatur poetischer Bilder, neusachlicher Flapsigkeit und expressionistischem Ausdruck – geprägt zwar auch von den literarischen Stilen seiner Zeit, ließ er sich dennoch nicht festlegen, zeigt vielmehr an dieser Erzählung, wie groß die Bandbreite seines Talentes ist.

Fast schon müßig zu betonen, dass die Liebe – beziehungsweise die Lieben – unglücklich verläuft in diesem „Intermezzo“.

Der Erzähler kommt in eine kleine Stadt, verliebt sich zunächst in Anna, Mutter eines unehelichen Kindes und dann in eine unbekannte Schöne, die am Fenster sitzt. Anna erzählt ihm, die Unbekannte sei todkrank. Der Erzähler beschließt, wieder abzureisen – am Bahnhof sieht er ein letztes Mal die scheinbar kranke Schöne, sie, das blühende Leben ist offensichtlich mit einem Mann verlobt, den er verabscheut. So oder so – die Liebe zu beiden Frauen wird durchlebt im rasenden Tempo, wird stark empfunden, bleibt aber doch nur ein Spiel auf Zeit.

Eine ganze Stadt wird lebendig

Dies ist der äußere Rahmen, den Roth jedoch auch nutzt, um eine ganze kleine Stadt, eine kleine Welt lebendig werden zu lassen. Mit wenigen Strichen zeichnet er Miniaturen, lässt Typen und Charaktere auferstehen: Den windigen Kellner Ignaz, der lieber Politiker wäre, den würdigen Postdirektor, den vom Ehrgeiz zerfressenen Eisenbahnassistenten, der auch bei der Liebe (die er nicht empfinden kann) die rote Eisenbahnassistentenmütze im Blick behält. Der Erzähler ist ein assoziierender Flaneur:

„Ich pflanze meine Erlebnisse wie wildes Weinlaub und sehe zu, wie sie wachsen.“

Vor allem ist „April“ jedoch auch die Geschichte einer Liebe zu einer mystifizierten Unbekannten: In Gegensatz zu der Kleinstadt, in der sich der Erzähler nur auf Durchreise befindet, steht das glitzernde, schillernde New York.

„Manchmal träumte ich von einer großen Stadt, es war vielleicht New York. Ich atmete das Rasseltempo ihres Lebens, ihre Straßen rannten groß, breit, unaufhaltsam, mit Menschen, Fahrzeugen, Pflastersteinen, Laternenpfählen, Litfaßsäulen, ich weiß nicht, wohin und wozu. Die Stadt stand nicht, sondern lief. Nichts stand. Große Fabriken qualmten aus riesigen Schornsteinen den Himmel an. In sekundenkurzen Pausen hielt ich die Augen geschlossen, um die Melodien dieses Lebens zu hören. Es war eine greuliche Musik; sie klang so wie die Melodie eines verrückt gewordenen, ungeheuren Leierkastens, dessen Walzen durcheinandergeraten waren. Diese Musik aber reizte auf. Es war nur häßlicher, nicht falscher Rhythmus.“

Der Erzähler fühlt sich am Ende von diesem Rhythmus mitgezogen – er steigt in den Zug, lässt alles hinter sich, denn:

„Das Leben ist sehr wichtig!“ lachte ich. „Sehr wichtig!“ und fuhr nach New York.

Mythos der Großstadt

Joseph Roth, oftmals als Mystiker und Mythomane bezeichnet, greift hier den Mythos der Großstadt, der vor allem durch die expressionistische Literatur geisterte, auf. Anklänge von Döblins „Berlin Alexanderplatz“und Dos Passos „Manhattan Transfer“, das wie „April“ 1925 erschien, sind zu spüren in dieser Erzählung. Synkopisch im Duktus, eine „Sinfonie der Großstadt“.

Für Roth, den in Galizien geborenen Juden, hat New York jedoch noch eine weitere Bedeutung, die über den Mythos der großstädtischen Moderne hinausgeht. Die Vereinigten Staaten waren vor allem für die verarmte jüdische Landbevölkerung aus Südosteuropa ein Fluchtpunkt, ein gelobtes Land, die Auswanderungswelle war enorm. Joseph Roth greift dieses Thema in seiner journalistischen Arbeit auf, unter anderem in seinem Essay „Juden auf Wanderschaft“.

Dieser 1927 veröffentlichte Aufsatz erschien 2012 in einer illustrierten Buchausgabe – siehe hier die Besprechung bei „Glanz&Elend“.

Ein weiteres Buch zum Thema: Ulla Kriebernegg, Gerald Lamprecht, Roberta Maierhofer, Andrea Strutz (Hrsg.): „Nach Amerika nämlich! Jüdische Migrationen in die Amerikas im 19. und 20. Jahrhundert“, Wallstein Verlag.

„April. Die Geschichte einer Liebe“ kann beim Projekt Gutenberggelesen werden.


Bild zum Download: Fassade


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John Steinbeck: Meine Reise mit Charley

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Bild von gayleenfroese auf Pixabay

„Dieses Monster von einem Land, diese mächtigste aller Nationen, dieses Keimbeet der Zukunft erweist sich als der Makrokosmos des Mikrokosmos meiner Person.“

John Steinbeck, „Meine Reise mit Charley“

Manchmal ist es vor der eigenen Haustür exotischer als in der Fremde. Nun ja, in den USA liegt zudem auch ziemlich viel vor der Haustür. Und deshalb fasste John Steinbeck (1902 – 1968) Anfang der 60erJahre einen Plan.

„Mein Plan war klar, präzise und vernünftig, denke ich. Viele Jahre bin ich in allen Teilen der Welt gereist. In Amerika lebe ich in New York oder schaue kurz in Chicago oder San Francisco vorbei. Aber New York ist so wenig Amerika, wie Paris Frankreich ist. So entdeckte ich eines Tages, dass ich mein eigenes Land nicht mehr kannte.“

Von einem, der auszog, sein eigenes Land wieder kennen zu lernen. Davon erzählt „Die Reise mit Charley“. Und dass man von dem großen Linken der amerikanischen Literaten, dem Nobelpreisträger der „kleinen Leute“, keinen verklärenden Reisebericht erwarten darf, das ist vom Start an klar. Sein Blick auf das Land ist und bleibt kritisch: so kennt man ihn bereits aus seinem 1939 erschienenen Roman über die Ausbeutung der Landarbeiter, „Früchte des Zorns“, auch das gewissermaßen ein Reisebuch. So bitter, streckenweise melancholisch und resigniert der Erzählton in der Reise mit Charley jedoch klingt, wenn Steinbeck die Verhältnisse und Zustände schildert, mit soviel Wärme – wie man es auch aus der „Straße der Ölsardinen“ und „Von Mäusen und Menschen“ kennt – beschreibt er dagegen die  Begegnungen mit Bekanntschaften und Freunden, während er „on the road“ ist.

Von Long Island zum Pazifik

Es ist – so steht es auch im Untertitel – eine Suche, eine Reflexion über das eigene Verhältnis zum Heimatland, die Steinbeck bei seiner Fahrt von der West – an die Ostküste unternimmt. Diese Suche nach dem eigenen Standpunkt, vielleicht auch nach der eigenen Herkunft, den Wurzeln – unter anderem streift er auch seinen Heimatort Salinas – mag in der persönlichen Lebenssituation Steinbecks gelegen haben: Bereits 1954 erlitt er einen ersten Schlaganfall, 1959 erneut und diesmal auch ernsthafter. Eine Grenzerfahrung, die ihn auf die Straße führt. Im Herbst 1960 legt er mit einem zu einem Wohnmobil umgebauten Kleinlaster namens „Rosinante“ los, Reisebegleiter ist Pudel Charley, und fährt in drei Monaten von Long Island über Maine bis an die pazifische Küste und zurück nach New York.

Ein Land im Kalten Krieg mit sich selbst

„Auf der Suche nach Amerika“ findet Steinbeck ein Land in Erstarrung, wenn nicht gar im Niedergang. Steinbeck, auch schon in den 60iger-Jahren ein engagierter Umweltschützer, geht menschlich mit den Menschen um, mit der Gesellschaft und Politik jedoch scharf ins Gericht. Eine Zustandsbeschreibung als Beispiel:

„Amerikanische Städte sind wie Dachsbauten: von Abfall umgeben – alle ohne Ausnahme -, umzingelt von Bergen rostender Autowracks und fast erstickt unter Müll. Alles, was wir brauchen, kommt in Kisten, Kartons, Behältern, der sogenannten Verpackung, die wir so lieben. Die Berge dessen, was wir wegwerfen, sind sehr viel größer als die der Dinge, die wir benutzen.“

Des Mülls zuviel, der Worte zuwenig – Amerika erstarrt in dieser Zeit im Kalten Krieg. Zwar werden die Begegnungen auf der Landstraße mit viel Humor beschrieben – köstlich ist der Dialog mit einem Farmer zu Chruschtschows berühmter „Schuh“-Rede bei der UNO. Doch deutlich wird daran auch, wie viel Kälte dieser Krieg nach Innen ausstrahlt. Politische Gespräche im Misstrauensmodus.

„Genau das sollte ich im ganzen Land finden – keine Argumente, keine Diskussion“, bedauert Steinbeck. Dagegen: Verunsicherung, Ängste, Hilflosigkeit – letztendlich auch dieses die Ursachen für den bitteren Hass, den Steinbeck in New Orleans erleben und beobachten muss. Er trifft dort ein, als ein kleines Mädchen von einem großen Polizeiaufgebot in eine Schule für Weiße eskortiert wird – auch heute noch verursachen die beschriebenen Szenen eines aufgebrachten Mobs aus gruseligen, überfütterten amerikanischen Frauen Kälteschauer.

Keine einfachen Wahrheiten

John Steinbeck durchstreift sein Land auf der Suche nach Wahrheiten – sein Fazit ist melancholisch:

„Wie schön wäre es, wenn ich über meine Reise mit Charley sagen könnte: `Ich bin ausgezogen, um die Wahrheit über mein Land zu finden, und ich habe sie gefunden.´ Wie leicht wäre es dann, meine Funde niederzuschreiben und mich bequem zurückzulehnen mit dem schönen Gefühl, Wahrheiten entdeckt und meinen Lesern mitgeteilt zu haben. Ich wünschte, es wäre so einfach.“

Zurück bleibt nach dem Lesen das Gefühl, eine einzigartige Reise mit einem wunderbaren Menschen und einem komischen Pudel miterlebt zu haben – und doch immer noch vor diesem großen, exotischen Rätsel namens Amerika zu stehen. Und dies macht das Buch auch heute noch, fünf Jahrzehnte später, über seinen literarischen Wert hinaus so lesenswert – vieles an dieser USA-Reise meint man auch heute noch so erleben zu können.

 

 

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Madge Jenison: Sunwise Turn

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Bild von congerdesign auf Pixabay

„Bücher! Mache ich zuviel Aufhebens von ihnen? Sie klopfen an die Tür zur Zukunft. Sie sind so abwechslungsreich. (…) Sie schenken uns Motive, Möglichkeiten, Prüfungen und Vorlieben. Wir finden in ihnen die Gedanken, auf denen das moderne Leben aufbaut, die ihm seinen Glanz verleihen, „unser wahres Glück, unseren Stolz“. Wenn ein Mann sein ganzes Geld in seinen Kopf gesteckt hat, dann hat er es, wie Franklin sagte, gut untergebracht.“

Madge Jenison, „Sunwise Turn. Eine Liebeserklärung an die Welt der Bücher.“ edition ebersbach.

Als Madge Jenison gemeinsam mit Mary Mowbray-Clarke 1916 in Nähe der New Yorker Fifth Avenue ihre Buchhandlung eröffnet, ist dies für die beiden Frauen weit mehr als ein nur ökonomisches Abenteuer. Die beiden Damen sind keine geborenen Buchhändlerinnen, aber getrieben vom Verlangen, „das Buch“ und damit Bildung an die Frau beziehungsweise Mann zu bringen. Madge (1874-1960) und Mary (1874-1962) sind Teil eines intellektuellen-künstlerischen Zirkels in New York. Beide schreiben, Madge ist im Kampf für das Frauenwahlrecht aktiv, Mary schreibt und unterrichtet über Bildende Kunst. Beide haben vom Handel, insbesondere Buchhandel, keine Ahnung.

Humorvoll, engagiert, leidenschaftlich und ungeheuer fleißig – so scheint Made Jenison gewesen zu sein und so schreibt sie auch. Und aus jeder Zeile des schmalen Buches wird deutlich, worin der Erfolg von „Sunwise Turn“ lag: Weil hier Menschen mit Herzblut und unbedingter Überzeugung ein „Projekt“ stemmten, dessen Aussichten eher düster waren. Nicht nur die allgemeinen Rahmenbedingungen, der Umgang mit der „Ware“ Buch erschwerten den Betrieb, sondern auch die speziellen Bedingungen dieser Zeit – auch das Binnenleben der USA wurde vom 1. Weltkrieg überschattet. Und dennoch:

„Bücher sind keine besonders lukrative Handelsware, wenn es sich jedoch lohnt, sie zu verkaufen, dann lohnt es sich erst recht, es gut zu machen.“

Die beiden machten es offensichtlich sehr gut: Der Laden, mit viel Geschmack eingerichtet, entwickelt sich zum „Hot Spot“. Hier verkehren Intellektuelle ebenso wie bedürftige, ungebildete Menschen, die von eigens eingerichteten Fonds und dem guten Herz der beiden Buchhändlerinnen profitieren: Manches Werk wandert ohne Bezahlung über den Ladentisch. Im Laden finden Veranstaltungen statt, Lesungen werden abgehalten, auch einige Bücher unter dem Logo von „Sunwise Turn“ publiziert, Madge beliefert Kunden mit auf sie abgestimmten Literaturlisten, berät bei der Einrichtung öffentlicher Bibliotheken, scheint rund um die Uhr aktiv zu sein im Dienste des Buches. Wer dem lebendigen Erzählstil folgt, wird dies genießen. Jedoch: Dieses Buch ist nicht nur höchst unterhaltsam, sondern auch verdammt gefährlich – schlummert doch in vielen Leser(innen) ein(e) verkappte(r) Buchhändler(in). Ich jedenfalls begann bei der Lektüre davon zu träumen, eine „Sunwise Turn“-Filiale in Augsburg zu eröffnen.

ABER: Auch wenn Madge Jenison ausführlich an mehreren Stellen über die ökonomischen Abläufe, zähe Verhandlungen mit Verlegern, Rabattschlachten und Bilanzen schreibt – es geht aus dem Buch nicht hervor, ob die beiden Besitzerinnen jemals von ihrem Kleinunternehmen leben konnten. Ich nehme an, dass aus dem Projekt zwar eine Vollzeitarbeit wurde, die Existenz jedoch anderweitig gesichert war. Sei`s drum – die beiden erfüllten sich und anderen einen Traum, ein Bedürfnis.

„Das Geheimnis unseres Erfolges war, dass wir die Buchhandlung zu einem magischen Ort machen wollten, der sich von anderen abhob und in dem schon der Kauf eines Buches zu einem aufregenden Erlebnis wurde.“

„Wir neigten dazu, unsere Unternehmungen als Heldentaten zu betrachten. Manchmal hatte ich das Gefühl, als flirteten wir nur mit unserer Idee, als inszenierten wir sie wie ein Konzert. Doch sie hatte von der ersten Stunde an etwas an sich, das unabhängig von uns war – etwas Wahres.“

„Sunwise Turn“ ist mehr als ein Buch über Bücher und eine Buchhandlung. Das Buch, das nach seiner ersten Veröffentlichung 1923 ein großer Erfolg wurde, ist auch ein Stück Zeitgeschichte: Das Manhattan dieser Jahre wird lebendig, fast wie auf einem Stück Zelluloid sieht man beispielsweise Madge Jenison auf der Suche nach einem Streifenpolizisten, der den unverschlossenen Laden überwacht, durch die Straßen streifen oder auf einer Bank mit einem selbstmordgefährdeten Kriegstraumatisierten sitzen. Peggy Guggenheim liefert im bodenlangen Pelzmantel ehrenamtlich Bücher für den Laden aus, Theodore Dreiser begeistert die Jenison Kraft seiner Persönlichkeit, völlig fremde Menschen erzählen in der Buchhandlung ihre Lebens- und Liebensgeschichten.

„Schon bald stellte sich heraus, dass die meistgehandelte Ware in unserem Laden das Gespräch war.“

Und es ist schön, dass man als Leser ein Jahrhundert später daran noch teilhaben kann. Bei der edition ebersbach wurde das Buch, das zwischenzeitlich vergriffen war, 2014 wieder neu aufgelegt. Auch dazu gibt es eine schöne Buchhandelsgeschichte – nachzulesen beim Blog der Ulmer Buchhandlung Jastram:

http://jastramkulturblog.wordpress.com/2014/02/

Durch Buchhändler Samy Wiltschek wurde ich auf „Sunwise Turn“ aufmerksam: Die Jastram-Jahresgabe 2013 war ein schön gemachtes Heft mit einem Auszug aus dem Buch. Und das hat nicht zuletzt wieder zu einer deutschsprachigen Neuauflage geführt.

Eine schöne Besprechung ist zudem bei Ingrid vom Block Druckschrift zu lesen.

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Joseph Mitchell: Old Mr. Flood – Vom Fischessen, Whiskey, Tod und Wiedergeburt

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Bild: (c) Michael Flötotto

Mein Bekannter Mr. Hugh. G. Flood, ein zäher, dreiundneunzigjähriger ehemaliger Abbruchunternehmer mit schottisch-irischen Wurzeln, erklärt gerne, dass er felsenfest entschlossen ist, bis zum Nachmittag des 27. Juli 1965 zu leben, wenn er hundertfünfzehn Jahre alt wird. „Mehr will ich gar nicht“, sagt er. „Ich will nur hundertfünfzehn werden. Das reicht mir.“

Joseph Mitchell. „Old Mr. Flood. Von Fischessen, Whiskey, Tod und Wiedergeburt“, Diaphanes Verlag, 2015.

Das nenne ich Glück. Zumindest Leserglück. Nach dem unlängst vorgestellten Roman von Steven Bloom nun der zweite Glückstreffer: Die Reportagen des Joseph Mitchell, die der Diaphanes Verlag seit einiger Zeit in einer Reihe herausgibt. Erstmals sind dadurch die Texte dieses journalistischen Urgesteins der USA in Deutsch zu lesen. Das jüngste Buch in dieser Reihe, „Old Mr. Flood“ versammelt drei Reportagen aus den 1940er Jahren. Diese gehen schon stilistisch weit über das hinaus, was bei uns gewöhnlich als Reportage gewertet wird – sie sind literarische Erzählungen. Zudem ist die Titelfigur, Old Mr. Flood, fiktiv: Eine Type, angelehnt an die Originale, die der Reporter bei seinen Streifzügen in New York kennenlernte.

Old Mr. Flood ist „klein und runzlig“, hat wachsame, eisblaue Augen und ist stets überaus korrekt, wenn auch altmodisch gekleidet. Und er ist der heimliche Herrscher des Fulton Fish Markets in Manhattan. Obwohl selbst nicht im Fischhandel tätig gewesen, weiß keiner so viel über Fische und Muscheln wie er. Man kann gut und gern behaupten: Sein ganzes Leben dreht sich um nichts anderes als Fische. Er wohnt in einem „verschlafenen Hafenhotel“, wo er abends mit seinen Kumpels, mehr oder weniger noch knackig und auf den Beinen, über Fische spricht. Tagsüber treibt er sich auf dem Markt herum, kontrolliert die Ware, führt Pläuschchen mit den Händlern, hält sich auf dem neuesten Stand über Fischfanggebiete und die jüngsten Fänge, testet die Fischlokale der Gegend und setzt – vor allem wenn er mit seinem Reporter-Freund zusammenkommt – die phänomenalsten Fischlegenden in die Welt.

Das alles ist so lebendig und bildhaft geschildert, man wähnt sich beim Lesen mittendrin im Geschehen. Wie in einem alten Schwarz-Weiß-Film mit einem Walter Matthau als brummiger, aber liebenswerter Hauptfigur. Der Geruch des Marktes, der Geschmack von Salzwasser, die Geräusche des Hafens – sie bilden den sinnlichen Hintergrund beim Lesen. Das bewirkt vor allem die direkte, schwungvolle und bildliche Sprache, die Joseph Mitchell, Vorbild für Generationen amerikanischer Reporter, eindrucksvoll beherrschte. Er erweckte Wörter zum Leben, ließ aus Sätzen Bilder werden und würzte dies noch unnachahmlich mit einer guten Dosis Humor:

Mr. Flood warf einen Blick darauf und sagte: „Oh Gott, was ist das? Ist das einer von diesen Schreiberlingen, die sich in den Zeitungen über Restaurants ausbreiten und vor Begeisterung nicht mehr einkriegen, egal was man ihnen vorsetzt? Jede Zeitung hat inzwischen einen, der über Restaurants schreibt, einen Experten, der seine Meinung zum Besten gibt, und wenn er arbeitslos wär und in ein Restaurant gehen und um eine Stelle bitten würde, dieser Kochexperte, dieser Alleswisser mit seiner ganzen Erfahrung, dann würden sie ihn nicht mal die Kartoffeln für den Eintopf schälen lassen.“

„Der Herr ist eben ein Gurmet“, sagte Mr. Murchison. „Komm schon, lies vor, was er schreibt.“
Mr. Flood las ein, zwei Absätze. Dann grunzte er und reichte mir den Artikel. „Gott helf uns mein Sohn“, sagte er. „Lesen Sie.“

Mr. Beebe beschrieb in der Kolumne eine Mahlzeit, die von Edmond Berger, dem Chef de cuisine des Colony Restaurant, für ihn und einen Freund „aufgefahren“ worden war. Ausführlich erging er sich über das Menü. Ein Gang, der Fischgang, war „Filet de Sole en Bateau Beebe“. „Die Seezunge, von Chef Berger anlässlich unseres Mahls ersonnen und liebenswürdigerweise auf den Namen des Verfassers dieser Zeilen getauft“, schrieb Mr. Beebe, „war ein delikates Filet, angerichtet auf einer halben gebackenen Banane, ein Trick, den man sich merken sollte.“
„Grundgütiger!“, sagte Mr. Flood.

„Hört sich gut an, was?“, fragte Mr. Murchison. „Ne halbe gebackene Bannaneh mit nem delikaten Stück Flunder drauf. Warum hat er nicht gleich noch ne rote Schleife drumgebunden, wenn er schon dabei war?“

„Als Nächstes legen sie noch eine Kirsche auf gekochten Kabeljau“, sagte Mr. Flood. „Wie wär`s damit, ein delikates Stück Kabeljau, auf dem eine Kirsche angerichtet ist?“
Die beiden Männer gackerten.

Zumal Mr. Flood eine fiktive Figur war, werden wir nie erfahren, ob er sein Ziel, den 115. Geburtstag zu feiern, mittels der von ihm propagierten Fischdiät erreichte. Doch zuzutrauen wäre es dieser Figur, wäre sie denn leibhaftig gewesen, durchaus: Soviel Lebensfreude und Lebenskraft strahlen diese Menschen aus, von denen der Reporter Mitchell erzählte. Es sind, so schrieb Jörg Häntzschel in einer Besprechung in der Süddeutschen Zeitung, „Lebensreportagen“.

Zwar handeln sie von einer Welt, die so inzwischen nicht mehr existiert – nicht mehr das Alte-Männer-Hotel, nicht mehr der Fischmarkt. Und sie handeln von Menschen, die nicht mehr leben. Aber die Erzählungen, diese selbst, sie bleiben lebendig. Und das ist der Kraft des Erzählers zu verdanken. Ein wenig neidisch schielt man da schon über den großen Teich auf diese journalistische Kultur der kraftvollen, erzählerischen Reportage, die bei uns im Grunde mit den großen Namen der Weimarer Republik – Kisch und Roth, um nur zwei zu nennen – untergegangen ist.

„Old Mr. Flood“ kann ich getrost jedem empfehlen, der seine Freude hat an hervorragend geschriebenen Reportagen UND Erzählungen. Mitchell führt einfach vor, wie man eine Geschichte schreibt, wie man Erzählungen vorantreibt. Und seinen Lesern damit große Freude bereitet. Dazu muss man nicht einmal unbedingt Fischliebhaber sein.

Joseph Mitchell selbst war wohl auch so ein Original wie die von ihm beschriebene Gang der alten Männer: Er war Mitbegründer des New Journalism, Chefreporter des New Yorker und wurde dabei zur lebenden Legende. 1964 schrieb er mit „Joe Gold`s Secret“ seine letzte Reportage. Danach veröffentlichte er keine einzige Zeile mehr, ging aber trotzdem bis zu seinem Tod 1996 jeden Tag in die Redaktion.

Wir danken dem Diaphanes Verlag für das Besprechungsexemplar – Informationen zu diesem Buch und den weiteren der Mitchell-Bücher gibt es hier. Und hier findet sich eine sehr schöne Rezension in der „Zeit“.

Ein Beitrag von Claudio Miller

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Oskar Maria Graf: Anton Sittinger. Ein satirischer Roman

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Schnell vorbei ist es mit der bayerischen Gemütlichkeit, wenn im Wirtshaus über Politik palavert wird. Bild von RitaE auf Pixabay

„Menschen wie Sittinger gibt es in allen Ländern. Abertausende. Ihre Zahl ist Legion. Alle Gescheitheit und List, aller Unglaube und alle Erbärmlichkeit einer untergehenden Schicht ist in ihnen vereinigt. In manchen Zeiten heißen sie „du“ und „ich“. Dennoch wird niemand daran glauben, daß er auch zu ihnen gehört. Er würde sich schämen und belächelt sie verächtlich. Er weiß nicht, daß diese Verachtung ihn selber trifft. Sie erscheinen harmlos, und ihr giftiger Egoismus gibt sich stets bieder. Sie sind die plumpsten und verheerendsten Nihilisten unter der Sonne. Man hat politisch mit ihnen zu rechnen, wenn man die Welt verändern will, nur darf man sich nie dem Wahn hingeben, als seien sie für das Erringen einer besseren Zukunft brauchbar. Sie sind nicht einmal gärende Gegenwart, nur Vergangenheit und darum die unangreifbarsten Totengräber jeder gerechten Gesellschaftsordnung. Instinktiv hassen sie den sozial Benachteiligten, den Arbeiter und Armen, und ihr tückischer Haß wird sofort zur unversöhnlichsten Feindschaft, sobald sie merken, daß sie bei einer unsozialen Umwälzung etwas einzubüßen hätten. Deswegen ist ihnen die wirkliche Demokratie ein Greuel. Darum sind sie so schrullig konservativ, so stockreaktionär und meist monarchistisch.“

Nein – dies ist kein Portrait einer dieser Menschen, die derzeit durch deutsche Straßen ziehen und skandieren „Wir sind das Volk“. Aber es könnte einer von ihnen sein, der hier beschrieben ist – so genau, so haarscharf hat Oskar Maria Graf (1894 geboren am Starnberger See, 1967 verstorben in New York) den verbitterten Kleinbürger, den opportunistischen Mitläufer gezeichnet. Ein Typ, den es heute gibt, den es morgen immer noch geben wird, den es zu Zeiten von Oskar Maria Graf en masse gab und der letztendlich in all seiner Banalität das Böse zuließ.

„Anton Sittinger. Ein satirischer Roman“ erschien erstmals 1937, fünf Jahre nach dem „Bolwieser“. Beide Romane können oder sollten in Zusammenhang gelesen werden – es sind seine „Spießer-Romane“, in denen er scheinbar banale Lebensläufe, durchschnittliche Einzelschicksale nimmt, um an ihnen die Mechanismen der Kleinbürgerseele zu zeigen. Und auch, um deutlich zu machen, wie die Politik sich auf den Einzelnen auswirkt und, wie – vive versa- der Einzelne mit seinen Entscheidungen die Politik mitprägt. Beide Romane sind treffende Charakterisierungen der „kleinen Leute“, die mit ihrer Unterwürfigkeit nach „oben“ und dem Treten nach „unten“ letztlich das gemeinschaftliche Zusammenleben prägen. Eine Variation und spätere Fortsetzung der von Heinrich Mann im „Professor Unrat“ und dem „Untertan“ beschriebenen Typen.

Fokussiert sich der Bolwieser noch vor allem auf die Szenen einer Ehe, ist „Anton Sittinger“ ein durch und durch politischer Roman: Graf, ab freiwillig 1933 im Exil, nachdem er zuvor von den Nationalsozialisten verlangt hatte, auch seine Bücher zu verbrennen, zeichnet am Werdegang des Sittinger die Entwicklung eines Postinspektors von der Münchner Räterepublik bis zur Wahl Hitlers und der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten nach.

Sittinger verabscheut sie eigentlich alle – die „roten Revoluzzer“ und den braunen Abschaum. Was er vor allem will, ist seine königlich-bayerische Ruhe – auch vor der gut deutsch-hysterischen Ehegattin, die für schmucke blonde Männer in Uniform entbrennt – und das Zusammenhalten seines Geldsäckels. Den Unruhen in München glaubt er entkommen, als er nach der lang ersehnten Pensionierung ein Haus auf dem Lande erwirbt. Doch auch dort holt ihn „die Politik“ wieder ein: Im Wirtshaus werden die Nachrichten debattiert, das Dorf spaltet sich bald in Anhänger und Gegner Hitlers. Sittinger spürt, er muss sich entscheiden und positionieren, will er an der neuen Zeit teilhaben beziehungsweise nicht der Rachlust des örtlichen Nazis ausgeliefert sein. Da hilft auch sein pseudophilosophisches Spinnisieren nicht, nicht die – freilich meist falsch und für eigene Zwecke mißbrauchte – Inanspruchnahme philosophischer Leitsätze von Seneca über Schopenhauer bis Macchiavelli. Der kleinmütige, eigensüchtige Zögerer, ein Wendehals, springt unter äußerstem Druck letztendlich auf den nationalsozialistischen Zug auf – getrieben vor allem von einem Motiv: Seine Ruhe zu erhalten.

In beiden Romanen zeigt sich Oskar Maria Graf als der kraftvolle Volksschriftsteller, der wie wenig andere das dörfliche und kleinstädtische Leben auf dem bayerischen Lande mit Bildern zu füllen vermochte: Da geht es mitunter durchaus krachledern bis hin zu saukomisch zu, die Figuren sind einerseits satirisch leicht überzeichnet, andererseits lebendig und lebensecht.

„Beim Begräbnis des Toni füllte sich der ganze Friedhof. Grimmig schauten die Bauern drein. Laut weinten Weiber und Kinder, und viele Kränze wurden auf das Grab gelegt. Alle Ehren wurden den Toten erwiesen, doch diesmal kling die Predigt des Pfarrers wehleidig. Der Grimmenmoser hatte eine Grippe vorgeschützt und war nicht zu sehen.
Hernach, in der Postwirtsstube, schimpften die Reitlmooser verdrossen über diese „braune Sauwirtschaft“. Immer wieder hieß es, der Hitler sei nichts für einen Reichskanzler.
„Und überhaupt – Bayern bleibt Bayern! Was wir machen, geht keinen Preußen was an!“ schloß der Pflögl.
Eine mißgünstige Bedrückung machte sich breit.
„Unsere Minister sind auch Hosenscheißer! Wenn`s Männer wären, täten`s einfach vom Reich weggehn und die ganze Hakenkreuzlerschippschaft `nausjagen…Meinetwegen alle zu den Preußen! Alsdann wär` gleich eine Ordnung!“ murrte der Kergler. „Aber mein Gott, wenn nirgends Männer sind!“
Alle nickten und schauten trüb geradeaus.“

Das Zitat zu Eingang des Blogbeitrags ist eher atypisch für den Roman – hier, in der Mitte des Buches, nutzt Graf den Raum, um den beschriebenen Typ zu analysieren, auch um seine eigene Haltung diesem Menschenschlag gegenüber, der sich durch Nichthandeln schuldig macht, zu verdeutlichen. Graf beschreibt die „kleinen Leute“ zwar einerseits voller Empathie – jeder habe einen inneren Kleinbürger und Schweinehund in sich: „In manchen Zeiten heißen sie „du“ und „ich“…“. Andererseits zeigt er sich auch resigniert, glaubt nicht an einen Wandel der Menschheit: „Ich glaube, daß man die Sittingers im besten Falle neutralisieren kann, aber nichts weiter.“

Wie recht er doch hatte, schaut man heute nach Dresden, Leipzig oder anderswo…

 

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