Harriet Beecher Stowe: Onkel Toms Hütte

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Sklavenhütten in Louisiana. Bild von JamesDeMers auf Pixabay

„Mein Herr? Und wer hat ihn zu meinem Herrn gemacht? Das ist es, woran ich denke – welches Recht hat er auf mich? Ich bin ebenso gut ein Mensch wie er. Ich bin ein tüchtigerer Mensch als er. Ich verstehe mehr von Geschäften als er. Ich kann besser lesen als er. Ich habe eine bessere Handschrift und habe alles selbst gelernt, ohne ihm etwas zu verdanken. Ich habe es trotz aller Hindernisse, die er mir in den Weg dazu gelegt hat, gelernt. Und nun möchte ich wissen, welches Recht er dazu hat, mich zu einem Karrengaul zu machen, mich von Dingen wegzuholen, die ich tue und zwar besser als er, und mich zu Arbeiten zu verwenden, die jedes Pferd verrichten kann?“

Harriet Beecher Stowe, „Onkel Toms Hütte“, 1852

Natürlich hatte ich als Kind auch eine der verstümmelten Jugendbuchfassungen gelesen. Und eine verkitschte Filmversion im Fernsehen gesehen. Aber allein das genügte schon. Da saß ich, vielleicht acht, neun Jahre alt, Mitte der 1970er-Jahre in einer schwäbischen Kleinstadt und heulte vor Wut und Traurigkeit über das Schicksal eines Mannes am anderen Ende der Welt und lang vor meiner Zeit. Dass es nicht richtig sein kann, andere Menschen wegen ihrer Hautfarbe oder Herkunft zu Tieren zu degradieren, sie zu verkaufen, ihnen die Freiheit zu nehmen, sie zu foltern und ihren Willen mit aller Gewalt zu brechen: das habe ich durch „Onkel Toms Hütte“ gelernt.

Dass das Lesen dieses Buches ein „Schlüsselerlebnis“ in meiner Entwicklung war, das weiß ich noch gewiss (ich habe sogar noch das Cover meiner Jugendbuchausgabe vor Augen). Aber an anderer Stelle wird die Erinnerung vage: Bin ich zu jener Zeit denn „im echten Leben“ bereits einem Menschen anderer Nationalität oder Kultur begegnet? Ich weiß es nicht. Vielleicht spielt aber für Kinder dieses „Anderssein“, das, wie Toni Morrison in ihrem Essayband „Die Herkunft der anderen“ ausführt, auch ein bewusstes gesellschaftliches Konstrukt zur Unterdrückung ganzer Klassen ist, erst einmal keine Rolle. Der, die andere – das ist in erster Linie ein anderes Kind. Wichtig ist zunächst: Ist das andere Wesen zugänglich, spielt es mit? Die Mechanismen der Abgrenzung oder gar der „Aussonderung“ beginnen später. Sie sind nicht nur anerzogen oder emotional bedingt, durch Ängste vor den „Fremden“ ausgelöst – Ausgrenzung, auch in der Form von Rassismus, ist immer auch ein willentlicher Akt: Ich beschließe bei jeder Begegnung mit einem Menschen, dessen Menschlichkeit hintanzustellen und nur die (meine) Vorurteile walten zu lassen.

Ein großes Stück weit hat mich davor „Onkel Toms Hütte“ bewahrt. Es hat mir als Kind schon eine Botschaft eingepflanzt: Ein Mensch ist ein Mensch ist ein Mensch. Das kann die Literatur. Das ist ihre Wirkmacht. Und für jeden jungen Leser, der von diesem Roman so geprägt wurde, muss man seiner Autorin (bei aller berechtigten Kritik aus moderner Sicht) danken. Tatsächlich fordert einen das Buch bei einer Wiederlektüre im fortgeschrittenen Leserinnenalter heraus: Sein streckenweise sentimentaler Ton, seine Gefühligkeit, wenn auch etwas dem Geschmack der Zeit geschuldet, wirkt heute manchmal sogar etwas ungewollt komisch. Die Übertünchung mit all zu viel Religion verrät den Hintergrund der Autorin, die einer neuenglischen Predigerfamilie entstammte. Vor allem aber kam und kommt bis heute berechtigte Kritik aus der afroamerikanischen Leserschaft an der unfassbar  unterwürfigen Hauptfigur. „Onkel Tom“ wurde zum Schimpfwort für den Schwarzen, der sich alles gefallen lässt, der gegen keine Grausamkeit aufbegehrt. James Baldwin warf der Autorin vor, rassistische Stereotype festgeschrieben zu haben: Nur der sanfte, entsexualisierte Schwarze sei für die weiße Leserschaft akzeptabel.  In ihrem Essayband über „Weiße Kultur und literarische Imagination“ unter dem Titel „Im Dunkeln spielen“ schreibt Toni Morrison:

„Jedenfalls wurde kein amerikanischer Text von der Art, wie ich sie hier erörtere, jemals für Schwarze geschrieben – so wenig, wie Onkel Toms Hütte dafür geschrieben wurde, daß Onkel Tom es las oder sich davon überzeugen ließ. Als lesende Schriftstellerin erkannte ich schließlich das Offenkundige: das Subjekt des Traums ist der Träumer.“

Nun, Harriet Beecher Stowe hatte ihren Traum, ihre Agenda: Die Abschaffung der Sklaverei, die sie aus religiösen und humanen Gründen für zutiefst verwerflich hielt. Ihr Mittel dazu war dieser Roman. Um jedoch die weiße Leserschaft zu erreichen, dafür musste sie, wie Gunhild Kübler in ihrem Portrait der Autorin in „99 Leidenschaften“ aufführt, zu einem Kunstgriff greifen:

„Für einen Roman, der Mitgefühl aktivieren und politisch nutzen wollte, war ein schwarzer Mann mit allen negativen Konnotationen, die Stowes Zeit den Schwarzen zuschrieb, als Hauptfigur unbrauchbar. Daher verlieh Stowe ihrem Tom zwar physische Stärke und Mut, machte ihn aber, wenn es darum ging, dass er sich für seine eigenen Belange einsetzte, zum Repräsentanten der christlichen Moral: Alles Jagen nach Eigennutz hört auf angesichts der Jenseitshoffnung.“

Um ihr Buch, das an eine weiße Leserschaft gerichtet war, für diese lesbar zu machen, wurde die Hauptfigur vor allem über seine familiären Rollen als fürsorgende Ehemann, gütiger Vater und „Onkel“ für die zusammengewürfelte Sklavengemeinde charakterisiert, die Thematik seiner Rasse in den Hintergrund gedrängt – dadurch erst entstand in jener Zeit Identifikationsmöglichkeit, erst dadurch gingen vielleicht dem einen oder anderen Leser die Augen auf: Aha, auch das ist ein Mensch!

Bei allen Mängeln: Lesbar ist „Onkel Toms Hütte“ in seiner ungekürzten Fassung auch heute noch, gelesen werden sollte es nach wie vor. Harriet Beecher Stowe verknüpft mehrere Erzählstränge, verfolgt die Schicksale der Menschen auf ihren verschiedenen Schicksalswegen: Dort das Paar Eliza und George, die zunächst nach Kanada fliehen, dort „Onkel Tom“, der in den tiefen Süden verkauft und dort ermordet wird. Manches mag man heute befremdlich an Stil und Sprache finden, die Erzählung an sich jedoch packt einen immer noch.

Zudem kann man als wohlwollende Leserin auch progressive Seiten des Romans erkennen: So thematisiert Beecher Stowe auch den spezifischen Aspekt der weiblichen Unterdrückung und geht auf die sexualisierte Gewalt gegenüber Frauen ein. Der Aspekt der (weiblichen) Selbstbestimmung ist bei ihr ein nicht zu überlesendes Thema. Ein Aspekt, um die Leser emotional zu greifen, ist zudem jener der familiären Bindung – wie durch die Sklaverei Kinder ihren Eltern entrissen und Familien zerstört werden, ist durchaus herzzerreißend zu lesen. Hier kann man durchaus auch Parallelen zu Toni Morrisons „Menschenkind“ konstruieren: Auch in diesem, aus afroamerikanischer Sicht geschriebenen Roman, steht das Trauma der zerstörten Familie im Zentrum. Und wo „Menschenkind“ angesiedelt ist, da erlebte Beecher Stowe aus eigener Anschauung die Grausamkeit der Sklaverei:

„In Cincinnati am Ohio, der ja die Grenze bildete zwischen dem Sklavenstaat Kentucky und dem sklavenfreien Ohio, wurde Harriet näher mit der Problematik der Sklaverei konfrontiert (…) Durch seine Lage war Cincinnati nun einmal prädestiniert für Auseinandersetzungen zwischen Gegnern und Befürwortern der Sklaverei. Bereits im Jahre 1836 war die Druckerei von James Birney, der die Antisklavereizeitschrift The Philantropist verlegte, von Rowdies zerstört worden, die im Anschluß daran die Häuser von freien Schwarzen in Cincinnati angriffen. 1840 kam es dann wiederum zu Übergriffen eines sklavereifreundlichen Mobs auf das Negerviertel: Häuser wurden in Brand gesteckt, Frauen vergewaltigt, Kinder in die Sklaverei verschleppt. Von ihrem Haus aus wurde H.B.S. Zeugin dieser Ausschreitungen.“

Susanne Althoetmar-Smarczyk im Nachwort zur dtv-Ausgabe von „Onkel Toms Hütte“ 2006.

Und unbestritten ist die Wirkung dieses Buches – Literatur kann, dies hat „Onkel Toms Hütte“ bewiesen, dazu beitragen, gesellschaftliche Verhältnisse zu ändern. Ob Abraham Lincoln bei einer Begegnung mit Harriet Beecher Stowe tatsächlich gesagt habe, sie sei also die „kleine“ Frau, die den großen Krieg ausgelöst habe, ist ungesichert (zumal die tiefgläubige Autorin auch einen Krieg ablehnte). Aber der Roman, der von 1851 bis 1852 zunächst in Fortsetzungen in der Zeitschrift „National Era“ erschien, brachte dem Abolitionismus zusätzliche Aufmerksamkeit – auch weit über die amerikanischen Grenzen hinaus. Innerhalb weniger Monate wurde allein in den Vereinigten Staaten zu Hunderttausenden verkauft, in andere Sprachen übersetzt, in England, Frankreich und Deutschland gefeiert, als Raubdruck millionenfach kopiert und schlug nach Verkaufszahlen zeitweise die Bibel. George Sand, George Eliot, Tolstoi, Heinrich Heine und andere literarische Größen jener Zeit äußerten sich begeistert. Nicht zuletzt aber kann man die Wirkmacht eines Werkes auch an der Zahl seiner Kritiker messen – in Folge von „Onkel Toms Hütte“ entstanden zahlreiche Anti-Romane, in denen die Sklaverei verteidigt und beschönigt wurde. Harriet Beecher Stowe sah sich zahlreichen Anfeindungen ausgesetzt – ging aber ihren Weg unbeirrt weiter. Das Vermögen, das sie mit ihrem Weltbestseller verdiente, nutze sie auch dazu, Sklaven freizukaufen, Bildungsstätten für afroamerikanische Kinder (natürlich nicht ohne religiöse Unterweisung) zu schaffen und die Abolitionsbewegung weiter zu unterstützen. Sie verstarb 1896, 85 Jahre alt.

Wer heute auf die USA blickt und den zunehmenden offenen Rassismus in der Trump-Ära, der wünschte sich einen Agitationsroman – trotz aller Mängel an Beecher Stowes Werk – in dieser Art, der es erreicht, Menschen zu bewegen und umzustimmen, auf den Plan.

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Toni Morrison: Menschenkind

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Bild von LeoNeoBoy auf Pixabay

„Doch ihr Hirn interessierte sich nicht für die Zukunft. Vollgestopft mit Vergangenheit und gierig nach mehr, ließ es ihr keinen Raum, sich den nächsten Tag auch nur vorzustellen, geschweige denn ihn zu planen. Genau wie an dem Nachmittag damals in den wilden Zwiebeln – als der nächste Schritt das Äußerste an Zukunft war, was sie vor sich gesehen hatte. Andere Menschen wurden wahnsinnig, warum konnte sie das nicht? Bei anderen hörte das Denken einfach auf, wandte sich ab und ging zu etwas Neuem über; so etwas mußte Halle wohl widerfahren sein.“

Toni Morrison, „Menschenkind“, 1987

In einigen Rezensionen zu Akwaeke Emezis Roman „Süßwasser“ wird auf Toni Morrisons Werk „Menschenkind“ (OA: „Beloved“), für den sie 1988 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde, Bezug genommen: Beide Bücher stellen Frauen in den Mittelpunkt, die vor einer unerträglichen Realität vorübergehend in den Wahnsinn flüchten. Beide Bücher zeigen aber ebenso auch: Diese Frauen sind stark, unzerbrechbar, ungebrochen, Überlebende. Bei genauem Hinsehen wird zudem klar: Der ihnen zugeschriebene Wahnsinn haust in den Hirnen der anderen. Der Irrsinn liegt dort, wo Menschen meinen, sie hätten legitime Gewalt über Menschen anderen Geschlechts, anderer Rasse, anderer Herkunft.

Während „Süßwasser“ jedoch in der Gegenwart spielt, geht Toni Morrison in „Beloved“ weit zurück in die Vergangenheit. Während ihrer Arbeit in den 1970er-Jahren als Herausgeberin und Verlagslektorin am „Black Book“, einem Band über die Geschichte der Amerikaner afrikanischer Abstammung, stieß Morrison auf eine Zeitungsnotiz aus dem Jahr 1851 über die entflohene Sklavin Margaret Garner. Die Frau wurde von den Häschern in Ohio aufgegriffen. Sie versuchte, ihre vier Kinder zu töten, um diese vor dem Sklavendasein zu bewahren, eines stirbt.

Die spätere Literaturnobelpreisträgerin hatte sich bis dahin wenig mit der Geschichte ihrer Vorfahren beschäftigt: Die Recherchen zu „Black Book“ und der Roman „Menschenkind“ machten Toni Morrison jedoch endgültig zu der großen Schriftstellerin und Humanistin, zu dem Gewissen der Vereinigten Staaten. „Beloved“ ist ein Roman, den man nicht mehr vergisst und eines der wichtigsten und besten Bücher der amerikanischen Literatur der letzten Jahrzehnte.

Die Geschichte von Sethe wird aus mehreren Perspektiven erzählt, ist stilistisch und sprachlich anspruchs- und wundervoll. Passagen, in denen ganz nüchtern von der kaum auszuhaltenden  Gewalt und Entmenschlichung, der Sklaven ausgesetzt waren, erzählt wird wechseln sich ab mit geradezu lyrischen Passagen. Und auch hier findet sich die typische Verwebung realistischer Sequenzen mit Szenen reinster Magie. Elisabeth Wehrmann kommentierte 1989 in der Zeit zur deutschen Übersetzung:

„Was Toni Morrison in dunklen Melodien beschwört, wofür sie eine Sprache findet, die jede Nuance von zarter Lyrik bis zum harten Slang trifft, ist nicht nur das unversöhnte Erbe, der unüberbrückbare Gegensatz von schwarzer Menschlichkeit und menschenzerstörender weißer Kultur. Die komplizierte Struktur ihres Romans mit ihren wechselnden Zeitebenen und Perspektiven beschreibt auch zögernd, auf Umwegen und gegen innere Widerstände den Prozeß einer Trauerarbeit, entwickelt aus der Spannung von Magie und Wirklichkeit ein Ritual der Heilung.“

Erzählt wird in der Rückblende: Fast zwei Jahrzehnte nach der Flucht von Sethe und ihrer Bluttat trifft sie Paul D. wieder, ebenfalls einer der Sklaven von „Sweet Home“ (was für ein Euphemismus!). Sie lebt mit Denver, ihrer Tochter, abgeschieden und isoliert im Haus ihrer verstorbenen Schwiegermutter (die von ihrem Sohn durch zusätzliche Fronarbeit freigekauft werden konnte) in Cincinnati, wo die Sklaverei überwunden ist (nicht jedoch der Rassismus). Paul D. bringt in das unheimliche Haus, das von Gespenstern beherrscht wird, einige wenige Augenblicke der Unbeschwertheit – bis auch er mit den Geist der Vergangenheit konfrontiert wird: „Menschenkind“ ist die Verkörperung der getöteten Tochter, die an ihrer Mutter hängt wie ein Bleigewicht, sie aussaugt wie ein Vampir, die die Liebe einfordert, die ihr durch den Tötungsakt genommen wurde. Sie ist der Geist und das Fleisch gewordene unaushaltbare Gewissen.

Und dennoch stellt sich beim Lesen immer wieder die Frage: Ist die Tötung eines Kindes, um es vor dem schrecklichsten aller Leben zu bewahren, nicht nur ein Akt der Verzweiflung, sondern auch der Befreiung? Toni Morrison äußerte selbst dazu, dass die Tat „das absolut Richtige war, sie (Margaret) aber nicht das Recht hatte, es zu tun.“ Ein unauflösbares Dilemma, ein furchtbarer Akt der Auflehnung gegen die Entmenschlichung, vor dem sich Sethe nur in den Wahnsinn retten kann.

Doch auch dies wird deutlich: Der eigentliche Irrsinn liegt auf der Seite der Sklavenhalter. Nach und nach wird die ganze Brutalität dieses dunklen Kapitels der amerikanischen Geschichte enthüllt: Familien, die auseinandergerissen, Kinder, die von der Mutterbrust wegverkauft werden, Männer, die verbrannt, gefoltert, in Fußeisen gelegt und Maulsperren malträtiert werden, Frauen, die vergewaltigt, wie Zuchtvieh gehalten, gepeitscht und gedemütigt werden. Menschen, denen die Menschlichkeit abgesprochen wird, gehalten wie Tiere.

Gunhild Kübler schreibt in „Leidenschaften – 99 Autorinnen der Weltliteratur“ über das Buch:

„Wer dieses Buch gelesen hat, wird es nicht mehr vergessen. Es verändert einen. Unmöglich, hier in der üblichen Lektüredistanz zu verharren. Auch deshalb, weil Toni Morrison geradezu hypnotisch eindringlich erzählt. Wie der Geist, von dem die Rede ist, kehren hier die Schrecken eines der großen Verbrechen der Menschheitsgeschichte wieder.“

Heidi Thomann Tewarson arbeitet in ihrer rororo-Monographie zu Toni Morrison noch einen weiteren Aspekt des Romans deutlich heraus: Dem der Selbstfindung, dem Bemühen, eine eigene Identität zu erhalten. Für Sethe und Paul D., denen diese in der Sklaverei genommen wurde, ein zusätzlicher Kraftakt, aber auch für die Nachfahren. Für die drei Hauptprotagonisten – das Paar und Denver, die Tochter – hält der Roman ein fragiles, aber versöhnliches Ende bereit: Sie lernen mit einer Vergangenheit, in der sie vor allem Opfer, aber eben auch Täter waren, zu leben.

Aber „Menschenkind“, die Namenlose, existiert weiter, in den Träumen, in der Hinterkammer des Gewissens. Heidi Thomann Tewarson:

„Das Geschichtenerzählen hat ihnen weitergeholfen. Die ungeheuerlichste Geschichte aber, die des toten Mädchens, die auch für das abgrundtiefe Leiden der unzähligen anderen Opfer steht, ist unfassbar – also nicht in Worte zu fassen. Deshalb – und so endet Toni Morrison – ist dies keine Geschichte zum Weitererzählen.“

Mehr Information:

– Verlagsinformationen zu „Menschenkind“
Morrison-Monographie
von Heidi Thomann Therwason
– Besprechung in der „Zeit“

 

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