Lisel Mueller: Brief vom Ende der Welt

Noch eine Chance gemeinsam aufzuwachen,
ich nehme die Einladung für
einen weiteren Morgen an. Noch eine Chance,
um den schwarzen Traum, allein zu erwachen,
über den Rand der Welt zu schieben,
wo mich kein Leben erhält.

Lisel Mueller, aus: „Notizen im Winter“ in „Brief vom Ende der Welt“, ausgewählte Gedichte.

Liest man diese melancholischen Zeilen, die in ihrem letzten in den USA erschienenen Gedichtband „Alive Together“ (1996) enthalten sind, liest man diese „Notizen im Winter“, eigentlich ein Lied auf den Herbst des Lebens, das von der Ahnung des Endes, des irgendwann nahenden Todes spricht, dann wird einem das Gemüt dieser Tage erst richtig schwer. Ein Schwanengesang, ein Abschiedslied – am 21. Februar verstarb Lisel Mueller in Chicago, nur wenige Wochen nach ihrem 96. Geburtstag.

Im deutschen Blätterwald löste diese Nachricht kein Rauschen und Rascheln aus, nicht einmal ein Windhauch war zu spüren. Was nicht nur bedauerlich, sondern auch beschämend ist: Denn Lisel Mueller, als Elisabeth Annedore Neumann am 8. Februar 1924 in Hamburg geboren, war eine herausragende Lyrikerin, ihr Werk ist von berührender Schönheit, von tiefer Nachdenklichkeit geprägt.

In den Vereinigten Staaten zählte sie zu den bedeutendsten Dichterinnen der Gegenwart, wurde mit allen namhaften Preisen ausgezeichnet, mit dem Carl Sandburg Prize, dem Lamont Award, dem National Book Award und nicht zuletzt, als einzige in Deutschland geborene Dichterin, mit dem Pulitzer Preis für Lyrik.

Und dennoch lief ihr Werk unter dem Radar des deutschen Feuilletons und Verlagswesens. Allein im MaroVerlag erschien bislang unter dem Titel „Brief vom Ende der Welt“ eine Auswahl ihrer Gedichte, herausgegeben und zum überwiegenden Teil von Andreas Nohl, dem renommierten Übersetzer, ins Deutsche übertragen. Das Ausmaß ihrer Unbekanntheit mag auch damit zusammenhängen, dass Lisel Mueller, ihrem Vater, der als aufgeklärter Pädagoge und Jude vor den Nationalsozialisten flüchten musste, gemeinsam mit Mutter und Schwester bereits 1939 ins Exil in die Vereinigten Staaten folgte. Die junge Frau fasste schnell Fuß in der neuen Heimat, zum Schreiben begann sie als Reaktion auf den frühen Tod der Mutter und in ihrer neuen Sprache, dem amerikanischen Englisch.

Mag sein, dass es diese Biographie war, die ihren Teil dazu beitrug, dass Lisel Müller leider immer noch eine große Unbekannte hierzulande ist, mag auch sein, dass Lyrikerinnen es von Haus aus schwer haben – aber keineswegs sollte man an ihrem Werk vorübergehen.

Benno Schirrmeister von der taz ist einer der wenigen Kenner ihres Werks hierzulande, der ihr nicht nur etliche längere Artikel in der taz widmete, sondern auch eine Ausstellung über ihr Leben und Werk mitkuratierte (ein Interview zur Ausstellung im Deutschen Auswandererhaus findet sich hier). Er schreibt in einem Portrait über die „Dichterin der zweiten Sprache“:

„Deutsche Dichterin ist falsch, das klingt nach Vereinnahmung, darum darf es nicht gehen. Lisel Mueller ist Amerikanerin, Bürgerin der USA seit den frühen 1940ern. Ihre Lyrik ist durch und durch amerikanisch, auch wenn hie und da Brecht-Zitate auftauchen – und sie immer wieder die Abgründe der deutschen Volksmärchen nutzt (…)
Deutschland spielt aber immer eine Rolle, eine zutiefst ambivalente, für sie selbst und in ihren Texten: „For ­years“, schreibt sie, nachdem sie 1983 erstmals die Stätten ihrer Kindheit besucht hat, „I did not want to be German, wanted nothing to do with German traditions“
(…) Und trotzdem nennt sie Deutschland „what should have been my own country“, also, das, was mein Land hätte sein sollen.

Diese Ambivalenz spricht auch aus ihrem Gedicht „Eine Anthologie von deutschen Nachkriegsgedichten“, das in der Maro-Auswahl enthalten ist:

Amerika hat mich gerettet
und die Geschichte hat mir eine Nase gedreht:
Ich wurde nicht unter Trümmern
begraben, noch wurde ich
an einem gefrorenen Straßengraben erschlagen (…)

Es ist das Schuldgefühl der Überlebenden, das aus diesen Zeilen spricht, und  zugleich die Bewunderung für die Nachkriegsgeneration. Vielleicht schwingt auch ein wenig Wehmut mit, weil sie schon da weiß, dass sie nicht mehr dazugehört:

Unter diesen Dichtern bin
ich Dornröschen, eine Schläferin im Tal,
eine Fremde ihrem Mut,
wenn sie eine neue Sprache schaffen
aus den Trümmern und dem Bösen,
aus dem Grauen ihres Wissens. Ich sehe
staunend wie das Wort
aus Ruinen sich erhebt
und, eine lebende Zelle, sich teilt,
ins zukünftige Geschick.

Auch wenn einige dieser Gedichte von ihrer amerikanischen Sozialisation sprechen – so die Szenen aus „Glückliche und unglückliche Familien“ oder die Zeilen an „Ihr Müden, Ihr Armen“, ganz ist die Nabelschnur nicht durchschnitten, die Herkunft lässt sich nicht vollends abschütteln, auch nicht das Wissen um das, was in Deutschland, in Europa geschah.

Andreas Nohl schreibt denn auch in seinem Nachwort zu „Brief vom Ende der Welt“:

„So sehr das Bewusstsein der Unversehrtheit Muellers Werk von dem gleichaltriger deutschsprachiger Dichter unterscheidet – Paul Celan war um vier Jahre älter, Ingeborg Bachmann um zwei Jahre jünger als sie -, so sehr unterscheidet sie sich von ihren amerikanischen Zeitgenossen in dem Bewusstsein der historischen Kontingenz, die eine solche Rettung ermöglichte.“

In den folgenden Sätzen geht Andreas Nohl auf die weitere Entwicklung der Dichterin ein:

„Erst im Privaten, im Familienleben, in eigensinnigen Traditionen und Erbschaften lässt sich eine Art Einspruch, lässt sich eine Art menschliche Würde gegen die Machination des historischen Unglücks formulieren. Doch umgekehrt trägt das geglückte Private immer die Male des bloßen Davongekommenseins.“

Die damit einhergehende Zwiespältigkeit sei ein wesentliches Motiv ihrer Gedichte.

Nach außen hin dominiert das private Glück im Leben der Poetin: Am College lernt sie Paul E. Mueller kennen, die beiden heiraten 1943, mit ihrem Mann und den beiden Töchtern führt sie zwar ein tätiges, aber auch beschauliches, ein normales Leben. Was aber ihren Gedichten weder verzärtelten noch sentimentalen Ton gibt, vielmehr sind ihre Gedichte geprägt von einer souveränen Ruhe, häufig geradezu auch beinahe lakonisch-beiläufig wirkend, man werfe nur einen Blick auf ihren Lebensbericht.

Diesen Anklang haben auch die ersten Zeilen bei „Entwurf für eine Landschaft“:

Sieh, der einsame Wanderer
an diesem kältesten Sonntag des Jahres
schultert da draußen die ganze Last der Geschichte.

Im „Brief vom Ende der Welt“ schreibt Lisel Mueller:

Der Punkt ist: seit ich dich verlor,
bin ich durch die Welt gezogen,
dich zu suchen, und statt deiner
fand ich mich selbst, Bruchstücke einer Frau,
die langsam zueinander passen.

Liest man ihre späteren Gedichte, wie „Im Schwinden“ oder „Dinge“, dann merkt man auch, da hat eine zu sich gefunden, da passen die Stücke zusammen, auch wenn das Ende, an dem alles zerbricht, naht. Man würde sich nun nur noch wünschen, der Brief vom Ende der Welt käme endlich an, in dem Land, in dem Lisel Muellers Leben begann, und die Menschen hier könnten diese wundervolle Lyrik, so klug und wunderbar mit ihren fein gesetzten Metaphern, lesen und würdigen.


Informationen zum Buch:
Lisel Mueller
Brief vom Ende der Welt
MaroVerlag
Paperback, 108 Seiten, 14,00 Euro
ISBN: 978-3-87512-281-7


Weitere Informationen:

„Die Dichterin der zweiten Sprache“: Portrait in der taz
Curriculum Vitae by Lisel Mueller: Gedichtinterpretation
„Blood Oranges“ by Lisel Mueller: Gedichtinterpretation


 

Toni Morrison: Menschenkind

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Bild von LeoNeoBoy auf Pixabay

„Doch ihr Hirn interessierte sich nicht für die Zukunft. Vollgestopft mit Vergangenheit und gierig nach mehr, ließ es ihr keinen Raum, sich den nächsten Tag auch nur vorzustellen, geschweige denn ihn zu planen. Genau wie an dem Nachmittag damals in den wilden Zwiebeln – als der nächste Schritt das Äußerste an Zukunft war, was sie vor sich gesehen hatte. Andere Menschen wurden wahnsinnig, warum konnte sie das nicht? Bei anderen hörte das Denken einfach auf, wandte sich ab und ging zu etwas Neuem über; so etwas mußte Halle wohl widerfahren sein.“

Toni Morrison, „Menschenkind“, 1987

In einigen Rezensionen zu Akwaeke Emezis Roman „Süßwasser“ wird auf Toni Morrisons Werk „Menschenkind“ (OA: „Beloved“), für den sie 1988 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde, Bezug genommen: Beide Bücher stellen Frauen in den Mittelpunkt, die vor einer unerträglichen Realität vorübergehend in den Wahnsinn flüchten. Beide Bücher zeigen aber ebenso auch: Diese Frauen sind stark, unzerbrechbar, ungebrochen, Überlebende. Bei genauem Hinsehen wird zudem klar: Der ihnen zugeschriebene Wahnsinn haust in den Hirnen der anderen. Der Irrsinn liegt dort, wo Menschen meinen, sie hätten legitime Gewalt über Menschen anderen Geschlechts, anderer Rasse, anderer Herkunft.

Während „Süßwasser“ jedoch in der Gegenwart spielt, geht Toni Morrison in „Beloved“ weit zurück in die Vergangenheit. Während ihrer Arbeit in den 1970er-Jahren als Herausgeberin und Verlagslektorin am „Black Book“, einem Band über die Geschichte der Amerikaner afrikanischer Abstammung, stieß Morrison auf eine Zeitungsnotiz aus dem Jahr 1851 über die entflohene Sklavin Margaret Garner. Die Frau wurde von den Häschern in Ohio aufgegriffen. Sie versuchte, ihre vier Kinder zu töten, um diese vor dem Sklavendasein zu bewahren, eines stirbt.

Die spätere Literaturnobelpreisträgerin hatte sich bis dahin wenig mit der Geschichte ihrer Vorfahren beschäftigt: Die Recherchen zu „Black Book“ und der Roman „Menschenkind“ machten Toni Morrison jedoch endgültig zu der großen Schriftstellerin und Humanistin, zu dem Gewissen der Vereinigten Staaten. „Beloved“ ist ein Roman, den man nicht mehr vergisst und eines der wichtigsten und besten Bücher der amerikanischen Literatur der letzten Jahrzehnte.

Die Geschichte von Sethe wird aus mehreren Perspektiven erzählt, ist stilistisch und sprachlich anspruchs- und wundervoll. Passagen, in denen ganz nüchtern von der kaum auszuhaltenden  Gewalt und Entmenschlichung, der Sklaven ausgesetzt waren, erzählt wird wechseln sich ab mit geradezu lyrischen Passagen. Und auch hier findet sich die typische Verwebung realistischer Sequenzen mit Szenen reinster Magie. Elisabeth Wehrmann kommentierte 1989 in der Zeit zur deutschen Übersetzung:

„Was Toni Morrison in dunklen Melodien beschwört, wofür sie eine Sprache findet, die jede Nuance von zarter Lyrik bis zum harten Slang trifft, ist nicht nur das unversöhnte Erbe, der unüberbrückbare Gegensatz von schwarzer Menschlichkeit und menschenzerstörender weißer Kultur. Die komplizierte Struktur ihres Romans mit ihren wechselnden Zeitebenen und Perspektiven beschreibt auch zögernd, auf Umwegen und gegen innere Widerstände den Prozeß einer Trauerarbeit, entwickelt aus der Spannung von Magie und Wirklichkeit ein Ritual der Heilung.“

Erzählt wird in der Rückblende: Fast zwei Jahrzehnte nach der Flucht von Sethe und ihrer Bluttat trifft sie Paul D. wieder, ebenfalls einer der Sklaven von „Sweet Home“ (was für ein Euphemismus!). Sie lebt mit Denver, ihrer Tochter, abgeschieden und isoliert im Haus ihrer verstorbenen Schwiegermutter (die von ihrem Sohn durch zusätzliche Fronarbeit freigekauft werden konnte) in Cincinnati, wo die Sklaverei überwunden ist (nicht jedoch der Rassismus). Paul D. bringt in das unheimliche Haus, das von Gespenstern beherrscht wird, einige wenige Augenblicke der Unbeschwertheit – bis auch er mit den Geist der Vergangenheit konfrontiert wird: „Menschenkind“ ist die Verkörperung der getöteten Tochter, die an ihrer Mutter hängt wie ein Bleigewicht, sie aussaugt wie ein Vampir, die die Liebe einfordert, die ihr durch den Tötungsakt genommen wurde. Sie ist der Geist und das Fleisch gewordene unaushaltbare Gewissen.

Und dennoch stellt sich beim Lesen immer wieder die Frage: Ist die Tötung eines Kindes, um es vor dem schrecklichsten aller Leben zu bewahren, nicht nur ein Akt der Verzweiflung, sondern auch der Befreiung? Toni Morrison äußerte selbst dazu, dass die Tat „das absolut Richtige war, sie (Margaret) aber nicht das Recht hatte, es zu tun.“ Ein unauflösbares Dilemma, ein furchtbarer Akt der Auflehnung gegen die Entmenschlichung, vor dem sich Sethe nur in den Wahnsinn retten kann.

Doch auch dies wird deutlich: Der eigentliche Irrsinn liegt auf der Seite der Sklavenhalter. Nach und nach wird die ganze Brutalität dieses dunklen Kapitels der amerikanischen Geschichte enthüllt: Familien, die auseinandergerissen, Kinder, die von der Mutterbrust wegverkauft werden, Männer, die verbrannt, gefoltert, in Fußeisen gelegt und Maulsperren malträtiert werden, Frauen, die vergewaltigt, wie Zuchtvieh gehalten, gepeitscht und gedemütigt werden. Menschen, denen die Menschlichkeit abgesprochen wird, gehalten wie Tiere.

Gunhild Kübler schreibt in „Leidenschaften – 99 Autorinnen der Weltliteratur“ über das Buch:

„Wer dieses Buch gelesen hat, wird es nicht mehr vergessen. Es verändert einen. Unmöglich, hier in der üblichen Lektüredistanz zu verharren. Auch deshalb, weil Toni Morrison geradezu hypnotisch eindringlich erzählt. Wie der Geist, von dem die Rede ist, kehren hier die Schrecken eines der großen Verbrechen der Menschheitsgeschichte wieder.“

Heidi Thomann Tewarson arbeitet in ihrer rororo-Monographie zu Toni Morrison noch einen weiteren Aspekt des Romans deutlich heraus: Dem der Selbstfindung, dem Bemühen, eine eigene Identität zu erhalten. Für Sethe und Paul D., denen diese in der Sklaverei genommen wurde, ein zusätzlicher Kraftakt, aber auch für die Nachfahren. Für die drei Hauptprotagonisten – das Paar und Denver, die Tochter – hält der Roman ein fragiles, aber versöhnliches Ende bereit: Sie lernen mit einer Vergangenheit, in der sie vor allem Opfer, aber eben auch Täter waren, zu leben.

Aber „Menschenkind“, die Namenlose, existiert weiter, in den Träumen, in der Hinterkammer des Gewissens. Heidi Thomann Tewarson:

„Das Geschichtenerzählen hat ihnen weitergeholfen. Die ungeheuerlichste Geschichte aber, die des toten Mädchens, die auch für das abgrundtiefe Leiden der unzähligen anderen Opfer steht, ist unfassbar – also nicht in Worte zu fassen. Deshalb – und so endet Toni Morrison – ist dies keine Geschichte zum Weitererzählen.“

Mehr Information:

– Verlagsinformationen zu „Menschenkind“
Morrison-Monographie
von Heidi Thomann Therwason
– Besprechung in der „Zeit“

 

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Amerikanische Nestbeschmutzer – Upton Sinclair, Theodore Dreiser und John Steinbeck

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Bild: (c) Michael Flötotto

„Bis vor ein oder zwei Jahren waren auf den Schlachthöfen auch Pferde geschlachtet worden, angeblich zur Herstellung von Düngemitteln; aber nach langer Agitation hatte die Presse der Öffentlichkeit klarmachen können, dass die Pferde in die Fleischkonserven wanderten. Jetzt war es daher gesetzlich verboten, in Packingtown Pferde zu schlachten, und dieses Gesetz wurde sogar befolgt – jedenfalls vorläufig.“ 

Upton Sinclair, „Der Dschungel“, 1906, Neuauflage beim Europa Verlag Zürich 2013.

Eine große Zeit der politischen Romane lag in der amerikanischen Literatur in den bewegten 1920er und 1930er Jahren. Insbesondere Sinclair Lews (1885-1951), der erste amerikanische Schriftsteller, der den Literaturnobelpreis erhielt, steht für diese Phase der kritischen Darstellung amerikanischer Gegenwart – ihm wird beizeiten hier ein eigener Beitrag gewidmet werden. Heute der Fokus auf drei andere Autoren und ihre Romane, die – wenn auch kurz – die Welt ein wenig verändert haben.

Upton Sinclair (1878-1968) landete 1906 mit seinem Debütroman “Der Dschungel” einen literarischen und politischen Sensationserfolg. Er verstand sich selbst als Enthüllungsjournalist, der mit seinen Texten Missstände offenlegen wollte. Für den Dschungel hatte er über Wochen hinweg in den Schlachthöfen Chicagos recherchiert – und war dort tatsächlich auf einen Dschungel gestoßen, in dem ein eigenes Gesetz gilt, in dem nur die Stärksten überleben. Sein Buch schildert schonungslos die menschenverachtenden Arbeitsmechanismen der Lebensmittelindustrie am Beispiel einer litauischen Familie, die an den Härten der Ausbeutung untergeht. 

Sinclair zeigt die Folgen eines gnadenlosen, nur auf Gewinn ausgerichteten Kapitalismus: Monopolisierung, Schieberei, Korruption, Zwangsprostitution, Ausbeutung, Armut, Umweltzerstörung. Das ganze Spektrum in einem Roman. Der Autor, der selbst aus ärmlichen Verhältnissen stammte, wurde im Nachgang als „muckraker“, sprich Nestbeschmutzer angeprangert – man könnte das „muckraking“ fast schon als spezifische Stilart der nordamerikanischen Literatur bezeichnen: Auch John Steinbeck, Theodore Dreiser, John Reed und Dos Passos gehören mit zu dieser Klasse engagierter, linker, journalistisch geprägter Literaten. 

Trotz der Diffamierungsversuche blieb das Buch nicht ohne Folgen: „Onkel Toms Hütte der Lohnsklaverei“ (Jack London) führte immerhin zu neuen Lebensmittelgesetzen. Sinclair war jedoch enttäuscht, dass die amerikanischen Bürger mehr an der Qualität der Konserve als am Schicksal der Arbeiter interessiert waren. „Ich zielte mit meinem Roman auf das Herz und das Gewissen der Amerikaner, aber ich traf nur ihren Magen“, beklagte er sich später….oder wie Brecht sagte: „Erst kommt das Fressen, dann die Moral!“ 

Sinclairs Werke wurden in zahllose Sprachen übersetzt und gingen um die Welt. In der Weimarer Republik war er einer der meistgelesenen Autoren. Stilistisch und literarisch gehören seine Romane nicht zur ersten Garde – Sinclairs Dschungel ist stark dort, wo er die Auswirkungen der Massenausbeutung auf einen seiner Protagonisten schildert. Das Buch ist aber auch streckenweise belehrend, detailversessen und trocken-mühsam: Die sozialistische „Erweckungspredigt“ mit fast schon biblischen Zügen wirkt etwas verstaubt.  

Eine amerikanische Tragödie – Theodore Dreiser

“The usual criticism of Dreiser is that, line for line, he’s the weakest of the great American novelists. And it’s true that he takes a pipe fitter’s approach to writing, joining workmanlike sentences one to the other. But by the end he will have built them into a powerful network, and something vital will be flowing through them.”

So lautete 2010 das Urteil von Richard Lacayo, der in der Time an den Roman “Eine amerikanische Tragödie” (1925) erinnerte. 

Stimmt: Ein Lesevergnügen ist dieser Wälzer nicht – vor allem, wer zuvor die Verfilmung mit Elizabeth Taylor und Montgomery Clift gesehen hat, der wird anhand der Dutzenden von Seiten, die von Erweckungspredigten und religiösem Eifer handeln, kapitulieren. Glamour ist was anderes. Und dennoch: So minutiös, wie Dreiser (1871 – 1945) den Aufstieg und Fall des jungen Clyde Griffiths, der schließlich auf dem elektrischen Stuhl endet, schildert, lässt einen das 800-Seiten-Buch nicht unberührt. Die Stärke des Romans liegt in seiner Gesamtheit: Ihn zu lesen, bedeutet Arbeit, doch das Ergebnis sind Figuren und Schicksale, die man nicht vergisst.

Die Story in der Kurzfassung: Clyde gelingt es, sich aus den Fängen des bigotten Vaters, der sich als Straßenprediger durchschlägt, zu befreien, in dem er zunächst Hoteljunge wird. Ein Leben immer am Rande von Armut und Kleinkriminalität. Durch Zufall trifft er auf einen reichen Verwandten, der ihm einen Job in seiner Fabrik vermittelt. Dort erfährt er zwar erstmals materielle Sicherheit, aber auch Ausgrenzung: Der Zugang zum “Geldadel” seines Onkels bleibt ihm verwehrt, bis sich ein Mädchen aus besseren Hause in ihn verliebt. Sein Aufstieg wäre perfekt, wäre da nicht die Arbeiterin Rosalie, die behauptet, von ihm schwanger zu sein. Clyde plant zwar, Rosalie umzubringen, tut es jedoch nicht – und wird dennoch (wegen anstehender Wahlen und dem Druck auf die Staatsanwaltschaft) zum Tode verurteilt. Ganz im Stil der französischen Naturalisten wie Zola und Balzac zeigt Dreiser an “der amerikanischen Tragödie” das Zusammenspiel des Dreigestirns “Sex, Geld und Macht” auf. Clyde Griffiths, so wird deutlich, hatte niemals eine wirkliche Chance, den amerikanischen Traum vom Tellerwäscher zum Millionär zu leben.

Dreiser war, trotz seines schwerfälligen und streckenweise moralinsauren Tons, auch in Europa und natürlich in der Sowjetunion ein vielgelesener Schriftsteller. Er stammte selbst aus einer Familie ähnlich jener seiner Hauptfigur Clyde – er war das zwölfte Kind in einer deutschen Einwandererfamilie, die unter Armut und der Bigotterie des Vaters litt. Das Schreiben bedeutete für ihn auch eine Befreiung aus diesen engen Verhältnissen.  

Früchte des Zorns – John Steinbeck

“Eine Minute lang saß Rose von Sharon still in der Scheune, auf deren Dach leise der Regen flüsterte. Sie ging langsam hinüber in die Ecke und blickte herab in das verwüstete Gesicht, in die großen angstvollen Augen. Und dann legte sie sich neben ihn. Er schüttelte müde den Kopf. Rose von Sharon lockerte ihre Decke an einer Seite und entblößte ihre Brust. “Du must”, sagte sie. Sie drängte sich dichter an ihn und zog seinen Kopf zu sich heran. “Komm, hier!” sagte sie. “So.” Sie schob ihre Hand hinter seinen Kopf und stützte ihn. Ihre Finger fuhren sanft durch sein Haar. Sie blickte auf und durch die Scheune, und ihre Lippen schlossen sich und lächelten geheimnisvoll.”

Das ist eines der literarischen Bilder, die man wohl nie vergisst: Die junge Frau, die eine Totgeburt erlitten hat und einen verhungernden Mann, einen Landstreicher wie sie, an ihrer Brust trinken lässt. Harter Tobak, mit dem John Steinbeck (1902 – 1968) seine “Früchte des Zorns” enden ließ. Man spürt in dieser Schlußszene förmlich, wie der Autor sein lesendes Publikum noch einmal packen und rütteln will: Schaut her, was bei uns im Lande geschieht.  

Der Roman entstand 1937/1938 und erschien unter dem Originaltitel “The Grapes of Wrath” 1939. Er erregte sofort Aufsehen, wurde in einigen amerikanischen Bundesstaaten verbrannt, in Kalifornien sogar zwischenzeitlich verboten, aber auch 1940 mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet und noch in diesem Jahr von John Ford erstklassig verfilmt. John Steinbeck kannte die Nöte der Wanderarbeiter aus eigener Erfahrung: Er hatte selbst in Kalifornien als Erntehelfer gearbeitet und die Not der Farmerfamilien, die in den Depressionsjahren ihr Hab und Gut verloren hatten und sich auf der Suche nach Arbeit auf Wanderschaft befanden, kennengelernt. In “Früchte des Zorns” schildert Steinbeck anhand der Familie Joad ein typisches Schicksal jener 1930er-Jahre: Schlechte Ernten, vor allem aber die drückende Kreditlast und die Unnachgiebigkeit der Banken führen dazu, dass die Familie ihre Farm in Oklahoma verliert. Kalifornien wird als das Paradies für Arbeitssuchende angepriesen – doch die Familie wird schon auf dem mühsamen Weg dorthin mit der Realität konfrontiert: Die landlosen Arbeiter werden ausgebeutet, kaum bezahlt oder um ihren Lohn geprellt, in den Schlaflagern ausgepresst und ausgenommen. Sie leben tatsächlich immer am Rande des Verhungerns. Steinbeck, der große Humanist, schildert diesen Passionsweg voller Anteilnahme für seine Figuren, zugleich aber auch mit dezidierter Kritik an den Verhältnissen.  

Wie “Der Dschungel” hatte auch “Früchte des Zorns” unmittelbare Auswirkung auf die amerikanische Gesetzgebung: Die beiden Romane wurden öffentlich so stark diskutiert, dass die Legislative folgen musste und jeweils die Rechte der Verbraucher und der Arbeiter stärkte. Die amerikanische Tragödie löste wieder einmal eine Diskussion um die Todesstrafe aus – ohne gravierende Folgen allerdings.

Zumindest kurzfristig konnten diese Bücher die Welt minimal verbessern – wenn man über eine “nachhaltige” Wirkung nachdenken würde, müsste man eigentlich verzweifeln. Siehe hier: http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2008/04/22/fruechte-des-zornsund-des-widerstands/

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Adam Johnson: Das geraubte Leben des Waisen Jun Do

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„Der Kapitän mit der Tätowierung seiner Frau auf der uralten Brust tauchte vor seinem inneren Auge auf – wie bläulich verwaschen die ursprünglich schwarze Tinte geworden war. Sie war unter der Haut des alten Mannes verlaufen, und das gestochen scharfe Bild war zum Aquarell verschwommen – zu einem bloßen Schatten der geliebten Frau.“

Adam Johnson, „Das geraubte Leben des Waisen Jun Do“, Suhrkamp Verlag.

Abenteuerroman, Liebesgeschichte, Politbuch: Ein dicker Brocken, den Adam Johnson hier mit rund 700 Seiten dem geneigten Leser vorlegt. Dick ja, gewichtig nein: „Das geraubte Leben des Waisen Jun Do“, der zweite Roman des US-Schriftstellers, ist gut geschrieben, wartet mit einem aktuellen Thema auf und arbeitet sich daran burleskisch ab.  Aber dennoch fragt man sich am Ende des Buches: ???

Dass das Buch auf der Bestsellerliste der New York Times gelandet ist, ist nachvollziehbar. Johnsons` Stil ist geschult am amerikanischen System des universitären „Creative Writing“. Immer wieder kommen aus diesen Kaderschmieden – Johnson selbst lehrt in Stanford kreatives Schreiben – hervorragende Unterhaltungsromane. Und dies ist auch „Das geraubte Leben des Waisen Jun Do“ letzten Endes – nicht mehr, und nicht weniger. Eine gut lesbare, unterhaltsame Geschichte, die alle Kriterien des Genres „Abenteuerroman“ erfüllt: Ein moralisch aufrechter Held, eine große Liebe, ein exotischer Schauplatz, unwahrscheinliche, gefährliche Ereignisse. In den Kanon der großen Weltliteratur gehört das Buch aber nicht.

„Adam Johnsons Buch ist politische Science-Fiction, keine Propaganda, aus genuin amerikanischer Perspektive erzählt. Literarisch ist es eigentlich nicht bemerkenswert. Es verbleibt im Romanschema, wie es an amerikanischen Universitäten gelehrt wird, übrigens auch von Adam Johnson. Es gibt eine klare Geschichte, das Leben des Jun Do, kontrastierende Erzählstränge wie die Bekenntnisse eines anonymen, am Job verzweifelnden Folterknechtes oder die aus den Lautsprechern über Pjöngjang quakenden Lern- und Propagandageschichten für das Volk. Das letzte Drittel wird von einem leicht verständlichen ethischen Konflikt dominiert: Lohnen sich Verrat und Selbstopfer? Das ist simpel, verworren hingegen das Leben des Jun Do.“

So urteilt Thomas E. Schmidt 2013 in der Zeit. Und setzt noch eins nach:

Leider unterzieht der Autor auch seine Leser einem Schmerztraining. Lesbar ist das Buch, solange es satirisch bleibt und beispielsweise das nicht minder skurrile Texas aus nordkoreanischer Perspektive beschreibt. Auch das Porträt Kim Jong Ils gelingt. Johnson macht aus ihm einen sardonischen Schöngeist, er ähnelt dem Joker aus Batman, wäre da nicht die Vorliebe für die beigen Vinalon-Anzüge. Ganz unerträglich wird der Roman allerdings, wenn er akribisch Foltermethoden und Demütigungspraktiken schildert. Der Hunger, die Aussichtslosigkeit, die hygienischen Verhältnisse, die grauenerregende Ausbeutung der Körper und Seelen – all das beeindruckt. Doch erhöht die Frequenz solcher Beschreibungen nicht die literarische Qualität. Am Ende sinkt der erschöpfte Leser ins Kissen zurück: „Toll, dass der Waise Jun Do eine unsterbliche Seele hatte. Noch besser, dass das Buch nun aus ist.“

Dass der Schmöker 2013 sogar mit dem Pulitzer-Preis für Belletristik ausgezeichnet wurde, führte bei mir schon zu ersten Zweifeln an den literarischen Maßstäben und Fachkenntnis der Jury. Aber es mag auch eine von der Politik dominierte Entscheidung gewesen sein.

Pulitzerreifes Thema

Denn Johnson hat sich einen Schauplatz gewählt, der insbesondere in den USA Aufmerksamkeit garantiert: Nordkorea. Das Buch ist nach wie vor hochaktuell, was den Grundkonflikt angeht: Die derzeit nach außen dringenden Nachrichten aus Nordkorea machen die im Roman beinahe fiktiv anmutenden Lebensverhältnisse, den Führerkult, die Unterdrückung der Menschen, die Brutalität und Verfolgung Andersdenkender nur zu glaubhaft.

Der exotische Schauplatz, den Johnson gewählt hat, ist also das Nordkorea des vergangenen Jahrzehnts. Der Leser profitiert hier von der journalistischen Ausbildung des Schriftstellers: Johnson hat umfangreich über Nordkorea, das Politsystem, die Ausbeutung der Menschen dort und deren Alltag recherchiert, bis hin zu einer Reise in das abgeschottete Land – hier allerdings war es Johnson, wie allen anderen Gästen auch, nicht möglich, hinter die Kulissen zu sehen. Vor allem dies macht eben auch die Faszination des Romans aus: Wenig weiß man über diese kommunistische Diktatur, wenig dringt nach außen. Die kurze Hoffnung, dass nach Kim Jong II durch dessen Sohn Kim Jong Un (der im Roman nicht auftritt) eine Öffnung und Besserung geschehen könnte, wurde schnell zunichte gemacht.

Erzählt wird von Johnson die Geschichte eines Waisenjungen, der in einem Staat, der seine Bürger normieren möchte, um seine Individualität kämpft – auch wenn er selbst keine Geschichte, keine Familie, nichts eigenes mitbringt. Jun Do ist auch ein John Doe – der sich jedoch im Laufe des Romans häutet, in eine neue Identität schlüpft, der versucht, das System in der Maske des Funktionärs auszutricksen. So weit, so gut – doch das Buch wankt zwischen realistischer Alltagsbeschreibung im unbekanntesten Land der Welt und wandelt sich dann, im zweiten Teil, zu einer Burleske mit tragischem Ausgang. Ein Bruch im Buch, der das Ganze seltsam unentschlossen wirken lässt.

Von Verlusten und dem Erwachsenwerden

Teil 1 – der Waisenjunge Pak Jun Do lernt eine Lektion fürs Leben: Je mehr der „geliebte Führer“ Kim Jong II einem seiner Bürger gibt, desto mehr kann er ihm nehmen: Zwischenmenschliche Beziehungen sind nur Beziehungen auf Zeit. Wer einen Menschen bei sich haben will, tätowiert sich sein Gesicht auf die Brust. Aber selbst diese hautnahen Beziehungen verblassen. Denn zwischenmenschliche Beziehungen sind gefährlich: Wer liebt, wird verletzbar. So opfert Pak Jun Do  seiner großen Liebe, seiner Sonne, seinem Mond, der Staatsschauspielerin Sun Moon, auch sein Leben. Teil 1 erzählt von Pak Jun Do, seinem Erwachsenwerden, seinen Verlusten, seiner Instrumentalisierung für das System.

Teil 2 – Pak Jun Do häutet sich. Er schlüpft in die Haut des Kommandanten Ga. Wird Ehemann der Staatsschauspielerin Sun Moon, wird persönliche Marionette des geliebten Führer, wird Folteropfer und Lebensretter. Um die Geschichte schlüssig zu Ende zu bringen, braucht es wohl diesen Rollenwechsel – trotzdem bleibt am Ende der Eindruck zurück, dass dem Autoren diese seltsame Konstruktion als einziger Ausweg verblieb, um seinen Roman irgendwie zu Ende zu bringen.

Erzählerisch in eine Sackgasse geraten, wird die Geschichte durch einen Kunstgriff befreit – nicht der einzige Haken, den Johnson schlägt. Oder wie es Hubert Spiegel im Deutschlandfunk in einer eingehenden und wohlwollenden Vorstellung des Buches ausdrückte:

„Seine Handlung schlägt Haken, die jeden jungen Hasen wie eine alte Schildkröte aussehen lassen.“


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Harper Lee: Gehe hin, stelle einen Wächter

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Bild von fockjoshua auf Pixabay

„Dr. Finch streckte die Beine aus. „Es ist ziemlich kompliziert“, sagte er, „und ich möchte nicht, dass du dem leidigen Irrtum verfällst, dir auf deine Komplexe etwas einzubilden – du würdest uns damit bis ans Ende unserer Tage langweilen, also lassen wir die Finger davon. Die Insel eines jeden Menschen, Jean Louise, der Wächter eines jeden Menschen ist sein Gewissen. So etwas wie ein kollektives Gewissen gibt es nicht.“
Das war neu, aus seinem Munde. Aber lass ihn reden, irgendwie wird er den Weg ins 19. Jahrhundert finden.
„…und du, die du mit einem eigenen Gewissen geboren wurdest, hast es irgendwann an das deines Vater geheftet, wie eine Klette. Als Heranwachsende, als Erwachsene hast du deinen Vater mit Gott verwechselt, ohne es selber zu merken. Du hast ihn nie als einen Mann mit dem Herzen und den Schwächen eines Mannes gesehen.“

Es ist wohl über kein anderes Buch in den letzten Wochen so viel gesprochen und geschrieben worden wie über jenes: Harper Lees Erstling „Gehe hin, stelle einen Wächter“. 1960 veröffentlichte sie „Wer die Nachtigall stört“, jenen Südstaaten-und Anti-Rassismus-Roman, der ein Jahr später mit dem Pulitzer ausgezeichnet wurde, sich mehr als 40 Millionen Mal verkaufte, dessen Verfilmung mit Gregory Peck als integrem Anwalt Atticus mit drei Oscars gekrönt wurde und in dessen Folge Jahr für Jahr zahlreiche Amerikaner ihren Nachwuchs „Atticus“ taufen liessen. Und dann kam: Nichts mehr. Es schien, als sei Harper Lee mit Mitte 30 angesichts des eigenen Erfolgs verstummt.

„Ich hatte gehofft, dass die Kritiker mich einen schnellen, barmherzigen Tod sterben lassen würden, aber gleichzeitig hoffte ich auch, dass jemand „Wer die Nachtigall stört“ ausreichend lieben würde, um mir Mut zu machen. Als dieser Fall dann tatsächlich eintrat, war es auf eine Art nicht weniger anstrengend, als das Szenario, das ich mir zuvor ausgemalt hatte.“

Zwar gab es in der Folge noch die Ankündigung eines Romans und eines Sachbuches, doch die Veröffentlichungen blieben aus. Harper Lee, die bis zu ihrem Erfolg in New York gelebt hatte, zog schließlich wieder in ihre Heimatstadt zurück, nach Monroeville, jenem Südstaatenstädtchen, das die Schriftstellerin und ihr Freund aus Kindertagen, Truman Capote, zu einem literarischen Pilgerort verwandelt hatten. Monroeville – das ist auch Maycomb, dieser fiktionale Ort, der sozusagen eine literarische Wiederauferstehung feiert: Erst jetzt, fast ein halbes Jahrhundert nach dem Pulitzer-Erfolg, wurde der Erstling von Harper Lee veröffentlicht. „Gehe hin, stelle einen Wächter“, entstand bereits Mitte der 50er-Jahre, spielt aber Jahre nach der „Nachtigall“. Die Lektorin hatte das Manuskript als unausgereift empfunden und Harper Lee vorgeschlagen, aus den Kindheitspassagen ein eigenes Buch zu machen – die „Nachtigall“. Jetzt wurde dieses Manuskript, das gescheiterte Debüt sozusagen, doch noch veröffentlicht.

Scout (Jean Louise), die burschikose Kleine, ist eine nicht weniger burschikose 26jährige, die für einige Sommerwochen in ihren Heimatort zurückkehrt. Ihr Bruder Jem ist bereits verstorben, Kindheitsfreund Dill – hinter dem eindeutig Truman Capote steckt – ist nach dem Krieg irgendwo in Europa geblieben und Atticus, der Übervater, scheint zwar körperlich angeschlagen, aber geistig immer noch ungebrochen. Bis Scout hinter die Fassade blickt.

Fritz Göttler schrieb dazu in einem bemerkenswerten Beitrag unter dem Titel „Heldenverkehrung“ in der Süddeutschen Zeitung vom 17. Juli 2015:

„Es ist ein unerbittliches Coming-of-Age für Jean Louise, für den Leser, von dem der „Wächter“ erzählt.“

„Genauso plötzlich, wie ein grausamer Junge die Larve eines Ameisenlöwen aus ihrem Sandloch zerrt, um sie zappelnd in der Sonne liegen zu lassen, wurde Jean Louise an einem schwülen Sommernachmittag um genau 14.18 Uhr aus ihrem friedlichen Dasein gerissen und musste fortan zusehen, wie sie ihre empfindliche Epidermis so gut wie möglich schützen konnte.“

Jean Louise findet im Wohnzimmer ihres Vaterhauses eine Broschüre mit dem Titel „Die schwarze Pest“, erlebt in jenem Gerichtssaal, in dem einst Atticus einen Schwarzen gegen den Mob verteidigte, wie ebendieser Vater an einem Tisch mit Rassisten und Ku-Klux-Klan-Anhängern sitzt und sich letztlich als Vertreter der Rassentrennung entpuppt, weil er insgeheim doch Vorurteile hegt. Eine, so meint Göttler, durchaus weit verbreitete Haltung unter den Liberalen der 50er-Jahre in den Südstaaten.

Fritz Göttler stellt das Buch in Bezug zum Zeitgeschehen:

„Der Roman spielt in einem prekären Moment der amerikanischen Geschichte. Nach Jahrzehnten der strikten Rassentrennung und – diskriminierung beginnt die Regierung in Washington, Gesetze für die Gleichstellung der Afroamerikaner durchzusetzen, was den Wahlzensus angeht oder den Anspruch auf Bildung – und es gibt im Süden Widerstand dagegen. Die Bürgerrechtsbewegung formiert sich, mit Martin Luther King. Maycombs Hauptstraße mündet auf den Highway nach Montgomery, der Hauptstadt Alabamas, wo 1955 die Afroamerikanerin Rosa Parks ihr Recht auf einen „weißen“ Busplatz beanspruchte, wohin zehn Jahre später die Märsche von Selma führten.“

Jean Louise, geprägt von New York und dem Norden, sagt, sie kenne nur eine Art der Farbenblindheit, und zwar die, was schwarz und weiß anbelange. Atticus dagegen fühlt sich, wie wohl so manch anderer, durch die neuen Gesetze bedroht, reagiert mit Vorbehalten und latentem Rassismus.

Ein letztes Mal Fritz Göttler:

„Das Ende einer Jugend, die so glücklich war, dass ganz Amerika und ein großer Teil der Welt sie teilen wollte, die Dekonstruktion eines Mythos.“

Wir haben uns das Buch ebenfalls angesehen.

Birgit: Es wurde als DAS internationale Romanereignis angekündigt, dieses bislang unveröffentlichte Manuskript von Harper Lee. Ein Ereignis ist es – aber mehr aus literaturhistorischer (oder auch aus literatur-voyeuristischer) Sicht denn aus rein literarischen Gesichtspunkten heraus gesehen. Es gab gute Gründe dafür, dass Lektorin Theresa von Hohoff das Manuskript 1957 zurückwies. Das Buch wirkt unausgereift, ein eigentlicher Spannungsbogen baut sich nur mühsam auf, zu viel Abschweifiges, die Charaktere wirken unrund, mit manchmal zu groben Pinsel gezeichnet, die Dialoge streckenweise hölzern. Die wohl schnell zu bewerkstelligende Übersetzung kann ich in ihrer Qualität nicht beurteilen. Doch insgesamt kann man sich des Eindrucks nicht erwehren: Da ist etwas unfertig, bis hin zum offenen Schluss. Als habe sich da eine junge Frau impulshaft ihre Empörung von der Seele geschrieben – die Empörung über ihre Herkunft aus einer von Rassismus geprägten Region, die Empörung über den Sturz ihres persönlichen Helden, die Empörung über ein kleingeistiges und engstirniges Milieu. Am Ende des Buches kommen Atticus und seine Tochter zu einer Art Waffenstillstand. Der letzte Satz des Buches lautet:

„Sie ging um das Auto herum, und als sie sich hinters Lenkrad schob, achtete sie diesmal darauf, sich nicht den Kopf zu stoßen.“

Für mich klingt das beinahe wie eine Metapher für das Leben der Autorin selbst: Nur niemanden mehr vor den Kopf stoßen, vor allem auch nicht sich selbst?
Wie ihre literarische Figur Scout wagte sich Harper Lee, wohl im Schlepptau ihres Jugendfreundes Truman Capote, nach New York, zoge vom schwül-schwülstigen Südstaatenmilieu in die große, weite, intellektuelle und liberale Welt. Aber anders als Capote konnte sie sich offenbar nie ganz von ihrer Herkunft abkapseln, arrangierte sich irgendwie, kehrte zurück. Mag der „Wächter“ als Akt der Rebellion interpretiert werden, so ist die „Nachtigall“ trotz ihrer antirassistischen Haltung ein Akt der Verklärung, wenn man die beiden Bücher autobiographisch interpretiert. So war Harper Lees eigener Vater Vorbild für Atticus in der „Nachtigall“, ein Zeitungsverleger und Anwalt, der gegen den Rassismus ankämpfte.

Wieviel von Amasa Coleman Lee ist auch im Atticus des „Wächter“ zu finden?
Verstummte Harper Lee nicht nur angesichts des Erfolgs der „Nachtigall“, der schwer zu toppen gewesen wäre, sondern auch, weil sie über die tatsächlichen Verhältnisse nicht schreiben konnte, weil Blut dicker ist als Wasser?
Wollte sie durch ein überarbeitetes, ehrliches „Wächter“-Buch niemanden vor „den Kopf stoßen“, wollte sie sich bewusst mit diesem Milieu der scheinbar aufgeklärten Weißen in ihrer Heimat irgendwie arrangieren, war die Rebellion in ihr verstummt?

Und: Wieviel von Truman Capote steckt tatsächlich in den beiden Büchern? Ein Rezensent sah in der zuweilen aufblitzenden warmherzig-poetischen Sprache des „Wächters“ einen Beleg dafür, dass die Gerüchte, T.C. habe wesentliche Teile der „Nachtigall“ mitgeschrieben – ein Gerücht, dass der notorische Geschichtenerzähler Capote (mehr dazu in George Plimptons Capote-Buch) selbst wohl auch nie ganz aus der Welt bringen wollte – nichtig seien. Für einen Beleg halte ich das nicht – wer die Sprache Capotes aus der „Grasharfe“ und anderen Erinnerungen an seine Kindheit kennt, der findet Übereinstimmungen. Und wieso sollte er nicht auch beim Erstling seiner Kindheitsfreundin geholfen haben?

Dass der „Wächter“, unabhängig von seiner Qualität, zu einem Verkaufserfolg werden würde, das war klar. Die Fragen, die das fast 50jährige Schweigen von Harper Lee aufwerfen, kann das Buch freilich nicht beantworten. Das könnte eben nur eine: Jene fast 90jährige Dame, die, von einem Schlaganfall getroffen, inzwischen in einem Altenheim lebt. Und immer noch schweigt. Und so bleibt am Ende noch eine Frage übrig: Tat man der alten Dame, tat sie sich einen Gefallen damit, dieses Buch jetzt doch noch an die Öffentlichkeit zu bringen? Der „Wächter“: Er wirft jetzt aus vielerlei Gründen dunkle Schatten auf die Nachtigall.

Claudio: Ein Jahr nach Ferguson – und immer noch werden fast 100 Schwarze jährlich von weißen Polizisten getötet. Unzählige weitere Gewalttaten, die rassistisch bedingt sind, gehören zum Alltag in den USA. Dies mehr als ein halbes Jahrhundert nach Erscheinen der „Nachtigall“. Und deshalb ist es gut, dass der „Wächter“ gerade jetzt erschienen ist. Zeigt das Buch doch, wie tief der Rassismus in den USA (aber nicht nur dort) ist und war. Selbst bei Menschen, bei denen man es nicht vermutet. Atticus, der Übervater, wird vom Sockel gestoßen, die weiße Weste zeigt Flecken. Biedermann und die Brandstifter. Atticus wird im „Wächter“ zu einem jener, die auch hierzulande sagen: „Ich habe ja nichts gegen Flüchtlinge, die Menschen aus Syrien tun mir furchtbar leider, ABER…“. Dieses „ABER“ also zeigt, wie wenig Platz unter dem Mantel der human-humanistischen Haltung, die Atticus trägt, tatsächlich für „die anderen“ ist.

In der „Nachtigall“ klingt Atticus noch so:

„Es gibt Dinge in unserer Welt, über denen die Menschen den Kopf verlieren. Sie können dann einfach nicht mehr gerecht sein, selbst wenn sie es wollten. Steht in unseren Gerichtshöfen das Wort eines Weißen gegen das eines Schwarzen, dann gewinnt unweigerlich der Weiße. Das ist eine Tatsache, wenn auch eine sehr häßliche.
(…)
Gerade vor Gericht sollte allen Menschen, von welcher Farbe des Regenbogens sie auch sein mögen, das gleiche Recht zuteil werden. Nur neigen die Leute leider dazu, ihre Vorurteile mit auf die Geschworenenbank zu nehmen. Du wirst später tagtäglich Weiße sehen, die Schwarze betrügen. Aber eines möchte ich dir sagen, und bitte, vergiß es nicht: Wenn ein Weißer – ganz gleich, wie angesehen, wie vornehm, wie reich er ist – einem Schwarzen so etwas antut, dann gehört dieser Weiße zum Pack.“

Ich empfand diese Figur, den moralischen aufrechten Verfechter humanistischer Gesinnung, den intellektuellen Vertreter der Menschlichkeit versus eher dumpfe Weiße mit rassistischer Gesinnung, immer schon als seltsam überhöht. Zuviel des Guten. Und jetzt zeigt dieses frühe Buch dieser Chronistin einer Art Südstaatenromantik (nach dem Motto „So lange es wahre Helden gibt, werden Rassenkonflikte überwunden“) einen anderen, vielleicht echteren Atticus: Der, der unter der liberalen Anwaltrobe tiefverwurzelte, über Generationen verfestigte Vorurteile in sich trägt. Zwar sind ihm in der Theorie alle Menschen gleich, in der Praxis sieht es jedoch anders aus: Das Recht auf Wahlbeteiligung, die Fähigkeit zur Bildung spricht Atticus der schwarzen Bevölkerung ab. Sicher, auch er will sich letzten Endes mit dem „weißen Pack“ des Klan nicht gemein machen – aber ebenso wenig möchte er wohl einem schwarzen Kollegen auf der Anwaltsbank gegenübersitzen. Und so ist er im Grunde ein Vertreter des übelsten Rassismus: Den, den man kaum erkennt, der im Geist vorhanden ist und sich in seinen Anschauungen von Generation zu Generation fortsetzt.

Schmunzeln musste ich, als die Marketingmaschine für dieses Buch anlief: Selten, dass es ein Roman in die altehrwürdigen Nachrichtensendungen unserer Öffentlich-Rechtlichen schafft. Gezeigt wurden US-Amerikaner, die am Erscheinungstag Schlange standen. Eine Dame äußerte – fast schon ein wenig hysterisch – ihre Angst, was aus „ihrem Atticus“ wohl im „Wächter“ geworden sei. Nun, die Angst hatte ihre Begründung. Und vielleicht auch etwas Gutes: Wenn das Buch dazu beiträgt, die Diskussion um offenen und verdeckten Rassismus in den USA weiterzuführen, dann ist es trotz seiner offensichtlichen Mängel (sprachlich und inhaltlich) noch ein spätes Geschenk von Harper Lee an ihre Heimat.

Wir danken dem DVA-Verlag (hier Verlagsangaben zum Buch) für das Besprechungsexemplar.

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Anthony Doerr: Alles Licht, das wir nicht sehen

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Fluchtpunkt Saint-Malo – im Roman ein wenig Licht am Ende des Tunnels. Bild von Lulu35 auf Pixabay

Ich nenne es eine Pulitzer-Preis-Verschwörung: Es muss in der Jury in den vergangenen Jahren insgeheim die Entscheidung gefallen sein, im Bereich Belletristik vor allem Bücher auszuzeichnen, die durch ihr Volumen bestechen. Seitenmasse vor literarischer Klasse. Nun haben sie wieder zugeschlagen, die Liebhaber des dicken Buches – die jüngste Auszeichnung ging an Anthony Doerr, dessen Roman bei C. H. Beck in deutscher Übersetzung vorliegt: „Alles Licht, das wir nicht sehen“.

Ähnlich wie die zuvor preisgekrönten Werke – Donna Tartts „Distelfink und Adam Johnsons „geraubter Waise“ – hat dieser Roman für mich vor allem ein großes Defizit: Die Geschichte zerfleddert, hat ihre Längen, nimmt mich über die lange Strecke hinweg gesehen nicht bis zum Ende hin mit. Ebenso wie seine Pulitzer-Vorgänger ist dieser Roman stilistisch überwiegend durchaus gut, wenn auch konventionell erzählt, hat eine außergewöhnliche Geschichte im Mittelpunkt, ist thematisch also zunächst fesselnd…aber sie zerläuft im Sande an der Küste bei Saint Malo.

In nicht wenigen Rezensionen wird die poetische Sprache des Buches gewürdigt – für mich hangelte sich der Autor da nah an der Grenze zum Kitsch-Verdacht entlang. Ein Eindruck, den auch Hans-Peter Kunisch, der das Buch in der Süddeutschen Zeitung auseinandernahm, hatte:

„Erblinden ist eine Entdeckung der Unsicherheit: „(. . .) ihre Finger sind zu groß, immer zu groß. Was ist Blindheit? Wo eine Mauer sein sollte, greifen ihre Hände ins Leere. Wo nichts sein sollte, läuft sie gegen einen Tisch. Autos brummen durch die Straßen, Blätter flüstern am Himmel, Blut rauscht durchs Innenohr.“ Kurze, aber emotionsgeladen lyrische Sätze mit Human Touch setzen den Grundton. Doch je dicker ein Autor aufträgt, desto näher liegt die Grenze zum Kitsch. Doerr, der gern Flugblätter und Landschaften poetisch verzaubert („ein Morgen Ende Februar, die Luft duftet nach Regen und Ruhe“), setzt auf einfühlsames Pathos. Bei Marie-Laure trägt das noch am ehesten. In Untiefen aber gerät seine Sprache, wenn sie Werners Erziehung in der Napola schildert. Doerr legt auch hier viel Emphase in Atmosphäre und Charaktere. Aber statt der märchenhaften Zerbrechlichkeit um Marie-Laure entsteht, als saftiger Kontrast, ein übler Schauerroman.“

Zudem lässt sich an den drei genannten Büchern eines festmachen: Sie treffen vor allem den Zeitgeist. Spielt der Distelfink durch sein Ausgangsszenario mit den Terrorängsten der US-Amerikaner, nimmt Adam Johnson den mystischen Erzfeind der USA, Nordkorea, ins Visier. Doerrs Roman über eine Geschichte zu Zeiten des Zweiten Weltkrieges kommt zum richtigen Zeitpunkt, da die Welt dieser Katastrophe mit symbolträchtigen Jubiläumsereignissen gedenkt.

Ich muss zugeben: Für mich sind die Auszeichnungen der 2010er-Jahre, Jennifer Egan ausgenommen, bislang eher enttäuschend. Literarische Konfektionsware. Die Fähigkeit, eine Geschichte stringent voranzutreiben, einfach und knallhart zu erzählen, die Kunst der Beschränkung auf das Wesentliche – sie sind verloren gegangen. Wurden geopfert auf dem Altar der ausufernden Erzählweise. Pulitzer-Preisträger früherer Jahre wie Steinbeck, Faulkner, Sinclair – sie besuchten die Schule des Lebens. Die Pulitzer-Preisträger unserer Tage studieren kreatives Schreiben. Vielleicht macht das den Unterschied.

Zur Verlagsseite mit weiteren inhaltlichen Angaben geht es hier.

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Donna Tartt: Der Distelfink

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Bild von Vember auf Pixabay

„Sorge! Was für eine Zeitverschwendung. Alle heiligen Schriften hatten recht. „Sorge“ war ganz offensichtlich das Kennzeichen einer primitiven und spirituell unterentwickelten Persönlichkeit. Wie hieß noch die Zeile bei Yeats, über die heiteren chinesischen Weisen? Alles fällt und wird wieder gebaut. Alte glitzernde Augen. Das war Weisheit. Jahrhundertelang hatten die Menschen gewütet und geweint und Dinge zerstört und gejammert über ihr nichtiges, individuelles Leben. während doch – was hatte es für einen Sinn? All diese nutzlose Sorge? Sehet die Lilien auf dem Felde. Warum machte man sich Sorgen um irgendetwas? Waren wir als denkende Wesen denn nicht auf der Erde, um glücklich zu sein in der kurzen Zeit, die uns zugeteilt war?“

Donna Tartt, „Der Distelfink“, 2013

Das Problem mit Donna Tartts Antihelden ist nur: Er muss durch die Hölle gehen, um zu dieser Erkenntnis zu gelangen. Er muss auf Droge sein, um Sorgen zu verdrängen. Und das Fazit seines jungen Lebens: Dasselbe ist eine Katastrophe, aber man ist nun mal hineingeworfen und muss sehen, wie man das Beste daraus macht.

Eine Rezension im üblichen Sinne will ich hier nicht schreiben – das Buch wurde nach Erscheinen der deutschsprachigen Übersetzung schon hinreichend vorgestellt. Mir kam der Distelfink als Geschenk ins Haus geflattert. Neugierig gemacht hatten mich die Besprechungen schon – immerhin hatte die Autorin zehn Jahre lang nichts veröffentlicht. Allein das, die anhaltenden Spekulationen zuvor und die Vorschusslorbeeren: Ganz großes Kino. Die Geschichte – eine Mischung aus Entwicklungsroman, Krimi, Kunstreflektion, Lebenserzählung – ist durchaus packend geschrieben, entwickelt ihre eigene Sogwirkung.

Fragen über Fragen

Aber mir gingen beim Lesen noch ganz andere Fragen durch den Kopf. Denn das Problem mit Donna Tartts Buch ist: 1022 Seiten. Da schwingt im Hinterkopf das Arno Schmidt-Zitat (wieviel Bücher kann man in einem Leserleben lesen? Wie wichtig ist es, die richtige Auswahl zu treffen?) mit.

Wie schwer es fällt, aus „Effizienzgründen“ einen flüssig geschriebenen Roman abzubrechen.
Wann fängt Konsumlesen an?
Der Ärger, der aufkommt, weil die Autorin sich nicht kürzer fassen konnte (wobei das Buch kaum Längen aufweist und zudem mit jeder Kürzung nicht dieses Buch, dieses Werk wäre).
Der Ärger, weil es in dieser Zeit anderes gegeben hätte – zu tun, zu leben, zu lesen.
Wäre es ein Buch, das ich ein zweites Mal lesen würde? (Nein.)

Meine persönliche literarische Kosten-Nutzen-Rechnung:
Für den eingangs skizzierten Erkenntnisgewinn – das Leben ist eine Katastrophe – „kostete“ mich dieses Buch zuviel Zeit. Die Kunst liegt eben manches Mal auch in der Beschneidung – letztendlich sagt Tartt auf 1000 Seiten, was Yeats in eine Zeile fasst. Um dagegen gut unterhalten zu werden, rein aus Lust an der Geschichte zu lesen – da genügt mir die kleine Form.

Der zarte Distelfink, auf dem namensgebenden Bild von Carel Fabritius, kann und darf nicht fliegen, weil eine Kette ihn bindet.
Der weit weniger zarte Distelfink von Donna Tartt – er kettet und bindet auch, durch routinierte, konventionelle Erzählweise, und alles, was in diesem Buch an Möglichkeiten und Ideen steckte (beispielsweise wie sehr die Liebe zur Kunst, zum Objekt zur Besessenheit werden kann und als Kompensation eigener Liebesunfähigkeit dient), wird irgendwie voluminös erstickt.

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