Sinclair Lewis: Main Street

«Wie dem auch sei, Gopher Prairie ist nicht etwa besonders schlecht, es ist genauso wie alle Kleinstädte in allen Ländern. Die meisten Orte, die den Geruch der Erde verloren, sich aber noch nicht den Geruch von Patschuli – oder Fabrikqualm – angeeignet haben, sind ebenso misstrauisch und selbstgerecht. Ich frage mich, ob die Kleinstadt an sich, von ein paar reizenden Ausnahmen abgesehen, nicht der Blinddarm der Gesellschaft ist (…)»
Sie fragte impulsiv: «Und Sie, warum bleiben Sie hier?»
«Ich habe den Spießervirus.»
«Klingt gefährlich.»
«O ja. Noch gefährlicher als der Krebs, der mich garantiert mit fünfzig erwischt, wenn ich nicht mit der Raucherei aufhöre. Der Spießervirus ist jener Krankheitserreger, der – und hierin ähnelt er auffällig dem Hakenwurm – ehrgeizige Menschen befällt, die zu lange in der Provinz hängen bleiben.»

Sinclair Lewis, „Main Street“, OA 1920, Neuausgabe 2018 in der Übersetzung von Christa E. Seibicke, Manesse Verlag.

Als Berufsanfängerin verschlug es mich in ein Provinzstädtchen, ähnlich wie jenes, das Sinclair Lewis (1885 – 1951) in seinem sechsten Roman beschreibt, der ihn schlagartig berühmt (und berüchtigt) machte. 5000 Einwohner, die Redaktion am Marktplatz, man selbst als Zeitungsjournalistin „mitten drin“ – ein Euphemismus für: „unter ständiger Beobachtung.“ Mein älterer Kollege meinte, die Stadt sei auf Valium gebaut und wir Galeerensträflinge in einer Gummistiefelredaktion. Kurzum: Wir haben uns den Redaktionsalltag zwischen dem Redigieren von Schützentabellen und Fotos für „Tiere suchen ein Zuhause“ durch blümerant formulierte Lästereien über die Provinz aufgehübscht. Ja, die Provinz: Selbst wenn man nur aus einer kleinen Großstadt wie Augsburg dorthin gelangt, sie ist ein Kulturschock. Das Leben in Provinzstädten hat seine Regeln: Heute wie gestern, ob im bayerischen Süden oder im Mittleren Westen Amerikas.

Dies bekommt auch die ambitionierte Carol Milford, die nach dem College als Bibliothekarin in Chicago arbeitet, zu spüren. Carol, die Sinclair Lewis dramatisch als einsame Gestalt vor kornblumenblauen Nordhimmel einführt, hat, wie der Provinzler sagen würde, „Flausen im Kopf“. Nicht unsympathisch, aber kaum konsequent, eine Träumerin, die die Welt verändern möchte, durch Kultur verbessern: Mal sieht sie sich als Stadtplanerin, mal schließt sie sich einem Kreis junger Frauen an,

„die, in hauchdünnes Leinen gewandet, im Mondschein Tänze aufführen. Sie wurde auf ein waschechtes Atelierfest eingeladen, eins mit Bier, Zigaretten, Bubikopf und einer russischen Jüdin, die die Internationale sang. Nicht, dass Carol den Bohemiens irgendetwas Erwähnenswertes zu sagen gehabt hätte. Sie war vielmehr gehemmt in ihrer Gegenwart, kam sich ungebildet vor und war gleichzeitig schockiert über die hier zelebrierte Freizügigkeit, nach der sie sich dennoch jahrelang gesehnt hatte. (…) Irgendwann ging sie nach Hause, und das war Anfang und Ende ihres Bohemelebens.“

Ironischer Unterton

Mitten in dieser Findungsphase begegnet die junge Frau dem Tierarzt Dr. Will Kennicott, ein wackerer Bürger des fiktiven Provinzstädtchens Gopher Prairie, „the honest place in Wahkeenyan County“. Sinclair Lewis kommentiert die Entwicklung mit der ihm eigenen trockenen Ironie:

„Von der Liebesromanze zwischen Carol und Will Kennicott gibt es nichts zu erzählen, was man nicht an jedem Sommerabend in jeder schummerigen Gasse belauschen könnte. Was sie zusammenführte, war halb Biologie, halb Mysterium (…)“.

Und viele Versprechen, die man als Verliebter halt so macht:

»Dann komm mit. Komm mit nach Gopher Prairie, und zeig uns, wie`s geht. Mach unsere Stadt … na ja … mach sie kunstsinnig! Mächtig hübsch ist sie schon, aber ich muss gestehen, übermäßig kunstsinnig sind wir nicht gerade. Unser Holzlager ist wahrscheinlich nicht so geschleckt wie diese ganzen griechischen Tempel! Aber mach du dich nur ran! Kremple uns tüchtig um!«

Es kommt, wie es kommen muss: Viele hundert Seiten später ist Gopher Prairie noch das Alte, tüchtig umgekrempelt ist dagegen Carol. Um etliche Erfahrungen im „Kampf“ gegen die Provinzialität reicher und nach einer längeren Ehe-Auszeit, Jahre, die sie in Washington verbringt, kehrt sie leicht resigniert in ihr „Nest“ zurück, fügt sich in ihr Schicksal als Tierarztgattin, Mutter und mustergültiges Mitglied der Gemeinde. Nur ein Rest der alten Träume, Gopher Prairie und damit die Welt zu verändern, bleibt:

«Aber in einem habe ich doch gesiegt – ich habe meine Niederlagen nie entschuldigt, indem ich mich über meine Ambitionen lustig gemacht oder so getan hätte, als wäre ich über sie hinausgewachsen. Ich lasse nicht gelten, dass die Main Street so schön ist, wie sie sein sollte! Ich lasse nicht gelten, dass Gopher Prairie großartiger oder edelmütiger ist als Europa! Ich lasse nicht gelten, dass Geschirrspülen ausreicht, um eine Frau zufriedenzustellen! Ich habe den Kampf für das Gute vielleicht nicht bis zum Ende ausgefochten, aber ich habe mir den Glauben daran bewahrt.»

Der Mann behält das letzte Wort

Der Roman endet in einem Kompromiss, das letzte Wort behält der Mann – und wir wissen nicht, ob Carols Ideale dann irgendwann beim Geschirrspülen doch noch vollends den Abfluss hinuntergehen. Ihr bis dahin geführter „Kampf“ für das Gute besteht aus einer Vielzahl von Projekten und Episoden, die Sinclair Lewis in diesem personenreichen Roman abspielen lässt – es ist keine stringente Handlung, die sich in „Main Street“ vollzieht, sondern vielmehr ein Kaleidoskop von pointierten Anekdoten, die das Provinzleben wiedergeben und die Entwicklung Carols nachvollziehbar machen. Das ist nicht ohne komische Elemente, das ist nicht ohne Tragik und Drama – es ist das Leben in der Provinz. Lewis, der durchaus einen Hang zu epischer Detailliertheit hatte, schildert das Leben in Klassen und Kasten, zwischen Kirchen und Küchen, wie es sich an jeder amerikanischen Main Street oder deutschen Hauptstraße auf dem Lande abspielen könnte. Da treten die Männerbünde auf, die untereinander Vetterleswirtschaft betreiben, die bigotte Nachbarin mit ihrem dumpf-kriminellen Sohn, die „alte Jungfer“, der verschrobene Hagestolz, der sozialistische Reden führende Outlaw, zu dem sich Carol naturgemäß hingezogen fühlt. Das Personal ist individuell charakterisiert und doch so typisch: Typen, wie man sie überall finden kann.

Vielleicht machte „Main Street“ genau diese Wiedererkennbarkeit zu so einem großen und bei Erscheinen auch heftig umstrittenen Bucherfolg – und vielleicht ist es deswegen auch bis heute noch aktuell, wird Sinclair Lewis genau deswegen gerade wieder entdeckt und gewürdigt: Weil er Menschliches, Allzumenschliches so kenntnisreich schilderte. Bei aller Ironie geschieht dies jedoch mit viel Wärme und Nachsicht für die Engstirnigkeit der in der Provinz Sozialisierten. Im Nachwort zur aktuellen Manesse-Ausgabe von „Main Street“ meint dazu Heinrich Steinfest:

„Ich finde, dass man in diesem Roman genau die Paradoxie eines Autors spürt, der diese Uniformität erkennt und mit seiner Heldin darangeht, ihr den Kampf anzusagen, der aber gleichzeitig ein Kind dieser Stadt ist und bei allem Sarkasmus, mit dem er die Bewohner entblößt und beschreibt, eine Detailversessenheit praktiziert, die eben nicht ohne Liebe möglich ist. Das zeichnet übrigens die meisten Nestbeschmutzer aus, ihre Liebe zum Detail und ihre Liebe zum Objekt der Beschmutzung.“

Ein masochistisches Vergnügen

Den Lesern, so Steinfest, verordnet Sinclair Lewis ein „masochistisches Vergnügen“. Es verwundert wenig, dass der Roman 1920 eine heftige Kontroverse auslöste. In der amerikanischen Literatur galt die Provinz bis dahin als positiver Gegenpol zu den verderbten Städten, so Mark Schorer, amerikanischer Literaturwissenschaftler und Autor von „Sinclair Lewis: An American Life“ (1961):

„Allzu betont hatten die gängigen amerikanischen Romane lange Zeit das Leben in der Provinz als beschauliches Idyll und ihre Bewohner als sympathisch, wenn nicht gar bewundernswert beschrieben. (…) In den fünfzig Jahren vor Erscheinen dieses umstrittenen Buches hatte es natürlich auch Ausnahmen gegeben, Romane, die das Leben in der Provinz mit kritischen Augen sahen – aber im allgemeinen begann man doch immer noch an die »brüderliche Dorfgemeinschaft« zu glauben; und diese Illusion war es, die «Main Street» ein für allemal brutal zerstörte.“

Meine eigene Provinzerfahrung im Gedächtnis weiß ich: „Main Street“ ist nach wie vor aktuell. Wer einmal das Leben in der Kleinstadt genoss, der weiß, wie die Uhren und Menschen dort ticken. Sinclair Lewis hat daraus einen wunderbar ironischen Roman, beinahe eine vergnügliche soziologische Studie gemacht, die ihren Bestand hat, solange Menschen in Gruppen so sind, wie sie eben sind.


Informationen zum Buch:
https://www.randomhouse.de/Buch/Main-Street/Sinclair-Lewis/Manesse/e533333.rhd

Bild zum Download: Rote Männer


 

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Sinclair Lewis: Babbitt

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Bild von andreas160578 auf Pixabay

„Man konnte es mit diesem zivilisatorischen Fortschritt auch übertreiben, fand Babbitt. Noël Ryland, Verkaufsleiter bei Zeeco, hatte seinen Abschluss frivolerweise in Princeton gemacht; Babbitt hingegen war ein solides Durchschnittsprodukt aus dem großen Warenhaus namens State University. Ryland trug Gamaschen, schrieb lange Briefe über Stadtplanung oder Stadtchöre, und obwohl er ein Booster war, hieß es, er trage in einer seiner Taschen gelegentlich einen kleinen Band fremdsprachiger Gedichte bei sich. All das ging zu weit. Henry Thompson stand für extreme Provinzialität, Noël Ryland für extreme Schaumschlägerei, Babbitt und seine Freunde hingegen hielten genau die Mitte, traten für den Staat ein und verteidigten die evangelischen Kirchen, das traute Heim und reelle Geschäfte.“

Sinclair Lewis, „Babbitt“, OA 1922, Manesse Verlag, 2017 in der Übersetzung von Bernhard Robben.

Was für ein herrlich unterhaltsamer und bissiger Roman! 1922 veröffentlicht Sinclair Lewis, da bereits schon durch „Main Street“ (1920) ein an den Erfolg gewöhnter Autor, seine „Studie“ über den typischen amerikanischen Durchschnittsbürger aus der Mittelschicht – und landet damit wieder einen Bestseller, der sich aus dem Stand tausendfach verkauft. Und bis heute gelesen wird: „Babbitt“ ist – in mehr als einem Sinne – ein „Evergreen“.

Denn man kann das Buch natürlich ganz reflektionsbefreit als wunderbare Satire lesen: Als überspitzte Darstellung eines Spießers, eines Opportunisten, der im Käfig seines Mittelstanddaseins gefangen ist. Huch, das könnte mein Kollege sein, der ständig über die nächste Gehaltserhöhung nachdenkt oder auch die Nachbarin, die so andächtig den nagelneuen SUV für ihre Minimaleinkäufe ausführt. Kurzum, „Babbitts“ wird es immer geben, ein unverwüstlicher Typ.

Aber, mal ehrlich: Sind wir nicht alle ein wenig „Babbitt“? Fragen wir uns nicht manchmal, warum wir unseren Jobs nachgehen, die Kinder lieber aufs Gymnasium denn auf die Realschule schicken, für die Rente sparen, wählen, was wir wählen, sind, was wir sind? Sinclair Lewis gelang mit diesem „bürgerlichen Roman“ auch ein Lehrstück über die Macht der Masse: Selbst ein revoltierender Babbitt lässt sich letzten Endes wieder einfangen, wird resozialisiert, babbittisiert.

„Die Satire ist spektakulär und oft spekulativ. Satire übertreibt. Lässt sich auch das Normale übertreiben, der Durchschnitt, das Unspektakuläre?“

Diese Fragen stellt sich und uns der Schriftsteller Michael Köhlmeier in seinem Nachwort zur aktuellen „Babbitt“-Ausgabe (der Text, eigentlich ein Portrait von Sinclair Lewis, ist übrigens auch in der „Volltext“-Ausgabe 3/2017 nachzulesen). Köhlmeier lehnt es ab, diesen großen amerikanischen Roman als Satire zu bezeichnen:

„Sollte Sinclair Lewis tatsächlich das Anliegen gehabt haben, einen satirischen Roman zu schreiben, so glaube ich, ist ihm dies – zu unserem Glück – nicht gelungen.“

Denn:

„Die Bedeutung des bürgerlichen Romans liegt darin, dass er Charaktere schafft und nicht Typen. Die angeprangerten, denunzierten Figuren in einer Satire sind immer die anderen. Ein Charakter verweist auf mich, ich komme ihm nicht aus.“

„Babbitt“ ist ein authentischer, sogar ein zeitloser, unsterblicher Charakter (der übrigens auch zum Vorbild weiterer literarischer Figuren wurde – ganz direkt erkennbar im „Hasenherz“ Harry Angstrom, dem Helden von John Updikes „Rabbit“-Romanen), einer, den wir immer wieder treffen können. Gerade auch in uns selbst.

George F. Babbitt also ist der Durchschnittstyp, mit dem man beim Lesen trotz seiner Borniertheit, seiner intellektuellen Beschränktheit und seinem Großmanns-Getue auch Mitleid bekommen kann: Gesegnet mit einer etwas naiv-treuen Gattin, drei durchschnittlich aufsässigen Kindern, einem florierenden Immobilienhandel nachgehend, wäre eigentlich alles in Ordnung in „Zenith“, jener fiktiven Stadt, die Lewis für seinen Helden schuf. Doch – obwohl er dieses Gefühl nicht genau erfassen kann –  spürt Babbitt die Sinnleere in seinem Dasein, sehnt sich nach etwas, das über den ewigen Kreislauf des Geldverdienens und Geldausgebens hinausreicht.

Dass hinter den Fassaden des bürgerlichen Wohlstands längst nicht alles eitel Freude und Wonne ist, das zeigt sich am Schicksal seines besten Freundes: Der, zermürbt von den ewigen Anforderungen und Nörgeleien seiner Gattin, versucht, diese zu erschießen und landet hinter Gittern.

Babbitt bringt dies vollends von der Rolle, der Schuss, ein Wecksignal sozusagen: Das Riesenbaby stürzt sich in eine seltsame Affäre, verpulvert das mühsam erworbene Geld, trinkt unmäßig und lässt sich sogar auf sozialistische Ideen ein – vor allem dieses strapaziert die Geduld seiner Geschäftsfreunde über Maßen. Der Ausbruch währt nicht lange und Babbitt kehrt zurück als reuiger Sünder ins Mittelstandsnest.

Der Manesse Verlag hat diesen Roman nun in seine Reihe moderner Klassiker aufgenommen. Die Übersetzung von Bernhard Robben liest sich geschmeidig und frisch, wenn auch mir manche Wendungen und Ausdrücke – beispielsweise „Werbefuzzis“ – zu modern erscheinen. Zugleich aber macht die Übertragung auch durch ihre Sprache deutlich: Dieser Roman ist immer noch aktuell. „Zenith“, wiewohl fiktiv, gibt es immer noch – irgendwo in den USA. Oder auch auf dem alten Kontinent:

„Genau das ist der springende Punkt! Und es gibt da noch was, was wir tun sollten“, sagte der Mann mit dem Verlourshut (Koplinsky hieß er), „wir sollten diese verdammten Ausländer gar nicht erst ins Land lassen. Dank sei dem Herrn, dass die Einwanderung begrenzt wurde. Diese Hunnen und Spaghettifresser müssen endlich kapieren, dass Amerika das Land des weißen Mannes ist und sie hier nicht erwünscht sind.“

Verlagsinformationen zum Buch:
https://www.randomhouse.de/Buch/Babbitt/Sinclair-Lewis/Manesse/e480648.rhd

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Amerikanische Nestbeschmutzer – Upton Sinclair, Theodore Dreiser und John Steinbeck

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Bild: (c) Michael Flötotto

„Bis vor ein oder zwei Jahren waren auf den Schlachthöfen auch Pferde geschlachtet worden, angeblich zur Herstellung von Düngemitteln; aber nach langer Agitation hatte die Presse der Öffentlichkeit klarmachen können, dass die Pferde in die Fleischkonserven wanderten. Jetzt war es daher gesetzlich verboten, in Packingtown Pferde zu schlachten, und dieses Gesetz wurde sogar befolgt – jedenfalls vorläufig.“ 

Upton Sinclair, „Der Dschungel“, 1906, Neuauflage beim Europa Verlag Zürich 2013.

Eine große Zeit der politischen Romane lag in der amerikanischen Literatur in den bewegten 1920er und 1930er Jahren. Insbesondere Sinclair Lews (1885-1951), der erste amerikanische Schriftsteller, der den Literaturnobelpreis erhielt, steht für diese Phase der kritischen Darstellung amerikanischer Gegenwart – ihm wird beizeiten hier ein eigener Beitrag gewidmet werden. Heute der Fokus auf drei andere Autoren und ihre Romane, die – wenn auch kurz – die Welt ein wenig verändert haben.

Upton Sinclair (1878-1968) landete 1906 mit seinem Debütroman “Der Dschungel” einen literarischen und politischen Sensationserfolg. Er verstand sich selbst als Enthüllungsjournalist, der mit seinen Texten Missstände offenlegen wollte. Für den Dschungel hatte er über Wochen hinweg in den Schlachthöfen Chicagos recherchiert – und war dort tatsächlich auf einen Dschungel gestoßen, in dem ein eigenes Gesetz gilt, in dem nur die Stärksten überleben. Sein Buch schildert schonungslos die menschenverachtenden Arbeitsmechanismen der Lebensmittelindustrie am Beispiel einer litauischen Familie, die an den Härten der Ausbeutung untergeht. 

Sinclair zeigt die Folgen eines gnadenlosen, nur auf Gewinn ausgerichteten Kapitalismus: Monopolisierung, Schieberei, Korruption, Zwangsprostitution, Ausbeutung, Armut, Umweltzerstörung. Das ganze Spektrum in einem Roman. Der Autor, der selbst aus ärmlichen Verhältnissen stammte, wurde im Nachgang als „muckraker“, sprich Nestbeschmutzer angeprangert – man könnte das „muckraking“ fast schon als spezifische Stilart der nordamerikanischen Literatur bezeichnen: Auch John Steinbeck, Theodore Dreiser, John Reed und Dos Passos gehören mit zu dieser Klasse engagierter, linker, journalistisch geprägter Literaten. 

Trotz der Diffamierungsversuche blieb das Buch nicht ohne Folgen: „Onkel Toms Hütte der Lohnsklaverei“ (Jack London) führte immerhin zu neuen Lebensmittelgesetzen. Sinclair war jedoch enttäuscht, dass die amerikanischen Bürger mehr an der Qualität der Konserve als am Schicksal der Arbeiter interessiert waren. „Ich zielte mit meinem Roman auf das Herz und das Gewissen der Amerikaner, aber ich traf nur ihren Magen“, beklagte er sich später….oder wie Brecht sagte: „Erst kommt das Fressen, dann die Moral!“ 

Sinclairs Werke wurden in zahllose Sprachen übersetzt und gingen um die Welt. In der Weimarer Republik war er einer der meistgelesenen Autoren. Stilistisch und literarisch gehören seine Romane nicht zur ersten Garde – Sinclairs Dschungel ist stark dort, wo er die Auswirkungen der Massenausbeutung auf einen seiner Protagonisten schildert. Das Buch ist aber auch streckenweise belehrend, detailversessen und trocken-mühsam: Die sozialistische „Erweckungspredigt“ mit fast schon biblischen Zügen wirkt etwas verstaubt.  

Eine amerikanische Tragödie – Theodore Dreiser

“The usual criticism of Dreiser is that, line for line, he’s the weakest of the great American novelists. And it’s true that he takes a pipe fitter’s approach to writing, joining workmanlike sentences one to the other. But by the end he will have built them into a powerful network, and something vital will be flowing through them.”

So lautete 2010 das Urteil von Richard Lacayo, der in der Time an den Roman “Eine amerikanische Tragödie” (1925) erinnerte. 

Stimmt: Ein Lesevergnügen ist dieser Wälzer nicht – vor allem, wer zuvor die Verfilmung mit Elizabeth Taylor und Montgomery Clift gesehen hat, der wird anhand der Dutzenden von Seiten, die von Erweckungspredigten und religiösem Eifer handeln, kapitulieren. Glamour ist was anderes. Und dennoch: So minutiös, wie Dreiser (1871 – 1945) den Aufstieg und Fall des jungen Clyde Griffiths, der schließlich auf dem elektrischen Stuhl endet, schildert, lässt einen das 800-Seiten-Buch nicht unberührt. Die Stärke des Romans liegt in seiner Gesamtheit: Ihn zu lesen, bedeutet Arbeit, doch das Ergebnis sind Figuren und Schicksale, die man nicht vergisst.

Die Story in der Kurzfassung: Clyde gelingt es, sich aus den Fängen des bigotten Vaters, der sich als Straßenprediger durchschlägt, zu befreien, in dem er zunächst Hoteljunge wird. Ein Leben immer am Rande von Armut und Kleinkriminalität. Durch Zufall trifft er auf einen reichen Verwandten, der ihm einen Job in seiner Fabrik vermittelt. Dort erfährt er zwar erstmals materielle Sicherheit, aber auch Ausgrenzung: Der Zugang zum “Geldadel” seines Onkels bleibt ihm verwehrt, bis sich ein Mädchen aus besseren Hause in ihn verliebt. Sein Aufstieg wäre perfekt, wäre da nicht die Arbeiterin Rosalie, die behauptet, von ihm schwanger zu sein. Clyde plant zwar, Rosalie umzubringen, tut es jedoch nicht – und wird dennoch (wegen anstehender Wahlen und dem Druck auf die Staatsanwaltschaft) zum Tode verurteilt. Ganz im Stil der französischen Naturalisten wie Zola und Balzac zeigt Dreiser an “der amerikanischen Tragödie” das Zusammenspiel des Dreigestirns “Sex, Geld und Macht” auf. Clyde Griffiths, so wird deutlich, hatte niemals eine wirkliche Chance, den amerikanischen Traum vom Tellerwäscher zum Millionär zu leben.

Dreiser war, trotz seines schwerfälligen und streckenweise moralinsauren Tons, auch in Europa und natürlich in der Sowjetunion ein vielgelesener Schriftsteller. Er stammte selbst aus einer Familie ähnlich jener seiner Hauptfigur Clyde – er war das zwölfte Kind in einer deutschen Einwandererfamilie, die unter Armut und der Bigotterie des Vaters litt. Das Schreiben bedeutete für ihn auch eine Befreiung aus diesen engen Verhältnissen.  

Früchte des Zorns – John Steinbeck

“Eine Minute lang saß Rose von Sharon still in der Scheune, auf deren Dach leise der Regen flüsterte. Sie ging langsam hinüber in die Ecke und blickte herab in das verwüstete Gesicht, in die großen angstvollen Augen. Und dann legte sie sich neben ihn. Er schüttelte müde den Kopf. Rose von Sharon lockerte ihre Decke an einer Seite und entblößte ihre Brust. “Du must”, sagte sie. Sie drängte sich dichter an ihn und zog seinen Kopf zu sich heran. “Komm, hier!” sagte sie. “So.” Sie schob ihre Hand hinter seinen Kopf und stützte ihn. Ihre Finger fuhren sanft durch sein Haar. Sie blickte auf und durch die Scheune, und ihre Lippen schlossen sich und lächelten geheimnisvoll.”

Das ist eines der literarischen Bilder, die man wohl nie vergisst: Die junge Frau, die eine Totgeburt erlitten hat und einen verhungernden Mann, einen Landstreicher wie sie, an ihrer Brust trinken lässt. Harter Tobak, mit dem John Steinbeck (1902 – 1968) seine “Früchte des Zorns” enden ließ. Man spürt in dieser Schlußszene förmlich, wie der Autor sein lesendes Publikum noch einmal packen und rütteln will: Schaut her, was bei uns im Lande geschieht.  

Der Roman entstand 1937/1938 und erschien unter dem Originaltitel “The Grapes of Wrath” 1939. Er erregte sofort Aufsehen, wurde in einigen amerikanischen Bundesstaaten verbrannt, in Kalifornien sogar zwischenzeitlich verboten, aber auch 1940 mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet und noch in diesem Jahr von John Ford erstklassig verfilmt. John Steinbeck kannte die Nöte der Wanderarbeiter aus eigener Erfahrung: Er hatte selbst in Kalifornien als Erntehelfer gearbeitet und die Not der Farmerfamilien, die in den Depressionsjahren ihr Hab und Gut verloren hatten und sich auf der Suche nach Arbeit auf Wanderschaft befanden, kennengelernt. In “Früchte des Zorns” schildert Steinbeck anhand der Familie Joad ein typisches Schicksal jener 1930er-Jahre: Schlechte Ernten, vor allem aber die drückende Kreditlast und die Unnachgiebigkeit der Banken führen dazu, dass die Familie ihre Farm in Oklahoma verliert. Kalifornien wird als das Paradies für Arbeitssuchende angepriesen – doch die Familie wird schon auf dem mühsamen Weg dorthin mit der Realität konfrontiert: Die landlosen Arbeiter werden ausgebeutet, kaum bezahlt oder um ihren Lohn geprellt, in den Schlaflagern ausgepresst und ausgenommen. Sie leben tatsächlich immer am Rande des Verhungerns. Steinbeck, der große Humanist, schildert diesen Passionsweg voller Anteilnahme für seine Figuren, zugleich aber auch mit dezidierter Kritik an den Verhältnissen.  

Wie “Der Dschungel” hatte auch “Früchte des Zorns” unmittelbare Auswirkung auf die amerikanische Gesetzgebung: Die beiden Romane wurden öffentlich so stark diskutiert, dass die Legislative folgen musste und jeweils die Rechte der Verbraucher und der Arbeiter stärkte. Die amerikanische Tragödie löste wieder einmal eine Diskussion um die Todesstrafe aus – ohne gravierende Folgen allerdings.

Zumindest kurzfristig konnten diese Bücher die Welt minimal verbessern – wenn man über eine “nachhaltige” Wirkung nachdenken würde, müsste man eigentlich verzweifeln. Siehe hier: http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2008/04/22/fruechte-des-zornsund-des-widerstands/

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