Jack London: Das Haus von Mapuhi und Mord auf Bestellung

„Der Mann, der das andere Kind festhielt, berührte Raouls Schulter und zeigte auf etwas. Da sah er, wie hundert Fuß entfernt die Mormonenkirche taumelnd davonglitt. Sie war aus ihren Fundamenten gerissen, und Sturm und Wellen hoben und schoben sie Richtung Lagune. Eine erschreckende Wasserwand brach über sie herein, kippte sie um und schleuderte sie gegen ein Dutzend Kokospalmen. Die Trauben von Menschen fielen wie reife Kokosnüsse. Als die Welle abfloss, wurden sie am Boden sichtbar; einige lagen regungslos, andere wanden und krümmten sich. Sie erinnerten ihn seltsam an Ameisen. Er war nicht schockiert. Er war bereits jenseits des Grauens.“

Aus „Das Haus von Mapuhi“, Jack London, C. H. Beck textura, 2016.

Mit seinen Romanen und Erzählungen über die raue Welt Alaskas war Jack London (1876 – 1916) wohlhabend geworden. Doch der Kalifornier war nicht der Typ, der sich mit einem dicken Bankkonto zur Ruhe setzen würde. London, der immer zu großen Ideen neigte, wollte sich mit dem erschriebenen Geld einen Traum erfüllen – in sieben Jahren die sieben Weltmeere durchqueren. Weit kam er nicht: Der Bau seiner Yacht Snark Plänen trieb ihn bereits vor dem Ablegen tief in die Schulden. Und als 1907 endlich die Segel Richtung Honolulu gehisst werden konnten, wurde schnell deutlich, dass die Snark alles andere als besonders seetauglich war. Es grenzte an ein Wunder, dass die Reisenden mit dem leckenden Boot Honolulu erreichten und die Reise sogar über Hawaii, Tahiti, die Fidschi-Inseln bis zu den Neuen Hebriden und die Salomon-Inseln weiterging. Im Südpazifik war dann jedoch, nach erst zwei Jahren, Schluss: Jack London, gesundheitlich sowieso angegriffen, musste wegen schwerer Malaria-Anfälle zur Behandlung nach Sydney.

Doch trotz der von Pech und Pannen geprägten Ozeanumsegelung erschloss sich der Schriftsteller eine neue Welt – auch in literarischer Hinsicht. Wie Andreas Nohl, der Schriftsteller und renommierte Übersetzer englischsprachiger Klassiker betont, schrieb London

„… auch während der Reise täglich sein Pensum. So schuf er (…) zahlreiche Südseegeschichten, die er eilends an große Zeitschriften verkaufte, um sich und seine Crew finanziell über Wasser zu halten (und seine Gläubiger ruhigzustellen.“

Fünf der besten „Südseegeschichten“ Jack Londons sind in dem Band „Das Haus von Mapuhi“ enthalten. Das Buch erschien 2016 zum 100. Todestag des Schriftstellers in der Reihe „textura“, übersetzt von Andreas Nohl. Nohl, der auch der „Schatzinsel“ von Robert Louis Stevenson eine frische Prise eingehaucht hat, findet für London ebenfalls den passenden Ton: Er vermag es, die Modernität dieses kraftvollen Schriftstellers zu transportieren.

Die Erzählungen zeigen alles andere als ein unberührtes Südseeparadies: Die Einwohner der Inseln sind zum einen den Gewalten der Natur ausgeliefert, wie die titelgebende Geschichte „Das Haus des Mapuhi“ eindrucksvoll aufzeigt. Ebenso schwelen aber auch die Konflikte zwischen Ureinwohnern und den Europäern, die in „Koolau, der Aussätzige“ zu einem Aufstand Leprakranker führen oder in „Familienstolz“ zur Verleugnung des Halbbruders, der von einer indigenen Mutter stammt.

Ob Jack London von Männerfreundschaften, von Freiheitskämpfern oder Überlebenden eines Hurrikans  erzählt: Neben der Natur spielt das Streben nach Glück der Menschen eine Hauptrolle. Erstaunlich ist dabei die Bandbreite: Mitreißende Abenteuergeschichten, aber auch so ein anrührendes Erzählstück wie „Ah Kims Tränen“. Der chinesische Junggeselle hat in Honolulu sein finanzielles Glück gemacht – doch die Frau seiner Träume darf er nicht heiraten, weil sie sich nicht an die strengen Sitten der chinesischen Kolonie hält. Erst der Tod der Mutter erlöst ihn von seinem Bann.

Es zeigt sich, wie genau London bei seinen Reisen die Menschen verschiedener Klassen und Rassen kennenlernte und beobachtete. Zugleich aber ist der lebenslang aktive Sozialist auch ein Sozialdarwinist, einer, der dem Credo des „Survival of he fittest“ anhängt. Es überleben die Stärkeren – und das ist in seinen Augen auf menschlicher Ebene „der weiße Mann“. Obwohl London die Folgen der Kolonialisierung wahrnahm und in seinen „Südseegeschichten“ thematisierte – die Ausbeutung der Arbeiter, die Sklaverei, das Einschleppen von Krankheitserregern, die Verarmung der Einheimischen –, steckte in ihm auch ein Rassist.

Klaus Daniel vom Blog BücherKaterTee zeigte dies unlängst bei einer Besprechung von Jack Londons „Jerry, der Insulaner auf“. Der Schriftsteller Georg Klein schrieb im August 2000 für die Frankfurter Rundschau über dieses Buch:

„Wer Londons Tiergeschichten liest, ahnt, wie närrisch es ist, rassistisches Gedankengut ausrotten zu wollen. Überall, wo die komplexen Verhältnisse zwingen, kompliziert zu denken, wächst die Sehnsucht nach einfach strukturierten Erklärungsmodellen.“

Quelle: Georg Klein, „Schund & Segen. Siebenundsiebzig abverlangte Texte“, Rowohlt Verlag, 2013.

Das Konzept der Überlegenheit einer bestimmten Klasse liegt auch einer Besonderheit im Werk Jack Londons (der in seinen wenigen Lebensjahren 27 Romane, zudem etliche autobiographische Werke, zahllose politische Essays, Reportagen, Essaysammlungen und fast 200 Kurzgeschichten schrieb) zugrunde: Der Agententhriller „Mord auf Bestellung“, ein Genre, das sonst nicht mit dem Namen London verbunden wird.

Handlung: Der diabolische Ivan Dragomiloff ist Kopf einer Attentatsagentur – die Killer ermorden rund um die Welt gegen Honorar Menschen, sofern diese nach Ansicht der Agentur gegen die Gesetze der Gesellschaft verstoßen. Dieses Gesetz der Agentur ist ehern – und tritt daher auch in Kraft, als ein Kopfgeld gegen Dragomiloff selbst ausgesetzt wird (ausgerechnet von Winter Hall, einem jungen Mann, der die Nichte des Russen ehelichen will). Neben einer Verfolgungsjagd durch die Vereinigten Staaten, zahllosen Toten und einer Liebesgeschichte mit Hindernissen ist der Roman vor allem geprägt von Diskussionen über Recht und Moral, Schuld und Sühne zwischen Dragomiloff und Winter Hall.

Das Buch erschien im Jubiläumsjahr 2016 im Manesse Verlag. Doch auch Eike Schönfeld – neben Andreas Nohl gegenwärtig einer der besten Übersetzer englischer und amerikanischer Literatur – kann diesen seltsamen Hybrid aus Abenteuergeschichte, Thriller und Philosophiediskurs nicht wirklich retten. Jack London war 1909 nach seinem Südseeabenteuer abgebrannt – sowohl an Geld als auch an Einfällen. Die Idee zu „The Assassination Bureau Ltd.“ kaufte er seinem jüngeren Schriftstellerkollegen Sinclair Lewis ab. Doch London brach die Arbeit am Manuskript 1910 ab, kam offenbar nicht weiter.

1963 wird das Manuskript, wie Freddy Langer im Nachwort der deutschen Übersetzung ausführt, dem Krimiautor Robert L. Fish aus dem Nachlass Jack Londons zugespielt. Fish greift den Faden auf und spinnt das Werk fort. Im Grunde also ein Roman, geschrieben von zwei Autoren – dies hätte meiner Meinung nach deutlich vom Verlag schon auf dem Cover hervorgehoben werden müssen.

Man merkt dem Buch diesen Bruch durchaus an: Ist Jack Londons Anteil eher „philosophisch“ aufgeladen, so treibt Fish den zweiten Teil in stringenter Thrillermanier voran. Überzeugen kann das Endprodukt nicht: Das ganze logische Gerüst erscheint wenig schlüssig, der kriminalistische Teil war nicht Londons Stärke, die moralphilosophischen Dialoge sind zwar intelligent angelegt, aber driften zu sehr von der Rahmenhandlung ab. Nicht von ungefähr ließ London das Manuskript in der Schublade verschwinden: Dass es nun als „Meisterwerk“ vermarktet wird, sehe ich sehr kritisch.

Interessant ist das Buch eher für London-Leser, die sich eingehender mit der Persönlichkeit des Schriftstellers beschäftigen wollen: Denn mit Dragomiloff zeichnet er einen jener kraftvollen „Übermenschen“, die er in seinem Werk (siehe den „Seewolf“) des Öfteren auftreten lässt. Jene Übermenschen, die darüber entscheiden, wer leben darf und wer nicht, jene Übermenschen, für die auch Rassismus ein denkbares Erklärungsmuster ist.

Andreas Nohl schreibt über ihn:

„In gewisser Weise hatte er den Nietzscheanischen Vulgärmythos vom Übermenschen (Overman oder Superman) zur eigenen Lebensmaxime erhoben. All dem haftete etwas ebenso Zwanghaftes wie Überlebensgroßes an, eine übersteigerte Version des amerikanischen Optimismus.“

Und dennoch, trotz all dieser Makel, war Jack London in seiner besseren Texten ein mitreißender Schriftsteller – einer, der immer wieder dazu verführt, dem Ruf der Wildnis zu folgen.

Verlagsangaben zu den genannten Büchern:

Das Haus von Mapuhi:
http://www.chbeck.de/London-Haus-Mapuhi/productview.aspx?product=16572659
Mord auf Bestellung:
https://www.randomhouse.de/Buch/Mord-auf-Bestellung/Jack-London/Manesse/e467041.rhd

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Jack London: „Ruf der Wildnis“ und „Wolfsblut“

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Bild von Elias Sch. auf Pixabay

„Und wenn er in stillen, kalten Nächten die Nase auf einen Stern richtete, und ein langes, wolfartiges Geheul ausstieß, so waren es seine toten, längst zu Staub zerfallenen Vorfahren, die den Kopf gen Himmel richteten und über die Jahrhunderte hinweg ihr Geheul aus ihm ertönen ließen. Und die Lautfolgen, die er ausstieß, waren ihre Lautfolgen, die Lautfolgen, womit sie ihren Jammer herausschrien und alles, was sie in der Stille der Nacht, in der Kälte und Dunkelheit empfanden. So schwoll zum Zeichen dafür, wie das Leben in festgelegten Bahnen abläuft, das alte Lied aus ihm heraus, und er fand zu seinem eigentlichen Sein zurück.“

Jack London, „Der Ruf der Wildnis“, 1903

Vor Jahren geriet ich bei einer ziellosen Wanderung auf einer spanischen Insel auf ein abgeerntetes Maisfeld. Einige wenige trockene Maisstauden am Feldrain, danach eine dürre Ebene bis zur Küste. Ein Gefühl von Verlassenheit lag über dem Ort. Gerade, als ich meinen Rucksack packen wollte, um mir den Küstenstreifen anzusehen, hörte ich ein Rascheln, ein leises Knurren, ein Scharren. Ich blickte mich um und geradewegs in ein Paar gelbe Hundeaugen. Gelbe Augen? Ich glaubte bislang, dies sei eine Schimäre, eine literarische Erfindung. Zum Grübeln blieb mir indes nicht viel Zeit. Plötzlich war ich von einem Rudel streunender, ganz offensichtlich verwilderter Hunde umzingelt. Einer der wenigen Momente in meinem Leben, in denen ich wirklich Angst hatte, bei dem sich mir die Haare sträubten. Ich starrte den, den ich als Leithund ausgemacht hatte, an. Der Hund starrte zurück. Es hatte etwas von „High Noon“. Von Angesicht zu Angesicht,  keinen Moment den Blickkontakt unterbrechend. Irgendwann, nach etlichen Augenblicken, wedelte der Chefhund kurz mit dem Schwanz, drehte sich um und trabte davon. Sekunden später war die ganze Meute wie vom Erdboden verschluckt.

Warum ich das erzähle? Weil das auch ein wenig mein Verhältnis zum treuesten Begleiter des Menschen umreißt. In meiner Familie gab es immer Hunde, immer auch große Hunde, die ganz selbstverständlich mit zum Haushalt gehörten. Wir wuchsen mit ihnen auf, sie waren Spielgefährten, Begleiter, Wachpersonal (ich werde nie vergessen, wie unser Bastian einmal einen Exhibitionisten quer durch den Park und die Vorortsiedlung, in der wir wohnten jagte). Aber bei aller Zuneigung – ich hatte auch immer einen natürlichen Respekt, ahnte, dass in den Hundeseelen noch ganz ursprüngliche Instinkte schlummerten. Dass es im Grunde vor allem diese rätselhafte freiwillige Bindung der Hunde an die Menschen ist, die den Hund zum Hund macht und seine natürlichen Instinkte zurückdrängt.

Ein Thema, mit dem sich Jack London in zweien seiner Bücher eingehend beschäftigte. 1897 war der junge London, der sich bis dahin mit allerlei Jobs durchgeschlagen hatte, dem „Lockruf des Goldes“ gefolgt: Nach Dawson City, Kanada, einem kleinen, damals völlig überfüllten Ort, von dem aus Zehntausende auszogen und hofften, ihr Glück zu machen. Der Erfolg von Jack London blieb begrenzt – gerade mal etwas über 4 Dollar war seine Goldausbeute wert. Jedoch inspirierten ihn seine Erlebnisse zu zahlreichen Erzählungen. Unter anderem zu „Der Ruf der Wildnis“ (1903), ein Text, der zunächst als Episodenroman in der „Saturday Evening Post“ erschien und der London schlagartig berühmt machte.

In „Der Ruf der Wildnis“ ist der große Rüde Buck zunächst „der König in seinem Reich“, ausgelassen, sorgenfrei herrscht er auf dem kalifornischen Landgut eines Richters. Bis der König entführt wird: Der Klondike-Goldrausch fordert seinen Tribut. Die Nachfrage nach großen, kräftigen Hunden, die für die Schlitten im Norden benötigt werden, ist enorm – selbst im Süden der Vereinigten Staaten lässt sich mit ihnen Hunden ein trefflicher Gewinn erzielen.

Entführt, verkauft, verprügelt, „besiegt, aber nicht gebrochen“, so wird Buck von illegal agierenden Hundehändlern auf die Reise in das unbekannte Land geschickt. Und zugleich tritt der mächtige Hund – eine Mischung aus Bernhardiner und Schäferhündin – auch durch sein eigenes Leben hindurch eine Reise rückwärts an:

„Er tat die Augen erst auf, als der Lärm des erwachenden Lagers ihn weckte. Zuerst wußte er nicht, wo er war. Es hatte die ganze Nacht über geschneit, und er war unter dem Schnee vollständig begraben. Die Schneewände bedrückten ihn von allen Seiten, und große Angst durchdrang ihn plötzlich – die Angst des wilden Tieres vor der Falle. Dies war ein Zeichen dafür, daß er durch sein eigenes Leben hindurch rückwärts Witterung vom Leben seiner Vorfahren aufnahm (…).“

Die Rückentwicklung, die London in seiner Erzählung schildert, umfasst sowohl eine körperliche als auch eine moralische Anpassung: Buck muss sich im wahrsten Sinne des Wortes durchbeißen, um in der fremden Umgebung und im harten Volk der Schlittenhunde zu überleben. Doch: „Sein Herz war unzerreißbar“ und Buck, der sich durchsetzt, zum Leithund am Schlitten wird, der feindliche Vierbeiner besiegt und schwache zweibeinige Herrschaften hinter sich lässt, wird wieder König in seinem Reich.  Nur die enge Gemeinschaft mit dem Abenteurer John Thornton bindet den Hund noch an die Menschen. Als Thornton von Indianern getötet wird, gibt es für Buck kein Band mehr, das ihn hält – er schließt sich einem Rudel Wölfe an, er wird zum „Geisterwolf“.

Drei Jahre nach „Der Ruf der Wildnis“ ist Jack London – überzeugter Sozialist und vehementer Kritiker des Kapitalismus – einer der, wenn nicht der berühmteste lebende amerikanische Schriftsteller und durchaus wohlhabend. Und dennoch braucht er Geld: Zum Erwerb einer Farm in Sonoma County, die heute noch als eine Art Freiluftmuseum zu besichtigen ist. Der Finanzbedarf ist ein Anlass, um den Roman „White Fang“ zu schreiben. „Wolfsblut“ (1906) ist ein Gegenstück zu „Der Ruf der Wildnis“: „White Fang“ ist ein wilder Hybrid zwischen Hund und Wolf, der mehr und mehr domestiziert wird. Doch  zunächst erlebt der Mischling die grausame Seite der Menschlichkeit, Unterwerfung durch Schläge und Gewalt. Wolfsblut wird  bei Hundekämpfen zum Töten gezwungen und mehr und mehr verbestialisiert – bis er von einem wohlmeinenden Ingenieur befreit wird. Durch Liebe und Vertrauen lernt das Tier, sich in eine menschliche Familie einzufügen.

„Die jetzige Veränderung erforderte eine Umkehr seines gesamten Wesens – und das zu einem Zeitpunkt, wo er die Formbarkeit seiner Jugend längst verloren hatte; wo die Fasern seines Charakters zäh und knotig geworden waren; wo ein diamanthartes, unnachgiebiges, raues Flechtwerk daraus geworden war; die Oberfläche seines Geistes zu Eisen geworden war und all seine Instinkte und Grundsätze zu festen Regeln, Vorsichtsmaßnahmen, Abneigungen und Begierden geronnen waren.“

Doch die Veränderung gelingt, denn Weedon Scott, White Fangs Befreier, weckt „Lebenskräfte, die verkümmert und nahezu untergegangen waren. Eine dieser Kräfte war Liebe.“

Es entbehrt nicht ganz der Ironie, dass das Buch ausgerechnet mit Hilfe eines US-Präsidenten, nach dem ein Kuscheltier benannt ist, der selbst aber ein „nahezu pathologischer Tiermörder“ (so Lutz-W. Wolff im Nachwort zu seiner grandiosen Neuübersetzung von „Wolfsblut“) war, zum Gegenstand einer erhitzten Diskussion wurde. Theodore Roosevelt kritisierte 1907 Schriftsteller, „die er als „nature fakers“ (Naturfälscher) bezeichnete, weil sie den Helden ihrer Tiergeschichten angeblich menschliche Fähigkeiten und Verhaltensweisen andichteten.“ Tiere würden anthropomorphisiert, mit menschlichem Verständnis ausgestattet, dabei seien sie „Automaten, regiert von Instinkten.“

Jack London antwortete 1908 im Magazin „Colliers“ mit dem Aufsatz „The Other Animals“, gespickt mit Beispielen seiner eigenen Hunde:

„I had a dog in Oakland. His name was Glen. His father was Brown, a wolf-dog that had been brought down from Alaska, and his mother was a half-wild mountain shepherd dog. Neither father nor mother had had any experience with automobiles. Glen came from the country, a half-grown puppy, to live in Oakland. Immediately he became infatuated with an automobile. He reached the culmination of happiness when he was permitted to sit up in the front seat alongside the chauffeur. He would spend a whole day at a time on an automobile debauch, even going without food. Often the machine started directly from inside the barn, dashed out the driveway without stopping, and was gone. Glen got left behind several times. The custom was established that whoever was taking the machine out should toot the horn before starting. Glen learned the signal. No matter where he was nor what he was doing, when that horn tooted he was off for the barn and up into the front seat.“

Der Aufsatz in voller Länge hier:
http://london.sonoma.edu/writings/Revolution/animals.html

Auch wenn Jack Londons beide Bücher später oft als „Kinderversionen“ verhunzt wurden, plötzlich sprechende Hunde auftauchten und das Tier vermenschlicht wurde – den Originaltexten kann man Anthropomorphismus nur bedingt vorhalten. Ja, London spricht Hunden, was die Verhaltensforschung seither durchaus bestätigt hat, zu: Lernfähigkeit, Kommunikationsfähigkeit, Sozialkompetenz. Die Spannung beider Bücher liegt auch darin, dass Tieren eine Gefühlswelt zugestanden wird – eine Tatsache, die für jeden Hundebesitzer unbestritten ist.

Abgesehen von der Debatte über „Vermenschlichung“, die auf die beiden Bücher Londons nicht zutrifft, kann man „Ruf der Wildnis“ und „Wolfsblut“ aber dennoch als Parabeln auf menschliches Verhalten lesen: Die Erzählung von Buck zeigt – übertragen auf die Welt der Zweibeiner – zu was unter widrigen Umständen der Hund dem Hund, der Mensch dem Menschen sein kann: Homo homini lupus. Umgekehrt wird an „White Fang“ deutlich, was Liebe, Freundschaft und Vertrauen auch uns bedeuten können. Beide Bücher sind auch Zeugnisse der Auffassungen des glühenden Sozialisten Jack London: Sie erzählen von den elenden Auswüchsen des Kapitalismus (Goldrausch), von Ausbeutung Schwächerer, von der Verelendung ebenso aber auch vom Wert, den der Zusammenhalt in der Gruppe darstellt, vom Wert der Menschlichkeit.

Lutz-W. Wolff  in seinem Nachwort zu „Wolfsblut“:

„Dabei übersahen die Kritiker freilich, dass White Fang eine bescheidene, aber wichtige Botschaft vermittelt, die zum Kern von Jack Londons unter schweren Opfern erworbenen Weltbild gehört: Menschen wie Tiere werden vor allem von ihrer Umwelt geprägt. Behandelt man sie grausam und ungerecht, werden sie «böse», behandelt man sie mit Liebe und Gerechtigkeit, so werden sie «gut».

Die Bücher in Neuübersetzung durch Lutz-W. Wolff bei dtv:
https://www.dtv.de/buch/jack-london-wolfsblut-14239/

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Amerikanische Nestbeschmutzer – Upton Sinclair, Theodore Dreiser und John Steinbeck

Nest

Bild: (c) Michael Flötotto

„Bis vor ein oder zwei Jahren waren auf den Schlachthöfen auch Pferde geschlachtet worden, angeblich zur Herstellung von Düngemitteln; aber nach langer Agitation hatte die Presse der Öffentlichkeit klarmachen können, dass die Pferde in die Fleischkonserven wanderten. Jetzt war es daher gesetzlich verboten, in Packingtown Pferde zu schlachten, und dieses Gesetz wurde sogar befolgt – jedenfalls vorläufig.“ 

Upton Sinclair, „Der Dschungel“, 1906, Neuauflage beim Europa Verlag Zürich 2013.

Eine große Zeit der politischen Romane lag in der amerikanischen Literatur in den bewegten 1920er und 1930er Jahren. Insbesondere Sinclair Lews (1885-1951), der erste amerikanische Schriftsteller, der den Literaturnobelpreis erhielt, steht für diese Phase der kritischen Darstellung amerikanischer Gegenwart – ihm wird beizeiten hier ein eigener Beitrag gewidmet werden. Heute der Fokus auf drei andere Autoren und ihre Romane, die – wenn auch kurz – die Welt ein wenig verändert haben.

Upton Sinclair (1878-1968) landete 1906 mit seinem Debütroman “Der Dschungel” einen literarischen und politischen Sensationserfolg. Er verstand sich selbst als Enthüllungsjournalist, der mit seinen Texten Missstände offenlegen wollte. Für den Dschungel hatte er über Wochen hinweg in den Schlachthöfen Chicagos recherchiert – und war dort tatsächlich auf einen Dschungel gestoßen, in dem ein eigenes Gesetz gilt, in dem nur die Stärksten überleben. Sein Buch schildert schonungslos die menschenverachtenden Arbeitsmechanismen der Lebensmittelindustrie am Beispiel einer litauischen Familie, die an den Härten der Ausbeutung untergeht. 

Sinclair zeigt die Folgen eines gnadenlosen, nur auf Gewinn ausgerichteten Kapitalismus: Monopolisierung, Schieberei, Korruption, Zwangsprostitution, Ausbeutung, Armut, Umweltzerstörung. Das ganze Spektrum in einem Roman. Der Autor, der selbst aus ärmlichen Verhältnissen stammte, wurde im Nachgang als „muckraker“, sprich Nestbeschmutzer angeprangert – man könnte das „muckraking“ fast schon als spezifische Stilart der nordamerikanischen Literatur bezeichnen: Auch John Steinbeck, Theodore Dreiser, John Reed und Dos Passos gehören mit zu dieser Klasse engagierter, linker, journalistisch geprägter Literaten. 

Trotz der Diffamierungsversuche blieb das Buch nicht ohne Folgen: „Onkel Toms Hütte der Lohnsklaverei“ (Jack London) führte immerhin zu neuen Lebensmittelgesetzen. Sinclair war jedoch enttäuscht, dass die amerikanischen Bürger mehr an der Qualität der Konserve als am Schicksal der Arbeiter interessiert waren. „Ich zielte mit meinem Roman auf das Herz und das Gewissen der Amerikaner, aber ich traf nur ihren Magen“, beklagte er sich später….oder wie Brecht sagte: „Erst kommt das Fressen, dann die Moral!“ 

Sinclairs Werke wurden in zahllose Sprachen übersetzt und gingen um die Welt. In der Weimarer Republik war er einer der meistgelesenen Autoren. Stilistisch und literarisch gehören seine Romane nicht zur ersten Garde – Sinclairs Dschungel ist stark dort, wo er die Auswirkungen der Massenausbeutung auf einen seiner Protagonisten schildert. Das Buch ist aber auch streckenweise belehrend, detailversessen und trocken-mühsam: Die sozialistische „Erweckungspredigt“ mit fast schon biblischen Zügen wirkt etwas verstaubt.  

Eine amerikanische Tragödie – Theodore Dreiser

“The usual criticism of Dreiser is that, line for line, he’s the weakest of the great American novelists. And it’s true that he takes a pipe fitter’s approach to writing, joining workmanlike sentences one to the other. But by the end he will have built them into a powerful network, and something vital will be flowing through them.”

So lautete 2010 das Urteil von Richard Lacayo, der in der Time an den Roman “Eine amerikanische Tragödie” (1925) erinnerte. 

Stimmt: Ein Lesevergnügen ist dieser Wälzer nicht – vor allem, wer zuvor die Verfilmung mit Elizabeth Taylor und Montgomery Clift gesehen hat, der wird anhand der Dutzenden von Seiten, die von Erweckungspredigten und religiösem Eifer handeln, kapitulieren. Glamour ist was anderes. Und dennoch: So minutiös, wie Dreiser (1871 – 1945) den Aufstieg und Fall des jungen Clyde Griffiths, der schließlich auf dem elektrischen Stuhl endet, schildert, lässt einen das 800-Seiten-Buch nicht unberührt. Die Stärke des Romans liegt in seiner Gesamtheit: Ihn zu lesen, bedeutet Arbeit, doch das Ergebnis sind Figuren und Schicksale, die man nicht vergisst.

Die Story in der Kurzfassung: Clyde gelingt es, sich aus den Fängen des bigotten Vaters, der sich als Straßenprediger durchschlägt, zu befreien, in dem er zunächst Hoteljunge wird. Ein Leben immer am Rande von Armut und Kleinkriminalität. Durch Zufall trifft er auf einen reichen Verwandten, der ihm einen Job in seiner Fabrik vermittelt. Dort erfährt er zwar erstmals materielle Sicherheit, aber auch Ausgrenzung: Der Zugang zum “Geldadel” seines Onkels bleibt ihm verwehrt, bis sich ein Mädchen aus besseren Hause in ihn verliebt. Sein Aufstieg wäre perfekt, wäre da nicht die Arbeiterin Rosalie, die behauptet, von ihm schwanger zu sein. Clyde plant zwar, Rosalie umzubringen, tut es jedoch nicht – und wird dennoch (wegen anstehender Wahlen und dem Druck auf die Staatsanwaltschaft) zum Tode verurteilt. Ganz im Stil der französischen Naturalisten wie Zola und Balzac zeigt Dreiser an “der amerikanischen Tragödie” das Zusammenspiel des Dreigestirns “Sex, Geld und Macht” auf. Clyde Griffiths, so wird deutlich, hatte niemals eine wirkliche Chance, den amerikanischen Traum vom Tellerwäscher zum Millionär zu leben.

Dreiser war, trotz seines schwerfälligen und streckenweise moralinsauren Tons, auch in Europa und natürlich in der Sowjetunion ein vielgelesener Schriftsteller. Er stammte selbst aus einer Familie ähnlich jener seiner Hauptfigur Clyde – er war das zwölfte Kind in einer deutschen Einwandererfamilie, die unter Armut und der Bigotterie des Vaters litt. Das Schreiben bedeutete für ihn auch eine Befreiung aus diesen engen Verhältnissen.  

Früchte des Zorns – John Steinbeck

“Eine Minute lang saß Rose von Sharon still in der Scheune, auf deren Dach leise der Regen flüsterte. Sie ging langsam hinüber in die Ecke und blickte herab in das verwüstete Gesicht, in die großen angstvollen Augen. Und dann legte sie sich neben ihn. Er schüttelte müde den Kopf. Rose von Sharon lockerte ihre Decke an einer Seite und entblößte ihre Brust. “Du must”, sagte sie. Sie drängte sich dichter an ihn und zog seinen Kopf zu sich heran. “Komm, hier!” sagte sie. “So.” Sie schob ihre Hand hinter seinen Kopf und stützte ihn. Ihre Finger fuhren sanft durch sein Haar. Sie blickte auf und durch die Scheune, und ihre Lippen schlossen sich und lächelten geheimnisvoll.”

Das ist eines der literarischen Bilder, die man wohl nie vergisst: Die junge Frau, die eine Totgeburt erlitten hat und einen verhungernden Mann, einen Landstreicher wie sie, an ihrer Brust trinken lässt. Harter Tobak, mit dem John Steinbeck (1902 – 1968) seine “Früchte des Zorns” enden ließ. Man spürt in dieser Schlußszene förmlich, wie der Autor sein lesendes Publikum noch einmal packen und rütteln will: Schaut her, was bei uns im Lande geschieht.  

Der Roman entstand 1937/1938 und erschien unter dem Originaltitel “The Grapes of Wrath” 1939. Er erregte sofort Aufsehen, wurde in einigen amerikanischen Bundesstaaten verbrannt, in Kalifornien sogar zwischenzeitlich verboten, aber auch 1940 mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet und noch in diesem Jahr von John Ford erstklassig verfilmt. John Steinbeck kannte die Nöte der Wanderarbeiter aus eigener Erfahrung: Er hatte selbst in Kalifornien als Erntehelfer gearbeitet und die Not der Farmerfamilien, die in den Depressionsjahren ihr Hab und Gut verloren hatten und sich auf der Suche nach Arbeit auf Wanderschaft befanden, kennengelernt. In “Früchte des Zorns” schildert Steinbeck anhand der Familie Joad ein typisches Schicksal jener 1930er-Jahre: Schlechte Ernten, vor allem aber die drückende Kreditlast und die Unnachgiebigkeit der Banken führen dazu, dass die Familie ihre Farm in Oklahoma verliert. Kalifornien wird als das Paradies für Arbeitssuchende angepriesen – doch die Familie wird schon auf dem mühsamen Weg dorthin mit der Realität konfrontiert: Die landlosen Arbeiter werden ausgebeutet, kaum bezahlt oder um ihren Lohn geprellt, in den Schlaflagern ausgepresst und ausgenommen. Sie leben tatsächlich immer am Rande des Verhungerns. Steinbeck, der große Humanist, schildert diesen Passionsweg voller Anteilnahme für seine Figuren, zugleich aber auch mit dezidierter Kritik an den Verhältnissen.  

Wie “Der Dschungel” hatte auch “Früchte des Zorns” unmittelbare Auswirkung auf die amerikanische Gesetzgebung: Die beiden Romane wurden öffentlich so stark diskutiert, dass die Legislative folgen musste und jeweils die Rechte der Verbraucher und der Arbeiter stärkte. Die amerikanische Tragödie löste wieder einmal eine Diskussion um die Todesstrafe aus – ohne gravierende Folgen allerdings.

Zumindest kurzfristig konnten diese Bücher die Welt minimal verbessern – wenn man über eine “nachhaltige” Wirkung nachdenken würde, müsste man eigentlich verzweifeln. Siehe hier: http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2008/04/22/fruechte-des-zornsund-des-widerstands/

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