Sinclair Lewis: Babbitt

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„Man konnte es mit diesem zivilisatorischen Fortschritt auch übertreiben, fand Babbitt. Noël Ryland, Verkaufsleiter bei Zeeco, hatte seinen Abschluss frivolerweise in Princeton gemacht; Babbitt hingegen war ein solides Durchschnittsprodukt aus dem großen Warenhaus namens State University. Ryland trug Gamaschen, schrieb lange Briefe über Stadtplanung oder Stadtchöre, und obwohl er ein Booster war, hieß es, er trage in einer seiner Taschen gelegentlich einen kleinen Band fremdsprachiger Gedichte bei sich. All das ging zu weit. Henry Thompson stand für extreme Provinzialität, Noël Ryland für extreme Schaumschlägerei, Babbitt und seine Freunde hingegen hielten genau die Mitte, traten für den Staat ein und verteidigten die evangelischen Kirchen, das traute Heim und reelle Geschäfte.“

Sinclair Lewis, „Babbitt“, OA 1922, Manesse Verlag, 2017 in der Übersetzung von Bernhard Robben.

Was für ein herrlich unterhaltsamer und bissiger Roman! 1922 veröffentlicht Sinclair Lewis, da bereits schon durch „Main Street“ (1920) ein an den Erfolg gewöhnter Autor, seine „Studie“ über den typischen amerikanischen Durchschnittsbürger aus der Mittelschicht – und landet damit wieder einen Bestseller, der sich aus dem Stand tausendfach verkauft. Und bis heute gelesen wird: „Babbitt“ ist – in mehr als einem Sinne – ein „Evergreen“.

Denn man kann das Buch natürlich ganz reflektionsbefreit als wunderbare Satire lesen: Als überspitzte Darstellung eines Spießers, eines Opportunisten, der im Käfig seines Mittelstanddaseins gefangen ist. Huch, das könnte mein Kollege sein, der ständig über die nächste Gehaltserhöhung nachdenkt oder auch die Nachbarin, die so andächtig den nagelneuen SUV für ihre Minimaleinkäufe ausführt. Kurzum, „Babbitts“ wird es immer geben, ein unverwüstlicher Typ.

Aber, mal ehrlich: Sind wir nicht alle ein wenig „Babbitt“? Fragen wir uns nicht manchmal, warum wir unseren Jobs nachgehen, die Kinder lieber aufs Gymnasium denn auf die Realschule schicken, für die Rente sparen, wählen, was wir wählen, sind, was wir sind? Sinclair Lewis gelang mit diesem „bürgerlichen Roman“ auch ein Lehrstück über die Macht der Masse: Selbst ein revoltierender Babbitt lässt sich letzten Endes wieder einfangen, wird resozialisiert, babbittisiert.

„Die Satire ist spektakulär und oft spekulativ. Satire übertreibt. Lässt sich auch das Normale übertreiben, der Durchschnitt, das Unspektakuläre?“

Diese Fragen stellt sich und uns der Schriftsteller Michael Köhlmeier in seinem Nachwort zur aktuellen „Babbitt“-Ausgabe (der Text, eigentlich ein Portrait von Sinclair Lewis, ist übrigens auch in der „Volltext“-Ausgabe 3/2017 nachzulesen). Köhlmeier lehnt es ab, diesen großen amerikanischen Roman als Satire zu bezeichnen:

„Sollte Sinclair Lewis tatsächlich das Anliegen gehabt haben, einen satirischen Roman zu schreiben, so glaube ich, ist ihm dies – zu unserem Glück – nicht gelungen.“

Denn:

„Die Bedeutung des bürgerlichen Romans liegt darin, dass er Charaktere schafft und nicht Typen. Die angeprangerten, denunzierten Figuren in einer Satire sind immer die anderen. Ein Charakter verweist auf mich, ich komme ihm nicht aus.“

„Babbitt“ ist ein authentischer, sogar ein zeitloser, unsterblicher Charakter (der übrigens auch zum Vorbild weiterer literarischer Figuren wurde – ganz direkt erkennbar im „Hasenherz“ Harry Angstrom, dem Helden von John Updikes „Rabbit“-Romanen), einer, den wir immer wieder treffen können. Gerade auch in uns selbst.

George F. Babbitt also ist der Durchschnittstyp, mit dem man beim Lesen trotz seiner Borniertheit, seiner intellektuellen Beschränktheit und seinem Großmanns-Getue auch Mitleid bekommen kann: Gesegnet mit einer etwas naiv-treuen Gattin, drei durchschnittlich aufsässigen Kindern, einem florierenden Immobilienhandel nachgehend, wäre eigentlich alles in Ordnung in „Zenith“, jener fiktiven Stadt, die Lewis für seinen Helden schuf. Doch – obwohl er dieses Gefühl nicht genau erfassen kann –  spürt Babbitt die Sinnleere in seinem Dasein, sehnt sich nach etwas, das über den ewigen Kreislauf des Geldverdienens und Geldausgebens hinausreicht.

Dass hinter den Fassaden des bürgerlichen Wohlstands längst nicht alles eitel Freude und Wonne ist, das zeigt sich am Schicksal seines besten Freundes: Der, zermürbt von den ewigen Anforderungen und Nörgeleien seiner Gattin, versucht, diese zu erschießen und landet hinter Gittern.

Babbitt bringt dies vollends von der Rolle, der Schuss, ein Wecksignal sozusagen: Das Riesenbaby stürzt sich in eine seltsame Affäre, verpulvert das mühsam erworbene Geld, trinkt unmäßig und lässt sich sogar auf sozialistische Ideen ein – vor allem dieses strapaziert die Geduld seiner Geschäftsfreunde über Maßen. Der Ausbruch währt nicht lange und Babbitt kehrt zurück als reuiger Sünder ins Mittelstandsnest.

Der Manesse Verlag hat diesen Roman nun in seine Reihe moderner Klassiker aufgenommen. Die Übersetzung von Bernhard Robben liest sich geschmeidig und frisch, wenn auch mir manche Wendungen und Ausdrücke – beispielsweise „Werbefuzzis“ – zu modern erscheinen. Zugleich aber macht die Übertragung auch durch ihre Sprache deutlich: Dieser Roman ist immer noch aktuell. „Zenith“, wiewohl fiktiv, gibt es immer noch – irgendwo in den USA. Oder auch auf dem alten Kontinent:

„Genau das ist der springende Punkt! Und es gibt da noch was, was wir tun sollten“, sagte der Mann mit dem Verlourshut (Koplinsky hieß er), „wir sollten diese verdammten Ausländer gar nicht erst ins Land lassen. Dank sei dem Herrn, dass die Einwanderung begrenzt wurde. Diese Hunnen und Spaghettifresser müssen endlich kapieren, dass Amerika das Land des weißen Mannes ist und sie hier nicht erwünscht sind.“

Verlagsinformationen zum Buch:
https://www.randomhouse.de/Buch/Babbitt/Sinclair-Lewis/Manesse/e480648.rhd

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Thomas Wolfe: Von Zeit und Fluss

Wolfe

Bild: (c) Michael Flötotto

“Was ist dieser Traum der Zeit, dieses seltsame und herbe Wunder des Lebens? Ist es der Wind, der die Blätter fliehend die kahlen Wege hinantreibt? Ist es das stürmische Jagen jähzorniger Tage, das sturmesschnelle Vorüberziehen einer Million Gesichter, allesamt verloren, vergessen, entschwunden wie im Traum? Ist es der Wind, der über die Erde hinwegfegt, ist es der Wind, der alle Dinge vor seiner Geißel hertreibt, ist es der Wind, der alle Menschen vor sich hertreibt wie tote fliehende Gespenster? Ist es das eine rote Blatt, das dort am Ast zerrt und bald für immer davonstieben wird?“

„Von Zeit und Fluss“, Thomas Wolfe, OA: 1935, in der Neuübersetzung von Irma Wehrl, 2014, Manesse Verlag.

Amerika. Home of the free. Land der Giganten. Thomas Wolfe (1900-1938) war so einer. Allein schon ein Riese von Gestalt – 1,99 Meter. Und einer, der sich nicht zähmen konnte, nicht zähmen wollte. Alles, aber auch alles aus der kurzen Lebenszeit herauspressen, was an Wörtern in ihm war. Bereits sein Debütroman „Look Homeward, Angel“ ein Gigant. Daneben arbeitete er an Erzählungen, an dem leichteren, kleinen Roman „The Party at Jack`s“, der zu Lebzeiten nicht veröffentlicht wurde, vor allem aber an der Fortsetzung seiner Künstlerbiographie „Of Time and the River“ – ein Mammutroman von rund 1200 Seiten.

„Wir wissen aus der Biografie des Autors, das Manuskript wäre noch weiter gewachsen, vielleicht dem Autor bis an den Hals, hätte es ihm nicht einer entrissen“, schreibt Schriftsteller Michael Köhlmeier in seinem klugen Nachwort zur deutschen Neuübersetzung „Von Zeit und Fluss“, nun erschienen im Manesse Verlag. Wie bereits „Schau Heimwärts, Engel!“ für Manesse hervorragend übersetzt von Irma Wehrli – Wehrli muss sich offenbar nun Jahre in Thomas Wolfe und sein Alter Ego, Eugene Gant, förmlich hineingelebt haben.

Die beiden großen Romane des 1938 an Tuberkulose verstorbenen Schriftstellers sind zum einem verkappte Autobiographien oder besser noch: Das eigene Leben wird als Folie benutzt, ausgepresst, ausgequetscht, um den amerikanischen Roman zu schreiben. Vielmehr als ein Abbild des eigenen Erlebens (und vor allem des Fühlens, der Entwicklung, der eigenen Gedanken) sind diese beiden Giganten der modernen amerikanischen Literatur eines: Sie sind die Erzählungen vom modernen Amerika, sie sind beinahe Amerika selbst, um es dem teilweise pathetischen Ton Wolfes nachzutun.

Nochmals muss ich auf das Nachwort von Michael Köhlmeier zurückgreifen, besser ließe es sich nicht ausdrücken:

„Es heißt, Thomas Wolfe habe nur ein Thema gehabt: Ich. Erstaunlich bei einem so wenig eitlen Mann. Aber dieser Dichter war kein pathologischer Egomane. In seinem Werk waltet nicht Dostojewski`sche Psychologie, sondern Seelenmythologie, wie sie in der Literatur bis dahin nicht zu beobachten war. (…) „Wir sind die Summe aller Augenblicke unseres Lebens.“ Schrieb Thomas Wolfe. Seine Adepten erhoben diesen Satz zu seiner Lebensphilosophie. Seelenmythologie (für diesen Begriff halte ich meinen Kopf hin) meint Resorption all dessen, was der Fall ist. Und das ist die Familie.“

„Schau Heimwärts, Engel!“, 1929 erschienen, erzählt die Geschichte der Großfamilie Gant – auch Wolfe selbst hatte sieben Geschwister, stammte aus sogenannten „einfachen“ Verhältnissen, die sich jedoch gerade auf eine sensible Künstlerseele wie die seine kompliziert auswirken mussten. Die Familie – Nest und Gefängnis zu gleich. Eugene Gant alias Thomas Wolfe gelingt die Flucht. Die letzten Sätze des Debütromans:

„Doch als er nun zum letzten Mal neben den Engeln auf seines Vaters Veranda stand, schien es, als wäre der Platz schon weit entfernt und verloren; oder vielleicht sollte ich sagen, er glich einem Mann, der auf einem Hügel steht über der Stadt, die er verlassen hat, jedoch nicht sagt: „Die Stadt ist nah“, sondern seine Augen emporhebt zu den in weiter Ferne aufragenden Gebirgszügen.“

„Von Zeit und Fluss“ erschien 1935. Und setzt nahtlos am Ende des Engel-Romans an: Eugene wird von Mutter und Schwester am Bahnhof verabschiedet, macht sich auf zum Studium an der Harvard University. Und damit beginnt eine lange Reise – weit weniger äußerlich, auch wenn es Eugene, den angehenden Schriftsteller in neue Kreise, ebenso zu den Underdogs wie zu den Neureichen verschlägt, auch wenn er Monate in England und Frankreich verbringt. Wichtiger ist die innere Suche, eine Suche, angetrieben von der Sehn-sucht. „Legende vom Hunger des Menschen in seiner Jugend“ lautet der Untertitel des Romans. Eugene, ein „grüner Heinrich“ der amerikanischen Moderne, hungert nach Wissen, Bildung, Liebe, Freundschaft, Nähe. Auf 1200 Seiten schildert Wolfe diese Sinnsuche, geprägt von Enttäuschungen, Desillusionierung, Entfremdung, seelischen Blessuren. Und dennoch feiert dieses Buch die Jugend, die Suche, das Werden. Weil Wolfe selbst einer war, der in sich den Zweifel ebenso trug wie die Lebenslust und die Liebe zum Leben, wird der Irrweg zunächst belohnt, ganz am Ende des Romans, durch die Begegnung mit einer Frau. Fortan, so weiß Eugene, wird er „am Dorn der Liebe zappeln“ – auch das wird ein Weg mit Umwegen, der Leser kann es erahnen. Und dann nur noch nach diesem Lesemarathon das Buch mit leiser Trauer schließen. Trauer darum, dass die Legende nicht fortgeschrieben werden konnte.

Wen das Volumen des Romans abschreckt: „Von Zeit und Fluss“ zieht einen mit seiner Sprache, nicht zuletzt dank der kongenialen Übersetzung Wehrlis, in seinen Strom, entreißt einem beim Lesen der Zeit. Wolfe`s Sprache umfasst alle Tonarten, ohne dabei störende Brüche zu hinterlassen – sie ist nüchtern, lyrisch, pathetisch zugleich. Meike Fessmann schreibt in einer Besprechung in der Süddeutschen Zeitung:

„Was für eine Fülle, was für eine Kraft, was für ein Überschwang! Wie ein breiter Fluss zieht dieser Roman seine Bahn. Er sammelt Episoden und Ereignisse ein, lässt die Zeit fließen, ruhig, gelassen, stark, um sie dann ganz plötzlich zu stauen. Man gleitet dahin, surft wie auf riesigen Wellen, wird von einem irren Schwung mitgenommen, obwohl dieser Roman alles andere als gefällig ist. Spürbar bleibt der Kampf mit dem in vielerlei Hinsicht autobiografischen Stoff, Thomas Wolfes Neigung zum Ausufern, die schwierige Arbeit des Eindämmens. Doch eben diese Gegenläufigkeit der beiden Bewegungen versteht er auszunutzen und formt daraus seinen eigenen Stil. Dabei bildet der Erzählfluss immer wieder furiose Strudel, die Themen schillern in allen Facetten – beinahe magisch, als stünde die Zeit für einen Augenblick einfach still.“

Ja, so ist es!

Zur Verlagsseite inklusive Leseprobe: http://www.randomhouse.de/Buch/Von-Zeit-und-Fluss-Roman/Thomas-Wolfe/e446713.rhd

Und ein ausführliches Portrait des Schriftstellers (in englischer Sprache):
http://www.nchistoricsites.org/wolfe/bio.htm

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