Thomas Wolfe: Eine Deutschlandreise

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„Aber Deutschland ist die Heimat des Fremden. Das ist jedenfalls mein Eindruck. Seit jenen Tagen, da ich es zum ersten Mal betrat, vor acht Jahren, habe ich mich niemals fremd gefühlt. Ich weiß nicht, woran das liegt. Ich habe keine Möglichkeit, dies zu beweisen, aber ich glaube, es muss in dem alten übervölkerten Gehirn der Menschen so etwas wie eine Rassenerinnerung geben.“ (…) So werde ich, ohne dass ich es begründen kann, in diesen beiden Ländern immer vom Geist der Erinnerung gejagt. Es ist eine merkwürdige Tatsache, aber von dem Augenblick an, da ich dieses Land betrat, vor acht Jahren, habe ich sofort ein Wiedererkennen gespürt.“

Thomas Wolfe, „Eine Deutschlandreise“.

Thomas Wolfe (1900 – 1938), der beinahe 2 Meter große Schriftsteller, wurde von Zeitgenossen oft als riesenhafter Junge (beziehungsweise jungenhafter Riese) beschrieben. Er neigte zum Schwärmen, Ausschweifen, Tagträumen. Dies ist auch an seinen gigantomanischen Romanen, so seinem 1929 erschienenen Debüt „Schau heimwärts, Engel!“ und „Von Zeit und Fluss“ spürbar.

Und so fühlte sich dieser amerikanische Mystiker der literarischen Moderne auch von dem Land, mit dem er väterlicherseits verbunden war, eigenartig angezogen: Von der Freundlichkeit der Menschen, der Ordnung, der Schönheit der Weinberge, von den märchenhaften Wäldern. Sechs Mal besucht Wolfe zwischen 1926 und 1936 Deutschland: Hier fand er mit Ernst Rowohlt einen geeigneten Verleger und erfuhr insbesondere bei seinem letzten Besuch zur Zeit der Olympischen Spiele in Berlin auch, wie es sich anfühlt, eine literarische Berühmtheit zu sein – seine Romane fanden zweitweise in Deutschland mehr Anerkennung als in seiner amerikanischen Heimat.

Die Texte, die während dieser Reise entstanden, versammelt nun ein neu erschienener Band im Manesse Verlag: Das Buch „Eine Deutschlandreise“ umfasst Tagebuchnotizen, die Listen über die bei den Reisen gekauften Bücher und besuchten Museen, Briefe an seine Geliebte Aline, Postkarten an die Mutter und auch die Novellen – darunter die berühmte vom „Oktoberfest“ – die von Wolfe in und über Deutschland geschrieben wurden.

Gerade die Erzählung vom Oktoberfest zeigt, wie eng biographisches Leben und literarisches Verarbeiten bei diesem Schriftsteller verknüpft waren: Tatsächlich besuchte Wolfe mit dem Sohn seiner Münchner Gastwirtin das seinerzeit schon berühmteste Volksfest der Welt. Dort geriert der starke Trinker nach etlichen Maß Bier in eine heftige Prügelei. In einem Brief an seine damalige Geliebte Aline schildert er das Geschehen unverblümt und mit allen schlimmen Konsequenzen – Wolfe erlitt schwere Kopfverletzungen und musste ins Krankenhaus gebracht werden. Das blutige Ende seines Volksfestbesuches klammerte er in seiner Erzählung aus, aber andere Erlebnisse seines Oktoberfest-Bummels finden sich im Brief bereits skizziert und fast deckungsgleich in der Erzählung wieder.

Thomas Wolfe nimmt dabei zeitweise den Blick des Ethnologen ein, der, geprägt von eigenen Vorurteilen (von Beginn an tritt auch der hässliche Deutsche auf, der „Hunne“ mit Stiernacken, der unmäßig isst und trinkt), der fasziniert das Treiben der anderen betrachtet, der versucht, das Fremde zu erforschen:

„Die Wirkung dieser Menschenhorden überall in der riesigen und vernebelten Halle hatte etwas beinahe Übernatürliches und Rituelles: Etwas, das zum Wesen eines Volkes gehörte, war in diesen Horden beschlossen, etwas, so dunkel und seltsam wie Asien, etwas, das älter war als die alten barbarischen Wälder, etwas, das einen Altar umwogt und ein Menschenopfer dargebracht und verbranntes Fleisch verzehrt hatte.“

Trotz diesem Anblick der Massen beim Oktoberfest, bei dem „mir das Herz gefror“ und die in Wolfe Assoziationen zu „blondbezopften“ Kriegshorden hervorrufen, bleibt der Amerikaner, was das „Wesen dieses Tiers“ anbelangt, lange blind: Auch bei seinem letzten Besuch 1936 zeigt er sich unpolitisch und eher fasziniert von der Ordnung und Effizienz der Deutschen. Ganz unverblümt lässt er in seinen Notizen seine eigenen antisemitischen Vorurteilen freien Lauf, schreibt gar darüber, wie wenig Meinungsfreiheit man in seiner Heimat habe, wenn es um dieses Thema ginge. Doch einige Erlebnisse erschüttern ihn, führen zu einem Umdenken.

In der 1937 in einer amerikanischen Zeitung veröffentlichten Erzählung („Nun will ich Ihnen was sagen“) schildert er eine Bahnfahrt, bei der kurz vor der Grenze ein Jude verhaftet wird. Herausgeber Oliver Lubrich, der diese Erzählung auch in den Band der „Anderen Bibliothek“, „Reisen ins Reich“, aufnahm, analysiert detailreich in seinem Nachwort, wie sehr diese Erzählung die emotionale Abkehr Wolfes von seiner lang imaginierten Seelenheimat markiert.

„Es war die andere Hälfte meiner Herzensheimat. Es war die dunkle, verlorene Helena, die ich gefunden, es war die dunkle, gefundene Helena, die ich verloren hatte – und jetzt erkannte ich wie nie zuvor das ganze Ausmaß meines Verlusts – das ganze Ausmaß meines Gewinns – den Weg, der mir nun wohl auf immer versperrt sein würde – den Weg des Exils ohne Wiederkehr – und einen neuen Weg, den ich gefunden hatte.“

So ist „Eine Deutschlandreise“ nicht nur für Thomas Wolfe-Leser ein Kompendium, das verdeutlicht, welche Faszination, ja fast schon Hass-Liebe dieser Schriftsteller für Deutschland empfand, sondern auch ein Buch, das einen besonderen Blick auf ein Land kurz vor dessen größter Katastrophe aufzeigt.

Informationen zum Buch:

Thomas Wolfe, Oliver Lubrich (Hrsg.)
Eine Deutschlandreise
Manesse Verlag 2020
Gebunden, Schutzumschlag, Lesebändchen
416 Seiten, 13,5 x 21,5 cm, 16 s/w Abbildungen, 25,00 Euro
ISBN: 978-3-7175-2424-3


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Katherine Anne Porter: Das Narrenschiff

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„Wenn nicht ein Wunder geschah, würden sie Deutschland nie wiedersehen. Mary und er mussten füreinander die Heimat sein, sie mussten, wohin sie auch gingen, ihr eigenes Klima mit sich tragen, mussten es Heimat nennen und versuchen, nicht an seinen wirklichen Namen – Verbannung – zu denken. In Gedanken sah er Mary am Klavier sitzen und spielen und singen, und er pfiff ihr Lied mit: „Kein Haus, keine Heimat …“

Katherine Anne Porter, „Das Narrenschiff“, USA, 1962

Es gibt solche Bücher, die halten der Magie der ersten Lektüre bei einem „Wiederlesen“ nicht mehr Stand. „Das Narrenschiff“ stand, wie ich mich erinnere, schon im elterlichen Bücherregal, ein 700-Seiten-Wälzer in einer etwas altmodischen Übersetzung, aber dennoch faszinierend für die pubertierende Lesende. Wie durch ein Guckloch schaute ich auf dieses menschliche Treiben auf dem Schiffsdeck, fieberte mit den Liebenden mit, litt mit den Armen, die im Zwischendeck eingepfercht waren, mit den jüdischen Passagieren, die in der Messe an den Katzentisch verbannt wurden und hegte nichts als Verachtung für die dicken deutschen Herrenmenschen und die Schweizer Spießer, die dieser Roman en masse zu bieten hatte.

2010 brachte der Manesse Verlag dieses opulente Buch, einer der wenigen Gesellschaftsromane aus der Hand einer Schriftstellerin, in neuer Übersetzung durch Susanna Rademacher heraus. Und wieder erfasste mich das Reisefieber: Alles las sich nun viel geschmeidiger, die Geschichte mit ihren unzähligen Verknüpfungen riss mich wieder mit. Doch schon da war ein gewisses Unbehagen bei der Lektüre vorhanden, etwas, das mich dazu trieb, dieses Buch erneut in die Hand zu nehmen, langsamer und kritischer zu lesen, mich dem Sog, einfach wissen zu wollen, „wie es weitergeht“ zu entziehen. Und siehe da: Je öfter man eine Kreuzfahrt bucht, desto mehr verliert sich der nach außen getragene Glanz, desto sichtbarer werden Technik und Handarbeit, die den Dampfer vorantreiben. Und vielleicht spielt auch hier – in literarischer Hinsicht – die „Gnade der späten Geburt“ eine Rolle: Die karikaturhafte Überzeichnung der Passagiere in diesem Roman lässt sich heute deutlich kritischer und sachlicher betrachten, wie es kurz nach Ablegen des Narrenschiffes in den 1960-er Jahren war.

„Das Narrenschiff“: Durchaus ein großer Roman, dessen Schwächen jedoch in der Überzeichnung der Figuren und Gegensätze deutlich werden, dessen Stärke dagegen die präzise psychologische Wiedergabe komplizierter Liebes- und zwischenmenschlicher Beziehungen ist. Ein Schmöker mit Abstrichen.

Soviel Prolog, nun zum Buch selbst:

1931 legt in Veracruz der Dampfer „Vera“ ab, Zielhafen ist Bremerhaven, wo die Passagiere wenige Wochen später von einer Blaskapelle, die „O Tannenbaum“ intoniert, empfangen werden. Eine Handvoll Menschen, miteinander konfrontiert auf engstem Raum, sich selbst und ihren Leidenschaften überlassen: das ist der Stoff, aus dem die großen Geschichten entstehen können. Die amerikanische Autorin Katherine Anne Porter (1890 – 1980), die für ihr literarisches Debüt 1930 mit „Flowering Judas“, einem Band mit Erzählungen, gefeiert wurde, schrieb fast ein Drittel ihres Lebens an diesem Stoff: „Das Narrenschiff“ wurde auch für sie zur Lebensreise. Die als äußerst selbstkritisch bekannte Autorin, die sich mit journalistischen Arbeiten, Vorträgen und Lesereisen finanziell über Wasser hielt, feilte Wort für Wort an der Geschichte. Aber vor allem kam ihr beim Schreiben immer wieder eines in den Weg: Das Leben, die Liebe, beides turbulent und nicht allzu glückvoll.

Als der Roman 1962 endlich erschien, wurde er, vor allem in den USA, als Sensation gefeiert. Von der deutschen Literaturkritik jedoch hagelte es negative Urteile, die oftmals vom Zeitgeist und Emotionalität einer Kriegs- und Nachkriegsgeneration geprägt waren. Eine Rezension in „Der Spiegel“ von 1962 fasst dies zusammen:

„Weniger begeistert waren deutsche Kritiker vom Stapellauf des modernen „Narrenschiffs“. Washington – Korrespondent Herbert von Borch etikettierte in der „Welt“ das Porter-Buch als ein „Dokument des Hasses“, und die „Frankfurter Allgemeine“ warnte: „Seit einer Dekade hat kein amerikanischer Roman mehr einen so jähen, durch keine kritische Stimme getrübten Erfolg gehabt… Nicht jeder deutsche Leser wird in diesen Jubelchor einstimmen.“

Tatsächlich verdeutlicht der Roman, dessen Personal sich zu einem großen Teil aus Deutschen rekrutiert, recht drastisch die Antipathie der Autorin gegen teutonische Mentalität, in der sie als gewichtige Wesenszüge Fanatismus und Grausamkeit zu erkennen glaubt.“

50 Jahre später wirft Wolfgang Schneider in der „FAZ“ dazu ein:

„Aus heutiger Sicht gibt es eher ein ästhetisches Problem: Man ist allzu schnell fertig mit den sich selbst entlarvenden Nazi-Spießern. In Literatur und Film kommen nur noch kultivierte Nationalsozialisten in Frage: kalte, machtgestützte Charmeure, hochreflektierte Unmenschen, unbanale Böse – siehe Littell oder Tarantino.“

Als „politisches Mahnmal“ gegen Zivilisationsbrüche“, wie es auf dem Klappentext der Neuauflage zu lesen ist,  taugt dieser Roman nur bedingt: Dafür bietet er zu viel Schwarz-Weiß-Zeichnung auf, zu viel Holzschnitt. Aber er vermag Empathie zu wecken: Für den „Underdog“ aus der Arbeiterklasse, der beim Versuch, einen Hund zu retten, der über Bord geworfen wurde, ertrinkt. Für den sanftmütigen Schiffsarzt, der all die Blessuren, physische wie psychische, seiner Passagiere zu lindern versucht, obwohl er selbst am Leben zweifelt und am Körper leidet. Und für jungen Wilhelm Freytag, der im Eingangszitat dieses Beitrags auftritt: Mit einer Jüdin verheiratet weiß er, dass er in Deutschland keine Heimat mehr haben wird. Zwischen anerzogenen „Nationalstolz“ und Patriotismus und der Liebe zu seiner Frau zerrissen, schwankt er wie ein Schiffbrüchiger durch diese Geschichte. Doch auch an ihm zeichnet die Autorin mit ihrem realistischen, präzisen Blick für den Wankelmut der Menschen die Schattenseiten heraus, auch er ist kein ungebrochener Sympathieträger.

Das ist das Interessante an diesem Werk: „Das Böse“, der deutsche Spießer und Brandstifter, er kommt oftmals allzu plakativ daher – den vielen weiteren Reisenden jedoch kriecht die Autorin förmlich ins Gehirn, seziert ihre Seele. Bei fast 30 Protagonisten, die alle episodenhaft auftreten und portraitiert werden, entfaltet sich hier die Fülle des Lebens. Und Lebenserfahrung, dies zeigt die Biographie von Katherine Anne Porter, hatte die Autorin genug. Selbst das „Narrenschiff“ – der Titel ist wie das Konzept der Seereise angelehnt an die 1494 erstmals gedruckte Satire von Sebastian Brant – findet bei Porter eine Entsprechung im „echten Leben“: Sie selbst reiste mit dem Schiff nach Deutschland, mit an Bord Hermann Göring, der ihr offenbar Avancen machte. Wer das „Narrenschiff“ aufmerksam liest, wird nicht unschwer eine Figur finden, die an den Nationalsozialisten erinnert. Viel interessanter sind jedoch die Reisenden, deren Charakterisierung sich weniger an „Typen“, sondern mehr an Individuen orientiert. Individuen, die Porter, die zeitlebens das Leben einer Bohemienne führte, immer reisend, immer in die falschen Männer verliebt, durchaus gekannt haben mag: All ihre Menschenerfahrung ist in diesem Roman gebündelt.

Elke Schmitter, die auch für die aktuelle Manesse-Ausgabe das Nachwort beisteuerte, schrieb in einem Essay:

„Doch die Nöte der plumpen jungen Elsa Baumgarten, die triebhaften Verwirrungen des einsamen Wilhelm Freytag, die Kämpfe der stolzen Mrs. Treadwell, die Beziehungsdramen von Jenny und David, die selbstzufriedenen Phrasen des Professor Hutten und die Seekrankheit seiner Bulldoge – all diese Realitäten haben in Anne Katherine Porter eine faire Protokollantin gefunden. Mit gleichbleibenden Abstand, in unbestechlicher Ruhe zeichnet sie auf, woraus die Menschen gemacht sind. Das ganze krumme Holz. Mit jeder einzelnen Maserung.“

Angaben zum Buch:

Katherine Anne Porter
Das Narrenschiff
Manesse Verlag, 2010
26,95 Euro
704 Seiten, geb., Schutzumschlag
ISBN: 978-3-7175-2220-1


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Katherine Mansfield: Fliegen, tanzen, wirbeln, beben

„Im Herbstgarten fallen die Blätter. Wie Schritte, wie sanftes Wispern. Sie fliegen, tanzen, wirbeln, beben.“

Katherine Mansfield am 18. Oktober 1922

Als die neuseeländische Schriftstellerin dies schreibt, ist sie selbst, obwohl erst vier Tage zuvor 34 Jahre jung geworden, bereits im Herbst ihres Lebens. Es ist einer der letzten Tagebucheinträge. Wenige Monate später, am 9. Januar 1923, erleidet sie, die Meisterin der Kurzgeschichte, einen Blutsturz und stirbt. Ihr Leben: Selbst eine Kurzgeschichte, voller Dramen und Unglücksfälle, eine, die melancholisch, todkrank, unstet, irrlichternd durch die Welt zieht und dabei dennoch immer wieder das Leben und die Welt in den schönsten Farben und Worten feiert:

Erdbeeren und ein Segelschiff

„Wir saßen auf einem Felsen über dem offenen Meer. Der Kleinstadt kehrten wir den Rücken zu. Wir hatten beide ein Körbchen voll Erdbeeren. Eben hatten wir sie einer dunklen Frau mit wachen Augen – beerenfündigen Augen – abgekauft.
„Sie sind frisch gepflückt“, sagte sie, „aus unserem eigenen Garten.“ Ihre Fingerspitzen waren hellrot gefärbt. Aber was für Erdbeeren! Jede war die schönste – die vollkommenen – der Inbegriff einer Erdbeere – die Frucht unserer Kindheit! Selbst die Luft fächelte auf Erdbeerflügeln herbei. Und tief unten in den Tümpeln badeten kleine Kinder mit Erdbeergesichtern…
Über das blaue, wogende Wasser nahte sich ein dreimastiges Segelschiff – mit neun, zehn, elf Segeln. Von wundersamer Pracht! Es ritt über das Meer, als tränke jedes Segel reichlich Sonne und Licht.“

Was für eine Ausdruckskraft, was für eine Sprache! Katherine Mansfield schrieb so eigenartig glasklar über die Welt, wie sie ist, manchmal auch satirisch überspitzt, manchmal gnadenlos realistisch und dennoch scheint über dieser und anderen Szenen ein magischer Erdbeermond. Die kleine Vignette von einem Tag an der Küste ist Teil des Bandes „Fliegen, tanzen, wirbeln, beben“, der aktuell zu ihrem 130. Geburtstag beim Manesse Verlag erschien.

Nachwort von Dörte Hansen

Es ist, wie die Schriftstellerin Dörte Hansen im Nachwort zu diesem auch optisch sehr ansprechenden Buch schreibt:

„Man braucht von Katherine Mansfields Leben nichts zu wissen, um ihre Kurzgeschichten zu bewundern. Sie strahlen, schweben, glänzen von allein, sie sind auf biografische Erklärungen nicht angewiesen. Und doch beginnt man nach dem Lesen ihrer Tagebücher, Briefe und Notizen ganz von vorn, liest die Erzählungen noch einmal neu und folgt gebannt den Spuren dieser Frau, die jahrelang von einer trostlosen Behausung in die nächste zog, wo sie dann wieder krank, gehetzt und einsam um ihr Leben schrieb.“

Neugierig auf das Werk dieser Ausnahmeerscheinung zu machen, dies war Absicht von Herausgeber Horst Lauinger, der aus der großen Hinterlassenschaft für dieses Buch Tagebucheinträge, Notizen und Briefe in chronologischer Reihenfolge zusammenstellte, die sich – als „Vignetten eines Frauenlebens von 1903 – 1922“ – zu einem eindrücklichen Portrait zusammenfügen: Da ist eine, die gleichermaßen aus vollem Herzen liebt und verabscheut, die sich nach Freiheit sehnt und zugleich nach Zugehörigkeit, die mit ihrem kranken Körper hadert und dennoch die Schönheit des Augenblicks auskosten kann, die mit sich selbst streng zu Gericht geht und nicht weniger ätzend über ihre Mitmenschen urteilt, die aber vor allem eines tut – ihr ganzes Leben ordnet sie dem Schreiben unter. Das Leben, eine einzige, lange Erzählung.

Es ist berührend zu lesen, wie sie in ihren letzten Lebensjahren geradezu um Lebenszeit bettelt, Lebenszeit, um schreiben zu können, wie sie mit sich selbst hadert, wenn es nicht gelingt. Am 13. November 1921 notiert sie in ihr Tagebuch:

„Vergeudete Zeit. Der alte Aufschrei – der erste und letzte Aufschrei – was zögerst du? Ach ja, warum? Mein glühendster Wunsch ist es doch, Schriftstellerin zu sein und ein stattliches Werk vorweisen zu können. Und das Werk ist doch da, und die Geschichten warten auf mich, werden müde, welken und verblassen, weil ich nicht kommen mag.“

Strahlende Prosa

Wer ihre schmale Hinterlassenschaft, von den spitzzüngigen ersten Worten aus einer deutschen Pension bis zum alles überstrahlenden Gartenfest kennt, der fragt sich, was da noch hätte kommen können, wäre ihr die Zeit geblieben, ob diese strahlende Prosa, die sogar Virginia Woolf in Schrecken und Eifersucht versetzt hatte, eines Tages auch in einen ebenso strahlenden Roman hätte münden können.

Andererseits bedingen sich bei ihr Krankheit – 1917 wurde bei ihr Tuberkulose diagnostiziert, zudem hatte sie sich vermutlich auch mit Gonorrhoe infisziert – und Wahrnehmungs- wie Ausdrucksfähigkeit gegenseitig. Ihr Landsmann Anthony McCarten meint über sie:

„Nach der Diagnose im Jahr 1917 sah sie Wunder, wohin sie auch schaute. Ihre Hingabe an das schiere Staunen, diese Offenbarungen fanden zunächst zögernd Eingang in ihr Werk, bald aber strömten sie. Die Krankheit, die Mansfield einem Alltag entrückte, den sie sich stets besser gewünscht hatte, führte sie in die Todeszone, einen sublimen Lebensraum, dessen Bewohner sich der Betrachtung der letzten Dinge widmen. Dort ist es den Glücklichsten vergönnt, die Welt mit einem Maß an Ehrfurcht wahrzunehmen, das nur der empfindet, der weiß, daß er sie bald verlassen wird.“

Glücklich jedoch in der üblichen Form war Katherine Mansfield wohl nie. Jedenfalls nicht zur Ruhe kommend. Auch wenn sie nach wechselnden Beziehungen 1918 eine feste Partnerschaft zu dem Kulturjournalisten John Middleton Murry eingeht, mit dem sie bis an ihr Lebensende verheiratet bleibt, so ist auch diese äußerliche Konstante von Wechselfällen gekennzeichnet, von Trennungen und sich wiederfinden, verraten ihre Tagebucheinträge, wie sehr sie zwischen Liebe und Sehnsucht nach Autonomie, nach Eigenständigkeit zerrissen ist.

So ermöglicht dieses Buch auch den Blick auf eine Frau, die nicht von ungefähr auch zu einer Ikone der Frauenbewegung wurde.

„Katherine Mansfield hat schon früh gewußt, daß sie eine anderes Leben wollte“, so Dörte Hansen. „Mit neunzehn schreibt sie eine Art feministisches Manifest in ihr Tagebuch:“

„Hier seien die paar Dinge genannt, die ich brauche – Macht, Reichtum und Freiheit. Es ist das hoffnungslos langweilige Dogma, Liebe sei das einzige auf der Welt, das man den Frauen von Generation zu Generation einbläute, welches uns so grausam behindert. Wir müssen diesen Fetisch loswerden – und dann, ja dann eröffnet sich die Möglichkeit von Freiheit und Glück.“

Wer diese Frau war, die Freiheit vor Glück setzte, davon gibt dieser Jubiläumsband mit einer gelungenen Auswahl ihrer autobiografischen Texte und ihrer Vorübungen für ihre Schreibwunder einen guten Einblick. Zudem trägt die Übersetzung von Irma Wehrli dazu bei, dieses Funkeln, das Strahlen, das Beben der Prosa von Katherine Mansfield auch in der deutschen Sprache seine Wirkung beibehält.


Informationen zum Buch: https://www.randomhouse.de/Buch/Fliegen-tanzen-wirbeln-beben/Katherine-Mansfield/Manesse/e546130.rhd

Titelbild zum Download: Skulptur in Bad Wörishofen


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Sinclair Lewis: Babbitt

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Bild von andreas160578 auf Pixabay

„Man konnte es mit diesem zivilisatorischen Fortschritt auch übertreiben, fand Babbitt. Noël Ryland, Verkaufsleiter bei Zeeco, hatte seinen Abschluss frivolerweise in Princeton gemacht; Babbitt hingegen war ein solides Durchschnittsprodukt aus dem großen Warenhaus namens State University. Ryland trug Gamaschen, schrieb lange Briefe über Stadtplanung oder Stadtchöre, und obwohl er ein Booster war, hieß es, er trage in einer seiner Taschen gelegentlich einen kleinen Band fremdsprachiger Gedichte bei sich. All das ging zu weit. Henry Thompson stand für extreme Provinzialität, Noël Ryland für extreme Schaumschlägerei, Babbitt und seine Freunde hingegen hielten genau die Mitte, traten für den Staat ein und verteidigten die evangelischen Kirchen, das traute Heim und reelle Geschäfte.“

Sinclair Lewis, „Babbitt“, OA 1922, Manesse Verlag, 2017 in der Übersetzung von Bernhard Robben.

Was für ein herrlich unterhaltsamer und bissiger Roman! 1922 veröffentlicht Sinclair Lewis, da bereits schon durch „Main Street“ (1920) ein an den Erfolg gewöhnter Autor, seine „Studie“ über den typischen amerikanischen Durchschnittsbürger aus der Mittelschicht – und landet damit wieder einen Bestseller, der sich aus dem Stand tausendfach verkauft. Und bis heute gelesen wird: „Babbitt“ ist – in mehr als einem Sinne – ein „Evergreen“.

Denn man kann das Buch natürlich ganz reflektionsbefreit als wunderbare Satire lesen: Als überspitzte Darstellung eines Spießers, eines Opportunisten, der im Käfig seines Mittelstanddaseins gefangen ist. Huch, das könnte mein Kollege sein, der ständig über die nächste Gehaltserhöhung nachdenkt oder auch die Nachbarin, die so andächtig den nagelneuen SUV für ihre Minimaleinkäufe ausführt. Kurzum, „Babbitts“ wird es immer geben, ein unverwüstlicher Typ.

Aber, mal ehrlich: Sind wir nicht alle ein wenig „Babbitt“? Fragen wir uns nicht manchmal, warum wir unseren Jobs nachgehen, die Kinder lieber aufs Gymnasium denn auf die Realschule schicken, für die Rente sparen, wählen, was wir wählen, sind, was wir sind? Sinclair Lewis gelang mit diesem „bürgerlichen Roman“ auch ein Lehrstück über die Macht der Masse: Selbst ein revoltierender Babbitt lässt sich letzten Endes wieder einfangen, wird resozialisiert, babbittisiert.

„Die Satire ist spektakulär und oft spekulativ. Satire übertreibt. Lässt sich auch das Normale übertreiben, der Durchschnitt, das Unspektakuläre?“

Diese Fragen stellt sich und uns der Schriftsteller Michael Köhlmeier in seinem Nachwort zur aktuellen „Babbitt“-Ausgabe (der Text, eigentlich ein Portrait von Sinclair Lewis, ist übrigens auch in der „Volltext“-Ausgabe 3/2017 nachzulesen). Köhlmeier lehnt es ab, diesen großen amerikanischen Roman als Satire zu bezeichnen:

„Sollte Sinclair Lewis tatsächlich das Anliegen gehabt haben, einen satirischen Roman zu schreiben, so glaube ich, ist ihm dies – zu unserem Glück – nicht gelungen.“

Denn:

„Die Bedeutung des bürgerlichen Romans liegt darin, dass er Charaktere schafft und nicht Typen. Die angeprangerten, denunzierten Figuren in einer Satire sind immer die anderen. Ein Charakter verweist auf mich, ich komme ihm nicht aus.“

„Babbitt“ ist ein authentischer, sogar ein zeitloser, unsterblicher Charakter (der übrigens auch zum Vorbild weiterer literarischer Figuren wurde – ganz direkt erkennbar im „Hasenherz“ Harry Angstrom, dem Helden von John Updikes „Rabbit“-Romanen), einer, den wir immer wieder treffen können. Gerade auch in uns selbst.

George F. Babbitt also ist der Durchschnittstyp, mit dem man beim Lesen trotz seiner Borniertheit, seiner intellektuellen Beschränktheit und seinem Großmanns-Getue auch Mitleid bekommen kann: Gesegnet mit einer etwas naiv-treuen Gattin, drei durchschnittlich aufsässigen Kindern, einem florierenden Immobilienhandel nachgehend, wäre eigentlich alles in Ordnung in „Zenith“, jener fiktiven Stadt, die Lewis für seinen Helden schuf. Doch – obwohl er dieses Gefühl nicht genau erfassen kann –  spürt Babbitt die Sinnleere in seinem Dasein, sehnt sich nach etwas, das über den ewigen Kreislauf des Geldverdienens und Geldausgebens hinausreicht.

Dass hinter den Fassaden des bürgerlichen Wohlstands längst nicht alles eitel Freude und Wonne ist, das zeigt sich am Schicksal seines besten Freundes: Der, zermürbt von den ewigen Anforderungen und Nörgeleien seiner Gattin, versucht, diese zu erschießen und landet hinter Gittern.

Babbitt bringt dies vollends von der Rolle, der Schuss, ein Wecksignal sozusagen: Das Riesenbaby stürzt sich in eine seltsame Affäre, verpulvert das mühsam erworbene Geld, trinkt unmäßig und lässt sich sogar auf sozialistische Ideen ein – vor allem dieses strapaziert die Geduld seiner Geschäftsfreunde über Maßen. Der Ausbruch währt nicht lange und Babbitt kehrt zurück als reuiger Sünder ins Mittelstandsnest.

Der Manesse Verlag hat diesen Roman nun in seine Reihe moderner Klassiker aufgenommen. Die Übersetzung von Bernhard Robben liest sich geschmeidig und frisch, wenn auch mir manche Wendungen und Ausdrücke – beispielsweise „Werbefuzzis“ – zu modern erscheinen. Zugleich aber macht die Übertragung auch durch ihre Sprache deutlich: Dieser Roman ist immer noch aktuell. „Zenith“, wiewohl fiktiv, gibt es immer noch – irgendwo in den USA. Oder auch auf dem alten Kontinent:

„Genau das ist der springende Punkt! Und es gibt da noch was, was wir tun sollten“, sagte der Mann mit dem Verlourshut (Koplinsky hieß er), „wir sollten diese verdammten Ausländer gar nicht erst ins Land lassen. Dank sei dem Herrn, dass die Einwanderung begrenzt wurde. Diese Hunnen und Spaghettifresser müssen endlich kapieren, dass Amerika das Land des weißen Mannes ist und sie hier nicht erwünscht sind.“

Verlagsinformationen zum Buch:
https://www.randomhouse.de/Buch/Babbitt/Sinclair-Lewis/Manesse/e480648.rhd

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Tania Blixen: Jenseits von Afrika

„Ich hatte eine Farm in Afrika …“

Es wird wohl vielen so gehen – kaum hört oder liest man diesen Satz, steigen beinahe schon ikonographische Bilder im inneren Kino auf. Die Farm. Die Löwen. Die Kuckucksuhr. Die Flüge über die Savanne. Meryl Streep und Robert Redford in Safari-Schick.

Doch häufig, wenn sich Hollywood daran macht, einen Bestseller zu verfilmen, erkennt man von der Romanvorlage wenig wieder. Eine werkgetreue oder zumindest werknahe Verfilmung wäre in diesem Fall zugegebenermaßen auch ein schwieriges Unterfangen gewesen. Manch einer, der sich nach dem Kinobesuch das Buch der dänischen Schriftstellerin Tania Blixen kaufte, wird wohl enttäuscht gewesen sein. Denn eine klassische Liebesgeschichte erzählte Blixen in dem 1937 erschienenen „Jenseits von Afrika“ nicht. Tatsächlich ging sie in ihrem Erinnerungsbuch kaum auf die Beziehung zwischen ihr und dem englischen Abenteurer Denys Finch Hatton ein, allenfalls kann sich der Leser diese Liebesverbindung aus Andeutungen und Reminiszenzen an gemeinsame Flügen und Löwenjagden erschließen. Und der ebenso leichtlebige wie lebenslustige Baron, im Film charmant verkörpert von Klaus Maria Brandauer? Er ist im Buch nicht mehr als eine Randnotiz.

Hollywood – genauer: Drehbuchautor Kurt Luedtke – bediente sich für den Film an mehreren Quellen, unter anderem aus Blixens Briefen, aus Biographien über die Schriftstellerin und aus ihren Novellen. So erst wurde aus vielen literarischen Puzzlesteinen ein Bild, ein Film, der das Buch erst richtig bekannt machte.

Wer sich aber von den cineastischen Bildern befreit, der wird einen biographischen Roman vorfinden, der einen mit ganz anderen Bildern und Themen gefangen nimmt. Das gedruckte Original ist eine Liebeserklärung ganz anderer Art. Tania Blixen schrieb dieses Buch – das sich formal keinem Genre eindeutig zuordnen lässt – als sie nach fast zwei Jahrzehnten wieder jenseits von Afrika in ihrer dänischen Heimat lebte. Fern von Kenia und seinen Bergen schwelgte Blixen in der Vergangenheit, verfasste ein Sehnsuchts- und Wehmutsbuch und hielt die Erinnerungen an ein Leben, das so ganz anders gewesen sein musste als jenes in Dänemark, zwischen den Seiten fest. Es ist ein beinahe lyrisch-hymnischer Rückblick auf eine Welt, aus der die Autorin hinausgefallen ist und die – das ahnt sie schon beim Schreiben – so bereits auch am Untergehen, im Wandel ist. Out of Africa.

„Ich hatte eine Farm in Afrika am Fuße der Ngong-Berge.“

So klar, nüchtern und präzise beginnt dieser literarische Zwitter zwischen biographischem Erzählen und poetischem Verklären. Es ist eine Liebeserklärung an eine Landschaft und eine Lebensform zugleich. Am traumhaftesten zu lesen ist dieses Buch dort, wo Tania Blixen scheinbar ungehemmt, aber sprachlich durchdacht und durchstilisiert, über die Berge, Weiten, Wälder Afrikas zu sprechen beginnt:

„Im afrikanischen Hochland ist die frühe Morgenluft so handgreiflich frisch und kalt, dass uns fortwährend dieselbe Vorstellung überkommt: Wir sind nicht auf der Erde, sondern im dunklen, tiefen Wasser, wir gehen auf dem Grund des Meeres. Es ist nicht einmal sicher, ob wir uns bewegen. Was da kalt gegen das Gesicht drückt, das sind die Strömungen des tiefen Wassers, und das Automobil sitzt vielleicht ganz still auf dem Meeresgrund, wie ein träger Zitterrochen, glotzt mit seinen zwei großen hellen Lampen vor sich hin und lässt die Unterwasserwelt Revue passieren.“

Was Blixen da Revue passiert lässt, das sind die Sensationen der Landschaft. Eindrücke einer überwältigenden Tier- und Pflanzenwelt, denen Tania Blixen auch noch Jahrzehnte später nachhängt, als hätten sich die Bilder für immer in ihre Netzhaut gebrannt:

„In den Savannen standen die alten krummen Dornbäume einzeln und für sich, und das Gras duftete würzig nach Thymian und Porst, manchmal so heftig, dass es in den Nasenlöchern brannte. Die Blumen, die man in der Steppe oder an den Schlingpflanzen der jungfräulichen Wälder fand, waren so winzig wie Dünengewächse, doch wenn die lange Regenzeit begann, erblühten viele verschiedene Arten von üppigem, schweren Lilien und verströmten einen betäubenden Duft. Nach allen Seiten war die Aussicht weit und unendlich. Alles in dieser Natur strebte nach Größe, Freiheit und hohem Adel.“

Freiheit, das macht das Buch jedoch auch deutlich, ist ein Zustand, den nur wenige Privilegierte erreichen können. Eine typische Vertreterin der Herrenvölker, die sich den afrikanischen Kontinent unterworfen hatten, ist Tania Blixen, die von 1913 bis 1931 in Britisch-Ostafrika lebt, nicht. Natürlich ist sie als Betreiberin einer Kaffeeplantage Nutznießerin und Vertreterin des kolonialen Systems. Andererseits jedoch bemüht sie sich aufrichtig und ernsthaft, mit der einheimischen Bevölkerung in Kontakt zu kommen, Lebensverhältnisse und Arbeitsbedingungen zu verbessern, zugleich aber auch die alten Traditionen zu würdigen. Und dennoch, liest man aufmerksam, so wird deutlich, dass die Annäherung nicht gelingt, dass die Hierarchien – hier die weiße Frau, dort ihre schwarzen Mitarbeiter – bestehen bleiben, dass in ihr selbst die Überzeugung einer scheinbar angeborenen Überlegenheit weiterlebt. In Nebensätzen klingt dies durch – beispielsweise wenn ein Afrikaner sie mit „Tieraugen“ anblickt, wenn das Verhalten der Menschen auf ihrer Farm beschrieben wird, als handele es sich um drollige Kindereien. Tania Blixen ist „out of Africa“ – strenggenommen war sie jedoch auch niemals darin.

Die Schriftstellerin Ulrike Draesner zeigt in ihrem klugen Nachwort zur aktuellen Manesse-Ausgabe das Widersprüchliche und Paradoxe, das den Zugang zu diesem Buch beinahe zwangsläufig prägen muss, auf.

„Brixen ist keine Britin, sondern innerhalb der weißen, männlich-britisch dominierten Gesellschaft selbst zweifach in der Minderheit. Sie pflegt ein anderes Verhältnis zu den Eingeborenen als der Klischeekolonialist. Afrika-Ost ist ein Sammelbecken für Menschen, die Geld machen wollen, doch ebenso für Träumer und Sucher, für aus ihren Heimatgesellschaften Herausgefallene. Solche Weltenwanderer bevölkern das Buch, werden darin aber auch mythisiert – die Farm erscheint als Refugium. Tiere und Menschen jeder Rasse und Art leben hier in Frieden, Ausgestoßene werden unterstützt, Kranke gepflegt: Ein sehr „heiliges“, überheiliges Bild entsteht.“

Ein überheiliges Bild, geprägt von der Verklärung die die Erinnerung an bessere Zeiten mit sich bringt. „Out of Africa“: Nach dem Tod von Finch Hatton und dem Verlust ihrer Farm kehrt Blixen 1931 zurück nach Dänemark. Nach Afrika kam sie nie mehr. Aber wie Ulrike Drasner so schön schreibt: „Das stimmt, wenn man die Biographie liest. An physisches Reisen denkt. Und doch ist es falsch. Sie schrieb dieses Buch.“

„Jenseits von Afrika“: Auch eines der ersten Bücher, die den Grundstock für eine mittlerweile recht umfangreiche Klassiker-Sammlung aus der Manesse Bibliothek bei mir bildeten. Ein vertrauter Anblick, die kleinformatigen, edlen Bücher in ihren weißen Schutzumschlägen – eine Gestaltung, die seit 1944 Bestand hat. Nun hat sich der Verlag zu einer radikaleren Umgestaltung entschlossen, einen Eindruck davon vermittelt das Video:

Die Argumente des Verlags sind verständlich: Man wolle vermitteln, dass die Klassiker im Programm auch heute noch viel zu sagen haben und Auskunft über die großen Menschheitsfragen geben, dafür erschien die bisherige, relativ strenge Gestaltung nicht mehr so gut geeignet. Da auch vermehrt Klassiker der Moderne ins Programm kamen, habe man die strikten Vorgaben der Reihengestaltung zunehmend als Einschränkung empfunden.

Das ist nachvollziehbar – auch wenn mein Sammlerherz noch etwas betrübt zuckt und das Gewohnheitstier in mir leise trauert. Ein wenig fühle ich mich – auch wenn die Bände in neuer Gestaltung nach wie vor qualitativ hochwertig gemacht sind und nun durch gestaltetes Vorsatzpapier, farblich abgestimmte Fadenheftung und Lesebändchen optisch ein rundes Bild ergeben – ein wenig fühle ich mich jetzt dennoch „Out of Africa“. Aber auch Tania Blixen wusste: The times, they are a- changin`.

Verlagsinformationen zum Buch:
https://www.randomhouse.de/Buch/Jenseits-von-Afrika/Tania-Blixen/Manesse/e523426.rhd

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Sait Faik Abasiyanik: Geschichten aus Istanbul

Istanbul

Bild: (c) Michael Flötotto

„An Sommersonntagen wirkt Istanbul wie ausgestorben. Durch Beyoğlu schleppen sich nur wenige Passanten, ein paar Kindern schlüpfen in ein Kino. Betäubt von der Hitze gehen in ihren schwarzen Kleidern zwei Frauen von der Kirche nach Hause. Hinter der Scheibe eines Kaffeehauses dösen weltentrückte Rentner.
So ist Istanbul am Sonntag eben. Aber passen Sie auf, ich führe Sie an einen Ort, da werden Sie sich amüsieren. Moment mal, wohin sollen wir, wo wir doch auch in kühle Fluten tauchen oder süß unter Kiefern schlummern könnten? Das wäre natürlich möglich, aber es gibt in Istanbul einen Ort, der heißt Yüksekkaldirim, und den besuchen zu dieser Stunde heimwehkranke Rekruten, Lehrlinge, Pastetenbäcker, anatolische Köche und arme Schlucker, die nicht an den Strand können, oder eben Istanbuler, die mit Kieferwäldchen und Meeresstränden nichts anfangen können oder ihrer einfach überdrüssig sind. Musik gibt es dort ganz umsonst. Eisgekühlte Limonade kostet nicht fünfundsiebzig Kuruş, sondern nur siebeneinhalb. Und für zehn Kuruş bekommen Sie auf schönen Tellern ein Kirschsahneeies, wie es in Beyoğlu selbst um eine halbe Lira nicht zu haben ist.“

Sait Faik Abasiyanik, „Geschichten aus Istanbul“, Manesse Verlag, 2012

Als Sait Faik Abasiyanik 1954, erst 48 Jahre alt starb, nahm an seiner Beerdigung eine große Menschenmenge teil, wie dem Nachwort von Gerhard Meier zu diesem Band entnehmen ist. Die Anteilnahme wundert nicht: „Sait Faik“, wie er liebevoll vom Volksmund genannt wurde, war ein Volksdichter, ein Menschen-Erzähler.
Seine Erzählungen und Kurzerzählungen, Miniaturen eines Spaziergängers und Kaffeehausbesuchers, kreisen zum größten Teil um die „kleinen“, einfachen Leute und ihre einfachen Freuden. Mit ihnen bummelt er durch die Metropole, dokumentiert einem Fotografen gleich das städtische Leben.

Tee und Simit

Eigentlich würde ich in die Überschrift gern auch noch den Käse aufnehmen, aber angesichts der Freundschaft zwischen Tee und Simit soll der Käse lieber im Hintergrund bleiben. Den Sesamkringel und den Tee genießen wir oft gemeinsam, doch wann sind schon alle drei beisammen?

Die scheinbare Kunstlosigkeit dieser Geschichten – oft nur zwei, drei Seiten lang – hat mich nach und nach gefangen genommen. Zunächst ist sie ungewohnt, diese Simplizität der Sätze und Geschichten – aber mit jeder weiteren Erzählung taucht man ein in diesen Kosmos des Sait Faik, sieht ein buntes Istanbul durch viele geöffnete Fenster.

Sait Faik zeichnet ein Portrait der Metropole in ihrer ganzen Vielfalt: Ein weltoffenes, kosmopolitisches Istanbul zur Zeit der Modernisierungspolitik unter Atatürk. Zweimal war ich Ende der 1990er-Jahre selbst in der Stadt am Goldenen Horn – viel zu kurz, um mit wirklichen Kenntnissen aufzuwarten. Aber diese Mischung aus Okzident und Orient, das Mit- oder wenigstens gute Nebeneinander der Kulturen und religiösen Auffassungen, die Energie, die die Stadt ausstrahlte – das hat mich fasziniert. Und so las ich nun die Istanbuler Erzählungen auch mit einem guten Schuss Wehmut und Sorge: Wer weiß, wieviel von diesem Istanbuler Charakter unter Erdogan verloren geht?

Auch Sait Faik ließ sich in seiner Kurzprosa stark von westlichen Vorbildern beeinflussen und gilt, so Gerhard Meier, als einer der Erneuerer der türkischen Literatur. Obwohl er 2010 von türkischen Schriftstellern in einer Umfrage zum besten türkischen Erzähler gewählt wurde, scheint er mir in Deutschland relativ unbekannt – viele der in diesem Buch enthaltenen Geschichten wurden überhaupt das erste Mal ins Deutsche übersetzt. Dabei sind sie nicht nur aus Gründen des „Lokalkolorits“ interessant: Ob „Kaffeehaus Eftalikus“, ob „Das Grammophon und die Schreibmaschine“, oftmals kreisen die Erzählungen auch um das Erzählen an sich, um die Bedingungen des und dem Zwang vom Schreiben.

Sait Faik, der „Fotograf mit dem Stift“, soll oft, durch eine Straßenszene angeregt, sich sofort im Kaffeehaus niedergesetzt und losgeschrieben haben:

„Entbehren Sait Faiks Kurzgeschichten manchmal einer allzu stringenten Logik, dann mag das darauf zurückzuführen sein, dass er nicht zu den Schriftstellern gehörte, die akribisch an einem Werk feilen. Er lebte gewöhnlich in den Tag hinein, nicht wenige seiner Erzählungen nahmen ihren Anfang in einem Kaffeehaus. Irgendeine Beobachtung dient als Aufhänger, und man meint förmlich zu sehen, wie Sait Faik an seinem Tisch zu Stift und Papier greift, um eine Eingebung festzuhalten und daran weiterzuspinnen. So spontan, wie seine Erzählung einsetzt, so unvermutet kann sie enden.“

Die scheinbare Kunstlosigkeit, die Einfachheit der Worte und Sätze, dieses spürbar impulsive Dahin-Erzählen: Es hat mich anfangs irritiert, aber mit jeder Erzählung mehr fand ich in den Rhythmus von Sait Faik, ein Rhythmus des Flaneurs, des Bummelanten durch die Istanbuler Straßen.

Für den Mann, der dem Volk auf den Mund schaute, war das Schreiben Sucht und Erlösung zugleich. Sait Faik war selbst ein Getriebener, dem Alkohol verfallen, der in der Literatur ein Ventil fand:

„Ich hatte mir geschworen, nicht mehr zu schreiben. Wo doch das Schreiben nichts weiter ist als eine Sucht. Unter den ehrbaren Menschen hier wollte ich in aller Ruhe den Tod erwarten, was sollte ich da mit Sucht und Eifer? Allein es ging nicht. (…) Hätte ich nicht geschrieben, ich wäre verrückt geworden.“

Verlagsangaben zum Buch:
„Ein zärtliches Portrait von Istanbul“

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Honoré de Balzac: Von Edelfedern, Phrasendreschern und Schmierfinken

„Dieser Kritiker ist mit einem Wort beschrieben: Langeweile. Der Junge langweilt sich und versucht, alle anderen mitzulangweilen. Sein Ausgangspunkt ist der Neid; aber er verleiht seinem Neid und seiner Gelangweiltheit Format.“

Ordnung: Kritiker; Gattung: Der große Kritiker; Art: Der Scharfrichter

„Frankreich hat den größten Respekt vor allem, was langweilt. Darum gelangt der Vulgarisator im Nu zu einer Position: Vermöge der Langeweile, die er verbreitet, gilt er auf Anhieb als wichtiger Mann.“

Ordnung: Der Publizist; Gattung: Der Nihologe

„Der Mann fürs Grobe will sich einen Namen machen, oder hofft es zumindest, indem er sich an die großen Namen heranmacht; er ist bekannt dafür, dass er sich die Bücher greift, um ihnen das Rückgrat zu brechen, er ist vereidigter Schlachter.“

Ordnung: Der Kritiker; Gattung: Die kleinen Journalisten, Art: Der Mann fürs Grobe

Honoré de Balzac, „Von Edelfedern, Phrasendreschern und Schmierfinken“, Manesse Verlag 2016

Mit seiner „Menschlichen Komödie“ unternahm der französische Romancier in wahrhaft gigantomanischer Manier den Versuch, ein komplettes Sittengemälde seiner Zeit zu zeichnen. Dem lag seine Annahme zugrunde, die Menschheit sei mit dem Tierreich vergleichbar – trotz individueller Züge könne jeder Mensch einer bestimmten sozialen Gattung zugeordnet werden.

Was „La Comédie humaine“ im großen Ganzen zugrunde lag, das wandte Balzac auch auf einen Text an, der 1843 erschien: „Die Monographie de la presse parisienne“. Eine zoologisch anmutende Katalogisierung der Pressetypen. Rudolf von Bitter, Kulturchef beim BR, hat diese Mischung aus Satire, Pamphlet und Essay erstmals ins Deutsche übersetzt, erschienen ist der Text, ergänzt durch Balzacs „Brief an die französischen Schriftsteller“ und weitere Beispiele, die sein prekär-streitbares Verhältnis zu Kollegen und Kritikern beleuchten, 2016 beim Manesse Verlag.

Balzac war ein temperamentvoller und empfindlicher Mensch: Und so ist seine Monographie eine bissige Abrechnung mit Journalisten, eine Presseverurteilung der literarisch gehobenen Art, gespeist wohl auch von einer inneren Wut. Rudolf von Bitter ordnet in seinem umfangreichen Nachwort die Polemik  – „eine systematische und systematisch verunglimpfende Streitschrift gegen „die Journalisten“, gegen „die Presse“, mit einer Anordnung einzelner Charaktertypen wie im Biologiebuch, nach dem Vorbild von Carl von Linné mit seinen Rangstufen von Klasse, Ordnung, Gattung, Art und Varietät, voll ausgesuchter und offenbar über die Jahre aufgesammelter Einfälle und Wortspiele“ – sachlich ein und zeigt auf, in welche Fehden mit der Feder sich Balzac im Laufe seines Lebens begab. Sein Hinweis, beim Lesen des Textes Verständnis für die Nöte Balzacs mit den dargestellten Typen zu haben, ist wichtig – auch mit dem Blick auf die Medienlandschaft heute. Auch wenn man bei manchem Absatz schmunzeln und an die eine oder andere Figur aus dem aktuellen Medienbetrieb denken mag: Balzacs Text ist eine subjektive, aus persönlichen Erfahrungen und Verletzungen gespeiste Polemik.

Bei Dina Netz vom Deutschlandradio hinterließ das Buch auch einen faden Beigeschmack:

„Und dass vieles, was Balzac analysiert, auch heute noch gilt, verleiht dem Buch zwar Aktualität, aber auch einen faden Beigeschmack. Denn die pointierten, bösen Bonmots über Journalisten und Kritiker ähneln allzu sehr billigen „Lügenpresse“-Vorwürfen unserer Zeit. Balzacs spitze Feder ist den heutigen flachen Pamphleten zwar um Längen überlegen. Trotzdem sehnt man sich angesichts von zunehmendem Rechtspopulismus in Europa, Donald Trump und AfD eher nach differenzierten Betrachtungen als nach vereinfachenden Polemiken. Seien sie noch so treffend beobachtet und pointiert formuliert.“

Sieht man Balzacs Text als das, was er ist – eine überspitzte Polemik – dann kann man ihn jedoch mit großem Amüsement lesen, wenn auch manche Zeitbezüge trotz erläuternder Fußnoten und informativen Nachwort das Verständnis an manchen Stellen erschweren. Alles in allem ist die Monographie über die Pariser Presse vor allem ein Schätzchen für Balzac-Leser und Liebhaber der großen Epoche des französischen Dreigestirns.

Verlagsangaben: „Von Edelfedern, Phrasendreschern und Schmierfinken“

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Edith Wharton: Dämmerschlaf

„Dexter war in die Kanzlei aufgebrochen, ohne noch einmal nach ihr zu sehen; so wie am Abend zuvor die Fahrt hin zu den Toys und zurück verlaufen war, hatte sie fast damit gerechnet. Wenn er einen seiner Anfälle verkniffenen Schweigens hatte – und die wurden immer häufiger, wie sie bemerken musste -, war es zwecklos, sich einzumischen. Nachklänge aus Freuds Lehren, vielleicht etwas verworren ausgelegt, hatten ihren Glauben an die Heilsamkeit eines klärenden Gesprächs gefestigt, und sie hätte Dexter diese Medizin gerne aufs Dringendste empfohlen, aber beim letzten Mal hatte er sie mit der verletzenden Antwort abgefertigt, ein Abführmittel sei ihm lieber.“

Nun, Pauline Manford hat Mittel (auch in finanzieller Hinsicht) und Wege genug, um dieses Problem der fehlenden kommunikativen Achtsamkeit zu lösen. Mit etwas Lektüre von Dale Carnegie und Dr. Joseph Murphy schöpft sie ihr Unterbewusstsein als die wahre Quelle ihres Reichtums aus, ein Seminar in positivem Denken führt zu mentalem Positivismus, dazu eine Prise neurolinguistisches Programmieren, sowie einige Gespräche mit dem Trainer für Selbstoptimierung und für den programmatischen Überbau etwas Philosophie light mit Richard David Precht: Schon ist man wieder gerüstet für das nächste Society-Event, den nächsten Wohltätigkeitsball.

Uuups…da bin ich ein paar Jahrzehnte verrutscht. Um zu zeigen, wie modern Edith Whartons einziger satirischer Roman „Dämmerschlaf“ auch heute noch ist. Die Erzählung einer Familie der New Yorker „Oberen Zehntausend“ liest sich so frisch, als spielte er in der Jetztzeit. Also nicht, dass ich persönlich mich in diesen Kreisen bewegen würde – was aber in den „Goldenen Zwanzigern“ wohl ein Wohlstandsphänomen war, ist heute ein Massenphänomen in einer für viele gesättigten, ziellosen, orientierungslosen Zeit: Das Fieber der Selbstoptimierung. Die Suche nach dem mentalen Führer. Wo keine anderen Sorgen mehr spürbar sind, widmet man sich der eigenen „Achtsamkeit“ (mein Pfui-Wort des Jahres – aus Erfahrung sind dies meist die egozentrischsten, unachtsamsten Menschen), wo Wohlstandslangeweile vorherrscht, feilt man an seinem kleinen Ego.

„Dämmerschlaf ist eine Satire auf die besseren Kreise New Yorks. Schmerzfrei durchs Leben zu kommen, dabei stetig nach vorn zu schauen und an der Optimierung der eigenen Person, vor allem des eigenen Körpers zu arbeiten, damit weder große Gefühle noch Krankheit und Tod einem die Laune verderben – das sind die Themen dieses Romans. Nehmen wir die anderen Topoi dazu (…), dann schauen wir auf eine Gesellschaft, die uns bekannt vorkommt“, schreibt Verena Lueken in ihrem Nachwort zu diesem Roman, der 1927 erschien und nun vom Manesse Verlag in neuer Übersetzung (hervorragend: Verena Ott) herausgegeben wurde.

Das Buch war für die durchaus erfolgsverwöhnte Schriftstellerin Edith Wharton kein verkaufsträchtiger Meilenstein – wie Verena Lueken meint, lag dies wohl daran, dass Wharton zuvor ihre scharfe Zunge vor allem nur an Vergangenem gerieben hatte – dass sie in „Dämmerschlaf“ ein Milieu der Gegenwart erheiternd und bitterböse beschrieb nahm dieses Milieu, das die Autorin nur zu gut kannte, ihr übel. Aber wer möchte denn schon bei der Befragung des Spiegels nach der/dem Schönsten, Reichsten, Besten, Schnellsten im ganzen Lande das eigentliche Spiegelbild vorgehalten bekommen? Das wäre denn doch das Ende der Selbstoptimierung…

Letztendlich nützt das scheinbar beste Korsett aus Psychogeschwafel, Positivem Denken und einem wohlgefüllten Terminkalender, der zum Nachdenken keine Pause lässt, jedoch nichts, wenn das Leben zuschlägt – dies in Form der kleinen, amoralischen Lita, der „femme fatale“ des Romans, die das Lügengebäude mit zarter Hand zertrümmert.

Das Leben gescheitert, die Liebe gescheitert: Emotional und moralisch sind am Ende alle bankrott so wie zuvor. Und es bleiben nur die letzten, alten Ängste.

„Tiefer als all ihre eklektische Religiosität, tiefer als ihr Stolz auf den Empfang des Kardinals, tiefer als die vielen vordergründigen Widersprüche und Verrenkungen eines schon ganz ausgeleierten Gewissens, saß die nackte, altbekannte puritanische Angst vor dahingleitenden Priestern und Weihrauch und Götzendienerei, und Nona sah mit leichtem Lächeln, wie sie sich an die Oberfläche des Gesichts ihrer Mutter stahl. Vielleicht war diese nackte Angst der einzige ursprüngliche Charakterzug, der ihr noch geblieben war.“


Edith Wharton, „Dämmerschlaf“: Ein lesenswerter, moderner und erfrischend satirischer Roman.
Manesse Verlag, 320 Seiten, 24,95 €, ISBN 978-3-7175-2172-3.

Im Manesse Verlag ist 2011 zudem erschienen „Ein altes Haus am Hudson River“ von Edith Wharton – mit dem streckenweise sehr elegischen Ton dieses Buches tat ich mir hingegen etwas schwer.
Thematisch verwandt und überdies ein ebenso funkelndes Stück Literatur ist zu „Dämmerschlaf“ der Roman „Die Party bei den Jacks“ von Thomas Wolfe („Schau heimwärts, Engel“), 2011, Manesse Verlag.

Bild zum Download: Skulptur


 

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