Maria Leitner: „Ich habe immer gegen die Ungerechtigkeit gekämpft.“

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„Ein Bankbeamter erzählt mir: Ich bin Jahrgang 1890. Habe den Krieg vom ersten bis zum letzten Tag durchgemacht. In dem Alter, in dem man sonst um eine sichere Lebensstellung kämpft, lag ich im Dreck und wartete auf den Tod. Anderen erging es auch nicht besser und sie haben sich heraufgearbeitet und ihr Glück gemacht. Das mag stimmen. Aber unter den vielen Tausenden gab es nur einige Glückliche und ich gehöre eben zu den Tausenden, zu dem Durchschnitt. Nach dem Kampf draußen kamen die Kämpfe in der Heimat. Ich erinnere mich zum Beispiel an den Kampf um ein Gebiß. Das klingt sicher sehr komisch und eher lächerlich. Und doch schien er mir ebenso wenig lächerlich wie der Kampf um Verdun. Meine Zähne wurden im Krieg schlecht. Zahnlos konnte ich keine Stellung suchen. Die Behörden behaupteten, meine Zähne hätten nichts mit dem Krieg zu tun.“

Aus: „Bankbeamter vor dem Abbau“, erschienen in der Berliner Abend-Zeitung Tempo, 5. November 1929

Es sind die Stimmen der Unterprivilegierten, der kleinen Leute, denen sie Gehör verschafft hat. Jede ihrer Reportagen zeichnet ein realistisches, nüchternes Bild der Weimarer Republik im Niedergang – Massenarbeitslosigkeit, Inflation und das Trauma des Krieges im Rücken. Sie muss eine ungeheuer wache und mutige Frau gewesen sein: Maria Leitner (1892-1942), die das Schicksal so vieler anderer begabter, talentierter Menschen dieser Zeit teilt: Im Nationalsozialismus vertrieben, im Exil verschollen, später vergessen. Dabei zählt sie – berücksichtigt man zudem, dass wohl etliche ihrer Schriften auf der Flucht vor den Nazis für immer verloren gingen – auch zu einer der produktivsten Journalistinnen und Schriftstellerinnen der Weimarer Republik. Vor allem ihre Reportagen vermitteln auch heute noch ein eindrückliches, lebendiges Bild dieser Zeit.

Cristina Fischer schreibt in „Die junge Welt“:

„Unscheinbar und voll unbändiger Energie muss Maria Leitner Mitte der 30er Jahre durch das faschistische Deutschland gehuscht sein. Als engagierte Kommunistin aus einer jüdischen Familie war sie 1933 über Prag nach Paris geflohen. Inkognito kehrte sie immer wieder aus dem Exil zurück, um an Schauplätzen der Kriegsvorbereitung brisantes Material zusammenzutragen. Für Reportagen, die ihresgleichen suchen. Es war ihre zweite Emigration. Aufgewachsen war Leitner in Budapest, wo sie die Kommunistische Jugend mitgegründet haben soll. Im August 1919 war die ungarische Räterepublik nach vier Monaten gefallen. Leitner hatte das Land verlassen müssen. So verschlug es sie nach Berlin, wo sie als Journalistin arbeitete. Bekanntheit erlangte sie 1932 mit einem Reportageroman über ihre Erfahrungen als Billigjobberin in verschiedenen Ländern, »Eine Frau reist durch die Welt«. Auch ihr Roman »Hotel Amerika« (1930) über elende Arbeitsbedingungen in einem New Yorker Luxushotel fand Beachtung. Polnische, russische, spanische Übersetzungen erschienen. Heute wäre Leitner gleichwohl weitgehend vergessen, hätte die Publizistin Helga Schwarz nicht seit den 60er Jahren Biographie und Werk erforscht.“

Paris und Prag bleiben ab 1933 nicht die einzigen Stationen dieser Frau auf der Flucht. 1942 stirbt sie, entkräftet und ausgehungert, in Marseille, nachdem sie sich lange vergebens um eine Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigung für die USA bemüht hatte. Lange galt Maria Leitner als verschollen, von der umtriebigen und herumgetriebenen Einzelgängerin sind wenige private Zeugnisse hinterlassen. Erst Helga Schwarz hat ihr Schicksal zur Gänze aufgedeckt.

In der Reihe der „Wiederentdeckten Schriftstellerinnen“ des AvivA Verlages wurden  zwei Bände mit journalistischen und belletristischen Arbeiten von Maria Leitner veröffentlicht.

2013 erschien „Mädchen mit drei Namen“: Neben Reportagen aus Deutschland aus den Jahren 1928 bis 1933 enthält der Band auch den titelgebenden Roman. Dieser erscheint wie eine ernstere Version eines im selben Jahr herausgekommenen Buches von Irmgard Keun: Ein „kunstseidenes Mädchen“, weniger flapsig, mehr Moll im Ton. Veröffentlicht wurde er als Fortsetzungsroman im der Zeitung „Die Welt am Abend“, die am 11. Juli 1932 stolz verkündete:

„Die unseren Lesern durch ihre Romane und Reportagen bekannte Schriftstellerin Maria Leitner hat für die Welt am Abend einen Berliner Roman unter dem Titel „Mädchen mit drei Namen“ geschrieben, mit dessen Veröffentlichung wir morgen beginnen. Maria Leitner schildert in diesem Roman, der besonders Frauen interessieren dürfte, die Erlebnisse eines jungen Mädchens, das aus der Provinz nach Berlin kommt, in die Fürsorge gerät, entflieht, neues Mißgeschick erfährt und zuletzt den Weg findet, der allein eine Rettung aus allem Wirrwarr verheißt.“

Fehlgedacht, wer meint, es sei die in den 1930er-Jahren den Frauen nahegelegte Rettung in Ehestand und Mutterschaft, die der Roman zum Ende propagiert: Schließlich war „Die Welt am Abend“ eine kommunistische Boulevardzeitung und Maria Leitner eine linke, feministische Autorin. Die Rettung ihrer Ich-Erzählerin lag folgerichtig im Erwachen ihres politischen Bewusstseins und in der Solidarität mit anderen.

Ähnlich wie auch bei anderen politisch denkenden und schreibenden Autoren wie beispielsweise Theodore Dreiser, der später vergeblich Maria Leitner aus Europa heraushelfen wollte oder auch Upton Sinclair leidet bei Maria Leitner zwar der literarische Stil ein wenig unter der politischen Intension. Stärker und dezidierter im Stil sind ihre journalistischen Arbeiten und Portraits: Der „Bankbeamte vor dem Abbau“, der von den Nöten und Ängsten der unteren Mittelschicht erzählt, das Tauentzien-Girl, das für 16 Mark die Woche rund um die Uhr Reklamezettel verteilt, das Warenhausfräulein, die Stenotypistin, das Dienstmädchen, die Hebamme, die ledige, selbst noch kindliche Mutter. Es sind die Menschen, meist die Frauen, die in den „Berliner Miniaturen“ und den Großstadt-Reportagen, die Maria Leitner zwischen 1928 und 1933 schrieb, im Mittelpunkt stehen. Maria Leitner muss nicht nur eine aufmerksame Beobachterin gewesen sein, sondern auch jemand, zu dem die Menschen Vertrauen fassten, dem sie sich öffneten – sie erzählen von der Tristesse ihres Lebens, vom Ringen um jeden Pfennig, von der Hilflosigkeit angesichts der zunehmenden Verarmung, von ihrer Wut und ihrem Zorn. In kurzen Portraits zeichnet sie Figuren dieser Zeit – so wie Fräulein Hase, eine in „Ehren ergraute Sekretärin“:

„Man spricht nur noch über „unsere Kolonien“, „unsere Flotte“, „unsere Kriegshelden“. Für dieses „unser“ haben die Kleinbürger teuer zahlen müssen. Sie wurden enteignet und verproletarisiert. Sie leben wie Proletarier, sie ahnen aber nichts von der Sendung des Proletariats. Sie möchten nur zurückkriechen in eine Vergangenheit, die es nur in den Lesebüchern und in ihrer Phantasie gab. Fräulein Hase früh gealtert, mit einem nervösen Tick behaftet, immer ausgebeutet, geplagt von Hunger und Angst vor einem Hauswirt, der sie und ihre Mutter jeden Tag auf die Straße setzen könnte, hat sich trotzdem nicht geändert.
Sie wäre tief verletzt, wenn man sie als eine Proletarierin ansprechen würde. Sie ist stolz auf ihre gute Familie, sie ist stolz auf ihre Tugend, die sie vor Versuchungen schützte, so drückt sie sich aus.“

Auch der 2014 vom AvivA veröffentlichte Band „Elisabeth, ein Hitlermädchen“ vereint den (erneut) titelgebenden Roman und weitere Reportagen, die zwischen 1934-1939 entstanden sind. Vor allem anhand dieser Arbeiten wird der außergewöhnliche Mut dieser Frau deutlich: Maria Leitner war als gebürtige Ungarin, Linke, Feministin, Revolutionärin, kritische Autorin und Jüdin im „Dritten Reich“ in mehrfacher Hinsicht gefährdet. Doch noch aus dem Exil reiste sie mehrere Male zurück nach Deutschland, um dort unter Lebensgefahr über die Kriegsvorbereitungen vor Ort zu recherchieren und Material für ihre Veröffentlichungen zu sammeln, die sie noch einige Zeit in französischen, tschechischen und russischen Zeitungen platzieren konnte. Undercover recherchiert sie in Berlin, Leverkusen, Wittenberg, schafft es zu den Giftküchen bei Hoechst, berichtet über die Solinger Waffenschmiede und aus dem noch freien Saarland. Neben der Aufrüstung thematisiert sie auch das Alltagsleben der Deutschen, zwischen „Kraft durch Freude“ und Antisemitismus. Wie stark ihre Überzeugungskraft gewesen sein muss, zeigt eine eher anekdotenhafte Geschichte aus Düsseldorf: Es gelingt ihr, in das längst schon für die Öffentlichkeit gesperrte „Heinrich Heine- Zimmer“ in der Stadt- und Landesbibliothek zu kommen.

„Ich gebe mich damit aber noch nicht zufrieden und gehe in die Kartothekräume der Bibliothek. „Könnte ich, bitte, das Heine-Zimmer sehen?“
Alle Anwesenden, Frauen und Männer, es sind die Angestellten der Bibliothek, halten in ihrer Arbeit inne und blicken mich verwundert an. Einer knurrt: „Wissen Sie denn nicht, daß das Heine-Zimmer geschlossen ist? Von wo kommen Sie denn her?“
„Aus Amerika“, sage ich, „und ich bin in Düsseldorf nur ausgestiegen, um das Heine-Zimmer zu sehen.“
Alle starren mich an, als wäre ich ein Wundertier: die kommt aus Amerika und ahnt nichts davon, wie es in Deutschland zugeht! Aber gab es nicht auch Leute im Krieg, die nichts von ihm wussten? Ich blicke heiter und unbefangen vor mich hin.“

Das Lakonische, der pointierte und spritzige Stil ihrer Reportagen bleibt in den Romanen etwas zurück. Spürbar ist, dass die Journalistin, die den Fakten verhaftet ist, ihrer Phantasie Zügel anlegt – vieles bleibt schemenhaft, die Figuren sind eher „Typen“ als deutlich herausgearbeitet. Aber dennoch ist „Elisabeth, ein Hitlermädchen“, lesenswert, wenn man es als wohl wohleinzigartiges Zeugnis dieser Zeit nimmt. Der Roman, ebenfalls ein Resultat der Recherchen, die Maria Leitner in NS-Deutschland unternahm, zeigt Einblicke in eine Welt, die so häufig nicht dokumentiert sind – in die Welt der jungen Frauen, die aus politischen oder anderen Gründen in Arbeitslager abgeschoben wurden. Schon die Tatsache, dass eine jüdische Linke aus der Sicht eines Hitlermädchens schrieb ist ungewöhnlich genug.

Die naive Elisabeth, Schuhverkäuferin, lernt einen SA-Jungen aus besseren Kreisen kennen, wird schwanger, muss abtreiben, kommt in ein Arbeitsdienstlager der Landhilfe im Osten. Dort werden junge Frauen gedrillt und gehirngewaschen. Bei Elisabeth, die anfangs noch tapfer dem Glauben an den „Führer“ anhängt, beginnt nach dem Selbstmord einer Freundin langsam ein Sinneswandel.

Der Roman erschien 1937 in der Pariser Tageszeitung. Es ist anzunehmen, dass wenige derer, die Leitner mit ihren Arbeiten erreichen wollte, „Elisabeth“ gelesen haben. Maria Leitner, das wird an ihren Reportagen spürbar, wollte aufdecken, aufrütteln, hatte – das zeigen auch die beiden Romane – den Wunsch, gerade junge Frauen aus der NS-Euphorie, zu reißen. Das Wort – es blieb ohnmächtig. Aber: Zumindest wurde es geschrieben.

Ganz vergessen wurde Maria Leitner auch nach Ende des Zweiten Weltkrieges nicht. In den 80er Jahren erschienen einige Bücher in der DDR. Zu verdanken ist dies Helga W. Schwarz, die mit ihrem Mann Wilfried nun auch die Herausgeberin der beiden Bände im AvivA Verlag ist. Sie erforscht seit Jahrzehnten das Leben der Autorin. Ein umfassender Aufsatz zu Maria Leitner von Helga W. Schwarz findet sich auf der Homepage der Gesellschaft für Exilforschung.

Ein Auszug aus dem Essay von Helga W. Schwarz:

„Sie hat auch nie „das Jüdische“ vordergründig gestaltet, abgesehen von den Konflikten der jungen Sara in der Novelle Sandkorn im Sturm (1929), die auch eine Zigeunerin sein konnte und der Witwe Bronnen in Danziger Gespenstergeschichte (1939). Maria Leitner hat sich selbstbewusst stets als Ungarin präsentiert, und als solche kannte man sie in ihrem Umfeld – was mir wiederholt mündlich bestätigt wurde. Die in letzter Zeit vordergründige Betonung einer jüdischen Abstammung und der nur daraus abgeleiteten besonderen Gefährdung hätte ihr sicher missfallen, (wobei vermutlich noch nicht völlig geklärte familiengeschichtliche Aspekte hineinspielen könnten). Sie war zweifellos auf Grund ihrer politischen Überzeugungen und Aktivitäten nach 1933 in die bekannte lebensbedrohliche Situation geraten, was sie auch in ihrem Brief an Theodore Dreiser erläutert: „… dann wurden meine Bücher verbrannt und mein Name erschien auf der schwarzen Liste. Das geschah hauptsächlich, weil viele Berichte von den Lebensumständen in Deutschland und der bereits frühen Manifestierung der geheimen Unternehmungen der Nazis handelten. Ich machte mit dieser Arbeit für antifaschistische Zeitungen weiter, aber natürlich im Geheimen und unter sehr gefährlichen Umständen als die Nazis an die Macht kamen und zeigte die gigantischen deutschen Kriegsvorbereitungen. . . . Ich wurde in verschiedene KZ-Lager gesteckt und ich war in der Gefahr von den französischen Behörden an die Deutschen ausgeliefert zu werden.

Ich habe immer gegen die Ungerechtigkeit gekämpft und gegen die Nazi’s, die ich als Gefahr für den Weltfrieden betrachtete. . . aber ich war niemals Mitglied einer politischen Partei. . . helfen Sie mir, wenn Sie können. . . .“

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Upton Sinclair: Boston

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„Mögen die Historiker Nachforschungen anstellen und die Psychologen grübeln und die Philosophen spekulieren und alle aus dem Fall machen, was immer sie können, doch der Prozess um Sacco und Vanzetti, dessen Echos wie die Druckwellen einer Explosionsserie um die Welt liefen und dafür sorgen sollten, dass in Buenos Aires und Genf die Fensterscheiben der amerikanischen Botschaften zu Bruch gingen und Pariser Taxifahrer den amerikanischen Ladys das Geld ins Gesicht warfen – dieser Cause célèbre nahm seinen Anfang in einem sogenannten Krinimaldetektor, der von einer dubiosen Halbweltfigur erfunden und von einer namenlosen Italienerin in East Boston befragt wurde.“

Upton Sinclair, „Boston“, OA 1928, in deutscher Übersetzung 2017 durch Viola Siegemund, Manesse Verlag, Zürich.

Eine Warnung vorneweg: Für einen Sprint ist dieser Roman nicht geeignet. Mehr für einen Marathon. Manchmal wird die Strecke etwas monoton, öfter auch kommt man auch an derselben Kreuzung vorbei. Und dennoch: Erreicht man das Ziel, ist man geschafft. Fix und fertig. Aber dennoch, rückblickend: Froh, dass man das Wagnis eingegangen ist.

Wenn sich der Schriftsteller und Aktivist Upton Sinclair (1878 – 1968) daran machte, einen Roman zu schreiben, dann fasste er sich selten kurz. Das 1928 erschienene halbdokumentarische Werk „Boston“ schlug jedoch selbst für seine Verhältnisse Längenrekorde: Auf beinahe 1000 Seiten schildert Sinclair  den Justizskandal um Sacco und Vanzetti, zwei italienische Einwanderer, die 1927 in den USA hingerichtet wurden. Die beiden Männer, Aktivisten der anarchistischen Arbeiterbewegung, wurden 1921 wegen der Beteiligung an einem Raubmord in Massachusetts vor Gericht gestellt. Trotz mangelnder Beweise, fragwürdiger Zeugenaussagen, fehlender Indizien und bestehender Alibis wurden Sacco & Vanzetti schuldig gesprochen und zum Tode auf dem elektrischen Stuhl verurteilt. Sieben Jahre lang kämpften Bürgerrechtler, politische Aktivisten,  Schriftsteller – darunter natürlich Upton Sinclair, aber beispielsweise auch John Dos Passos und Dorothy Parker – sowie etliche Rechtsanwälte um das Leben der beiden Männer. Vergeblich: Mehrere Revisionsanträge wurden unter fadenscheinigen Gründen abgewiesen, in mehreren Instanzen scheiterten die Anwälte vor allem an dem erzkonservativen Richter, der die Arbeiter schon vor dem Prozess vorverurteilt hatte. Ihre Hinrichtung bewegte Menschen in der ganzen Welt. Bis heute stehen die Namen Sacco & Vanzetti für politisch motivierten Justizmord.

„Das ist unsere Bestimmung und unser Triumph“, hatte Bart einst verkündet, und zugegeben, noch nie hatten „ein braver Schuhmacher und ein armer Fischhändler“ weltweit für so viel Aufregung gesorgt. Am Samstag, zwei Tage vor der Hinrichtung, wurde in Buenos Aires der Generalstreik ausgerufen; in Berlin fand ein Protestmarsch der Gewerkschaften statt sowie die erste Radikalenversammlung im ehemaligen Oberhaus des Königreichs Preußen; in London demonstrierten an die zehntausend Bürger vor der amerikanischen Botschaft; in Genf erging ein Aufruf, amerikanische Waren zu boykottieren; in Russland wurden in jeder größeren Stadt Massenkundgebungen abgehalten; und in Paris gingen hunderttausend Arbeiter auf die Straße, mit roten Fahnen und riesigen Schildern, auf denen das amerikanische Rechtssystem nicht gerade gut wegkam. (…) Nur in Massachusetts selbst herrschte Stille. Ganz Boston kauerte im Schatten der eisernen Ferse, und angesichts des drohenden Verlusts ihrer Rechte galt unter den Bürgern nur mehr eine einzige einfache Regel, die jeder verstand: Mach, was die Polizei sagt, und halt ansonsten den Mund.“

Der „zeithistorische Roman“ Sinclairs erschien also bereits ein Jahr nach dem Ende der beiden Anarchisten – sprachliche Finesse kann man hier, insbesondere da Sinclair von Haus aus kein herausragender Stilist war, nicht erwarten. Manches wirkt redundant, was allerdings bei der Fülle an Material wiederum nicht verwundert: Sinclair arbeitete in eine fiktive Rahmenhandlung (eine ältere Dame, eigentlich der oberen Klasse entstammend, befreit sich nach dem Tod ihres Ehemanns von der Familie, geht für ein Jahr in eine Fabrik, lernt dabei Vanzetti kennen und schätzen und, überzeugt von seiner Unschuld, mobilisiert sie eine siebenjährige Kampagne für seine Freisprechung) eine Vielzahl von Quellen, darunter Prozessakten, Zeitungsberichte, Texte von Sacco und Vanzetti und vieles mehr ein.

So ist „Boston“ eigentlich selbst ein „Augenzeugendokument“, wenn auch ein sehr voluminöses. Warum sich das Buch jedoch auch heute noch, trotz seiner Längen, zu lesen lohnt: Über den Fall „Sacco & Vanzetti“ hinaus, legt Upton Sinclair, die Strukturen einer verfilzten Gesellschaft frei, die sich – mit aller Gewalt – behaupten will.
Sinclair, insbesondere in den Jahren zwischen den Weltkriegen vor allem ein in Europa einer der am meist gelesenen Autoren, entblößt das ganze Machtgefüge, entblättert die politischen Intrigen, die Interessenspolitik und Verstrickungen von Kapital, Politik und Medien in Boston, die zwangsläufig zum Tod von Sacco & Vanzetti führen mussten. In der angespannten Stimmungslage nach dem Ersten Weltkrieg benötigten die Industriellen in den USA – auch mit ängstlichem Blick auf die politischen Erschütterungen in der „Alten Welt“ – ein Feindbild, um vor allem die aufbegehrende Arbeiterschaft in Schach zu halten. Sacco und Vanzetti wurden für eine Tat verurteilt, die sie (höchstwahrscheinlich) nicht begangen hatten. Aber sie waren Anarchisten und sie waren Einwanderer – das genügte. Ihre Verurteilung fiel in eine Zeit, als in den USA die „Rote Angst“ bewusst geschürt wurde.

Vieles von dem, was Sinclair in seinem umfangreichen Roman beschreibt, erinnert an spätere und aktuelle Episoden der amerikanischen Geschichte: Die politische Hysterie, die Vermischung von politischen und geschäftlichen Interessen, die Dominanz des Kapitals. Maike Albath besprach den Roman nun anlässlich der Neuübersetzung im Deutschlandfunk:

„Boston“ bietet eine erschütternd aktuelle Schilderung kapitalistischer Verrohung und zeigt auf, mit welchen Mitteln herrschendes Recht gebeugt werden kann. Die Neuübersetzung orientiert sich vor allem in der vielschichtigen Figurenrede stärker am Original. Eine Wiederentdeckung, die es in sich hat.

Dem ist nichts hinzuzufügen.

Verlagsangaben zum Buch:
https://www.randomhouse.de/Buch/Boston/Upton-Sinclair/Manesse/e456802.rhd

Die Buchvorstellung in Deutschlandradio Kultur:
http://www.deutschlandfunkkultur.de/upton-sinclair-boston-diese-wiederentdeckung-hat-es-in-sich.950.de.html?dram:article_id=388891

Und ein recht umfangreicher und inhaltlich stimmiger Artikel zu Sacco und Vanzetti bei Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Sacco_und_Vanzetti

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Amerikanische Nestbeschmutzer – Upton Sinclair, Theodore Dreiser und John Steinbeck

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Bild: (c) Michael Flötotto

„Bis vor ein oder zwei Jahren waren auf den Schlachthöfen auch Pferde geschlachtet worden, angeblich zur Herstellung von Düngemitteln; aber nach langer Agitation hatte die Presse der Öffentlichkeit klarmachen können, dass die Pferde in die Fleischkonserven wanderten. Jetzt war es daher gesetzlich verboten, in Packingtown Pferde zu schlachten, und dieses Gesetz wurde sogar befolgt – jedenfalls vorläufig.“ 

Upton Sinclair, „Der Dschungel“, 1906, Neuauflage beim Europa Verlag Zürich 2013.

Eine große Zeit der politischen Romane lag in der amerikanischen Literatur in den bewegten 1920er und 1930er Jahren. Insbesondere Sinclair Lews (1885-1951), der erste amerikanische Schriftsteller, der den Literaturnobelpreis erhielt, steht für diese Phase der kritischen Darstellung amerikanischer Gegenwart – ihm wird beizeiten hier ein eigener Beitrag gewidmet werden. Heute der Fokus auf drei andere Autoren und ihre Romane, die – wenn auch kurz – die Welt ein wenig verändert haben.

Upton Sinclair (1878-1968) landete 1906 mit seinem Debütroman “Der Dschungel” einen literarischen und politischen Sensationserfolg. Er verstand sich selbst als Enthüllungsjournalist, der mit seinen Texten Missstände offenlegen wollte. Für den Dschungel hatte er über Wochen hinweg in den Schlachthöfen Chicagos recherchiert – und war dort tatsächlich auf einen Dschungel gestoßen, in dem ein eigenes Gesetz gilt, in dem nur die Stärksten überleben. Sein Buch schildert schonungslos die menschenverachtenden Arbeitsmechanismen der Lebensmittelindustrie am Beispiel einer litauischen Familie, die an den Härten der Ausbeutung untergeht. 

Sinclair zeigt die Folgen eines gnadenlosen, nur auf Gewinn ausgerichteten Kapitalismus: Monopolisierung, Schieberei, Korruption, Zwangsprostitution, Ausbeutung, Armut, Umweltzerstörung. Das ganze Spektrum in einem Roman. Der Autor, der selbst aus ärmlichen Verhältnissen stammte, wurde im Nachgang als „muckraker“, sprich Nestbeschmutzer angeprangert – man könnte das „muckraking“ fast schon als spezifische Stilart der nordamerikanischen Literatur bezeichnen: Auch John Steinbeck, Theodore Dreiser, John Reed und Dos Passos gehören mit zu dieser Klasse engagierter, linker, journalistisch geprägter Literaten. 

Trotz der Diffamierungsversuche blieb das Buch nicht ohne Folgen: „Onkel Toms Hütte der Lohnsklaverei“ (Jack London) führte immerhin zu neuen Lebensmittelgesetzen. Sinclair war jedoch enttäuscht, dass die amerikanischen Bürger mehr an der Qualität der Konserve als am Schicksal der Arbeiter interessiert waren. „Ich zielte mit meinem Roman auf das Herz und das Gewissen der Amerikaner, aber ich traf nur ihren Magen“, beklagte er sich später….oder wie Brecht sagte: „Erst kommt das Fressen, dann die Moral!“ 

Sinclairs Werke wurden in zahllose Sprachen übersetzt und gingen um die Welt. In der Weimarer Republik war er einer der meistgelesenen Autoren. Stilistisch und literarisch gehören seine Romane nicht zur ersten Garde – Sinclairs Dschungel ist stark dort, wo er die Auswirkungen der Massenausbeutung auf einen seiner Protagonisten schildert. Das Buch ist aber auch streckenweise belehrend, detailversessen und trocken-mühsam: Die sozialistische „Erweckungspredigt“ mit fast schon biblischen Zügen wirkt etwas verstaubt.  

Eine amerikanische Tragödie – Theodore Dreiser

“The usual criticism of Dreiser is that, line for line, he’s the weakest of the great American novelists. And it’s true that he takes a pipe fitter’s approach to writing, joining workmanlike sentences one to the other. But by the end he will have built them into a powerful network, and something vital will be flowing through them.”

So lautete 2010 das Urteil von Richard Lacayo, der in der Time an den Roman “Eine amerikanische Tragödie” (1925) erinnerte. 

Stimmt: Ein Lesevergnügen ist dieser Wälzer nicht – vor allem, wer zuvor die Verfilmung mit Elizabeth Taylor und Montgomery Clift gesehen hat, der wird anhand der Dutzenden von Seiten, die von Erweckungspredigten und religiösem Eifer handeln, kapitulieren. Glamour ist was anderes. Und dennoch: So minutiös, wie Dreiser (1871 – 1945) den Aufstieg und Fall des jungen Clyde Griffiths, der schließlich auf dem elektrischen Stuhl endet, schildert, lässt einen das 800-Seiten-Buch nicht unberührt. Die Stärke des Romans liegt in seiner Gesamtheit: Ihn zu lesen, bedeutet Arbeit, doch das Ergebnis sind Figuren und Schicksale, die man nicht vergisst.

Die Story in der Kurzfassung: Clyde gelingt es, sich aus den Fängen des bigotten Vaters, der sich als Straßenprediger durchschlägt, zu befreien, in dem er zunächst Hoteljunge wird. Ein Leben immer am Rande von Armut und Kleinkriminalität. Durch Zufall trifft er auf einen reichen Verwandten, der ihm einen Job in seiner Fabrik vermittelt. Dort erfährt er zwar erstmals materielle Sicherheit, aber auch Ausgrenzung: Der Zugang zum “Geldadel” seines Onkels bleibt ihm verwehrt, bis sich ein Mädchen aus besseren Hause in ihn verliebt. Sein Aufstieg wäre perfekt, wäre da nicht die Arbeiterin Rosalie, die behauptet, von ihm schwanger zu sein. Clyde plant zwar, Rosalie umzubringen, tut es jedoch nicht – und wird dennoch (wegen anstehender Wahlen und dem Druck auf die Staatsanwaltschaft) zum Tode verurteilt. Ganz im Stil der französischen Naturalisten wie Zola und Balzac zeigt Dreiser an “der amerikanischen Tragödie” das Zusammenspiel des Dreigestirns “Sex, Geld und Macht” auf. Clyde Griffiths, so wird deutlich, hatte niemals eine wirkliche Chance, den amerikanischen Traum vom Tellerwäscher zum Millionär zu leben.

Dreiser war, trotz seines schwerfälligen und streckenweise moralinsauren Tons, auch in Europa und natürlich in der Sowjetunion ein vielgelesener Schriftsteller. Er stammte selbst aus einer Familie ähnlich jener seiner Hauptfigur Clyde – er war das zwölfte Kind in einer deutschen Einwandererfamilie, die unter Armut und der Bigotterie des Vaters litt. Das Schreiben bedeutete für ihn auch eine Befreiung aus diesen engen Verhältnissen.  

Früchte des Zorns – John Steinbeck

“Eine Minute lang saß Rose von Sharon still in der Scheune, auf deren Dach leise der Regen flüsterte. Sie ging langsam hinüber in die Ecke und blickte herab in das verwüstete Gesicht, in die großen angstvollen Augen. Und dann legte sie sich neben ihn. Er schüttelte müde den Kopf. Rose von Sharon lockerte ihre Decke an einer Seite und entblößte ihre Brust. “Du must”, sagte sie. Sie drängte sich dichter an ihn und zog seinen Kopf zu sich heran. “Komm, hier!” sagte sie. “So.” Sie schob ihre Hand hinter seinen Kopf und stützte ihn. Ihre Finger fuhren sanft durch sein Haar. Sie blickte auf und durch die Scheune, und ihre Lippen schlossen sich und lächelten geheimnisvoll.”

Das ist eines der literarischen Bilder, die man wohl nie vergisst: Die junge Frau, die eine Totgeburt erlitten hat und einen verhungernden Mann, einen Landstreicher wie sie, an ihrer Brust trinken lässt. Harter Tobak, mit dem John Steinbeck (1902 – 1968) seine “Früchte des Zorns” enden ließ. Man spürt in dieser Schlußszene förmlich, wie der Autor sein lesendes Publikum noch einmal packen und rütteln will: Schaut her, was bei uns im Lande geschieht.  

Der Roman entstand 1937/1938 und erschien unter dem Originaltitel “The Grapes of Wrath” 1939. Er erregte sofort Aufsehen, wurde in einigen amerikanischen Bundesstaaten verbrannt, in Kalifornien sogar zwischenzeitlich verboten, aber auch 1940 mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet und noch in diesem Jahr von John Ford erstklassig verfilmt. John Steinbeck kannte die Nöte der Wanderarbeiter aus eigener Erfahrung: Er hatte selbst in Kalifornien als Erntehelfer gearbeitet und die Not der Farmerfamilien, die in den Depressionsjahren ihr Hab und Gut verloren hatten und sich auf der Suche nach Arbeit auf Wanderschaft befanden, kennengelernt. In “Früchte des Zorns” schildert Steinbeck anhand der Familie Joad ein typisches Schicksal jener 1930er-Jahre: Schlechte Ernten, vor allem aber die drückende Kreditlast und die Unnachgiebigkeit der Banken führen dazu, dass die Familie ihre Farm in Oklahoma verliert. Kalifornien wird als das Paradies für Arbeitssuchende angepriesen – doch die Familie wird schon auf dem mühsamen Weg dorthin mit der Realität konfrontiert: Die landlosen Arbeiter werden ausgebeutet, kaum bezahlt oder um ihren Lohn geprellt, in den Schlaflagern ausgepresst und ausgenommen. Sie leben tatsächlich immer am Rande des Verhungerns. Steinbeck, der große Humanist, schildert diesen Passionsweg voller Anteilnahme für seine Figuren, zugleich aber auch mit dezidierter Kritik an den Verhältnissen.  

Wie “Der Dschungel” hatte auch “Früchte des Zorns” unmittelbare Auswirkung auf die amerikanische Gesetzgebung: Die beiden Romane wurden öffentlich so stark diskutiert, dass die Legislative folgen musste und jeweils die Rechte der Verbraucher und der Arbeiter stärkte. Die amerikanische Tragödie löste wieder einmal eine Diskussion um die Todesstrafe aus – ohne gravierende Folgen allerdings.

Zumindest kurzfristig konnten diese Bücher die Welt minimal verbessern – wenn man über eine “nachhaltige” Wirkung nachdenken würde, müsste man eigentlich verzweifeln. Siehe hier: http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2008/04/22/fruechte-des-zornsund-des-widerstands/

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Anthony Doerr: Alles Licht, das wir nicht sehen

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Fluchtpunkt Saint-Malo – im Roman ein wenig Licht am Ende des Tunnels. Bild von Lulu35 auf Pixabay

Ich nenne es eine Pulitzer-Preis-Verschwörung: Es muss in der Jury in den vergangenen Jahren insgeheim die Entscheidung gefallen sein, im Bereich Belletristik vor allem Bücher auszuzeichnen, die durch ihr Volumen bestechen. Seitenmasse vor literarischer Klasse. Nun haben sie wieder zugeschlagen, die Liebhaber des dicken Buches – die jüngste Auszeichnung ging an Anthony Doerr, dessen Roman bei C. H. Beck in deutscher Übersetzung vorliegt: „Alles Licht, das wir nicht sehen“.

Ähnlich wie die zuvor preisgekrönten Werke – Donna Tartts „Distelfink und Adam Johnsons „geraubter Waise“ – hat dieser Roman für mich vor allem ein großes Defizit: Die Geschichte zerfleddert, hat ihre Längen, nimmt mich über die lange Strecke hinweg gesehen nicht bis zum Ende hin mit. Ebenso wie seine Pulitzer-Vorgänger ist dieser Roman stilistisch überwiegend durchaus gut, wenn auch konventionell erzählt, hat eine außergewöhnliche Geschichte im Mittelpunkt, ist thematisch also zunächst fesselnd…aber sie zerläuft im Sande an der Küste bei Saint Malo.

In nicht wenigen Rezensionen wird die poetische Sprache des Buches gewürdigt – für mich hangelte sich der Autor da nah an der Grenze zum Kitsch-Verdacht entlang. Ein Eindruck, den auch Hans-Peter Kunisch, der das Buch in der Süddeutschen Zeitung auseinandernahm, hatte:

„Erblinden ist eine Entdeckung der Unsicherheit: „(. . .) ihre Finger sind zu groß, immer zu groß. Was ist Blindheit? Wo eine Mauer sein sollte, greifen ihre Hände ins Leere. Wo nichts sein sollte, läuft sie gegen einen Tisch. Autos brummen durch die Straßen, Blätter flüstern am Himmel, Blut rauscht durchs Innenohr.“ Kurze, aber emotionsgeladen lyrische Sätze mit Human Touch setzen den Grundton. Doch je dicker ein Autor aufträgt, desto näher liegt die Grenze zum Kitsch. Doerr, der gern Flugblätter und Landschaften poetisch verzaubert („ein Morgen Ende Februar, die Luft duftet nach Regen und Ruhe“), setzt auf einfühlsames Pathos. Bei Marie-Laure trägt das noch am ehesten. In Untiefen aber gerät seine Sprache, wenn sie Werners Erziehung in der Napola schildert. Doerr legt auch hier viel Emphase in Atmosphäre und Charaktere. Aber statt der märchenhaften Zerbrechlichkeit um Marie-Laure entsteht, als saftiger Kontrast, ein übler Schauerroman.“

Zudem lässt sich an den drei genannten Büchern eines festmachen: Sie treffen vor allem den Zeitgeist. Spielt der Distelfink durch sein Ausgangsszenario mit den Terrorängsten der US-Amerikaner, nimmt Adam Johnson den mystischen Erzfeind der USA, Nordkorea, ins Visier. Doerrs Roman über eine Geschichte zu Zeiten des Zweiten Weltkrieges kommt zum richtigen Zeitpunkt, da die Welt dieser Katastrophe mit symbolträchtigen Jubiläumsereignissen gedenkt.

Ich muss zugeben: Für mich sind die Auszeichnungen der 2010er-Jahre, Jennifer Egan ausgenommen, bislang eher enttäuschend. Literarische Konfektionsware. Die Fähigkeit, eine Geschichte stringent voranzutreiben, einfach und knallhart zu erzählen, die Kunst der Beschränkung auf das Wesentliche – sie sind verloren gegangen. Wurden geopfert auf dem Altar der ausufernden Erzählweise. Pulitzer-Preisträger früherer Jahre wie Steinbeck, Faulkner, Sinclair – sie besuchten die Schule des Lebens. Die Pulitzer-Preisträger unserer Tage studieren kreatives Schreiben. Vielleicht macht das den Unterschied.

Zur Verlagsseite mit weiteren inhaltlichen Angaben geht es hier.

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