Henning Kreitel: im stadtgehege

Bild von melancholiaphotography auf Pixabay

in morgendlicher bahnsteigkälte
gehetztes schnäuzen
gewissenloses husten
dem nächsten ins gesicht

geborgen hauche ich ans fenster
zeichne umrisse
in den bunten scheibenschleier
einiges wird klarer

Henning Kreitel, „im stadtgehege“.

Oftmals holt die Wirklichkeit die Poesie ein: Der Gedichtband „im stadtgehe“ des Fotografen und Schriftstellers Henning Kreitel erschien bereits im November 2019, als Corona eine Erkrankung war, die noch weit entfernt war. Und nun verwandeln auch unsere Städte ihr Gesicht: Ungewohnt still, beinahe unbelebt.

Die Stadt, ansonsten ein Gehege, in dem das Leben pulsiert, mit allen seinen Schattenseiten: Die Gedichte Kreitels kreisen unverkennbar um die Metropole Berlin, ein Ort an dem „saftiges schreigespräch“, „handygegröl“ und „huptumult“ dominieren. Der Spaziergänger „im auswegkreislauf auf ruhesuche“ findet keinen rückzugsort. Nur ab und an, vor allem morgens, eine „arie am morgen“ und „einsamer amselgesang“.

„Berlin ist im Übergang und generiert seine neuen Ortsgefühle und widersprüchlichen Emotionen“, schreibt Frank Eckardt, Professor für Stadtsoziologie an der Bauhaus-Universität Weimar, im Vorwort zu diesem Gedichtband. So zeugten auch Kreitels Gedichte von „Ambivalenz und schwieriger Aneignungsfähigkeit“.

Im Stadtgehe entscheidet sich nachts in einem Augenblick, ob man „raubtier oder beute“ ist, derweil die „lustentkernten kiezbewohner“ ankämpfen gegen die Leere ihres Lebens. Die Stadt: In diesem Buch zwar ein belebter, aber nur in Teilen lebenswerter Ort.

Der Unruhe städtischen Lebens, die er mit Worten vermittelt, setzt Henning Kreitel Illustrationen von großer Ruhe entgegen: Stille Ecken, aufgenommen in den großen Berliner Parks. Rückzugsorte, so in den Erläuterungen, die „als Steckdosen“ dienen, um wieder Energie zu tanken und vom stressigen Stadtalltag abzuschalten.

Kreitel bearbeitete seine Bilder im Eisendruckverfahren, der Cyanotypie, deren charakteristischer das „Berliner Blau“ ist. Die Serie „Auf Ruhesuche“ ist, so der Fotograf, noch nicht abgeschlossen. Die Suche geht weiter.

Informationen zum Buch:
Henning Kreitel
im stadtgehege
Mitteldeutscher Verlag 2019
Broschiert, 112 × 186 mm, 110 Seiten, Cyanotypien, 12,00 Euro
ISBN 978-3-96311-312-3

Henning Ziebritzki: Vogelwerk

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Wandertaube

„Jedes Gedicht wie ein Grabstein, auf dem nur das Geburtsdatum steht,
unwiederholbar vorbei, was nicht aufhört, in deinem Kopf aufzuschwärmen,
Aufruhr im Gedankenfleisch (…)
Jede Zeile wie ein Schluck, ätzend, jeder Schluck ein Bollwerk
gegen alles, was nicht inspiriert ist, gegen das Leiden der Kreatur,
die Panik, eines Zombies Pilgerfahrt zu sein.“

Henning Ziebritzki, „Vogelwerk“

Die Wandertaube, sie ist in diesem Vogelwerk die einzige ihrer Art, die bereits ausgestorben ist – symbolhaft steht sie da, in diesem schmalen Band, für das, was in unserer Natur, in der Welt allgemein verloren geht. Damit meine ich nicht nur den tatsächlichen Raubbau an unseren Ressourcen, sondern auch das Talent des Menschen innezuhalten, still zu beobachten.

Der Anblick einer Amsel, die sich „aus ihrem Geräuschversteck“ schüttelte, gab dem Lyriker und evangelischen Theologen Henning Ziebritzki den Anstoß zu diesen 52 Gedichten, als er mitten in einer Schreibkrise steckte. Poetische Ornithologie in nüchternem Sprachgewand: Keine rauschhaften, mystisch aufgeladenen Naturbeobachtungen bietet dieser Band, sondern eher präzise-sachliche Beschreibungen, eingekleidet in Alltags- und Innenbetrachtungen, einer in „Unruhe geratenen Subjektivität“, wie es in einer Besprechung durch Kristian Kühn in „Signaturen“ heißt.

So beim „Grünspecht“:

„(…) Leuchtender wird sein Grün,
sein Rot, weil die Sonne zu seinem Gefieder
spricht, der Nebel mit seinem Flug,
als er rufend fortfliegt, sein Gellen
Stille wird, die mit sich spricht.“

Für „Vogelwerk“, an dem Ziebritzki sechs Jahre arbeitete, erhielt er heuer den wichtigsten deutschen Lyrikpreis, den Peter-Huchel-Preis. Eine nicht unumstrittene Entscheidung, wie Kritiker Tobias Lehmkuhl im Deutschlandfunk urteilte:

„Es ist ein schöner Band, es ist ein guter Band, es ist ein sehr lesbarer Band“, sagt er. Aber er sei wenig aufregend. „Also, die Sprache ist hier Mittel zum Zweck, die Sprache ist nicht so aufgeladen, nicht zum Zerreißen gespannt. Sie ist halt Werkzeug in dieser Naturbetrachtung, Naturbeschreibung, aber sie geht kein Wagnis ein.“ 

Unabhängig von der Debatte um die Preiswürdigkeit: Lesenswert ist das „Vogelwerk“ allemal. Es bietet in einer Zeit, in der wir umgeben sind von aufgeregtem digitalen Gezwitscher, Momente der Stille, der Ruhe, die in uns erst dazu befähigen können, den dunklen Schrei des Habichts zu hören oder die „flackernde Flamme“, die die Wassertaube hinterlässt, wahrzunehmen.

Denn dieses Innehalten, das Verharren, das Warten, das Beobachten und damit auch die Zurückgeworfenheit auf das eigene Ich, das ist es, was diese sachliche gehaltene Poesie beinhaltet und den Leser bieten kann. Beim Beobachten von Amsel, Rotdrossel, Teydefink und Kormoran werden die Fragen aufgeworfen, die das Menschsein ausmachen: Leben, Sterben, Einsamkeit, Zweisamkeit, Vergänglichkeit. Solchermaßen begründete auch die Jury für den Peter-Huchel-Preis ihre Entscheidung:

„Henning Ziebritzkis dritter Gedichtband ‚Vogelwerk‘ lässt sich keineswegs einfach als beschauliche Ornithologie oder poetische Mimesis der Schöpfung beschreiben. … Vielmehr hat Ziebritzki in 52 Gedichten, die jeweils mit einem Vogelnamen überschrieben sind, ein lyrisches Kalendarium sinnlicher Grenzerfahrungen und Überwältigungsmomente geschaffen. Den Porträts jeder einzelnen Vogelart ist immer auch ein Selbstporträt des lyrischen Subjekts eingeschrieben. Dabei spricht kein unbeteiligter, in sich ruhender Beobachter, sondern einer, der sich existenziellen Fragen aussetzt.“

Es ist der Weißstorch, der für eine gewollte Verlangsamung der Zeit steht:

„Mehr Schnabel als Kopf, mehr Warten
als Bewegen, als Suchen und langsames
Abmessen, ein Stocken, ein Schreiten,
das Rückschritt bleibt (…)

Informationen zum Buch:

Helmut Ziebritzki
Vogelwerk  
Wallstein Verlag, 2019
Gebunden, 64 Seiten, 18,00 Euro
ISBN 978-3-8353-3554-7


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Admiral Mahić: Flirrende Visionen

Sarajevo. Bild von Chris Spencer-Payne auf Pixabay

Rab bei Bora

Wohl dem der die Bora liebt,
auch auf einer ankernden Fähre.
Stahlharte Matrosen springen herab
wie Gewitterhummeln.
Bei der Kapelle essen zwei kleine Mädchen
aus einer Papiertüte gezuckerte Hostien.
Die göttliche Vernunft pflanzt Menschen an
wächst mit ihnen und besänftigt die Panik.
Wolken ballern, die Dunkelheit rauscht
den Weinberg entlang, über dem aufgerissenen Meer.
„Ich besitze eine Blume, die niemand pflücken kann“
Alles ist Staub außer dem Wohlsein.
Alles ist Glut und Salz.

Aus: „Flirrende Visionen“ von Admiral Mahić

Es ist, als habe die Bora selbst, dieser harsche Küstenwind an der Adria, diese Gedichte an Land gespült: Sie sind nicht aus Worten geschrieben, sondern aus den Elementen gemacht. Feuer, Wasser, Erde, Luft. Da ist einer, der das Leben und die Liebe feiert, auch deren schmerzhafte Seiten und dies in ekstatische Lieder gießt.

Vielsagend ist bereits das erste Gedicht dieses Bandes, der ein ganzes Leben in einem Tag unterbringt. Die „Memoiren eines jungen Banjalukaners“ umfassen das poetische Konzept dieses Dichters, der die Tradition des Volkssängers mit der Moderne verbindet:

„Genau um 9.29 am 19. Jänner
vor Christus und Mohammed sprang ich aus einer fliegenden Untertasse
auf das vereiste Dach der Gebärklinik von Banja Luka…“

Und von dort aus führt uns der Dichter im rasenden Galopp durch ein Land, das geprägt ist von seinen Traditionen, von den politischen Verwerfungen älterer und jüngster Zeit, in der Liebe und Gewalt Hand in Hand gehen.

Der bosnische Dichter Admiral Mahić (1948 – 2015) war Mitbegründer des P.E.N. Zentrums von Bosnien-Herzegowina, Herausgeber des Magazins „Republika poezije“ und einer alljährlich stattfindenden Künstlerkarawane durch die Herzegowina. Vor allem aber war er, so der Verlagstext, ein „Philanthrop und Weltbürger“, „Vertreter einer ekstatischen Poesie, die das Leben feiert, aber auch Echoraum für das multikulturelle Milieu Bosniens und die historischen Verwerfungen in diesem Raum“ sind.

Deutlich wird dies beispielsweise an einem Gedicht, das vergleichsweise kurz und sehr konkret ist und sich auf die Brücke bezieht, an der 1914 das Attentat verübt wurde, das die Welt erschütterte:

Princips Brücke

Wasser tropft
aus einem jungfräulichen Speier.
Es brennt mir in der Hand.

Der Brücken-Attentäter
taumelte in die Denkerstube.
Eine Waffe kann
auch eine Abenteuerreise bescheren …

Die Türen der Tramway
öffnen sich:
Archivalien steigen aus
unter der Achsel des Richters.

Da wo Princip stand
befinden sich jetzt zwei Ampeln
und Verkehrszeichen
die auf Passanten schießen.

Wie oben bereits bemerkt, bildet dieses Gedicht in seiner Konkretheit beinahe eine Ausnahme unter den „flirrenden Visionen“, die von Wind, Glut und Kraft dieser europäischen Region geprägt sind, von einem Dichter geschrieben sind, der von sich selbst sagt:

Falls ich noch in diesem Leben weile
muss ich mich vergiftet haben
mit den Geräuschen des Surrealen …

„Flirrende Visionen“ heißt demnach auch der zweisprachige Band, der eine Art Vermächtnis für dieses dichterische Werk ist. Ausgewählt und übersetzt wurden die Gedichte von Barbara Sax, die Lektorin am Institut für Slawistik und am Institut für Bildungs- und Erziehungswissenschaften in Graz ist.

Informationen zum Buch:
Admiral Mahić
Flirrende Visionen
Mit einem Nachwort von Faruk Ŝehić
danube books, Ulm, 2019
Hardcover, Fadenheftun, 164 Seiten, 18 Euro
ISBN 978-3-946046-16-5


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Agnieszka Lessmann: Fluchtzustand

Bild: Michael Flötotto

Mutter Sprache

Jetzt, nach ihrem Tod schreiben:
Schritte barfuß auf rissigem Boden
an den Rändern der Schollen
bröckelt der Staub
Es erscheint ein einziges Wort:
DURST

Agnieszka Lessmann, „Fluchtzustand“.

Jedes einzelne Gedicht in diesem ganz aktuell erschienenen Band ist ein Stolperstein, ein Denkanstoß. „Fluchtzustand“: Ein Zustand, so wird es an einzelnen Poemen deutlich, den die Autorin aus eigenem Erleben kennt, das dringt aus Gedichten wie „Zimmer hier“ und „Erinnerung an Wien, 11. November 1968“ hervor, die sich mit Vergangenheit und Herkunft auseinandersetzen.

Aber im „Fluchtzustand“ zu sein, das ist auch die Situation der Menschen, mit denen die Kulturjournalistin und Hörbuchautorin Agnieszka Lessmann in ihrer Arbeit als Dozentin bei Integrationskursen zu tun hat.

Für die vielen Facetten dessen, was Heimatverlust bedeutet, was die Unsicherheit des Ankommens in einer fremden Welt heißt, wie der Bruch zwischen Vergangenheit und ungewisser Zukunft vonstatten geht, für diese Facetten findet und nutzt Lessmann in ihrem ersten Gedichtband verschiedene Formen: Mal in kürzester Verdichtung wie in „Mutter Sprache“, mal in fast balladenhafter Langform, mal lautmalerisch, mal direkt und mitten ins Mark.

Und mit Bildern, die sich einprägen. So ein Auszug aus dem anrührenden Gedicht „Wie man sein Haus verlässt“, das Fluchtzustände aus drei Ländern und drei Generationen zusammenführt:

ragen die Skelette der
Häuser von Aleppo
in grauen Himmel
wo der Alp und die Zitronen
fallen aschen in
den Sand.

Agnieszka Lessmann wurde in Polen geboren und wuchs in Israel und Deutschland auf. Mehr Informationen zur Autorin finden sich unter www.agnieszkalessmann.de

Die Autorin liest zudem aus ihrem Band bei den Kölner Literaturclips.

Informationen zum Buch:
Agnieszka Lessmann
Fluchtzustand
Elif Verlag 2020
Klappenbroschur mit Fadenheftung, 100 Seiten, 18,00 Euro
ISBN 978-3-946989-28-8

Ein Interview mit der Autorin findet sich auf dem Blog Bücheratlas.

Kadhem Khanjar: Dieses Land gehört euch

Bild von David Mark auf Pixabay

Sie veröffentlichten ein Foto seiner Leiche auf Facebook.
Der Leiche meines kleinen Bruders.
Und nachdem wir ihn nirgends finden konnten,
druckten wir das Foto aus, wuschen es, wickelten es in ein Tuch und begruben es
auf dem Familienfriedhof.

Kadhem Khanjar, Auszug aus dem Gedicht „Leichen“.

Sie wirken in unseren Augen vielleicht beinahe surreal, aber sind doch so realitätsnah, die Gedichte von Kadhem Khanjar. Sie zeigen uns, wie weit weg wir in unserer gut situierten Welt von den Geschehnissen im Nahen Osten sind, wie wenig wir davon ahnen, was dort tatsächlich vor sich geht.

Die Gewalt, der Tod, sie sind allgegenwärtig in diesen Langgedichten, die der irakische Lyriker und Performer in seinen beiden Gedichtbänden „Picknick mit Sprengstoffgürtel“ und „Wir kämpfen zum Vergnügen“ veröffentlicht hat.

Wenn du der einzige Lebende bist unter Leichen,
dann bist du wie eine Leiche
unter Lebenden.

So ist das Gedicht „Sektarianistisches Tagebuch“ das genaue Gegenteil unserer Schöpfungsgeschichte von einem Gott, der an sieben Tagen die Welt schuf. In den sieben Tagen, die Khanjar schildert, ist alles auf Zerstörung angelegt, wird gezeigt, wie Sunniten und Schiiten versuchen, einen Fluss aus Blut zu bilden.

Diese Gedichte sind in der Schilderung der fast schon alltäglich zu nennenden Brutalitäten in dieser Region kaum auszuhalten – daher ist dem Band auch diese Anmerkung vorangestellt:

„Die Bilder expliziter Gewalt, von denen Khanjars Texte durchzogen sind, entsprechen einem breiten Trend in aktueller arabischer Literatur, ein Widerschein der teilweise dystopischen Realitäten der Region.“

Aber sie zeigen eben: Realität. In einem Portrait über den 1990 geborenen Dichter im „Deutschlandfunk Kultur“ ist eine Begründung für seinen direkten Stil zu finden:

Vor drei Jahren gründete Khanjar mit befreundeten Autoren in Babel die Kultur-Miliz. Sie lasen ihre Texte auf Friedhöfen, in Krankenwagen und Leichensäcken oder mit orangener Gefangenenkleidung in einem Käfig des so genannten Islamischen Staats und filmten sich dabei für’s Internet.

„Wir hatten es satt, über den Blick aus dem Fenster zu schreiben oder über Wolken. Wir müssen auf das Blut der jungen Leute hinweisen, die jeden Tag zu Dutzenden oder Hunderten auf der Straße sterben und deren Leichen unauffindbar sind.“

Das Buch „Dieses Land gehört euch“ vereint die beiden oben genannten Gedichtbände von von Kadhem Khanjar und ist die erste Veröffentlichung in deutscher Sprache. Die Übersetzung leistete Sandra Hetzl.

Informationen zum Buch:
Kadhem Khanjar
Dieses Land gehört euch
Mikrotext 2019
E-Book und Taschenbuch

Walle Sayer: Mitbringsel

Bild von Peter H auf Pixabay

Unspektakulär kommen sie daher, unaufgeregt und irgendwie auch „schwäbisch“-bedächtig, die „Mitbringsel“ von Walle Sayer. „Mitbringsel“, das sind kleine Betrachtungen über das Leben auf dem Lande, zu einer Kindheit und Jugendjahren in einem überschaubaren Raum, das sind Miniaturen von Land und Leuten – mal universell, mal ganz exakt verortet wie der Anblick einer Frauengruppe im Heimatmuseum oder des Platzwartes auf dem Fußballplatz. Das alles ist konkret und doch übertragbar: Augenblicke, die im alltäglichen, im normalen Leben stattfinden, hier und anderswo. Mich spricht diese Ruhe an, diese Genauigkeit des Beobachtens, die Liebe zum Detail. Und natürlich ist es für mich herkunftsbedingt besonders schön, in einigen Zeilen Dialektwörter vorzufinden, „Bäbbigsüßes“ und „schleckig“ beispielsweise.

Das ist poetisch, ruhig und manches Mal voll hintersinnigem Witz:

Kleine Aufrechnung (Auszug)

Seine Schnäpschen, ihre Schnäppchen.
Ihr Beleidigttun, seine Ehrenkäsigkeit.
Seine Kegelbrüder, ihre Betschwestern.
Ihr umsomehrer, sein nichtsdestotrotz.

Der Beschäftigungstherapeut verordnet Nichtstun (Auszug)

Also wiegt man
Schneeflocken ab,
schöpft Wasser mit dem Sieb,
entrümpelt eine ausgeräumte Wohnung (…)

Aus: Walle Sayer, „Mitbringsel“.

Als „Mitbringsel“ bezeichnete auch die Jury zum Gerlinger Lyrikpreis Sayers Gedichte:

„unscheinbare Dinge, unspektakuläre Ereignisse und gemeinhin Übersehenes bringt er uns vor Augen, zeichnet alltägliche Details mit knappen, präzisen Strichen. Wenige Zeilen genügen dem Meister der kleinen Form für seine lyrischen Feinarbeiten, die etwa ein Kerngehäuse sezieren und in eine Streichholzschachtel passen.“

Jurymitglied und Lyrikkenner Michael Braun charakterisiert den Dichter und sein Werk treffend in einem Beitrag für den SWR (dort sind auch weitere Gedichte aus „Mitbringsel“ zu lesen):

„Mit ganz wenigen Strichen kann er ein ganzes Weltgebäude skizzieren. Und dabei bewahrt er sich die zentrale Eigenschaft, die für das Schreiben von Gedichten unerlässlich ist: die Fähigkeit zum Staunen, jenen innigen Blick auf die Dinge, der unser Alltagsuniversum so ausleuchtet, als sähe man all diese Gegenstände zum ersten Mal.“

Informationen zum Autor: Walle Sayer bei Literaturport

Informationen zum Buch:
Walle Sayer
Mitbringsel
Verlag Klöpfer, Narr / 2019
Gebunden, Lesebändchen, 121 Seiten, 20 Euro
ISBN 978-3-7496-1011-2


Joachim Ringelnatz – Weihnachten

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Bild von Free-Photos auf Pixabay

Liebeläutend zieht durch Kerzenhelle,
Mild, wie Wälderduft, die Weihnachtszeit,
Und ein schlichtes Glück streut auf die Schwelle
Schöne Blumen der Vergangenheit.

Hand schmiegt sich an Hand im engen Kreise,
Und das alte Lied von Gott und Christ
Bebt durch Seelen und verkündet leise,
Dass die kleinste Welt die größte ist.

Joachim Ringelnatz (1883 – 1934)

Liebe Leute,

was, ist denn schon Weihnachten? Ein paar Tage dauert es zwar noch, aber ich verabschiede mich heuer mit Ringelnatz sehr frühzeitig in die Weihnachtspause. Und mit ihm möchte ich auch Danke sagen bei euch: Fürs Folgen, für das Interesse, für das Mitlesen und den Austausch.

Für mich ist der Blog nach wie vor ein Geschenk, dass ich mir selber mache: Weil mir das Schreiben über die Bücher, die ich lese, nach wie vor sehr viel Freude macht. Und die Freude verdoppel sich, wenn ich dadurch auf das eine oder andere Buch aufmerksam machen kann oder sich ein Austausch ergibt. Eure Likes und Kommentare sind ein Zeichen der Wertschätzung – dafür vielen Dank.

A propos Geschenke: Seit einiger Zeit ergänze ich meine eigenen, längeren Beiträge durch einen Spendenbutton. Ich habe lange gezögert, ob ich das tun soll. Ich möchte mich an dieser Stelle bei den Menschen, die mich bestärkt haben, dies zu tun, bedanken. Und ein herzliches Dankeschön an die Spenderinnen und Spender für eure Beteiligung!

Ich wünsche allen ein persönlich friedliches und schönes Weihnachtsfest in dieser unruhigen Zeit, glückliche und erholsame Tage und einen guten Start in das Neue Jahr!

Wir lesen uns 2020 wieder,

eure Birgit

 

 

Lia Sturua: Enzephalogramm

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Unergründlich? Das menschliche Gehirn und seine Zellen. Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

Verrat, Schmerz, nagelreiche Stellen
über mich, wenn ich Korrektur lese,
kann es sein, dass ich einen Druckfehler mache –
eine kleine Lüge,
Hauptsache, man glaubt mir den Text!

Lia Sturua, „Enzephalogramm“, Edition Monhardt, 2018.

Schreiben, das ist ein ewiges Ringen um das richtige Wort, die Suche nach dem wahrhaften Ausdruck. Selten ist mir das so bewusst geworden wie bei der Lektüre der Gedichte von Lia Sturua. Da spricht eine Stimme zu uns, mal rau, spröde, mal wild, mal zärtlich und liebevoll, aber auch melancholisch und beinahe verbittert. Ihre Gedichte treffen mitten ins Herz und bewegen das Hirn: Dem oftmals nüchternen, der Realität verhafteten Beginn folgen surreale Bilder, überraschende Gedankenvolten, die beim Lesen Einhalt gebieten, zum Nachdenken bringen, enträtselt werden wollen. Da ist eine, die auf der Suche ist nach den Bildern, die den Windungen ihrer Gedankengänge entsprechen – das ist beeindruckend, das ist manches Mal auch verstörend, aber vor allem ist es überragend schön.

Es ist, als lege die georgische Schriftstellerin mit ihren Gedichten eine Kartografie der Gefühle an im Widerstreit mit dem, was ihr der Verstand eingibt – die Vielfalt der Gedanken, erfasst in einem „Enzephalogramm“. Mit diesem nüchternen medizinischen Begriff ist der erste Gedichtband mit Übertragungen ihrer Lyrik ins Deutsche der nunmehr 80-jährigen Autorin betitelt. Dass wir ihren Hirnströmen folgen dürfen, ist der Übersetzung von Nana Tchigladze und der Nachdichtung durch den Verleger Stefan Monhardt zu verdanken – sie machen uns eine ganz besondere Stimme der georgischen Literatur zugänglich.

„Enzephalogramm“ umfasst vor allem Gedichte aus den beiden letzten Bänden, die die Lyrikerin in Georgien veröffentlichte: Zeilen einer älter werdenden Frau, die von Einsamkeit und Vergänglichkeit sprechen, von Verlusten, vergangenen Lieben, nie geborenen Kindern. Lia Sturua beschönigt dabei nichts, zieht ganz nüchtern Bilanz, die Bilanz eines langen Lebens:

(…) wie damals, als ich noch zur Begeisterung fähig war –
zu kräftiger Begeisterung; Hymne, Kapelle,
Symphonieorchester!
Für eine Glühbirne und den in die Tür eingeklemmten
gelblichen Streif genügt auch Kammermusik,
mezza voce, die leise Freude,
dass jemand zu Hause ist, und wenn keiner,
der entsprechende Gram, eine Salonform der Verzweiflung,
die mit knirschenden Zähnen auf mich wartet
als das Wirklichste, das es heute noch gibt.

Die große Dame der georgischen Lyrik – ihre erste Gedichtsammlung veröffentlichte die Philologin bereits 1965, es folgten weitere Lyrikbände, Essays und ein Roman – wirft dabei in ihren Gedichten einen unerbittlich klaren Blick auf sich, aber auch auf die Außenwelt.

(…) Manchmal gewöhnt man sich an einen Menschen
wie an ein Ding oder an das Brot,
an die Alltäglichkeit,
manchmal entdeckt man es und läuft weg (…)

Die Gleichsetzung von Menschen und Dingen, sie gehört zum poetischen Kosmos der Lia Sturua, die so nüchtern über die Angelegenheiten des Körpers einer (älterwerdenden) Frau spricht, zugleich aber einen „letzten Gedanken“ der „Beseeltheit eines Stuhls“ widmet.

Ihre Zeilen stehen da, als müsse sie sich immer wieder auch ihrer selbst versichern: Als Frau, als Liebende, als Schreibende – die Rolle der Dichter greift sie immer wieder auf, ironisch in der Außenbetrachtung, durchaus auch bissig wie in dem Poem „Nach Motiven von Platon“ oder in „Wer bist du jetzt?“:

Dichter, süß wie Zuckerwatte,
oder unreife Diebe,
dass noch die Luft davon Zahnschmerzen bekommt?

Allen Zeilen haftet diese unmittelbare, zumindest mich sehr tief berührende Wahrhaftigkeit an – denn; „ (…) ein Enzephalogramm kann nicht lügen“. Ein Jahr nach dem Gastland-Auftritt Georgiens gibt es aus der Literatur dieses Landes immer noch so viel zu entdecken – Lia Sturua ist dabei ein ganz besonderer Schatz!

Hervorzuheben ist auch die handwerklich liebevolle Gestaltung des Bandes, der in einer nummerierten Auflage erschienen ist. Für Liebhaber der georgischen Schrift sind alle Gedichte im Original der deutschen Übertragung gegenübergestellt.

Bibliographische Angaben:
Lia Sturua
„Enzephalogramm“
Edition Monhardt, 2018
23,00 Euro, Hardcover, Lesebändchen, Fadenheftung, 124 Seiten
ISBN 978-3-328-9817789-4-6

Ein Blick auf das besondere Verlagsprogramm der Edition Monhardt ist sehr zu empfehlen: https://monhardt.de/

Ludwig Uhland – Frühlingsglaube

Die linden Lüfte sind erwacht,
Sie säuseln und weben Tag und Nacht,
Sie schaffen an allen Enden.
O frischer Duft, o neuer Klang!
Nun, armes Herze, sei nicht bang!
Nun muß sich alles, alles wenden.

Die Welt wird schöner mit jedem Tag,
Man weiß nicht, was noch werden mag.
Das Blühen will nicht enden.
Es blüht das fernste, tiefste Tal;
Nun, armes Herz, vergiß der Qual!
Nun muß sich alles, alles wenden.

Ludwig Uhland (1787 – 1862)


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Dagrun Hintze: Einvernehmlicher Sex

„Auf der Mitte des Lebens kann Liebe
verdammt beunruhigend sein
aber auf der Mitte des Lebens
gelang es mir jetzt
mit Hilfe des Stadtplans zurückzukehren
an den Platz auf dem ich sitzen wollte
allein“

Dagrun Hintze, Auszug aus „Pfirsiche kaufen“.

In und auf der Mitte des Lebens hat eine Frau idealerweise schon einige Variationen der Liebe hinter sich, Erfahrungen gesammelt, Dramen erlebt, Enttäuschungen überstanden, Hoffnung geschöpft, den Zauber des Anfangs und die Magie des Bleibens erfahren – von all dem erzählt die 1971 in Lübeck geborene Schriftstellerin Dagrun Hintze in ihrem neuesten Gedichtband „Einvernehmlicher Sex“.  Einigen Lesern des Blogs dürfte sie noch durch ihre Fußballgeschichten unter dem Titel „Ballbesitz“ in Erinnerung sein – und wer so unterhaltsam und treffend über Fußball schreiben kann, der kann das auch über weitere wichtige Nebensächlichkeiten des Lebens: Liebe, Sex, Erotik.

„Ich hatte in meinem ganzen Leben
noch nie einen One-Night-Stand hinbekommen
auch wenn jede zweite Frauenzeitschrift
behauptet dass man das vor Dreißig
geschafft haben muss“

… heißt es im titelgebenden Gedicht „Einvernehmlicher Sex“. Ob es der Erzählerin mit 40 gelingt (oder eben auch nicht), sei an dieser Stelle nicht verraten. Aber schon die wenigen Zeilen machen deutlich: Mit der Autorin könnte man einen herrlichen Frauenabend verbringen, bei ein paar Glas Wein kichernd und lachend die eigenen Liebespleiten austauschen. Es sind Geschichten vom ersten Petting, damals, mit fünfzehn, mit dem Sohn eines Müslifabrikanten über die Begegnung mit einem Tschechen, den frau gerne 20 Jahre früher kennengelernt hätte bis hin zum veritablen Liebeskummer, der unvermittelt über einen hereinbricht, weil sieben Jahre nach der misslungenen Liebesgeschichte plötzlich Brian Ferry im Taxi erklingt. Love is the Drug.

In 38 Prosagedichten erzählt Dagrun Hintze vom Liebesleben einer modernen Frau: Mal heiter, mal lakonisch, mal wehmütig, mal überschwänglich. In Szenen, die man selber kennt, von Gefühlen, die man nachvollziehen kann. Und hier trifft es der Text des Verlags, der behauptet: „Man begleitet die Erzählerin durch Höhen und Tiefen und merkt irgendwann, dass man sich zwischen den Zeilen befreundet hat.“

Mein Lieblingsgedicht in diesem Band ist jedoch eines geworden, das vergleichsweise verklausuliert wirkt:

Zwischenstand

Bis hier
Ein Fell auf nackter Haut
die auch nicht mehr schneeweiß ist
und Leberflecke an pikanten Stellen
Nicht aus der Zeit gefallen
auch nicht verrückt geworden
Pfefferminztee
und ein halbes Leben

Die Autorin Simone Buchholz äußert sich begeistert über die Gedichte der „open mike“-Preisträgerin 2005:

„Dagrun Hintze haut einem die Poesie um die Ohren, dass die Welt aus dem Takt gerät, mitten hinein in die schönste Schieflage, in eine zarte Schlagseite, ins heftigste Wetter, in bunte Himmel, und man möchte mit ihr und ihren Piratenfreunden durch diese Nächte und Tage tanzen, von denen sie schreibt.“

„Einvernehmlicher Sex“ ist erschienen bei Minimal Trash Art (MTA), einem Verlag für Musik, Texte und Bilder, der heuer sein 20-jähriges Bestehen feiert. Reinschauen lohnt sich: https://www.minimaltrashart.de/

Dagrun Hintze
Einvernehmlicher Sex
38 Gedichte

80 Seiten
Taschenbuch
12,00 Euro

ISBN 978-3-9814175-3-1-
Minimal Trash Art (MTA)
2018

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