IM LYRIKRAUM: Gerd Baumann

Hochintressant

Alles kommt, wie`s kommen muss,
alles gießt sich hin im Fluss,
ich wart, im Regen, auf den Bus
und geh, wenn er nicht kommt, zu Fuß.

Gerd Baumann, „Hochintressant“ aus „Das Schaf des Pythagoras“.

Lyrik muss für mich nicht immer hermetisch, symbolgeladen, verschlüsselt und mit Metaphern überfrachtet sein. Mein schlichtes Gemüt ergötzt sich durch aus an gehobenem Blödelsinn, da bricht dann durch, dass auch ich der Generation entstamme, die mit Heinz Erhardt sozialisiert wurde.

Und so können mich auch die verrückten, verspulten Gedichte des bayerischen Musikers und Lyrikers Gerd Baumann herrlich amüsieren: Da wird mit viel Witz und Hintersinn den großen Fragen der Menschheit nachgegangen, beispielsweise: „Was, wenn Ich nicht mehr Ich wäre, sondern Du!“. Am Ende möchte man das Du denn doch Du sein lassen. Oder warum einer den Moment, den man Leben nennt, „knetet“, dichtet und singt? Das liegt auf der Hand: „denn, wenn`s heißt: Jetzt ist`s gewesen/ gibt`s Musik und was zu lesen“.

Baumann unterhält mit seinen schrulligen Einfällen mal mit ironischen Kurzzeilern, mal gereimt, mal in freien Rhythmen, und mittendrin stößt man sogar auf eine ausgewachsene Ballade: Die „Malade Ballade vom unbekannten Mann“. Eines haben die Gedichte, trotz unterschiedlicher Form, jedoch immer gemeinsam: Sie sind, auch bei ernsteren Themen, selbst dann, wenn es politisch wird, von einer wohltuenden Leichtigkeit. Ein Beispiel:

Hase, du bleibst hier
Chemnitz, Sommer 2018

Fast wär er hinterhergesprungen
dem einen, vielgehassten, dunklen
Fremder, der hier einfach eingedrungen,
doch so blieb`s beim Augenfunkeln

und beim wohlvertrauten Grölen
mit seiner Glatzen-Clique, die seit Jahren
was man ja wohl noch sagen darf
sagt, und – eben – unverhohlen grölt.

Doch plötzlich duckt und zuckt der Nazi
wie ein gut gezähmtes Tier,
da ein Stimmchen ihn zur Ordnung ruft:
Hase, du bleibst hier.

Ein besonderes Faible scheint der Autor für Schafe zu haben, diese oft als dumm verpönten Tiere. Da gibt er dann den Wolf im Schafspelz und schmuggelt vollkommene Nonsense-Vierzeiler in den Gedichtband und das Langgedicht „Hintersinnige, hommage-artige Ansprache eines gerissenen Schafs an einen aus Schafsicht vermeintlich idealen Schäferhund, der am Ende nur scheinbar enttäuscht ist und besonnen, aber krude reagiert.“

Dazu kann ich nur sagen: Mäh! Ich wünsche euch einen höchst vergnüglichen Sonntag.

Zum Autor:
Gerd Baumann studierte in München und Los Angeles Gitarre und Komposition. Er hat unter anderem die Musik für Filme von Regisseur Marcus H. Rosenmüller geschrieben, betreibt das Plattenlabel „Millaphon Records“ und den Musik-Club „Milla“ in München.

Zum Zeichner:
Martin Klett ergänzt die skurillen Gedichte durch witzige, in der Form reduzierte Illustrationen. Er studierte Design in München und ist Inhaber der Agentur „Perfect Accident“.

Zum Buch:
Gerd Baumann
Das Schaf des Pythagoras
edition lichtung im lichtung verlag, 2020
Gedichte, mit Illustrationen von Martin Kett, 2020, Hardcover, 96 Seiten, 14,90 Euro
ISBN 978-3-941306-98-1
Weitere Informationen mit Konzert zur Buchpremiere hier: https://www.lichtung-verlag.de/index.php/aktuelles/2-uncategorised/61-gerd-baumann.

Bücherhamstern (18): Findelkind. Geschichte einer Münchner Familie

Vom Verlag STROUX edition wird heute das Buch  »Findelkind. Geschichte einer Münchner Familie« von Eva M. Bauer vorgestellt.

Foto_Findelkind_SätzeSchätzeDas Buch:

Helenes Ur-Großmutter soll ein Findelkind gewesen sein, aber niemand in der Familie weiß etwas Genaueres darüber. Fast scheint es, als habe es diese Ur-Großmutter nie gegeben. Es findet sich kein einziges Foto, kein Brief, kein schriftliches Zeugnis. Auch Nachfragen bei Helenes Mutter ergeben nur mehr Fragmentarisches, denn deren Gedächtnis lässt immer weiter nach. So entschließt sich Helene, die Geschichte ihrer Münchner Ur-Großmutter Anna-Maria und damit die eigene Familiengeschichte selbst zu erzählen – so anschaulich und plausibel wie nur möglich. Sie beginnt ihre Familien-Saga um 1850, als die kleine Anna-Maria in einem Korb auf den Stufen einer Münchner Kirche ausgesetzt wird und endet mit dem Moment der eigenen Geburt etwa hundert Jahre später.

Seit Generationen lebt die Familie von Eva M. Bauer in der Bayerischen Hauptstadt. Mit fünf Geschwistern ist die Autorin in München aufgewachsen, studierte hier und wurde Lehrerin, ist als freie Journalistin tätig und schreibt Romane. In »Findelkind« beschreibt sie nicht nur eine Familiengeschichte, sondern zeichnet zugleich ein geschichtliches Panorama der Stadt München bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts.

Der Verlag:

Der 2015 gegründete Verlag STROUX Edition widmet sich dem Thema „Erinnerung“: „Das Gefühl des Erinnerns ist ein vielschichtiges Wechselspiel zwischen Vergangenheit und Gegenwart.“

Die Buchhandlung:

Ihr könnt den Roman bei eurer lokalen Lieblingsbuchhandlung bestellen oder bei einer der wunderbaren Münchner Buchhandlungen, z.B. Literatur Moths, Lehmkuhl, Buch & Bohne, CoLibris, bei der Buchhandlung am Nordbad oder Bücher Hacker.

Informationen zum Buch:

Eva M. Bauer
Findelkind. Geschichte einer Münchner Familie
228 Seiten, gebunden
ISBN 978-3-948065-08-9
Als ebook: eISBN 978-3-948065-13-3

www.stroux-edition.de


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LITERARISCHE ORTE: Thomas Mann in Bayern

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Hinweistafel am Mann-Haus in Bad Tölz. Bild von Birgit Böllinger auf Pixabay

Manche Schriftsteller verortet man unbewusst in bestimmte Landschaften. Oder anders ausgedrückt: Ihr Werk ist geprägt von der Landschaft, in der sie lebten, in der sie arbeiteten. Man denke nur an Theodor Storm oder an Fontane.

Aber bei anderen bringe ich dagegen Lebensorte, Temperament und dessen literarischen Ausdruck nur schwer zusammen. Thomas Mann in Bayern? Obwohl der Hanseat 30 Jahre dort, also die längste Zeit seines Lebens, seinen Lebensmittelpunkt hatte, so verbinde ich mit seinem Namen mehr oder wenig sofort Lübecker Backsteingebäude oder ein Hiddenseer Reetdachhaus.

Ich selbst kann mir Thomas Mann nur schwer als entspannten Landmann, Wanderer in Nagelschuhen, durch die Voralpen streifend und an einem der bayerischen Seen entspannend, vorstellen. Und doch gab es das auch. Nach dem Tod von Thomas Manns Vater 1891 zog seine Mutter – die in Brasilien aufwuchs und Lübeck immer als zu eng empfand – zwei Jahre später mit den jüngeren Geschwistern von Thomas Mann nach München. Thomas folgt 1894 nach und zog in die Stadt, die ihn ebenso prägte wie Lübeck, obwohl er wohl im Herzen, sicher aber im Habitus immer ein Hanseat blieb.

Literarische Spuren von Bayern finden sich in seinem Werk zuhauf: Schon in seinem Debüt „Buddenbrooks“ wird der Norden, sprich die Hansestadt Lübeck, mit München konterkariert. Man denke allein an den Hopfenhändler Permaneder: Die wenig schmeichelhafte Überspitzung des Typs des gemütlichen, gutmütigen, aber auch bauernschlauen Münchners. Dass diese Figur mit so spitzer Feder gezeichnet ist, lag sicher auch daran, dass Thomas Mann zu jener Zeit auch für den „Simplicissimus“ arbeitete.

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Skulptur von Quirin Roth in Gmund am Tegernsee. Bild von Birgit Böllinger auf Pixabay

Hauptsächlicher Wohnort in Bayern ist und bleibt für Thomas Mann München: Hier wird er, nach einem kurzen beruflichen Abstecher in eine Versicherungsanstalt, zum freien Künstler, hier lernt er Katia Pringsheim kennen, hier baut er, dem ein eigenes Haus wichtig ist, seine Villa im noblen Viertel Bogenhausen. Damals freilich noch nicht ganz so nobel. Eine Ahnung davon erhält man in „Herr und Hund“ (1918). In dieser, einer seiner längsten Erzählungen, schildert Mann so ausführlich und akribisch wie selten anhand der Spaziergänge mit seinem Lieblingshund „Bauschan“ die Umgebung, in der er lebt:

„Und doch war die Sache schon so weit gediehen, daß diese Straßen ohne Anwohner ihre ordnungsgemäßen Namen haben, so gut wie irgendeine im Weichbilde der Stadt oder außerhalb seiner; das aber wüßte ich gern, welcher Träumer und sinnig rückblickende Schöngeist von Spekulant sie ihnen zuerteilt haben mag. Da ist eine Gellert-, eine Opitz-, eine Fleming-, eine Bürger-Straße, und sogar eine Adalbert-Stifter-Straße ist da, auf der ich mich mit besonders sympathischer Andacht in meinen Nagelschuhen ergehe (…)“

Die Adalbert-Stifter-Straße in München-Bogenhausen ist immer noch da, die 1913 erbaute Villa der Manns jedoch gibt es nur noch in einer Rekonstruktion: Das Gebäude war bei einem Bombenangriff zerstört worden, Thomas Mann ließ es 1952 vollends abreißen und verkaufte das Grundstück. 2001 wurde es nach den Original-Bauplänen wieder erbaut, aber ist seither als Luxusimmobilie in Privatbesitz.

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Das Mann-Haus in Bad Tölz.

Ein anderes Haus, das sich Mann in Bayern bauen ließ, gibt es jedoch noch im Originalzustand: Die „kleine“ Villa in Bad Tölz, für die schnell wachsende Familie zunächst ein wunderbares Domizil in der Sommerzeit, dann wurde es aber von Kind zu Kind enger. Zumal hier auch „Bauschan“ als weiteres Familienmitglied hinzukam:

„Ein ansprechend gedrungenes, schwarzäugiges Fräulein das, unterstützt von einer kräftig heranwachsenden Tochter in der Nähe von Tölz eine Bergwirtschaft betreibt, vermittelte uns die Bekanntschaft mit Bauschan und seine Erwerbung.“

Dem Hund aus Bad Tölz setzt der Schriftsteller in „Herr und Hund“ ein Denkmal. Ein Denkmal für Herr und Hund ist dagegen nicht in Bad Tölz zu finden, sondern in Gmund an Tegernsee. Seit 2001 steht hier die Skulptur von Quirin Roth und erinnert so daran, dass der Tegernsee, die Badewanne der Münchner, früher schon ein beliebtes Ausflugsziel war – weniger für die Schickeria, sondern für die Münchner Bohème rund um die Mannschaft des „Simplicissimus“. Thomas Mann lernte die Gegend bereits als Kind kennen, als seine Eltern in Wildbad Kreuth zur Sommerfrische waren. Auch später zog es ihn immer wieder in die Region. Die beiden „Ludwigs“ – Ganghofer und Thoma – die vor ihrem Ruck ins Deutschnationale auch für die Satirezeitung schrieben, siedelten hier an, in seinem Haus in Tegernsee frönte der Karikaturist Olaf Gulbransson der Freikörperkultur und schwang gerne auch nackt die Sense, um das Gras zu mähen.

 

Zurück nach Bad Tölz: Ein Thomas Mann-Museum gibt es hier leider nicht (wer im Ort ist, kann das „Bulle von Tölz-Museum“ besuchen, ob es sich lohnt, vermag ich nicht zu sagen), auch kann das Landhaus, das sich Mann 1909 für seine junge Familie bauen ließ und das sie bis 1917 nutzten, nicht besichtigt werden. Dennoch lohnt sich ein Blick auf das Grundstück, wenn man sowohl die privaten Notizen von Thomas Mann aus jener Zeit als auch die Erinnerungen der älteren Kinder an das Haus, an Land und Leute kennt. Erika Mann, die Rastlose, kam in einigen ihrer Texten auf diese Landschaft ihrer Kindheit zurück. In einer 1930 entstandenen „Liebeserklärung an Bayern“ schreibt sie:

„Wenn irgendwo ein Wiesenweg, eine Bergkette, eine Viehweide uns besonders zu Herzen sprach, erkannten wir bald mit dem Heimatlichen die Ähnlichkeit, – fast wie bei Tölz (…).“

Und Golo Mann sagt in „Erinnerungen und Gedanken“:

„Es dauerte dann etwa fünfunddreißig Jahre, bis ich Tölz wieder sah. Anfang der fünfziger Jahre war das meiste noch wie eh und je, die vier Kastanien und „Hüttchen“, letzteres renoviert, das Haus nach außen hin unverändert. Wie sehr seine Verzierungen „Jugendstil“ waren, bemerkte ich erst jetzt.“

Die Villa, seit 1926 im Besitz eines Ordens, dient inzwischen als Erholungsheim für Ordensschwestern und ist öffentlich leider nicht mehr zugänglich. Bad Tölz bemüht sich anderweitig, um an den berühmten Bewohner, wenn dieser auch nicht zu lange hier lebte, zu erinnern. So wird wohl in diesem Oktober noch in der Tölzer Stadtbibliothek ein Thomas-Mann-Zimmer eröffnet – eingerichtet mit Mobiliar und Gegenstand aus dem „Mausloch“. So bezeichnete Mann ein Haus, das der Kunsthändler Georg Martin Richter in der bayerischen Gemeinde Feldafing gekauft hatte. Thomas Mann beteiligte sich mit 10.000 Mark an dem Kauf und konnte sich, wenn es ihm in München zu trubelig wurde, hierher zum Schreiben zurückziehen. Zwischen 1919 und 1923 war er mehrfach dort, dabei entstanden wesentliche Teile des Zauberbergs.

Erwähnt werden müssen, wenn es um Thomas Mann und Bayern geht, zwei Institutionen: Zum einen die Monacensia in München mit ihrer umfassenden Familie-Mann-Bibliothek sowie der neu erarbeiteten Ausstellung „Literarisches München zur Zeit von Thomas Mann“. Und der Literaturwissenschaftler Dirk Heißerer: Keiner kennt so sehr die Spuren großer Schriftsteller in Bayern wie er, insbesondere aber diese von Thomas Mann. Seit Jahren ist er Vorsitzender des Thomas-Mann-Forums München und gibt die Thomas-Mann-Schriftenreihe heraus. In dieser ist auch der Band „Nicht auf der Rasenkante gehen!“ von Daniel Lang, eine Arbeit über die Manns in Bad Tölz und die Geschichte des Hauses, erschienen.


Weitere Informationen:

Daniel Lang, „Nicht auf der Rasenkante gehen!“: Link zum Buch

Thomas Mann in Bad Tölz: https://www.bad-toelz.de/de/kultur-veranstaltungen/kunst-und-literatur/thomas-mann.html

Literarische Spaziergänge mit Dirk Heißerer: https://www.lit-spaz.de/

Monacensio München: http://www.monacensia.net/Aktuelles.htm


Bilder zum Download:

Bild 1, Tafel am Landhaus in Bad Tölz
Bild 2, Denkmal in Gmund
Bild 3, Kopf Thomas Mann


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Uwe Timm: Heißer Sommer

„Ich bin früher gern rausgefahren, gleich nach Schulschluß. Ich hab an einem Waldrand im Gras gelegen und stundenlang in den Himmel gesehen. Ich hab dann an nichts gedacht. Nur manchmal, wenn in der Luft ein Bussard schwebte und plötzlich zur Erde herunterkippte, war das wie ein Stich. Fressen und Gefressenwerden. Ich hab versucht, mir vorzustellen, wie das wäre, eine Welt, in der niemand gequält würde. Ein ruhiges, anhaltendes Glück wie in einem heißen Sommer, wenn man in einer tiefen Wiese liegt und über sich die Wolken ziehen sieht.“

Uwe Timm, „Heißer Sommer“, 1974.

Es war ein Sommer, in vielem vergleichbar mit dem diesjährigen, von dem Uwe Timm in seinem Debütroman erzählt: Temperaturen auf dem Siedepunkt, die politischen Vorgänge ebenso. Nur drei Jahre nach dem Erscheinen des Buches sollte ein Herbst folgen, der als „Heißer Herbst“ beziehungsweise „Deutscher Herbst“ in den politischen Sprachgebrauch überging, 1977, als der Terror der RAF einen Höhepunkt erreichte. Die Radikalisierung einiger, sie war auch eine Folge der Ereignisse, von denen Timm in seinem durchaus auch autobiographischen Roman erzählt. „Heißer Sommer“ war einer der wenigen literarischen Texte über die Außerparlamentarische Opposition und die Studentenbewegung, die zu diesem frühen Zeitpunkt erschienen. Timm hat als Student vieles von den Geschehnissen miterlebt: Er selbst studierte ab 1967 in München, war im Sozialistischen Deutschen Studentenbund aktiv und beteiligte sich an der Besetzung der Münchner Universität. Wie seine Romanfigur Ullrich lebte auch Timm 1968 einige Monate in Hamburg. Dort richteten sich die Studentenproteste vor allem gegen die Springer-Presse und ihr Haupterzeugnis „Bild“.

Aufgeheizte Zeiten

Denn, so kommentierte Thomas Assheuer im Mai 2007 die Ereignisse von 1968 in der „Zeit“: Kaum war der Funke aus Berkeley, der Protest amerikanischer Studenten, nach Deutschland übergesprungen, da eröffnete die Springer-Presse die Jagdsaison. Ob Bild, Welt , Berliner Morgenpost – die Blätter nahmen Aufstellung an der semantischen Bürgerkriegsfront und bezeichneten die Protestierenden wahlweise als »Eiterbeule« oder »immatrikulierten Mob«, als »akademische Gammler« oder »behaarte Affen«. Springers Kommissare verlangten hartes »Durchgreifen«, »Abschieben«, »Ausmerzen«, oder noch wirksamer: »Polizeihiebe auf Krawallköpfe, um den möglicherweise doch vorhandenen Grips lockerzumachen«.

„Der Ostwind ist kalt. Ullrich schwitzt. Die Gesichter neben ihm sind nicht mehr ernst. Er erkennt seine Freude in den Gesichtern der anderen wieder. Eine Freude, die verändert. Er kann, wenn er sich umdreht, das Ende des Zugs nicht ausmachen. Er ist noch nie mit so vielen Menschen zusammen gegangen. Er war herumgelaufen und hatte gesucht. Jetzt war er angekommen. Er hatte die anderen gefunden. (…)
Er hatte sie untergehakt, er konnte lachen und reden mit ihnen, als kennten sie ihn schon lange. Was er fühlt, ist eine Freude, die über ihn hinausgeht, die ihm ein Gefühl der Weite und Stärke gibt. Eine Freude, die vom Haß getragen wird, ein Haß, der verändert. Die neben ihm gehen, waren wie er aus ihren Zimmern gelaufen. Jetzt marschieren sie eingehakt und rufen: Haut dem Springer auf die Finger.“

Es sind der Mord an Benno Ohnesorg 1967 und die Schüsse auf Rudi Dutschke im April 1968, die den Studenten Ullrich allmählich politisieren. Noch wühlt er sich durch die Verse Hölderlins für das Studium in München, plagt sich mit halbwarmen Frauengeschichten ab, versucht sich aus der Eichenholzmöbelgarnitur-Enge des Elternhauses zu befreien, alles ein wenig halbgar, alles gedämpft. Die Hitze steht in den Münchner Straßen, abends geht man ins „Leopold“ zur Nachtvorstellung, oder in eines der Schwabinger Cafés. Tagsüber schuftet man schwarz bei brütender Hitze auf einem offenen Acker, den ein „Schwabinggauner“ in ein Go-Kart-Gelände, der neueste Schrei für die Jugend, umwandeln will.

Sehnsucht nach Freiheit und Veränderung

Erst langsam erwacht Ullrich aus diesem Dämmerdasein, der Mord an Ohnesorg wirkt auch auf ihn wie ein Katalysator. Wie sehr die geistige Frucht des Nationalsozialismus noch die junge Republik prägt, das wird Ullrich nicht nur am Beispiel des Vaters, der sich regelmäßig mit alten „Kampfgefährten“ das „Dritte Reich“ schwadronierend zurücksehnt, bewusst. Auch die Verkrustung im universitären Getriebe, der Alltagsrassismus, der ihm bei seinem Job („lass den Kümmeltürken hacken“) begegnet, die Erzählungen anderer öffnen ihm die Augen und das hitzegedämpfte Hirn. Alles in ihm sehnt sich nach Freiheit und Veränderung – sowohl der persönlichen als auch der gesellschaftlichen Verhältnisse.

„Die stehen da und glotzen nur, hatte ein Mädchen zu Ullrich gesagt, das im Demonstrationszug neben ihm ging. Ja, hatte Ullrich gesagt, die sind nicht ansprechbar. Das Mädchen, das ein sehr kurzes gelbes Kleid trug, erzählte ihm, daß sie vorhin beim Verteilen der Flugblätter von einem Mann angepöbelt worden sei. Dreckige Schlampe, hatte der gerufen und dann gesagt: Ganz richtig, daß sie einen von euch umgelegt haben.“

Uwe Timm erzählt in diesem Roman eine Entwicklungsgeschichte: Der anfangs noch zaudernde, unbestimmt dahinlebende Student wird sich, geprägt durch private und politische Schlüsselerlebnisse, zu einem politisch bewussten Aktivisten entwickeln. Die zunehmende Radikalisierung und Gewaltbereitschaft erkennt Ullrich als Irrweg – außer einigen Pflastersteinen und einen halbherzigen Brandanschlag auf einen Polizeibus soll es das für ihn gewesen sein. Er merkt, dass das Kaputtmachen dessen, was „uns kaputtmacht“, keine Lösung ist, sondern entscheidet sich für „den organisierten Weg in die Betriebe, in die Schulen, in die Universitäten, in die Wohngebiete“, entschließt sich, sein Studium fortzusetzen und Lehrer zu werden.

Am Ende ist er auch mit Hölderlin wieder eins, erkennt er, geprägt von seinen Erfahrungen, die Fülle dieser Verse:

Die Sonne ließ die Tannen leuchten. In den Gräben schmale weiße Streifen, schmutzige Schneereste. Auf einem Feld ein Traktor mit einer Egge. Die Schraffur der Furchen.

             Wachs und werde zum Wald! eine beseeltere,
                  Vollentblühende Welt! Sprache der Liebenden
                             Sei die Sprache des Landes,
                                   Ihre Seele der Laut des Volks!

„Heißer Sommer“ ist nicht nur ein Roman, der authentisch vom Zustand der deutschen Gesellschaft 1968 erzählt und aus dem Inneren des studentischen Lebens berichtet, sondern war und ist auch literarisch ein mehr als gelungener Wurf für einen Debütroman: Timm verwebt gekonnt verschiedene Erzähl- und Zeitebenen, variiert sprachlich, mal poetisch, mal ironisch im Ton, schiebt wie in einer Collage prägende Texte der Studentenbewegung, Songzeilen von Dylan und den Beatles, Zitate von Marcuse und Marx in den Erzählfluss ein.

Jetzt, fünf Jahrzehnte später, haben wir wieder einen „heißen Sommer“, in dem nicht nur die Temperaturen stetig steigen, sondern auch gesellschaftliche Kräfte aufeinanderprallen, die grundsätzlich verschiedene Werte vertreten: Auf der einen Seite Restauration und Abschottung bis hin zu einem Ruck nach Rechts und ins Rechtsextreme, andererseits Menschen, die für eine weltoffene Gesellschaft vermehrt auf die Straße geht. Diskussionen über Rassismus und den Umgang mit Flüchtlingen. Und bei alledem eine „Bild“, die zwar – Gott sei Dank – schon lange nicht mehr die Auflagen hat der 1960er-Jahre, aber zum alten, verkommenen Stil zurückgekehrt ist. Dies alles macht „Heißer Sommer“ zu einer passend hitzigen Lektüre dieser Tage. Ein Roman, der sich wieder zu entdecken lohnt.


Bild zum Download: Karzer Erlangen


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Volker Weidermann: Träumer – als die Dichter die Macht übernahmen

Florian_Träumer

Bild: Florian Pittroff, https://flo-job.de/

Ein Beitrag von Florian Pittroff

Es hätte auch ein dickes, unspannendes Sachbuch werden können. Aber weit gefehlt. Es ist ein außergewöhnliches Buch und ein interessantes zugleich geworden. Volker Weidermann erzählt auf 284 Seiten ein eigentlich trockenes Kapitel der deutschen Geschichte wie einen spannenden Roman, ja fast wie einen Krimi.

Wann gab es das schon einmal – eine Revolution, durch die die Dichter an die Macht gelangten? Doch es gibt sie, die kurzen Momente in der Geschichte, in denen alles möglich erscheint, heißt es  im Klappentext. Und das Buch selbst startet mit den Worten: „Natürlich wäre es ein Märchen gewesen, nichts als ein Märchen, das für ein paar Wochen Wirklichkeit  geworden war. Und jetzt war es eben vorbei“.

Wir schreiben das Jahr 1919. Es ist die Zeit der Münchner Räterepublik und der Leser ist immer am Ort des Geschehens. Eben nicht nur dabei, sondern mittendrin als Augenzeuge der Geschehnisse damals in München.

Das Buch von Volker Weidermann fängt Stimmen und Stimmungen in dieser hochexplosiven und aufgeladenen Atmosphäre sehr gut ein.

Fast könnte man sagen,  der Leser ist auf Du und Du  mit Kurt Eisner, Erich Mühsam, Rainer Maria Rilke, Oskar Maria Graf, Thomas Mann und all den anderen. Volker Weidermann  erklärt nicht  nur, sondern  entwickelt eine spannende und gleichzeitig leichtfüßige Geschichte, die eher als Roman denn als Erklärstück durchgeht. So macht Geschichte Spaß. Wäre es so mal in der Oberstufe des Gymnasiums gewesen.

Da pilgert zum Beispiel Oskar Maria Graf mit Lederhose durch München, rettet einen Soldaten vor Prügeln, um danach aber irgendwie den Anschluss an die Revolution zu verpassen und lieber im „Franziskaner“ Bier und Wurst bestellt. Da kommt Thomas Mann nicht besonders gut weg: „Hört, ich bin weder eine Jude, noch ein Kriegsgewinnler, noch sonst etwas Schlechtes, ich bin ein Schriftsteller, der sich dies Haus (seine Villa in Bogenhausen) von dem Gelde gebaut hat, das er mit seiner geistigen Arbeit verdient. (…).“ Das mit dem Verdienst durch geistige Arbeit stimmte so nicht ganz: Das Haus hatte noch vor dem 1. Weltkrieg die mit dem reichen jüdischen Mathematikprofessor Alfred Pringsheim verheiratete Schwiegermutter  bezahlt. Weidermann: „Mann war in diesen Tagen von antisemitischer Stimmung ganz erfüllt  und er war sicher, dass München (…) diese fundamentale Abneigung mit ihm teilte“.

Eine Besonderheit dieses Buches sind eben diese Worte und Sätze, die Weidermann den Protagonisten in den Mund legt. Ob Oskar Maria Graf, Ernst Toller, Erich Mühsam oder all die anderen dies tatsächlich so gesagt haben, dafür gibt es natürlich keine wirklichen Belege. Das tut in diesem Falle auch nichts zur Sache. Die Zitate machen das Buch zu einem einfühlsamen und lebendigen Werk. Sie untermauern die Gefühle, das Denken und die Beweggründe aller Personen, die sich in München in den Jahren 1918/1919 Gedanken umdie Zukunft Deutschlands und Bayern gemacht haben.

Last but not least erfährt der Leser dann in einem Nachwort noch, wie es weitergegangen ist, mit dem einen oder anderen Dichtern nach diesen rauschhaften Tagen.

Florian Pittroff
www.flo-job.de 

Verlagsinformationen zum Buch:
https://www.kiwi-verlag.de/buch/traeumer-als-die-dichter-die-macht-uebernahmen/978-3-462-31788-6/

Carry Brachvogel: Im weiß-blauen Land

„Und nun, da das Dirndlgewand Allgemeingut geworden scheint, nun steht auch ihm, wenn nicht alle Zeichen trügen, eine ähnliche, wenn auch anders geartete Debauchierung bevor, wie sie einst das selige Tegernseer Chasseresse-Kleid erlebte. Nur sind es diesmal nicht die praktischen Provinzlerinnen, sondern die stillosen Mondänen, die ihre reichberingten Hände nach ihm ausstrecken, es nicht um der Anpassung oder der Bequemlichkeit willen wählen, sondern es aufputzen und aufplundern, daß es mehr an die Maskengarderobe, denn an ein heimisches Sommergewand erinnert. Nun ist schon der Rock so kurz, das Leibchen so tief ausgeschnitten worden, daß jedes bäuerliche Dirndl, dem man sie zumuten wollte, empört fragen würde:
„Ja moanst ebba, da tat` i mi net schama?!“

Carry Brachvogel, „Im Weiß-Blauen Land. Bayerische Bilder“, Allitera Verlag, 2013.

Schaut man auf die Maskengarderobe, in die sich B- und C-Sternchen in unserer Zeit alljährlich für das Oktoberfest zwängen, könnte man meinen, dieser Text sei brandneu. Doch die Betrachtungen zu Land und Leuten unter dem weißblauen Himmel zählen inzwischen fast ihre hundert Jahre. Sie sind immer noch frisch und aktuell – ihre Verfasserin jedoch ist beinahe vergessen.

„Der Schuhplattler beginnt. Norddeutsche Bundesbrüder, die ihr euch in „echt bayerischen“ Singspielhallen rotseidene Röcke, spinatgrüne Hosenträger, geschminktes Lächeln, widerliches Hopsen und komödiantisches Juhuen als „echten Schuhbladla“ aufreden laßt, kommt hierher und seht euch den Tanz an, wie er in Wirklichkeit ist!“

Da erzählt eine voller Liebe und Zuneigung von ihrer Heimat – so sehr, dass man sich mit diesem Buch gerne auf Ausflüge auf die Fraueninsel, in das Voralpenland oder auch nach München, wo Carry Brachvogel lebte, begibt. Doch die Liebe zur Heimat, sie wurde ihr schlecht gedankt: Die Schriftstellerin, zu ihrer Zeit weit über Bayern hinaus in ganz Deutschland als Feuilletonistin, Autorin und Frauenrechtlerin bekannt, starb 1942 in Theresienstadt.

„Neuauflagen der Werke Carry Brachvogels, die damals sehr verbreitet waren, sind nach dem Ende des nationalsozialistischen Terrors nicht bekannt. Sie wurde aus der kollektiven Erinnerung verdrängt – und zu Unrecht vergessen.“

Auftakt zur Neuauflage

Dies schreibt Ingvild Richardsen in einem Vorwort der 2013 wieder erschienenen bayerischen Bilder. Der Band „Im Weiß-Blauen Land“ bildete den Auftakt zu einer Neuauflage einiger ausgewählter Werke von Carry Brachvogel in der „edition monacensia“ im Allitera Verlag. Dort wurden auch ihr erster Roman „Alltagsmenschen“ der 1895 im S. Fischer Verlag erschien, die Posse „Der Kampf um den Mann“ (1910) und „Schwertzauber“ (1917), eine Auseinandersetzung mit den Leiden des Ersten Weltkrieges, wieder aufgelegt.

Das sind nur einige der über 40 Werke, die die Schriftstellerin zu Lebzeiten veröffentlicht hatte, darunter Romane, Frauenbiografien und Theaterstücke. Neben der schriftstellerischen Tätigkeit wurde sie vor allem durch ihren Einsatz für die Frauenrechte und durch ihren literarischen Salon berühmt.

Ingvild Richardsen:

„1913 gründete sie zudem den ersten Schriftstellerinnen-Verein Münchens. Bedeutende Persönlichkeiten traten ihm bei: Ricarda Huch, Annette Kolb, Helene Böhlau, Isolde Kurz und viele andere. Noch 1924, zu ihrem 60. Geburtstag wurde die erfolgreiche Schriftstellerin deutschlandweit gefeiert. Wenige Jahre später zählte nur noch, dass sie jüdischer Herkunft war.“

Im Alter von 78 Jahren wurde sie mit ihrem jüngeren Bruder nach Theresienstadt verschleppt, wo beide kurz danach verstarben. Danach schien es, als existierte ihr Name nicht mehr. Bis 2012 dauerte es, bis in München, „ihrer“ Stadt, eine Straße nach ihr benannt wurde. Verdienstvoll ist es daher, dass ihre Bücher in der Reihe der Münchner Staatsbibliothek wiederaufgelegt wurden. Auch aus literarischer Sicht: Spritzig, witzig, schlagfertig und durchaus unterhaltsam ist der Stil dieser Frau, die ihrer Zeit in vielem voraus war. Ingvild Richardsen bereichert den ersten Band der Brachvogel-Reihe mit einem umfangreichen Nachwort zur Biografie der Münchner Schriftstellerin:

„Mit ihrem Lebensstil, ihren Ideen und ihrem politischen Engagement erscheint Carry Brachvogel heute als eine ungewöhnlich moderne und emanzipierte Frau ihrer Zeit. Ihre damaligen Ansichten sind hochaktuell: Wichtigkeit der Arbeit und des Berufes, der Selbstverwirklichung und Selbstbestimmtheit. So wirkt sie für uns auch als eine Visionärin der modernen Frau. Schon damals hat sie so gelebt, wie es heutzutage viele Frauen tun: alleinerziehend und berufstätig.“

Und ob sie nun in ihren Romanen über das Frauenbild ihrer Zeit schrieb oder in ihren Essays über ihre Heimat – bei alledem wirkt Carry Brachvogel modern, heimatverbunden ohne „tümelnd“ zu sein, neugierig, aufgeschlossen, offen, den Menschen zugeneigt:

„Denn dies vor allem wollte ich: Menschen schaffen, nicht Tragantfiguren oder Kostümpuppen. Das Goethewort: „Der Mensch ist dem Mensch am interessantesten“ ist für mich immer ein Glaubensbekenntnis gewesen und geblieben.“


Verlagsinformationen zu den Büchern:
https://www.allitera.de/books.php?action=suche&schnellsuche=Carry Brachvogel

Die Biographie bei fembio:
http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/carry-brachvogel/

Bild zum Download: Bayerische Hosenträger


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Michael Klein: Mark Twain in Bayern

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Mark Twain mochte München. Auch im Winter. Bild von Michael Siebert auf Pixabay

„Eine deutsche Tageszeitung ist die traurigste sämtlicher menschlicher Erfindungen.“ 

Michael Klein (Hg.), „Mark Twain in Bayern“, Allitera Verlag, München, 2016. 

Mark Twain muss Bayern sehr zu schätzen gewusst haben. Ein Indiz dafür: Obwohl er insgesamt rund ein halbes Jahr seines Lebens unter weißblauem Himmel verbracht hatte, klammerte er den Freistaat (damals Königreich) aus seinem satirischen Reisebericht „Ein Bummel durch Europa“ – den er in München schrieb – weitgehend aus.

Dreimal in seinem 74jährigen Leben hielt sich der amerikanische Schriftsteller in Bayern auf: Mit seiner Familie verbrachte er 1878/79 einen Winter in München, eine zweite Reise führte ihn 1891 nach Nürnberg und Bayreuth und 1893 begleitet er seine Frau Olivia zur Kur nach Bad Tölz. Akribisch hat der Autor und Übersetzer Michael Klein die schriftlichen Spuren dieser Reisen zusammengetragen: Briefe und Reiseberichte, in denen Mark Twain von seinen Erlebnissen erzählt, aber auch die literarischen Erzeugnisse, in die das, was der Schriftsteller in Bayern erlebte, einfloss. Michael Klein, der bereits 2015 das Buch „Mark Twain in München“ (Morio Verlag)  veröffentlicht hat, ist Herausgeber das Bandes „Mark Twain in Bayern“, in dem erstmals alle „bayerischen Texte“ des Schriftstellers erschienen sind, manche davon in deutscher Erstveröffentlichung.

Mit staunenden Augen blickt Mark Twain auf „Bavarian Gemütlichkeit“, genießt die Weihnachtszeit und Lebkuchenseligkeit in München, versucht seine Deutsch-Kenntnisse aufzupolieren und insbesondere beim ersten Besuch eine veritable Schreibkrise zu überwinden. Was nach anfänglichen Startschwierigkeiten gelingt: Mark Twain kommt in München zur Ruhe, der „Bummel durch Europa“ nimmt zwischen Museums- Ausstellungsbesuchen (München galt auch damals schon als Kunststadt von sehr gutem Ruf) und dem Studium der Bräuche und Sitten langsam Gestalt an.

In seinen Briefen und privaten Texten schildert Twain seine täglichen Erlebnisse – er räsoniert über die Sinnhaftigkeit des Meldewesens für Ausländer, begeistert sich für die Tradition des Schäfflertanzes und mokiert sich aber ebenso auch über das örtliche Zeitungsangebot – für den Journalisten, der Zeit seines Lebens ein eifriger Zeitungsleser blieb, waren die deutschen Newspapers schlichtweg eine große Enttäuschung:

„Wenn man einen Münchner Bürger fragt, welches die beste Münchner Tageszeitung sei, wird er einem unweigerlich antworten, dass es nur eine einzige gute Münchner Tageszeitung gäbe und dass sie in Augsburg erscheine, das in einer Entfernung von etwa siebzig bis achtzig Kilometern liegt. Das ist ungefähr so, als würde man sagen, die beste New Yorker Zeitung erscheine irgendwo draußen in New Jersey. (…) Die gesamte, auseinandergelegte Zeitung ist nicht annähernd so groß wie eine einzige Seite des New York Herold. Natürlich ist sie beidseitig bedruckt, aber die Typen sind derart groß, dass der gesamte Inhalt in der Schriftgröße des Herold auf eine einzige Seite desselben gehen würde (…).“ 

Aber hätte er nicht nur versucht, Deutsch zu lernen, sondern auch das Bayerische, so hätte sein Urteil über alles andere sicher gelautet: „Passt scho!“.  Michael Klein stellt in informativen Einleitungen die Texte Twains aus Bayern in die richtigen biographischen und zeitgeschichtlichen Zusammenhänge. So wird auch verständlich, warum in dieses Buch die beiden Erzählungen Twains „Das Geständnis eines Sterbenden“ und „Der gestohlene weiße Elefant“ Eingang gefunden haben. In München besuchte Mark Twain 1879 ein Leichenschauhaus, damals durchaus eine selten zu findende Einrichtung. Hintergrund war die verbreitete Angst, scheintot begraben zu werden. Für den phantasievollen Geist Mark Twains die Inspiration zu einer Kriminalgeschichte, die in den Vereinigten Staaten spielt, ihren Ausgang aber in Bayern hat. Und der „weiße Elefant“, eine seiner berühmtesten Erzählungen, ist einfach ein Beispiel dafür, dass Twain in München seine Schreibblockade überwand und zu alter Form zurückfand – entstand die Erzählung doch in jenem ersten Münchner Winter.

Im Grunde hätte „die Weltstadt mit Herz“ auch einen großen Anteil im Reisebuch „Ein Bummel durch Europa“ haben sollen, wie Michael Klein schreibt,

„vergleichbar den Passagen über die Neckarfloßfahrt, Heidelberg oder die Tour durch die Schweiz, die lange Textstrecken in seinem im März 1880 erschienen Buch ausmachen. Mit Entwürfen über München hatte er begonnen, doch blieben seine Schilderungen sehr berichtsartig und während der Arbeit an seinem Buchmanuskript veränderten sich dessen Motive und Tonfall. Mark Twain verstärkte die fiktiven, flunkernden und humoristischen Elemente und am Ende stellte er fest, dass seine München-Texte sich in diesen Stil nicht mehr harmonisch würden einfügen lassen.“ 

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Natürlich darf die Konfrontation mit Wagner-Musik nicht fehlen. Bild von Mikhail Vachtchenk0 auf Pixabay

Dass Mark Twain dann einige Jahre später ausführlich über Franken schreibt, hängt damit zusammen, dass er für die „New York Sun“ von den Bayreuther Festspielen berichten sollte. Der Wagner-Kult: Eine Steilvorlage für den Satiriker, der aber als Privatmann, so Michael Klein, ein durchaus ambivalentes Verhältnis zur Oper und Richard Wagner im Speziellen hatte, das „von entsetztem Spott bis zu echter, leidenschaftlicher Begeisterung“ reichte. Gleichwohl ist „Am Schrein zu St. Wagner“ (in voller Länge auch hier zu finden) einer der unterhaltsamsten Texte zu diesem eigenartigen Phänomen:

„Gestern wurde „Tristan und Isolde“ gespielt. Ich habe alle Arten von Zuschauern gesehen – in Theatern, Opern, Konzerten, bei Vorlesungen, Predigten und Trauerfeiern – aber keine war der der Wagnerzuschauer in Bayreuth gleich in Bezug auf konzentrierte, ehrfurchtsvolle Aufmerksamkeit, absolute, versteinerte Aufmerksamkeit bis zum Ende eines Akts, mit der am Anfang des Akts eingenommenen Haltung vollkommen intakt. Man kann keine Bewegung der soliden Masse von Köpfen und Schultern entdecken. Man scheint mit den Toten im Dunkel eines Mausoleums zu sitzen. Man weiß, dass sie zutiefst erschüttert sind; dass es Zeiten gibt, wenn sie aufstehen wollen und ihre Tücher schwenken wollen und ihre Zustimmung hinausschreien wollen, und Zeiten, wenn ihnen Tränen herunterlaufen, und es wäre eine Erlösung, wenn sich ihre angestauten Gefühle in Seufzern oder Schreien entladen könnten; man hört jedoch keinen einzigen Laut bis sich der Vorhang schließt und die letzten Töne verklungen sind; dann erwachen die Toten auf einmal auf und erschüttern das Haus mit ihrem Beifall. Jeder Sitz ist im ersten Akt voll; es gibt keinen leeren im letzten Akt. Falls jemand auffallen will, soll er hierher kommen und sich inmitten eines Akts entfernen. Es würde ihn berühmt machen.“ 

Dass Michael Klein sich die Mühe gemacht hat, die Texte Mark Twains zu und aus Bayern zusammenzutragen und zusammenhängend zu präsentieren, dürfte nicht nur echten Twain-Experten gefallen – der Sammelband ist ein unterhaltsames Kompendium für alle Leser, die Twain UND Bayern mögen und Lust haben, mit liebevollem Spott auf dieses eigenartige Land zu blicken.

Informationen zum Buch:
„Mark Twain in Bayern“ erschien in der „edition monacensia“ im Allitera Verlag. Seit 2002 bringt Elisabeth Tworek, Leiterin der Monacensia, Literaturarchiv und Bibliothek der Landeshauptstadt München, ausgewählte Werke renommierter Münchner Autorinnen und Autoren des 19., 20. und 21. Jahrhunderts in der »edition monacensia« heraus.

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LITERARISCHE ORTE: Das Valentin Karstadt Musäum in München.

20161101_115123_resizedKunst ist schön, macht aber viel Arbeit.

„Und plötzlich schweifte mein Auge ab, vorn in der ersten Reihe saß noch einer, den hatte ich bisher nicht bemerkt, und das war: ER.
Ein zaundürrer, langer Geselle, mit stakigen, spitzen Don-Quichotte-Beinen, mit winkligen, spitzigen Knien, einem Löchlein in der Hose, mit blankem, abgeschabtem Anzug. Sein Löchlein in der Hose – er reibt eifrig daran herum. »Das wird Ihnen nichts nützen!« sagt der gestrenge Orchesterchef. Er, leise vor sich hin: »Mit Benzin wärs scho fort!« Leise sagt er das, leise, wie es seine schauspielerischen Mittel sind. Er ist sanft und zerbrechlich, schillert in allen Farben wie eine Seifenblase; wenn er plötzlich zerplatzte, hätte sich niemand zu wundern.“

So begeistert berichtete Peter Panter alias Kurt Tucholsky am 9. Oktober 1924 in der „Weltbühne“ vom Auftritt eines Münchners in Berlin. Karl Valentin – das Unikum, der Wortverdreher.

Jedes Ding hat drei Seiten, eine positive, eine negative und eine komische.

Zerplatzt ist er nicht, der Valentin (1882 – 1948), aber irgendwie hat er sich denn doch wie eine Seifenblase ins Nichts verflüchtigt, beinahe aufgelöst – er starb, von der Unterernährung bereits schon körperlich arg angegriffen, an einer Lungenentzündung. Und die hatte er sich, irgendwie standesgemäß, auf den Brettern geholt, die ihm die Welt bedeuteten – nach seinem letzten Theaterauftritt wurde er aus Versehen eingeschlossen und verbrachte die Nacht in den unbeheizten Theaterräumen.

Ich habe Bildung nie mit dem Löffel gegessen, nur mit der Messerspitze.

An das Leben des „Linksdenkers“, wie ihn Tucholsky taufte, erinnert in München ein privat geführtes Museum: Hannes König, der selbst noch mit Valentin gearbeitet hatte, hat 1959 das Valentin-Karlstadt-Musäum im Isartor, einem Teil der ehemaligen Stadtmauer, eingerichtet. Nach meinem Besuch dort bin ich ein wenig hin- und hergerissen. Zwar hat das Ganze durchaus etwas Uriges: Die Ausstellung ist mit zahllosen Kuriositäten bestückt (so mit dem berühmten Nagel, an den Valentin seinen Brotberuf hängte) und gibt auch Liesl Karlstadt sowie der Tradition der bayerischen Volkssänger ihren Raum. Aber Raum ist eben relativ – die beiden Türme des Isartors sind knalldicht vollgestopft, vor den Schaustücken drängeln sich die Besucher beinah wie um einen Bierbankplatz auf der Wies`n. Soll heißen: Muse und Raum zum Gucken gibt es nicht.

Wissen Sie schon, dass München heute 76 Kinos hat gegen gar keine vor 100 Jahren?

Im Grunde wünschte man sich für Valentin, den „Schrecken der Au“, das „Münchner Kindl“ (das übrigens eine hessische Mutter und einen sächsischen Vater hatte) schon eine größere Bühne. Da bräuchte es jedoch wohl mehr öffentliches Engagement. In der Nachkriegszeit jedenfalls wollte die Stadt München erst einmal nicht viel von Valentin wissen – die Übernahme seines Nachlasses für wenig Geld lehnte die Stadt 1953 ab. Aber wer weiß, was wäre, wäre es anders gekommen:

Die Zukunft war früher auch besser!

Jedenfalls: So dichtgepackt und enggedrängt wie es ist, ist das Valentin-Karstadt-Musäum zwar mehr Kuriositätenkabinett denn Museum, aber besser als gar nix. Und für 2,99 Euro Eintritt kann selbst der sparsamste Tourist aus dem Schwabenland nicht meckern (oder müsste eben seinen 99. Geburtstag abwarten, dann gibt es in Begleitung der Eltern den Eintritt frei).

Das Musäum im Internet findet sich hier: http://www.valentin-musaeum.de/

Metaphysik ist der Versuch, in einem verdunkelten Zimmer eine schwarze Katze zu fangen, die sich gar nicht darin befindet

 

Katja Lange-Müller: „Drehtür“

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Bild von SeppH auf Pixabay

„Das Bedürfnis, dem Artgenossen beizustehen, das wir mit vielen Tieren teilen, selbst so niederen und unsympathischen wie Wespen oder Ameisen, nannten und nennen neunmalkluge Schwachköpfe Helfersyndrom, als sei das eine multiple, entsprechend komplizierte Krankheit, eine Psycho-Seuche, die nur Exemplare unserer Gattung befällt. Warum zum Henker soll es krank sein, den Mitmenschen gesund sehen zu wollen – oder tot, falls Heilung nicht mehr möglich ist? Und was würde aus der Welt, wenn alle auf dem Gebiet der Medizin Tätigen plötzlich kuriert wären von diesem angeblichen Helfersyndrom, wenn sie es unwiederbringlich verloren hätten?! Katastrophaleres als jede Katastrophe spielte sich ab in den Städten und Dörfern, den Wäldern, Steppen, Wüsten sämtlicher Länder unseres verkommenen Planeten.“

Katja Lange-Müller, „Drehtür“, 2016, Kiepenheuer & Witsch Verlag

Es ist die Sprache dieser Autorin, die mitreißt: Lakonisch, frech, böse, zubeißend. Rund neun Jahre musste man seit „Böse Schafe“ (2007) auf den nächsten Roman der Schriftstellerin warten. Und der ließ mich, bei allem Lesefluss den der sprachliche Schwung auslöste, zunächst ein wenig verdutzt zurück: Ist denn diese Aneinanderreihung von Anekdoten über das Helfen und die Helfer ein Roman? Und ist es tatsächlich ein Roman mit einem Leitmotiv, wie in den Feuilletons zu lesen war, ein Roman über die Helfer“kultur“ (es ist derzeit immer gut einem Ausdruck das Wort „Kultur“ anzuheften und ihn dadurch aufzuwerten)?

Ja und Ja: Ja zum Roman, ja zum Leitmotiv – denn „Drehtür“ ist ein Buch, das man auch mit viel Genuss und unter neuen Blickwinkeln ein zweites Mal lesen kann: Da erzählt eine moderne „Scheherazade“ (Katja Lange-Müller nimmt selbst in einem Interview Bezug auf diese orientalische Figur) buchstäblich nicht nur von ihrem, sondern auch um ihr Leben. Ob das gut geht, möge sich der interessierte Leser selbst erlesen.

Asta, 65 Jahre alt, jahrzehntelang im Auslandsdienst als Krankenschwester ge- und verbraucht, sitzt am Münchner Flughafen vor einer „Drehtür“, irgendwo am Rande, zögernd, wohin der Weg sie führen soll. Kettenrauchend, Geschichten aneinander reihend, mit Wörtern jonglierend: Es ist, als sei die Hauptfigur in einem Niemandsland gelandet, nicht mehr gebraucht, nirgends mehr dazu gehörend:

„Asta denkt – und schweigt. Mit wem, fragt sie sich, soll ich reden?  Ich kenne doch keinen mehr, hier am Boden meines Vaterlandes, das nicht meines ist, weil es mir ebenso wenig gehört wie die Muttersprache; ich steh bloß drauf.“

Weil sich zuletzt die Fehler im Dienst am Kranken häuften, wohl auch, weil Asta immer unverträglicher im Umgang mit den Kollegen wurden, haben diese ihr als „generöse“ Geste einen Urlaub für immer geschenkt – ein One-Way-Ticket nach München, für Berlin, den eigentlichen Herkunftsort der Schwester, hat das Geld nicht mehr gereicht. Und so sitzt sie nun am Rande dieses glitzernd-gläsernen Ungetüms und sinniert:

„Ja, die Kollegen in Managua sehen das ganz richtig; ich habe genug geholfen. Nur wohin ich nun soll oder will, das weiß ich nicht. Kein Geld, kein Zuhause, keine Familie, keine Freunde, keine Perspektive…“

Während sie zögert vor dem Weitergehen, dienen ihr Passanten, Fluggäste, Wartende, Servicepersonal und Arbeiter als „Opfer für ihre Projektionen“: Gesicht für Gesicht rufen in Asta Erinnerungen an Freundinnen, Wegbegleiter, Verflossene, Mithelfer hervor, an Episoden und Ereignisse. So lassen sich aus diesen Geschichten nicht nur ein ostdeutscher Lebenslauf rekonstruieren – Asta absolvierte ihre Ausbildung in Ost-Berlin und Leipzig, eine der eindrücklichen Geschichten dieser Scheherazade handelt von einem nordkoreanischen Koch, den sie mit unsäglichen Zahnschmerzen nachts unweit der Botschaft (die auch heute noch so grausig aussieht, wie im Buch beschrieben) aufgabelt. Sie hilft ihm – gerät aber schon hier an die Grenzen des Helfens: Was der Mann außerhalb der Botschaft suchte, bleibt offen, wohin er verschwindet, was mit ihm geschieht, ist ebenso ungewiss.

Und so kristallisiert sich bei den verschiedenen Episoden immer wieder diese Grundthematik heraus, die Katja Lange-Müller schon durch ein dem Buch vorangestelltes Nietzsche-Zitat durchklingen lässt:

„Es scheint mir, daß ein Mensch, bei dem allerbesten Willen, unsäglich viel Unheil anstiften kann, wenn er unbescheiden genug ist, denen nützen zu wollen, deren Geist und Wille ihm verborgen ist.“

Ob der in München ausgesetzten Krankenschwester Asta am Ende zu helfen ist? Man lese selbst. Es lohnt sich.

Anbei das oben erwähnte Interview in der FAZ, in dem die Autorin auch über autobiographische Bezüge (sie arbeitete selbst als Hilfsschwester in der Psychiatrie, das Schreiben half ihr, mit der Erfahrung des Sterbens von Patienten zurecht zu kommen), über „gut“ und „böse“ und natürlich das „Helfersyndrom“ reflektiert:
FAZ-Interview mit Katja Lange-Müller.

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Erika und Klaus Mann: Das Buch von der Riviera

Erika Mann

Bild: (c) Michael Flötotto

„Entschuldigen Sie, wir haben Sie ein bißchen kreuz und quer geführt, Ihnen zwar im Vorübergehen manches gezeigt, aber es war kein rechtes System drin. – Wo esse ich? Wo wohne ich? Wo trinke ich meinen Cocktail? Wo kaufe ich mir einen Kragen? Wo tanze ich? Wo langweile ich mich? Wo gebe ich, um Gottes willen, mein Geld aus?“

Erika und Klaus Mann, „Das Buch von der Riviera“, 1931, Rowohlt Taschenbuch.

Auf die Manns konnte man sich als Reisender Anfang der 1930er Jahre verlassen – keine der Fragen bleibt unbeantwortet im Buch von der Riviera. Dieser literarische Reiseführer schmeckt nach Sonne. Man meint, das Meer zu riechen. Der Duft von Bouillabaisse steigt in die Nase. Der Geschmack von südlichen Früchten. Fischgeruch und Blumenduft, dazwischen betörendes Parfum und Angstschweiß, wenn die Roulettekugel klackert.
Und doch, bei allem Laissez-faire und aller Leichtigkeit wird einem beim Lesen weh ums Herz. Weiß man doch um die Vergänglichkeit der Dinge. Das Ende des Seins. Die Riviera, sie ist nicht mehr, so wie sie einmal war. Schon anno 1931, als dieses Buch entstand, verblasste der Glanz früherer Tage, die Belle Epoque, die Glanzzeit dieser Küste, liegt zurück. Jahre später werden manche der Orte, insbesondere Marseille, Sammelpunkte der Verzweifelten, Flüchtenden und Wartenden, die auf eine Schiffspassage, ein Visum, ein Schlupfloch aus dem Mauseloch hoffen, die den brennenden Kontinent verlassen müssen.

„Cannes hat viele Gesichter“, schreibt das Autoren-Duo in seinem Buch. Für einen der Beiden trägt die Stadt eine tödliche Maske: Klaus Mann arbeitet hier 1949 an seinem letzten, unvollendet gebliebenen Roman, unterzieht sich dann noch einige Tage einer Entziehungskur in Nizza und kehrt in diese Stadt zurück, in die „man“ hingehen kann: 1931 ist damit noch „le monde“, sind die oberen Zehntausend gemeint, 1949 ist es eine Rückkehr zum Sterben. Am 21. Mai nimmt Klaus Mann sich mit Schlaftabletten das Leben. Seine letzte Ruhestätte nach einem unruhigen, getriebenen Leben ist auf dem Friedhof Cimetière du Grand Jas zu finden.

Doch als Erika und Klaus Mann im Auftrag des Piper Verlages die Côte d` Azur bereisen, um einen Band der Reihe „Was nicht im `Baedeker´ steht“ zu schreiben, ist die Welt halbwegs noch in Ordnung. Das Buch sprüht vor französisch-südlicher Leichtigkeit. Immer wieder wird dieser spritzig-witzige Text ironisch durchbrochen. So heißt es denn auch:

„Cannes hat viele Gesichter. Schauen Sie doch in die kleine Austernstube „Le Caveau“ (auch ziemlich in der Nähe des Hafens), wo Sie für ein paar Francs frische, wenn auch etwas grüne huîtres bekommen: so was an verräucherter Gemütlichkeit war ja noch gar nicht da, das ist schon direkt Rothenburg ob der Tauber.“

Man kann es sich so gut vorstellen, dieses junge, überschäumende, elegante, kreative Paar auf seinen Streifzügen durch die eleganten Hotels, die Kasinos, die kleinen Bars, die billigen Kaschemmen, die Rotlichtviertel. Wieder einmal sind die so eng Verschwisterten, beinahe Zwillinge (es trennt sie nur ein Lebensjahr), aus der Enge des großbürgerlichen Milieus ausgerückt, der Strenge des „Großmeisters“ entkommen. Dessen Name öffnet zwar auch an der Riviera Türen, wirft aber auch seine Schatten – nicht zuletzt einer jener Schatten, an denen Klaus zerbrechen wird. Doch auch wenn der Nobelpreisträger über manches literarische Unternehmen seiner beiden Ältesten die Nase rümpft – wenn an der blauen Küste das Geld zur Neige geht, schießt Thomas Mann aus dem fernen München neues zu.

Natürlich ist „Das Buch von der Riviera“ nicht nur ein Reiseführer, der von Marseille, Toulon, Cannes und Nizza bis Monte Carlo führt, sondern auch ein „Who is who“ der feinen Gesellschaft und der Bohème, die sich dort tummelt:

„Der kleine, geistreiche Balte, der dort drüben über ausgefallene literarische Leckerbissen spricht, ist der Zeichner Rolf von Hoerschelmann, eine der berühmtesten Schwabinger Koryphäen; und die lange Figur, die dort hinten naht, ist kein geringerer als Aldous Huxley, dessen Romane richtunggebend für die junge englische Literatur sind, und kostbarster Bestandteil der europäischen. Hier nennen ihn die Leute Uelex, weil es ihnen bequemer ist, es klingt eher münchnerisch, als provençalisch. Die Angelsachsen sind eine Clique für sich, die sich aber mit der französisch-deutschen gelegentlich berührt und vermischt. Sie ist im Trinken noch stärker, als die der anderen Nationen. Der Lyriker Campbell, der einen großen Namen bei seinen Landsleuten hat, soll darin das Phantastischste leisten.“

Es ist freilich nicht die ganz große Literatur, die die Geschwister mit diesem Auftragsbuch verfasst haben, oft ein wenig ermüdend, dieses Stippvisitieren einer Lokalität nach der anderen, dieses „name-dropping“. Aber eher stellt sich die Müdigkeit in der Art nach einem faulen, sonnenverbrannten Tag am Strand ein, dieses leise Gähnen, das ein Vorzeichen ist für den Appetit auf einen Aperitif, ein Abendessen im Freien und mehr Meer. Das Buch lässt einen die imaginären Koffer packen – trotz der beinahe seherischen Warnung der Manns:

„Die Konturen dieser Landschaft werden auf den Bildern von Derain und vieler anderer von der Nachwelt geliebt werden, wenn hier alles von großen Hotels zugebaut sein wird und die Bohème sich bis an den Kongo flüchten muß.“

Das bei Rowohlt erschienene Taschenbuch ist übrigens ein Reprint der Originalausgabe und beinhaltet auch Zeichnungen von Walther Becker, Rudolf Großmann, Henri Matisse und anderen.

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